
von Nitsrek
Diese Geschichte ist in Ich-Perspektive geschrieben. Es wird letztlich auf DM/HG hinauslaufen, es wird jedoch eine härtere Szene geben, die anderes andeutet. Es wird in dieser Geschichte sexuellen Missbrauch geben, also lest sie am besten nicht, wenn ihr das nicht vertragt. Bemerkungen und konstruktive Kritik willkommen. - Anmerkung der Autorin
Ich bin nicht hübsch… nie gewesen und werde es nie sein; manchmal wünschte ich, ich wäre es. Natürlich bin ich auch nicht gerade hässlich. Meine Körperteile passen gut zueinander, trotz der Tatsache, dass meine Brüste seit Neuestem ein wenig hängen. Ich habe sehr schöne Augen, ein nettes Gesicht und schön geformte Lippen. Honig oder Bernstein würden meine Augenfarbe am besten beschreiben, und meine Lippen? Sie waren wie die einer Porzellanpuppe, ein Schmollmund, voll und perfekt. Aber bekomme ich dank all dieser Vorzüge ein Date für Samstagabend? Absolut nicht.
Alle nennen mich Jane, obwohl das nur mein Zweitname ist, aber irgendwie war er nach dem Krieg hängen geblieben. Ich hatte es anfangs auch bestärkt, die Einfachheit meines Zweitnamen im Vergleich zu meinem geschichtsträchtigen Vornamen vorgezogen. Hermine Granger, Kriegsheldin; Hermine Granger, Harry Potters beste Freundin; Hermine Granger, das Gehirn des Goldenen Trios… Ich hatte angefangen, meinen Namen zu hassen. Als ich meine Stelle in der Mysteriumsabteilung antrat, bat ich also meine Kollegen, mich Jane zu nennen und erklärte ihnen, dass ich keine Extrabehandlung wegen meiner Rolle im Krieg erwartete. Zehn Jahre waren nun vergangen und fast alle nannten mich Jane, abgesehen von einigen Ausnahmen, natürlich.
Mein Leben in den ersten paar Jahren nach dem Krieg war ruhig verlaufen, dafür hatte ich akribisch gesorgt. Mein Gesicht hatte viel zu oft die Titelseite des Tagespropheten geziert; wilde Spekulationen über mein Leben im Allgemeinen und mein Liebesleben wurden im Laufe der Monate immer lächerlicher. Ich hatte meine Eltern weiterhin in anonymer Sicherheit in Australien leben lassen. Mum und Dad liebten inzwischen das Klima und die Bewohner ihrer Stadt. Abgesehen davon waren die Erinnerungen aller Bekannten an sie in Großbritannien gelöscht worden, weshalb die Leute nicht einmal mehr wussten, dass die Grangers einmal eine Zahnarztpraxis gehabt hatten… Ich war eine Zeit lang im Fuchsbau geblieben, hatte Eulen ignoriert, Harrys und Ginnys schlecht vertuschtes Flirten ignoriert und auch Ron ignoriert.
Ron… Ich hatte seinen Avancen zwei Monate lang nachgegeben. Unsere Beziehung war unbeholfen, übereilt und für mich irgendwie unnatürlich. Am Ende trennten wir uns in einem angekratzten Verhältnis und ich begann mein Leben in der Dunkelheit. Das war nun acht Jahre her und ich war seither nie zum Fuchsbau zurückgekehrt oder hatte mit einem der Weasleys gesprochen. Von Zeit zu Zeit schickte Ron mir eine Muggel-Postkarte. Ron reist extrem viel als Mitglied einer internationalen Organisation, die Dunkle Aktivitäten nach Voldemorts Niedergang im Keim erstickt. Es istt eine luxuriöse Arbeit, vor allem im Vergleich zu meiner. Nach Voldemorts Tod traten viele Dunkle Organisationen ans Licht und seitdem hatte Ron viele Abenteuer erlebt, viele lebensbedrohliche Abenteuer. Ich allerdings bin froh, dass alles vorbei ist.
Was den Helden des Trios betrifft: Das letzte Mal hatte ich Harry Potter an seiner Hochzeit mit Ginny Weasley im Fuchsbau kurz nach ihrem bestandenen Abschluss gesehen. Damals hatte ich mich bereits von dem Leben, das ich einst kannte, distanziert. Ich hatte Ginnys Bitte, ihre Brautjungfer zu sein, höflich abgelehnt und hatte den Empfang zeitig verlassen; war Reportern, alten Schulkameraden und den noch lebenden Ordensmitgliedern ausgewichen. Ich bin diskret über das Flohnetzwerk nach Hause gereist und hatte meinen Festumhang ausgezogen. Danach hatte ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt, um die Geschehnisse des Tages festzuhalten und meine Pläne, mich aus dieser Welt zurückzuziehen, weitergesponnen.
Als es an die Bewerbungsgespräche beim Ministerium ging, musste ich der magischen Entsprechung einer psychologischen Untersuchung stellen. Der Heiler war ein uralter Mann, der schon Tausende von Ministeriumsangestellten untersucht hatte und ich war erleichtert, als mein Name keine unnötige Beachtung aufgrund kürzlicher Ereignisse fand. Nach mehreren Stunden, in denen ich Fragen zu meinem Leben, Gefühlen zum Krieg und Ministeriumsverordnungen beantwortet hatte, lehnte sich der Heiler in seinem Stuhl zurück und betrachtete mich aus gelblichen Augen.
‚Miss Granger, Ihre Aversion gegenüber gesellschaftlichen Interaktionen ist beunruhigend. Sie verstehen offensichtlich, dass diese Haltung eine Reaktion auf die Geschehnisse der letzten drei Jahre und Ihre Beteiligung im Krieg ist. Unabhängig davon, wie beunruhigend dieser post-traumatische Stress ist, sind Sie bei vollem Verstand. Die Hindernisse, die Sie bewältigt haben, haben Sie stärker gemacht und Ihre Leistungen auf dem akademischen Feld sich überragend. Kurzum: Ich werde Ihrer Eignung für die Mysteriumsabteilung nicht widersprechen…’
Der Heiler leitete mich an den Vorsitzenden der Mysteriumsabteilung weiter, einen Herrn namens Alexander Roux, und ich wurde schnell zur jüngsten Unsäglichen in der Geschichte des Ministeriums. Soviel dazu. Einer der ersten Schritte in ein zurückgezogenes Leben. Der nächste Schritt war getan, als ich in das einzige magisch geschaffene Bauwerk innerhalb der Grenzen des Verbotenen Waldes einzog.
Mein Zuhause war eine alte Jagdhütte, beinahe vergessen von der Magischen Welt, Hagrid jedoch bekannt. Er hatte mir die Hütte überlassen, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob es einen Ort gab – einen abgeschiedenen Ort – wo mich die Presse in Ruhe lassen würde. Hagrid verstand nicht, dass ich einen Platz zum Leben suchte; dachte, dass ich nur eine Zuflucht brauchte. Als ich jedoch zur Hütte kam, trug ich mein ganzes Hab und Gut in meiner Manteltasche und Krummbein baumelte in einem Korb von meiner Hand.
Die Hütte befand sich auf einer kleinen Lichtung, nur alte Schutzzauber schienen den Wald davon abzuhalten, sie komplett unter Farnkraut und Bäumen zu vergraben. Es war ein Bau aus Erde und Holz, der eher wie das Loch eines Hobbits als eine Hütte wirkte. Es gab nur ein paar mit Staub verkrustete Fenster, die nach außen blickten und die breite Tür war so niedrig, dass man sich bücken musste, um einzutreten. Von der Mitte des irdenen Dachs wuchs ein kleiner Steinschlot, um den sich Wein rankte. Ich erinnerte mich daran, gedacht zu haben, dass ich vielleicht etwas voreilig gewesen war, als ich mein komplettes Leben in meine Taschen gepackt hatte. Ich hatte meine winzige Wohnung in London bereits für diese verwahrloste Hütte aufgegeben.
