
von Alea_Thoron
[/i]DISCLAIMER: Ich verdiene kein Geld damit, habe jedoch genau den unglaublichen Spaß, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Alle agierenden Personen gehören JKR. Ich habe sie mir heimlich ausgeborgt, verspreche aber, gut auf sie aufzupassen und sie wohlbehalten und an Erfahrungen reicher und gereifter wieder zurückzugeben.
Beta: Deep Water — Mein ganz spezieller Dank gilt meinem Beta, der eigentlich mein Vater ist, und der mich mit »Und wann schreibst Du endlich Deine eigene Geschichte?« erst dazu gebracht hat, diese Story Wirklichkeit werden zu lassen.
Coniunctio perpetua by Alea Thoron
Kapitel 31 — Das letzte Teil des Puzzles
Severus verengte die Augen und unterzog Hermione einer genauen Musterung. »Wie meinst du das?«
Hermione fühlte sich unter seinem Blick leicht verunsichert. »Dumbledore hat doch geschrieben, dass er einen Zauberspruch entwickelt hat, mit dem sich die Verbindung Coniunctio perpetua aufheben lässt.« Abwartend schaute sie ihn an, bis er zögernd nickte.
Trotzdem brauchte sie einen Moment, um sich darüber klar zu werden, wie sie sich ausdrücken sollte. Sie wollte auf keinen Fall, dass er ihre nächsten Worte falsch verstand. »Du bist wieder vollkommen gesund … und du brauchst die … Unterstützung nicht mehr, die von meinem Zauberspruch ausgegangen ist …« Sie sah ihn erwartungsvoll an.
Severus beugte sich nach vorn. Sie konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn zu arbeiten begann. Es dauerte einen Moment, bevor er das ganze Ausmaß ihrer Worte begriff.
»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, fragte er tonlos. Tiefschwarze Augen starrten in ihr Gesicht. Ungläubig. Zweifelnd. Wachsam.
»Wie wird es sich anfühlen, nach fast zwei Jahrzehnten frei von allen Zaubern zu sein.« Sie hielt den Atem an, während sie vorsichtig ihre Hand auf seine legte und die Finger sanft mit ihren umschloss.
»Du würdest mich aus den Flüchen entlassen?« Die Dinge, die in seinen Augen gestanden hatten, fanden nun ihren Weg auch in seine Stimme.
»Wenn Dumbledore wirklich eine Möglichkeit gefunden hat …«
Er öffnete den Mund … und schloss ihn wieder. Sprachlos. Überwältigt. Fassungslos. Dann fasste er sich und sagte das Erste, was ihm in den Sinn kam. »Das kann ich kaum glauben …«
Hermiones Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er nach der letzten Nacht immer noch nicht verstanden? Wie konnte er nach Allem, was geschehen war, noch immer glauben, dass sie ihn auf irgendeine Art und Weise beherrschen wollte? Allein der Gedanke an solche Dinge bereitete ihr Übelkeit, machte sie regelrecht krank. Sie war nicht Dumbledore!
Severus erkannte mit einem Mal, in welche Richtung ihre Gedanken liefen. »Nein, Hermione, so meinte ich das nicht!« Er fasste besorgt nach ihrer Hand und hielt sie fest. »Ich bezweifele, dass Albus wirklich eine Möglichkeit gefunden hat!«, erklärte er nachdenklich. »Er hat zu oft nur Halbwahrheiten preisgegeben, als dass ich ihm so etwas Einschneidendes glauben könnte.«
Immer noch blickte Hermiones ihn äußerst argwöhnisch an. Er wusste, er musste sich dazu überwinden, ihr die ganze Wahrheit zu sagen, sonst lief er Gefahr, sie zu verlieren, bevor ihre Beziehung noch richtig begonnen hatte. Für einen Moment schloss er die Augen, bevor er stockend weitersprach. »Und selbst wenn — es geht um … um das, was ich … empfinde …« Oh Merlin, es fiel ihm so schwer.
»Meine … Gefühle für dich sind echt. Es kann, nein, es darf einfach nicht anders sein. Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, dass sich an diesen Gefühlen irgendetwas ändern würde, aber trotzdem … du würdest damit riskieren festzustellen, dass meine Gefühle für dich vielleicht doch nur Dumbledores oder deinem Fluch geschuldet sind …« Er hielt immer noch krampfhaft ihre Hand und sah, wie nach und nach das Leuchten in ihre Augen zurückkehrte.
Hermione wusste, wie schwer es ihm fiel, überhaupt über seine Emotionen zu sprechen. Noch vor einem Monat hätte sie es nicht einmal für möglich gehalten, dass der Meister der Zaubertränke von Hogwarts überhaupt willens und in der Lage sein könnte, über solche Dinge zu reden. Doch jetzt konnte sie seine Verunsicherung und die Sorge um die Auswirkungen des Fluchs auf ihre Beziehung offen heraushören. Dennoch war ihr Herz mit jedem seiner Worte leichter geworden, obwohl ein Quäntchen Unsicherheit bleiben würde. Wenn sie tief in sich hineinhorchte, war auch bei ihr immer noch ein kleiner Zweifel geblieben an seinen Gefühlen für sie. Sie hatte Angst, ihn zu verlieren, wie sie sich nun endlich eingestand.
»Heißt das, dass du … mehr für mich empfindest?«, fragte sie vorsichtig und hoffnungsvoll.
Dieses Mal traf sie ein Blick aus obsidian-schwarzen Augen, bei dem sie glaubte, darin versinken zu müssen. »Ich will nie mehr ohne dich sein!«, flüsterte er.
