
von Nitsrek
Der Montag kam viel zu langsam für Dracos Geschmack. Durch den Unterricht würden Pansy und Theo ihn nicht so leicht meiden können wie am Wochenende. Es nervte, dass keiner von beiden ihm zuhören wollte. Er wusste, dass seine Beziehung zu Pansy höchstwahrscheinlich vorbei war, aber sie könnte wenigstens mit ihm sprechen. Als er versuchte, das Daphne zu erklären, starrte sie ihn nur mit im Unglauben geöffneten Mund an und schüttelte den Kopf.
Es war ja nicht so, dass er nicht verstehen würde, dass Pansy wütend und vermutlich aufgewühlt war, aber sie versteckte sich doch sonst nicht? Er erinnerte sich lebhaft an die blauen Flecken von den anderen Malen, als er sie verärgert hatte und einmal hatte sie ihm einen Fluch auf den Hals gehetzt, wegen dem er dann zu Madam Pomfrey gehen musste. Warum sie sich diesmal so anders benahm, war ihm ein Rätsel.
Er versuchte beim Frühstück mit beiden zu sprechen, aber Pansy war ungewöhnlich ruhig und wandte ihr Gesicht ab, während Daphne versuchte, ihn mit Blicken zu töten und ihm ernste Konsequenzen androhte, wenn er sie nicht endlich in Ruhe ließ. Und Theo tat einfach so, als würde er nicht existieren. Es war egal, was Draco sagte; er traf auf taube Ohren. Als Theo ging, packte Draco ihn am Arm und erhielt eine erste Reaktion – eine kühle und gleichgültige Bitte, ihn loszulassen.
Also ließ er ihn los.
Draco wusste, dass er Hermine nicht hätte küssen sollen. Das hätte er unter normalen Umständen auch nie getan. Er wusste ja nicht einmal genau, wie es passiert war, aber anscheinend litt allein er unter den Folgen. Er hob seinen Kopf und sah die Schuldige an, Hass in seinem Blick.
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Hermine war erstaunt, nein, geschockt, nein, vor den Kopf gestoßen. Sie starrte die Leute um sie herum an und fragte sich, ob jemand all ihre Erinnerungen gelöscht hatte.
Niemand verhielt sich anders als sonst.
Gut, vielleicht wussten sie nicht, dass sie Malfoy in aller Öffentlichkeit geküsst hatte, aber sie waren doch alle da gewesen, als sie Slytherin beim Quidditch-Spiel angejubelt hatte. Dennoch erntete sie bisher keine abfälligen Blicke.
Sie stieß Ron an. „Was ist mit den Leuten los?“, flüsterte sie.
Er wirkte etwas verwirrt, dann blickte er seine Hauskameraden an. „Nichts, soweit ich das sehen kann. Sie scheinen völlig normal zu sein.“
„Eben!“, rief sie aus. „Warum sind sie völlig normal?“
Von der gegenüberliegenden Seite des Tisches kam ein Kichern und sie starrte Harry an.
„Weißt du“, sagte Harry im Plauderton an Ron gewandt. „Sie wüsste vielleicht mehr, wenn sie öfter in unserer Nähe wäre und sich nicht nach dem Spiel und gestern auch noch verstecken würde.“
„Oh, ich gebe dir voll und ganz Recht“, sagte Ron und biss ohne weiteren Kommentar in seinen Toast.
Hermine rollte mit den Augen. „Okay, gut. Ich versteh’s. Ich sollte mehr Zeit mit euch verbringen. Aber was ist los? Sagt schon!“
„Nun“, sagte Harry und nahm sich etwas Marmelade. „Nach dem Spiel saßen alle zusammen mies gelaunt im Gemeinschaftsraum…“
„Sollten sie auch“, unterbrach Ron. „Ich kann nicht glauben, dass dieser Blödmann längere Arme hat als du.“ Er starrte böse vor sich hin, als wäre die Länge von Dracos Armen eine persönliche Beleidigung.
Harry räusperte sich. „Erinnere mich bloß nicht.“
„Warum hat er den Schnatz gefangen?“, fragte Hermine. „Ich meine, du warst doch näher dran und so lang sind seine Arme nicht. Hat er… hat er etwas gesagt um dich… abzulenken?“
Harrys Augen verengten sich. „Ich frage mich, was er sagen könnte, was dich so beunruhigt“, sagte er leise. „Aber nein. Der Schnatz ist durch meine Finger geglitten und er hat ihn gefangen – Glück.“
Ron schnaubte. „Als ob er sonst eine Chance gehabt hätte.“
„Jedenfalls“, fuhr Harry fort, „haben sie auf dir rumgehackt und wurden immer wütender.“
Rons Gesicht wurde sanfter, als er Hermine einen liebevollen Blick zuwarf, der sie endlos durcheinander brachte.
