
von Eva Nightingale
Kapitel 19
Das Trimagische Turnier
Die Informationen, die ich benötigte, waren schwerer zu erhalten als erwartet. Ich musste aufpassen, damit sie nicht merkten, dass sie ausgehorcht wurden. Würde nur ein einziges Zirkelmitglied einen Verdacht schöpfen wäre die Arbeit von mehreren Monaten umsonst gewesen.
Das Trimagische Turnier war unaufhörlich näher gerückt. Im Oktober wurden die Champions wie folgt ausgerufen: Viktor Krum für Durmstrang, Fleur Delacour für Beauxbatons und schließlich Cedric Diggory für Hogwarts... und Harry Potter für Hogwarts. Harry Potter? Als ich das erfuhr war ich doch etwas verwirrt und fragte Eve gleich danach. Ich solle mir darüber keine Gedanken machen, war der Rat von ihr und sorgte dafür, dass ich mir erstrecht Gedanken darüber machte. Laut der Regelgebung dürfte es von jeder Schule nur einen Champion geben und außerdem würde es dieses Mal eine Altersbegrenzung von siebzehn Jahren geben. Harry war jedoch erst vierzehn. Mir schwante Böses. Ich wusste nicht, was die Ernennung von Harry zum Champion bedeuten sollte, aber ich wusste, dass es nichts Gutes wäre. In solchen Momente wäre ich gerne eine Seherin gewesen.
XXX
Delians kleine Faust trommelte gegen meine Brust und sein zahnloser Mund grinste mich unverhohlen an. Vorsichtig legte ich den Säugling schließlich ins Wasser, hielt ihn aber mit einer Hand, damit sein Kopf nicht untertauchte und die andere Hand wusch vorsichtig über die sanfte Haut. Vom langen Tag müde, gähnte der Kleine und schlief im lauwarmen Wasser ein. Auch als ich ihn in ein Handtuch legte und ihn damit umwickelte, wachte er nicht auf. Selene dagegen war alles andere als müde. Sie planschte fröhlich im Wasser und machte sich einen Spaß daraus mich nass zu machen. Na warte, du kleiner Frechdachs! Ich blies ihr sanft auf den Bauch, wobei sie vergnügt quiekte. Auch sie umhüllte ich mit einem flauschigen Handtuch, nachdem ich sie gewaschen hatte. Beide Kinder bekamen eine Windel verpasst und wurden in ihre winzigen Anzüge gesteckt, ehe ich sie wieder in ihr Bettchen brachte. Vorsichtig gab ich jedem der beiden einen Kuss auf die Stirn und legte mich dann selbst schlafen.
Trotz der enormen Müdigkeit sollte ich keinen Schlaf finden. Ich zwang mich einzuschlafen, aber es ging einfach nicht. Morgen würde die erste Disziplin des Trimagischen Turniers stattfinden. Die Champions müssten an einem Drachen vorbei kommen und ein goldenes Ei aus dem Nest jenes furchterregenden Wesens holen.
Ich gab den Versuch auf, mich in den süßen, verlockenden Schlaf zu flüchten. Mit einem entnervten Stöhnen stand ich vom Bett auf und ging zur nahen Küche. Im ganzen Tunnelkomplex war es still. Alles schien, als hätte hier die Zeit aufgehört zu existieren. Die kleinen Lichter an der Decke waren erloschen und völlige Dunkelheit war über die Räume und Flure gelegt. „Lumos“- und ich konnte wenigstens sehen, wohin ich meine Schritte tat.
In der Wand, der Küche klaffte ein kleines Loch, aus dem Wasser floss und in einem Auffangbecken das zwanzig Zentimeter darunter lag, aufgefangen wurde. Das Loch war mit fremdartigen Runen umrandeten und das Becken darunter sah wie ein Miniaturtaufbecken aus. In einem der vielen Regale nahm ich mir einen Trinkpokal und füllte ihn mit dem kühlen Quellwasser. Das Wasser habe magische Kräfte, hatte man gesagt und Eve nannte es stets Happy-Drink, was der Wirkung wohl sehr entsprechen musste. Kühlend floss es meine Kehle hinab und vermochte etwas zu tun, das mir so lange verwehrt wurde: Ich fand Ruhe. Meine Nerven entspannten sich und ich fühlte mich schläfriger denn je. Den Weg zurück in mein Zimmer legte ich kaum wahrnehmbar zurück und kroch in das immer noch warme Bett zurück. Die Zwillinge meinten es gut mit mir und ich hatte eine lange, erholsame Nacht.