Auch wenn er die entscheidenden Worte nicht aussprach, wusste Hermione in diesem Moment, dass er sie liebte. Alles an ihm — seine Körpersprache, seine Augen — schrie diese Worte heraus. Sie atmete tief durch. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf, etwas, an das keiner von ihnen bisher gedacht hatte. »Was ist mit dem Ring?«, fragte sie und zog an der Kette um ihren Hals, bis die goldenen Schlangen mit ihren funkelnden Augen neugierig ihre Köpfe aus ihrem Ausschnitt reckten. »Du hast gesagt, dass der Ring dir deine Seelenverwandte zeigen würde …«
In seine Augen kehrte mit einem Schlag die Hoffnung zurück und seine Körperhaltung entspannte sich sichtlich. »Merlin, warum habe ich nicht daran gedacht …?« Sein Blick war jetzt starr auf den Ring fixiert, dann jedoch ruckte sein Kopf hoch. »Der Ring lügt nicht! Es besteht kein Zweifel …!«
Hermione lächelte glücklich. »Dann sollten wir jetzt das letzte Teil des Puzzles in Angriff nehmen.«
Severus verstand sofort, worauf sie anspielte. »Komm!« Er griff fest nach ihrer Hand, zog sie vom Stuhl hoch und in Richtung Tür.
Noch immer Hand in Hand gingen sie hinauf zum Büro des Schulleiters. Der Wasserspeicher gab den Weg frei, sobald Severus sein altes Passwort genannt hatte. Dies war ein weiteres Indiz dafür, dass auch das Schloss ihn weiterhin als Schulleiter akzeptierte. Kaum hatten sie den ersten Fuß auf die Treppe gesetzt, als diese sie auch schon nach oben trug.
»Ich habe mich gefragt, wie lange es dauern würde, bis du zurückkommst, Severus!«, begrüßte Dumbledores Stimme ihn allein.
Der alte Schulleiter saß bequem zurückgelehnt in seinem gemalten Sessel, die Ellenbogen auf den Sessellehnen aufgestützt und die Finger gegeneinandergepresst. Nachdem er nun viele Stunden Zeit gehabt hatte, schien er sich zumindest ein wenig besser unter Kontrolle und wenigstens nach Außen hin beruhigt zu haben, auch wenn eben noch ein kurzer Ausdruck von Besorgnis über sein Gesicht gehuscht war. Hermione war erstaunt. >Vermutlich ist ihm jedoch nur bewusst geworden, dass er den Lauf der Ereignisse zu diesem Zeitpunkt nicht mehr beeinflussen kann, schon gar nicht als Portrait<, dachte sie.
»Wir waren beschäftigt!«, knurrte Severus währenddessen ungehalten.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass euch die paar Pergamente dermaßen lange aufgehalten haben«, sagte Dumbledore leise mehr zu sich selbst, als dass es an irgendjemanden anderen gerichtet war. »Ehrlich gesagt, habe ich ganz gewiss nicht erwartet, Sie, Miss Granger hier noch einmal zu sehen.« Er warf ihr einen ganz kurzen, jedoch sehr argwöhnischen Blick unter halb gesenkten Lidern zu. Noch immer saß er äußerlich gelassen in seinem Sessel, doch Hermione war sich sicher, dass die Ruhe täuschte.
Nicht nur Severus hörte die unterschwellige Besorgnis aus Albus’ Tonfall heraus. Auch Hermione merkte, dass Dumbledores Versuch einer Konversation vermutlich einem völlig anderen Zweck diente. Und sie glaubte zu wissen, was er wissen wollte. Er wollte herausfinden, ob Hermione sich, nachdem sie die Pergamente gelesen hatte, dafür entschieden haben könnte, die Flüche aufzuheben, falls sie eine Möglichkeit dazu erhalten sollte. Was ihn trieb, waren Verbitterung und Unmut, die er schon während des Tribunals und besonders danach offen gezeigt hatte, als Hermione es gewagt hatte, seine Handlungen und Entscheidungen in Frage zu stellen.
»Das halte ich für eine deiner Lügen, Albus«, teilte Severus ihm unmissverständlich mit. »Die Pergamente betreffen sowohl mich als auch Hermione gleichermaßen. Du hast uns beide benutzt, wenn du dich erinnerst.«
Hermiones Augen waren auf die uralten Dielen auf dem Fußboden gerichtet, ohne wirklich etwas davon zu sehen. »Wissen Sie, Professor Dumbledore, was das Schlimmste für mich ist?«, fragte sie leise.
Albus Dumbledore sah sie über den Rand seiner Halbmondbrille abschätzig an.
»Ihr Schweigen! Ohne diese Pergamente hätten wir nicht einmal geahnt, dass Sie eine Möglichkeit gefunden haben könnten, die Flüche zu beseitigen. Wir hätten einfach so mit den Folgen weiterleben müssen …«, beantwortete sie ihre Frage selbst, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie bei dem Gedanken an eine Zukunft voller Unsicherheiten und Zweifel erschauerte.
Ein Geräusch, als würde ein schwerer Gegenstand über den Fußboden geschurrt, ließ sowohl Severus als auch Hermione zusammenzucken. Der Portrait-Dumbledore hatte sich abrupt aus seinem Sessel erhoben und diesen dabei nach hinten geschoben. Sein nur gemaltes Gesicht zeigte Kampfbereitschaft, seine gesamte Haltung drückte Verärgerung, aber auch irgendwie Ratlosigkeit aus.
»Also doch! Sie wollen Severus wirklich aus beiden Flüchen entlassen, nicht wahr?«, fragte er grimmig.
Hermione straffte sich regelrecht unter seinem Blick. »Wenn es die Möglichkeit dazu gibt — allerdings«, antwortete sie entschieden.
