
von Elbe
„Das war nun wirklich unsere allerletzte Zugreise nach Hogwarts. Irgendwie ist das schwer zu begreifen, nicht wahr?“ Ellinor stieg zusammen mit Cedrella aus dem Zug. Ruth, Marjory und Delilah saßen bereits in einer der Kutschen.
„Ja, das stimmt. Wie schnell sieben Jahre vergehen können...“, seufzte Cedrella.
„Und vergeht die Zeit für dich im Moment gerade nicht besonders schnell?“
„Wie meinst du das?“
Sie stiegen in eine leere Kutsche, die sich auch gleich in Bewegung setzte.
„Ced, du hast doch gerade irgendwas, das du uns verheimlichst, oder nicht? Triffst du dich mit jemandem? Ist es Irvin?“
„Ellinor, fang du bitte nicht auch noch damit an! Was sollte ich denn haben? Warum sollte ich etwas vor euch verheimlichen?“
„Genau das fragen wir uns eben auch. Du verhältst dich zur Zeit eben sehr merkwürdig, verstehst du? Da ist doch klar, dass wir auf solche Gedanken kommen. Du scheinst dich immer von uns wegzuschleichen.“
„Könnt ihr mich denn nicht einfach in Ruhe lassen?“ Langsam wurde Cedrella wütend.
„Nein, Ced, das können wir nicht, weil wir deine Freundinnen sind! Hör mir mal zu, von mir aus kannst du tun und lassen, was du willst. Ich komme sogar damit klar, dass du uns etwas verschweigst, weil ich denke, dass du es schon erzählen wirst, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Aber Ruth sieht das anders. Ruth wollte dir sogar schon hinterher schleichen! Delilah konnte sie noch davon abbringen, weil sie nun mal wie ich der Meinung ist, jeder Mensch hat ein Recht auf Privatsphäre. Aber du kennst Ruth doch.“
„Meine Schwester kam schon in den Ferien zu mir. Ruth hatte es ihr erzählt. Sie wollte wirklich hinter mir her schleichen? Mich ausspionieren? Aber... ich dachte, wir wären Freundinnen!“ Tränen bildeten sich in Cedrellas Augen. „Elli, ich weiß, dass ich dir vertrauen kann. Aber ich kann dir 'mein Geheimnis' trotzdem nicht verraten. Das geht einfach nicht. Es tut mir Leid. Würdest du den Anderen trotzdem nicht erzählen, dass ich zugegeben habe, dass da was ist?“
„Natürlich. Aber irgendwann wirst du es mir doch erzählen, oder Ced?“
„Das kann ich nicht versprechen. Aber wenn ich es jemandem erzähle, dann dir, das kann ich dir versprechen.“
Versöhnt umarmte Cedrella ihre Freundin.
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Ruth so weit gehen würde. Sie musste wirklich aufpassen. Die Weihnachtsferien hatten ihr noch einmal gezeigt, dass sie sich irgendwann zwischen ihrer Familie und Septimus entscheiden musste. Und sie wusste nicht, wie ihre Entscheidung ausfallen würde.
Ungeduldig ging Septimus zwischen den Regalen in der Bücherei umher. Sie musste doch nun bald auftauchen. Die Bibliothekarin beäugte ihn schon ganz seltsam. Er zog ein Buch aus dem Regal, vor dem er gerade stand. Wie man Alraunen am besten züchtete interessierte ihn zwar herzlich wenig, doch so konnte er ihre Aufmerksamkeit wenigstens etwas von ihm ablenken.
Und dann tauchte sie endlich auf. Sie war alleine. Septimus musste sich zusammenreißen, ihr nicht gleich um den Hals zu fallen. Vorsichtig blickte sie sich um. Niemand sonst in der Regalreihe.
„Septimus!“ Cedrella drückte ihn kurz an sich und flüsterte seinen Namen. Dann zog sie ihn am Ärmel aus der Bibliothek heraus und sie rannten in das erste leere Klassenzimmer, an dem sie vorbeikamen.
