
von Alea_Thoron
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der mich mit »Und wann schreibst Du endlich Deine eigene Geschichte?« erst dazu gebracht hat, diese Story Wirklichkeit werden zu lassen.
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
Kapitel 28 — Der doppelte Fluch
»Oh, Merlin …!«, flüsterte Hermione bestürzt. »Wie konnten wir das vergessen?«
Albus Dumbledore wiegte nachdenklich den Kopf. »Vermutlich waren wir einfach zu sehr damit beschäftigt, einander Vorwürfe zu machen.« Noch bevor Hermione erneut wütend aufbrausen konnte, hob er die Hand. »Und ich gebe zu, dass Ihre Vorwürfe durchaus berechtigt sind, Miss Granger. Trotzdem — lassen Sie uns die Sache in Ruhe betrachten.« Er schwieg für lange Zeit, in der auch die anderen ihren Gedanken nachhingen und über ein Problem nachgrübelten, von dem sie bis vor ein paar Sekunden nicht einmal gewusst hatten, dass es überhaupt existierte.
»Hmm. Je länger ich darüber nachdenke … Meines Erachtens gibt es mehrere Möglichkeiten«, begann er dann grübelnd.
»Welche?«, unterbrach ihn Professor McGonagall mit gerunzelter Stirn.
»Nun … zum einen könnten beide Zauber unabhängig voneinander wirken, insbesondere, wenn sie mit unterschiedlicher Motivation geworfen wurden, zum anderen könnte der zweite Fluch den ersten aufheben, so dass nur noch der zweite seinen Effekt zeigt …« Dumbledore strich in Gedanken versunken über seinen gemalten Bart. »Es könnte natürlich ebenso sein, dass sich die beiden Flüche in ihrer Intensität potenziert haben oder — beide Zauber haben einander komplett aufgehoben.«
Minerva McGonagalls Stirnrunzeln hatte sich immer weiter verstärkt. »Und welche Möglichkeit davon hältst du für am Wahrscheinlichsten?«
Er zögerte sichtlich. »Das ist ziemlich schwierig zu sagen, Minerva. Eigentlich gibt es von den genannten nur zwei, die mir am Plausibelsten erscheinen: Entweder die Potenzierung oder die komplette Aufhebung.« Albus wiegte nachdenklich den Kopf. »Wobei mir das Wahrscheinlichere von beiden, wenn es zuträfe, gar nicht gefallen würde.«
Hermione keuchte auf, während Severus kreidebleich wurde, als beide erkannten, worauf Albus Dumbledore hinaus wollte. »Sie vermuten, dass sich die beiden Zauber potenziert haben, nicht wahr?«, fragte sie dann beklommen. Trotz ihrer inzwischen gewonnenen Erkenntnisse über Dumbledores jahrelanges Intrigenspiel konnte sie sich einfach nicht vorstellen, dass er wirklich Freude daran haben würde, Severus noch mehr zu quälen.
Er nickte bedächtig. »Ich befürchte es zumindest. Miss Granger. Denken Sie an einen Cruciatus. Wie Severus Ihnen sicherlich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, verstärken sich die Schmerzen ins Unermessliche, je mehr Personen den Fluch werfen und halten.«
Sie erschauerte, als sie durch seine Worte wieder an Bellatrix Lestrange und die Geschehnisse in Malfoy Manor erinnert wurde, riss sich jedoch dann zusammen. Es ging nicht um sie. »Das mag zweifellos richtig sein, aber in diesem Fall lag ein langer Zeitraum zwischen den beiden Zaubern, sogar mehrere Jahre«, erwiderte Hermione nachdenklich. »Und wenn ich mich nicht allzu sehr täusche, waren sie auch nicht völlig identisch. Ihre Motivation für den Fluch, Professor, hatte sicherlich nichts mit der Rettung eines Lebens zu tun«, konnte sie es sich nicht verkneifen, zynisch hinzuzufügen.
Dumbledore vermittelte für den Bruchteil einer Sekunde den Eindruck, als würde er Hermione am liebsten einen Unverzeihlichen auf den Hals schicken, wenn er dies noch gekonnt hätte. Doch er hatte sich sofort wieder in der Gewalt. »Ja, Sie mögen Recht haben, und gerade deshalb bleibt uns vermutlich keine andere Wahl, als gemeinsam zu enträtseln, welche genauen Auswirkungen dieser doppelt geworfene Zauber auf dich hat, Severus. Der einzige Weg, der dorthin führt, wird keinem von euch gefallen, fürchte ich.« Albus’ Blick wanderte über seine halbmondförmigen Brillengläser hinweg zwischen Severus und Hermione hin und her. Nur das Ausbleiben des vertrauten Funkelns in seinen Augen verriet, dass Hermione mit ihren Worten einen wunden Punkt getroffen hatte.
»Albus …!« Severus’ Stimme hatte einen warnenden Unterton.
Doch Albus Dumbledore nickte nur. Wie er bereits vermutet hatte, war Severus ebenfalls zu der einzig richtigen Schlussfolgerung gekommen. Seine Warnung war unmissverständlich. Er seufzte. »Es tut mir leid, Severus, aber es ist wirklich die einzige Möglichkeit.«
Hermione sah die beiden Männer — den realen und den gemalten — fragend an. »Was ist?«
»Es geht um Gefühle, Miss Granger«, sagte Dumbledore leise. »Und Sie wissen doch, wie schwer sich Severus mit Gefühlen tut. Noch dazu, wenn es sich um die Preisgabe derselben handelt.«
>Motivation!< Das Wort schoss Hermione schlagartig durch den Kopf und sie nickte verstehend, während Severus nur abweisend das Gesicht verzog.
»Was haben denn Gefühle damit zu tun?«, wunderte sich Harry laut.
Hermione blickte von Albus Dumbledore zu Severus und wieder zurück, doch keiner der beiden schien begierig darauf zu sein, dem Jungen-der-lebte eine Erklärung anzubieten. Sie seufzte innerlich. »Professor Dumbledore will damit sagen, dass er unseren Gefühlen auf den Grund gehen muss, Harry«, erklärte sie ihm geduldig. »Emotionen sind der sichtbare Ausdruck unserer Motivation, und genau diese Motivation ist in unserem Fall ausschlaggebend für die Wirkungsweise der Flüche. Professor Dumbledore hat uns seine Motivation für den Fluch bereits detailliert auseinandergesetzt, so dass nun wir an der Reihe sind.« Sie warf einen vorsichtigen Blick zu Severus hinüber, der mit verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue unmutig ihrer Erläuterung gelauscht hatte.
»Und genau aus diesem Grund brauche ich jetzt die Hilfe von euch beiden«, mischte sich nun Dumbledore wieder ein. »Allerdings bedeutet das auch absolute Ehrlichkeit bei der Beantwortung meiner Fragen.« Er sah sowohl Severus als auch Hermione scharf, regelrecht durchdringend an, so dass die beiden sich innerlich krümmten.
Harry warf einen kurzen Seitenblick auf seinen ehemaligen Zaubertränke-Professor. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie unangenehm die folgende Unterhaltung gerade für Severus Snape werden würde. Seine beste Freundin Hermione konnte damit umgehen. Wenn es ausschließlich um sie gegangen wäre, hätte er sicherlich keinen Gedanken daran verschwendet, ob er bleiben solle oder nicht. Doch bei Snape war das anders. Dieser Mann hatte genug gelitten; er musste nicht auch noch den für ihn nervtötenden Jungen-der-Voldemort-zweimal-überlebt-hatte dabei ertragen, wenn die Diskussion auf Dinge kam, die so intim waren wie Harrys Beziehung zu Ginny — wenn Severus Snape dazu gezwungen war, sein Innerstes nach außen zu kehren.
Harry wandte sich zum Gehen. Doch bevor er auch nur einen Schritt in Richtung Tür machen konnte, hielt Severus Snapes Stimme ihn zurück, als ob dieser ahnte, was in Harrys Kopf vor sich gegangen war. »Ich möchte, dass Sie bleiben, Mister Potter! Und du auch, Minerva«, wandte er sich an seine Kollegin, die wohl gerade zu dem selben Entschluß wie Harry gekommen war. »Wir werden diesen Weg gemeinsam zu Ende gehen, denn ich glaube, es werden Dinge zur Sprache kommen, in die jeder von uns auf irgendeine Weise involviert ist.«
Harry drehte sich langsam und vollkommen ungläubig wieder herum. »Sind Sie sich wirklich sicher, dass Sie mich dabei haben wollen?«, fragte er vollkommen überrascht. »Ausgerechnet mich?« Doch ein einziger Blick des Meisters der Zaubertränke ließ ihn verstummen. Für einen Moment herrschte Stille, als den Anderen die Tragweite von Severus Entscheidung zu Bewusstsein kam.
Albus Dumbledore fing sich als erster, obwohl er über diese Entwicklung der Dinge nicht erfreut zu sein schien, wie sein säuerlicher Gesichtsausdruck zeigte. Er räusperte sich und erreichte damit, dass alle Anwesenden ihm wieder ihre Aufmerksamkeit zuwandten, wie er es gewollt hatte. »Nachdem dies geklärt wäre … kommen wir wieder auf das eigentliche Problem zurück. Hermione«, begann er vorsichtig, und sprach sie dabei trotz aller vorausgegangenen Differenzen und offenen Meinungsverschiedenheiten bewusst mit ihrem Vornamen an, »Sie müssen sich jetzt an jede noch so winzige oder in Ihren Augen unbedeutende Einzelheit erinnern. Was genau haben Sie in dem Augenblick gefühlt, als Sie den Zauber geworfen haben?«
Hermione setzte sich nun doch in einen der Sessel. Ihre Beine hatten zu zittern begonnen und ihre Hände waren feucht geworden, als für einen Augenblick die schrecklichen Bilder in der Heulenden Hütte zurückkehrten. Gleichzeitig fiel es ihr entsetzlich schwer, sich in die Situation zurückzuversetzen, weil es verschiedene komplexe, jedoch nicht lang anhaltende Gefühle gewesen waren, die damals in ganz kurzer Zeit auf sie eingestürzt waren. »Unendliche Verzweiflung, als er mir unter den Händen wegzusterben drohte, Angst, einen weiteren verdienten Mitstreiter aus unseren Reihen zu verlieren, Trauer, Schmerz, Schuldgefühle, weil ich nicht rechtzeitig die Wahrheit in vollem Ausmaß erkannt hatte, aber auch Unsicherheit, dass ich nicht fähig sein würde, den Zauber richtig zu werfen und ein gewisses Maß an Angst vor seiner Reaktion, wenn er herausfinden würde, was ich getan hatte«, antwortete sie nach langem Nachdenken mit leicht zittriger Stimme.