Dumbledore seufzte. »Ich wusste es … Oh ja, ich hatte genügend Zeit zum Nachdenken und ich habe in den letzten Stunden begriffen, dass nicht alles, was ich in den letzten Jahren getan habe, wirklich notwendig und richtig war. Aber…« Er hielt inne und betrachtete Hermione in Gedanken versunken. »Glauben Sie nicht, dass Sie ein wenig naiv und leichtfertig mit einer so schwerwiegenden Entscheidung umgehen, Miss Granger?«
»Naiv …? Sie halten mich für naiv …?« Hermione zog die Frage in die Länge, als so ungeheuerlich empfand sie Albus Dumbledores Behauptung. »Ich fürchte, meine Naivität wurde bereits durch die inszenierte Gerichtsverhandlung gegen Seidenschnabel schwer angeschlagen, und restlos verloren habe ich sie spätestens in dem Moment, als Harry Cedric Diggorys Leiche zurückbrachte.«
Doch der Portrait-Dumbledore schüttelte unzufrieden den Kopf. »Das meinte ich nicht — Severus war gefährlich, und könnte ebenso schnell wieder gefährlich werden. Denken Sie daran, was er in seinem Leben an Greueltaten begangen hat — alles im Namen und mit Zustimmung seines Masters«, beschwor er sie erneut mit Nachdruck.
Hermione spürte einen Stich in ihrem Inneren. Das war an Unverfrorenheit nicht mehr zu überbieten. »Welchen Master meinen Sie, Professor?«, fragte sie süffisant. »Voldemort oder sich selbst?«
Sie sah, wie Dumbledore aufbrausen wollte, doch er kam nicht mehr dazu, ihr eine boshafte oder gar verletzende Antwort zu geben. Ein leises schnarrendes Lachen ertönte. »Sie schlägt Sie mit Ihren eigenen Waffen, Albus«, erklärte Phineas Nigellus Black unverkennbar hämisch, während er in seinem eigenen Portrait Platz nahm. Er rieb sich über seinen Spitzbart und lachte erneut. »Auch wenn sie eine dieser jugendlichen, rechthaberischen Besserwisserinnen ist — langsam verstehe ich, warum Schulleiter Snape mir jedes Mal über den Mund gefahren ist, wenn ich das Wort ‘Schla…’—« Ein böser Blick aus zwei Augenpaaren traf ihn, so dass er mitten im Wort kapitulierte. »Da sehen Sie, was ich meinte. Man sollte es in seiner Gegenwart nicht einmal auch nur denken.«
»Es wäre auf jeden Fall gesünder«, knurrte Severus drohend. »Selbst für ein Portrait.«
Hermione ging zu Severus hinüber, griff nach seiner Hand und sah zu Dumbledores Portrait auf. Sie erkannte, dass, wenn sie etwas erreichen wollte, die Auseinandersetzung nicht eskalieren durfte. Deshalb versuchte sie einzulenken. »Sie sagten, Sie hätten erkannt, dass nicht alles in den letzten Jahren gut und richtig war«, begann sie leise und vorsichtig. »Ich habe die Pergamente gelesen … So viel Feindseligkeit … so viel Verbitterung … Sie haben über beinahe zwanzig Jahre hinweg viel Zeit und Energie in Forschungen an einem Fluch investiert, der einen anderen Menschen fast an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Meinen Sie nicht, dass es irgendwann einmal vorbei sein muss?«
»Ich hatte meine Gründe, wie Sie wissen …« Dumbledore schüttelte nachdenklich den Kopf, bemühte sich jedoch sichtlich, seine Stimme ruhig klingen zu lassen.
Vergessen waren Hermiones gute Vorsätze, ruhig zu bleiben. »Ihre Gründe …?!!!«, fuhr sie freudlos auf. Sie konnte es nicht mehr hören, sie war maßlos enttäuscht und es schmerzte sie, sich weiterhin mit einer längst vergangenen Vergangenheit herumschlagen zu müssen. »Haben Sie denn immer noch nicht verstanden, dass diese ‘Gründe’ vielleicht zu Anfang noch ihre Berechtigung hatten — als Sie Severus und seine Gründe für eine Umkehr noch nicht wirklich einzuschätzen vermochten … aber später …?«
Der alte Schulleiter wand sich regelrecht unter ihrem Blick und ihren Worten.
Doch sie würde nicht kampflos aufgeben, schwor sie sich. »Er hat Sie als Freund gesehen, hat Sie sogar so genannt, als Sie ihn gezwungen haben, Ihrem Leben ein Ende zu setzen. Was immer Sie all die Jahre in ihm gesehen haben … Hat das überhaupt keine Bedeutung für Sie?«
»Ich habe nicht glauben können …«
Es erschien Hermione wie Dumbledores letzter Versuch, sich und seine Entscheidungen zu rechtfertigen.
Doch dann blickte Albus in Severus’ Gesicht, der in unendlicher Qual die Augen geschlossen hatte und seine Worte erstarben. »Vielleicht hätte ich glauben müssen …«, setzte er tonlos hinzu.
»Bitte, Professor, es ist noch nicht zu spät! Sie haben geschrieben, dass Sie eine Möglichkeit gefunden hätten, den Fluch aufzuheben. Dass es eine Phiole mit Erinnerungen gibt! Wenn dem so ist … Bitte, Professor Dumbledore, helfen Sie uns!!!« Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Flehen.
Zum ersten Mal nahm Dumbledore nun ihre miteinander verbundenen Hände bewusst wahr. Seine gemalten Augen hinter der Halbmondbrille weiteten sich und er ließ sich wie hypnotisiert in seinen ebenfalls gemalten Sessel sinken, wo er die Armlehnen mit den Händen umkrampfte und sich ungläubig nach vorn beugte. »Ich hätte dies nie für möglich gehalten …«, flüsterte er.
»Was hätten Sie nie für möglich gehalten?«, erkundigte sich Hermione irritiert.