XXX
Als ich aufwachte bemerkte ich das geschäftige Treiben um mich herum. Eve wuselte durchs Zimmer und griff Dies und Jenes und legte es schließlich wieder an ihren Platz zurück. Mit schlaftrunkenen Augen sah ich sie an. Die Zwillinge hatte sie bereits in einen Kinderwagen gesteckt und sie selbst war ausgehfertig. Mord! Ich hatte nicht Übellust Eve ein Kissen an den Kopf zu werfen. Man konnte mich zwar nicht als morgen Muffel bezeichnen, aber die frühe Aktivität von Eve nervte mich schon.
Sie strahlte mich an und wünschte mir einen guten Morgen.
„N' Morgen,“ sagte ich noch verschlafen und zähneknirschend. Meine Hoffnung noch wenige Minuten einfach so liegen zu bleiben wurden von ihrem Tatendrang zunichte gemacht. Gut, dass sie nicht weiß, was ich vorhabe, dachte ich grimmig und bedachte sie mit einem ironischen Lächeln. Da das alles hier keinen Wert hatte, stand ich schließlich auf und zog mich an. Kaum hatte ich das Bett verlassen war die Anspannung wieder da.
„Wenn mir etwas passieren würde, dann würdest du dich um die Zwillinge kümmern, oder?“, fragte ich beiläufig und tat so, als sie dies eine gewöhnliche Frage.
„Da du mich zu deren Patin gemacht hast, müsstest du die Antwort kennen... Warum?“
„Ach nur so. Wer weiß, was die Zukunft bringt?“ Eve sah mich mit einem undefinierbaren Ausdruck an. Ahnte sie schon etwas? Wenn ja, wäre es bereits zu spät. Sie könnte nichts mehr ändern. Sind wir erst mal in Hogwarts, werde ich meine eigenen Wege gehen und Harry warnen. Schnell hatte ich den Plan, Dumbledore zu warnen, abgeharkt, denn er würde mir vermutlich nicht helfen können. Ich kannte inzwischen den Ablauf der Geschehnisse, wusste wann der dunkle Lord wieder auferstehen würde. Am Ende des Trimagischen Turniers wäre es soweit, doch ich würde es nicht dazu kommen lassen. Was kümmerten mich die Gesetze des Zirkels? Warum sollte ich in ihnen eine höhere Wahrheit erkennen? Die einzige Wahrheit, die ich erkannte war, dass es Menschenleben zu retten galt.
Bei meinen Recherchen war ich über etwas äußerlichst Nützliches gestolpert: So fand ich in einem sehr alten Buch einen Zauberspruch, der meine Taten verdecken ließe. So gehörte mir die Zukunft und ich konnte bestimmen, wie sie verläuft, ohne befürchten zu müssen, dass mir ein Seher zuvor kommen könnte. Sollen sie noch nicht ahnen, was ich vorhabe... Den werde ich es zeigen! Glaubten sie tatsächlich, dass ich mich so leicht meiner Liebe, meinem Leben berauben lassen würde? Man hatte nicht nur Severus das Gedächtnis ausgelöscht, sondern auch den gesamten Schülern, die jemals etwas mit mir zu tun gehabt hatten. Das war die Arbeit von fast einer ganzen Woche, doch nun konnte ich zum Beispiel an Hermine vorbeigehen, ohne dass sie mich erkennen würde. Obwohl Eve und Reto bei diesen Gedächtnisveränderungszaubern beteiligt waren, machte ich den beiden keinen Vorwurf. Sie taten das, was ihnen befohlen wurde. Sie hatten nur den Zirkel und das band sie fest an die Gesetze und Gebote der geheimen Vereinigung.
