Coniunctio perpetua - Kapitel 30 — Überraschungen
von Alea_Thoron
DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der mich mit »Und wann schreibst Du endlich Deine eigene Geschichte?« erst dazu gebracht hat, diese Story Wirklichkeit werden zu lassen.
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
Kapitel 30 — Überraschungen
Severus hatte den Arm um Hermione gelegt. Sie gingen hinunter in die Eingangshalle bis zu der engen Treppe, die hinunter in die Dungeons der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei führte. Kurz vor der ersten Stufe blieb er einen Moment stehen, um ihr einen Blick zuzuwerfen, der sie zu fragen schien, ob sie wirklich mitkommen wolle. Als Antwort auf seine unausgesprochene Frage lehnte sie kurz den Kopf an seine Schulter und drückte leicht seine Hand, die auf ihrer Schulter lag.
Nachdem sie diese letzte Treppe, sowie die Eingänge zum Zaubertränke-Klassenzimmer und seinem ehemaligen Büro, hinter sich gelassen und das Halbdunkel der Kellergewölbe erreicht hatten, blieb Severus abrupt vor einem Bild mit einem über einer dunklen Landschaft aufgehenden riesigen Vollmond, der von einem weißen Wolf angeheult wurde, stehen. Sobald die beiden direkt vor dem Bild standen, hielt der Wolf mit seinem Geheul inne und funkelte sie mit durchdringenden schwarzen Augen und einem beinahe menschlich wirkenden prüfenden Blick an, bevor er mit einem Peitschen seiner Rute im dichten Unterholz verschwand.
»Ein Vollmond und ein … Wolf — ausgerechnet?«, konnte Hermione sich nicht zurückhalten zu fragen, während sie in Snape’scher Manier eine Augenbraue hochzog.
»Ja … Ich wollte mich immer erinnern …« Die Antwort kam leise, aber bestimmt.
»Ich dachte, Ginny hätte erwähnt, dass du die Wohnung des Schulleiters übernommen hättest«, wunderte sie sich laut.
Severus verzog einen Mundwinkel zu einem ironischen Lächeln. »Nun, das war meine offizielle Wohnung, in der ich auch ohne Bedenken meine Todesser-Kollegen empfangen konnte. Das Ministerium hat sicherlich alles beschlagnahmt, was sich darin befand und ich vermute trotz Goldsteins Zusage einer beschleunigten Abwicklung, dass es noch längere Zeit dauern wird, bevor meine wenigen wirklich persönlichen Sachen wieder freigegeben werden.« Dann lächelte er ehrlich. »Allerdings habe ich mir gleich zu Anfang meiner ‘Todesser-Schulleiter-Karriere’ durch das Schloss einen geheimen Verbindungsgang zu meiner wirklichen Wohnung hier unten schaffen lassen. Ich wusste gar nicht, dass es den Schülern so wichtig gewesen ist, die Position meiner Wohnung zu kennen?«
»Den Schülern im Allgemeinen wahrscheinlich nicht, aber du solltest Dumbledores Armee nie unterschätzen«, antwortete Hermione mit einem leicht frotzelnden Lächeln.
»Oh, ja, Dumbledores Armee.« Kopfschüttelnd berührte Severus mit der Spitze seines Zauberstabes den Mond, woraufhin dort, wo soeben neben dem Bild noch dunkler roher, fast unbehauener Stein gewesen war, die Umrisse einer Tür und eine Türklinke sichtbar wurden. Hermione vermutete, dass diese Tür direkt in Severus’ Wohnräume führte. Er murmelte eine Beschwörung vor sich hin, von der Hermione nur mitbekam, dass die Worte aus dem Lateinischen stammten, und von der sie annahm, dass er damit die Banne senkte, die seine Wohnung vor unerwünschten Eindringlingen schützten.
Die Tür schwang auf und Severus zog eine sehr neugierige Hermione — auch wenn sie das niemals zugegeben hätte — durch einen recht spärlich mit Fackeln beleuchteten Flur in ein dafür umso helleres Wohnzimmer. Sie schnappte unwillkürlich nach Luft. Im flackernden Kerzenschein sah sie, dass drei der vier Wände in dem behaglich einrichteten Raum vom Boden bis zur Decke mit Büchern gepflastert waren. Sie drehte sich langsam einmal um sich selbst, vollkommen fassungslos und mit offenem Mund. Das war mehr, als sie erwartet hatte. Ihr Bücherwurm-Herz konnte bei diesem Anblick gar nicht schnell genug schlagen, und als sie in Severus’ Gesicht schaute, erkannte sie darin eine unsagbare Befriedigung, während ein leises Lächeln seine Mundwinkel umspielte. Sie begriff, dass er mit genau dieser Reaktion gerechnet hatte.
In die vierte Wand war ein großer Kamin aus Bruchsteinen eingelassen, dessen Ambiente durch unregelmäßige Formen, scharfe Kanten und unbearbeitete Flächen der Steine sich elegant in das davor stehende Ensemble aus zwei gemütlichen Ledersesseln, einer riesigen bequem aussehenden Ledercouch und einem niedrigen Tisch, einfügte. Große, magisch verzauberte Fenster würden sicherlich, wenn es draußen wieder hell wäre, genügend Licht spenden, um dem Wohnzimmer eine anheimelnde Atmosphäre zu geben.
Hermione beobachtete fasziniert, wie Severus seine Robe auszog und sie über einen der Sessel warf. Sie konnte nicht widerstehen, die Distanz mit zwei Schritten zu überbrücken und ihn mit ihren Armen zu umschlingen. Einen Moment lang spürte sie, wie er sich versteifte, bevor seine Muskeln sichtlich an Anspannung verloren. Sie atmete den Duft nach Ingwer und Liebstöckel und anderen Zaubertrank-Zutaten ein, den er vermutlich nie aus seiner Kleidung herausbekommen würde. Jetzt erst fiel ihr auf, dass er unter seinen Roben schwarze Muggel-Jeans und ein altertümliches weißes Seidenhemd mit unzähligen Knöpfen trug. Eine merkwürdige, jedoch zu ihm passende Kombination aus antik und modern.