Dumbledore sah auf. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte. »Schauen Sie — es ist merkwürdig. Das Phänomen wird zwar in der Literatur beschrieben, aber ich hätte niemals geglaubt, jemals die positiven Auswirkungen eines Coniunctio perpetua mit eigenen Augen sehen zu können … Die wahrscheinlich mächtigste Hexe dieses Jahrhunderts und der größte Zaubertränkemeister seit Damocles Belby und seinem Wolfsbane … Zwei Menschen, die sich unter normalen Umständen sicherlich niemals auch nur eines zweiten Blickes gewürdigt hätten …« Sein Forschungsdrang hatte offensichtlich im Moment die Oberhand über seine vorgefasste Meinung gewonnen.
»Sie vermuten, dass mein Fluch dafür verantwortlich ist, nicht wahr?«, fragte sie nach, entschlossen der Sache auf den Grund zu gehen.
Severus, der sich bisher vollkommen herausgehalten hatte, obwohl es um sein Leben, seine Zukunft ging, warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Dies bestätigte nur seinen Verdacht. Er erkannte, dass Hermione einen Plan verfolgte, der sich allein in ihrer Vorstellung befand.
Dann sah er, wie Dumbledore zur Beantwortung ihrer Frage bedächtig nickte.
»Ich glaube es … ja!«, bestätigte Albus leise. Zu Severus’ Verwunderung sah er dabei nicht sonderlich glücklich aus.
Auch Hermione hatte nur Dumbledores Reaktion abgewartet. »Aber der Fluch, den ich geworfen habe, kann keinesfalls in irgendeiner Form dafür maßgeblich sein«, erwiderte sie bestimmt. Ihre gesamte Körpersprache zeigte, wie felsenfest sie davon überzeugt war dass er Unrecht hatte.
»Wie können Sie sich dabei so sicher sein?« Der Portrait-Dumbledore sah sie erstaunt an. Auch Severus runzelte die Stirn, um dann jedoch langsam zu begreifen, worauf sie hinauswollte.
Hermione konnte nur mit Mühe ein triumphierendes Lächeln unterdrücken. »Als ich in die Heulende Hütte zurückgekehrt bin und ihn dort auf dem Boden sterbend in seinem Blut liegen sah und voller Verzweiflung diesen Fluch warf, beinhaltete meine Motivation weder Zuneigung noch Knechtschaft, sondern nur das tiefgreifende Bedürfnis, nicht einen Menschen, der sich schonungslos für unsere Sache eingesetzt hatte, durch die Bestialität eines nicht mehr menschlichen Monsters zu verlieren! Es sei denn, Sie behaupten, dass die Faszination einer Elfjährigen für die Hände ihres Zaubertränke-Professors bei der Vorbereitung von Zutaten der Ausdruck von erotischen Phantasien ist.«
Severus schnaubte laut.
Dumbledore begann vorsichtig zu lächeln und das Zwinkern, das Hermione von früher her kannte, kehrte in seine gemalten Augen zurück. »Irgendwie bezweifle ich gerade, dass Sie damit andeuten wollen, dass Sie sich bereits als Schülerin zu ihm hingezogen gefühlt haben«, gluckste er dann.
Auch Hermione lächelte nun leicht. »Mir ist erst nach der Letzten Schlacht nach und nach bewusst geworden, wie viel er mir bedeutet«, sagte sie nachdenklich. »Dann, in den Wochen vor dem Tribunal habe ich erkannt, dass ich mein restliches Leben mit ihm teilen will. Und erst heute Nacht ist mein Traum wahr geworden.« Eine tiefe Röte überzog nun ihr Gesicht.
»Ahhh…« Sowohl Hermione als auch Severus konnten sehen, wie Dumbledores messerscharfer Verstand zu rattern begann, obwohl er nur noch ein zweidimensionales Portrait war. Und das Zwinkern in seinen Augen wurde beinahe gleißend. »Trotzdem ist das kein Beweis für …«
Doch Hermione hatte bereits die Halskette mit dem Ring herausgezogen. Die beiden Schlangen schauten sich äußerst interessiert um, bis ihr Blick auf Dumbledores Portrait hängenblieb. Sie fixierten den alten Schulleiter regelrecht, öffneten ihren Mund und die junge Hexe glaubte sogar, ein aggressives Fauchen aus beiden Kehlen zu hören.
»Ein magischer Ring …«
Severus legte Hermione den Arm um die Schulter. »Das einzige Erbstück von der Prince-Seite, Albus.«
»Du hast ihn ihr gegeben?« Dumbledores Stimme klang belegt.
Doch Severus schüttelte den Kopf. »Ich habe den Ring während meiner Schulzeit hier in Hogwarts verloren und nach einer Weile jede Hoffnung aufgegeben, ihn jemals wiederzusehen. Doch der Ring hat sich seinen Träger selbst gesucht. Hermione fand ihn vor etwa eineinhalb Jahren, ohne zu wissen, wem er gehörte. Die in ihm verborgene Magie zwang sie dazu, ihn zu behalten. Er schützte sie auf seine Art, für mich — weil ich in der gefährlichsten und härtesten Zeit ihres Lebens nicht bei ihr sein konnte. Ja, nicht einmal geahnt habe, dass ich bei ihr sein hätte müssen.«
»Uralte Magie …«, murmelte Dumbledore vor sich hin. »Ähnlich wie Potters Schutzzauber durch das Opfer seiner Mutter … Liebe …«
»Nein, Albus, Seelenverwandte …« Das letzte Wort hing im Raum.