„Und wir hatten eine kurze Diskussion, während der Ron und ich die Anderen überzeugen konnten, dass dieser boshafte Mistkerl dahinter steckt.“ Harry zuckte mit dem Kopf in Richtung Malfoy.
Hermine folgte der Bewegung und traf Malfoys wütenden Blick. Sie war überrascht, dass er in ihre Richtung geblickt hatte und war bestürzt über die Intensität seines Blicks.
„Wow, schau dir das an“, murmelte Ron neben ihr. „Anscheinend hast du ihn irgendwie verärgert.“
Sie wandte schnell die Augen ab. „Vermutlich durch meine Existenz“, antwortete sie ebenso leise.
Harry blickte über seine Schulter. „Mach dir keine Sorgen, Hermine“, sagte er mit versicherndem Ton. „Du bist eine Gryffindor, wir stehen alle hinter dir.“
Hermine musste den Blick senken, als ein Kloß in ihrem Hals wuchs. Heute würden sich vermutlich die Gerüchte verbreiten und sie bezweifelte, dass sie am Ende des Tages noch diese Unterstützung hatte.
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Der Tag verging sehr langsam. Der Unterricht war langweilig und Draco machte keinerlei Fortschritte in Bezug auf Theo oder Pansy. Blaise war sein einziger Freund, und er war ungewohnt still und nachdenklich. Es war unmöglich, aus ihm herauszubekommen, was zwischen ihm und Tracey passiert war, nachdem sie den Gemeinschaftsraum verlassen hatten, aber Draco nahm an, dass es nicht erfreulich gewesen war.
Naja, die Beziehung war sowieso von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Er war sicher, dass Blaise bald wieder auf dem Damm war.
Endlich war die letzte Stunde vorbei und er machte sich auf den Weg in die Kerker, als er Angst und einen scharfen Schmerz spürte. Er blieb wie angewurzelt stehen. Es war nicht sein Schmerz, aber es fühlte sich so an. Für eine Sekunde überlegte er, ihn einfach zu ignorieren und in die Kerker zurückzukehren, aber dann wurden die Schmerzen stärker und er stöhnte.
Verdammte, gedankenlose Kuh.
Sie war immerhin nicht weit weg.
Er seufzte und lief in ihre Richtung. Als er um die Ecke trat und sie sah, überraschte ihn der Anblick. Hermine lag auf dem Boden, die Beine ausgestreckt, auf die Hände gestützt, und sie kämpfte sich auf die Knie, jedoch sehr langsam wegen der Schmerzen in ihrem Bein. Ihr Zauberstab lag ein paar Meter entfernt auf dem Boden und über ihr, mit einem höhnischen Grinsen, stand ausgerechnet Crabbe.
Er hätte wirklich gedacht, sie wäre zu klug, um sich von Crabbe übertölpeln zu lassen.
Hermine versuchte wieder, ihr Bein zu bewegen, und Schmerz schoss durch sie beide; Hermine stöhnte und Draco zuckte zusammen. Hinter Crabbe standen ein paar kichernde Klumpen, die er als die Viertklässler-Imitate von Crabbe erkannte. Toll, jetzt gab es schon Slytherin-Cliquen ohne den geringsten Verstand.
„Warum stehst du nicht auf, Schlammblut?“, verspottete Crabbe sie. „Vögelst du so gern mit Slytherins, dass du dich uns automatisch zu Füßen wirfst?“
Draco rollte mit den Augen. Das war einfach zu lahm.
„Verpiss dich, du Wichser“, knurrte sie als Antwort und unternahm einen weiteren schmerzhaften Versuch, aufzustehen.
Draco war beeindruckt. Sie war nicht wirklich in der Position, eine große Lippe zu riskieren, aber das hielt sie natürlich nicht davon ab, es trotzdem zu tunt. Er war über ihre grobe Wortwahl erstaunt, aber er schob es auf die Schmerzen. Crabbe wurde rot vor Wut und als er seinen Zauberstab zog, beschloss Draco, dass er sich nun einmischen sollte.
„Im Ernst, Granger, du musst dich nicht vor jedem Slytherin verneigen…“, sagte er und trat vor. „Ich meine, ein paar von ihnen sind es echt kaum wert…“ Er blickte Crabbe abschätzend an. Crabbe war dumm und langsam, aber er war rein körperlich eine Bedrohung, also blieb er lieber außerhalb seiner Reichweite. Er schaute kurz auf die Viertklässler, die schon allein durch Dracos Anwesenheit beunruhigt aussahen. Gut. Sie würden kein Problem sein.