Ich trat durch den schwachen Schutzschild und bemerkte sofort, dass die Sonne in dem kleinen Stück Land, das die Hütte umgab, heller schien. Ich setzte den Korb an der Tür ab und merkte, dass die Zauber das wuchernde Gras des so genannten Gartens davon abgehalten hatten, die paar Steinplatten, die zur Tür führten, zu verschlingen. Ich zog meinen Zauberstab – aus Gewohnheit – und drückte gegen die rot gestrichene Tür. Das Holz war so stark, als würde es schon seit Jahrhunderten den Eingang blockieren. Sie öffnete sich mit einem tiefen Quietschen und ich blickte auf mein neues Zuhause.
Staub und Spinnweben verschmutzten den Hauptraum und mit einem schnellen Schlenkern meines Zauberstabs war der Raum sauber und frisch, selbst die rautenförmigen Fensterscheiben. Das Licht, das durch die Fenster einströmte, war wundervoll: Warm und heimelig. An der Rückseite der Hütte befand sich eine kleine Küche, die nach einem weiteren Zauber glänzte, eine steinerne Inseltheke in der Mitte der Küche, eine kleine Kochstelle an der Rückwand und, zu meiner Überraschung, ein niedriger Hintereingang zur Hütte, die zum Wald hinaus führte. Der kleinste Raum war ein antikes Wasserklosett, das auch einiger Reinigung bedurfte. Der vielleicht schönste Raum jedoch war das Schlafzimmer, der mich überlegen ließ, ob diese Hütte tatsächlich eine Jagdhütte oder eher ein Liebesnest gewesen war. Das Bett war sehr viel größer als alle, die ich bisher besessen hatte und stand direkt an der Wand, so dass man nur von einer Seite hinein schlüpfen konnte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes befand sich ein breites Fenster aus ähnlichen rautenförmigen Glasscheiben, das in den dunkelgrünen Wald hinausblickte. Ein Eichenschrank nahm einen Großteil des Raumes neben dem Bett ein, verziert mit schönen Schnitzereien von Waldtieren, Zentauren, Thestralen und Einhörnern.
Ich atmete schnell und schwer, so aufgeregt von dem Anblick, dass ich Krummbein und seine erbärmlichen Schreie aus dem Korb auf der Schwelle völlig vergessen hatte. Ich schwenkte meinen Zauberstab hier und da, reinigte den Rauchfang des Hauptkamins und den kleineren in der Küche. Ich öffnete alle Fenster und ließ Luft herein, erneuerte die Holzbalken, die die tiefe Decke stützten, schrubbte die Steinböden und schaffte es, ein weiteres Fenster – wenn auch ein sehr kleines – in das Wasserklosett zu quetschen, wo ich außerdem die Vorrichtungen erneuerte, damit es nicht länger ein Klosett, sondern ein ordentliches Badezimmer mit Waschbecken und Steinwanne war. Dann erst befreite ich Krummbein und hieß ihn in unserem neuen Zuhause willkommen. Das Tier mochte den Ort sofort und rollte sich auf einem antiken Stuhl vor dem kalten Kamin zusammen.
Den Rest des Tages verstärkte ich die Schutzschilder um die Hütte und zähmte das Gras, damit es gepflegter aussah. Ich leerte meine Taschen, verwandelte die Möbel nach meinen Wünschen und fand keine Hinweise auf einen früheren Bewohner. Ich bearbeitete die Schutzzauber so, dass die Hütte unauffindbar war, was mich sehr viel Energie kostete. Als Letztes erstellte ich Anti-Apparier-Schutzschilder, bevor ich es mir vor dem Kamin gemütlich machte und darüber nachdachte, was es sonst noch zu tun gab.
Und so begann mein Leben als Einsiedlerin. Für die nächsten paar Jahre war meine Hütte ein Stückchen Himmel im Verbotenen Wald. Ich legte Wert darauf, meine ‚Nachbarn’ kennenzulernen, die Zentauren, und schloss mit ihnen als einziger Mensch, der in den Wäldern lebte, Frieden. Mir wurde gestattet, mich frei zu bewegen, solange ich nicht ihre Herden störte oder die Außenwelt auf sie aufmerksam machte. Die Zentauren fanden mich merkwürdig, tolerierten mich und meine Magie aber. Sie wussten dank meiner Zauber nicht, wo sich die Hütte befand, machten jedoch einen Bogen um diese eine Lichtung, obwohl sie weder die Hütte, noch den Rauch aus dem Schornstein sehen konnten.
Ich pflanzte einen Garten an, erst Kräuter, dann Zaubertrankzutaten, dann Gemüse. Ich erkundete nach und nach den Wald, fand zu meiner Belustigung einen alten Weg, der direkt nach Hogwarts führte. Wer den Pfad geschaffen hatte und wann, war ein Rätsel, aber er führte unterirdisch in die Kerker von Hogwarts. Es war ein verborgener Pfad und ich erkannte, dass er seit vielen Jahren, vielleicht Jahrzehnten, nicht mehr benutzt worden war, dennoch wurde es mein persönlicher Weg zurück in die Welt.
Ich hatte mein Flohnetzwerk angeschlossen und benutzte meine Berühmtheit, obwohl ich es hasste, so über mein Leben zu denken, um es nicht auflisten und nur für ‚Anrufe’ benutzen zu lassen. Ich war die einzige Person, die es zu Reisezwecken nutzen konnte und jeder Versuch eines Anderen würde denjenigen sofort zum Tropfenden Kessel oder ins Ministerium bringen. Es ähnelte der Muggel-Anruferkennung, aber ich fühlte mich etwas sicherer. Die Post wurde immer noch von Eulen gebracht, jedoch ohne Empfängeradresse, nur clevere Eulen fanden die Hütte; alle anderen flogen zu Hagrids Hütte oder nach Hogwarts, wo ich die Briefe an den Wochenenden abholte. Ich abonnierte den Tagespropheten nicht mehr; es war mir alles egal. Ich ging jeden Tag zur Arbeit, reiste durch das Flohnetzwerk direkt in die neunte Etage und wenn der Tag rum war, reiste ich wieder heim, ohne die oberen Stockwerke des Ministeriums je zu sehen, mal abgesehen von seltenen Anlässen.
Das war mein Leben: den Menschenmassen entfliehen. Die einzigen Menschen, die ich sah, waren meine Arbeitskollegen, die, die mich Jane nannten. Die Einzigen, die mich noch Hermine nannten, waren Ron (in seinen Briefen), Hagrid, Minerva McGonagall und Albus Dumbledores Portrait. Ich besuchte Hogwarts wöchentlich, für gewöhnlich an den Wochenenden, um meine Post zu holen, und trank Tee mit Hagrid oder aß mit Minerva und Dumbledore in ihrem Büro zu Abend. Spät nachts besuchte ich mit der Grauen Dame alias Helena Ravenclaw die Bibliothek und las mit ihr. Meine nächtlichen Besuche hatten mir unter den Schülern einen Ruf als Geist beschert und die Schlossgeister bauschten dieses Gerücht zum Spaß auf. Ich nahm an, dass man mich schon als Geist betrachten konnte, so wie ich mich durch Hogwarts bewegte. Ich kannte alle Geheimgänge, wurde an einem Ort gesehen und erschien kurz darauf an einem ganz anderen. Ich wurde in den Ländereien gesichtet, beim See, an den Gräbern von Dumbledore und Severus Snape, bei Hagrids Hütte, nahe der Peitschenden Weide. Ich wurde angeblich sogar in der Nähe der Heulenden Hütte gesehen, aber ich wusste, dass diese Information frei erfunden war.