Während sie sich mühsam erinnerte, hatte Severus sich in den Sessel neben ihr gesetzt. Nun beugte er sich zu Hermione herüber. So leise, dass nur sie seine Worte verstehen konnte, flüsterte er an ihrem Ohr: »Wäre ich damals bei Bewusstsein gewesen, hätte ich dich vermutlich ins nächste Jahrtausend gehext.«
»Und … denkst du … immer noch … so?« Obwohl Angst ihr die Kehle zuschnürte, konnte sie sich nicht daran hindern, diese Frage stockend, allerdings ebenso leise zu stellen. Doch ihr Herz klopfte dabei so laut, dass sie befürchtete, jeder hier im Raum könne es hören.
Tiefschwarze unergründliche Augen begegneten ihren, und sie versank darin wie in einem der unerforschten schwarzen Löcher im Universum. Er griff langsam hinüber, umschloss ihre Finger mit seiner Hand und drückte sie sanft. »Bisher habe ich noch nicht einmal die Überlegung, dich nur ins nächste Jahrhundert zu hexen, wahr gemacht, oder?« Seine Stimme klang wieder wie Samt; es war genau dieser Tonfall, der sie schon im Unterricht dermaßen fasziniert und angezogen hatte. >Wie ein Niffler vom Gold<, dachte sie belustigt.
Dumbledore betrachtete die Szene, die sich vor seinen gemalten blauen Augen abspielte, insgeheim mit doch reichlich gemischten Gefühlen. Mehrere Seelen kämpften verbissen in seiner Brust. Einerseits bemühte er sich, sich für Severus zu freuen, denn es schien, dass dieser sich seit ihrer letzten Begegnung mental von Lily ein gewaltiges Stück entfernt hatte. Obwohl es nicht das war, was er sich gewünscht hatte, versuchte er sich selbst davon zu überzeugen, dass der Krieg vorbei war und auch ein Ex-Todesser und Ex-Spion ein neues, besseres Leben verdient haben mochte. Noch jedoch war dies im Versuch steckengeblieben.
Sicherlich konnte diese unübersehbare Veränderung in Severus’ Gefühlswelt, deren bloße Existenz er selbst jedem anderen gegenüber vermutlich vehement bestritten hätte, auch eine Auswirkung von Miss Grangers Zauber sein, und obwohl Albus dies für relativ wahrscheinlich hielt, blieb einem tief in ihm verborgenen Teil trotzdem eine vage Hoffnung, dass er sich irrte. Und da war immer noch das Haarband — allerdings stand das wohl auf einem anderen Pergament — dieses unscheinbare kleine Ding war vermutlich wirklich ein Beweis einer vorhandenen damaligen Verbindung der beiden durch den Zauber, den er auf Miss Granger übertragen hatte, wenn dieser auch nicht auf die Art und Weise wirkte, wie von ihm, Albus, gewollt.
Andererseits sah er jedoch auch die Probleme, die auf die beiden zukommen würden, sollten sie ihre — wie er annahm — bisher wohl ausschließlich vorsichtig emotionsgeprägte Beziehung zu etwas vertiefen, was vielleicht einer magischen Bindung nahe kam, wie es allem Anschein nach in näherer Zukunft zu erwarten sein könnte. Doch er wusste, dass die Augen der Öffentlichkeit auf das Paar gerichtet sein würden, nicht nur, weil beide als Kriegshelden ganz besondere Aufmerksamkeit auf sich zogen, sondern, weil — wenn Miss Granger für ihr letztes Schuljahr nach Hogwarts zurückkehren würde — ein solches Verhältnis zwischen einem Schulleiter und einer Schutzbefohlenen, sprich Schülerin, inakzeptabel sein würde. Und auch der erhebliche Altersunterschied war nicht zu verbergen, wenngleich dies in der magischen Welt auch keine so große Rolle spielte wie in der Welt der Muggel.
Doch diese Überlegungen mussten nun erst einmal in den Hintergrund treten. Jetzt war es an der Zeit, die Sache mit dem doppelten Zauber in Angriff zu nehmen. >Und ich kann ihr nicht einmal Vorwürfe dafür machen, was geschehen ist<, seufzte er innerlich. Die Schuld an der ganzen Misere traf ausschließlich ihn selbst, wie er sich eingestehen musste. Unweigerlich würde für beide nun die Stunde der Wahrheit kommen. Sie mussten sich ihren Gefühlen stellen, ob sie wollten oder nicht. Nur so konnte er herausfinden, mit welchen bereits bestehenden oder zukünftigen Auswirkungen bei einem doppelten Fluch dieser Art gerechnet werden musste.
Doch mit wem von den beiden sollte er beginnen? Miss Granger? Oder doch lieber Severus? Vermutlich würde es vernünftig sein, Miss Granger eine Atempause zu verschaffen. Und nicht nur das. Wenn er Severus als Ersten nach seinen heutigen Gefühlen Hermione gegenüber befragen würde, so würde er dem Mädchen nicht nur die von ihr sicherlich erhoffte, vielleicht sogar ersehnte Atempause, sondern auch die Möglichkeit geben, eine gewisse Sicherheit über Severus’ Gefühle ihr gegenüber zu erhalten und diese vorab zu analysieren. Seine Entscheidung war gefallen.
»Mir ist bewusst, dass du prinzipiell nicht über Emotionen sprichst, Severus, schon gar nicht über deine eigenen. Dass du sogar dementierst, überhaupt Gefühle zu haben. Aber dieses Mal ist es unumgänglich. Ich möchte vorausschicken, dass vielleicht niemand hier glücklicher darüber ist als ich, dass du Naginis Angriff überlebt hast. Aber wir müssen gemeinsam ergründen, was der doppelt geworfene Zauber bewirkt.« Er hielt einen Moment inne und fragte sich, wann er damit aufgehört hatte, sich für seine Halbwahrheiten und Manipulationen zu schämen. Er wusste es nicht mehr. Diese Worte waren ihm nur halb so schwer über die Lippen gekommen, wie er befürchtet hatte. »Mir ist bewusst, wie intim diese Frage klingen muss und wieviel Überwindung dich eine Antwort kosten wird, aber — also … was empfindest du heute für … Lily?«
Obwohl Severus von der ersten Sekunde an befürchtet hatte, dass genau diese Thematik bei der Klärung der Frage über die Auswirkungen des doppelten Fluches eine bedeutende Rolle spielen würde, musste er erst einmal tief durchatmen. Eigentlich hatte er sogar einen anderen Namen in der Fragestellung erwartet. Er zögerte. Niemals zuvor hatte er mit irgendeinem Anderen — außer vor vielen Jahren mit Albus selbst — über seine Gefühle für Lily gesprochen. Vorsichtig horchte er in sich hinein und sah kurz zu Harry hinüber, bevor er sich wieder Albus zuwandte. Seltsam, nein, es machte ihm nicht mehr so viel aus wie es ihm früher ausgemacht hätte, darüber zu reden, nicht einmal in Gegenwart ihres Sohnes. Nein, wirklich nicht, viel schlimmer würde es sein, später auch über seine Gefühle für Hermione sprechen zu müssen.
»Du weißt, wie sehr ich Lily immer geliebt habe, Albus … Allerdings spürte ich bereits eine Weile nach deinem Tod, dass sich irgendetwas verändert hatte. Der Alptraum, der mich über all die Jahre in so vielen Nächten gequält hat — in dem ich Lily vor meinen Augen sterben sehe und ihren Tod nicht verhindern kann — dieser Alptraum ist seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Andere, weitaus schwächere, ja, aber nicht dieser. Ich konnte Lilys Tod Monate später auf irgendeine Art und Weise, die ich selbst nicht verstand, verarbeiten, habe damit abgeschlossen. Es war, als hätte ich unter mysteriösen Umständen endlich die Chance bekommen, ehrlich um sie zu trauern.«
Er sah nicht, wie Minerva sich still und verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischte, sah nicht, dass Harry ihn mit einem Gesichtsausdruck musterte, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen. Er spürte allerdings, wie eine Welle aus Wärme und Zuneigung ihn überrollte, bis er sich wie in einem Kokon aus Liebe geborgen fühlte. »Sie wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Was ich heute empfinde ist die Trauer um einen geliebten Menschen, der Schmerz um den Verlust und die Scham um meine Rolle dabei. Ein dumpfer Schmerz, der vermutlich niemals vergehen wird, aber nicht mehr dieses schmerzhafte Ziehen, wenn ich nur daran denke, dass sie niemals zurückkehren wird.«
»Dann hatten Sie Recht, Phineas.« Dumbledore schaffte es, hochgradig erleichtert auszusehen. »Mein bestens ausgeklügelter Plan wurde von Miss Grangers Charakter unbewusst torpediert. Nun, ich hatte dies bereits erwartet, als Sie vorhin Ihre Beobachtungen geschildert haben, Hermione.« Und er verspürte einen kurzen Anflug von ehrlicher Reue, wenn er daran dachte, was er dieser jungen Frau aufgebürdet hatte.