„Malfoy“, zischte Crabbe. „Gekommen, um dein Schlammblut-Flittchen zu retten?“
Draco hob eine Augenbraue. „Du bist inzwischen aber sprachgewandt. Hast du ein Wörterbuch gegessen oder was?“ Hermine versuchte wieder aufzustehen und der Schmerz schoss durch ihn, lenkte ihn ab. „Bleib unten“, motzte er, sobald er wieder denken konnte. Erstaunlicherweise gehorchte sie ihm ohne Murren.
„Sie ist Freiwild, Malfoy“, sagte Crabbe. „Nur ein weiteres Schlammblut.“
Draco wurde nun wirklich sauer. „Du lässt mir keine Wahl. Zehn Punkte Abzug für Slytherin!“
Granger keuchte und Crabbe starrte ihn an, der Hohn wie weggeblasen. Die neuen Lakaien zappelten nervös herum. Oh, das hat also ihre Aufmerksamkeit erregt? Nun, ihm gefiel es auch nicht besonders.
„Wofür?“, fragte Crabbe schließlich.
Draco rollte mit den Augen und rieb sich die Stirn. „Für deine bloße Dummheit! Sie ist die Schulsprecherin, falls du das vergessen haben solltest. Ich weiß nicht, warum sie dich nicht ins Jenseits gehext hat, als du sie in die Enge getrieben hast – ehrlich, Granger – aber sie kann dir das Leben wirklich schwer machen, wenn du sie so behandelt, und mir auch, wenn ich tatenlos zusehen. Ich mag mein Leben so, wie es ist.“
„Sie hat keine Punkte abgezogen!“, verteidigte sich Crabbe.
„Natürlich nicht, du inkompetenter Idiot“, knurrte Draco, der die Nase voll hatte. „Ich denke, sie würde gerne am Leben bleiben! Also, haust du ab oder soll ich Professor McGonagall zu Strafarbeiten anstiften? Ich denke, sie würde sehr gerne wissen, was du ihrer Lieblingsschülerin angetan hast.“
Er hatte Crabbe noch nie so schnell laufen sehen wie mit seinen neuen Freunden, aber er bemerkte die düstere Verbitterung des dicken Jungen. Er würde nun auf sich aufpassen müssen… ihretwegen!
Er entschied, dass er echt einen miesen Tag hatte. In letzter Zeit fast nur.
„Danke“, flüsterte Hermine. „Ich habe ihn nicht gesehen und er hat was mit meinem Bein gemacht, bevor ich reagieren konnte.“
Er knurrte. „Ich habe das nicht für dich getan. Ich mag keine Schmerzen aus zweiter Hand. Kannst du aufstehen?“
Sie bewegte sich und der Schmerz blendete ihn eine Sekunde.
„Nein, ich glaube nicht“, wimmerte sie, als der Schmerz wieder nachließ.
Kein Witz. Er seufzte, steckte ihren Zauberstab ein und nahm den Ring ab. „Das wird wehtun“, sagte er und zog sie auf ihre Füße.
Sie schrie. Er konnte es ihr nicht verübeln. Sie fiel fast wieder hin, aber er stützte sie, zwang sie, sich auf ihrem guten Bein zu halten. Nach ein paar Sekunden wurde der Schrei von elenden, kleinen Schluchzern ersetzt.
„Der Krankenflügel ist nicht weit“, sagte er. „Kannst du vielleicht.. dahin hüpfen oder so?“
„Ich b-brauche eine Krücke“, zwang sie hervor.
Er sah sich mit wenig Hoffnung um.
„Verwandle irgendwas“, flüsterte sie gequält.
Es war wirklich nicht weit und er erinnerte sich nicht mehr ganz, wie man diese spezielle Verwandlung durchführte, also würde das vermutlich länger dauern, als sie einfach dorthin zu bringen.
Er machte ein angewidertes Geräusch und hasste sich für das, was er nun tun würde. „Stütz dich auf mich.“
Ihre Augen weiteten sich in dem von Tränen überströmten Gesicht und sie starrte ihn an.
„Mach keine Gewohnheit draus, Granger“, stieß er hervor, „aber ich würde den Ring gerne tragen, ohne Schmerzen dabei zu haben, und ich würde auch gerne in meinen Gemeinschaftsraum zurück gehen, also stütz dich verdammt nochmal an mir ab und dann bringen wir’s hinter uns!“
Sie gehorchte ihm zögernd, aber selbst so kamen sie nur quälend langsam voran. Draco fragte sich, ob er sie nicht einfach dorthin schweben lassen konnte, oder ob er ihr nicht zum Krankenflügel helfen müsste, wenn er einfach Madam Pomfrey holen würde.