Es war nicht so, dass sie sich nicht auf diesen besonderen Moment in ihrem Leben vorbereitet hätte, nein, ganz im Gegenteil, sie hatte alles darüber gelesen. Damals, lange vor dem Weihnachtsball mit Viktor, war Hermione fest davon überzeugt gewesen, dass sie ihr ‘erstes Mal’ mit Ron erleben würde, ein Wunschtraum, an den sie viele Jahre geglaubt hatte. Sie hatte mit Viktor nur ein paar Küsse getauscht, weiter waren sie nicht gegangen, auch wenn Ron lange Zeit vom Gegenteil überzeugt gewesen war. Dass sie nun kurz davor stand, ihre Unschuld ausgerechnet an ihren ehemaligen Zaubertränke-Professor zu verlieren, wäre ihr noch vor wenigen Wochen nicht in den Sinn gekommen. Doch sie liebte ihn, wie auch immer ihr Herz diese Entscheidung getroffen haben mochte, sie liebte ihn mit jeder Faser ihres Herzens. Auch wenn sie sich bisher nicht getraut hatte, diese Worte ihm gegenüber laut auszusprechen.
Langsam drehte er sich zu ihr herum. Der Blick seiner tiefschwarzen Augen war so intensiv, dass sie glaubte, er könne bis auf den Grund ihrer Seele sehen. Doch selbst wenn — sie hatte nichts zu verbergen.
»Bist du dir wirklich sicher, dass du hierbleiben willst?«, fragte er.
Auch wenn sein Gesicht keine Regung zeigte, so sprachen doch seine Augen eine andere Sprache. Hermione sah in ihnen, die Last der Entscheidung, die er auf seinen Schultern zu spüren glaubte, die ihn nun mit aller Macht zu Boden zu drücken versuchte. Es war einzig und allein die Sorge um sie, um Hermiones Zukunft, was ihn immer noch mit Verunsicherung und Zurückhaltung reagieren ließ. Sie wusste, welche irrationalen Vorbehalte er gegen eine mögliche Beziehung zwischen ihnen und ganz besonders gegen sich selbst aufgrund seiner Vergangenheit hegte — die Schlimmste davon, dass er ihre Liebe nicht verdiene — doch sie war fest entschlossen, ihm zu beweisen, dass er sich im Unrecht befand.
Hermione wusste, sie durfte nicht zögern. Jede Sekunde Unsicherheit würde ihn darin bestärken, alles wieder in Frage zu stellen. Auch wenn sie nach Aussage von Sybill Trelawney keinerlei Begabung besaß, die Zukunft zu deuten, wusste sie eines doch ganz genau: Sie würde es für immer bereuen, wenn sie jetzt einen Rückzieher machen würde. Langsam hob sie die Hand und strich ihm sanft eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. »Und wenn du noch so oft fragst — ich bleibe.«
Ihr blieb nicht verborgen, wie durch ihre Antwort ein klein wenig Anspannung von Severus abzufallen schien. Seine Augen wurden noch dunkler, schienen noch tiefer in ihr Inneres blicken zu wollen. Doch sie hielt seinem zwingenden Blick stand. Wieder streckte sie langsam die Hand aus und fuhr nun mit ihrem Daumen vorsichtig die Konturen seines Gesichts nach, während ihre anderen Finger sich in seinem rabenschwarzen feinen Haar vergruben. Sie beobachtete überwältigt, wie sich seine Augen unwillkürlich unter ihrer Berührung schlossen.
Ihr Finger glitt langsam über seine Stirn und die Schläfe zu den Wangenknochen hinunter bis zu seinen Lippen, folgte gebannt deren Konturen. Unter ihrer Fingerspitze konnte sie bereits die kratzigen Bartstoppeln auf seiner Wange spüren, doch die Haut an seinen Lippen konnte sie nur als weich und samtig beschreiben. Dies war kein anmutiges oder hübsches Gesicht, aber es besaß Charakter und seine eigene Attraktivität. Sie konnte nicht dem Drang widerstehen, seine hakenförmige Nase zu berühren, und noch weniger, einen sanften Kuss auf die Spitze genau dieser Nase zu hauchen. Er prallte zurück und riss die Augen auf … wachsam, voller Argwohn, verunsichert. Verwirrt schaute sie ihn an. Im ersten Moment verstand sie nicht einmal, was ihn bewog, vor ihr zurückzuschrecken, was sie falsch gemacht haben könnte, denn sie hatte doch nichts anderes getan, als ihn zu küssen. Und dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag: Sie hatte willentlich den Teil von ihm geküsst, für den er erst von seinen eigenen Mitschülern und dann von den Schülern, die er unterrichtete, am meisten verspottet wurde — seine Nase. Etwas zog sich bei diesem Gedanken schmerzhaft in ihrem Magen zusammen. Niemals hätte sie geglaubt, mit einigen wenigen sanften Berührungen, ja, mit einer einzigen Handlung, eine derartige Reaktion bei ihm hervorrufen zu können.
Severus starrte sie an, während in seinem Kopf tausend Gedanken durcheinander wirbelten. Wie konnte sie es wagen, nein, sich dazu überwinden, seine Nase zu küssen, dieses Monstrum, diesen für jeden sichtbaren Makel. Doch in ihrem Gesicht stand für einen Augenblick nur Verwirrung geschrieben, und zwar Verwirrung über seine Reaktion. Und dann begriff er endlich, was Hermione ohne Worte und vermutlich nicht einmal bewusst ausgedrückt hatte: Es spielte für sie überhaupt keine Rolle … Sie nahm ihn so, wie er war.
Wie um seine Vermutung zu bestätigen, schob sie sich wieder näher an ihn heran, noch näher als vorher, bis er glaubte, von der Hitze ihres Körpers versengt zu werden. Ihre Hand wanderte langsam über seinen Hals bis zu dem Punkt, an dem sie den harten Puls seines Herzschlages unter ihren Fingerspitzen spürte, wo sie kurz verharrte, dann weiter herunter zu seinem Brustkorb.
