
von selliiWeasley
So, hier das dritte Kapitel. Würde mich freuen, wenn ihr mir Kommentare da lassen würdet.
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Entfernt hörte ich ein lautes, betrunkenes Lachen und erwachte aus meinem Halbschlaf. Ich richtete mich auf und zog die nach Rauch und Alkohol stinkende Decke, die auf mir lag, herunter. Ich musste wohl in der Bar eingenickt sein und wie es schien, hatte Tutti mich zugedeckt. Ich sah mich um. Der kleine Nebenraum, in dem ich mich immer noch befand war dunkel und leer. Irgendjemand, vermutlich Austin hatte wohl die Kerzen aufgeblasen. Ich stand auf und ging zurück in den Schankraum, woher das Lachen kam, da ich dort Austin vermutete. Ich blickte mich um, konnte ihn aber nirgendwo ausmachen, bis ich Tuttis freundlichem Blick begegnete. „Na, Kleene, schon wieder wach?“, fragte er mit seinem Irischen Dialekt. „Austin musste kurz weg. Er hatte etwas zu erledigen, meinte er.“, erklärte er, nachdem er meinen suchenden Blick richtig deutete. Einen Augenblick lang war ich ein wenig sauer, da er mich alleine in dieser Spelunke zurück lies. Doch dann sah ich zu Tutti herunter- er war ca. einen halben Meter kleiner als ich- und erwiderte sein breites Lächeln, was ihm einen Spitzbübischen Ausdruck verlieh. Wenn Tutti auf mich aufpasste, das wusste ich, würde kein besoffener Zauberer es wagen, mir zu nahe zu treten, während ich schlief.
Zum zweiten Mal in dieser Nacht hatte ich keine Ahnung, wie spät es war. Ich sah auf meine Uhr und musste feststellen, dass es gleich halb fünf war. „Tutti, ich muss los. Ich hab nicht damit gerechnet, dass es schon so spät ist. Sagst du Austin bitte Bescheid, falls er heute noch mal zurück kommt?“, bat ich ihn. Er nickte nur. Ich war schon fast aus der Tür verschwunden, als er mich noch einmal zurück rief. „Charlie?“ Ich wandte mich um. „Pass auf dich auf, ja? Ich finde es schon nicht gut, dass du hier so oft alleine her kommst, aber um diese Uhrzeit sind es nicht nur die Bettler, die ihr Unwesen treiben.“ Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, entschied mich deshalb einfach für ein mattes Lächeln und verlies schnell die Bar.
Als ich wieder an der Mündung in die Winkelgasse stand, sah ich mich kurz um. Ein paar Meter weiter, an einem Laternenpfahl gelehnt, saß eine Frau, die dem Anschein nach schlief. Ich überlegte kurz, ob ich es riskieren konnte, unbemerkt an ihr vorbei zu kommen, und entschied mich letztendlich für die sichere Variante. Ich hob meinen Zauberstab, richtete ihn auf die schlafende und murmelte leise: „realiso“, ein Zauberspruch, der die Frau für einige Sekunden außer Gefecht setzte, ohne, dass sie es merkte. Schnellen Schrittes lief ich davon, bis ein leises Kichern mir die Nackenhaare zu Berge stehen lies. Vor Angst wie gelähmt hielt ich inne und drehte mich wie in Zeitlupe um.
Die Frau, die ich eben noch verhext hatte, richtete sich auf und schaute sich um. Sie war sturzbesoffen. Ihre dürren, grauen Haare hingen ihr ungepflegt in einzelnen Strähnen herab und sie wirkte dürr und ausgezerrt. „Bist du es, Wilf?“ fragte sie mich und versuchte mich mit ihren gelben, schielenden Augen zu erkennen. Ich wusste nicht, ob ich einfach weiter gehen, oder antworten sollte. „Nein“, sagte ich dann leise. „Ich bin nicht Wilf“. Sie kicherte erneut und schien es auch nicht besonders zu kümmern, wer ich war. „Hast du vielleicht ein paar Knuts für mich? Ich wurde ausgeraubt und bin hast am Verhungern.“, bettelte sie mich an. Ich zögerte. Dass sie ausgeraubt wurde, war eine dicke Lüge, so viel war klar, da ich bezweifelte, dass diese Frau überhaupt irgendetwas besaß, das nur halbwegs interessant für Diebe wäre. Andererseits tat sie mir leid, als ich ihren ausgezehrten Körper betrachtete und fragte mich, wann sie wohl das letzte mal etwas zu sich genommen hatte. Sie konnte nicht viel älter sein, als ich, auch wenn ihr die Mangelernährung sie fast gänzlich ihrer Jugend beraubt hatte. Langsam lief ich auf sie zu und fischte dabei aus meiner Hosentasche ein paar Münzen. „Hier“, sagte ich sanft. „Kauf dir etwas zu essen“. Dankbar nahm sie das Geld und sah mir in die Augen. Ihr Atem stockte. „Du bist seine Tochter, nicht war?“, sagte sie. Der Schmerz und die Erinnerung an meinen Vater trafen mich hart. „Kanntest du meinen Vater?“, fragte ich. „Kanntest? Kennen tue ich ihn. Er besorgt mir den Stoff und manchmal eine Unterkunft für ein oder zwei Nächte. Schlimm, was aus ihm geworden ist. Der Alkohol hat seinen Körper fast gänzlich aufgefressen.“ Ich lächelte. Sie konnte unmöglich von meinem Vater reden. „Er redet oft von dir, weißt du? ‚Ein Jammer, dass ich Josephine verlassen habe. Sie war so talentiert‘, sagt er oft. Ihr seht euch echt ähnlich, weißt du?“.