»Das zeigt einzig und allein, dass es Ihren Plan nicht gebraucht hätte, um Professor Snape an seine Bestimmung zu binden«, bemerkte Harry ärgerlich. Er wollte sich nicht einmal ausmalen, durch welche Hölle Severus Snape zu Lebzeiten Dumbledores gegangen sein musste, wenn er Hermiones unbewusste Haltung ihm gegenüber als eine solche Erleichterung empfunden hatte.
Dumbledore nickte bedauernd. »Im Nachhinein weiß ich, dass es vieler Dinge nicht bedurft hätte, Harry. Dies war nur eines davon. Und dennoch — damals war ich mir sicher, dass es erforderlich wäre.« Er schwieg eine geraume Weile, bevor er sich bedächtig wieder an den Meister der Zaubertränke wandte, während er ihn mit Argusaugen beobachtete. »Severus, es ist viel verlangt, aber — was hast du während der letzten Monate des Krieges für … Mi— Hermione empfunden?«
Nun war es also soweit. Zwar zielte Albus’ Frage auf die Vergangenheit ab, aber Severus wusste genau, dass dies nur der Anfang sein würde. Er seufzte innerlich. Blacks vorherige Bemerkung über das Haarband hatte sicherlich bereits einen Großteil der Antwort gegeben und er war sich sicher, dass Albus daraus die richtigen Rückschlüsse gezogen hatte, aber ihm war auch klar, dass dieser auf einer Antwort bestehen würde, egal was geschah.
In Severus’ Gesichtsausdruck spiegelte sich nun eine unglaubliche Entschlossenheit wider. »Als meine Liebe zu Lily und der Schmerz und die Schuldgefühle über ihren Tod immer mehr zu verblassen begannen, wurden die Gespräche mit Schulleiter Black und das Haarband in meiner Robe zu meinem Anker in einer an sich hoffnungslosen Zeit. Je mehr Wochen und Monate verstrichen, umso mehr klammerte ich mich innerlich an ein Mädchen, das ich über viele Jahre öffentlich als Miss-Know-It-All beschimpft hatte und deren Triumph im Kampf gegen den Dunklen Lord ich nun mit jeder verstreichenden Minute mehr herbeisehnte. Sie war es, auf deren Cleverness und Beharrlichkeit ich mich verließ, wenn es um die Aufgabe ging, die du dem Jungen-der-überlebte gestellt hattest …
Ich war als Schulleiter in Hogwarts relativ abgeschnitten von den Aktivitäten und Neuigkeiten der Todesser. Doch als ich am 08. März auf einem eilends einberufenen Todesser-Treffen die Nachricht erhielt, dass dem Goldenen Trio die Flucht aus Malfoy Manor gelungen war, spürte ich, wie nachträglich nackte Angst um sie in mir hochkroch. Ich hatte vorher nicht die geringsten Informationen … Seit jenem Tag begann die Sorge um Hermiones Wohlergehen und Unversehrtheit meine Gedanken zu beherrschen, denn ich wusste aus den Berichten der damals in Malfoy Manor Anwesenden, die auf diesem Treffen durch Voldemort aus Bellatrix und den anderen herausgepresst worden waren, was dort mit ihr geschehen war …«
Für einen Augenblick sah er Lucius’ Gesicht vor sich, voller Blutergüsse, von den Nachwirkungen des Cruciatus gezeichnet — genau wie Bellatrix und Narcissa, und er glaubte wieder Dracos Schreie zu hören, der vor den Augen seiner Eltern und der versammelten Todesser zur Abschreckung erneut gefoltert wurde. Hilflos hatte sich Crissy vor die Füße ihres Masters geworfen und um Gnade gefleht, jedoch ohne Erfolg. Dann erinnerte Severus sich, wo er war.
Er blickte Hilfe suchend zu Albus hinüber. »Ich wusste nicht, warum ich etwas fühlte, was ich eigentlich nicht fühlen durfte, was für mich genau genommen gar nicht möglich sein konnte zu empfinden. Über lange Zeit habe ich versucht, dagegen anzukämpfen, allerdings ohne Erfolg. Und das Schlimmste daran war, dass ich dafür über all die Monate keine rationale Erklärung fand.«
Severus schwieg in dem Wissen, eigentlich schon viel zu viel über seine damaligen Gedanken und Emotionen preisgegeben zu haben. Doch ihm war auch bewusst, dass es sein musste, dass er keine andere Wahl hatte, wenn er Gewissheit über die Auswirkungen des doppelten Fluches haben wollte. Und es stand für ihn außer Zweifel, dass er dies wollte.
Nur aus diesem einzigen Grund überwand er sich schweren Herzens zum Weitersprechen. »Nach Naginis Angriff war ich mir sicher zu sterben. In meinen — wie ich damals glaubte — letzten Sekunden wollte ich dieses nebulose Gefühl vertreiben, dass ich Lily irgendwie aus meinem Leben gedrängt, ja geradezu daraus verbannt hatte und seit einiger Zeit eine ungewöhnliche Vertrautheit und mentale Zusammengehörigkeit zu einer anderen Frau empfand.«
Albus nickte verstehend. »Du spielst auf deine letzte Begegnung mit dem Goldenen Trio in der Heulenden Hütte an, oder?«
»Ja. Ich spürte Hermiones Anwesenheit, hatte sie trotz meines desolaten Zustandes hereinkommen sehen. Nenn’ es ein letztes Aufbäumen von Schuldgefühl, von mir aus bezeichne es auch als so etwas wie Gewissensbisse, aber nur deshalb bat ich Harry Potter, mich ein letztes Mal anzusehen. Ich war überzeugt davon, dass diese Augen das Letzte sein würden, was ich in meinem Leben zu Gesicht bekommen würde. Wie ich dir versprochen hatte, Albus, überließ ich ihm die Erinnerungen aus meinem Leben, sogar mehr, als du eigentlich gewollt hattest, damit er in die Lage versetzt würde, die Wahrheit über mein Doppelleben zu erkennen und mir vielleicht eines Tages zu verzeihen.«
»Moment, Severus, du sprichst von Schuldgefühlen und Gewissensbissen?! War es wirklich das, was in diesem Augenblick in dir vorgeherrscht hat?«, unterbrach Albus ihn mit gerunzelter Stirn.
»Ich denke — ja«, antwortete Severus nach kurzem Nachdenken.
»Merkwürdig … Das verstehe ich nicht … Es ergibt einfach keinen Sinn … Oder … doch?«, murmelte Dumbledore mehr zu sich selbst, als dass es an irgendjemanden der Anwesenden gerichtet war. »Hermione …«, immer noch reichlich verwirrt, wandte er sich nun an die junge Hexe, »â€¦ was genau ist zu diesem Zeitpunkt in Ihnen vorgegangen?«
Hermione spürte, wie sie erbleichte. Nur äußerst ungern dachte sie an ihren eigenen Fauxpas in der Heulenden Hütte zurück. Niemand außer ihr selbst hatte etwas davon bemerkt, da er sich nur in ihrem Verstand abgespielt hatte. »Es tut mir so schrecklich leid, Severus«, flüsterte sie beschämt.
»Es gibt nichts, für das du dich entschuldigen müsstest, Hermione«, antwortete Severus ruhig. »Erzähle einfach, was geschehen ist.«
Es kostete sie enorme Überwindung, ihm in die Augen zu sehen. »Ich habe … für ein paar Minuten die Kontrolle über meine eigenen Gedanken verloren. Als ich dich auf dem Boden liegen sah, kochten in mir noch einmal mit aller Macht die Trauer, Wut und Verbitterung wieder hoch, die ich über Professor Dumbledores Tod empfunden hatte — und … der Hass auf seinen … Mörder. Erst nach einiger Zeit, als ich mir selbst in Erinnerung rief, dass ich schon vor einer Weile zu der Überzeugung gekommen war, dass du ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch getötet haben musstest — dass du kein Mörder bist — verschwanden diese Gefühle.«
»Nun, dies erklärt deine Schuldgefühle, Severus. Und es verdeutlicht gleichzeitig sehr anschaulich, dass mein Fluch auf Hermione als Träger übergegangen ist.« Trotz all seiner in seinen gemalten Zügen deutlich sichtbaren Zerknirschung schwang in Albus Dumbledores Stimme ein selbstgerechter und arroganter Unterton mit, der seinen Gesichtsausdruck relativierte, vielleicht sogar als gekünstelt und gelogen entlarvte. Er schien — obwohl ihm so viel negative Resonanz entgegenschlug — immer noch zufrieden festzustellen, dass sein Plan bis zu einem gewissen Punkt dennoch funktioniert hatte, zumindest bis dahin, wo der unberechenbare menschliche Faktor ins Spiel kam.
Blaue gemalte Augen blickten Severus nun eindringlich an. »Ich kann es dir nicht ersparen, Severus. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber — was empfindest du … jetzt … für Hermione?« Man konnte sehen, wie schwer es Albus Dumbledore fiel, die Frage überhaupt zu formulieren, und sie dann auch noch auszusprechen. Nur selten hatten sie alle ihn so ernst erlebt, ohne einen Hauch dieses vertrauten Zwinkerns in seinen Augen.
Severus versteifte sich unmerklich. Nun war der Augenblick gekommen, den er von vornherein am meisten gefürchtet hatte. Noch vor einer Stunde hätte er sich nicht vorstellen können, seine Gefühle für Hermione zu analysieren, geschweige denn überhaupt darüber nachzudenken, eine solche Frage zu beantworten. Ja, das war wirklich viel verlangt. Wie sollte er etwas in Worte fassen, das er selbst nicht genau benennen konnte, oder besser gesagt — nicht benennen wollte. Es war ihm bereits nicht leicht gefallen, seine heutigen Gefühle für Lily vor Zeugen offen darzulegen, obwohl es einfacher gewesen war, als er es sich vorgestellt hatte — doch seine Gefühle für Hermione …?