Dumbledore nickte gedankenverloren. »Das erklärt einiges … Also gut«, gab er sich geschlagen. »Die Phiole befindet sich im Sockel des Denkariums — auf der Rückseite, um genau zu sein. Aber ich muss euch warnen! Gerade Sie, Miss Granger! Was Sie sehen werden, wird Ihrer Vorstellung von Ethik und Verantwortungsbewusstsein gegenüber nichtmenschlichen magischen Wesen sicherlich nicht gerecht.«
Sie ahnte sofort, worauf er anspielte. Als Muggelgeborene war sie über die abscheulichen und oftmals nicht zu rechtfertigenden Tierversuche in der Muggel-Welt informiert, doch sie hatte immer gehofft, dass eine solche Handlungsweise in der magischen Welt — wie Vieles aus dem Muggel-Alltag auch — verpönt war.
»Dann muss ich Ihnen um so mehr dafür danken, Professor, dass Sie sich jetzt dazu durchgerungen haben, den genauen Ort des Verstecks preiszugeben«, antwortete Hermione diplomatisch, obwohl sie diesen Dank nur zu einem gewissen Teil verspürte. Auch wenn sie nicht wirklich Verständnis für Dumbledores Handlungen hatte und es nicht ihrem Naturell entsprach, so versuchte sie doch in diesem Moment, sich taktisch geschickt zu verhalten. Sie sah mit Erleichterung, dass er es ihr abzukaufen schien und ihre nervenaufreibende Anspannung, unter der sie die ganze Zeit gestanden hatte, seit sie das Büro des Schulleiters betreten hatte, ließ ein wenig nach.
Auch Severus war froh, dass der alte Schulleiter sein Versteck freiwillig preisgegeben hatte. Mit dem Denkarium hatte er am wenigsten gerechnet. Dies war eine Stelle, die sie vermutlich ansonsten nur unter Gewaltanwendung mit einem Bombarda oder einem Aperio gefunden hätten, wenn sie Wandteile oder Möbelstücke hätten aufsprengen müssen. Doch selbst das hätte er versucht, wenn Albus weiterhin uneinsichtig gewesen wäre, wie er zugeben musste. Auf diese Art war es natürlich einfacher.
Er warf Hermione einen kurzen Blick zu. Von Anfang an hatte er irgendetwas in dieser Richtung erwartet, falls sie die Erinnerungen wirklich finden sollten. Severus wusste, dass Albus’ Warnung nicht übertrieben gewesen war. Doch zu seiner Überraschung nickte Hermione nur unmerklich, als ob auch sie sich darüber schon zuvor im Klaren gewesen wäre. Er machte die wenigen Schritte hinüber und kauerte sich neben den steinernen Sockel, um den unteren Bereich des Denkariums einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Doch der Stein war glatt, hatte keinerlei sichtbare Erhebungen oder Vertiefungen. Nichts deutete darauf hin, dass sich in ihm irgendetwas verbergen konnte. Severus zog seinen Zauberstab, richtete ihn auf den Sockel und murmelte »Specialis revelio!« Ein schwach bläulich leuchtendes Quadrat wurde im hinteren Teil des Sockels sichtbar.
»In der Tat …«
»Dann ist es also wahr …«, flüsterte sie überwältigt. »Eine Möglichkeit …« Sie griff nach der Lehne des Besuchersessels, um sich daran festzuhalten, da sie das Gefühl hatte, dass ihre Beine gleich unter ihr nachgeben würden. Dann jedoch hielt sie nichts mehr und sie folgte Severus. Ihr erster Blick fiel auf das magische Quadrat, das sie sogleich an den verborgenen Zugang zu ihrem Turmzimmer erinnerte.
»Ja—«
Hermione konnte seinen Blick nur triumphierend nennen, als er zu ihr aufsah. Und es war genau das, was auch sie fühlte. »Das war keine Lüge …« Sie hielt unbewusst den Atem an.
Severus berührte mit seinem Zauberstab das bläuliche Quadrat. Doch der steinerne Sockel blieb massiv und es bildete sich keine Öffnung. Das einzige Ergebnis bestand darin, dass das Quadrat heftig zu pulsieren begann. Er runzelte kurz die Stirn und richtete dann erneut seinen Zauberstab auf das immer noch bläulich pulsierende Quadrat. »Dissendium!« Im selben Moment wurde ein Zugang sichtbar, eine kleine Öffnung, gerade groß genug, um eine Hand hindurchzustecken. Hermione ließ die Luft aus ihren Lungen entweichen, von der sie erst jetzt merkte, dass sie sie überhaupt angehalten hatte.
Zum dritten Mal richtete Severus seinen Zauberstab auf den Sockel und warf nonverbal einen Zauber, der jede Art von Magie anzeigte und griff — nachdem er so festgestellt hatte, dass keine Gefahr drohte — in die Öffnung hinein. Als er seine Hand wieder herauszog, hielt sie eine kleine Phiole mit einer silbrigen Flüssigkeit fest umklammert, von der ein starkes Leuchten ausging.
Lange Sekunden — die Hermione vorkamen wie Stunden — stand er wie erstarrt mit der Phiole in der Hand, den Blick starr auf das sanft pulsierende leuchtende Etwas zwischen seinen verkrampften Fingern gerichtet, als könne der Inhalt dieses winzigen Fläschchens auch ohne ein Denkarium seine Geheimnisse enthüllen.
Hermione ging zu Severus hinüber, löste seine völlig verkrampften Finger und nahm ihm die Phiole vorsichtig aus der Hand. Einen Moment hielt auch sie inne, bevor sie die Substanz in das Denkarium schüttete, dessen Inhalt sanft in einem weißlich-silbernen Licht zu leuchten und sich langsam um sich selbst zu drehen begann. Dann sah sie zu ihm auf und griff nach seiner Hand. »Lass es uns zu Ende bringen«, sagte sie leise.
Sie beugten sich über die Oberfläche und sahen hinein. Tief unter sich konnte Severus das Büro von Albus Dumbledore erkennen, wie er es aus Albus’ Zeiten als Schulleiter kannte. Er fühlte sich in eine noch nicht sehr lange zurückliegende Vergangenheit zurückversetzt, doch wurde er aus diesem Gedanken gerissen, als er wie durch einen Strudel hinuntergezogen wurde, kaum dass sie beide die Oberfläche berührt hatten.