Ich schickte Eve weg und versprach ihr mich zu beeilen. Meine Kleider hatte ich schnell angezogen. Eine dunkelviolette Robe darüber und fertig war ich.
Ich wollte gerade zu Eve gehen, um endlich aufzubrechen, als Teneth in mein Zimmer kam. Zuerst begrüßte er Delian und Selene und schenkte ihnen ein freundliches Lächeln, ehe er sich mir zuwandte. Seine Mine war nun wieder wie versteinert und maskenhaft.
Er sah an mir herab und erblickte den Ring meiner Mutter, der mir Tags zuvor von einem der ältesten übergebeben worden war. Es war ein Geschenk für meine guten Leistungen gewesen. Teneths Gesicht bekam weichere Züge und ein Lächeln konnte man auf ihm erahnen.
„Lucia, deine Mutter, sie war ein wunderbarer Mensch... Der Ring hatte sie von Vater erhalten... Aber das weißt du sicher. Du wirst die früher oder später an Lucias ganzes Leben erinnern können... Der Zirkel experimentiert mit Magie, denn die Mitglieder werden von Generation zu Generation weniger und bald würde er vollkommen aussterben. Leider dauert es immer eine kleine Ewigkeit, bis eine Generation der nächsten alles über die Druiden beigebracht hat. Wir haben lange geforscht und uns mit einigen Muggeln kurzgeschlossen um bei den auftauchenden Problemen weiterzukommen,“ fing er ohne Einleitung an.
„Wie kommst du jetzt darauf? Was soll mir das jetzt sagen?“ Er hatte mich mit seinem Erscheinen und merkwürdigen Worten völlig aus der Bahn geworfen. Was wollte er von mir? Weshalb erzählt er mir plötzlich etwas über meine Mutter?
„Verzeih, ich schwelgte in Erinnerung. Eigentlich hätte ich dir das schon viel eher sagen sollen, doch ich traute mich nicht. Ich wollte dir endlich die wahren Gründe deiner Existenz offenbaren und achte dabei nicht so recht auf die Reihenfolge.“ Er verzog den Mund zu einem schmerzlichen Lächeln.
„Dir sagt der Begriff 'Genforschung' sicher etwas. Gepaart mit unserer Magie waren wir im Stande etwas zu finden, das uns helfen würde, das Wissen der Belenus Kinder und damit deren Seherfähigkeit und Magie zu sichern. Deine Mutter wurde auserkoren. Sie sollte das erste Kind mit der bleibenden Erinnerung gebären... Und nach einiger Zeit wurdest du geboren. Alles schien aufzugehen, doch der Dunkle Lord erkannte unseren Plan - keiner weiß genau, woher er von unserem Orden wusste und manche glauben, es würde einen Verräter in unseren Reihen geben... Ihm war klar, dass du in seinen Händen eine mächtige Waffe abgeben würdest, und so stellte er eine Gruppe Todesser ab, die dich finden sollten..“ Er machte eine kurze Pause und strich sich das lange, schwarze Haar hinter die Ohren.
„Als der Dunkle Lord verschwand, blieb diese Gruppe bestehen und über den angeblichen Tod hinaus, suchten seine Anhänger dich. Doch wir hatten dich versteckt und in die Hände von einer Familie von Squibs gegeben. Du solltest erst die Magie erlernen, wenn deine magischen Fähigkeiten ausgereift wären. Deshalb wurdest du nie auf eine Zauberschule geschickt und deshalb wurde dir auch niemals gesagt, dass du eine Hexe bist. Als dann vor zwei Jahren die ersten Visionen von dir in Hogwarts auftauchten, wussten wir, dass wir, dass wir zulange gewartet hatten. Wir verließen unsere Verstecke und beobachteten dich - und stellten die Weichen, damit du zu uns finden würdest, wenn endgültig die Zeit gekommen wäre. Als du diesen Traum in London hattest und diesen Dolch hergezaubert hattest, wussten wir, dass du für uns bereit wärst... Du solltest eines Tages die Anführerin des Zirkels werden und deine Kinder sollten für dessen Erhalt stehen, in dem in ihnen die Erinnerung von Duzenden von Menschen wären - auch wenn diese bereits vergangen wären.“ Teneth lehnte sich gegen die Wand und sah ins Leere. Seine Stimme klang müde, als er fortfuhr:
„Deshalb solltest du auch mit einem Zirkelmitglied vermählt werden... Stattdessen... Was geschehen ist geschehen, aber ich verstehe nicht, dass wir es nicht verhindern konnten. Wir hatten Dumbledore angehalten diese Verbindung von dir und diesem Lehrer zu beenden... Wir haben zulange gewartet, haben das Unheil nicht erkannt.“
Es war für mich zwar keine Neuigkeit, dass eigentlich der Zirkel hinter Dumbledores Entscheidung gestanden hatte, aber es aus Teneths Mund zu hören, sorgte dafür, dass all die alten Wunden aufbrachen.
