
von Peeves
Vogelgezwitscher wehte durch das geöffnete Fenster in das kleine gemütliche Zimmer.
Dort saßen zwei Jugendliche, ein dürrer schwarzhaariger Junge und ein Mädchen mit langen roten Haaren. Der Junge sprach gerade lebhaft, „…und dann, hat er wie am Spies geschrien. Wegen dieser kleinen Spinne.“
Lily kicherte und Severus lehnte sich zufrieden zurück. Einen Moment herrschte Stille im Raum, dann sagte Lily, „Ich hätte nie, gedacht, dass Barty Angst vor Spinnen hat. Er stolziert doch immer durch die Schule, wie der Schulleiter höchst persönlich.“
„Tja, auch er hat…“, wollte Severus antworten, doch da unterbrach ein schriller Schrei das Gespräch.
Die Beiden zuckten zusammen.
„Ich will ihr aber nicht die Post bringen und schon gar nicht, wenn sie von einem ekligen Federvieh gebracht wird!“erklang die Stimme von Lilys Schwester Petunia aus der Küche im unteren Stockwerk. „Außerdem ist er oben!“ keifte sie weiter. Man hörte wie Mrs. Evans seufzte. Dann fiel eine Tür knallend ins Schloss.
„Ist sie denn immer noch neidisch?“ fragte Severus und klang dabei ein kleines bisschen herablassend.
„Nein…sie ist nur…ach, ich weiß auch nicht“, versuchte Lily sie zu verteidigen, brach dann aber ab und stand auf. Auf der Treppe waren Schritte zu hören.
Kurz darauf ging die Tür auf und Lilys Mutter streckte zwei Briefe herein. „Hier Lily. Post für dich. Der eine Brief kam schon heute früh, als ich Frühstück machte und der andere kam gerade eben.“
Lily nahm sie entgegen, „Danke, Mum.“
Mrs. Evans nickte und sah dann freundlich zu Severus, auch wenn sie die Zweifel nicht ganz aus ihrem Blick verbannen konnte. Er war ein seltsamer Junge, mit abgetragenen und schlecht zusammenpassenden Klamotten, die Haare hingen ihm fettig ins Gesicht und es hieß, dass seine Eltern sich in Spinners End ständig stritten.
Lily war sehr gut mit ihm befreundet, während Petunia ihn heftig verabscheute.
„Willst du zum Abendbrot bleiben, Severus?“ fragte sie schließlich.
Severus, der gedankenverloren aus dem Fenster gestarrt hatte, wandte sich um, „Nein, danke. Ich muss gleich nach Hause.“
Mrs. Evans nickte abermals und schloss leise die Tür hinter sich.
Lily wartete eine Weile, bis sich die Schritte entfernt hatten, dann sagte sie, „Du hättest ruhig zum Essen bleiben können.“
Severus schüttelte leicht den Kopf und antwortete dann mit einem traurigen Lächeln, „Deine Familie mag mich nicht besonders.“
Überrascht sah Lily auf, „Nein, das stimmt nicht. Mum und Dad finden es toll, dass jemand aus Hogwarts in der Nähe wohnt. Nur…“ fügte sie betrübt hinzu, „…erfindet Tunia hin und wieder irgendwelche Geschichten über dich. Aber keine Angst, ich konnte ihnen das meiste wieder ausreden.“
Interessiert setzte sich Severus auf. In seiner Miene spiegelte sich Belustigung wieder, „Was erzählt sie denn zum Beispiel?“
Lily warf die beiden Briefe auf den Tisch und setzte sich ihn gegenüber, „Nun ja, letztens hat sie erzählt, dass du zu Gewalttätigkeit neigst und du deswegen von der Polizei gesucht wirst.“ Severus lachte auf und verschränkte entspannt die Hände hinter dem Kopf. Die Anschuldigungen schienen ihm nicht im Geringsten zu stören, „Warum tut sie das?“ fragte er spöttisch.
Lily zuckte mit den Schultern und sagte dann leise, „Wahrscheinlich glaubt sie, dass meine Eltern dich nicht mehr ins Haus lassen, wenn sie solche Sachen erzählt. Sie will mich bloß ärgern“, schloss sie betrübt.
„Und? Würde es dich ärgern?“ fragte Severus ohne sie anzusehen. Er starrte stattdessen auf ihr Bücherregal, als ob es besonders spannend wäre.
„Natürlich würde es mich ärgern. Was glaubst du denn?“ fragte sie fast herausfordernd.
Severus antwortete nicht und sah sie auch immer noch nicht an, aber auf seinem Gesicht war ein kleines glückseliges Lächeln erschienen.
Lily wurde es auf einmal warm um die Ohren, als sie begriff, was sie gerade gesagt hatte. Verlegen nahm sie die Briefe in die Hand und las scheinbar hochkonzentriert die Absender.