Er konnte kaum atmen, während er fasziniert den wechselnden Ausdruck in ihren Augen beobachtete. In ihnen war so offen zu lesen, selbst mit gesenkten Wimpern. Vorsichtig legte er die Hand auf ihren Rücken, ohne sie jedoch unter Druck zu setzen, in dem er sie mit Macht an sich gezogen hätte. Ihre federleichten Berührungen schufen tief in seinem Inneren eine ihm bisher verborgen gebliebene Welt voller Farben und neuer Sinneseindrücke. Dann jedoch konnte er gar nicht mehr denken …
Inzwischen hatten sich Hermiones Finger verselbständigt und damit begonnen, die unzähligen Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, bis es leicht auseinanderklaffte. Das Verlangen, seine entblößte Brust zu berühren, wurde übermächtig. Es war stärker als ihre eigene Schüchternheit. Sie strich erneut selbstvergessen über das seidige Material seines Hemdes, bevor sich ihre Hand wie von selbst in den schmalen Spalt hineinschlängelte, um die nackte Haut darunter zu berühren. Severus hatte sie für schüchtern und zurückhaltend gehalten, doch nun erlebte er, wie ihre Neugier die Oberhand gewann. Sanft schob sie sein Hemd auseinander und schluckte hart, als ihr Blick auf seinen nackten muskulösen Brustkorb fiel.
Obwohl sie bereits vor Wochen im Krankenflügel die mahnenden Erinnerungen an seine Vergangenheit gesehen hatte, erschütterte sie der Anblick der vielen sich kreuzenden weißen Linien auf seiner nur leicht behaarten Brust erneut zutiefst, zeugten viele dieser Narben doch von den ernsthaften Verletzungen, die er über so viele Jahre erlitten haben musste, um seine vermeintliche Schuld abzutragen. Doch etwas anderes verdrängte nun diese Gedanken, ließ sie eine brennende Sehnsucht nach mehr verspüren. Sie wollte ihn fühlen, wollte seine Hände an jeder Stelle ihres Körpers … und mehr.
Hermione hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als seine Hand auf ihrem Rücken, die bereits seit einiger Zeit eine unglaubliche Wärme durch ihren ganzen Körper strömen ließ, sie noch näher an ihn heranzog und seine Lippen von den ihrigen fieberhaft Besitz ergriffen.
Er hatte sie schon vor diesem Abend in den Armen gehalten, hatte sie vor nicht allzu langer Zeit in ihrem eigenen Schlafzimmer am Grimmauldplatz nach ihrem furchtbaren Alptraum getröstet. Doch nichts davon hatte sie auf dieses Verlangen vorbereiten können. Sie hatte nicht einmal geahnt, wie fordernd sie sein konnte. Ehe sie sich dessen bewusst wurde, begann sie, vorsichtig an seiner Unterlippe zu knabbern und dann leckte die Spitze ihrer kleinen Zunge über seine Unterlippe, damit er ihr Einlass gewähre.
Völlig außer Atem tauchten beide erst eine ganze Weile später aus diesem Kuss auf. Ihr Blick war verschleiert und seine Augen versanken in dem Versprechen, das darin geschrieben stand. Severus griff nach Hermiones Hand, um sie ins Schlafzimmer zu ziehen.
*'*'*'*'*
Hermione erwachte am nächsten Morgen eng an etwas Warmes gekuschelt und brauchte einen Moment, um sich die Ereignisse des vergangenen Tages und ganz besonders der vergangenen Nacht ins Gedächtnis zu rufen. Ihr Kopf lag an Severus’ Brustkorb, einen Arm hatte sie angewinkelt halb um ihn geschlungen, während die dazugehörige Hand flach auf seiner Brust lag. Obwohl sie ihn eigentlich nicht wecken wollte, konnte sie nicht widerstehen, mit ihrem Zeigefinger kleine Kreise auf seine nackte Brust zu malen. Als sie langsam den Kopf hob, blickte sie direkt in seine obsidianschwarzen Augen, die sie unendlich zärtlich zu mustern schienen.
»Guten Morgen, meine Schöne«, hörte sie seine samtweiche Stimme.
Trotzdem sah sie, dass seine Stirn gerunzelt war, und da war irgendetwas in seinen Augen, was sie geradezu den Atem anhalten ließ, etwas, das anders war als in den Wochen zuvor. Sie erkannte darin eine Verunsicherung und Verletzbarkeit, die sie vorher noch niemals bemerkt hatte. Ganz tief in ihrem Inneren ahnte sie, dass er bis zu diesem Moment niemals zugelassen hätte, dass sie auch diese Emotionen bemerken würde. Er, der einstige Spion für den Orden, durfte keine Selbstzweifel erkennen lassen oder sich gar ein Zaudern erlauben. Langsam schob sie sich höher, bis ihr Kopf auf gleicher Höhe mit seinem war. Ganz sanft berührten ihre Lippen die seinen.
»Guten Morgen«, hauchte Hermione. Es hatte etwas Unschuldiges an sich, wie sie sanft über seine gerunzelte Stirn strich, bis sich die tiefe Falte zwischen seinen Augenbrauen geglättet hatte. Blitzschnell zog er sie an sich und bei dem folgenden Kuss konnte man dann allerdings ganz und gar nicht mehr von unschuldig oder keusch sprechen. Sie spürte, wie die Schmetterlinge in ihrem Bauch wie schon in der vergangenen Nacht Rock ’n’ Roll zu tanzen begannen. Heiße Erinnerungen an sich in Ekstase windende Körper und zerwühlte Bettlaken kehrten zurück, ohne dass Hermione sie unterdrücken konnte oder wollte. Nichts hatte sie auf diese wundervolle Erfahrung vorbereiten können. Niemals zuvor hatte sie solche Liebe, solche Geborgenheit gespürt wie in seinen Armen. Sie hatte keinen Grund und es war einfach nur absurd, im Nachhinein verlegen zu sein, und doch konnte sie spüren, wie unwillkürlich Hitze in ihre Wangen kroch, als sie an die ungezügelten und leidenschaftlichen Stunden der letzten Nacht dachte.
Genau dies — Schwelgen in Erinnerungen an die vergangene Nacht — waren die Gedanken, denen wohl auch Severus gerade nachhing, denn als sie den Blick hob, sah sie nun ein dermaßen intensives Glühen in seinen Augen, dass sie innerlich wohlig erschauerte.
Severus vermutete, dass Hermione einen Teil seiner Gedanken erraten haben musste, als er das wissende Lächeln bemerkte, das ihre Mundwinkel umspielte und sich in ihren Augen wiederfand. Es sollte ihr auch nicht sonderlich schwer fallen. Diese Nacht war für ihn das Unglaublichste und Schönste in seinem ganzen Leben gewesen. Wenn sein Patronus nicht bereits zuvor seine Gestalt verändert gehabt hätte, so war er sich sicher, wäre dies unweigerlich letzte Nacht geschehen. Wie schon so oft in seinem Leben kämpften in seiner Brust Todesfee und Veela miteinander; auf der einen Seite hasste er sich dafür, dass er ihr die Unschuld geraubt hatte, auf der anderen Seite jedoch stand die Euphorie darüber, dass sie ihn auserwählt hatte. Es war für ihn nahezu unbegreiflich, dass Hermione ausgerechnet ihm dieses Geschenk bereitet hatte. Niemals, nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hatte er geglaubt, dass sie noch unberührt sein könnte. Sie hatte immerhin fast ein Jahr zusammen mit zwei jungen Männern verbracht, fast fünf Monate davon in der Wildnis in einem Zelt.
Ihre Liebe hatte ihn wie ein Kokon eingehüllt. Sie hatte es nicht aussprechen müssen, hätte wahrscheinlich auch nicht gewagt, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Doch er hatte ihre Liebe in jeder ihrer Berührungen gespürt, sie in jedem Blick gesehen. Ihre samtweiche Haut, ihre Anschmiegsamkeit, die unglaubliche Lebendigkeit und Wärme, die sie verströmte, die geflüsterten neckischen Worte und auch ihre winzigen unbeherrschten Laute, die sie während ihres Liebesspiels von sich gegeben hatte, all das hatte ihn auch ohne Worte davon überzeugt, dass Hermione ihn liebte, mit jeder Faser ihres Herzens und ohne Bedingungen.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann sich zum letzten Mal, seit er mit elf Jahren nach Hogwarts gekommen war, irgendjemand ohne Bedingungen auf ihn eingelassen hatte, oder ob dies gar überhaupt schon einmal geschehen war. Severus konnte sein Glück kaum fassen. Nach all diesen Jahren der offenen Feindseligkeiten, der Anfeindungen und der Ablehnung ihm gegenüber und der Missbilligung all seiner Handlungen hatte er endlich einen Menschen gefunden, für den es unbedeutend zu sein schien, was andere von ihm hielten.
Er ließ seine Augen über die immer noch eng an ihn gekuschelte Frau gleiten und fühlte sich das erste Mal frei von allen Zwängen — bis zu dem Moment, als er an die Pergamente auf seinem Wohnzimmertisch dachte. So schwer es ihnen auch fallen mochte, sie würden erneut in das Büro des alten Schulleiters zurückkehren müssen, um nach Albus’ Erinnerungen zu suchen, und er bezweifelte sehr, dass das Portrait es ihnen einfach machen würde. Für einen Moment presste er die Kiefer zusammen, als ihm wieder in den Sinn kam, wie weit dieser Mann gegangen war, als es ihm um Tom Riddles Vernichtung ging.
Auch wenn es ihm schwer fiel, sie mussten aufstehen und sich der letzten Herausforderung der Vergangenheit stellen. Und er würde Hermione den Vortritt im Bad lassen — in seinem Bad. Er selbst würde sich heute Morgen indessen mit dem Bad der Lehrkräfte im dritten Stock begnügen, damit Hermione die … Ausstattung — er grinste innerlich schief, als er sich dabei ertappte, das Wort ‘Luxus’ unter allen Umständen zu vermeiden — in seinem Bad genießen konnte, doch das musste sie nicht unbedingt wissen. Auch wenn er es sich nicht wirklich eingestehen wollte, er wollte nur das Beste für sie. »Du solltest dich beeilen, wenn du die erste im Bad sein willst«, versuchte er den Ernst seiner Gedanken zu überspielen. Allerdings war er sich nicht sicher, ob es ihm auch wirklich gelang, Hermione damit zu täuschen.
Hermione hatte die ganze Zeit fasziniert seine Augen beobachtet, hatte gesehen, wie sie die Farbe veränderten — von obsidian bis tiefschwarz — während er den unterschiedlichsten Gedanken nachzuhängen schien, je nachdem, in welche Richtung seine Überlegungen ihn gerade führten. Sie hatte nie geahnt, wieviele verschiedene Schattierungen von schwarz es geben konnte. Seine Augen hatten zwischenzeitlich ein tiefes Schwarz angenommen, von dem sie glaubte, dass es dunklen Gedanken geschuldet sein musste, waren nun jedoch wieder zu Obsidian geworden. Doch obwohl er in einem leichten Tonfall gesprochen hatte, erkannte sie dahinter den immer noch tiefen Ernst. Hermione seufzte unhörbar auf, als sie sich bewusst machte, dass gerade für ihn dunkle Gedanken nicht ganz so leicht abzuschütteln waren.
Sie strich sanft mit ihrem Daumen über sein Kinn und drückte einen Kuss auf seine Lippen, bevor sie sich dann ohne ein Wort aus dem Bett rollte. Das angrenzende Badezimmer war riesig — ganz in schwarzem Marmor gehalten, der so sehr glänzte, dass man sich darin beinahe spiegeln konnte, mit einer Dusche und einer enormen Badewanne, die noch größer war als die im Badezimmer der Vertrauensschüler. Zu gern hätte Hermione diese riesige Badewanne zusammen mit Severus eingeweiht, doch sie wusste, dass im Moment keinem von ihnen der Sinn danach stehen würde. Über ihnen kreiste immer noch das unsichtbare Damoklesschwert ‘Albus Dumbledore’, etwas, das sie seit ihrem Erwachen nicht mehr aus dem Kopf bekommen hatte und von dem sie glaubte, es vorhin auch in Severus’ Augen gesehen zu haben.
Tief im angenehm heißen Wasser der Wanne versunken, das ihre verkrampften Muskeln an Stellen entspannte, von denen sie bis heute Nacht nicht einmal geahnt hatte, dass sie existierten, und unter viel Schaum verborgen, ließ sie die Schilderungen in den Pergamenten des alten Schulleiters Revue passieren. Immer noch konnte sie nicht fassen, mit welcher Kaltblütigkeit er seine Pläne durchgezogen, wieviel manipulative Energie er dafür aufgebracht hatte.
Albus Dumbledore war gestern Nacht rasend vor Wut gewesen, als Severus zu guter Letzt auch noch sein Versteck in der Wand gefunden und die Rollen mitgenommen hatte. Nun — sie konnte seinen Zornesausbruch inzwischen sogar nachvollziehen — zum Teil jedenfalls — hatten diese Pergamente doch offenbart, wie viele Jahre er damit zugebracht hatte, diesem eigentlich nur in Reinblüterkreisen oder bei Anhängern Dunkler Magie bekannten Zauberspruch und dessen eventuell möglichen Abänderungen nachzuspüren und Tatsachen und Vermutungen zusammenzutragen, um darauf basierend einen Plan auszuarbeiten, Voldemort ein für allemal zu beseitigen. Dass wesentliche Bestandteile dieses Planes auf den Schultern von Severus und Harry lasteten, war bereits allein angesichts der Spionagetätigkeit des Meisters der Zaubertränke von Hogwarts und noch mehr der Prophezeiung über den Retter der magischen Welt verständlich.
Wirklich zutiefst erschüttert hatte Hermione jedoch das Pergament mit den Aufzeichnungen über Dumbledores Gedanken und Gefühle. Sie ließ sich noch tiefer in das warme Wasser sinken, konnte ein fröstelndes inneres Schaudern dennoch nicht unterdrücken. Diese Aufzeichnungen zu lesen und dabei erkennen zu müssen, dass sowohl ihr bester Freund als auch der Mann, dem ihr Herz gehörte, von Dumbledore auf Schachfiguren reduziert worden waren, hatte sie erst erschüttert und dann mit einem Gefühl von Hilflosigkeit zurückgelassen.
Konnte man bei einer äußerst wohlwollenden Betrachtungsweise in Severus’ Fall noch davon ausgehen, dass der alte Schulleiter in Severus jemanden gesehen hatte, der aus einer Schuld heraus eine Verpflichtung eingegangen war, so lag die Sache bei Harry jedoch ganz anders. Selbst der elfjährige Harry war in Dumbledores Augen niemals wirklich der unschuldige kleine Junge gewesen, dem er etwas beinahe Unmögliches aufbürdete, sondern jemand, den er nach seinen Vorstellungen formen konnte, damit er entsprechend den Erforderlichkeiten handeln würde, ohne allzu viele Dinge ernsthaft zu hinterfragen. >Wie war das? Ach ja … Dumbledores Mann!!!<, dachte Hermione zynisch.
Sie würde mit Severus sprechen müssen. Je mehr sie darüber nachdachte, umso sicherer war sie sich, dass Harry zumindest das eine Pergament lesen sollte, in dem es auch um ihn ging.
>Severus …< Hermione spielte gedankenverloren mit den kleinen Schaumbläschen, malte kleine Ringe in die weiche Masse hinein, bis größere Löcher entstanden, ließ die Bläschen einer Schaumflocke auf ihrer Fingerkuppe zerplatzen. Welche Höllenqualen musste ihm der Inhalt dieser Pergamente bereitet haben. Albus Dumbledore hatte sich selbst übertroffen, um sogar nach seinem Tod noch Einfluss auf das Leben des von ihm verabscheuten Spions für das Licht nehmen zu können. Er hatte alles darangesetzt, keinesfalls seine Macht über ihn zu verlieren und war dabei bis zum Äußersten gegangen. Seine Forschungen hatten ihn letztendlich jedoch in eine überraschende Richtung geführt, eine Richtung, in die er sicherlich nicht gewollt hatte. Doch sein Interesse an dem Zauberspruch hatte zum Schluss alles andere in den Hintergrund gestellt, hatte seine Wissbegierde angestachelt bis zu einem Punkt, an dem er das eigentliche Ziel seiner Forschungen — eine erfolgreiche Verdopplung des Fluches — beinahe aus den Augen verloren hatte.
Doch das letzte Pergament hatte eindeutig von einer Möglichkeit gesprochen, die Verbindung durch den Fluch zu lösen. Wenn dem so war, würde sie diese Chance nicht einfach ungenutzt lassen, egal wie Dumbledore dazu stand, gleichgültig, wie sehr er versuchen würde, ihre Anstrengungen zu torpedieren. Und wenn sie jedes einzelne Wandteil oder Möbelstück mit einem Bombarda oder einem Aperio aufsprengen musste, sie würde das Versteck finden. Dumbledore war tot, und nach all dem, was sie in den letzten Tagen über ihn und seine Machenschaften erfahren hatte, war es ihr absolut gleichgültig, was er von ihrer Handlungsweise hielt.
Doch einen positiven Nebeneffekt hatten diese Machenschaften wohl gehabt, auch wenn dies von Dumbledore mit Sicherheit weder beabsichtigt noch gewesen war: Inzwischen war sie sich ziemlich sicher, dass der von Dumbledore geworfene Trägerfluch der Auslöser dafür gewesen war, dass sie nach der Schlacht um Hogwarts keine Ruhe gefunden hatte und in die Heulende Hütte zurückgekehrt war.
Mit neuer Entschlossenheit kletterte sie aus dem nun bereits recht kühlen Wasser. Nachdem sie einen Trocknungszauber über sich geworfen und sich angezogen hatte, machte sie sich daran, den riesigen, völlig verstrubbelten Busch, den sie ihre Haare nannte, in Ermangelung von Sleekeazy's Haargel mit jahrelang geübten Zaubersprüchen zu bändigen, um ihn in einer aufwendigen Prozedur von einem unansehnlichen Rattennest in einen zumindest halbwegs ansprechenden Knoten zu verwandeln. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, fand sie den Tisch vor dem verzauberten Fenster bereits mit allen Köstlichkeiten gedeckt vor, wobei die Hauselfen sich selbst übertroffen hatten. Sie hatten all das aufgefahren, von dem sie wussten, dass die beiden es gern aßen.
Severus stand mit verschränkten Armen — und mit immer noch feuchten Haaren — an einem der verzauberten Fenster und starrte scheinbar abwesend hinaus. Kaum betrat Hermione jedoch den Raum, drehte er sich herum und sie konnte die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen erkennen, die sich während ihrer Abwesenheit erneut dort gebildet hatte. Ganz Gentleman rückte er ihr den Stuhl zurecht, ein Verhalten, das sie von ihren gleichaltrigen Freunden nicht gewohnt war und das sie deshalb im ersten Moment ein wenig irritierte, auch wenn ließ sie es sich nicht anmerken ließ. Nachdem er sich ebenfalls gesetzt hatte, und sie sich beide bedient hatten, bemerkte sie vor sich eine Phiole mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Sie sah auf.
»Ich dachte, dass du nach letzter Nacht das vielleicht brauchen könntest.«
Hermione erkannte den Trank sofort. Er würde ihr an den Stellen helfen, an die auch das heiße Wasser vorhin nicht herangekommen war. Lächelnd schaute sie in sein Gesicht, in dem sie lesen konnte, wie verlegen er war. »Danke.« Sie entkorkte den Trank und schluckte ihn in einem Zug hinunter.
Er nickte nur. »Bist du immer noch fest entschlossen, nach Hogwarts zurückzukehren, um deine N.E.W.T.s nachzuholen?«, versuchte er offenkundig, ein unverfängliches Thema zu finden.
Obwohl Hermione augenblicklich argwöhnte, dass er sie nur auf andere Gedanken bringen und vielleicht auch von den Ereignissen der vergangenen Nacht ablenken wollte, versuchte sie trotzdem, es sich nicht anmerken zu lassen, dass sie ihn durchschaut hatte. Sie braucht nur kurz zu überlegen, was sie auf seine Frage antworten sollte. »Ja, auf jeden Fall. Aber ich werde als erstes nach Australien gehen und meine Eltern zurückholen.«
Severus nickte verstehend. »Vielleicht solltest du damit noch eine Weile warten, vielleicht bis zum Ende des Jahres. Es sind immer noch rachsüchtige Todesser auf der Flucht. Und gerade deine Eltern wären ein strategisch dankbares Ziel«, gab er nachdenklich zu bedenken. Es war immer noch nicht sicher dort draußen, und ganz besonders nicht für Hermiones Eltern.
Er erinnerte sich an einen Abend im Büro des Schulleiters — in seinem Büro — im vergangenen Jahr, als Phineas Nigellus Black während einer ihrer unzähligen Lagebesprechungen beiläufig erwähnt hatte, dass Hermione Granger die Erinnerungen ihrer Eltern verändert und sie nach Australien geschickt hatte, um sie vor Voldemort und seinen Todessern zu schützen. Im ersten Moment hatte er hatte er überrascht innegehalten, dann jedoch, nach einem Blick auf Albus, der vorgab zu schlafen, war ihm klargeworden, dass die beiden einen Plan ausgearbeitet hatten, Hermiones Eltern zu schützen. Trotzdem war er enorm erleichtert gewesen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten weit wichtigere Dinge um Hogwarts und für die Zukunft der magischen Welt seine Gedanken beherrscht, so dass Severus diese Überlegungen in die hinterste Ecke seines Verstandes zurückgedrängt hatte.
Erst einige Abende später in seinen eigenen Räumen hatte er sich dann bei einem Glas 200 Jahre alten Ogden’s Old Firewhisky — ein Geschenk von Lucius zu seiner Ernennung als Schulleiter (doch in Wirklichkeit eher, weil er Draco vor der Spaltung seiner Seele bewahrt hatte) — erlaubt, darüber nachzudenken. Damals war er davon ausgegangen, dass sie dafür einen starken Obliviate-Zauber verwendet haben musste. Er hatte ihr für diese Idee und für ihre Weitsicht mit seinem Glas in Gedanken zugeprostet. Erst viel später — nach einem seiner Gespräche mit Poppy im Krankenflügel nach der Letzten Schlacht, als er zuviel Zeit zum Grübeln gehabt hatte — war ihm zu Bewusstsein gekommen, dass es kein derartiger Zauber gewesen sein konnte. Obwohl er sich danach das Gehirn zermartert hatte, war es ihm nicht möglich gewesen, eine akzeptable Antwort zu finden. Jetzt sah er die Gelegenheit, seine Neugierde doch noch zu befriedigen. »Welche Art von Zauber habt ihr benutzt? Sicherlich doch keinen normalen Obliviate-Zauber, oder?«
Sie schüttelte bedächtig den Kopf. »Es war kein Obliviate-Zauber, Severus, nicht einmal ein abgewandelter«, antwortete sie nach einer Weile leise. »Diese Art von Zauber wären für meine Zwecke nicht geeignet gewesen. Sie löschen Erinnerungen vollständig, ohne jede Möglichkeit auf spätere Rekonstruktion, doch genau das wollte ich nicht.«
»Was dann?«, fragte er, nun wirklich neugierig geworden.
»Der Zauber, den ich letztendlich benutzt habe, ist ein Konglomerat aus mehreren abgewandelten und miteinander verbundenen erinnerungsverändernden Dunklen Flüchen, eine eigene Entwicklung, wenn du so willst. Grundlage dafür war ein Fluch, den Tom Riddle damals angewandt hat, um das Gedächtnis der Hauselfe von Hepzibah Smith zu manipulieren.«
Er sah sie verständnislos, aber auch höchst alarmiert an. »Riddle …?«
»Bei einem der Treffen zeigte Dumbledore Harry eine Erinnerung über Helga Hufflepuffs Trinkpokal und das Medaillon von Salazar Slytherin«, begann sie zu erklären, wurde jedoch von Severus erneut unterbrochen.
»Albus hat Harry Erinnerungen gezeigt?«, fragte er ungläubig. »Welche Erinnerungen? Wann?«
»Seine eigenen Erinnerungen über Voldemort und auch solche, die er von anderen Personen über ihn gesammelt hatte. Spät abends und nachts, unser gesamtes sechstes Schuljahr lang«, antwortete Hermione mit einem Stirnrunzeln.
Er spürte, wie sein Pulsschlag sich stark beschleunigte. Tom Riddle — alles lief irgendwie immer wieder auf Riddle hinaus … Und nichts, was Voldemort betraf, war auch nur im Entferntesten ungefährlich.
»Das Medaillon war ein Horkrux, wie Albus’ Portrait erzählte …«, sagte er leise, mehr zu sich selbst.
»Ja, und auch der Pokal. Harry hat mir davon erzählt und erklärt, auf welche Weise Riddle beides gestohlen hat, weil er vermutete, dass diese Informationen vielleicht irgendwann einmal nützlich sein könnten. Dadurch bin ich überhaupt erst auf die Idee gekommen, die Erinnerungen meiner Eltern zu modifizieren.«
»Dir ist bewusst, dass alles, was mit Riddle in Zusammenhang steht, auch Dunkle Magie bedeutet …!?« Er war mehr als beunruhigt, weitaus mehr, als er ihr gegenüber zugeben sollte.
Hermione sah schuldbewusst aus, als sie die Augen hob, um ihn anzusehen. »Sicher. Doch um das Leben meiner Eltern zu retten … Was hättest du an meiner Stelle getan …?«
Severus konnte diese Frage nicht beantworten und zuckte nur hilflos mit den Schultern.
Sie nickte verstehend und sprach dann kaum hörbar weiter. »Glücklicherweise hatte ich in meinem sechsten Schuljahr endlich freien Zugang zur Verbotenen Abteilung in der Bibliothek von Hogwarts. Ich habe dort einige Dinge gefunden, von denen ich vermutet habe, dass sie bei dieser Aufgabe brauchbar sein könnten. Zudem habe ich begonnen, die Bibliothek am Grimmauldplatz ganz systematisch nach Informationen über erinnerungsverändernde Zauber abzusuchen. Es gibt dort schließlich genügend Bücher über Dunkle Magie, und ich hatte ausreichend Zeit während der Zusammenkünfte des Ordens — an denen ich ja nicht teilnehmen durfte.«
Seine Unruhe war mit jedem weiteren Wort von ihr gewachsen. Er konnte nur hoffen, dass Hermione bedacht hatte, welche gefährlichen Auswirkungen gerade Dunkle Magie haben konnte. Obwohl — da Albus sich der Sache angenommen hatte, war Severus sich sicher, dass dieser alle Möglichkeiten vorher abgewogen und alle Eventualitäten eingerechnet hatte. Seine Anspannung ließ bei diesem Gedanken zumindest ein wenig nach. »Habt ihr wenigstens einen Plan ausgearbeitet, wie ihr diese erinnerungsverändernden Zauber rückgängig machen könnt, ohne dass signifikante Bereiche der Gedächtnisse deiner Eltern zerstört werden? Dies könnte im schlimmsten Fall sogar eine Wesensveränderung nach sich ziehen. Das St. Mungo’s hat sicherlich viel Erfahrung, aber … deine Eltern sind Muggel«, erinnerte er dennoch beunruhigt.
Hermione betrachtete ihn versonnen. Es fühlte sich großartig an, dass er sich um sie — das beste Beispiel war die Phiole gewesen, die sie eben am Frühstückstisch vorgefunden hatte — und um ihre Angehörigen sorgte. Selbst Harry hatte erst nach dem Sieg über Voldemort erschüttert das komplette Ausmaß dessen begriffen, was sie aufgegeben hatte. Sie war damals gezwungen gewesen, das Risiko abzuwägen, das sie bereit war einzugehen. Inzwischen wusste sie mit Bestimmtheit, dass ihre Eltern ohne diese Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr am Leben wären. Severus selbst hatte ihr erst vor wenigen Tagen erzählt, dass Todesser einen Tag vor Silvester ihr Elternhaus niedergebrannt hatten. Das hatte den letzten Ausschlag gegeben, um sie davon zu überzeugen, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war.
Trotzdem blieben hinsichtlich des Zaubers verschiedene Unbekannte offen, wie sie wusste. »Ich habe zwar eine ungefähre Vorstellung davon, was ich tun muss, allerdings … Diese Art von erinnerungsverändernden Zaubern sind in den letzten tausend Jahren so selten angewandt worden, dass es kaum Literatur darüber gibt. Alles, was ich gefunden habe, war in einem uralten Wälzer über extreme Ausschweifungen bei der Anwendung von Magie: Magisches Spiel der Sinne. Ich weiß nicht, ob dir der Titel irgendetwas sagt.« Sie sah, wie er erst die Stirn runzelte und einen Augenblick später den Kopf schüttelte.
»Du hast auf jeden Fall nichts verpasst. Was dort beschrieben ist, war zum Teil so abartig …« Sie schüttelte sich bei der Erinnerung daran. »Unglücklicherweise hat nach meinen Recherchen bis heute noch kein Zauberer und keine Hexe versucht, auf diese Weise manipulierte Erinnerungen wiederherzustellen. Zumindest habe ich in den Büchern überhaupt nichts darüber gefunden«, sagte sie leise.
Severus stöhnte auf. »Oh Merlin, dann können wir nur hoffen, dass Albus weiß, was er getan hat und wie man es wieder in den Ausgangszustand zurückversetzt.« Er griff nach der Kanne und schenkte sich eine zweite Tasse Tee ein.
»Was hat Professor Dumbledore damit zu tun?«, fragte Hermione verwirrt.
Er erstarrte mitten in der Bewegung und zog eine Augenbraue nach oben. Die Tasse, die er gerade angehoben hatte, um daraus zu trinken, blieb mitten in der Luft hängen. »Es war doch bestimmt mit Albus abgesprochen, dass du deine Eltern nach Australien schickst. Er hat dir doch dabei geholfen?«
Hermione konnte ein hartes Lachen nicht unterdrücken. »Der große Albus Dumbledore hat sich nicht eine Sekunde dafür interessiert, was aus den Eltern von Harry Potters kleiner muggelgeborenen Freundin wird, solange sie nur nach seinen Vorstellungen funktioniert …«
Als sie den Blick hob, bemerkte sie Severus’ fragenden Ausdruck. »Nein, damals war mir das nicht bewusst. Erst im Nachhinein habe ich begriffen, dass meine Eltern für ihn nicht wichtig genug waren, um sich mit einer derartigen Kleinigkeit zu befassen. Ron hat mir geholfen, die neuen Namen und den Wohnort auszusuchen, den Rest habe ich allein machen müssen.«
Severus schluckte hart. >Ja, das passt ins Bild<, dachte er grimmig. Schon damals hatte er sich gewundert, dass sich Albus merkwürdigerweise zu keiner Zeit an der Unterhaltung mit Phineas Nigellus Black beteiligt und stattdessen kontinuierlich geschwiegen hatte, sogar vorgegeben hatte zu schlafen. Trotzdem war Severus bis vor wenigen Augenblicken davon ausgegangen, dass Albus eine entscheidende Rolle bei der Veränderung der Erinnerungen von Hermiones Eltern gespielt haben musste. Jetzt jedoch wurde ihm einiges klar. Er führte nun endlich seine Tasse zum Mund, um ein paar Schlucke zu trinken.
Und dann sprach Hermione aus, was sie schon seit Wochen bewegte und schon viel länger einen unsichtbaren Stachel in ihrer Seele bedeutete. »Ich möchte Dumbledore nichts unterstellen, aber — nach dem, was wir jetzt wissen — vielleicht hatte er sogar darauf spekuliert, dass Voldemort …« Sie konnte den Satz nicht beenden. Ein dicker Kloß in ihrer Kehle machte ihr das Sprechen unmöglich.
Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Einen Moment fühlte er sich absolut hilflos, da er ihre schreckliche Vermutung nicht widerlegen konnte — zumindest nicht aus Überzeugung. Doch er konnte ihr ein Versprechen geben. »Wir werden sie gemeinsam zurückholen, Hermione. Du bist nicht mehr allein.« Damit griff er hinüber und drückte kurz ihre Hand.
Unvermittelt begann sich auf Hermiones Gesicht ein dankbares Lächeln auszubreiten. Sie fühlte sich von einer schweren Last befreit, von der sie sich bis dahin nicht bewusst gewesen war, dass sie sie überhaupt trug. Einen so mächtigen Zauberer wie Severus an ihrer Seite zu wissen, wenn es um einen derartig komplexen und schwierigen Sachverhalt ging, ließ sie nun ein Stück hoffnungsvoller in die Zukunft sehen.
Eine Zeit lang schwiegen sie beide und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Hermione goss sich nun ebenfalls eine zweite Tasse Tee ein, lehnte sich zurück und trank sie mit kleinen Schlucken. Dann, als sie nach einer Weile wieder aus ihren Grübeleien auftauchte, sah sie, dass sich Severus’ Stirn erneut umwölkt hatte. Sie musste kein Legilimens sein, um zu wissen, was ihm Kopfzerbrechen bereitete. Beinahe schämte sie sich dafür, dass sie für ein paar Minuten über der Sorge um ihre Eltern fast vergessen hatte, dass in Kürze für ihn ein noch schwererer Weg anstand. Doch es war nicht nur sein Weg …
»Du machst dir Sorgen.« Es war keine Frage, sondern eine reine Feststellung von offensichtlichen Tatsachen.
Seine Gedanken hatten sich in den letzten Minuten nicht mehr nur um das Schicksal von Hermiones Eltern gedreht, sondern um seine Interaktionen mit Dumbledore und seine jahrelange völlig falsche Einschätzung der Sachlage, wenn es um den alten Schulleiter ging. Und er hatte nicht zuletzt über das nachgedacht, was sie schon sehr bald in Dumbledores Büro erwarten würde. Obwohl er davon überzeugt war, dass sie irgendetwas vorfinden würden, befürchtete er doch, dass der alte Schulleiter es ihnen nicht leicht machen würde.
»Ich … ich hätte niemals geglaubt, dass Albus mir gegenüber eine derartige … Antipathie gehegt hat. So viel Zeit und Mühe zu investieren, um mich und meine Fähigkeiten seinen Zwecken dienstbar und mir damit gezielt das Leben zur Hölle zu machen, mir, dessen Leben bereits eine einzige Hölle war …«, bestätigte er in diesem Augenblick ihre Vermutung. Auch er lehnte sich nun zurück, nachdem er sich noch eine weitere Tasse Tee eingeschenkt hatte. Nur seine leise Stimme ließ Rückschlüsse darauf zu, wie sehr ihn allein der Gedanke an Dumbledores Verhalten ihm gegenüber erschüttert hatte.
Er klang müde, so müde, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Es schmerzte Hermione, ihn so zu sehen, und doch wusste sie, dass es keine körperliche Müdigkeit war, sondern Enttäuschung und Resignation, die sie aus seinen Worten und dem Tonfall seiner Stimme heraushörte. Er war es leid. Und es war vollkommen verständlich, dass er so reagierte. Sie dachte an die Pergamente zurück und an das, was sie selbst beim Lesen empfunden hatte. Um wieviel heftiger musste Severus die Erkenntnis getroffen haben, dass er sich all die Jahre einer falschen Hoffnung hingegeben hatte. Doch Dumbledore hatte am Ende …
»Es kam mir so vor, als ob Dumbledore zuletzt an seiner Entscheidung gezweifelt, sie vielleicht sogar bereut hat«, sprach sie ihren Gedanken laut aus.
Er zuckte die Schultern. »Selbst wenn — es spielt keine Rolle mehr.«
»Oh doch, Severus!«, widersprach Hermione heftiger als beabsichtigt. »Du wirst weiterhin Schulleiter sein. Und damit wirst du auch auf die Loyalität der alten Schulleiter in den Portraits angewiesen sein. Sicher — du kannst dich über ihre Einstellung dir gegenüber hinwegsetzen, du kannst darauf verzichten, dir bei ihnen Rat und Hilfe zu holen, aber …«
Er konnte nur erneut resignierend den Kopf schütteln. »Du hast Albus doch gestern Abend selbst erlebt. Kam er dir wie ein Mann vor, der seine Entscheidung bereut hat oder Objektivität und Unvoreingenommenheit ausstrahlt?«
Doch Hermione wollte und würde nicht aufgeben. »Selbst wenn nicht — vielleicht besteht die Möglichkeit, dass wir seine letzten Forschungen zu unserem Vorteil nutzen können.«
Fortsetzung folgt …
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Ich war bei MTV in New York und es war tierisch kalt draußen. Sie brachten mich rüber ans Fenster und da stand dieses Mädchen, das nichts außer ein Harry-Potter-Handtuch trug und ein Schild in der Hand hielt, auf dem stand 'Nichts kommt zwischen mich und Harry Potter!'. Es war toll. Sie ist eine Legende.
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