Der Meister der Zaubertränke senkte den Kopf, so dass seine Haare wie ein Vorhang vor sein Gesicht fielen, etwas, das Hermione in den letzten Wochen gelernt hatte, als das zu lesen, was es war: Die Unsicherheit eines erwachsenen Mannes im Umgang mit seinen eigenen Gefühlen und seinem sozialen Umfeld, resultierend aus dem jahrelangen Mangel oder gar dem Nichtvorhandensein von zwischenmenschlichen Beziehungen gleich welcher Art. Betroffenheit und Traurigkeit übermannten sie zugleich, weil sie wusste, dass er so viel zu geben hätte, wenn er die Nähe eines anderen Menschen nur zulassen würde. Als ob er ihre Gedanken erahnen würde, hob er wie magisch angezogen den Kopf, blickte erst unstet auf jeden Einzelnen, bevor er Hermione mit brennendem Blick tief in die Augen sah. Sie erschauerte.
Severus spürte eine Welle aus Trauer und Bedrückung, die ihn zu überrollen drohte. Allerdings wurde ihm auch im selben Moment bewusst, dass diese Gefühle nicht ihm selbst entsprangen, sondern von einem anderen Menschen in diesem Raum ausgestrahlt wurden. Langsam schweifte sein Blick über die Anwesenden, um dann an Hermione hängenzubleiben. Hermione! Seine Augen bohrten sich in ihre und er begriff in diesem Moment, dass sie in seinem Gesicht und in seiner Körperhaltung las wie in einem offenen Buch. Und irgendetwas hatte sie dabei entsetzlich traurig gemacht. Doch was dies war, wusste er nicht.
Wie konnte er so etwas intimes wie seine Gefühle für Hermione preisgeben, wenn tief in seinem Inneren die Zweifel lauerten, ob seine Empfindungen erwidert werden könnten, dass seine Liebe … Mitten in dem Gedanken brach er ab. Hatte er wirklich gerade das Wort ‘Liebe’ verwendet? Liebe … War es … Liebe? Es fühlte sich anders an als das, was er für Lily empfunden hatte; es war tief … und ehrlich … und … anders.
Obwohl er wusste, was davon abhing, konnte er nicht gegen sein Naturell handeln. »Meinst du nicht, dass diese Frage ein ganzes Stück zu weit geht, Albus?«
»Severus, bitte …!« Albus Dumbledores Stimme klang fast flehentlich. »Tu’ es nicht für mich, sondern nur für dich!«
Severus’ Blick wanderte erneut zu Hermione hinüber, deren Augen jetzt wie gebannt an seinen Lippen hingen. Er sah, dass sie ihre Hände vor Anspannung ineinander verkrampft hatte, ihr Mund war leicht geöffnet, ihre Augen riesig. Er schüttelte unmerklich seinen Kopf. Dass Albus allen Ernstes erwartete, dass er diese Frage beantworten würde, wunderte ihn nicht. Dass er selbst jedoch die Möglichkeit ernsthaft in Betracht zog, allerdings sehr. »Was willst du, Albus? Dass ich mein Innerstes nach außen kehre? Schön … aber du trägst die Verantwortung dafür.«
In Dumbledores Gesicht erschien ein zaghaftes Lächeln. »Ich denke, dass ich nach allem, was ich getan habe, diese Verantwortung gerade noch auf mich nehmen kann.«
Irgendetwas an Albus’ Worten ließ bei Severus alle Alarmglocken schrillen und seine Nackenhaare sich aufstellen, doch so schnell dieses Gefühl gekommen war, so schnell war es auch wieder vorbei. Er presste die Lippen zusammen. Dann glaubte er für einen Augenblick wieder, Minervas ‘Feigling’ in seinen Ohren klingen zu hören. Nein, er war kein Feigling, auch wenn alles in seinem Inneren sich gegen eine Antwort sträubte. Noch einmal schweifte sein Blick über die Anwesenden, bis dieser dann an der Frau hängen blieb, die er — wie er sich nun selbst endlich eingestand — liebte.
Er strich sich geistesabwesend durch das schwarze Haar. »In den letzten Wochen haben sich meine Gefühle so stark verändert, dass ich mich selbst nicht wiedererkenne«, begann er leise. »Ich kann nicht abschätzen, wieviel davon auf den Zauberspruch zurückzuführen ist oder was und wieviel auf meinen eigenen unbewussten Emotionen beruht.« Damit sprach er seine insgeheim größte Sorge zum ersten Mal laut aus: Dass die positiven Gefühle nach dem Ende des Krieges, die Liebe, die er eindeutig empfand, nur ein Nebeneffekt des Fluchs sein könnten — ein grausames und trügerisches Spiel des Schicksals.
Dumbledore schloss gequält seine gemalten Augen. Er konnte die Unsicherheit des Mannes, der für ihn fast zwei Jahrzehnte lang als Spion an exponiertester Stelle ausgeharrt hatte, beinahe mit Händen greifen, etwas, das er bei ihm in all den Jahren niemals erlebt hatte. Etwas, was er sich niemals hätte vorstellen können, jemals zu erleben. Ein weiterer Aspekt, zu dem es ohne seine Einmischung nicht gekommen wäre …
»Du fragst, was ich heute für sie empfinde, Albus?«, drang Severus’ leise Frage an sein Ohr. »Nun, zum einen — unendliche Dankbarkeit … Dafür, dass Hermione mir eine Chance eröffnet hat, von der ich nicht glaubte, sie zu verdienen oder ihrer würdig zu sein, ja, nicht einmal glaubte, dass ich sie überhaupt haben wollte. Es hat längere Zeit gedauert, ehe ich die Tatsache akzeptieren konnte, überlebt zu haben. Und noch weniger habe ich damit gerechnet, als freier Mann leben zu dürfen, in einer fairen Verhandlung freigesprochen zu werden, nachdem ich mich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hatte, überhaupt weiterzuleben. Dies ist Hermiones Verdienst, und Minervas.«
»Dankbarkeit?« Albus beugte sich in seinem Sessel mit gerunzelter Stirn nach vorn. »Nur … Dankbarkeit? Das kann nicht das Einzige sein, Severus.«
Severus fühlte sich ganz und gar nicht wohl in seiner Haut und das Letzte, was er brauchte, war ein gemalter Albus Dumbledore, der seine Emotionen in winzige Einzelteile zerlegte. Für einen Augenblick erwog er, durch seinen altbekannten Sarkasmus und das Zurückstoßen seiner Mitmenschen aus dieser — wie er es zunehmend empfand — Falle zu entkommen, doch seine Logik gewann die Oberhand. Er würde nichts gewinnen, wenn er sich jetzt wie ein kleiner Junge in den Schmollwinkel zurückzog. Und doch! Etwas wollte er ganz bestimmt nicht hier — nicht in diesem Raum, nicht in dieser Atmosphäre: Hermione seine Liebe gestehen. Dies sollte einem anderen Ort, einer anderen Zeit vorbehalten bleiben.
»Wie ich sagte — Dankbarkeit ist die eine Seite, Albus«, schnappte Severus.
An seiner Reaktion war für Albus eindeutig abzulesen, dass Severus jetzt an der Grenze seiner Gelassenheit und Geduld, wenn es um die Offenlegung seines Innenlebens ging, angekommen war. »Ich weiß, mein Junge …« Der Blick, der ihn daraufhin traf, war mörderisch.
Vorsichtig versuchte sich Severus nun auf seinem Weg durch den Irrgarten seiner Gefühlswelt vorzutasten. Er warf Hermione einen kurzen Seitenblick zu, der ihm klar machte, dass sie an jedem Wort hing, das seine Lippen verließ. »In letzter Zeit musste ich feststellen, dass mein Beschützerinstinkt ihr gegenüber immer stärker wurde. Ich versuche zwar, mich so gut es geht zurückzuhalten, aber das ist nicht immer so einfach.«
»Nun, das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen«, hörte er Harry leise vor sich hin murmeln. Und in diesem Moment bemerkte Severus noch eine weitere Veränderung in seiner Einstellung. Hätte er früher wegen Harrys Unterbrechung zuerst höhnisch die Augenbraue nach oben gezogen und ihn dann zurechtgewiesen, schon allein, weil er der penetrante Junge-der-Voldemort-zweimal-überlebt-hatte war, so dachte er nun nicht einmal daran, genau diesen Jungen in Gedanken auch nur ‘Potter’ zu nennen. Das ganze Gegenteil war der Fall, er war begrifflich längst bei ‘Harry’ angekommen.
Severus wandte seine Aufmerksamkeit nun wieder Dumbledore zu, wobei er unmerklich auch Hermione aus dem Augenwinkel heraus beobachtete. »Mir ist bewusst, dass du keine Ruhe geben wirst, bis ich mein Innerstes nach außen gekehrt habe, Albus.« Seine Stimme bebte unmerklich, als er dann weiter erklärte. »Ich spüre eine Vertrautheit, die weit über das hinausgeht, was ich bei Lily empfunden habe, etwas, was über Freundschaft hinausgeht, ein quälendes Interesse an ihrer Person. Was ich nie mehr zu finden glaubte — Warmherzigkeit, Verständnis und Vergebung — ist jetzt wieder in greifbare Nähe gerückt.«
Albus nickte verstehend. »Und dieses Interesse — wie du es beschreibst — ich vermute, es war von Anfang an da!? Das ist kein gutes Zeichen«, sagte er mehr zu sich selbst. Er klang müde, erschöpft, wie jemand, dem erst nach und nach das volle Ausmaß des angerichteten Schadens bewusst wurde und der am Ende seines Lateins angekommen war. »Oh Merlin, was hab’ ich getan.« Schmerz vibrierte in der Stimme des Mannes, der — obwohl nur ein Portrait — in den letzten Stunden sichtbar gealtert schien.