Sobald sie die Tür hinter sich abgeschlossen hatten, zog Septimus Cedrella an sich.
„Oh Septimus, ich habe dich so vermisst!“
„Ich dich auch, Cedrella. Ich hätte es keinen Tag mehr ausgehalten ohne dich!“
Sie küssten sich, hungrig und leidenschaftlich, als wäre dies ihr erster und gleichsam letzter Kuss. Als sie sich schließlich lösten, hielten sie einander weiterhin fest. Septimus versenkte sein Gesicht in ihrem Haar und genoss ihren Duft. Cedrella legte ihren Kopf auf seine Brust und hörte seinem pochenden Herzen zu.
„Und, erzähl mal, wie waren deine Ferien jetzt? Hattest du Probleme mit deinen Verwandten?“, fragte er schließlich.
„Es war in Ordnung“, nuschelte sie. „Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, aber ich hatte auch schon wirklich schönere Weihnachtsfeste.“
„Na siehst du.“
„Und wie wars bei dir? Das hast du mir gar nicht geschrieben...“
„Oh, mein Fest war sehr schön, weil meine ganzen Geschwister zu Besuch waren. Da war das Haus dann ziemlich voll. Ich habe übrigens noch eine Kleinigkeit für dich. Ich wollte es dir persönlich überreichen.“ Er löste sich von ihr und durchsuchte seinen Umhang. „Es ist wirklich nur eine Kleinigkeit. Ich hätte dir gerne etwas anderes geschenkt, aber... ich fürchtete, es würde zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, würdest du es tragen. Ich... ich dachte, hier könntest du sagen, nun ja, es hätte dir auch von einer Tante geschenkt werden können.“
Er zog ein kleines Päckchen aus seinem Umhang hervor und überreichte es ihr mit angespannter Miene. Cedrella riss neugierig das Papier weg. Sie hatte zwar kein Geschenk von ihm erwartet, da sie wusste, dass er nicht so viel Geld hatte, aber sich insgeheim gedacht, dass er es nicht lassen konnte, ihr etwas zu besorgen, obwohl sie ihm zuvor gesagt hatte, er solle ihr nichts schenken.
„Oh, Septimus! Oh... die sind wunderschön! Aber... du solltest mir doch nichts schenken, die waren bestimmt teuer!“ Lächelnd nahm sie die kleinen Ohrclips aus Mondstein aus der Schachtel.
Septimus küsste sie auf die Wange, während Cedrella die Clips anlegte.
„Ach, mach dir keine Gedanken wegen dem Preis.“ Er lief etwas rot an.
Seine Schwester Muriel hatte sie von ihrem ehemaligen Geliebten bekommen. Als Schluss war schmiss sie all seine Sachen weg und Septimus konnte einige Schätze, die viel zu schade zum Wegwerfen waren, nur weil sie Muriel an Ernest erinnerten, noch retten.
Er nahm Cedrella wieder in seinen Arm, lange sah er in ihre Augen.
„Cedrella, ich liebe dich.“ Dann küsste er sie.
Die Wochen vergingen und schon bald neigte sich der Januar dem Ende zu. Cedrella und Septimus gaben sich größte Mühe, ihre Beziehung weiterhin geheim zu halten. Gerade Cedrella gab Acht, wann und wie sie sich zu ihm schlich, denn auch wenn sie jetzt Ellinor als Verbündete hatte, die ihr das ein oder andere Mal half, verschwand Ruths Misstrauen nicht.
Eines Abends riss ihr Geduldsfaden und sie stellte Cedrella zur Rede.