„Warum,“ fragte ich mit unterdrückter Wut. „Warum? Warum darf ich nicht selbst entscheiden, wen ich lieben darf? Warum muss es immer nach dem Zirkel gehen? Sind meine Kinder nun weniger gute Menschen? Selbst wenn der Vater der Kinder ein Muggel gewesen wäre... selbst dann ... wäre es immer noch meine Entscheidung!“ Meine Stimme war nur noch ein zornbebendes Flüstern. Ein falsches Wort von Teneth und ich würde nicht mehr an mir halten können. Doch er tat genau das Richtige: Er schwieg. Jedoch konnte auch sein Schweigen meiner Wut kein Unterlass gebieten; ich schnappte mir den Kinderwagen und steuerte ihn aus dem Raum. Teneth folgte mir nicht. Als ich im Flur war und keine Schritte hinter mir vernahm, atmete ich erleichtert aus.
Meine Haare standen wild von meinem Kopf ab. Da ich keine Gelegenheit gehabt hatte die Haare nachzufärben, war mittlerweile wieder meine Naturfarbe durchgekommen. Nur noch die verwaschenen Spitzen erinnerten daran, dass ich einmal rotes Haar hatte.
Die Tür war unverschlossen und Eve wartete bereits in ihrem Zimmer. Dass sie noch keine Spurrillen auf dem Boden hinterlassen hatte war ein Wunder, denn sie ging ständig auf und ab und als sie mich erstrahlte ihr Gesicht.
„Dann können wir ja gehen!“ Ich nickte als Bestätigung und gemeinsam benutzten wir einen Portschlüssel, der uns ins Eves London Wohnung brachte. Wir apparierten nach Hogsmeade und von dort aus ging es zu Fuß weiter. Dort wo eigentlich das Quidditch Feld sein sollte, war nun eine Tribüne aufgebaut. Was dahinter lag konnte man nicht mal erahnen und so suchten wir uns einen Weg zur Tribüne.
Überall waren Menschen. Das Stimmenwirrwarr war übermenschlich laut, wurde aber noch übertroffen, als der erste Champion das Feld betrat. Eve und ich suchten uns schnell einen Platz (Was im Übrigen sehr schwer war, denn überall wimmelte es von Schülern und wenigen Gästen). Wir hatten eine gute Aussicht auf das Gehege und die Drachen, die sich darin befanden. Eine Kreatur sah furchterregender aus als die andere.
Cedric Diggory (Ich erinnerte mich eigentlich kaum an den Knaben und konnte ihn nicht mal einem Haus zuorden) war der erste Champion, der sich einem dieser Bestien nähern musste und aus dessen Nest ein goldenes Ei entwenden. Ohne große Worte: Er schaffte es. Er hatte einen Felsbrocken in einen Hund verwandelt und ihn als Köder für das feuerspukende Monster gebraucht. Ein paar Blessuren hatte er sich eingefangen, aber Cedric schnappte sich das Ei und erfüllte somit den ersten Teil des Trimagischen Turniers.