»Ich bin mir nicht so sicher, dass es von Anfang an war, Albus!« Severus sah seinen alten Mentor nachdenklich an. »Als ich im Krankenflügel aufwachte, war sie für mich nichts weiter als ein Drittel des Goldenen Trios, allerdings der Teil, den ich ohne viel überlegen zu müssen sofort für mein ungeplantes und unerwünschtes Überleben verantwortlich machte. Und eines kannst du mir glauben: Meine Gefühle ihr gegenüber waren in diesem Moment alles andere als freundlich.«
»Das kann nicht sein, Severus…« Albus richtete sich plötzlich hellwach in seinem gemalten Sessel auf. »Dieser Zauber würde es niemals zulassen, dass du auch nur negative Gedanken über denjenigen hegst, der ihn geworfen hat. Das ist einfach nicht möglich!«
»Willst du meine Worte in Zweifel ziehen, Albus? Es war, wie ich sagte. Meine einzige Hoffnung in all den Jahren bestand darin, den Krieg gegen Voldemort am Ende nicht zu überleben, da ich keinerlei Zukunft für einen Mann wie mich sehen konnte. Ich war ganz und gar nicht glücklich darüber, als ich feststellen musste, dass ich wider Erwarten doch noch am Leben war. Und ich machte Hermione — zu Recht — dafür verantwortlich.«
»Trotzdem, Severus, es kann nicht so gewesen sein. Dieser Zauber lässt dir keine Wahl in deinen Gefühlen.« unterbrach ihn Albus sehr energisch. »Du konntest gar nicht anders, als Wärme und Zuneigung — nein, lass es uns aussprechen — Liebe — zu empfinden. Der Zauber wirkt nur auf diese Art!!!«
So eindringlich hatte Severus seinen alten Mentor, hinsichtlich dessen Person er sich wider besseren Wissens bis vor einigen wenigen Stunden noch an den Gedanken geklammert hatte, in ihm einen Freund sehen zu können, selten gehört. Er schnaubte laut. »Liebe …! Du meinst erzwungene Liebe, Albus!«, antwortete er höhnisch. »Nein, ganz gewiss nicht!«
»Es muss aber so gewesen sein. Wie ich sagte, der Zauber lässt etwas anderes gar nicht zu«, beharrte Albus.
»Nein. Erst nachdem Poppy und Minerva mich am Grimmauldplatz in Sicherheit gebracht hatten und ich gezwungenermaßen mit Hermione dort auf engem Raum zusammenleben musste, haben sich meine Gefühle verändert — und auch erst eine geraume Weile danach.«
»Bist du dir wirklich absolut sicher, Severus. Du warst schwer verletzt, es kann doch sein, dass aus diesem Grund deine Erinnerung …«
»Albus!!!«, bellte Severus, der allmählich die Geduld mit dem alten Mann verlor. In normaler Lautstärke setzte er dann jedoch hinzu: »Es gibt nur eine einzige mögliche Schlussfolgerung daraus, Albus. Dieser Zauber hat keinen Einfluss auf mich.«
Dumbledore wiegte zwar bedächtig, doch noch viel mehr ungläubig den Kopf. »Es scheint ganz danach auszusehen.« Er nahm seine Halbmondbrille ab und fuhr sich mit der freien Hand über seine gemalten Augen. »Ich hätte schwören können …«, murmelte er.
»Was?! Was hättest du schwören können?« Auch Professor McGonagall konnte nun kaum mehr verbergen, wie angespannt sie war.
Albus Dumbledore sah unsicher auf Minerva. »Ich denke, das sollte ich nachher erklären. Erst einmal möchte ich Miss Granger die selbe Frage stellen, um sicher zu gehen«, murmelte er. »Hermione«, wandte er sich nach einem intensiven Blick auf Severus an sie, »ich weiß, es ist viel verlangt — trotzdem … — welche … was … empfinden Sie … für Severus?« Es fiel ihm, gerade nach ihren heftigen Auseinandersetzungen, offensichtlich nicht ganz so leicht, diese Frage zu stellen.
Hermione schluckte hart. Sie merkte, wie ihre Wangen immer wärmer wurden und ahnte, dass sie rot glühten. >Wo ist dein ach so berüchtigter Gryffindor-Mut geblieben<, fragte sie sich verzweifelt. Verlegen senkte sie den Blick. »Ich … ich … weiß nicht, was … ich sagen …« Mitten im Satz brach sie ab, unschlüssig, wieviel sie sagen sollte. Severus hatte das Wort ‘Liebe’ nicht ausgesprochen, so dass sie ganz tief in ihrem Inneren immer noch zweifelte. Doch vielleicht war sein Verschweigen auch gewollt und nur der Tatsache geschuldet, dass sie nicht allein waren, dass Severus einem Mann wie Albus Dumbledore nicht noch einen weiteren Angriffspunkt verschaffen wollte. Wenn dem so war — und sie war sich dessen relativ sicher — sollte sie seinem Beispiel folgen. Sie würde besser daran tun, ihrem Instinkt zu vertrauen.
Sie atmete tief durch. Aus ihren Überlegungen heraus mied sie einen Blick in Severus’ Richtung. »Als ich in der Heulenden Hütte meine Entscheidung traf, hatte ich keine Vorstellung, ob und wie sie sich auf mein weiteres Leben auswirken würde. Was ich noch nicht einmal zu hoffen wagte, als ich im Krankenflügel stand, war, dass sich aus einem Zauber, der aus einem Buch der Dunklen Künste stammt, eines Tages etwas Gutes entwickeln könnte, vielleicht eine Art Verbundenheit.«
Albus schüttelte den Kopf. »Sie kannten die möglichen Auswirkungen des Zaubers doch, Hermione. Und Sie hatten sicherlich gelesen, dass unter den Gelehrten ein heftiger Streit darüber entbrannt war, als wie gefährlich dieser Fluch einzustufen sei.«
»Ja, natürlich, aber …« Für einen Moment war Hermione irritiert, doch als sie den versteckten Vorwurf dahinter verstand, brauste sie auf. »Muss ich mich jetzt auf einmal rechtfertigen?«
»Oh, nein!«, lenkte Dumbledore hastig ein. Er begriff, welche Dummheit er gerade begangen hatte, überlegte sich jedoch blitzschnell, dass er diesen Beinahe-Fauxpas genauso gut zu seinem Vorteil ausnutzen könnte. Zum einen hatte er sie damit auf relativ simple Art und Weise von ihrer Nervosität abgelenkt. Zum anderen bewirkte dies vielleicht auch, sie aus der Reserve zu locken, damit sie ein wenig von ihrer Wachsamkeit verlor.
Doch Hermione durchschaute den Schachzug. Sie sah kurz zu Severus hinüber, der nur darauf gewartet zu haben schien und ihr sofort einen warnenden Blick zuschoss, was ihren Verdacht bestätigte. Innerlich gewappnet gegen die Winkelzüge eines Albus Dumbledore konzentrierte sie sich nun wieder auf das, was sie Dumbledore sagen wollte.
»Nein, Professor Dumbledore, ich habe nicht damit gerechnet, jemals auf irgendeine Art und Weise Zugang zu meinem ehemaligen Zaubertränke-Professor zu finden, und wenn ich damit hätte rechnen können, so hatte ich keine Vorstellung davon, wie dieser aussehen könnte. Erst nach und nach — am Grimmauldplatz — bildete sich so etwas wie vorsichtiges gegenseitiges Vertrauen und ein vorsichtig tastendes Einfühlungsvermögen im Umgang miteinander, ja, eine Art Freundschaft heraus.«
Dumbledore verdrehte die Augen. »Wenn Sie sich hören könnten, Hermione … Sie sind sogar noch geschickter als Severus, wenn es darum geht, um den heißen Haferbrei herumzureden.«
Hermione lächelte leicht. »Nicht wahr, ich hatte einen hervorragenden Lehrmeister.« Doch dann wurde sie wieder ernst. »Die letzten Wochen am Grimmauldplatz haben mir bewusst gemacht, dass ich mehr für Severus empfinde als Kameradschaft, eine gewisse Vertrautheit oder Sympathie. Ich spüre eine Seelenverwandtschaft, die für mich neu und unfassbar ist, eine … tiefe Freundschaft, die in den letzten Wochen immer intensiver geworden ist.«
Albus blickte sie über den Rand seiner Halbmond-Brille nachdenklich an. »Seelenverwandtschaft …«
Doch Hermione sprach bereits kaum vernehmbar weiter. »Wenn ich in seiner Nähe bin, empfinde ich die Sicherheit und Geborgenheit, die ich nur in meinem Elternhaus kennengelernt habe und die ich ganz schrecklich vermisse, seit ich meine Eltern oblivatet und nach Australien geschickt habe. Er ist der einzige Mensch außer meinen Eltern und Harry, dem ich blind mein Leben anvertrauen würde.« Sie schwieg nun und es war offensichtlich, dass sie ihren eigenen Gedanken nachhing.
Minerva fragte sich in diesem Moment schockiert, ob sie Hermione richtig verstanden hatte. Was bei Merlins Bart hatte dieses Mädchen noch alles auf sich genommen, um Potter bei der Erfüllung der Prophezeiung zu helfen? War ihr denn nicht bewusst, wie gefährlich diese Oblivate-Zauber für die geistige Gesundheit waren? Vermutlich schon, da sie erlebt hatte, wie sich ein solcher Zauber auf Gilderoy Lockhart ausgewirkt hatte. Aber ausgerechnet ihre Eltern … Obwohl … Gerade sie wären für Voldemort ein sehr interessantes und nutzbringendes Ziel gewesen. Die Muggel-Eltern des ‘brain’ des Goldenen Trios zu töten … Welch ein Triumph!
Und nach Hermiones Beschreibung ihrer Gefühle zu Severus glaubte sie einmal mehr, dass Poppy vielleicht doch Recht gehabt hatte und alles darauf hinauslief, dass Hermione und Severus trotz aller widrigen Umstände ein Paar werden könnten. Sie würde es beiden gleichermaßen gönnen, ihr Glück zu finden. Severus hatte es nach all den Jahren der Einsamkeit und der Verfemung durch seine Umwelt verdient, endlich einen Menschen gefunden zu haben, der ihn trotz seiner nicht einfachen Persönlichkeit und seiner abenteuerlichen Vergangenheit liebte und der ihm intellektuell ebenbürtig war.
