
von Alea_Thoron
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der mich mit »Und wann schreibst Du endlich Deine eigene Geschichte?« erst dazu gebracht hat, diese Story Wirklichkeit werden zu lassen.
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
Kapitel 27 — Aftermatch - Nachspiel
»Ich habe dich nicht verkauft, Severus«, erwiderte Dumbledore hilflos.
»Ach nein? Wie würdest du es dann nennen? Du weißt, welche Auswirkungen dieser Fluch haben kann! Also, an wen?«, zischte Severus, während er Hermiones Hand losließ und zwei Schritte auf das Portrait zuging.
»So beruhige dich doch, Severus. Bitte …«
»Ich werde mich ganz sicher nicht beruhigen! Wenn du denkst, dass ich diese Angelegenheit einfach so auf sich beruhen lasse …! Dass ich dich einfach so davonkommen lasse …!«
»Das erwarte ich nicht«, gab Dumbledore kleinlaut zu. »Aber du solltest mir wenigstens die Möglichkeit geben, zu erklären …«
»Erklären!?«, fauchte Severus außer sich. »Was gibt es dabei noch zu erklären? Dieser Zauber führt bei einer Motivation wie der deinigen geradewegs in die Sklaverei. Falls du es vergessen haben solltest: Du kannst damit das Opfer dieses Fluches zu allem zwingen, wonach es dich gelüstet. Nicht umsonst gilt dieser Zauberspruch insgeheim als der Vierte Unverzeihliche Fluch. Womöglich möchtest du auch noch, dass ich deine ach so ehrlich gemeinte Entschuldigung annehme …? Vergiss es!!!« Er schwieg einen Moment, erwartungsvoll, ehe er dann hinzusetzte: »Nun …? Ich warte …! An wen also hast du mich verkauft?«
»Severus …« Albus schloss für einen Moment unglücklich seine gemalten Augen. »Ich habe lange gerade über diesen Aspekt des Fluches nachgedacht, Severus, das musst du mir glauben und — der Gedanke, einen Anderen als Träger einzusetzen, ist mir nicht leicht gefallen. Doch ich brauchte diese Absicherung, auch über meinen Tod hinaus, für das Greater Good. Du musst mir einfach glauben, Severus!!!«, versuchte er sich eindringlich und mit Nachdruck zu rechtfertigen.
Doch Severus war für gerade diese nichtssagenden wie auch immer gearteten Argumente nicht mehr zugänglich, obwohl Hermione sich sicher war, dass auch jede andere, wie auch immer geartete Rechtfertigung bei ihm zu Recht auf taube Ohren stoßen würde. »Wie tief bist du gesunken, Albus! Du kannst dir dein ‘Greater Good’ in die Barthaare schmieren, alter Mann! Ich glaube gar nichts mehr, schon gar nicht dir!«, hörte Hermione ihn vor sich hinmurmeln.
Auch sie konnte über Dumbledores enormes Pathos innerlich nur die Augen verdrehen. Glaubte er selbst denn wirklich daran, dass dieses ‘Greater Good’ seine moralisch äußerst bedenklichen und zum Teil verwerflichen Handlungsweisen — und das nicht nur Severus gegenüber — rechtfertigen oder sogar legitimieren könnte, dass irgendjemand sie deshalb billigen würde, weil er sie im Namen des ‘Greater Good’ begangen hatte? Für vieles, was in und um diesen Krieg herum geschehen war, würde es niemals eine Entschuldigung geben. Es war den davon Betroffenen gegenüber unverantwortlich gewesen und Hermione bezweifelte ebenfalls, dass irgendeiner von ihnen ihm jemals vergeben würde.
»Kommen Sie endlich zur Sache, Professor«, entfuhr es ihr entnervt.
»Albus!!!« Auch Minerva McGonagall verlor langsam die Geduld, wie man anhand des beschwörenden Klangs ihrer Stimme unschwer erkennen konnte.
Dumbledore nickte langsam. »Wie ich sagte, habe ich eine Möglichkeit gefunden, den Zauber auf eine andere Person als Träger überzuleiten. Doch lange Zeit fand ich niemanden, dem ich diese Aufgabe mit gutem Gewissen aufbürden konnte. Dann, vor sieben Jahren, glaubte ich endlich, die rettende Idee zu haben — den Menschen gefunden zu haben, dem ich ohne sein Wissen den Zauber anvertrauen könnte: Harry Potter.«
Minerva hatte entsetzt aufgekeucht und selbst Severus, der während seiner jahrelangen Spionagetätigkeit nur durch eiserne Selbstbeherrschung hatte überleben können, gelang es nicht länger, diese Beherrschung aufrechtzuerhalten. »NEIIIIN!!!!!« Sein Aufschrei war markerschütternd. »Nein! Bitte nicht! Nicht Potter!«
Harrys Gesicht hatte in dem Moment, als Dumbledore seinen Namen aussprach, jegliche Farbe verloren. »Wie konnten Sie …!? Ihnen war doch bewusst, wie sehr ich ihn damals verabscheut habe …!«, krächzte er. »Ich habe ihn gehasst …!«
Severus hatte schon kurz nach dem Beginn des letzten Schuljahres — seinem ersten als Schulleiter an der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei — keine Illusionen mehr über Dumbledores Machenschaften gehegt, hatte schon relativ zeitig — wenn auch nicht rechtzeitig genug — erkannt, dass sie alle von ihm wie Marionetten an Fäden geführt worden waren. Seine schlimmsten Befürchtungen waren jedoch heute, erst während der Anhörung, und dann in den letzten Minuten hier im Büro des Schulleiters noch übertroffen worden. Jetzt brachte der alte Mann mit einem letzten Rundumschlag auch das noch ins Wanken, was von Severus’ gesamtem Weltbild nach der Anhörung übrig geblieben war, und nun zu guter Letzt auch zum Einsturz. So viele Jahre hatte er mit diesem Mann gearbeitet — oder doch wohl eher neben ihm. Für eine Weile hatte Severus sogar geglaubt — ehrlich geglaubt — sich Albus’ Vertrauen verdient zu haben. Auch, wenn dies nur von kurzer Dauer gewesen war …
»Das ist nicht dein Ernst, oder, Albus? Du hast was?«, mischte sich nun auch Minerva McGonagall ein. Sie war im ersten Moment fassungslos aufgesprungen, starrte nun auf den gemalten Dumbledore in seinem Portrait, als hätte sie ihn noch nie zuvor gesehen. Eine Ader an ihrem Hals pochte heftig, als sie zischte: »Ich dachte, ich hätte dich gekannt, Albus. Noch vor einem Jahr wäre ich für dich bedingungslos in den Tod gegangen. Aber jetzt beginne ich ganz langsam zu begreifen, dass ich dich zu keiner Zeit wirklich gekannt habe, dass du niemandem von uns jemals ehrliches Vertrauen entgegengebracht hast.«
Noch niemals zuvor hatte Hermione sie dermaßen außer sich vor Zorn erlebt. Sie sah, wie McGonagall ihrem alten Weggefährten demonstrativ den Rücken zuwandte und mit Tränen in den Augen Severus anblickte. »Es tut mir so unendlich leid, Severus.«
Severus konnte nicht antworten. Seine Kehle war als Ergebnis dieses neuerlichen mentalen Schocks wie zugeschnürt. Er hatte niemals geahnt, zu welchen Winkelzügen dieser Mann, den er viele Jahre als Freund und Mentor betrachtet hatte, fähig war. Welch seinem honorigen Gehabe widersprechende kriminelle Energie steckte in einem dermaßen perfiden Plan, den Albus — wie er selbst zugegeben hatte — offensichtlich über so viele Jahre hinweg erfolgreich verwirklicht hatte. In einem kurzen Moment zogen zwanzig Jahre seines Lebens an seinem inneren Auge vorbei. Und plötzlich musste er feststellen, dass er nicht mehr unterscheiden konnte, welche seiner Entscheidungen er selbst getroffen hatte, und welche Entscheidungen auf dem Willen des alten Mannes oder … des Jungen-der-überlebt-hatte beruhten.