Der erste Brief war von Mary MacDonald, Lilys bester Freundin in Hogwarts. Der zweite Brief war von…Lily fiel die Kinnlade hinunter. Was sollte sie davon halten?!
„Was ist denn?“ fragte Severus, dem ihre Reaktion nicht entgangen war.
„James Potter hat mir geschrieben“, sagte Lily etwas zögerlich und Severus fiel vor Schreck fast vom Stuhl. „Waaas?“ Sein Lächeln war verschwunden, stattdessen machte sich jetzt eine Mischung aus Wut und Angst auf seinem Gesicht breit. „Was will er denn?“
Lily riss ohne ein Wort den Umschlag auf und Severus sprang hastig hinter sie, um mitzulesen.
Der Brief war sehr kurz, aber man konnte sehen, wie viel Mühe James sich beim schreiben gegeben hatte.
Liebe Lily, stand da
Ich weiß, du wirst überrascht sein, dass ich dir schreibe.
Aber ich habe eine Frage: Könnten wir uns am Mittwoch in der Winkelgasse treffen? Du weißt schon, für die Hogwartseinkäufe. Danach bleibt vielleicht noch ein bisschen Zeit für ein Eis bei Fortescue.
Ich würde mich riesig freuen.
Bitte antworte schnell,
dein James Potter
Lily wusste nicht ob sie lachen sollte.
James wollte schon seit letztem Schuljahr unbedingt mit ihr ausgehen. Bei jeder Gelegenheit fragte er sie, egal wann, egal wo, in überfüllten Korridoren, im Gemeinschaftsraum oder wenn sie auf dem Weg zur Toilette war. Er hatte schon viel versucht. Aber das er so weit gehen würde und sie sogar in einem Brief fragte. Dieser Potter, dachte Lily verächtlich. Er war arrogant und verhexte mit seiner supercoolen Clique jeden der ihm über den Weg lief, auch den Jungen, der jetzt direkt hinter stand und angestrengt in die Zeilen starrte.
Vor Wut zitterten ihre Hände. Ihren besten Freund vor den Augen aller Schüler demütigen und dann fragen ob sie sich mit ihm treffen wolle. Nein Potter, dachte Lily, so nicht.
Da fragte Severus plötzlich mit mühsam beherrschter Stimme, „Gehst du hin?“
Lily wandte sich langsam zu Severus um. Seine Miene war vollkommen ausdruckslos, doch seine Finger, die sich fest um ihre Stuhllehne geklammert hatten, verrieten die innere Anspannung.
Sie sah ihn einen kurzen Moment in die Augen, dann nahm sie eine Schreibfeder und Pergament und drehte sich wieder den Schreibtisch zu. „Ich dachte du hättest mittlerweile bemerkt, dass ich mich nicht mit Potter treffen will“, sagte sie und schrieb nur zwei einzelne Wörter auf das Pergament:
Nein, Danke
Dann verklebte sie den kleinen Zettel und klatschte ihn auf den Tisch.
Severus sah ungeheuer erleichtert aus.
„Eine gute Entscheidung“, sagte er und sah ihr in die leuchtend grünen Augen.
Lilys Wangen erröteten, als er sie so ansah. Sie wollte etwas sagen, aber irgendetwas hielt sie davon ab. Ihr war, als wollte sein Blick etwas mitteilen. Was war das? Hoffnung? Sehnsucht? Oder auch Zweifel? Dieser kleine Moment schien eine Ewigkeit zu dauern.
„Abendbrot!“ rief da Mrs. Evans vor der Tür.
Lily ließ vor Schreck ihre Schreibfeder fallen. Severus schloss kurz bedauernd die Augen, bevor er sagte, „Ich gehe dann besser.“
„Warte“, rief Lily, die auf dem Boden nach ihrer Feder suchte, doch Severus war schon in den Flur verschwunden.
Endlich hatte sie den Federkiel ertastet und legte ihn auf den Tisch, danach ging sie zum Fenster.
Mit langen Schritten ging Severus durch die Nacht und Lily sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn gänzlich verschluckte.
Sie seufzte leise. Fast wollte sie sich selbst nicht eingestehen, wie sehr sie sich in diesen Ferien an seine Anwesenheit gewöhnt hatte.
~~
Einen Tag später flatterte eine Eule in James‘ Zimmer. Es war die Eule von Lily Evans. Hastig sprang er vom Bett auf und stürmte auf sie zu.
Vor Aufregung gelang es ihm fast nicht, den Zettel von ihrem Bein loszubinden.
Als er es endlich geschafft hatte, faltete er ihn schnell auf.
Doch sobald er die Worte gelesen hatte, zog sein Herz sich vor Enttäuschung zusammen.
Nicht schon wieder eine Absage.
James knüllte den Brief zusammen und warf ihn in die Ecke. Dann trat er vor Wut gegen den Schrank.
Er fluchte. Warum? Warum hasste sie ihn so sehr? Kein Mädchen mochte ihn so wenig wie Lily.
Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in den Händen.
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