Und Hermione … Minerva musste — wenn auch ungern — zugeben, dass sie wohl eine bessere Wahl war als Lily. Ihre insgeheime Lieblingsschülerin hatte, obwohl sie durch den Sprechenden Hut in das Haus Gryffindor einsortiert worden war, eine Menge Fehler gehabt, auch wenn diese oftmals nicht im ersten Moment direkt in die Augen gesprungen waren. Hermione war dagegen ein ganz anderer Typ. Ehrlich, zuverlässig, unbestechlich, loyal bis in den Tod, jemand, der sich niemals blenden lassen würde und der wirkliche Freunde niemals fallenließ. Minerva musterte die junge Frau, die immer noch völlig in ihrer eigenen inneren Welt verloren wirkte.
Für sich selbst war sich Hermione ihrer Gefühle für den Meister der Zaubertränke längst sicher. Sie hatte schon während der Anhörung im Ministerium nicht mehr versucht zu verleugnen, dass sie sich ein Leben ohne Severus nur schwer vorstellen konnte. Es gab nur ein Wort, das ihre Empfindungen wirklich beschrieb: Liebe. Sie liebte diesen Mann von ganzem Herzen, daran bestand keinerlei Zweifel. Und doch stand ihr Entschluss fest.
»Das einzige, was ich mir für Severus’ Zukunft wünsche, ist, dass er glücklich wird und ein für ihn erfülltes Leben führt«, sprach sie ihren Gedanken laut aus. »Wie dieses Glück aussieht und was es beinhaltet, ist allein seine Entscheidung. Wichtig ist nur das, was er für sich selbst möchte. Dieser Zauber darf keinen Einfluss auf sein weiteres Leben haben, denn wenn dem so wäre, würde ich mir ein Leben lang Vorwürfe machen. Ich werde ihm niemals im Weg stehen.«
Hermione sah, wie Professor McGonagall verstehend nickte, als ob Hermione gerade ihre eigenen Gedanken bestätigt hätte. Sie hörte, wie Phineas Nigellus Black ein kurzes hartes Lachen und dann ein zynisches »Typisch sentimentale Gryffindors!« ausstieß. Ihre Augen begegneten jenen von Severus, und sie versank in seinen obsidianschwarzen Augen, die Bewunderung und … oh Merlin … Liebe ausdrückten. Sie konnte hören, wie Harry die Luft entweichen ließ, die er offensichtlich angehalten hatte.
Doch sie hörte und sah noch etwas anderes. Albus Dumbledore schüttelte mitleidig seinen Kopf und sein Gesichtsausdruck spiegelte dabei alles andere als Erleichterung wider. »Gefühlsduselige, närrische Gryffindor! Und das soll die mächtigste und brillanteste Hexe ihrer Generation sein?!!! Ich hatte Sie damals ganz anders eingeschätzt.« Ein bitteres Lachen folgte, bevor er hinzusetzte: »Oh, ja, Miss Granger, ich hatte bis vor nicht allzu langer Zeit eine ganz eigene Vorstellung davon, wie Severus’ Leben aussehen sollte, falls er Tom Riddle überleben würde.«
Lähmendes Schweigen folgte diesen Worten. Alle Anwesenden waren einfach nur sprachlos vor Entsetzen und Erschütterung über diese harschen Worte. Doch bevor sich irgendjemand von dem Schock erholen konnte, sprach Dumbledore bereits weiter.
»Du hast vorhin gefragt, was ich hätte schwören können, Minerva. Nun, ich werde deine Frage beantworten, auch wenn dir und allen Anderen die Antwort nicht gefallen wird.« Er sah sie eindringlich an und in diesem Moment begriffen alle, dass es nichts Gutes sein konnte, was jetzt zur Sprache kam. »Ich hätte schwören können, dass der Zauber beim zweiten Mal seine Macht potenziert! Dass Severus unter dieser Macht dazu gezwungen ist, Hermione Granger zu dienen, egal in welcher Form, dass er von ihr benutzt werden kann, wie ich es damals gewollt hatte, weil ich überzeugt war, dass er es verdient hatte …«
Niemanden hielt es mehr in ihren Sesseln. Professor McGonagall war die erste, die wutschnaubend aufsprang. »Albus Dumbledore!!!«, brauste sie auf.
»Das kann doch nicht …!« Harry war außer sich.
»Schulleiter Dumbledore …!« Das war die Stimme aus dem Portrait von Phineas Nigellus Black.
»Du Monster!«, entfuhr es Severus entsetzt.
Selbst lautstarker Protest von allen Seiten konnte Albus nicht stoppen. »Ja, verdient!!! Das war meine feste Überzeugung.« Seine Stimme klang kalt und hart. »Im Gegensatz zu dir, Minerva, und egal, was auch immer ich in der Öffentlichkeit dazu sage, habe ich bis heute nicht vergessen, dass es allein Severus Snapes Schuld war, dass ein aufstrebender Zauberer wie James Potter, der ein riesiges Potential in sich barg, sein Leben verlieren musste.«
»James Potter …?« Minerva konnte es nicht fassen.
»Ja, James! In ihm habe ich mich selbst wiedererkannt — vom ersten Tag an, als er diese Schule betrat. Er hatte alles, was einen viel versprechenden aussichtsreichen Zauberer ausmachte: Nicht nur Geld und Ansehen, sondern auch insbesondere Intelligenz und Ehrgeiz, Enthusiasmus und Ergebenheit und nicht zuletzt die richtigen Freunde.« Dumbledores Abbild hatte geradezu einen schwärmerischen Ausdruck auf seinem gemalten Gesicht.
»Ist es dir niemals in den Sinn gekommen, dass deine Erinnerung ein klein wenig verklärt sein könnte, Albus? Der James Potter, an den ich mich erinnere, war alles andere als ehrgeizig und ergeben. Ganz im Gegenteil. Er hatte das Glück des Tüchtigen, dem alles in den Schoß fiel, und brauchte sich nicht anzustrengen, um Menschen um den kleinen Finger zu wickeln. Dabei war seine Arroganz und Selbstherrlichkeit nicht zu übersehen; und wenn du mich fragst, hatte er eine grausame Ader«, konterte Minerva aufgebracht.
Und sie war noch nicht fertig »Wenn ich an die damalige Zeit zurückdenke, dann waren die sogenannten Marauders, und ganz besonders Sirius Black und James Potter, die schlimmsten Unruhestifter in der Geschichte Hogwarts. Und ihre Streiche waren oftmals — ganz anders als bei den Weasley-Zwillingen — nicht einmal annähernd lustig, sondern häufig geprägt von Selbstgefälligkeit und Geltungsbedürfnis. Enthusiasmus konnte ich bei James und seinen Freunden nur erkennen, wenn es darum ging, Regeln zu brechen oder Menschen vor den Kopf zu stoßen, die ihnen nicht in den Kram passten. Sie taten unverhältnismäßige Dinge aus purer Langeweile heraus oder schlicht und einfach, um Aufmerksamkeit zu erregen. James liebte es, im Mittelpunkt zu stehen, und dafür war ihm oft jedes Mittel recht.«
Harry schuffelte verlegen und beschämt seinen Fuß über den Boden. Er fühlte sich äußerst unwohl in seiner Haut. »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie grausam mein Dad sein konnte«, sagte er leise. »Jemanden, der ihn nicht angegriffen oder beleidigt hatte, einfach so verkehrt herum in die Luft zu hängen, so dass alle seine Unterhose sehen konnten, ist skrupellos. Und ich schäme mich dafür.« Entschuldigend sah er zu Severus hinüber.
Hermione keuchte auf. Sie wusste nicht, wovon ihr bester Freund sprach, aber allein die Vorstellung … Erst Harrys Blick zu Severus hinüber machte ihr erschreckend bewusst, dass Severus damals James’ Opfer gewesen sein musste. Ihre Abneigung gegen James Potter wuchs mit jeder Sekunde.
Doch Dumbledores Reaktion war völlig anders. Er lachte leise in sich hinein. »Oh… ich kenne die Geschichte. Aber Harry, die beiden waren vom ersten Tag in Hogwarts an verfeindet. Und natürlich spielte auch die Rivalität um deine Mum bei dieser Gelegenheit und zu dieser Zeit bereits eine große Rolle.«
Harry jedoch konnte über diese Episode schon lange nicht mehr lachen. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er darüber noch nie gelacht, nicht einmal, als er die Erinnerung damals im Denkarium gesehen hatte. Ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal hatte er in diesem Moment in Zweifel gezogen, was Remus, und ganz besonders Sirius, ihm über ihren Freund James erzählt hatten. Er hatte sich für seinen Vater geschämt — und für dessen Freunde. »Ich fand es lediglich entwürdigend und erniedrigend«, antwortete er nachdrücklich.