Als nächstes verließ ein Mädchen das Zelt der Champions. Es hatte silberblondes Haar und ihre blauen Augen konnte man bis zu den Zuschauerrängen funkeln sehen. Sie war der Champion, der für Beauxbatons ins Rennen ging. Sie hatte eine seltsame Wirkung auf die Jungen um mich herum. Mich kümmerte das jedoch weniger und sah erstaunt zu wie sie den Drachen in Trance versetzte. Der Drache schlief ein - aber ließ dabei einen Feuerball los, der den Rock des Mädchens entflammte. Mit einem gekonnten Zauberstabschwung löschte sie das Feuer und nahm sich ebenfalls ein goldenes Ei.
Als dritter Champion betrat schließlich des Kandidat aus Durmstrang das Gehege. Ohne lange zu zögern schleuderte der Junge mit den dichten Augenbrauen einen Fluch auf seinen Drachen. Vor Schmerz jedoch trampelte der Drachen viele seiner eigenen Eier kaputt. Doch der Junge konnte sich das goldene Ei schnappen und hatte die Aufgabe erfüllt.
Nur ein einziger Champion fehlte noch. Ich spürte die Aufregung als schließlich Harry aus dem Zelt trat. Er war kleiner als die anderen Champions und generell hatte man den Eindruck, dass er einfach nicht in dieses Gehege gehörte. Ich sah mich um und in der Nähe konnte ich Harrys Freunde erblicken. Wie gebannt starrten sie auf ihn und an ihrer verkrampften Haltung konnte ich ihre Anspannung erkennen. Drei Plätze neben mir konnte ich schließlich auch Draco Malfay entdecken. Mit einem hämischen Grinsen starrte er auf Harry und der Pure Hohn sprach aus seinem Blick.
Als das Mädchen neben mir, das ich mit einiger Überraschung als Pansy Parkinson identifizierte, „BUH,“ rief und noch zu gemeineren Dingen ansetzte (während ein kleine Anstecknadel verkündete „Potter stinkt“), stieß ich ihr mal so richtig meinen Ellbogen in die Seite.
„Oh Entschuldigung,“ sagte ich scheinheilig und sah mit großer Genugtuung, dass sie sich nicht traute irgendein Wort gegen mich zu erheben. Diese Gedächtnisverwirrungssache hatte also durchaus auch ihre Reize, denn Pansy erkannte mich nicht und dachte, ich wäre irgend eine Verwandte von einem der Champions. Es war zwar falsch mich mit Gewalt an einer vierzehnjährigen zu rächen, aber es fühlte sich verdammt gut an!
Harry hatte inzwischen einen Besen herbeigerufen („Accio Feuerblitz“) und flog in haarsträubenden Manövern an seinem Drachen, der ein überaus riesiges und gefährlichaussehendes Exemplar seiner Gattung war, vorbei. Das ganze Publikum hielt den Atem an als der Drache nach Haare schnappte und sich schwermütig in die Lüfte erhob. Irgendwie schaffte es Harry jedoch nahe genug an das Nest heran zu kommen und das goldene Ei darin zu nehmen. Von einer Feuersäule begleitet flog schließlich davon.
Er hatte es tatsächlich geschafft! Lebendig! Alles war so schnell vorbeigewesen, dass ich gewillt war mehr zu sehen. Doch die Erkenntnis, dass das für die Champions weniger ein Spaß als vielmehr ein gefährliches Unterfangen war, ließ mich einhalten, bevor ich lauthals nach einer Zugabe verlangte. Einige Zuschauer verließen bereits die Ränge, doch Eve machte keine Anstalten sich zu bewegen. Dies nahm ich zum Anlass und sagte, ich müsse mal kurz wohin. Ich griff nach dem Kinderwagen, der anstatt von Rollen ... gar nichts hatte. Er schwebte einfach. Somit hatte ich auch keine Probleme mit den Treppen und war schnell unten. Aus dem Augenwinkel hatte ich Harry gesehen und ich wusste, was ich nun zu tun hatte. Er war allein, lief aber sehr schnell und zielstrebig.
„Harry! Warte einen Moment,“ rief ich. Verduzt blieb er stehen und sah mich verwirrt an.