Hermione, die zu Dumbledores Zeiten als Schulleiter nur einmal hier gewesen war, als sie ihm den Zeitumkehrer übergeben hatte — oh, Merlin, ausgerechnet — sah sich bedächtig um. Sie erkannte den Raum sofort wieder: Filigrane silberne, eindeutig magische, Instrumente surrten, pufften und schnarrten auf kleinen zierlichen Tischchen, ein wärmendes Feuer prasselte im Kamin und Fawkes saß auf seiner Stange. Als sie aus dem großen Fenster blickte, glaubte sie für einen Moment sogar, den Duft von frischgefallenem Schnee riechen zu können.
Doch dann fiel Hermiones Blick auf etwas, das überhaupt nicht in dieses friedliche Bild passen wollte. In einer Reihe mit dem Rücken zum großen Schreibtisch saßen auf kleinen Stühlen drei Gartengnome, und zwar ganz anders, als man diese kleinen Wesen normalerweise erlebte. Die kleinen Kerlchen mit ihren unproportional dicken Glatzköpfen und den Knollennasen, die an eine übergroße Kartoffel erinnerten und die sich normalerweise bei Gefahr mit harten Fußtritten und schmerzhaften Bissen zu wehren wussten, saßen dort vollkommen still und teilnahmslos — regelrecht abgestumpft.
Albus Dumbledore stand in seiner fliederfarbenen Robe mit gezogenem Zauberstab vor ihnen. Er betrachtete mit gerunzelter Stirn die vor ihm sitzenden magischen Wesen und deutete dann auf den ersten Gartengnom. »Steh auf und dreh dich herum!«, befahl er. Dieser erhob sich widerstandslos, und drehte sich wie angewiesen herum. Dumbledore warf den Enthüllungszauber ‘Apparete signa’, beugte sich herunter und schien die nun sichtbaren Tätowierungen zu kontrollieren.
Sowohl Severus als auch Hermione traten näher, um besser sehen zu können. Severus erkannte auf dem kleinen Schulterblatt des Gnoms zwei in der Farbe unterschiedliche Tätowierungen, deren Runen-Inschriften ebenfalls verschieden waren — genau solche, wie er sie auch auf seinem eigenen Schulterblatt im Spiegel gesehen hatte. Hermione spürte, wie ihr Gesicht alle Farbe verlor und ihre Hände zu zittern begannen. Niemals hätte sie sich vorstellen können, dass der große Albus Dumbledore so weit sinken würde. Dies erinnerte sie traumatisch an die Tierversuche der Muggel, die Hermione schon früher als abstoßend und eines Menschen vollkommen unwürdig empfunden hatte.
Dumbledore drehte den Gnom an der Schulter zu sich herum und betrachtete ihn nachdenklich. »Also gut. Die Stunde der Wahrheit«, murmelte er vor sich hin. Mit fester Stimme erklärte er dann: »Dies ist die Anleitung dafür, wie man den Fluch Coniunctio perpetua aufhebt. Die größten Schwierigkeiten bei der Entwicklung dieses Zaubers bereitete mir das Auffinden der dazu erforderlichen Zauberstab-Bewegungen. Ich zeige Ihnen nun, wie diese Zauberstab-Bewegungen ausgeführt werden müssen«, wandte er sich an nicht vorhandene Zuschauer. Er drehte sich so, dass man ihn gut beobachten konnte und vollführte eine kompliziert aussehende schwingende und drehende Bewegung mit seinem Zauberstab. Insgesamt drei Mal wiederholte er die Prozedur.
»Nun fehlt nur noch die Inkarnation des relativ einfachen Zauberspruchs. Diese muss unter allen Umständen mit laut und deutlich ausgesprochenen Worten erfolgen, da ansonsten nur ein großes Loch in das Schulterblatt gebrannt wird, jedoch der Zauber weiter bestehen bleibt.« Einen Moment schien er durch seine Ausführungen an die Bilder vergangener Versuche erinnert zu werden, da er schmerzhaft das Gesicht verzog. »Destrue Coniunctiones!«, intonierte er dann.
»Und nun zeige ich Ihnen als Letztes, wie sich der gesamte Zauber auf ein magisches Wesen auswirkt.« Mit diesen Worten richtete Albus seinen Zauberstab auf die Brust des Gnoms, der nicht einmal mit der Wimper zuckte, und vollführte die kompliziert aussehende schwingende und drehende Zauberstab-Bewegung, während er laut und deutlich die Worte »Destrue Coniunctiones!« sprach.
Die Augen des Gnoms weiteten sich voller Panik, er quiekte erschreckt auf, so dass Hermione zusammenzuckte, während die beiden anderen Gartengnome auch weiterhin völlig teilnahmslos sitzen blieben. Im selben Moment versuchte der erste Gartengnom, Albus Dumbledore in den Fuß zu beißen und dann zu flüchten.
Dumbledore fuhr herum und benutzte einen Petrificus Totalus, um ihn in der Bewegung erstarren zu lassen. Er ließ ihn herüberschweben und warf dann den Apparete signa-Zauber. Als Hermione noch einen weiteren Schritt vorwärts machte und sich hinkniete, konnte sie auf dem Schulterblatt des Gnomes weder die alten noch irgendwelche neu entstandenen Tätowierungen erkennen.
Noch bevor Dumbledore die Prozedur bei den beiden anderen Gartengnomen wiederholen konnte, tauchten Severus und Hermione aus der Erinnerung wieder auf. Sie wussten beide, dass sie sehr bald erneut in die Erinnerung würden abtauchen und sie sich in voller Länge würden ansehen müssen, doch im Moment konnten sie diese Bilder nicht eine weitere Sekunde ertragen. Es war für sie zunächst ausreichend zu wissen, dass es wirklich eine Möglichkeit gab, den Zauber aufzuheben.
