
von Mica
Das Haus der Snapes war alt. Es war dunkel. Man brauchte nicht zweimal hinzuschauen, um zu merken, dass hier schwarze Magier lebten. Es war beschädigt. Es hatte Narben. Viele Spinnen hatten hier ihr Zuhause gefunden, die verzierte Tapete schälte sich von den feuchten Wänden. Ein trostloser Ort.
Laute Stimmen drangen aus der Küche. Ein Mann, der seine Frau anschrie. Die Frau wollte etwas erwidern, doch ihre Stimme war schwach. Sie zitterte. Trotzdem brachte sie es fertig, einen bösen Ton in ihre Stimme zu bringen, der ihren Mann nur noch lauter schreien ließ.
Hinter der Tür zur Küche saß ein Junge auf dem staubigen Boden, er musste etwa acht Jahre alt sein. Die Beine angewinkelt und mit einem Arm umklammert lehnte er an der Wand. Sein Umhang war ihm mehrere Nummern zu groß, nur seine dünnen Fesseln ragten unter dem Saum hervor. Die schwarzen, fettigen Haare glänzten im Licht einer Kerze. Er wirkte zerbrechlich.
Die ganze Zeit hatte er ihnen zugehört. Sie taten es wieder, sie stritten sich.
Als ein lauter Knall ertönte, zuckte der kleine Severus zusammen. Seine Augen waren gerötet und feucht. Die Spuren der Tränen auf seinen Wangen wollten nicht trocknen.
Mit seinen zerbrechlichen Händen holte er ein Taschenmesser hervor und begann, die Wand neben ihm einzuritzen.
Dieses Mal schrie sein Vater. Doch Severus kümmerte es nicht. Er war daran gewöhnt. Doch warum weinte er dann? Er spürte sie Leere in sich, die Taubheit, das Verlangen, nichts mehr fühlen zu wollen.
Severus holte Luft. Und atmete wieder aus. Er führte die Hand mit dem Taschenmesser an seinen Arm, der immer noch seine Beine umklammert hielt. Er setzte das Messer an und runzelte die Stirn, dachte nach.
Er war kurz davor, das Messer wieder wegzunehmen, als er erneut seine Mutter schreien hörte.
Mit sanftem Druck zog er das Messer über seine Haut. Es schmerzte weniger, als er vermutet hatte, doch das, was er spürte, genoss er. Es zeigte ihm, dass er am Leben war, und ließ ihn seinen inneren Schmerz für einen Moment vergessen.
Blut trat aus der kleinen Schnittwunde und rann, Tropfen für Tropfen, seinen Arm hinab, fiel, und landete schließlich auf dem Fußboden.
Fasziniert beobachtete Severus den Prozess mit seltsamer Genugtuung.
Er besah sich die Klinge des Messers. Kein Blut. Doch sie schien ihn herauszufordern, wie sie ihn im Licht der Kerze anblitzte. Wieder setzte er das Messer an, direkt neben dem anderen Schnitt. Wieder fuhr er sich über die Haut, doch dieses Mal langsamer, länger, mit mehr Kraft. Er sah zu, wie die Wunde sich immer weiter öffnete. Sofort strömte Blut.
Severus lächelte benommen. In seinen Augen waren keine Tränen mehr. Es waren die unschuldigen Augen eines kleinen Jungen, dessen Leid das Blau bedeckte.
Die Tür öffnete sich so abrupt und unerwartet, dass Severus das Messer aus der Hand fiel. Sein Vater stand nun vor ihm.
“Severus!”,bellte er mit rauer Stimme, “Was tust du da? Hast du gelauscht?”
Erschrocken starrte er seinen Vater an. Der Junge kannte des Blick seines Vaters und sofort packte ihn tiefe Angst Am liebsten wäre er weggelaufen, doch das konnte er nicht. Sein Vater würde ihn erwischen. Er war gefangen.
Reflexartig hob Severus schützend die Hände vor sein Gesicht, als sein Vater sich bewegte, um sich die Nase zu kratzen. Doch das war ein Fehler. Der Blick des Mannes fiel auf die blutenden Wunden auf Severus’ Arm. Seine Augen weiteten sich und der kleine Junge machte sich in unguter Vorahnung noch kleiner.
“WAS GLAUBST DU EIGENTLICH, WAS DU DA TUST?”,fragte er brüllend und schwankte. Er war eindeutig betrunken.
Er krallte sich Severus Arm, und zog ihn zu sich rauf, um ihn näher zu begutachten, nicht darauf achtend, dass er Severus dabei beinahe den Arm umdrehte. Er schrie vor Schmerz auf..
Sein Vater runzelte die Stirn. Dann fiel sein Blick auf den Boden, wo das Messer lag.
Und er brüllte. Ohne ein Wort zu sagen. Er brüllte einfach.
Severus hatte lange nicht so unglaubliche Angst gespürt. Er wusste, was ihn erwartete und wimmerte. Hätte am liebsten laut geweint, doch das hätte seinen Vater nur noch wütender gemacht, der jetzt mit einem Arm zum Schlag ausholte. Severus kniff schluchzend die Augen zusammen, einen Moment später spürte er einen brennenden Schmerz an seiner Seite. Der Mann hatte den Arm seines Sohnes immer noch fest im Griff, sodass er nicht auf dem Boden zusammensacken oder weglaufen konnte.
Severus schrie, immer wieder trafen ihn Schläge, in die Magengegend, in den Rücken, selbst in die Genitalien. Unablässig prügelte der Mann auf den zarten Kinderkörper ein, die klangenden Schreie nicht beachtend. Ohne Vorwarnung sah Severus gerade die blanke Faust, die in schneller Geschwindigkeit auf sein Gesicht zukam. Rasender Schmerz, der Junge schrie aus voller Kehle, als würde es irgendwie helfen. Er spürte warmes Blut auf seinem Gesicht.
Würde es doch aufhören, würden diese Schmerzen doch aufhören... Sein Vater zog ihn fort. Severus wusste nicht, wohin, wusste aber, dass es nicht Gutes heißen konnte. Da sein Kreislauf nachgelassen hatte, konnte er nicht mehr gut sehen, alles, was er spürte, war die Angst, die nun sogar die Schmerzen verdeckte. Er war schutzlos ausgeliefert.
Sein Vater ließ ihn los und grinste ihn an. Severus Augen weiteten sich und wandte sich um. Kurz bevor er realisiert hatte, wo er war, spürte er, wie sein Vater ihn schubste. Und er fiel geradewegs die Treppe hinunter. Noch im Fall, als er immer wieder schreiend auf den Kanten der Treppenstufe aufkam, spürte er, wie er sich einen Zahn ausschlug und sich eine Rippe brach.
Verzweifelt versuchte er zu atmen, doch seine Luftröhre war verschlossen. Er musste sich den Rücken geprellt haben.
Ein letztes Mal fiel er mit einem Knacken seiner Rippe auf die Seite und blieb dort regungslos liegen. Er konnte wieder atmen, doch das war auch alles. Sein ganzer Körper schmerzte. Dieser Mann würde es noch bereuen... Das war sein letzter Gedanke, bevor alles um ihn schwarz wurde...
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