„Meinen Sie mich?“
„Ja,“ war meine knappe Antwort. Ich kam näher und konnte seine Verwirrung spüren. Als ich bei ihm angekommen war, fragte er mich musternd:
„Kenne ich Sie?“ In einem anderen Leben einst.
„Nein...“ Einen Moment wollte ich einen Zusatz machen, aber wie sollte ich ihm erklären, dass wir früher mal im gleichen Jahrgang waren, aber dann der halben Schule die Erinnerung an mich ausgelöscht wurde? Das würde meiner Glaubwürdigkeit auch nicht zu Höhenflügen verhelfen.
„Es tut mir sehr leid, aber ich habe im Moment keine Zeit... Worum geht es denn?“
„Harry, hör mir jetzt gut zu: Pass auf...“
„Miss Nightingale!“, kam die fröhliche Stimme von Dumbledore von hinten. Ich drehte mich zu ihm um und erstarrte jedoch in meiner Bewegung. Dumbledore war nicht allein gewesen. Dicht hinter ihm kam Severus mir immer näher. Ich konnte fühlen, die meine Beine schwach wurden und unter meinen Beinen wegzuknicken drohten. Meine Hände wurden feucht und ich versuchte mir meine Gedanken nicht anmerken zu lassen.
Da ich so fixiert auf Severus war, hatte ich nicht bemerkt wie Harry „Ich muss gehen“ gemurmelt hatte und weiter gegangen war.
„Miss Nightingale, schön Sie hier zu sehen... oh wie unhöflich von mir! Darf ich Ihnen Professor Snape vorstellen?“ Erkennt er mich? Nichts deutete darauf hin, dass er mich je in seinem Leben gesehen hatte. Severus neigte kurz den Kopf zum Gruß.
„Ist Ihnen nicht gut, Miss?“, fragte Severus, aber sein Gesicht sah nicht gerade besorgt aus. Ich atmete kurz aus und hatte meine Mimik wieder unter Kontrolle gebracht.
„Ich hatte nur ein kleines Deju-vu - das ist alles. Freut mich Sie kennen zu lernen, Professor Snape.“ Selene wurde unruhig und weckte Delian, der bisher schlief. Sekunden später schrie sie und lief rot an. Ich nahm sie aus dem Kinderwagen und wog sie hin und her um sie zu beruhigen.
„Die sind aber herzallerliebst!“, sagte Dumbledore und hielt Delian den kleinen Finger hin, den er aus sofort ergriff und umklammerte mit seiner Faust. Er schenkte Dumbledore ein zahnloses Lächeln und schlief wieder ein. Selene ruhig zu bekommen war schon schwieriger. Sie war völlig aufgelöst. „Schsch.... Still, meine Kleine!“ Doch es nützte nichts, sie lief in einem immer dunkleren Rot an.
„Darf ich mal?“ Dumbledore trat auf mich zu und nahm mir Selene ab, aber auch bei Dumbledore wollte sie nicht ruhig werden. Mir und Dumbledore kam die gleiche Idee und gemeinsam blickten wir mit einem bösen Grinsen zu Severus. Dieser sah mich ungläubig an, aber Dumbledore drückte ihm schon das Kind in die Hände. Notgedrungen packte er Selene hielt sie aber an den Armen circa zwanzig Zentimeter von sich weg, als würde sie irgendeine ansteckende Krankheit haben. Sie wurde ruhiger... ehe sie wieder wie eine Sirene zu schreien begann. Gehetzt kam Severus auf mich zu und übergab mir wieder meine Tochter. Sein Gesicht zeigte größtes Entsetzen.
„Da hilf nur Eines,“ erklärte Dumbledore und kramte in seinem Umhang. Er wühlte einige Zeit ehe er etwas aus seinem Mantel zog. Es sah aus... Es war ein Schnuller! „Mit Zitronenbonbongeschmack!“, sagte er glücklich und steckte Selene den Schnuller in den Mund. Wie wild begann sie daran zu saugen und zu lutschen. Ihr Kopf verlor die rote Farbe und bekam wieder das zarte Rosa. Ich legte sie zurück zu ihrem Bruder und dort schlief sie dann ebenfalls ein.