Beide sahen einander voller Entsetzen an. Zwar hatte Hermione — nachdem sie die Pergamente gelesen hatte — sich bereits vorstellen können, auf welche Art Dumbledores Experimente abgelaufen waren, aber … diese Herabwürdigung und unwürdige Behandlung magischer Wesen mit eigenen Augen zu sehen …
Hermione konnte das Ausmaß ihrer Empörung nicht unterdrücken. »Wie konnten Sie …?!« Ihre Stimme versagte. Doch dann wurde sie plötzlich stutzig, als sie Dumbledore zum ersten Mal wieder ansah. Irgendetwas an der Haltung des alten Schulleiters hatte sich verändert, seit sie in seine Erinnerungen abgetaucht waren, irgendetwas, das Hermione nicht wirklich benennen konnte.
Und dann erkannte sie, was ihr eben so befremdlich vorgekommen war. Ihre geflüsterten Worte hatten eine vollkommen andere Wirkung als erwartet. Dumbledore, der bisher bei allem Bemühen, sich zu verteidigen und zu rechtfertigen, einen schuldbewussten Eindruck nicht hatte kaschieren können, straffte sich abrupt, blickte Hermione nun durchdringend an und gewann seine feste Stimme zurück.
»Ich konnte, Miss Granger, weil ich wollte und weil ich musste.«
Hermione setzte zu einer scharfen Erwiderung an, doch Dumbledore kam ihr zuvor. »Ich habe im Laufe meiner Entwicklung viele Fehler gemacht — sie sind Ihnen inzwischen nicht mehr unbekannt, wie ich weiß. Zerfressen von Ehrgeiz, hatte ich in jungen Jahren nur ein Ziel: der Beste zu werden, um selbst nach der Macht zu greifen, um meine Vormachtstellung der magischen Welt zu manifestieren. Ich habe nicht gefragt, ob Weiße oder Dunkle Magie, sondern wahllos alles genutzt, von dem ich erwarten konnte, dass es mich diesem Ziel näher bringen würde und damit mein Schicksal gedanken- und rücksichtslos herausgefordert.
Dann traf mich der furchtbare Schlag genau dieses Schicksals. Ich habe das, was geschehen ist, nie vergessen können — und ich musste erkennen, dass all meine ehrgeizigen Intentionen und all das, wofür ich bis dahin gelebt hatte, an dem schrecklichen Geschehenen nichts ändern konnten. In der Sekunde von Arianas Tod starb auch mein Verlangen nach Macht — mein Ehrgeiz war dahin. Wahrscheinlich bin ich, ohne dies anzustreben, der Größte unserer Zeit geworden, aber nur, weil ich Wissen wollte. Ich bin zu einem Professor an dieser Zauberschule geworden, der sich bemüht hat, unermüdlich selbst zu lernen und dann sein Wissen nach besten Kräften an die nächste Generation weiterzugeben, wohlbemerkt: das Wissen um Weiße Magie.
Und dann begegnete ich einem elfjährigen Jungen, der mich vom ersten Moment an irritierte. Während all seine anderen Professoren von seiner Brillianz beeindruckt und geblendet waren, war ich beunruhigt über seine Faszination für Macht und Dunkle Magie und über seine Grausamkeit gegenüber Anderen. Solange er sich hier in Hogwarts befand, waren mir die Hände gebunden, da er seine Ambitionen geschickt verbarg und ich keine Beweise hatte. Doch als er uns verlassen hatte, zeigte er sein wahres Gesicht — das eines rücksichtslosen Monsters, das zur absoluten Macht strebte, dem Quälen und Morden nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Bedürfnis waren und das nicht anders als durch seine Vernichtung aufgehalten werden konnte. Wie furchtbar, glauben Sie, hat es mich getroffen, als ich feststellen musste, dass ich Tom Riddle trotz all meiner Kenntnisse und Fähigkeiten nicht bremsen und schon gar nicht vernichten konnte.
Über dreißig Jahre später traf ich wiederum auf einen Elfjährigen — auf dich, Severus — in dem ich all das wiederzuerkennen glaubte, was ich bereits einmal in Tom gesehen hatte. Die Angst, dass sich die Ereignisse von damals wiederholen würden, dass sich unter meinen sehenden Augen ein zweites Monster entwickeln würde, trieb mich zu Maßnahmen, die, wie ich heute weiß, unverantwortlich waren. Zu meinen Waffen wurden Strenge, Ungerechtigkeit und scheinbare Nichtbeachtung. Doch meine Rechnung ging nicht auf. Was ich verzweifelt mit allen Mitteln zu verhindern versuchte, trat ein. Auch du verfielst diesem Monster, das dich mit Dunkler Magie köderte. Und als du verzweifelt nach einem Weg suchtest, aus dem Dunkel zu mir, den du für deinen Freund hieltest, zurückzufinden, dich sogar dazu bereit erklärtest, meinen Kampf gegen Voldemort in gefährlichster Position — als Spion in seinem Inneren Zirkel — zu unterstützen, hatte ich jegliches eventuell früher vorhandenes Vertrauen verloren und habe das getan, was ich glaubte, tun zu müssen. Ich bedauere dies zutiefst, weil ich jetzt begriffen habe, dass ich von Anfang an dir gegenüber falsch gehandelt habe …«
»Du hattest niemals Vertrauen, Albus – nicht zu mir!«, unterbrach Severus ihn. Er stand dort, mit hängenden Schultern, völlig ausgebrannt, fassungslos, getroffen bis ins Mark. Dies überstieg alles, was er sich vorgestellt hatte, alles, was er gestern gehört hatte.