„Jetzt hör mir mal genau zu, Cedrella Black, und sag mir die Wahrheit! Was ist mit dir in diesem Jahr los? Und tu ja nicht so, als wäre nichts, denn wir sind verdammt noch mal nicht blöd!“
Cedrella war von diesem Angriff ziemlich überrumpelt. „Wie ähm... was?“
„Du weißt genau, was ich meine. Es ist nämlich nicht gerade unauffällig, wie du dich immer alleine irgendwohin wegschleichst. Und wenn du zurückkommst tust du so, als wäre nichts gewesen. Du verheimlichst irgendwas vor uns. Irgendwas. Und es muss ja irgendetwas sein, das dir unangenehm ist, uns zu sagen. Da frage ich mich nun mal, was das ist. Und wenn du es mir jetzt nicht sagst, dann werde ich es herausfinden, das kann ich dir garantieren!“
Cedrella starrte sie nur an. Ruth starrte zurück. Als Cedrella nichts sagte, drehte Ruth sich wortlos um und ging von dannen. 'Und wenn du es mir jetzt nicht sagst, dann werde ich es herausfinden, das kann ich dir garantieren!' Ihre Worte hallten in Cedrellas Kopf nach. Es schien, als würde Ruth ihre Drohung wohl bald in die Tat umsetzen.
Am nächsten Morgen hatten sie Zaubertränke. Es war in den Stunden immer ziemlich schwierig für Septimus und Cedrella, sich zusammen zu reißen und so zu tun, als würden sie sich nicht näher kennen. Da sie nun nicht mehr zusammen an einem Trank arbeiteten wäre es umso auffälliger, würden sie miteinander reden, und so verbrachten sie die Stunden meist schweigend und warfen sich nur verstohlen Blicke zu.
Doch an diesem Morgen erzählte Cedrella ihrem Freund leise flüsternd alles über die Begegnung mit Ruth.
„Ich habe Angst, Septimus. Was ist, wenn sie uns erwischt? Dann erfahren es alle! Dann... dann habe ich kein Zuhause mehr, meine Familie würde mich sofort rausschmeißen!“
„Keine Angst, Cedrella. Sie wird es schon nicht erfahren. Wir müssen nun eben besonders aufpassen. Am besten vergewisserst du dich stets, ob sie dir folgt. Es wird schon alles gut gehen.“ Mit einer flüchtigen Bewegung streifte er ihre Hand. Mehr konnte er jetzt nicht tun, um sie zu beruhigen und zu trösten.
Er konnte selbst nicht fassen, dass Ruth die Freundschaft zu Cedrella wohl egal war, dass alles, um das sie sich kümmerte die Wahrheit war, ob sie damit ihrer Freundin nun Schaden zufügen würde oder nicht. So jemand war doch keine Freundin. Er wüsste nicht, was er tun würde, würden Lester oder Ramona ihn so bedrängen.
Doch die Beiden waren ohnehin zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie hingen immer noch aneinander wie in den ersten Wochen ihrer Beziehung. Er hatte gedacht, nach ein paar Monaten würde das wieder aufhören, doch es wurde fast noch schlimmer. Er konnte kaum etwas mit einem der Beiden alleine unternehmen. Die einzige Zeit, in der er mit Lester alleine reden konnte, war im Schlafsaal. Doch Lester redete auch ununterbrochen von seiner Schwester und manchmal musste er Lester auch daran erinnern, dass er gar nicht unbedingt alles wissen wollte. Seine Schwester traf er nur alleine an, wenn sie Quidditch-Training hatten. Allerdings saß Lester oft auf der Tribüne und sah ihnen zu, wenn er nichts zu tun hatte. Wenigstens schwärmte Mona ihm nicht andauernd von Lester vor.
Und dennoch konnte er Lester auf der einen Seite verstehen. Am liebsten würde er ihm auch von Cedrella erzählen. Erzählen, wie wunderbar die Zeit mit ihr war, wie sie küsste, wie er eine Gänsehaut bekam, wenn sie ihn berührte, was für tolle Gespräche er mit ihr führen konnte, dass sie so ganz anders war, als Lester es von ihr denken würde.
Doch es ging nicht. Er konnte es ihm nicht erzählen. Lester würde es nicht verstehen. Und so wurde er Lesters Lobgesängen über Ramona erst recht überdrüssig.