„Oh da fällt mir gerade ja ein, dass ich erwartet werde. Eigentlich wollte ich nur mal für kleine Zauberer... Die Champions warten auf meine Punkte! Vielleicht sehen wir uns ja nachher wieder, Miss Nightingale. Hat mich gefreut.“ - und schon ging Albus Dumbledore von dannen und ließ Severus und mich allein. Es war ein seltsames Gefühl ihm seit der Sache im Hotelzimmer gegenüberzustehen. Damals hatte er mir erst wirklich gesagt, wie sehr er mich liebte und nun standen wir wie zwei völlig Fremde gegenüber. Hatte ich das Recht Severus von dieser Vergangenheit zu erzählen? War es nicht nur egoistisch? Na toll, jetzt bekomme ich erst Skrupel. Etwas zu spät, nicht? Seit Monaten arbeite ich auf diesen Tag und diese Situation hin und auf einmal kam mir das so sinnlos vor. Gab es denn eine Zukunft für Severus und mich? Zum ersten mal kamen mir Zweifel daran.
„Ich sollte auch gehen,“ sagte Severus und riss mich somit aus meinen Gedanken. Ein einziger Moment hätte alles ändern können... doch ich nickte und gab ihn somit frei.
Er war schon einige Schritte gegangen, als er jedoch stehen blieb und sich wieder zu mir umdrehte:
„Sind Sie sicher, dass wir uns nie begegnet sind?“ Da war er, der Funken Hoffnung. Erinnerte er sich an mich oder war es nur noch ein blasser Abdruck einer Erinnerung. Nicht mehr als nur ein lahmender Hauch in der Unendlichkeit.
„Doch wir sind uns tatsächlich schon einmal begegnet... in einem anderen Leben.“
„Rot,“ sagte er und ich sah ihn verwirrt an. „Ihre Haare waren rot.“ Es war nur eine kleine Feststellung, doch für mich bedeutete sie alles.
„Das ist richtig. An was erinnerst du dich noch?“ Das war zu schnell gewesen. Er fühlte sich ertappt und auf den Schlips getreten, also blockierte er und gab vor: „An nichts“
Ich wusste, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Ich habe die Erinnerung in seinem Kopf aufblitzen sehen.
„Du erinnerst dich an mehr!“ Ich kam näher und zog den Kinderwagen hinter mir her.
„Nein! Bleiben Sie stehen, sonst muss ich von meinem Zauberstab Gebrauch machen!“
„Oh, das hast du schon!“, sagte ich und grinste anzüglich.
Er wich keinen Schritt zurück. „Ich kenne Sie nicht und ich weiß nicht was Sie wollen, aber wenn Sie nicht gleich stehen bleiben, muss ich leider dem Direktor sagen, dass Sie mich angegriffen haben.“ Ich blieb stehen. Es war nicht die Warnung, die er mit seinen Worten ausdrückte, sondern die Warnung, die mit seinen Blicken mitschwang. Seine Augen waren kalt und leer und seine rechte Hand umklammerte bereits den Zauberstab.
„Du erinnerst dich an mich - ich weiß es. Ich habe dich nämlich angefleht mich nicht zu vergessen.“ Eine Weile herrschte Stille. Er sah mich abschätzend an und ich konnte mir vorstellen, wie es in seinem Inneren arbeitete. Vermutlich kämpfte er gerade gegen das manipulierte Gedächtnis an.
„Deutschland.“ Diese einzelnen Worte nervten schon ein wenig, aber die Botschaft, die er damit ausdrückte, war noch viel wichtiger: Er begann sich zu erinnern!
„Das war alles nur ein Traum... Sie sollten allmählich das Schulgelände verlassen, Miss Nightingale.“ Da waren Erinnerungen, aber er schien sie nicht besitzen zu wollen. Ohne ein weiteres Word drehte er sich um und ging davon. Einen Moment sah ich ihm noch hinterher und ging dann zu Eve zurück.