Doch Albus Dumbledore schüttelte nur seinen Kopf. »James hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Dieser Junge wusste, was er wollte. Er hatte schon vom ersten Schuljahr an einen Narren an Lily Evans gefressen. Wenn er nicht in seinen letzten drei Schuljahren mit noch härteren Bandagen gekämpft hätte, glaubst du wirklich, dass er dieses Mädchen jemals hätte für sich gewinnen können? Sie wäre mit Sicherheit bei Severus Snape geblieben. Manipulation ist alles, Harry. Und, Minerva, was glaubt ihr eigentlich, wo diese Welt wäre, wenn ich nicht all die Jahre hinter den Kulissen die Fäden gezogen hätte?«
»Meinst du nicht, dass du von dir auf andere schließt, Albus?«, fragte Professor McGonagall und konnte nicht anders, als ihm einen Blick zuzuwerfen, in dem Abscheu und Zorn standen. »Hochmut und Selbstüberschätzung waren noch niemals gute Ratgeber. Du hast in deinem Leben zu oft mitleidlos und kaltblütig Menschen nach deinen Wünschen manipuliert, um zu begreifen, dass nicht jeder nach Macht, Einfluss und Ansehen strebt, um Menschen wie zum Beispiel Hermione oder auch Harry wirklich verstehen zu können. Ich vermute, dass wir immer noch nicht alles gehört haben. Vielleicht solltest du jetzt endlich die gesamte Dimension deiner Manipulationen offenbaren!«
»Du hast wahrscheinlich Recht, Minerva.« Dumbledores Stimme klang plötzlich müde und kraftlos. Er hatte in einem unbeherrschten Moment zuviel preisgegeben — hatte entgegen seiner sonstigen Art impulsiv reagiert — und erkannte nun, dass es kein Zurück geben würde. Nun musste er die ganze Wahrheit bekennen, auch wenn er damit zum ersten Mal in seinem Leben seine Intrigen und Winkelzüge über fast dreißig Jahre aufdecken würde und Gefahr lief, sein Ansehen, seinen Namen und wahrscheinlich auch seine Einflussnahme zumindest auf die hier Anwesenden zu verlieren. Obwohl — er war sich fast sicher — bei Miss Granger und Severus Snape war dies schon vor längerer Zeit geschehen.
»Ich hätte nie geglaubt, dass es eines Tages so weit kommen würde.« Dumbledore rieb sich über das gemalte Kinn. »Nun… mir ist bewusst, dass ich den Fragen zu der Vergangenheit und meiner Rolle darin nicht mehr ausweichen kann und ich werde mich stellen. Trotzdem muss ich euch warnen: Niemand von euch sollte den Versuch unternehmen, dies an die Öffentlichkeit zu zerren! Ich würde es vehement abstreiten und ich würde Mittel und Wege suchen, ihm oder ihr das Leben zur Hölle zu machen!« Er hielt inne, und seine Augen wanderten langsam über die Anwesenden, um sie der Reihe nach anzusehen.
»Ihr wollt meine wirkliche Motivation erfahren? Wollt wissen, was sich hinter den Kulissen abgespielt hat? Welches Ungemach ich in den letzten fast dreißig Jahren angerichtet habe…? Legen wir die Karten also offen auf den Tisch!« Er schwieg einen Moment, als ob er darüber nachdenken musste, wo er beginnen sollte. Dann nickte er wissend.
»Als du 1971 nach Hogwarts kamst, Severus, spürte ich die tief in dir verborgene Macht und das riesige magische Potential, die von dir ausgingen. Während ich von der einnehmenden Art der vier Jungen, den späteren Marauders, sofort angetan war, erkannte ich in dir, dem elfjährigen blassen Jungen in der viel zu großen und schmuddeligen Kleidung, die Wurzel allen Übels wieder — das Dunkle, nach dem du strebtest, das ich schon einmal viele Jahre zuvor gesehen und nicht energisch und gnadenlos genug bekämpft hatte.
Natürlich sah ich auch deine Verletzungen, sowohl die physischen als auch die psychischen, wenn du aus den Ferien zurückkamst oder die Marauders den Kampf vier gegen einen wieder einmal für sich entschieden hatten — und du Poppys Hilfe brauchtest — aber ich beschloss, sie nicht nur bewusst zu übersehen, sondern weitere hinzuzufügen. Oh ja … mir war nicht entgangen, wie sehr der kleine Junge, der vor mir stand, um meine Aufmerksamkeit, meine Zuneigung und meine Sympathie buhlte — und genau das machte ich mir zunutze — denn ich hatte schon einmal den Fehler gemacht, die Dunkle Gefahr nicht ernst genug zu nehmen. Den jungen Tom Riddle hatte ich unterschätzt, und das sollte mir bei einem weiteren kindlichen Anhänger Dunkler Magie nicht passieren. Ich würde von Anfang an mit harter Hand durchgreifen, würde ihn mit Nichtbeachtung und Ablehnung strafen. Nun … daran hielt ich mich.
Als du älter wurdest, musste ich allerdings zu meinem Entsetzen feststellen, dass deine Faszination für Dunkle Magie keinesfalls nachgelassen, sondern ganz im Gegenteil immer mehr zugenommen hatte. Noch etwas. was du mit Tom gemein hattest. Ich war damals fest überzeugt davon, dass ich dich endgültig an Voldemort und seine Dunklen Künste verlieren würde. Und genau das geschah nach dem Tod deiner Mutter. Seit jenem Tag basierte meine ganze Hoffnung auf James Potter.« Albus seufzte.
»Ich war vorhin vielleicht nicht ganz ehrlich …«, gab er ohne Bedauern zu, »So sehr ich James Potter und alles, wofür er stand, auch schätzte — natürlich hatte ich das unbändige Geltungsbedürfnis und James’ Hang zu Arroganz genauso wie seine anderen Charakterschwächen schon recht früh erkannt, auch wenn ich bis heute nicht bereit gewesen bin, dies offen zuzugeben. Doch ich kannte auch eine ganz spezielle Schwäche, seine Achillesferse, wenn du so willst: Lily Evans und seine Begierde, sie an sich zu binden. Nur gab es dabei ein unüberwindbares Problem — dich.
Niemals — und ich meine wirklich niemals — hätte ich damit gerechnet, dass ausgerechnet du selbst dieses Problem für mich lösen würdest. Der Bruch mit Lily, den ein einziges Wort in deiner Unbeherrschtheit — dieser Affront deinerseits gegen die einzige Freundin, die du je hattest — verursacht hatte, leistete meinen Plänen enormen Vorschub. James ergriff seine Chance mit beiden Händen, wie ich es erwartet hatte. Und Lily — nun, da kam ich ins Spiel.«
»Sag’s doch richtig«, knirschte Severus zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Du hast Lily manipuliert!«
»Nun … sagen wir einfach, ich habe … nachgeholfen.«
»Manipuliert!!!«, fauchte er.
Dumbledore schüttelte den Kopf. »Nein, Severus. Ich habe sie nicht mental manipuliert, zumindest nicht auf die Art und Weise, die du vermutest. Lily war all die Jahre die Einzige gewesen, die James mit seinen Eskapaden nicht hatte beeindrucken können, die seine Protzerei regelrecht abgestoßen hatte. Ich wusste, ihm würde jedes Mittel recht sein, sie für sich zu gewinnen, und er würde sicherlich nicht hinterfragen, warum Lily Evans ihre Meinung geändert haben könnte.«
»Was hast du getan?«, flüsterte Severus qualvoll. Seine Stimme gehorchte ihm kaum und er spürte, wie ein Zittern wie bei einem Cruciatus durch seinen gesamten Körper lief.
»Du warst damals noch zu jung, um einen Unterschied zwischen echter Liebe und durch magische Hilfsmittel gesteuertem Verlangen erkennen zu können. Heute, als Meister der Zaubertränke, würde dir sofort klar werden, dass die vermeintliche Liebe der kleinen Evans zu James Potter einem mächtigen Zaubertrank geschuldet war, einem Zaubertrank, dessen Wirkung mindestens zehn Jahre lang vorgehalten hätte.«
Sprachloses Entsetzen breitete sich im Büro des Schulleiters aus. Vier Augenpaare blickten ihn erschüttert und fassungslos an.
Severus war der Erste, dem es gelang, sich aus der Starre zu befreien. »Was bist du für ein Ungeheuer, Albus!«, zischte er. »Wir waren noch halbe Kinder …«
»Es war zum Besten der magischen Welt …«, begann er, wurde jedoch von einer wutschäumenden Minerva unterbrochen.
»Du … du …«
»Lassen Sie ihn weitersprechen!« Hermiones Stimme klang kalt und hart, ihr Gesicht ließ ihre Gedanken nicht erkennen. Sie fühlte sich zurückversetzt an den Morgen nach der Letzten Schlacht, als sie Dumbledore das erste Mal zur Rede gestellt hatte. Damals hatte er sie eingewickelt, wie sie nun wusste, doch noch einmal würde ihm das nicht gelingen.
Auch Harry zeigte keine Regung. Er hatte die Augen geschlossen, sein Gesicht eine steinerne Maske. ‘Ganz im Gegenteil, ich wäre sehr stolz darauf, den tapfersten Mann, den ich jemals kennengelernt habe, zum Vater zu haben’, kamen ihm seine Worte in den Sinn, die er damals im Interview zu Luna gesagt hatte und die den Weg in den Klitterer gefunden hatten. >Ja, ich wäre stolz!<, dachte er, doch Dumbledore fuhr mit seinem Geständnis fort.
»Keine Sorge, Miss Granger, Sie werden alles erfahren. Also, wo war ich … Die Beiden fanden zueinander, wie ich es beabsichtigt hatte. Noch vor seinem Abschluss in Hogwarts war ich mir sicher, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte und ich ihn nun bald nach meinen Plänen würde einsetzen können, denn er hatte sich durch Lily Evans verändert und einen Großteil seiner Schwächen überwunden. Sie heirateten, gründeten eine Familie und aus James wurde ein ehrenwerter Zauberer. Zwei Jahre ging alles gut, bis … ja, bis Sibyl Trelawney …« Dumbledore brach ab. Jeder wusste, wovon er sprach: Die Prophezeiung und Severus’ Verrat.