In den nächsten Wochen passte Cedrella sehr gut auf, wenn sie sich in das Versteck schleichen wollte. Sie ging los, sobald Ruth aus dem Zimmer war, sie drehte sich hinter jeder Ecke um, um zu sehen, ob ihr jemand folgte. Andere Schüler, denen sie auf dem Gang begegnete sahen sie schon komisch an. Doch bisher schien niemand sie zu verfolgen.
Erst gegen Ende Februar hörte sie, als sie schon fast an ihren geheimen Platz waren, Schritte hinter sich. Schnelle, leise trippelnde Schritte. Sie blieb stehen und versteckte sich hinter einer Rüstung, da spähte auch schon Ruth um die Ecke und, als sie den leeren Gang sah, trippelte sie an Cedrella vorbei zur nächsten Ecke.
Cedrella schoss aus ihrem Versteck hervor.
„Was suchst du denn, Ruth?“, rief sie mit bebender Stimme.
Ruth fuhr herum. „Dich“, antwortete Ruth ehrlich. „Da du mir ja nicht sagen wolltest, was du machst, muss ich es eben selbst herausfinden!“
„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass es dich vielleicht überhaupt nicht angeht, was ich mache? Hast du schon einmal etwas von Privatsphäre gehört?“
„Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn du etwas Verbotenes tust. Ich bin schließlich Vertrauensschülerin! Und ich bin mir sicher, deine Familie würde es in dem Fall auch gerne erfahren. Oder belügst du etwa deine Familie?“
„Ich wiederhole mich nochmal: Es geht dich nichts an! Abgesehen davon mache ich nicht Verbotenes. Und selbst wenn, kann es dir egal sein! Es ist schließlich mein Leben, kapiert? Meines, nicht deines, und mit meiner Familie hat das auch überhaupt nichts zu tun! Warum kannst du dich da nicht einfach raushalten? Ich dachte einmal, du wärst meine Freundin, aber anscheinend bist du das nicht, weil dir Freundschaft wohl nichts bedeutet! Alles, was du willst, ist, irgendwelche Verbrechen, die gar nicht begangen wurden, aufzudecken, weil du nämlich besessen bist, dass alle irgendein verbotenes Geheimnis haben und du dann die 'Wahrerin und Retterin der Wahrheit und Gerechtigkeit' spielen kannst! Verzieh dich bitte einfach, ich möchte nichts mehr mit dir zu tun haben!“ brüllte Cedrella. Dann drehte sie sich um und rannte einfach los. Vorbei an dem Versteck, in dem Septimus wahrscheinlich schon auf sie wartete und sich wunderte, wo sie nur blieb. Vorbei an ihrem Gemeinschaftsraum, vorbei an der großen Halle, wo die letzten vom Abendessen herauskamen. Irgendwann befand sie sich auf dem Schlossgelände wieder. Es war kalt, es schneite und sie hatte keine Jacke an, doch in dem Moment war ihr das egal. Sie setzte sich irgendwo in den Schnee. Tränen rannen ihr über die Wangen.
In diesem Moment hasste sie Ruth, wie sie noch nie jemandem gehasst hatte. Und noch mehr: sie war enttäuscht von ihr als Freundin. Warum konnte sie sich nicht einfach um ihren eigenen Kram kümmern? Warum musste sie sich immer in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen? Warum konnte sie sie nicht einfach in Ruhe lassen?
Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, lief Cedrella wieder ins Schloss, zu ihrem und Septimus Versteck. Sie hoffte, dass er vielleicht noch dort auf sie warten würde. Ansonsten würde sie ihm einen Brief schreiben und ihm darin erklären, was geschehen war.
Doch sie hatte Glück. Auf dem Weg begegnete ihr niemand und als sie in der Besenkammer, die sie dieses Mal als Versteck gewählt hatten, ankam, saß Septimus auf einer Kiste und las in einem mitgebrachten Buch. Als sie die Tür öffnete blickte er auf. Sein Gesicht erhellte sich im Licht seines Zauberstabs.
„Cedrella!“, rief er und sprang auf. „Ich befürchtete schon, du würdest nicht mehr kommen!“
Sie lief in seine Arme. Es fühlte sich so schön an, so beruhigend, so tröstend, dass Cedrella schon wieder die Tränen kamen.
„Aber Liebste, was ist denn los?“, fragte Septimus besorgt.
„Ich habe mich eben ganz furchtbar mit Ruth gestritten. Das war es mit unserer Freundschaft.“ Cedrella schluchzte.
„Was ist passiert?“ Er strich ihr sanft über den Rücken, während sie sich an ihn klammerte und unter Tränen von ihrem Streit erzählte.
„Sie ist mir hinterher geschlichen. Ich habe sie zur Rede gestellt. Sie hat mir ganz viele, ganz schlimme Dinge an den Kopf geworfen. Und dann habe ich ihr noch mehr, noch schlimmere Dinge an den Kopf geworfen. Und ich habe ihr gesagt, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte.“
„Cedrella, Liebes, sie hatte auch kein Recht, dir hinterher zu schleichen. Schon gar nicht als Freundin. Meiner Meinung nach bist du, auch wenn es noch wehtut, da die Wunde frisch ist - meiner Meinung nach bist du ohne sie besser dran.“
„Im Moment denke ich genauso, da ich so wütend bin. Ich habe nur Angst, dass ich es irgendwann bereuen werde. Und dass es dann zu spät ist.“
Sie schwiegen einen Moment, Septimus küsste Cedrella auf den Schopf.
„Aber was werden nun die Anderen sagen, wenn Ruth und ich nicht mehr miteinander reden?“
Septimus rückte ein Stück von Cedrella weg, um ihr in die Augen sehen zu können.
„Cedrella, mach dir doch nicht immer so viele Gedanken, was andere denken werden. Das bringt doch nichts. Entweder sie werden dich verstehen, oder nicht. Ändern kannst du an der Situation nun sowieso nichts mehr. Sie werden denken, was sie wollen. Und meistens ist es gar nicht so schlimm, wie man es erwartet. Du machst dir nur immer viel zu viele Gedanken darüber.“
Dann küsste er sie lange und ausgiebig.
'Endlich hat der Tag auch etwas Gutes', dachte Cedrella, während eine letzte Träne sich über ihre Wange schlich.
Die nächsten Tage wurden unangenehm für Cedrella und Ruth. Die Nachricht über ihren Streit hatte sich schnell verbreitet und so wusste nun das halbe Schloss, dass Cedrella ein Geheimnis hatte, das sie niemandem preisgeben wollte, und dass Ruth Aufrichtigkeit wichtiger war als Freundschaft. Marjory, Delilah und Ellinor beschlossen, sich aus der Sache herauszuhalten und schlugen sich auf keine Seite. Sie versuchten erfolglos, Ruth und Cedrella wieder dazu bewegen, miteinander zu reden, doch keine der Beiden sah ein, warum sie den ersten Schritt machen sollte.
„Marjory, sie hat mir gesagt, ich solle mich von ihr fern halten, sie möchte nichts mehr mit mir zu tun haben. Oh nein, stimmt ja, sie hat mich angeschrien. Und genau das werde ich nun auch tun. Ich werde mich keinesfalls nochmal von ihr anschreien lassen. Dabei war das Ganze ganz allein ihre Schuld! So etwas tut man nun mal nicht.“
„Deli, sie ist mir hinterher geschlichen. Sie hat mir deutlich gezeigt, dass ich ihr nicht vertrauen kann. Es ist schade, dass diese Freundschaft so enden musste, doch ich bin der festen Überzeugung, dass ich ohne sie besser dran bin. Von mir aus könnt ihr drei euch noch weiter mit ihr abgeben, das ist eure Sache, doch ihr Verhalten mir gegenüber sollte euch eigentlich auch eine Lehre sein. So etwas tut man nun mal nicht.“
Wenn sie alle fünf im Gemeinschaftsraum waren, dann saßen Cedrella und Ruth möglichst weit auseinander und sahen sich nicht an. Die anderen Drei versuchten verzweifelt, eine möglichst normale Konversation aufrecht zu erhalten, was sich als recht schwierig gestaltete.
In den Fächern Verwandlung und Verteidigung gegen die dunklen Künste, in denen Ruth und Cedrella bisher immer nebeneinander gesessen waren, mussten nun Marjory und Delilah mit ihnen die Plätze tauschen.
Charis fing Cedrella noch einmal ab und bat sie, ihr zu erzählen, was los sei.
„Charis, bitte. Kannst nicht wenigstens du mich damit einfach in Ruhe lassen? Es reicht schon, wenn das halbe Schloss wilde Spekulationen anstellt“, seufzte Cedrella.
„Aber Cedrella, kannst du dich denn nicht einmal mir, deiner Schwester, anvertrauen?“ Sie wirkte fast schon gekränkt.
„Hör zu, irgendwann werde ich es dir erzählen, ja? Du wirst eine der ersten Personen sein, die es erfährt, das verspreche ich dir. Ich brauche nur noch etwas Zeit, verstehst du? Und bitte, Charis, bitte erzähle unseren Eltern kein Wort! Oder Callidora, denn dann könntest du es gleich in den Tagespropheten schreiben...“
Widerwillig ließ Charis ihre ältere Schwester wieder in Ruhe.
Septimus und Cedrella beschlossen, sich fürs erste nicht mehr heimlich zu treffen, bis sich die Wogen glätten würden, da es zu riskant war. Cedrella wurde schließlich auf Schritt und Tritt von neugierigen Schülern verfolgt, die wissen wollten, was es mit dem mysteriösen Geheimnis, das den Streit von Ruth und Cedrella ausgelöst hatte, auf sich hatte („Können die sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern?“, schimpfte Cedrella täglich). Es fiel ihnen sehr schwer, denn so sahen sie sich nur noch in den gemeinsamen Zaubertränkestunden und dort mussten sie schließlich so tun, als seien sie nicht miteinander befreundet. Sie konnten nicht miteinander reden, sie konnten sich nicht küssen. Sie konnten sich lediglich ab und zu berühren, wenn Einer dem Anderen eine Zutat reichen musste. Doch das war zu wenig, um ihr Verlangen nacheinander zu stillen.
Septimus hatte befürchtet, seine Freunde, die wussten, dass er ein Geheimnis hatte, und die ahnten, dass es etwas mit einem Mädchen zu tun hatte, würden eins und eins zusammen zählen. Doch er wartete vergeblich auf die anklagende Vermutung, er wäre Cedrella Blacks Geheimnis. Sie würden nie vermuten, dass er etwas mit einem Mädchen wie ihr anfangen würde.
„Warum sind die ganzen Leute eigentlich alle so scharf darauf, dieses 'Geheimnis' von der Black zu erfahren? Haben die keine eigenen Probleme?“, fragte Mona auf dem Weg zum Abendessen. „Ich meine, da ist doch bestimmt nichts Hochspannendes dahinter, dazu ist sie als Person ja schon viel zu langweilig.“ Sie lachte laut auf. „Und selbst wenn, mir ist es einfach nur egal, was solche Leute machen.“
Septimus schluckte, sagte jedoch nichts.
„Ja“, antwortete Lester. „Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich meine, in Afrika verhungern Kinder und hier regen sie die Leute über so etwas auf!“
Septimus und Ramona verdrehten hinter Lesters Rücken die Augen. Lester hatte seit ein paar Wochen eine Phase, in der er sich sehr für Kinder in armen Ländern einsetzte, seit er eine sehr bewegende Reportage über dieses Thema in der MerlinsZeit gelesen hatte.
„Achja, du bist mit ihr doch in Zaubertränke, oder?“, fragte Lester Septimus. „Hat sie da mal irgendwas Interessantes gesagt?“
„Äh, was? Nein, wir, ähm, reden nicht miteinander.“
Merlin sei Dank ließ Lester es dabei beruhen.
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