Eigentlich war vieles über mich zu jener Zeit frei erfunden. Hagrid informierte mich eines Tages im Winter darüber, dass der Prophet eine Artikelreihe über Harry und seinen Sieg über Voldemort veröffentlichte. Es tauchten einige Fotos auf, scheinbar von den letzten Momenten des Kampfs, auf denen Harry, Ron und ich uns erleichtert umarmten. Ich kümmerte mich nicht darum, als Hagrid versuchte, es mir zu geben. Hagrid hatte große, glitzernde Tränen in den Augen, aber ich blickte nur aus dem Fenster und auf den See dahinter.
Laut dem Propheten hatte Harry sich anscheinend dazu entschlossen, ein zurückgezogenes Leben zu führen. Harry war seit Jahren nicht gesehen worden, und seine Frau Ginny stand für Kommentare zum bevorstehenden Jahrestag von Voldemorts Fall ebenso wenig zur Verfügung. Als Hagrid mir erzählte, was der Prophet schrieb, dachte ich mir nichts dabei. Harry hatte schon immer ein normales Leben führen wollen, außerhalb des Scheinwerferlichts. Und anscheinend tat er das auch…
Es war Februar und im Mai wäre dieser Tag zehn Jahre her… Nach so langer Zeit dachte ich nicht mehr so häufig daran und auch wenn ich regelmäßig durch Hogwarts wanderte, suchten mich die Erinnerungen an die Ereignisse dort nicht heim. Ich nahm den gleichen Weg wie an jenem Tag… zum Raum der Wünsche, zur Heulenden Hütte, in die Große Halle. Es gab keine lauernden Erinnerungen an die Verwüstung, nur die Gräber der beiden größten Schulleiter, die ich glücklicherweise zu Lebzeiten gekannt hatte. Wenn mich mein Leben besonders traurig stimmte, setzte ich mich an Snapes Grab und sah hinaus auf den Schwarzen See. Es gab kein Portrait von Severus Snape, aber manchmal hörte ich in meinem Kopf, wie er mich – wie immer – schimpfte. Ich konnte nur mit Albus’ Portrait sprechen und meistens sprachen wir über meine Arbeit im Raum der Zeit.
Arbeit. Ich war froh, dass sie für heute vorbei war. Es war eine lange Woche gewesen und ich hatte nun auf mein Ansinnen ein paar Tage frei. Ich musste ein neues Haustier finden, Krummbein hatte mich zu Beginn dieser Woche endgültig verlassen. Ich verspürte keinen Kummer wegen seinem Ableben; er war alt gewesen und ein guter Begleiter, aber seine Zeit war gekommen… Zeit… Ich spürte, wie ein neuerlicher Seufzer aufstieg, während ich meinen Unsäglichen-Umhang ablegte, ihn an die Rückseite meiner Bürotür hängte und dann in meinen schweren Mantel schlüpfte. Ich trat hinaus in den schwarzen Marmorgang, die Bürotür verschmolz wieder mit dem Stein, jemand wünschte mir ein schönes Wochenende und ich hob zum Dank meine Hand in Richtung der Stimme. Ich hatte im Moment nicht den Kopf, nett zu meinen Kollegen zu sein. Ich spürte nur einen Knoten aus Scheu in meiner Magengrube bei dem Gedanken daran, in die Winkelgasse und in die Magische Menagerie gehen zu müssen. Ich musste in die Öffentlichkeit treten.
Mein Mantel, eines meiner wertvollsten Besitztümer, würde mich vielleicht schützen. Ich steckte meine Hände in meine Taschen. Die linke war bodenlos gezaubert. Ich konnte meinen Geldbeutel darin ertasten, meinen Zauberstab, eine Packung Taschentücher, ein paar Phiolen Aufpäppeltrank, das Buch, das ich gerade las, einige Federn und Tintenfläschchen, kleine, leere Phiolen, ein paar Sickel, Rons letzte Postkarte, ein paar sauberer Strümpfe, ein Stapel frischer Kleidung, ein seit einigen Jahren abgelaufener Gutschein für ein kostenloses Eis in Fortescues Eissalon und schließlich ein Notfall-Portschlüssel, der mich nach Hogwarts brachte. Hagrid hatte mir den Mantel vor einigen Jahren geschenkt, kurz nachdem er realisiert hatte, dass ich in der Hütte wohnen bleiben würde. Es war sein Mantel gewesen, als er ein kleiner Junge gewesen war und an mir wirkte er wie ein schweres, ledernes Staubtuch. Er war wasserdicht, warm und ließ sich in alles verwandeln, was ich brauchte.
Während ich zum Flohnetzwerk der neunten Etage lief, darauf wartend, dass niemand mehr da wäre, verwandelte ich den Mantel in einen schweren, dunkelgrauen Mantel mit Kapuze, der mein Gesicht und mein Körper wirkungsvoll verbergen würde. Das einzige, was ich nicht änderte, war die bodenlose Tasche, die sich auf der Innenseite befand, wo ich sie leicht erreichen konnte.
Ich war zufrieden und reiste sofort zum Tropfenden Kessel. Niemand sah auf, da es in dem Lokal viel zu voll war, um einen Neuankömmling zu bemerken. Ein Teil meiner Scheu verschwand und ich trat schnell durch den Hinterausgang, durch den Bogen und auf die volle Straße. Ich fragte mich, ob es als Talent zählte, sich völlig unbemerkt durch die Massen bewegen zu können. Ich sah niemanden direkt an und hielt meinen Blick auf meine Stiefel gerichtet.
Ich drängte mich in die Magische Menagerie und hielt inne. Trotz der Käfige voller Kätzchen und anderen putzigen Tieren vor den Schaufenstern war das Geschäft relativ leer. Es waren keine Ferien und die Schüler waren in der Schule. Ich war mir nicht sicher, ob es mir gefiel, dass der Laden fast leer war. Die paar Kunden, die um die Käfige herumstanden, kannte ich nicht, also wagte ich mich vor.
Krähen, ein paar Eulen, Ratten (Merlin bewahre!), Knuddelmuffs… nichts, was ich mir kaufen wollte. In einer Ecke stand ein Käfig mit Katzen – man beachte: nicht Kätzchen, sondern ehemals Kätzchen, die nicht gekauft worden waren, bevor ihre Niedlichkeit nachgelassen hatte. Dieser Gedanke gefiel mir aus irgendeinem Grund und ich lief auf die kraftlosen Haustiere zu, suchte nach einem orangenen, vertrauten Fellknäuel.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
Ich versuchte, zu verbergen, wie überrascht ich war, als die Eigentümerin mit der dicken schwarzen Hornbrille vor mich trat und meinen Weg blockierte. Ich hätte sie zu gerne verhext, rief mir jedoch ins Gedächtnis, dass ich zumindest ein wenig den sozialen Anstand wahren sollte.
„Sind diese Katzen dort zu verkaufen?“, sagte ich und nickte mit meinem Kopf in die Richtung des Käfigs.
„Diese alten Dinger? Ich würde sie Ihnen schenken, wenn Sie möchten. Zu alt, um niedlich zu sein, kein Schüler wollte sie im Herbst…“, kicherte die alte Frau und meine Hand wanderte zu meinem Zauberstab.
Na, na, Jane… hörte ich eine vertraute, schleppende Stimme… Severus Snapes Stimme…
„Ich habe gerade erst ein liebgewonnenen Begleiter verloren, sehr lieb, zu alt, um niedlich zu sein“, zwang ich zwischen meinen Zähnen hervor.