Es gefiel ihm echt nicht. Es gefiel ihm nicht, Granger zu helfen. Er mochte weinende Mädchen nicht, außer er war derjenige, der sie absichtlich zum Weinen brachte – in dem Fall war es extrem befriedigend. Er wollte nicht den genauen Ursprung dieser Schmerzen kennen. Er mochte nicht, dass sie derzeit an ihn gepresst war, auf ihm lehnte, seinen Umhang mit ihren Tränen durchnässte, nur um so wenig schmerzhaft wie möglich voranzukommen.
Er mochte sie nicht, um Merlins Willen.
Als sie endlich im Krankenflügel ankamen, war er extrem erleichtert und übergab sie sofort an Madam Pomfrey, die Draco skeptisch ansah. Er erwiderte den Blick. Glaubte diese dumme alte Frau wirklich, er würde Granger in den Krankenflügel bringen, wenn er derjenige war, der an ihrem Zustand Schuld war?
Nachdem er die kleine Invalide losgeworden war, floh er rasch, sehr zufrieden, dass niemand es gesehen zu haben schien.
Aber natürlich lief es in letzter Zeit nie so, wie er es wollte.
Sobald er auf dem Gang war, hielt ihn eine kühle, allzu vertraute Stimme zurück.
„Sehr rührende Darstellung“, sagte Pansy. „Vor allem von einem Jungen, der nicht einmal Händchen halten will.“
„Pansy“, murmelte er und fügte sofort hinzu, „Wie geht es dir?“
„Ging schon besser“, antwortete sie. „Aber nie deinetwegen.“
Er wusste nicht, was er sagen sollte, und starrte deshalb stur auf den Boden.
Pansy zeigte mit dem kopf in Richtung Krankenflügel. „Was sollte das? Wirst du weich?“
Draco schüttelte den Kopf. „Crabbe war ein Arsch und hat sie so schwer verletzt, dass ich den Ring nicht tragen kann, bis Madam Pomfrey sie behandelt.“
„Nun, vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee“, sagte sie hart. „Trag den Ring nicht.“
Er war so müde. „Das haben wir schon besprochen.“
„Du hast sie Samstag fast gevögelt. Sie, Draco, obwohl du n-nie…“ Pansy spannte ihren Kiefer an und atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen. „Du wolltest nie mit mir schlafen.“
„Es ging nie ums Wollen. Das weißt du auch“, sagte Draco ruhig.
„Aber mit ihr würdest du es tun!“, schloss Pansy.
Draco schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Ehrlich gesagt will ich den Rest meines Lebens damit verbringen, es nicht mit ihr zu tun, aber… Es ging nicht um mich, das weißt du. Es ging um dich.“
„Du bist so ein arroganter Mistkerl! Wer hat dir erlaubt, meine Entscheidungen zu treffen?“, schrie sie fast.
„Wenn sie mich betreffen, ist das mein Recht!“, erwiderte er.
„Du verstehst es nicht, oder?“, fragte sie. „Es spielte keine Rolle. Du hast mir ein erstes Mal mit jemandem, den ich liebe, verweigert.“
„Nein! Ich habe dich abgehalten, damit du dein erstes Mal mit jemandem verbringen kannst, der dich liebt!“
Sobald er es gesagt hatte, hätte er es am liebsten zurückgenommen. Pansy sah aus, als hätte er sie geschlagen, während seine Worte in der Stille zwischen ihnen widerhallten.
„Ich verstehe“, sagte sie schließlich, ihre Augen fern, unkonzentriert.
„Nein, Pansy, du verstehst nicht -“, begann er.
„Entschuldige mich“, murmelte sie und stürmte an ihm vorbei in Richtung Kerker.
Zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben fühlte Draco sich wirklich wie ein Arsch.
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Vorschau
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Er lehnte sich ein Stück vor. „Nachdem du so nett fragst… nein.“
Sie starrte ihn eine Sekunde mit offenem Mund an, klappte den Mund dann zu und verengte die Augen. „Gut“, schmollte sie. „Dann gehe ich jetzt und erzähle allen, dass du mich gestern gerettet hast.“
Er starrte sie an. „Was?“
„Und wenn du mir befiehlst, nichts darüber zu sagen, werde ich etwas erfinden. Wenn du befiehlst zu lügen, werde ich die Wahrheit verdrehen. Wenn du befiehlst zu schweigen, werde ich schreiben oder Pantomime machen oder was auch immer ich tun muss. Am Ende dieses Tages wirst du bekannt sein als der Held der Muggel-Geborenen… und Hufflepuffs.“
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