»Wie konnten Sie so weit gehen?« Hermione schlang die Arme um Severus. Sie spürte, dass er jetzt mehr als alles andere und jemals zuvor ihre Nähe, ihre Wärme brauchte.
>Oh, Merlin!< Dumbledore stöhnte innerlich auf. Niemals zuvor hatte er die Wahrheit und die Folgen seiner Handlungen so klar vor Augen geführt bekommen, wie in diesem Moment. Scham stieg in ihm hoch, etwas, das er seit dem Tod Arianas nicht mehr gefühlt hatte. Doch er musste noch etwas richtig stellen und er durfte sich dafür keine Schwäche erlauben.
»Ich hatte mir eine Aufgabe gestellt, Miss Granger: Die Vernichtung Voldemorts, eine Aufgabe, der ich alles andere gnadenlos untergeordnet habe«, antwortete Albus fest. »Und dafür war mir jedes Mittel recht — jedes!«
Er sah, wie Hermione beim letzten Wort heftig zusammenzuckte, doch die Schonzeit war vorbei. »Nur eine einzige Sucht war mir über all die Jahre von meinem früheren Selbst geblieben und hat mich mein Leben lang weiter begleitet, eine, die ich gemeinsam habe mit einem Halbblutprinzen und einer Miss Ich-weiß-noch-immer-viel-zu-wenig: Der Drang zu forschen und mein Wissen zu erweitern. Ich war überzeugt davon, dass nur überragendes Wissen mich in die Lage versetzen würde, Voldemort beseitigen zu können und diese meine Überzeugung war auch die treibende Kraft, die mich zeitweise die Grenzen vergessen und überschreiten ließ, die Ethik und Verantwortungsbewusstsein jedem Forscher setzen, was auch immer der Anlass für seine Arbeiten sein mag. Ja, ich gebe zu, ich habe magische Wesen ausgenutzt, musste sie ausnutzen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Aber Eines, Miss Selbstgefällige-Richterin, möchte ich Sie bitten zu bedenken, ehe Sie mich endgültig verurteilen.«
Dumbledore erhob sich aus seinem Sessel, seine Augen entschlossen auf Hermione gerichtet, der der Schock über seine Worte immer noch anzusehen war. Er hob die rechte Hand wie zum Schwur und erklärte mit fester Stimme:
»Im Gegensatz zu all den unglücklichen Lebewesen, die bei von verantwortungslosen Muggeln durchgeführten Versuchen meist Gesundheit und Leben eingebüßt haben, hat keines der magischen Geschöpfe bei meinen Forschungsarbeiten auch nur den geringsten Schmerz empfinden müssen und jedes von ihnen hat, körperlich und seelisch gesund, ohne jegliche Erinnerung an die an ihm von mir durchgeführten Manipulationen sein gewohntes Leben wieder aufgenommen.«
Er nahm wieder in seinem Sessel Platz. Trotz aller zur Schau getragenen Unbeugsamkeit fühlte er innerlich eine Leere, die für ein Portrait eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Er wusste, es war vorbei. Er hatte zum ersten Mal seit vielen Jahren vollkommen aufrichtig gesprochen, hatte nichts zurückgehalten, nach dem, was er gestern bereits an Wahrheit offenbart hatte. Aber er wusste jetzt, dass es wahrscheinlich ungeachtet dessen zu spät gewesen war, Verständnis zu erwecken. Für ihn selbst blieb damit kaum noch Hoffnung.
Wieder dachte Albus an dieses eine Wort zurück, das ihn in seinen Grundfesten erschüttert hatte. ‘Freund’ hatte Severus ihn genannt. >Freund …< Der Schmerz in seiner gemalten Brust wurde unerträglich.
»Ich denke, ihr solltet jetzt besser gehen. Auch wenn ihr mir im Moment wahrscheinlich keinen Glauben schenkt, ich würde mich für euch freuen, solltet ihr euch dafür entscheiden, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Miss Granger, falls Sie sich wirklich dazu entschließen, diese Flüche zu lösen, so wünsche ich von ganzem Herzen, dass diese Entscheidung sich für dieses gemeinsame Leben als richtig erweisen wird.« Auch wenn dies sehr salomonisch klang, er meinte es ehrlich. In den letzten zwei Tagen hatte er mehr über Severus Snape erfahren als in den gesamten zwanzig Jahren zuvor. Er hatte einen riesigen Fehler gemacht und er würde nun den Preis dafür zahlen müssen. Seine gemalten Augen folgten dem Paar durch den Raum zur Tür.
Hermione und Severus waren an der Tür angekommen, als Dumbledores Stimme sie nochmals zurückhielt. »Severus!«
Der Meister der Zaubertränke drehte sich herum und sah seinen ehemaligen Mentor stumm an.
Schwarze Augen voller Schmerz trafen Albus Dumbledore mitten ins Herz. »Severus, bitte — lass’ einem alten Mann die stille Hoffnung, dass wenigstens du mein damaliges Handeln irgendwann einmal verstehen wirst, auch wenn du es nicht vergessen oder gar verzeihen kannst.« Er hatte geglaubt, dass der Schmerz in seiner gemalten Brust nicht noch größer werden konnte, doch dieser Blick legte Eisenringe direkt um sein Herz. Um jedoch auf eine gemeinsame Zukunft zwischen ihnen hinzuarbeiten, setzte er dann hinzu: »Unabhängig davon erwarte ich, dich in Kürze wieder in deiner Funktion als Schulleiter hier zu sehen. Auch, wenn es mir voraussichtlich schwer fallen wird, werde ich über Vergangenes schweigen, und ich verspreche dir nach bestem Können Rat und Hilfe, falls du dessen bedarfst — und sie nach all dem anzunehmen bereit bist.«
Fortsetzung folgt …
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel