Unsanft schlug ich im Feuchten Gras auf. Ich ergriff Professor McGonnagalls Hand und zog mich hoch. Verwirrt betrachtete ich das Tor zu den Ländereien von Hogwarts. Die Sonne strahlte geradezu auf die Sattgrünen Wiesen. Der Anblick war seltsam entrückt, fast unwirklich.
„Nun kommen Sie.“, drängte sie mich und ging voran. Lautlos schwang das Tor von selbst vor ihr auf und gewährte uns Einlass.
„Hagrid!“, rief ich freudig aus, als ich die massige Gestalt am Wegrand erkannte. Auch McGonnagall schien erleichtert sein, ihn zu sehen. Sie erteilte ihm noch einige Anweisungen, dann disapperierte sie wieder.
„Immer in Eile, was?“, bemerkte Hagrid und hob mit Leichtigkeit meinen Koffer. „Muss noch ne ganze Menge Leute abholen. Unglaublicher Aufstand und so.“
Keuchend versuchte ich mit ihm Schritt zu halten. „Aber Dumbeldore hat Recht: Sicherheit geht vor.“, stellte er fest.
Ich nickte eifrig. Dumbeldore hatte immer Recht und Hagrid ließ auf den etwas verschrobenen Schulleiter ohnehin nichts kommen. Er war zweifellos brillant; die Muggelstämmigen hatte ihm eine Menge zu verdanken. Trotzdem hatte ich gelegentlich das Gefühl, dass er irgendetwas vor der Öffentlichkeit verheimlichte.
„Da wärn wir.“, rief er freudig aus und deutete auf das Schlossportal. „Geh du schon mal rein, ich muss wieder weg, um die nächsten abzuholen.“
Das Schloss bot einen seltsamen Anblick. Noch nie hatte ich es so leer gesehen. Während ich die Große Treppe nach oben in den Gemeinschaftsraum nahm fühlte ich mich die ganze Zeit beobachtet. Aber natürlich war das Unsinn.
„Passwort?“, fragte das Portrait der fetten Dame gedehnt.
Abrupt blieb ich stehen. Verdammt! Warum hatte ich McGonnagall nicht danach gefragt? Vielleicht hatte sie es auch gesagt, ich wusste es nicht mehr. Angestrengt dachte ich nach, doch niemand hatte etwas erwähnt.
Vielleicht lag es auch auf der Hand. Die Ravenclaws musste schließlich immer Rätsel lösen aber es kam mir doch etwas seltsam vor.
„Wird das heute noch was?“, fragte das Portrait ungeduldig.
„Billywig?“, fragte ich. Es war das Passwort vom letzten Schuljahr. Das neue hatte schließlich noch nicht begonnen.
„Korrekt.“, flötete die fette Dame und schwang zur Seite.
Nach und nach füllte sich der Gemeinschaftsraum mit Schülern. Von vielen hatte ich nicht einmal gewusst, dass ihre Eltern keine Zauberer waren, bei einigen hätte ich es nie geglaubt. Doch es war schon länger üblich, sich reinblütiger zu machen, als man es tatsächlich war. Nach dem, was am Morgen passiert war, konnte ich es niemandem verübeln.
Es wurde schon dunkel, als wir nach unten in die große Halle gingen. Schnell kämpfe ich mich zu Alice durch, die mir schon freudig zuwinkte. „Hey, Lils.“, rief sie und erdrückte mich fast. „Hi.“, war alles, was ich rausbekam.
„Hey, Lils.“, äffte Black sie ein paar Plätze nach. Alice funkelte ihn böse an, doch ignorierte ihn einfach und ließ mich auf meinen Platz fallen.
„Wie war dein Sommer?“, fragte sie neugierig.
„Beschissen.“ Alle Köpfe um Umkreis wandten sich um. Ich konnte spüren, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Trotzig sah ich sie an. „Ja, beschissen.“, wiederholte ich etwas lauter.
„Was ist denn los, Evans. Warn die Muggel nicht nett zu di...au!“, rief er und sah Potter vorwurfsvoll an.
Wutschnaubend wandte ich mich um. „Die Muggel, Black, wurden heute Morgen von deiner Verwandtschaft in die Luft gejagt.“
Sein Gesicht verlor jede Farbe und seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Und deine Eltern?“, fragte er besorgt.
Seine Anteilnahme versetzte mir einen Stich. Ich war wütend gewesen, hatte den ganzen Tag meine Gefühle aufgestaut, doch es war nicht fair, ihm die Verfehlungen seiner Familie vorzuwerfen. Das machte mich kaum besser als die Todesser. „Sie leben.“, murmelte ich beschämt.
Zum Glück öffnete sich in diesem Moment die Eingangstür und die neuen Erstklässer watschelten Professor McGonnagall hinterher durch die Halle. Es versetzte mir einen Stich zu sehen, wie wenige es nur waren, doch viele Eltern ließen ihre Kinder in diesen Zeiten lieber zu Hause.
Kaum hatten sie sich im Halbkreis um den sprechenden Hut aufgestellt, öffnete sich auch schon der berüchtigte Riss an seiner Krempe. Offenbar hatte er es in diesem Jahr eilig.
Einst pflegten die Gründer in alten Tagen,
einen jeden nach seinem Talent zu fragen.
Heute bin ich es, der dieses tut,
willkommen heißt euch der sprechende Hut.
Ein jeder der viere schätze,
besondere Gabe und setzte,
mich schon auf so manchen Kopf,
noch keine zwei schmiss ich in einen Topf.
Die tapferen nach Gryffindor und mutigen dazu,
den Ravenclaws gesteh ich die schlausten Köpfe zu.
Dem treuen und loyalen nach Hufflepuff man rät,
die listigen nach Slytherin, von alter Sozietät.
Willkommen in Hogwarts, Zaubererbrut,
willkommen all jene mit Muggelblut.
Steht zusammen, seid frohen Muts.
Mein Ratschlag ist kein alter Hut.
„Na das war doch mal ne Ansage.“, stellte Alice über den Applaus hinweg fest.
Ich nickte und beobachtete, wie die kleine Schülerzahl auf die Häuser verteilt wurde. In diesem Jahr gab es nur zwei neue Gryffindors: Marina Johnson und Mike Lewis. Obwohl ich es lieber ruhiger hatte, stellte ich es mir seltsam vor, allein in einem Schlafsaal zu sein. Aber Mut war eben keine gefragte Eigenschaft in so gefährlichen Zeiten und die Zugehörigkeit zum Erzfeind der Herrschenden schon gar nicht.
Mein Blick huschte hinüber zum Slytherintisch. Tatsächlich tummelte sich dort eine ganze Schar junger Köpfe. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ein Paar schwarzer Augen zu mir hinüberhuschte. Wütend beschwörte ich den Anblick der zerstörten Nachbarschaft vor meinem inneren Augen hinauf, doch er versuchte gar nicht erst in meinen Geist einzudringen. Ein kurzes Winken, dann wandte er sich wieder seinen Freunden zu. Ich hätte Gift darauf genommen, das mehr als die Hälfte von ihnen Todesser waren. Was Severus an ihnen fand, hatte ich nie nachvollziehen können, doch unsere Wege hatten sich schon vor einer Weile getrennt.
Meine trüben Gedanken verflüchtigten sich, als ich sah, wie Dumbeldore sich die Arme ausgebreitet zu seiner berühmt berüchtigten Ansprache erhob.
„Auch von mir ein herzliches Willkommen an alle.“, begrüßte er die gebannte Menge. „Ich will es kurz machen, das Festessen soll schließlich nicht kalt werden: Um auf die aktuellen Bedrohungen zu reagieren wurde der Stundenplan umgestellt. Wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass in diesem Jahr ein besonderes Augenmerk auf magische Schutzmaßnahmen und Verteidigungszauber gelegt wird.
Natürlich werden Sie wie gewohnt ihre Prüfungen ablegen können, vor allem der fünfte und der siebte Jahrgang. Die Anpassungen wurden so gut es ging in Einklang mit dem Altbewährten gebracht und wir alle hoffen, schon im nächsten Jahr zum üblichen Pensum zurückkehren zu können.“
Es war vollkommen still im Raum. Von allen Seiten konnte man verblüffte Gesichter sehen. Noch nie hatte Dumbeldore unmittelbar Einfluss auf den Unterricht genommen, das war immer Sache der Lehrer gewesen. Wenn man einmal von Verteidigung gegen die dunklen Künste Absah, hatte jeder über Jahre hinweg sein eigenes Süppchen kochen können.
„Dürfen wir uns dann auch duellieren?“, fragte Potter aufgeregt.
Genervt verdrehte ich die Augen. „Als ob du dafür eine Erlaubnis bräuchtest.“
„Nicht mit dir, Evans. Ich bin nicht darauf erpicht, als pinkes Stachelschwein zu enden.“
„Weiß gar nicht, wovon du redest.“, sagte ich und gab der prustenden Alice einen Stoß.
„Also dann, haut rein.“, war alles, was ich noch von Dumbeldores Anspreche mitbekam, während sich die langen Tische mit kulinarischen Wundern füllten.
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