»Und dann geschah es: In deiner Gier nach Anerkennung und Bestätigung — was ich dir Beides wohl überlegt immer versagt hatte, Severus — konntest du nicht anders, als Voldemort zu verraten, was Sibyl in ihrer Trance prophezeit hatte. Womit du jedoch nicht gerechnet hattest, trat ein: Voldemorts Verdacht fiel nach Abschluss seiner Nachforschungen auf die Familie der Potters und James musste mit Lily und Harry untertauchen.«
»An jenem Tag, an dem Voldemort für sich entschied, welches Kind die Prophezeiung erfüllte, und du völlig verzweifelt bei mir angekrochen kamst und mich anflehtest, Lily zu beschützen, wusste ich, dass ich dich damit bis zum letzten Atemzug in der Hand hatte, Severus.«
Er warf Harry einen kurzen Blick zu. »Lily und Harry Potter interessierten mich nicht sonderlich, obwohl Lily sich im Kampf gegen Voldemort als durchaus nützlich erwiesen hatte. Lily Evans hatte mit der Heirat ihren Zweck für mich erfüllt. Sie sollte James bei Laune halten; abgesehen davon war sie wertlos, sowohl als Mensch als auch, da sie nur muggelstämmig war. Wichtig für mich war allein James. Ich konnte und wollte nicht das Risko eingehen, ihn zu verlieren. Ich überließ ihm meinen stärksten Schutzzauber — den Fidelius — und schärfte ihm ein, als Geheimniswahrer seinen zuverlässigsten Freund — nach meiner Einschätzung Sirius Black — einzusetzen. Nun, heute kennen wir die Gründe, warum er sich nicht für Sirius, sondern für Peter Pettigrew entschieden hat — ein tödlicher Fehler.«
»Wie kannst du es wagen …?«, fuhr Severus erneut auf. »Lily war der wertvollere Mensch; sie …«
»Meine Mum war nicht minderwertig!«, unterbrach Harry Albus gleichzeitig aufgebracht.
»Das ist nicht wahr, Albus. Lily war eine clevere, intelligente Hexe! Aber … Was in Merlins Namen war so außergewöhnlich an ihm, an James Potter?« Minerva konnte es nicht nachvollziehen.
»Außergewöhnlich?« Dumbledore sah sie unterkühlt an. »Nun, nichts. Allerdings besaß er eine sehr ausgeprägte magische Fähigkeit, nämlich für gestaltverändernde Verwandlung. Aufgrund seiner Reinblut-Abstammung konnte er sich auf jedem Parkett bewegen, Geld spielte keine Rolle für ihn und er hatte nichts von seinem jungenhaften Charme verloren, obwohl er nun auch menschlich gereifter war.«
»Das trifft auf viele Reinblüter zu, Albus«, bohrte Minerva, mit seiner Antwort nicht zufrieden, nach.
»Ja, sicher. Doch für mich war insbesondere interessant, dass er von den Peverells abstammte und sich deshalb vermutlich mindestens eines der Heiligtümer des Todes in seinem Besitz befand — der Tarnumhang. Seitdem ich mir über diese Tatsache relativ sicher war und nur noch der letzte Beweis fehlte, hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, auf welche Art ich mir dieses Wissen zunutze machen könnte, um Voldemort zu vernichten. Allerdings beinhaltete mein noch nicht ganz ausgereifter Plan einen lebenden James Potter.
Allein verantwortlich für James’ Tod, mit dem all meine auf ihn gesetzten Hoffnungen durch einen einzigen Unverzeihlichen zerstoben, war in meinen Augen mein damals seit einigen Monaten ‘treu ergebener’ Spion, Severus Snape. Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Der Fluch, mit dem ich Severus als Strafe für meine nicht enden wollende Verbitterung über den Verlust meiner Möglichkeiten mit James belegt habe, sollte ihn deshalb nicht nur unlösbar an meinen Willen binden, sondern gab mir die Genugtuung, dass er, so lange er selbst lebte, ständigen Qualen wegen seines Verlustes von Lily ausgesetzt sein würde.
Als Harry Potter zehn Jahre später nach Hogwarts kam und ich miterlebte, wie ausgezeichnet Severus seine Rolle des Potter-hassenden Tränkemeisters spielte und mit welcher Leichtigkeit er Harry dazu brachte, den Mann zu hassen, dem ich vor vielen Jahren das Kleinkind nur mit viel Überredungskunst aus den Armen nehmen konnte — dies war ein Schauspiel, das ich nur als diebisches Vergnügen für mich bezeichnen konnte.« Dumbledore konnte sich ein süffisantes Lächeln auch jetzt nicht verkneifen. War sein Blick bisher unstet zwischen allen Beteiligten hin und her gewandert, so sah er Severus nun allerdings direkt an.
»Ich hatte all die Jahre mir Gedanken gemacht, wie ich für den Fall meines Todes vorsorgen könnte. Meine Unsicherheit hinsichtlich deiner Zuverlässigkeit und Einstellung zu Dunkler Magie hatte sich nicht geändert. Oh ja … ich sah, wie du regelrecht um mein Vertrauen gebettelt hast, und ich fühlte mich dabei stark an die Vergangenheit erinnert, an den kleinen schwarzhaarigen Jungen im Krankenflügel. Und ja … ich vertraute dir völlig, allerdings nicht, weil ich von deiner Abkehr von Voldemort überzeugt gewesen wäre, sondern aufgrund meines Zaubers und der Qual, die ich tagtäglich in deinen Augen erkennen konnte.
Meine Wahl für die Trägerschaft des Fluches fiel auf Miss Granger. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass sie — im Gegensatz zu Harry — aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer Cleverness als Hexe die kommenden Auseinandersetzungen überleben könnte, und selbst dann eine recht gute Überlebenschance haben würde, wenn entgegen all meiner Hoffnungen Voldemort siegreich wäre. Von ihr glaubte ich, dass sie den Charakter besäße, auch unbewusst meinen bis zu meinem Tode ungebrochenen Einfluss auf dich aufrechtzuerhalten. Ich hätte es besser wissen müssen«, seufzte er.
»Nun, es ist meine eigene Schuld, dass ich als Träger meines Zaubers die für meine damalige Einstellung falsche Person gewählt habe. Ich hatte schlicht und einfach S.P.E.W. außer Acht gelassen, hatte diese kleine Episode vollkommen vergessen. Ich weiß jetzt, dass es nicht Miss Grangers Charakter entspricht, einen anderen Menschen oder ein anderes lebendes Wesen zu dominieren, aber … die Übertragung der Trägerschaft des Fluches war trotzdem die letzte Hoffnung, die mir für meine selbstgewählte Mission blieb«, gab Albus geschlagen zu.
»Wenn ich es im Nachhinein betrachte, war meine Wahl vielleicht doch so eine Art Glücksgriff. In meinem letzten Lebensjahr — nachdem ich der Versuchung erlag, mit Hilfe des Wiederauferstehungssteins meine Mutter Kendra und meine Schwester Ariana wiederzusehen — habe ich mehr und mehr gespürt, dass Severus ehrlich um mein Vertrauen warb, das ich ihm nicht entgegenbringen konnte und um das Gefühl einer Partnerschaft, die ich ihm nicht zugestehen wollte, selbst als er mir das größte Opfer brachte, dessen er fähig war: Das Versprechen, mich, den er als Freund gewinnen wollte, in aussichtsloser Lage im Interesse des Greater Good zu töten. Aber ich glaubte es um unserer Sache willen nicht riskieren zu können, meinen Fluch zu lockern und selbst wenn — ich hätte nicht gewusst, wie.«
Eiseskälte war bei Dumbledores Erklärungen in Hermione hochgekrochen, die sie vollkommen sprachlos machte. Sie blickte sich hilflos um, sah Harrys verstörtes Gesicht, während Minervas Lippen nur noch einen schmalen Strich bildeten. Severus hatte die Augen geschlossen, so dass sie nicht in den Spiegel der Seele des Mannes sehen konnte, den sie liebte. Langsam ging sie zu ihm hinüber und griff nach seiner Hand. Er zuckte zusammen und fuhr herum.
»Lass uns gehen, Severus. Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns noch irgendetwas hören möchte, geschweige denn etwas dazu zu sagen hat«, sagte sie mit erstickter Stimme.
Aber Severus schüttelte den Kopf und hielt sie zurück. »Warte! Ich glaube diesem alten Intriganten kein einziges Wort mehr. Abgesehen davon halte ich seine Schlussfolgerung, der Fluch hätte sich potenziert, für falsch. Und ein paar andere Dinge auch noch. Erinnerst du dich? Er hat vorhin das Wort Forschungen benutzt! Das war nicht nur einfach so dahergeredet … Es muss hier irgendwo …« Damit drehte er sich herum und betrachtete eingehend den Schreibtisch, der einstmals Albus Dumbledore gehört hatte. Er zog seinen Zauberstab und richtete ihn darauf. »Specialis revelio!« Doch nichts geschah. Allerdings hatte Severus das auch nicht wirklich erwartet. Er blickte sich weiter um. »Wenn, dann hier irgendwo…« murmelte er.
»Schulleiter Snape?« Phineas Nigellus Blacks Stimme klang verschlagen. »Vielleicht sollten Sie es dort drüben versuchen.« Das Portrait deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger an die gegenüberliegende Wand, sobald Severus sich zu ihm umgedreht hatte.
»Wag’ es nicht!!!«, fauchte Dumbledores Stimme plötzlich aufgebracht.
Doch Severus ließ sich nicht aufhalten. Mit gezücktem Zauberstab versuchte er es an der angegebenen Stelle nochmals. »Specialis revelio!«
Deutlich konnte man das Geräusch von sich verschiebenden Steinen vernehmen. Dann öffnete sich wie von Geisterhand zwischen zwei Steinen ein Hohlraum, in dem mehrere Rollen Pergament und zwei Bücher lagen.
»Das da geht dich gar nichts an!« Dumbledores Stimme überschlug sich beinahe.
Als Severus sich daraufhin zu Dumbledore umwandte, zog er seine Augenbraue so hoch, dass sie fast in seinem Haaransatz verschwand. »Sonst noch was?«, fragte er voller Ironie. Er griff nach den Büchern und Rollen, ohne auch nur vorab einen Blick darauf zu werfen, steckte die Pergamente in die Innentaschen seiner Roben, klemmte sich die Bücher unter den Arm und griff dann nach Hermiones Hand. »Jetzt können wir gehen.«
Fortsetzung folgt…
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