Ich konnte nicht mehr klar denken. Was hatte dies zu bedeuten? Lebte mein Vater etwa noch? Ich konnte es mir beim besten Willen nicht erklären, wunderte mich aber, woher sie meinem richtigen Namen wusste. „Wo finde ich meinen Vater?“, fragte ich, ohne zuvor darüber nachgedacht zu haben, ob ich das überhaupt wollte. Was würde ich vorfinden. Ein versoffener Alter, der seinen Tod vorgetäuscht hatte, um dem Familienleben zu entfliehen? Oder handelte es sich einfach nur um einen Zufall? Im selben Moment schämte ich mich, dass ich so von meinem Vater dachte. Hatte ich ihn nicht zwölf Jahre, die ich ihn kannte, geliebt und geschätzt? Er war -und ist- mein größtes Idol, wie konnte ich so von ihm denken?
Weil Charlie Winchester so war. Meldete sich die böse, aber ehrliche Stimme in mir. Er war ein versoffener Herumtreiber, dem seine Familie nie wirklich wichtig war. Doch wäre es ihm wirklich zu zutrauen, dass er so etwas tat? Dass er seiner Frau und seinen Kindern so viel Kummer bereitete, nur um unabhängig zu sein?
Ich kannte die Antwort schon längst, bevor ich überhaupt darüber nachdenken musste.
„Er ist mal hier, mal dort. Meistens treibt er sich in der Norkturngasse herum, das Zaubererviertel verlässt er nur selten. Meistens dann, wenn die Wixer vom Ministerium hier herumschnüffeln. Komm Morgen Nacht gegen zwölf in „den Basilisken“, das ist eine Bar am Ende der Norkturngasse. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dort ist, ist sehr hoch.“ Sie trat ein paar Schritte zurück und für einen Moment schien es, sie würde zusammen brechen. Dann übergab sie sich in einen Mülleimer.
Ohne sie weiter zu beachten rannte ich davon, während mir die Tränen über die Wangen liefen. Ich kam mir so dumm vor, so naiv. Seit dem Tod meines Vaters hatte ich praktisch für ihn weiter gelebt, um seinem Namen Ehre zu machen. Ich sang seine Lieder, trug seine Klamotten, nahm seinen Namen an. Er war alles für mich, das größte Vorbild, das ich jemals hatte. Hatte ich ihm denn gar nichts bedeutet? Wie konnte er mich einfach so im Stich lassen?
Ich war erstaunt, wie schnell und automatisch mich meine Füße nach Hause trugen. Schluchzend kauerte ich vor unserer Wohnungstür nieder, unfähig klar zu denken.
Was würde geschehen, wenn ich morgen Abend wirklich wieder meinem Vater in die Augen sehen würde? Würde er genauso versifft und ausgezehrt aussehen, wie das Mädchen vorhin? Ich stellte ihn mir vor, die einst wunderschönen langen Haare fettig und abgebrochen. Der lange Bart, der ihm inzwischen gewachsen sein musste, mit seiner eigenen Kotze bekleckert.
Nach einer Ewigkeit, so kam es mir vor, hatte ich mich ausgeweint, und betrat die Wohnung. Alles war so still und friedlich, wie ich es zurück gelassen hatte. Mum war vor einigen Stunden von der Nachtschicht zurück gekehrt und ich konnte ihr leises Schnarchen hinter der Schlafzimmertür hören. Charlotte schlief ebenfalls.
So leise ich konnte, ohne jemanden aufzuwecken schlich ich in mein Zimmer und legte mich ins Bett. Ich hörte ein Stöhnen und betete, meine Mum würde nicht aufwachen. Ich war nicht in der Lage den Haufen Fragen zu beantworten, die sie mir stellen würde. Ich wusste, dass ich mit niemandem darüber reden konnte, was gerade geschehen ist.
Noch nicht.
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