Die ältere Frau trat zurück und ich fragte mich, ob ich zu hart gewesen war. Vielleicht hatte sie meine Stimme erkannt; mein Gesicht konnte sie sicher nicht sehen… oder?
„Es gibt auch ein paar Halb-Kniesel, die sind heutzutage ziemlich beliebt.“
Ich blinzelte. „Ach ja?“
„Oh, vor langer Zeit habe ich Hermine Granger einen verkauft… das wurde vor circa einem Jahr im Propheten erwähnt, als sie einen Steckbrief von ihr veröffentlichten… und seitdem… nun ja…“
Ich wollte lachen, meinen Kopf zurückwerfen und heulen. Ich war anscheinend zu einer Trendsetterin geworden, oder zumindest Krummbein. Ich überlegte, wie mein alter Halb-Kater darüber gedacht hätte… und ich vermisste ihn.
„Interessant“, sagte ich und schluckte meine Gedanken herunter. „Vielleicht sollte ich sie mir mal anschauen.“
Die alte Frau trat endlich zur Seite, sagte mir noch, ich sollte sie rufen, wenn ich etwas bräuchte. Ich antwortete nicht, sondern stellte mich vor den Käfig mit den sechs Tieren darin, die mich träge und unbeeindruckt ansahen. Ich zog die Kapuze ein wenig zurück, um ihnen in die Augen zu sehen, ein paar gelb, ein paar grün… aber ein Halb-Kniesel erwiderte meinen Blick mit neugierigen, grauen Augen. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf ihn und beugte mich herunter.
Der Halb-Kniesel war gerade noch ein Jungtier, und es war mir ein Rätsel, wie es sein konnte, dass niemand ihn süß fand. Ein männlicher Halb-Kniesel, graue Augen, graues Fell, einer siamesischen Katze ähnlich. Sein Fell war nicht so lang wie das der anderen Katzen, aber ich wusste sofort, dass es eindeutig ein Halb-Kniesel war. Als ich Krummbein gefunden hatte, gab es sofort eine Verbindung zwischen uns, plötzlich und unerwartet. Ich hatte es schon fast vergessen.
Ich lächelte, als der Kater sich streckte und aufstand, zur Käfigtür lieg und sein graues Näschen zwischen den Stäben durchsteckte.
„Hallo Kleiner, wie heißt du denn?“, fragte ich sanft, die gleiche Frage, die ich damals auch Krummbein gestellt hatte.
Ich neigte mich noch ein StĂĽck vor, zuckte jedoch sofort zurĂĽck, als seine Krallen meine Nasenspitze streiften, mich nicht kratzten, sondern nur spielerisch neckten. Ich verkniff mir ein Lachen, als ich die gestreckte Pfote piekte und die Spitzen seiner Krallen an meiner Fingerspitze spĂĽrte.
„Möchtest du bei einer alten, hässlichen Hexe leben?“, fragte ich leise und langte mit meiner anderen Hand durch die Gitterstäbe, um ihn hinter seinen Ohren zu kraulen.
Ein kleines Miau und es war um mich geschehen. Ich zog den Halb-Kniesel aus seinem Käfig und wiegte ihn in meinen Armen. Als seine Nase meine berührte, wusste ich es…
Ich zahlte nur zehn Sickel. Wenn es nicht so günstig gewesen wäre, wäre dieser Preis Grund zur Empörung gewesen. Dieser Halb-Kniesel war sehr viel mehr wert, aber ich beschwerte mich nicht. Ich trug meinen neuen Freund in meinen Armen, sein kurzes Fell unter meinen Fingern weich und seidig, ganz anders als bei Krummbein… Dieses Tier war schlanker, eher Mäusejäger als im Sessel liegender Faulpelz.
Ich wusste, dass ich mit ihm nicht durch das Flohnetzwerk konnte, also apparierte ich zu den Toren von Hogwarts und überquerte schnell die Ländereien, während die Sonne unterging. Sie waren verschneit und gefroren und ich rechnete beinahe damit, Schüler außen zu treffen, die sich eine Schneeballschlacht lieferten, aber ich traf niemanden. Selbst in der Eingangshalle begegnete ich niemandem, konnte nur Stimmen aus der Großen Halle hören, und wusste, dass alle vor einem warmen, herzhaften Abendessen saßen.
Ich durchquerte die Kerker, zog meinen Zauberstab und sprach Lumos, um den Weg auszuleuchten. Mein neuer Gefährte blickte sich um, zappelte jedoch nicht und gab auch keinen Laut. Tiefer und tiefer drang ich vor, wahrscheinlich einer der Wenigen, die jemals so tief gereist waren. Schließlich stand ich vor der feuchten, riesigen Trollstatue, halb so groß wie in Wirklichkeit und mit Schimmel bedeckt. Hinter dem Troll würde ich den Pfad nach Hause finden. Ich murmelte leise mein Passwort ‚Mädchentoilette’ und trat mit meinem leuchtenden Zauberstab in den Tunnel, der in den Verbotenen Wald führte.
Wenn man nicht trödelte, schaffte man es in einer guten Stunde von Hogwarts bis zu der Hütte. Im Dunkeln würde es länger dauern, aber es war keine gute Idee, mit leuchtendem Zauberstab durch den Verbotenen Wald zu wandern. Ich lief los, nachdem ich meinen Mantel zurückverwandelt und mein neues Haustier in die normale Tasche gesteckt hatte, wo er es wärmer haben würde.
Schnee bedeckte den alten Pfad, als jedoch der Halbmond aufstieg, wurde der Weg zu einem silbernen Band zwischen den dunklen Bäumen. Mein Atem stieg in geisterhaften, weißen Wölkchen auf, während ich einen steilen Hang hinauf kletterte, die Wurzeln eines nahen Baumes waren mein einziger Halt. Ich war fast Zuhause.
Als ich die Lichtung betrat, nahm ich eine vertraute Magie wahr: Die Schutzschilder, die ich errichtete hatte, um Eindringlinge von meinem Garten fernzuhalten. Ich hielt inne und blickte auf das Tier in meiner Tasche, das mich aus Sickel-artigen Augen ansah. Ich trat durch die unsichtbare Grenze, ließ mich und das Tier von der Magie registrieren. Meine Stiefel landeten auf dem schneebedeckten Grad und die Schutzwälle schienen erleichtert zu seufzen – die Herrin war zurückgekehrt.
Schnell betrat ich die Hütte, schloss die Tür hinter mir und richtete meinen Zauberstab auf das Feuer, das aufflammte und Hitze durch die kleine Hütte jagte. Ich setzte den Kater in den Sessel vor dem Feuer, zog meinen Mantel aus und hängte ihn über einen Nagel, der in einem Stützbalken zwischen Hauptraum und Küche stand. Ich klemmte den Zauberstab unter meinen Arm und lief zu den Schränken, in einem verbarg sich ein Kühlschrank, um eine Flasche Milch zu holen. Bald darauf stellte ich einen Unterteller mit warmer Sahne auf den Teppich vor dem Kamin und der Kater sprang von seinem Platz herunter und schnüffelte, bevor er seine Mahlzeit aufschleckte. Ich setzte mich in den nun leeren Sessel und beobachtete das Tier.
„Wie soll ich dich nennen?“, fragte ich laut, mehr für mich selbst als für den Kater.
Wie zur Antwort sah der Kater auf und blickte mich einen Moment lang an, seine silbernen Augen schenkten mir einen kühlen, abschätzenden Blick und befanden mich anscheinend für zufriedenstellend. Ich grinste.
„Malfoy. Du hast mich gerade so angeblickt… und hast mich nicht einmal Schlammblut genannt…“ Ich lachte leise, stützte meinen Kopf auf meine Faust und betrachtete, wie der Kater seine Milch schlürfte.
„Malfoy. An den habe ich schon lange nicht mehr gedacht…“
Der Kater miaute leise, beendete sein Mahl und sprang auf meinen SchoĂź. Ich streichelte sein graues Fell, bis er sich in meinem SchoĂź zusammenrollte.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich dieses Frettchen zuletzt gesehen habe. Egal… Er genießt vermutlich sein albernes, dekadentes und vor Vorurteilen behaftetes Leben…“, flüsterte ich und schaute ins Feuer.
Es gab so viele Leute, an die ich schon lange nicht mehr gedacht hatte. Es gab sogar welche, die ich völlig vergessen hatte. Wenn Hagrid Namen nannte, dauerte es manchmal sehr lang, bis ich mich erinnern konnte… Vielleicht war es ganz gut, dass ich vergaß.
*****
Malfoy, der Kater, stellte sich als wunderbares Haustier heraus, was vielleicht zum Teil auf sein Jungsein zurückzuführen war. Krummbein war nicht mehr jung, als ich ihn gefunden hatte und war niemals verspielt oder so anhänglich wie Malfoy.
Malfoy mochte den Garten und jagte gerne Holzmäuse, jedoch nie um sie zu töten, sondern einfach um der Jagd Willen. Er beobachtete mich beim Lesen oder rollte sich auf meinen Füßen zusammen, wenn ich auf der Ottomane lag, die ich vor zwei Jahren an die Wand nahe dem Kamin eingebaut hatte. Wenn ich schlief, lag er immer in meiner Körperbeuge, egal wie rum ich lag. Er mochte Sahne zum Frühstück, mindestens so sehr, wie ich Kaffee mochte, und zum Abendessen eine Dose Tunfisch oder Lachs.
Ich war froh, dass mein neuer Mitbewohner sich so schnell an mein Zuhause gewöhnt hatte. Der Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal allein lassen würde, rückte näher und ich erklärte ihm, dass er oft allein sein würde. Der Kater blickte mich nur kühl an und wandte sich dann hochmütig ab, was nur bewies, dass ich seinen Namen passend gewählt hatte.
Ich hatte noch zwei Tage frei. Eine Wärmefront gestattete es mir, etwas im Wald umherzuwandern und Dinge zu sammeln, die ich Professor Slughorn versprochen hatte, Dinge, die zuviel Stärke oder Mut für den alten Mann abverlangten. Es machte mir nichts aus, Horace gab mir dafür Bücher. Bücher, die ich niemals aus der Bibliothek oder vom Ministerium bekommen hätte. Diesmal würde ich aus den vielen Bächen im Wald Moos sammeln, das für viele Tränke, hauptsächlich jedoch in Horaces Schlaftrank Anwendung fand.
Ich zog meine liebste, militär-grüne Hose an, ein Thermo-Unterhemd, einen viel zu großen grünen Pullover, amerikanische Militär-Bergstiefel und meinen alten Mantel. Ich verabschiedete mich von Malfoy, und ließ mein Zuhause hinter mir, um den Wald zu betreten.
Da die Sonne im Februar selten durch die dicken Äste schien, lag Schnee auf dem Boden. Der Wind war im Schutz des Waldes nicht so eisig, aber meine Wangen und Nase waren kalt und sehr wahrscheinlich gerötet. Die Bäche waren nicht mehr gefroren, aber vor einem Monat wäre es noch schwierig gewesen, Horace sein Moos zu besorgen. Ich verließ den Weg und besuchte Plätze, die vielleicht nur ich kannte. Vielleicht war ich der einzige Mensch, der von ihnen wusste. Es gab so viele unsichtbare Grenzen im Wald und ich kannte sie nach all den Jahren. Es gab Orte, die ich nicht besuchte, und Orte, an denen ich oft die Zentauren traf, die manchmal sogar mit mir sprachen. Ich musste mich einer solchen unsichtbaren Grenze nähern, und als ich es tat, den Bach bereits in Sichtweite, hörte ich ein Pfeifen.
Ich durfte mich nicht bewegen, wenn ich diesen Ruf hörte, also erstarrte ich mitten im Schritt und zog meine Hände aus meinen Taschen. Ich konnte ihre Augen auf mir spüren; ich konnte spüren, dass sie wussten wer ich war und dass ich unbewaffnet war. Scheinbar nach Minuten erklangen zwei Pfiffe und ich verneigte mich langsam und zeigte auf den nahen Bach. Ich durfte gehen.
Nach dem Krieg wurden keine sonderlichen Anstrengungen unternommen, die Beziehung zwischen den Zentauren und den Zauberern zu verbessern. Die Zentauren waren bei der letzten Schlacht so hilfreich gewesen und nur Firenze, zusammen mit ein paar anderen, stand in ständigem Kontakt zum Ministerium. Ich als Mensch wiederum, hielt den Kontakt zu den Zentauren, nicht als Repräsentantin des Ministeriums, sondern als besorgte Bewohnerin des Waldes. Eine Übereinkunft, die kurz nach meinem Einzug in die Hütte getroffen worden war… Ich würde die Zentauren über die Absichten des Ministeriums bezüglich des Waldes auf dem Laufenden halten und sie würden mich über jede ungewöhnliche Bewegung im Wald in Kenntnis setzen. Seit Jahren herrschte Frieden.
Ich blieb neben dem Bach stehen und zog ein paar leere Phiolen aus meiner bodenlosen Tasche, öffnete die erste von vieren und füllte sie mit Wasser. Ich tauchte meine rechte Hand in den eiskalten Bach und packte einen Klumpen Moos auf dem Grund. Diesen Prozess wiederholte ich, bis all meine Fläschchen voll waren, dann stopfte ich sie zurück in meine Tasche, während ich mich aufrichtete. Ich sah mich um, verbeugte mich nochmals kurz und kehrte dann zum Pfad zurück.
Es war manchmal mühsam, Horace Vorräte zu besorgen. Ich gab vor, nicht zu wissen, wofür er sie benötigte. Ich betrat auch nie sein Büro, selbst wenn er mich jedes Mal hereinbat. Als er zum ersten Mal realisierte, wer sich da an seinem Büro vorbei schlich, hielt er mich eines Nachts auf und fragte, was ich in Hogwarts machte… und ob die Direktorin Bescheid wusste. Ich erklärte es ihm und ergänzte eine kaum versteckte Drohung, dass er mein Kommen und Gehen in Hogwarts besser für sich behalten sollte, wenn er nicht wollte, dass ein paar ungünstige Einzelheiten seiner Vergangenheit ihren Weg auf die Titelseite des Tagespropheten schafften.
Horace bezeichnete mich als eine Slytherin… und ich fasste es als Kompliment auf.
Es war nicht ganz Mittag, als ich mich auf den Weg zu dem unterirdischen Gang machte. Ich fragte mich, ob es mir gelingen würde, Minerva zu treffen, ohne, dass ich von einem der Schüler bemerkt wurde. Es war ein Wochentag und mittags saßen die meisten Schüler beim Essen… also vielleicht schon…
Ich bewegte mich an der Trollstatue vorbei und anschlieĂźend durch die Dunkelheit. Manchmal, so wie jetzt, brauchte ich keinen Zauberstab, um mir den Weg zu leuchten. Jeder Schritt war inzwischen Gewohnheit.
Es warteten keine SchĂĽler auf mich, als ich Horaces BĂĽrotĂĽr erreichte und viermal nacheinander langsam klopfte, damit er wusste, dass ich es war. Auch diese Art zu Klopfen war inzwischen Gewohnheit.
Als die Tür sich öffnete, fand ich Horace nervös vor, seine Augen rot umrandet.
„Miss Granger, mein liebes Mädchen, haben Sie das Moos?“
Ich nickte und studierte sein Gesicht.
„Sie müssen hereinkommen, meine Liebe, diesmal wirklich!“
Ich runzelte die Stirn. Horace beharrte immer darauf, dass ich mit ihm Tee trinken sollte, aber diesmal ließen mich das Zittern in seiner Stimme und die Röte seiner Augen eintreten, während sich ein Knoten in meinem Magen formte. Irgendetwas stimmte nicht…
Ich zog die Phiolen hervor, bevor ich mich in meinen GrĂĽbeleien ĂĽber Horaces Zustand verlor und drĂĽckte sie in seine fleischige Hand. Er dankte mir eilig und legte das Moos auf seinen ordentlichen Schreibtisch, bevor er mich zu seinem Kamin winkte.
„Benutzen Sie das Flohnetzwerk, um in das Büro der Direktorin zu kommen, schnell, meine Liebe!“
Ich blinzelte, als Horace mir Flohpulver in die Hand zwang und mich in Richtung Feuer schubste. Ich bewegte mich schnell und rief nach dem BĂĽro der Direktorin, drehte mich durch den Raum und entdeckte beinahe alle Professoren, Hagrid, Arthur Weasley und Neville Longbottom in dem runden Zimmer. Jede Unterhaltung wurde unterbrochen, als sich alle Augen auf mich richteten.
Ich war hereingelegt worden, da war ich mir sicher. Wie konnte Horace Slughorn das wagen?
„Hermine…“
Ich zuckte zusammen, als Neville Longbottom, Professor für Kräuterkunde und stellvertretender Direktor, ‚diesen’ Namen sprach. Er war, zugegeben, zu einem attraktiven Mann geworden, aber ich wusste, dass er und Luna Lovegood, wenn auch unverheiratet, seit zehn Jahren immer mal wieder ein Paar waren. Ich hatte Neville seit Harry und Ginnys Hochzeit nicht mehr gesehen, da ich Minerva und Hagrid deutlich gemacht hatte, dass ich nicht wollte, dass Neville von meinen Hogwarts-Besuchen erfuhr.
Neville kam auf mich zu, streckte mir eine Hand entgegen und ich, so albern das auch sein mag, zuckte zurück, als ob er mich angreifen wollen würde. Meine Bewegung blieb auch den anderen Professoren oder Arthur Weasley nicht verborgen, der sich als nächstes traute und mich Jane, nicht Hermine, nannte.
„Jane, meine Liebe, es ist schön, dich zu sehen…“, fing er an.
Natürlich wusste Arthur, dass mich alle Jane nannten; er arbeitete immer noch im Ministerium und hatte sicher die Memos mit meinem Namen darauf gesehen…
Ich entspannte mich leicht beim Klang meines Namens… Zweitnamens. Arthur war älter geworden, aber sein Gesicht war immer noch freundlich wie eh und je. Ich fragte mich plötzlich, was er hier tat… in Hogwarts.
„Ich wünschte, die Umstände wären besser, meine Liebe…“
„Was meinst du damit?“, fragte ich, plötzlich misstrauisch.
Hagrid schnäuzte seine Nase in ein Taschentuch von der Größe einer Tischdecke und sah mich aus wässrigen Augen an. Er schüttelte seinen großen Kopf und mein Magen sackte ab. Ich sah mich langsam um… Flitwick war da, Sinistra, Horace, der hinter mir aus dem Flohnetzwerk trat und mich damit weiter in den Raum drängte… Neville, Hagrid, selbst Trelawney und Hooch.
„Es geht um Minerva. Sie ist…“, begann Arthur, legte seine Hände auf meine Schultern und starrte mich an.
Ich zuckte zusammen, vielleicht etwas zu heftig, und lief zu der Treppe, die hinauf in die Privatgemächer der Direktorin führte. Eine Stimme ließ mich jedoch erstarren…
„Sie ist nicht mehr unter uns, Miss Granger… seit heute Früh. Als sie nicht zu Frühstück erschien, schickte ich Dilys in das Landschaftsbild in ihrem Schlafzimmer, um nachzusehen…“ Es war die Stimme von Albus Dumbledore, sein Portrait direkt neben dem Schreibtisch der Direktorin.
„Wie?“, fragte ich und der Schock traktierte die Verteidigung, die ich um meinen Verstand aufgebaut hatte.
Albus schüttelte seinen Kopf und nahm die Brille von seiner dünnen Nase. „Noch unklar. Poppy ist gerade oben und untersucht die… die Leiche.“
Die Hand, die ich auf das Kupfergeländer der Treppe gelegt hatte, fiel taub an meinen Körper. Plötzlich spielten die Augen, die auf mir lagen, keine Rolle mehr und ich spürte, wie ich langsam fiel. Ich verlor nicht mein Bewusstsein, aber Hagrid fing mich gerade noch auf, bevor ich zu Boden stürzte. Ich hörte, wie ein paar der Professoren sich sorgten und auch, wie Neville sie vorsichtig aus seinem Büro scheuchte, ihnen sagte, sie sollen vergessen, dass sie mich gesehen hatten und nichts den Schülern sagen, da er beim Abendessen die Bekanntgabe übernehmen würde.
Hagrid hielt mich fest, bevor er mich auf einem Stuhl absetzte… und ich bemerkte, dass es Minervas Stuhl war, hinter ihrem Schreibtisch…
„Alles klar, Mine?“, fragte Hagrid sanft.
Ich konnte mich nicht bewegen, als ich Hagrid, Neville und Arthur ansah. Ich fühlte mich, als wäre ich wieder siebzehn, klein und schwach. So viele Emotionen umspülten mich, dass mir leicht schlecht wurde.
„Ich wollte eine Eule schicken…“, fing Hagrid an, hielt dann inne, als er mein Gesicht sah. Ich kann mir nur vorstellen, was er sah…
Es vergingen ein paar stille Momente, bevor ich sprechen konnte, und als ich es tat, ĂĽberraschte mich die Bosheit, die aus meinem Mund kam.
„Was willst du hier, Arthur?“
Die Männer, die um den Tisch standen, warfen sich Blicke zu, selbst Albus versteifte sich in seinem Portrait und da wusste ich es... Ich wusste, dass es nicht nur um Minerva ging. Der alte Argwohn erwachte wieder und ich schluckte mein eigenes Erbrochenes wieder runter.
Albus hatte ‚noch unklar’ gesagt.
Minerva war alt, ja, aber nicht, was Zauberer und hexen anbelangte.
„Es gab einen Vorfall, Jane…“, fing Arthur an und warf Albus schnell einen Blick zu. „Harry ist verschwunden.“
Ich blinzelte, einmal, zweimal. Diese Worte hatten fĂĽr mich keine Bedeutung.
„Liest du denn nicht die Zeitung, Hermine?“, fragte Neville und ich zuckte wieder instinktiv zusammen. Es war nicht allein der Klang meines Namens, sondern auch sein Tonfall.
„Nein, Neville.“
Meine Worte klangen gepresst und ich suchte in meiner bodenlosen Tasche nach einer Flasche Aufpäppeltrank. Ich versuchte, den Blick zwischen Arthur und Neville zu ignorieren, als ich den Trank herunterstürzte, notierte ihn aber in meinem Hinterkopf. Der Trank lief durch mich durch und ich fühlte mich sofort besser, mein Verstand nicht mehr so träge, mein Magen weniger angespannt.
Minerva war tot und ich musste mich konzentrieren.
„Vor zwei Tagen ist Harry aus dem st. Mungo ausgebrochen. Er hat einen Heiler verletzt, der daran sogar gestorben ist. Niemand konnte ihn finden, bis heute.“
Arthurs Stimme war gespannt, als ob er Probleme damit hätte, irgendeine starke Emotion zurückzuhalten. Ich verengte meine Augen… las zwischen den Zeilen.
„Er war hier?“
„Das denken wir. Die Obrigkeit wurde informiert, aber wir wollten den Fall untersuchen, bevor sie gerufen wurden.“
Ich schloss meine Augen und rieb mit einer hand ĂĽber mein Gesicht.
„Warum war Harry im St. Mungo, Arthur?“
Meine Stimme war ruhig, zu ruhig, und als ich meine Augen öffnete, merkte ich, dass alle vier Männer, drei lebendig, einer aus Ölfarben, mich mit angstvollen Augen anstarrten. Ich kannte diese Art von Augen, ich kannte sie von Ordenstreffen, von der Letzten Schlacht, als ich vorgeschlagen hatte, dass Voldemorts Leiche entsorgt werden sollte und dass man Erhaltungszauber auf die anderen Leichen legen musste, damit im Nachhinein für die Auroren noch feststellbar wäre, wer von wem getötet worden war… Es war die Angst davor, dass ich nicht zu einer Pfütze aus emotionalem Matsch zerlief. Die Angst vor meinem strategischen und manchmal auch kühlen Verstand.
Seit einem Jahrzehnt versuchte ich, solchen Situationen aus dem Weg zu gehen.
Unsere Vergangenheit holt uns immer ein, Jane… sagte Severus Snapes Stimme in einer dunklen Ecke meines Gehirns.
„Hat Ron dir nichts gesagt?“, atmete Arthur und fuhr mit einer Hand durch seine dünner werdenden, roten Haare. Ich wusste, dass die Frage nicht wirklich an mich gerichtet war.
„Ron und ich haben seit Jahren nicht mehr persönlich miteinander gesprochen, Arthur, und unser einziger Kontakt besteht aus Postkarten. Teilweise meine Schuld…“, sagte ich sanft. „Also, sag mir, was Ron nicht gesagt hat.“
Vielleicht lag es daran, dass ich in Minervas Stuhl saß, vielleicht an meinem wachsenden Ärger darüber, dass mich so viele Leute entdeckt hatten, wo ich doch mein einsames Leben genoss… Ich wusste es nicht… Aber ich spürte Magie in meiner Stimme und sie verbrannte meine Kehle.
„Ein Jahr nach der Hochzeit fing Harry an, sich merkwürdig zu benehmen…“, begann Arthur. „Mit der Zeit wurde es nur schlimmer. Molly und ich dachten, es wären Depressionen, posttraumatischer Stress, etwas, das man mit Zaubertränken in den Griff bekäme.“
Ich runzelte die Stirn und spürte, wie mein Gesicht krampfte. „War es aber nicht.“
Arthur nickte langsam. „Harry schlug Ginny, und das war der Anfang vom Ende. Er ging nicht mehr zur Arbeit und wurde schließlich aus der Abteilung für Magische Strafverfolgung suspendiert. Ron hat versucht, mit ihm zu sprechen, aber Harry kam nicht aus seinem Arbeitszimmer. Als die Elfen Harry nicht länger zwingen konnten, etwas zu essen oder zu baden, riefen wir St. Mungo.“
Ich seufzte, konnte es in meinem Kopf sehen. Harry schlägt Ginny. Ginny kehrt verstört in den Fuchsbau zurück… Ron geht zum Haus der Potters und versucht, die Tür aufzubrechen… Kreacher versucht Harry zu zwingen oder zu überreden, etwas zu essen oder zu baden… und Harry… und Harry…
Was macht Harry?
„St. Mungo hat Harry untersucht und ihn für geisteskrank erklärt.“
Mein Körper zuckte zusammen und bevor ich es abwenden konnte, lachte ich. Ich konnte es nicht abstellen. Ich konnte das Lachen nicht kontrollieren und konnte auch nicht die Tränen, die aus meinen Augenwinkeln strömten, zurückhalten. Sie starrten mich alle geschockt an, alle, sogar Albus…
Harry war immer bei Verstand gewesen, selbst als er Angst hatte, er hätte ihn verloren. Sogar als Voldemort tot war und Harry zwei Heiligtümer abgab. Ich hatte das Buch, Die Märchen von Beedle dem Barden, immer noch… Das Buch lag auf dem geschnitzten Kopfteil meines Bettes… Der Gedanken an dieses Buch ließ mein Gelächter langsam abklingen. Ich wischte über mein Gesicht, umarmte mich selbst; wahrscheinlich war ich diejenige, die geisteskrank aussah.
„Geisteskrank…“, wiederholte ich.
Neville blickte Hagrid an, ich konnte den Blick jedoch nicht deuten.
„So wie in ‚unheilbar’? Oder gab es einen Grund, warum mein bester Freund eingesperrt wurde?“ Ärger brach auf mich ein und die Bosheit kehrte in meine Stimme zurück.
Arthur versuchte, einen gefassten Eindruck zu machen, aber ich wusste es… Ich wusste, dass er sein Bestes gab, um sich nicht von der Angst auffressen zu lassen.
„Es war…“, begann er und räusperte sich schnell. „Eine der Heiler diagnostizierte eine posttraumatische Psychose. In Harrys Fall wurde die Psychose durch seine angeborene magische Fähigkeit geschürt. Es gibt keine Heilung, zumindest keine konventionelle. St. Mungo sah eine Therapie und Zeit als die einzige Möglichkeit. Aber irgendetwas hat die Psychose ausgelöst und wir wissen immer noch nicht, was. Und etwas anderes hat nun diese Folge ausgelöst. Er war zuvor nicht so gewalttätig gewesen. Als er Ginny geschlagen hat, tat es ihm sofort Leid, aber inzwischen steckt er so tief in seiner Psychose, dass er denkt, Ginny wäre wieder eine Erstklässlerin. Er nannte mich eigentlich Dad, aber jetzt nennt er mich wieder Mr. Weasley…“
Tränen füllten Arthurs Augen und er setzte rasch die Brille ab, bevor die Tränen das Glas beschlagen würden.
Was mich betraf, ich konnte ihn nur aus zusammen gekniffenen Augen anstarren. Ich wusste, dass ich mich von den Weasleys distanziert hatte, aber mich hätte doch sicher… sicher jemand wissen lassen, dass Harry womöglich dauerhaft ins St. Mungo eingeliefert worden war. Ich runzelte die Stirn.
„Wann ist er geflohen?“
„Vor zwei Tagen. Es ist ihm gelungen, die Schutzschilder zu durchbrechen und ins Muggel-London zu fliehen. Er hatte weder Geld noch einen Zauberstab bei sich…“, erklärte Arthur mit brechender Stimme.
„Und trotzdem hat er es irgendwie bis nach Hogwarts geschafft? Wie?“
„Wir sind uns nicht sicher, Miss Granger, aber ich nehme an, dass ihn seine angeborenen magischen Fähigkeiten, zusammen mit seinen tiefen Gefühlen für diese Schule, irgendwie hierher gebracht haben“, erzählte Albus.
Ich setzte mich in Minervas Stuhl zurück, als ich ein Geräusch in der Kammer über mir hörte.
„Was hat das alles mit Minerva zu tun?“, fragte ich müde.
Ich hatte beinahe Angst, zu fragen, versuchte aber, mich auf die Antwort, die ich bekommen wĂĽrde, vorzubereiten.
„Wir glauben, dass Harry entweder für Minervas Tod verantwortlich ist, oder zumindest weiß, was die Ursache war“, antwortete Arthur, der Kummer in seiner Stimme von Schmerz erfüllt, selbst für mich…
„Wie hätte er an den Portraits in diesem Büro vorbei schlüpfen sollen? Oder an den Schutzzaubern in Minervas Räumen?“
Albus schüttelte seinen Kopf; selbst als Gemälde sah er abgekämpft aus. Ich stieß den Atem aus, und blies damit eine Strähne, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hatte, aus dem Weg. Es war alles sehr merkwürdig. Ich sparte mir meinen Kummer über Minervas Ableben für ein anderes Mal auf; es musste Wut über Harrys Situation sein, die meine Gedanken nun vorantreiben würde.
„Was hat Madame Pomfrey bisher festgestellt?“, fragte ich, meine Hände an die Armlehnen von Minervas Stuhl geklammert… Und plötzlich realisierte ich, dass der Stuhl bald Neville gehören würde… Ich wandte meine Augen Neville zu und bemerkte, wie betroffen er aussah, als er so vor mir stand, seine Hände gegen die Schreibtischkante gestützt.
„Minerva hat sich nicht gewehrt. Zumindest sieht es derzeit so aus“, seufzte Albus.
Meine Gedanken wirbelten und ich stand auf und schritt zur Treppe, bevor mich einer der Männer aufhalten konnte.
„Das würde ich nicht tun, Miss Granger. Die Ermittler werden in Kürze hier sein und nur Poppy und Neville waren bisher in dem Raum. Es wäre nicht förderlich, wenn es auch von Ihnen Spuren in dem Raum gäbe“, warnte Albus.
Immer die Stimme der Vernunft…, schnaubte ich innerlich. Albus hatte Recht. Meine Beteiligung an den Vorgängen in Hogwarts war streng vertraulich. Sicher, ich hätte mir eine Entschuldigung für meine derzeitige Anwesenheit ausdenken können, ebenso wie Arthur Weasley… aber für Minervas Schlafzimmer… das wäre schwieriger.
„Ich nehme an, dass Harrys Ausbruch aus dem St. Mungo auch die Aufmerksamkeit der Auroren erregt hat?“
Arthur nickte und Hagrid stöhnte kummervoll. Neville öffnete seinen Mund, um zu sprechen, schloss ihn jedoch resigniert wieder. Ich ignorierte den Drang, den großen Mann zu umarmen und ließ meine Hand wieder von dem Messing-Geländer fallen.
„Und ich nehme an, dass Harry nicht in den Ländereien zu finden war?“
„Die Lehrer, Elfen und Gemälde haben gesucht, aber niemand hat ihn gesehen“, seufzte Neville.
Ich biss in meine Lippe. „Woher wisst ihr dann…“
„Die Schutzzauber der Schule“, erklärte Albus und betrachtete mich wissend.
Ich nickte. Die Schutzzauber wurden in dem Moment, in dem ich in die Hütte zog, auf mich eingerichtet. Mir war bewusst, dass die schon lange bestehenden Zauber, die die Hütte umgaben, auch mit Hogwarts verknüpft waren, wenn auch nur aufgrund der geographischen Lage. Aber sie würden nicht Harry, oder irgendwen anderen, der nicht auf den Ländereien lebte, zulassen. Die Schutzzauber veränderten sich, und seit Harry auf den Ländereien gelebt hatte, waren 10 Jahre vergangen. Eine dunkle Erinnerung an Harry gäbe es noch in den beinahe-sensiblen Schutzwällen, und das war nicht genug, um die Schule darüber zu alarmieren, dass jemand „Fremdes“ kam und ging. Nach Voldemort wurden die Zauber zum Schutz der Schule und der Schüler geändert… Obwohl Harry nach wie vor willkommen wäre, würde seine magische Signatur gespeichert und als „fremd“ eingestuft werden. Die Auroren würden es sehen…
„Aber ihr könnt euch nicht sicher sein. Es hätte jeder sein können!“
Ich wusste, dass meine Worte auf taube Ohren trafen; alle im Raum, selbst Hagrid, hatten bereits ihre Entscheidung gefällt.
„Wo sollte er jetzt sein? Sicher nicht in Hogsmeade…“
Meine Worte verklangen und meine Augen richteten sich auf Albus.
„Ich denke nicht, dass er sie mit den zusätzlichen Schutzzaubern finden wird, Miss Granger.“
Ich war nur zur Hälfte erleichtert, die andere Hälfte grub in meiner Manteltasche nach meinem Zauberstab. Es beruhigte mich bereits etwas, das Holz zu berühren; ich zog ihn noch nicht.
„Wovon sprechen Sie?“
Hagrid hatte nicht gefragt, weil er wusste, worum es ging. Hagrid war nicht annähernd so blöd wie die meisten Menschen glaubten, und über die Jahre hatte er genau gelernt, wann es besser war, den Mund zu halten.
Es war Neville, der nun aufrecht stand, die Arme locker vor der Brust verschränkt. Er gab wirklich einen attraktiven Mann ab, aber ich konnte im Moment nicht anders, als ihn zu verschmähen.
„Das betrifft Sie nicht, Professor Longbottom. wir sollten uns nun auf die Ermittler vorbereiten, sie werden Fragen haben, womöglich auch mehr Informationen. Arthur, vielleicht solltest du deine Familie auf den neuesten Stand bringen. Erwähne nicht Harrys Besuch hier“, wies Albus an, seine Augen funkelten selbst durch die vielen Ölschichten.
„Hagrid, geh zu den Toren: Das Ministerium wird sicher gleich hier sein.“
Hagrid nickte und legte eine schwere Hand auf meine Schulter. Ich versuchte, zu lächeln, gab es jedoch schnell auf und tätschelte Hagrids Finger, bevor er das Büro verließ. Arthur verschwand durchs Flohnetzwerk und ließ Neville und mich, uns gegenseitig anstarrend, zurück.
„Vielleicht sollte ich mal nach Poppy sehen…“, sagte Neville sanft, anscheinend froh, seine Augen von mir abwenden zu können. Ich trat zur Seite und ließ Neville die Treppe hoch und außer Hörweite.
„Passen Sie auf sich auf, Miss Granger. Sie kennen den Wald, inzwischen sogar besser als Hagrid. Wenn Harry dort ist, könnten ihm die Zentauren gefährlich werden. Er kennt die Grenzen nicht; genauso wenig wie die Regeln. Wenn Sie ihn finden, machen Sie ihn kampfunfähig und bringen Sie ihn in Sicherheit.“
Ich blickte ihn finster an. Albus und ich waren niemals auf einer Wellenlänge gewesen, auch wenn ich nie mit einem Mann streiten würde, der älter und weitaus erfahrener war als ich.
„Er wird nach Azkaban geschickt, geisteskrank oder nicht, Albus.“
Albus nickte.
„Und wenn er sie umgebracht…“, ich verschluckte mich, übergab mich fast. „Wenn er irgendetwas mit Minerva zu tun hatte, wird er hingerichtet werden.“
Albus nickte wieder, sein Ausdruck schwer.
Ich spürte, wie sich mein Gesicht verzog, und dann kam es… Etwas, dass ich seit über einem Jahrzehnt zu ihm sagen wollte.
„Das ist alles Ihre Schuld.“
Sein gemaltes Gesicht wandte sich ab, aber er nickte nicht. Ich lächelte höhnisch und lief durchs Büro zum Kamin.
„Wohin gehen Sie, Miss Granger?“
Albus’ Stimme war verzweifelt, aber den Grund dafür wusste ich nicht genau. Ich drehte mich nicht um, blieb jedoch stehen.
„Nach Hause. Wenn die Auroren etwas von mir wollen, sagen Sie ihnen, sie sollen mir eine Eule schicken. Hagrid bitte auch, sobald ein Termin für die Beerdigung steht.“
Damit nahm ich eine Hand voll Flohpulver und warf es ins Feuer. Ich trat hinein, rief „Die Hütte“, und wirbelte in einer Woge aus Grün nach Hause.
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