Für Severus bedeutete der Umstand, dass nun Harry Potter über sein Leben bestimmen konnte, den Absturz in ein weiteres tiefes seelisches Trauma. Seit einem Jahr war er an den Sohn seines Erzfeindes gebunden und dieser Sachverhalt war, gemäß den eindeutigen und übereinstimmenden Aussagen in den Büchern, nicht umkehrbar — der Horror würde für ihn niemals ein Ende finden. Ausgeliefert auf Gedeih und Verderb! Er schauderte. Und doch — dieser Junge war auch Lilys Sohn. Severus wollte gar nicht darüber nachdenken, aber vielleicht … Vielleicht gab es noch einen schwachen Hoffnungsschimmer auf … Erbarmen.
Hermione merkte erst jetzt, dass ihr Mund vor Entsetzen immer noch offen stand. Sie verspürte eine innere Erschütterung, die sie nicht in Worte zu fassen vermochte. Sie schloss voller Qual die Augen, doch als sie sie wieder öffnete, hatte sich die Szene um sie herum nicht verändert. Mehrmals schüttelte sie den Kopf, als ob sie den Nebel daraus vertreiben wolle, um wieder einigermaßen klar denken zu können. Instinktiv schloss sie mit zwei Schritten die Distanz zwischen Severus und sich selbst. Ihr Arm schlang sich um seinen Rücken, als wolle sie ihm Kraft geben. Sie starrte Dumbledore an. »Harry …?! Sie haben Harry da hineingezogen? Obwohl Sie wussten, wie Harry zu ihm steht? Oder gerade deshalb …???«, sprudelte es aus ihr heraus.
Doch Dumbledore hob die Hand, um sie zu unterbrechen. »Es ist niemals dazu gekommen, Miss Granger. Harry war niemals Träger dieses Fluchs«, sagte er leise, während seine Augen voller Überraschung die sich vor seinem Portrait abspielende Szene betrachteten. Im Gegensatz zu Professor McGonagall und Harry, die während ihrer Vorbereitungen auf die heutige Anhörung täglich den immer vertrauter werdenden Umgang zwischen Severus und Hermione hatten beobachten können, war für Albus Dumbledore dieser Anblick — vorsichtig ausgedrückt — ungewohnt. Harry schauderte immer noch, wenn er sich an den Ausdruck auf Dumbledores Gesicht erinnerte, als Hermione und Severus sich nach der Urteilsverkündung geküsst hatten. Er war nicht nur für einen Moment über so viel Vertrautheit dieser beiden charakterlich so unterschiedlichen Menschen überrascht gewesen, nein, es hatten sich Fassungslosigkeit, Bestürzung und zu guter letzt Entsetzen widergespiegelt.
Einen Augenblick sah Harry, wie der Portrait-Dumbledore um Kontrolle rang, und sich dann jedoch relativ rasch fing. »Als Harry sein erstes Schuljahr begann, glaubte ich, den geeigneten Kandidaten für mein Vorhaben gefunden zu haben. Wie von mir insgeheim erhofft, versuchte Severus vom ersten Tag an, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Und Harry sprang in der gewünschten Art und Weise darauf an. Ihre gegenseitigen Animositäten und Feindseligkeiten waren der ideale Nährboden für meine Hoffnungen auf eine erfolgreiche Übertragung des Fluches.«
»Hmpf!«
Dumbledore warf Harry einen kurzen tadelnden Blick zu, fuhr dann jedoch unbeirrt fort: »Doch dann geschah etwas, was ich so nicht erwartet hatte, wie ich ehrlicherweise zugeben muss. Die Fluchnarbe, der ich zunächst keine große Aufmerksamkeit geschenkt hatte, entpuppte sich zu meiner Bestürzung als eine permanente Verbindung zwischen Voldemort und dir, Harry. Diese Verbindung erwies sich als enorm stark, viel zu intensiv für meinen Geschmack. Je länger ich die Geschehnisse beobachtete, umso mehr Zweifel kamen mir. Da es keinen vergleichbaren Fall gab und ich keine Möglichkeit hatte herauszufinden, auf welche Weise die Narbe wirkte und wie weit die Verbindung wirklich reichte, musste ich einsehen, dass mein Plan — zumindest in dieser Hinsicht — gescheitert war. Von deiner Einstellung Severus gegenüber wärst du die ideale Besetzung für meine Pläne gewesen, Harry, doch zu viel hing davon ab und Riddle durfte auf keinen Fall in irgendeiner Form Verdacht schöpfen, was ich nicht hätte ausschließen können, wenn ich den Fluch auf dich übertragen hätte. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler gewesen.«
Harry jedoch schüttelte nur sprachlos und voller Abscheu den Kopf.
»Dann haben Sie den Plan also fallengelassen und den Fluch doch auf niemanden anderen übertragen?«, fragte Hermione, während eine Woge aus Erleichterung sie überrollen wollte. Doch Dumbledores nächste Worte wirkten wie ein Eimer mit kaltem Wasser, der über ihrem Kopf ausgeschüttet wurde.
Seine Augen richteten sich sehr nachdenklich auf sie. Er zögerte merklich. »Nun … nein, Miss Granger. Nur die Zielperson hat sich geändert«, antwortete er recht zögerlich, während er kaum merklich mit unbehaglichem Gesichtsausdruck auf seinem gemalten Sessel hin und her rutschte.
»Wer, Albus?«, knurrte Severus, während er seine Finger vor Anspannung noch fester um Hermiones Arm schloss.
Albus Dumbledores Augen schienen plötzlich Hermione durchbohren zu wollen. »Erinnern Sie sich noch an Ihr drittes Schuljahr, Miss Granger?«, fragte er sie dann.
Hermione nickte irritiert. »Ja, natürlich, aber …«
»An die Nacht, in der Sie mir den Zeit-Umkehrer zurückgegeben haben?«, unterbrach er sie.
»Wir hatten gerade Sirius und Seidenschnabel gerettet, wie könnte ich das jemals vergessen?« Hermione blickte ihn jetzt ganz offensichtlich verwirrt an. »Was um Merlins willen wollen Sie …?«
»Ich hatte bereits über Monate hinweg darüber nachgedacht, wie ich es arrangieren könnte, Sie allein anzutreffen — ohne Mister Potter und Mister Weasley. Dies war die erste sich bietende Gelegenheit und wie sich erst viel später herausgestellt hat, auch die einzige, die ich jemals haben sollte. Sie saßen damals in dem Sessel dort drüben vor meinem Schreibtisch, erinnern Sie sich?« Dumbledore schien einen Moment seinen Blick in die Vergangenheit gerichtet zu haben, denn auf seinen Lippen spielte ein wehmütiges Lächeln in Erinnerung an die Szene.
»Doch von meiner Seite aus war die Begegnung nicht so harmlos, wie es für Sie vermutlich den Anschein hatte.« Er seufzte tief auf, als er weitersprach. »Nun — gewöhnlich bin ich kein Mensch, der seine Opfer von hinten attackiert, aber … Ich konnte Ihnen damals keine Erklärung dafür geben, was ich im Begriff war zu tun. Zum einen hätte ich mein Geheimnis damit offenbaren müssen — und dazu war ich keinesfalls bereit — zum anderen hatte ich die Befürchtung, von Ihrer Seite aus auf offene Gegenwehr zu treffen. Ich wusste, dass Sie Severus nicht verachteten, aber auch nicht allzu viele positive Gefühle ihm gegenüber hegten. Deshalb ging ich den Weg des geringsten Widerstandes. Sie haben meinen Aktionen nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt, so gesehen hatte ich leichtes Spiel.«
»Sie haben … mich … als Träger benutzt?« Hermione war fassungslos. Sie konnte es nicht glauben. Irgendetwas musste sie falsch verstanden oder zumindest verpasst haben. Das konnte einfach nicht sein!!! »Das ist nicht wahr … Sagen Sie, dass das nicht wahr ist!«, brach es lauter und immer lauter aus ihr heraus. Wäre Dumbledore noch ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen und nicht nur ein Portrait, sie hätte nicht dafür garantieren können, sich zurückhalten zu können und ihm nicht mit der Faust ins Gesicht zu schlagen.
Doch Albus Dumbledore nickte nur. »Ich habe damals die Vorbereitung dafür getroffen, dass der Fluch im Augenblick meines Todes auf Sie übergeleitet wird. Sie waren die einzige wirkliche Option für mich — emotional nah genug an Harry und weit genug entfernt von Severus.«
»Albus!!!«, keuchte McGonagall.
»Professor!!!«, schnaubte Harry völlig entsetzt.
Nur Severus ließ keine Regung erkennen, so, als hätte er diese Modifizierung in Dumbledores Plänen bereits befürchtet. Wenn er jedoch ehrlich zu sich selbst war, hatte er sie allerdings absolut nicht erwartet. Er war genauso von der letzten Enthüllung überrascht worden wie alle anderen. Und doch — entgegen allen Vermutungen — ließ ihn diese Wendung der Ereignisse auch neue Hoffnung schöpfen. In den letzten Tagen und Wochen hatte er hinter der Maske seiner ehemaligen Schülerin einen Menschen entdeckt, der so ganz anders war, als er all die Jahre sich selbst gegenüber hatte eingestehen wollen, der etwas besaß, das er für ausgestorben gehalten hatte: Loyalität seinen Freunden gegenüber bis hin zur fast völligen Selbstaufgabe. Wenn Albus wirklich den Fluch auf sie als Träger übergeleitet hatte, so hatte er ihm ungewollt damit auch die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben gegeben.
Hermione dagegen versuchte unterdessen fieberhaft, sich jede ihr seinerzeit noch so geringfügig oder belanglos erschienene Einzelheit des damaligen Abends ins Gedächtnis zurückzurufen. Es war sehr lange her und sie hatte viele Dinge damals nicht für wichtig erachtet, doch an einen fehlenden wesentlichen Sachverhalt erinnerte sie sich ziemlich genau. »Ich entsinne mich nicht daran, zu irgendeinem Zeitpunkt während unserer Unterhaltung das Prickeln irgendeiner Art von Magie, geschweige denn irgendwelche Schmerzen verspürt zu haben«, sprach sie ihren Gedanken laut aus.
Severus warf ihr einen überraschten kurzen Seitenblick zu. Er hatte etwas vergessen. Nein, nicht vergessen, sondern verdrängt. Nun hatte er endlich eine Erklärung für die beiden unterschiedlichen Tätowierungen auf seinem Schulterblatt. Er hatte geglaubt, dass in der Heulenden Hütte irgendetwas ganz furchtbar schiefgelaufen sein musste, dass Hermione in ihrer Aufregung einen Fehler begangen hatte. Jetzt jedoch kannte er die Wahrheit.
»Das können Sie auch nicht, Miss Granger«, antwortete Dumbledore, der einen verwunderten Ausdruck auf seinem Gesicht nicht verbergen konnte. »Sie scheinen diesen Zauber wirklich außerordentlich gut zu kennen. Das ist in der heutigen Zeit sehr ungewöhnlich, beinahe unmöglich …« Er hielt einen Moment inne, um sie für mehrere Sekunden sehr intensiv durch die Halbmondgläser seiner gemalten Brille zu mustern.
»Nun, anders als bei der — nur in sehr alten und gefährlichen Büchern über Dunkle Magie nachzulesenden — Benutzung des Coniunctio perpetua-Zaubers wird während der Überleitung des Zaubers auf eine andere Person keine irgendwie geartete Form von Schmerz ausgelöst und auch das Fließen von Magie ist dabei nicht spürbar«, erklärte er dann. »Darauf habe ich bei meinen Forschungen großen Wert gelegt, wie Sie sich aus naheliegenden Gründen sicherlich vorstellen können.«
»Hmpf.« Professor McGonagall presste ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
>Forschungen …?<, Severus war alarmiert, auch wenn er dies nicht laut aussprach. >Ich kenne Albus gut genug. Dann muss es auch irgendwo Unterlagen darüber geben.< Doch er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.
Hermione schüttelte grübelnd ihren Kopf. »Ich verstehe es nicht! Warum ich? Selbst wenn ich damals von dem Zauber und seiner Anwendung gewusst hätte, hätte ich dieses Wissen niemals benutzt! Nichts und niemand wird mich jemals dazu bringen können, einem anderen Menschen meinen Willen aufzuzwingen. Und ich bin mir sicher, dass diese Tatsache Ihnen in all den Jahren nicht verborgen geblieben ist.«
Auf Albus Dumbledores Lippen erschien ein leises Lächeln. »Das war und ist mir bekannt, Miss Granger. Ich hätte auch nichts anderes von Ihnen erwartet.«
»Aber dann …«
»Sie meinen, dann würde es keinen Sinn ergeben, diesen Zauber auf Sie überzuleiten?«
»Genau das!«, antwortete Hermione mit einem Stirnrunzeln. »Was um Merlins willen wollten Sie dann damit erreichen?«
Dumbledore betrachtete nachdenklich ihr Gesicht. »Da Sie diesen Zauber wirklich zu kennen scheinen, wissen Sie sicherlich auch, dass die Auswirkungen des Zaubers, den er auf den Menschen hat, der davon betroffen ist, von der Motivation desjenigen abhängig ist, der ihn wirft. In meinem Fall war eine Versklavung oder auch nur eine Einschränkung des freien Willens von Severus niemals beabsichtigt.«
»Ach nein, natürlich nicht!« Severus Stimme tropfte nur so von Sarkasmus. »Du wolltest nur die absolute Kontrolle über deinen willigen Sklaven — nein, natürlich nicht Sklaven — Spion.«
»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.« Harry klang vollkommen ratlos, während Minerva McGonagall ihre Lippen noch enger zusammenpresste, wenn das überhaupt möglich war.
Doch auch in Hermiones Gesicht spiegelten sich die berechtigten Zweifel wider, die Professor Dumbledores Bekundung in ihr ausgelöst hatten, obwohl sie kein Wort sagte.
»Meine Motive waren allerdings nicht weniger grausam, wie mir heute in der Anhörung klar geworden ist, als ich Sie und Severus miteinander gesehen habe — und genauso jetzt, in diesem Moment.« Zum ersten Mal drang in sein Bewusstsein der Hauch eines Gedankens ein, den er noch vor wenigen Stunden mit aller Vehemenz weit von sich geschoben hätte: Dass seine jahrelangen Manipulationen ihn den Menschen entfremdet hatten, die einst an seine Rechtschaffenheit geglaubt, die ihm vertraut hatten, und dass sein Umdenken wohl schlichtweg um Jahre zu spät erfolgt war. Er schaute bekümmert und schuldbewusst auf die beiden Menschen, die immer noch die Arme umeinander geschlungen hatten, ließ dann seinen Blick hinüber zu Minerva, seiner langjährigen Kampfgefährtin, und dann zu Harry Potter wandern. Er, der jahrelang im Hintergrund die Fäden gesponnen hatte — niemals zuvor hatte er sich ausgeschlossen gefühlt — in die Isolation getrieben von den Menschen, die für ihn zu seinen Lebzeiten hätten wichtig sein müssen und nicht nur Schachfiguren in einem mörderischen Spiel. >Ich habe das Beste für die Allgemeinheit gewollt, und den einzelnen Menschen dabei vergessen<, dachte er bedauernd.
»Und ich schäme mich dafür«, gestand er sehr leise ein, etwas, dass er in diesem Moment wirklich ernst meinte, von dem er jedoch nicht wusste, ob es von seinem Gewissen getragen wurde oder doch überwiegend einem gewissen Selbstmitleid entsprang.
»Warum hast du dann nicht darauf verzichtet? Musste es wirklich so weit kommen?«, fragte Professor McGonagall kaum vernehmbar.
»Diese Erkenntnis kam viel zu spät, Minerva. Damals schien es für mich die ideale Lösung zu sein. Ich habe viele Jahre mit diesem Fluch experimentiert, bevor ich eine Möglichkeit fand, ihn für meine Zwecke als Träger zu benutzen.«
»Als Träger? Ich denke, Sie haben mich als ‘Träger’ benutzt?« Hermione schaute ihn verständnislos an.
»Ja, das habe ich. Beides«, bekannte er verlegen. »Unter normalen Umständen wird durch diesen Fluch eine Hexe oder ein Zauberer an einen anderen Menschen gebunden. Das aber war in deinem Fall nicht meine Absicht. Ich wollte niemals, dass du an mich gebunden bist, Severus, wollte niemals steuernd in dein Handeln eingreifen oder dich sinnlos quälen. Was ich beabsichtigt habe, war, dafür zu sorgen, dass gerade deine negativen Emotionen unverändert bestehen bleiben: der Schmerz über Lilys Tod, die Verbitterung, dass du ihn nicht verhindern konntest, die Selbstvorwürfe wegen der Weitergabe der verhängnisvollen Prophezeiung an Voldemort und der Groll über deine eigene Naivität, auf der Suche nach Anerkennung und Prestige zu den Dunklen Mächten übergelaufen zu sein, was du zu der damaligen Zeit längst als unverzeihlichen Fehler erkannt hattest …«
Severus fühlte, wie er sich bei Albus’ Worten immer mehr versteifte, bis sein Innerstes wie erstarrt war. Er wünschte sich nichts mehr, als einfach im Erdboden versinken zu können. Niemals zuvor hatte er auch nur in Ansätzen erahnt, wie detailliert und profund Albus’ Einschätzung seiner Person und seiner Gefühlswelt in Wirklichkeit war. Erst jetzt merkte er, dass er immer noch die Luft anhielt. Ganz vorsichtig ließ er sie nun entweichen. Doch Dumbledore war noch lange nicht fertig.
»â€¦ All diese Gefühle sollten dich unterschwellig begleiten — bis zu unserem Sieg über Voldemort. Aber auch das beständige Wiedererleben deiner unterschiedlichsten Erinnerungen an deine unerfüllte Liebe zu Lily in deinen Träumen sollte dir bleiben, sowohl die Erinnerungen an glückliche Tage mit ihr, die dir über harte Zeiten hinweghelfen sollten, als auch das Wissen, dass Lily dich nach deiner Entgleisung ohne Erbarmen hatte fallen lassen, dass sie jede Aussprache mit dir starrköpfig verweigert hatte, nachdem du immer mehr zu den dunklen Mächten tendiert hast, dass du ihre Liebe — und selbst ihre Freundschaft — durch eigenes Verschulden unwiederbringlich verloren hattest. Du solltest dich fragen, was gewesen wäre, wenn! Nur so glaubte ich, dein Verlangen nach Rache für Lilys Tod und deinen Hass auf Voldemort als Sicherheit für deine Ergebenheit mir und unserer gemeinsamen Sache gegenüber erhalten zu können. Ich bitte dich, mir zu glauben, dass es nach Voldemorts Tod meine erste Handlung gewesen wäre, dich von allen negativen Auswirkungen dieses Zaubers zu befreien und der Allgemeinheit bekannt zu machen, was du für unseren Kampf auf dich genommen hattest …«
Noch vor einem Moment hatte Dumbledore seinen Blick in die Ferne gerichtet, hatte regelrecht vermieden, Severus anzusehen. Doch nun blickte er auf und erkannte in Severus Augen das blanke Entsetzen der Erkenntnis, vor dem er sich all die Jahre am meisten gefürchtet hatte. Er hielt abrupt inne. Doch Widerstand regte sich in einem Winkel, wo er es am allerwenigsten erwartet hatte.
»Meine Mum hätte bestimmt nicht gewollt, dass Sie ihren Freund aus Kindertagen bis aufs Blut quälen und ausgerechnet sie als Werkzeug dazu benutzen! Ich habe seine Erinnerungen gesehen — wenn sie noch leben würde, würde sie sicherlich alles daran setzen, Sie dafür zur Verantwortung zu ziehen.« Harry hatte sich nicht mehr beherrschen können. Er hatte seine Mutter niemals kennen gelernt, aber er bezweifelte, dass sie sich — selbst nach dem Zerbrechen ihrer Freundschaft mit Snape — von Dumbledore auf solch schäbige Art als Unterpfand für Loyalität hätte benutzen lassen. »Was ich allerdings nie verstanden habe, ist, dass sie nach seiner 'Entgleisung' dermaßen unerbittlich jede Aussprache mit ihrem langjährigen Freund verweigert hat, obwohl er alles daran gesetzt hatte, sich bei ihr zu entschuldigen. Das ist nicht normal!«, setzte er mehr für sich selbst leise hinzu.
Severus Snape starrte Harry fassungslos an, so, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen. Einmal mehr hatte ihn Lilys Sohn überrascht und für einen Augenblick glaubte Severus, wieder in die Vergangenheit zurückversetzt worden zu sein — die nach ihm ausgestreckten Ärmchen eines gerade ein Jahr alten kleinen Jungen mit grünen Augen, die nur eins ausdrückten: ‘Geh nicht weg, lass mich nicht allein.’, als er ihn nach Lilys Tod widerstrebend in die Arme von Poppy Pomfrey legte. Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerung daran zu vertreiben.
Bestürzung und Erschütterung sprachen aus Dumbledores Blick, der mehr aussagte, als tausend Worte es jemals vermocht hätten. »Deine Mutter hat bis zu ihrem Tode nie erfahren, dass Severus Voldemort den Rücken gekehrt hat, obwohl dies über ein Jahr vor ihrem Tod geschah«, antwortete er leise. »Severus hat damals nie an den Ordenstreffen teilnehmen dürfen, so dass sie immer davon ausgehen musste, dass er ein überzeugter Todesser war. Ich bedauere heute, sie zu der damaligen Zeit nicht über seinen Sinneswandel aufgeklärt zu haben, aber es erschien mir in dieser Situation als zu gefährlich.«
Wie vor den Kopf gestoßen gab Harry auf. Er hatte nicht vermutet, dass seine Mutter in dem Glauben gestorben war, dass ihr ehemals bester Freund immer noch zu den überzeugten Anhängern Voldemorts gehörte. Im selben Moment spürte er, wie eine warme Hand seine zitternde Hand sanft und tröstend umschloss.
»Es tut mir so schrecklich leid, Harry«, hörte er Hermione wispern.
Nachdenklich und mit einem langen forschenden Blick auf Hermione wandte sich Dumbledore nun wieder an Severus. »Die Person, die im Falle meines vorzeitigen Todes für meine Nachfolge als Träger des Zauberspruches in Frage kam, musste Voldemort aus eigener Veranlassung hassen, um dich unbewusst zu den von mir gewünschten Handlungen antreiben zu können, sollte bedingungslos an das Greater Good glauben und selbst eine Chance haben, Voldemort zu überleben. Wenn dann noch, wie ich erwartete, nach seinem Tod sich die Intensität ihrer eigenen Hassgefühle allmählich verringern würde, glaubte ich, dass dies sich auch positiv auf dich auswirken würde, dass der über meinen Zauber künstlich aufrecht erhaltene Druck auf deine Seele allmählich abklingen und nur deine Gefühle für Lily und die guten Erinnerungen, die mit ihr verbunden waren, dich für dein weiteres Leben begleiten würden …«
Er schwieg für einen Augenblick, doch dann blickte er Severus durchdringend an. »Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, glaube ich, dass dieser Plan aufgegangen ist — bis zu meinem erbetenen Ende und auch darüber hinaus.« In seinen letzten Worten klang ein gewisser Stolz mit.
Eisiges Schweigen legte sich über den Raum, das beredter war als jeder noch so große Tumult. Jeder versuchte für sich, die Konsequenzen aus Dumbledores Enthüllungen zu begreifen. Doch bevor irgendjemand seine Gedanken laut aussprechen konnte, mischte sich plötzlich eine herablassende Stimme ein. »Das, Albus, wage ich ernsthaft zu bezweifeln.«
»Phineas?« Albus Dumbledore hatte sich bei dieser doch etwas befremdlich anmutenden Bemerkung Blacks Portrait zugewandt. »Was meinen Sie damit?«
»Albus’ Erklärung bedeutet im Endeffekt nichts anderes, als dass ich höchstwahrscheinlich bis an mein Lebensende an genau diese Gefühle gebunden sein werde«, schaltete sich Severus freudlos ein. Der Blick aus seinen schwarzen Augen war nun leer. »Ich habe Lily wirklich mit jeder Faser meines Herzens geliebt, und trotzdem empfand sogar ich es als ein wenig merkwürdig, wie sehr ich mich mit meinen Schuldgefühlen, der Verbitterung und dem Selbsthass herumgequält habe.«
»Auch Ihren Erwartungen für Ihr künftiges Leben würde ich nicht so ohne Weiteres zustimmen«, sagte Black leise.
»Sie halten meinen Zauber also nicht für effizient, Phineas?«, fragte Dumbledore erstaunt.
Phineas Nigellus Black neigte leicht seinen Kopf und ließ ein verschlagenes Lächeln aufblitzen. »Nun … gerade in den letzten Monaten vor dem Sturz Voldemorts ist mir in Schulleiter Snapes Verhalten ein unbestreitbares Einfühlungsvermögen einer gewissen … Muggelstämmigen gegenüber aufgefallen.« Sein Blick wanderte zu Severus hinüber. »Ich wurde recht rüde zurechtgewiesen, wenn ich mich richtig erinnere, als ich ein bestimmtes Wort gebrauchte und als ich das Mädchen dafür kritisierte, mich immer noch in tiefster Dunkelheit über unseren Aufenthaltsort tappen zu lassen. Wie war das doch gleich…? ‘Sie gebraucht wenigstens ihren Verstand, während andere nicht einmal in der Lage sind, ihre Ohren ihrer Bestimmung nach einzusetzen.’« Es war erstaunlich, welches Maß an Sarkasmus er in seine Stimme legen konnte.
»Ich denke, das beweist nur einmal mehr, dass Severus keine Vorurteile gegen Muggelgeborene hat, obwohl er Slytherin ist«, antwortete Dumbledore mit leisem Lachen. »Übrigens — ich war dabei und ich kann an der Situation nichts Ungewöhnliches oder meiner Theorie Widersprechendes finden.«
»Vielleicht hätten Sie sich nicht so oft in Ihren Sessel zum Schlafen zurückziehen und Ihrer Umgebung mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, Albus«, erwiderte Black. »Haben Sie nicht eine unbedeutende Kleinigkeit aus Ihrem Besitz vermisst, Miss Granger?«, wandte er sich nun scheinheilig an Hermione.
Hermione schaute ihn verwundert an. Dann fing ihr Blick einen reichlich schuldbewussten Gesichtsausdruck von Severus ein, was sie überhaupt nicht in das Bild einordnen konnte, das sie sich bei der gerade beschriebenen Szene vorgestellt hatte. >Warum macht er einen so konsternierten Eindruck?<, fragte sie sich. »Nein, Schulleiter Black, nicht dass ich wüsste.«
»Gehe ich recht in der Annahme, dass sich in Ihrem Besitz ein rot-golden gewundenes Haarband befand, das seit etwa einem Jahr unauffindbar ist?«
Hermione musste kurz überlegen. »Ja, aber …«
»Dann sollten Sie vielleicht Schulleiter Snape danach fragen …«
Hermiones Kopf fuhr mit einem Ruck herum. »Wovon redet er, Severus?« Sie schaute ihn völlig verständnislos an. Wie sollte ausgerechnet ihr rot-goldenes Haarband in Severus’ Besitz gekommen sein, und wenn, wie sollte ausgerechnet Black davon erfahren haben, und noch fragwürdiger, warum sollte Severus es behalten und nicht augenblicklich entsorgt haben. Schließlich war sie für ihn all die Jahre nur die nervige kleine Miss-Know-It-All gewesen, die ihm das Leben seiner Meinung nach mit ihrem Verhalten zur Hölle gemacht hatte, wie er oft genug geäußert hatte.
Statt einer Antwort griff Severus in die Innentasche seiner Roben. Als er die Hand ausstreckte, lag auf seiner Handfläche ein zusammengerolltes rot-goldenes Band. Er seufzte. »Ich weiß, ich hätte es nicht behalten sollen, Hermione. Als ich es kurz vor meiner überstürzten Flucht aus Hogwarts gegen Ende deines sechsten Schuljahres im Klassenraum für Verteidigung fand und eingesteckt habe, wollte ich es eigentlich wegwerfen. Aber irgendwie ist es dann doch jedes Mal wieder auf mysteriöse Art und Weise in meine Robe gewandert, anstatt im Kamin zu landen.« Seine Lippen hatten sich bei seiner Erklärung zu etwas verzogen, das bei wohlwollender Betrachtung als Lächeln durchgehen konnte.
Hermione brauchte einen Moment, um sich von ihrer Überraschung zu erholen. Dann stahl sich ein immer breiter werdendes schelmisches Grinsen in ihr Gesicht. »Hast du nicht bemerkt, dass ich es wie all meine anderen Sachen auch mit einem abgewandelten Dauerklebefluch verhext hatte?«, fragte sie ihn.
»Gerissene Hexe!«
Harry schüttelte nahezu ungläubig den Kopf. Er konnte nicht glauben, was er hörte. Noch nie hatte er Severus Snape, der für fast Jeden immer nur die Fledermaus aus den Kerkern gewesen war, so locker erlebt. Auch am Grimmauldplatz, während der teilweise recht hitzig verlaufenen Diskussionen um seine Verteidigung oder bei den gemeinsamen Mahlzeiten, hatte er sich niemals entspannt. Und die beiden duzten einander! Ohne dass er auch nur die leiseste Chance hatte, seine nächsten Worte aufhalten zu können, bevor sie seinen Mund verließen, entfuhr es ihm völlig perplex: »Ihr duzt euch!!!???« Damit stellte er die Frage, die alle Anwesenden zwar gedacht, aber nicht auszusprechen gewagt hatten.
Hermione schaute ziemlich verlegen, während Severus Snapes Gesicht sich für einen Moment verhärtete. »Welch eine Beobachtungsgabe! Ja, Mister Potter, seit einiger Zeit, allerdings normalerweise nicht in der Öffentlichkeit.«
»Ich dachte, der Kuss wäre nur …«, murmelte Harry mehr zu sich selbst, als dass es an irgendjemanden in diesem Raum gerichtet war, hielt jedoch mitten im Satz inne, als er merkte, dass aller Augen auf ihn gerichtet waren.
»Darf ich nun weitererzählen, oder sind diese Nichtigkeiten von irgendeiner besonderen Bedeutung für Sie, Potter?«, fragte Black, woraufhin Harry nur mit den Schultern zuckte.
»Wenn Sie das als Nichtigkeit bezeichnen …«
»Allerdings. Nun, immer, wenn Schulleiter Snape sich unbeobachtet glaubte und der Druck zu stark wurde, der schon allein wegen der beiden ihm aufgezwungenen Todesser in Hogwarts auf ihm lastete, die jeden seiner Schritte mit Argusaugen überwachten, holte er dieses Band aus seiner Robe. Oft genug habe ich ihn an diesem Schreibtisch sitzen sehen, die Ellbogen auf der Tischplatte aufgestützt und sein Gesicht in den Händen vergraben, während er das ominöse Haarband mit aller Kraft umklammerte. Am Anfang glaubte ich kurz, es würde noch von dieser kleinen Evans stammen, doch irgendwann habe ich erkannt, dass es einem äußerst lebendigen Menschen gehört.« Black erweckte den Eindruck eines Katers, der gerade den Milchtopf ausgeschleckt hatte.
Severus hatte nicht einmal ansatzweise erahnt, dass seine schwachen Momente nicht unbemerkt geblieben, dass ausgerechnet dem unbeliebtesten Schulleiter, den Hogwarts jemals hatte ertragen müssen, Phineas Nigellus Black, genau diese Hilflosigkeit und gefühlte Ohnmacht nicht entgangen waren. Er schaute Hermione unsicher in die Augen. Es fiel ihm nicht leicht, dies zuzugeben, aber da Black seine Beobachtungen in seiner süffisanten Art bereits vor aller Ohren breitgetreten hatte, sah er keine Möglichkeit, es zu bestreiten.
»Ich brauchte in den Zeiten tiefster Dunkelheit etwas, das greifbar war, an dem ich mich festhalten konnte, das mir den Glauben daran gab, dass da draußen jemand genau wie ich für eine bessere Welt kämpfte, benötigte jemanden, der meine Hoffnung am Leben hielt, dass Harry Potter das erledigen würde, was auch immer Albus Dumbledore ihm als Aufgabe gestellt hatte. Der einzige Trost für mich bestand darin, dass er sich dabei nicht auf sich allein verlassen musste, sondern, dass ihn jemand mit überdurchschnittlichem Verstand, außergewöhnlichen magischen Fähigkeiten und unermesslicher Willensstärke auf seinem Weg begleiten würde.«
»Oh, Severus …« Für einen kurzen Moment hatte Severus Hermione und auch den anderen einen flüchtigen Einblick in seine Gefühlswelt zu der damaligen Zeit gegeben. Ganz besonders zu Herzen ging ihr seine für ihn ungewohnte Unsicherheit, die sie sowohl in seiner Körpersprache als auch in seinen Worten erkannte.
Doch Black war noch nicht fertig. »Aber diese Episode ist nur am Rande erwähnenswert. Viel interessanter ist meines Erachtens das, was in der Heulenden Hütte geschah. Da die junge Dame meine magische Augenbinde nicht entfernt hatte — bis heute nicht, wie ich betonen möchte — musste ich mich gezwungenermaßen auf meine Ohren verlassen.« Ein kurzer ironischer Seitenblick traf Severus.
»Es schien zu dieser Zeit sehr schlecht um Sie zu stehen, Schulleiter Snape, denn Miss Granger wurde für einen Moment regelrecht hektisch — so zumindest mein damaliger Eindruck. Ich habe mich all die letzten Wochen gefragt, was eigentlich in der Zwischenzeit geschehen ist, bis ich ein gemurmeltes »Levikorpus!« hören konnte.«
Hermione erinnerte sich — wenn auch nur schwach — dass sie damals ihr kleines Perlenhandtäschchen in ihrer Aufregung achtlos offen neben sich liegengelassen hatte, bis sie sich sicher war, dass sie keine weiten Phiolen benötigen würde. Es war ihr zu keinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen, dass sie einem äußerst interessierten, jedoch unerwünschten Ohrenzeugen jede Möglichkeit eröffnet hatte, all ihre Handlungen mitzuerleben.
Blacks lauernder Blick war nicht mehr zu übersehen. »Wenn ich die damaligen Geschehnisse in der Heulenden Hütte, Ihr beinahe wundersames Überleben und Miss Grangers Kenntnisse über den Fluch zusammenzähle und noch erwähne, dass ich — kurz bevor man mir eine magische Augenbinde verpasst hat — in einem gewissen Abendtäschchen einen flüchtigen Blick auf das Buch Das magische Begreifen des magisch Unbegreiflichen, das vermutlich aus der Bibliothek des Edlen und Altehrwürdigen Hauses derer von Black stammen dürfte, erhaschen konnte, so muss ich heute davon ausgehen, dass Ihr Plan nicht ganz aufgegangen ist, Albus.«
»Coniunctio perpetua«, wisperte Albus Dumbledore freudlos, als ihm die Einsicht in die Zusammenhänge endlich dämmerte. »Sie haben Severus mit diesem Zauber das Leben gerettet, nicht wahr?« In seiner Stimme schwang ehrliche Überraschung und auch Ungläubigkeit mit. Und Hermione war sich sicher, dass er nicht sonderlich glücklich über die Tatsache an sich wirkte, auch wenn er versuchte, dies zu überspielen.
»Nicht nur eine Entführerin, nein, auch noch eine kleine Diebin …« hörten sie gerade noch Black leise vor sich hin murmeln. Doch Hermione beachtete dessen Worte nicht weiter und gab auch den Anderen keine Möglichkeit, darauf zu reagieren.
Sie hob den Kopf und starrte Albus Dumbledore provozierend an. »Ja, das habe ich«, sagte sie mit Nachdruck und auch einem klein wenig Stolz zu ihm. »Auch wenn es Ihnen vielleicht nicht gefällt, ich bereue es nicht eine Sekunde! Und — nur zu Ihrer Information, Schulleiter Black: Harry weiß, dass ich das Buch aus seiner Bibliothek eingesteckt habe.« Ein kurzer Seitenblick zeigte ihr, dass Harry für einen Moment seine Mundwinkel zu einem spöttischen Grinsen hochgezogen hatte; schließlich war es noch nicht allzu lange her, dass Hermione ihm diese Tatsache schuldbewusst gebeichtet hatte.
»Tsss, tsss, tsss.« Phineas Nigellus Black ließ ein missbilligendes Zischen hören, aus dem Hermione beim besten Willen nicht entnehmen konnte, ob es sich auf die Umstände der Lebensrettung oder den Diebstahl eines Buches aus der Bibliothek des Edlen und Altehrwürdigen Hauses derer von Black bezog. »Oh ja, die kleine Lady ist erwachsen geworden. Lässt sich nicht mehr so leicht von einem Slytherin einschüchtern! Sie bietet sogar dem großen Albus Dumbledore die Stirn, durchkreuzt seine Pläne.«
Doch Dumbledore hatte wieder dieses Blinzeln in seinen gemalten blauen Augen. »Nein, Phineas, ich denke, sie hat meine Pläne nicht durchkreuzt, ganz im Gegenteil. Und ich habe da so eine Vermutung …« Er hielt einen Moment nachdenklich inne.
Dann wandte er plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit Hermione zu. »Miss Granger … nach meiner inszenierten ‘Ermordung’ und Severus’ Flucht aus Hogwarts, was haben Sie damals geglaubt?«
Hermione blickte ihn irritiert an. »Was soll ich … geglaubt haben …? Das, was alle dachten …«
Sie zuckte die Schultern, sah in Gedanken versunken von Severus zu Harry und dann wieder hinüber auf das Portrait. »Von Anfang an war ich mir sicher, dass Harrys Bericht über die Ereignisse auf dem Astronomie-Turm der Wahrheit entsprach. Erst im Nachhinein, in den Ferien, die keine Ferien mehr waren — als ich irgendwann allein im Garten im Fuchsbau saß â€” kamen mir die ersten Zweifel an seiner Interpretation des Geschehens. Ich wusste, dass Harry die Tatsachen wahrheitsgemäß wiedergegeben hatte, aber ein paar Dinge passten einfach logisch nicht zusammen …« Sie schwieg, um erneut ihre Gedanken zu ordnen.
»â€¦ Niemals hätte ich als Tatsache akzeptiert, dass der große Albus Dumbledore um sein Leben flehen würde — aber nach Harrys Auffassung der Ereignisse war ganz genau das geschehen. Nach und nach erschien es mir immer unwahrscheinlicher … Irgendwann — mitten in der Nacht in diesem Wald, wo damals die Quidditch-Weltmeisterschaft war — kam mir dann die Erkenntnis, dass Sie nicht um Ihr Leben, sondern um Ihren Tod gefleht hatten. Von da an war ich überzeugt davon, dass Professor Snape kein Mörder ist …«
»Ich vermute, dass Sie darüber insgeheim erleichtert waren?«, fragte Dumbledore, während er sie über seine halbmondförmigen Brillengläser nachdenklich betrachtete.
Hermione lachte kurz und hart auf. »Wenn Sie so wollen — ja. Damals zumindest glaubte ich noch an Sie. Niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass Sie Menschen wie Marionetten …« Sie schluckte schwer, bevor sie fortfuhr. »Sie hatten immer wieder betont, dass Sie Professor Snape absolut vertrauten, also vertraute auch ich ihm. Aus irgendeinem mir selbst unerklärlichen Grund konnte ich ihn nicht hassen, selbst als ich noch annehmen musste, dass er Sie im Auftrag Voldemorts getötet hatte, dass er ein von Voldemort gelenkter Todesser war. Als ich endlich wenigstens diese Zusammenhänge begriffen hatte, empfand ich nur noch Mitgefühl und Bedauern für ihn.«
»Bedauern???« Professor McGonagall klang vollkommen irritiert. »Sie haben wirklich Bedauern für Severus empfunden, Hermione?«
Hermione nickte. »Ja. Seit jener Nacht habe ich mir immer und immer wieder vorgestellt, wie schwer es ihm gefallen sein muss, Professor Dumbledore zu töten, den einzigen Menschen, von dem er glaubte, er vertraue ihm uneingeschränkt. Wie einsam und isoliert er danach gewesen sein muss! Ich wusste nicht, inwieweit Sie alle in Dumbledores Pläne eingeweiht waren, aber nach dem, was Ron nach seiner Rückkehr in den Forrest of Dean erzählte, hatte ich eine ungefähre Vorstellung von den aktuellen Geschehnissen in Hogwarts in diesen paar Monaten unter Voldemorts Regime. Und wenn Sie alle nicht in diese Pläne eingeweiht gewesen sein sollten, konnte ich mir lebhaft vorstellen, durch welche Hölle Professor Snape damals gegangen ist.«
»Diese Gefühle können nicht auf den Zauber zurückgeführt werden«, bemerkte Albus Dumbledore enttäuscht. »Der Fluch war mit Bestimmtheit nicht darauf ausgerichtet, Mitgefühl oder Bedauern auszulösen oder weiterzugeben, auch dann nicht, falls dies unbewusst erfolgen sollte. Sie hätten nichts davon empfinden dürfen. Ich habe bei der Vorbereitung der Weitergabe des Fluches ausdrücklich darauf geachtet, dass Sie als Träger keinerlei positive Emotionen für Severus empfinden würden.«
»Nun, ich denke, dieser Aspekt Ihres Plans ist gründlich schiefgegangen«, konnte Hermione nicht umhin, mit einem ironischen Lächeln beizusteuern.
»Ich verstehe es zwar nicht, aber ich muss Ihnen Recht geben«, gestand Dumbledore ein. Er seufzte tief auf und schaute dann zu Hermione hinüber. »Als Sie in die Heulende Hütte zurückkehrten — hatten Sie in diesem Moment eine Vorstellung dahingehend, was Sie dort erwarten würde?«
»Sie meinen, ob ich darauf spekuliert habe, dass Professor Snape Naginis Angriff überlebt haben könnte, oder ob ich bereits die Absicht hatte, ihm mit dem Zauber das Leben zu retten?« Sie zog fragend eine Augenbraue hoch. Harry musste an sich halten, um nicht in Lachen auszubrechen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass seine beste Freundin zeitgleich mit dem ‘Du’ auch bereits Angewohnheiten ihres Zaubertränkemeisters angenommen hatte.
»Nein. Ganz gewiss nicht. Wie auch Harry und Ron bin ich davon ausgegangen, dass er ein paar Stunden zuvor buchstäblich vor unseren Augen gestorben war. Alles, was ich zu diesem Zeitpunkt beabsichtigt habe, war, ihn zu den anderen Opfern dieses mörderischen Krieges zu bringen. Ich wollte nicht, dass er in dieser verdammten Hütte vergessen im Dreck liegen muss. Schließlich hatte er all die Jahre auf unserer Seite gekämpft.« Ihre Körpersprache war jetzt entschieden herausfordernd.
»Warum diesen Fluch?« Dumbledore gestikulierte verständnislos mit den Händen in der nicht vorhandenen Luft, zuckte hilflos mit den gemalten Schultern, schien nur mit Mühe seine Verwirrung verbergen zu können. »Es gibt andere Zauber, andere Möglichkeiten …«
Hermione schüttelte abweisend den Kopf: »Für Sie vielleicht, aber nicht für mich. Sie waren der vermutlich mächtigste lebende Zauberer, Professor. Und was war ich? Ein unbedeutendes, im Vergleich zu Ihnen machtloses, achtzehnjähriges wertloses Schlammblut …«
»Hermione!«, bellte Severus. »Ich will dieses Wort nie wieder hören! Schon gar nicht aus deinem Mund!« Unbezähmbare Wut ließ die Ader an seinem Hals regelrecht anschwellen und die kaum verheilten punktförmigen roten Narben traten deutlich hervor.
Hermione kapitulierte vor diesem Ausbruch. Sie hatte für einen Moment völlig vergessen, wie aggressiv Severus auf dieses Schimpfwort reagieren würde. »â€¦ entschuldige — okay, eine unerfahrene Muggelgeborene, die jede sich ihr bietende Möglichkeit nutzen musste, neue Wege zu finden, um Harrys Überleben sicherzustellen, da der ach so große Albus Dumbledore keine weiteren Ratschläge und Informationen an die weitergeben konnte oder wollte, die seinen Krieg gewinnen sollten. Ich war froh, dass ich wenigstens diesen Zauber gefunden habe.« Sie schäumte vor Wut. Inzwischen hatte sie es satt sich dafür auch noch verteidigen zu müssen. Ausgerechnet Dumbledore sollte sich mit seinen diesbezüglichen Äußerungen sehr zurückhalten.
Dumbledore schloss gequält die Augen. Er hatte geglaubt, ihren Zorn bei ihrer letzten Begegnung besänftigt zu haben, musste sich jedoch nun eingestehen, dass dem nicht so war. Und es war noch nicht vorbei.
»Und falls Sie mich fragen sollten, warum ich ihn nicht einfach habe sterben lassen: Ich! Konnte! Es! Nicht! Dieser Krieg hatte schon genug Opfer unter meinen Freunden gefordert. So viele geliebte Menschen waren bereits auf der Strecke geblieben. Und ich war nicht bereit, noch einen Freund zu verlieren.« Ihre letzten Worte waren nur noch ein Flüstern, als ob sie nun jegliche Kraft verlassen hatte.
>Freund!< Sie hatte ihn wirklich als Freund bezeichnet. Unmerklich schüttelte Severus den Kopf.
»Hat sich eigentlich schon irgendjemand von uns darüber Gedanken gemacht, was ein doppelter Fluch mit unterschiedlicher Motivation bewirken könnte?«, fragte Harry völlig unvermittelt. »Diese Problematik dürfte für Professor Snape weitaus interessanter sein, auch im Hinblick darauf, dass sie schließlich Auswirkungen auf sein gesamtes weiteres Leben haben wird.«
Sie sahen einander betreten an. Niemand von ihnen war bisher auf die Idee gekommen, sich diese Frage zu stellen.
Fortsetzung folgt…
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