Sie wartete auf mich am Treppenansatz der Tribüne.
„Dumbledore hat uns eingeladen noch einige Nächte in Hogwarts zu verbringen! - Leider werden wir wohl nicht mehr den Weihnachtsball miterleben können, aber uns wurde erlaubt uns die Unterrichtsstunden anzusehen.“ Ich wusste nicht, was ich von Dumbledore Entscheidung halten sollte. Dachte niemand daran, dass ich diese Gelegenheit nutzen würde um mit Severus zu reden?
„Wir haben überall Eintritt im Schloss?“ Eve nickte. Sie freute sich wirklich wieder hier zu sein. Seit ihrer Schulzeit war sie nicht mehr hier gewesen und diese wäre ihre schönste Zeit gewesen. Kein Wunder, sie ist ja auch Mitglied im Zirkel.
XXX
Eve und ich bekamen zwei Einzelzimmer, die nebeneinander lagen. Die Zwillinge schliefen selbstverständlich bei mir und ich ließ sie auch keinen Augenblick aus den Augen.
Eve schlief noch als ich mich zur großen Halle aufmachte. Ich hatte ziemlichen Hunger und freute mich schon auf das üppige Mahl.
Als ich den großen Saal betrat, hatte ich nur ein winziges Problem: Ich wusste nicht wo ich mich hinsetzen sollte. Die Schüler aus Beauxbatons und Durmstrang nahmen zwar einen kleinen Teil ein, aber dennoch wirkte mir der große Saal wirklich voll. Ratlos blieb ich stehen und blickte mich um. Vielleicht sollte ich später noch mal kommen? Oder gleich zu den Hauselfen in die Küche gehen. Ich wand mich gerade zum Gehen, als jemand meinen Namen rief. Ich musste nicht lange suchen bis ich schließlich Dumbledore sah, der mir zu winkte. Wollte er tatsächlich, dass ich an den Lehrertisch kam? Das war doch nicht sein Ernst?
Einen Moment zögerte ich, aber als ich sah, dass bereits die halbe Halle auf mich blickte, war ich gewillt mich doch langsam zu bewegen.
Ich spürte die Blick auf mir, als ich den Saal durchquerte und auf den Lehrertisch zusteuerte. Dumbledore stand auf und ging mir einige Schritte entgegen.
„Guten Morgen,“ begrüßte er mich und machte eine ausladende Geste zum Tisch, ohne auch nur im Geringsten darauf zu warten, dass ich den Morgengruß erwiderte. Als wir am Lehrertisch angekommen waren, zauberte er mir einen Stuhl herbei und platzierte ihn zwischen Severus und einem sehr grimmig aussehendem Mann. Der Mann hatte ein künstliches Auge, dass wild in seiner Höhle vibrierte und ein Stück seiner Nase fehlte. Oh mein Gott, Frankensteins Monster! - Und dieser Vergleich war gar nicht mal so schlecht, denn der Mann sah aus, als wäre er aus kleinen Stücken zusammengebastelt worden. Unzählige Narben zierten sein Gesicht und als ich mich setzte stellte er sich mir als Professor Moody vor. Er war der Ersatz für Remus Lupin gewesen. Ich war nicht wenig überrascht, denn ich wusste nicht, dass Lupin die Schule verlassen hatte. Moody... Moody, bei dem Namen klingelt etwas! Doch ich konnte mich nicht mehr erinnern. Wird auch nicht so wichtig gewesen sein - und damit tat ich diesen Gedanken ab.
Der Kinderwagen stand hinter mir und die Zwillinge waren mucksmäuschenstill und spielten mit einigen schwebenden Gummiringen. So Zauberkinderwägen sind schon praktisch, dachte ich und drehte mich zu meinem Essen um. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als die vielen Köstlichkeiten sah.
Severus neben mir bewegte sich kaum, aß noch weniger und kein Wort verließ seinen Mund. Moody schien auch nicht so der Gesprächige zu sein und so saß ich still über meinem Essen.
Dumbledore erzählte währenddessen einen Witz und nicht wenige mussten sich ein Lachen unterdrücken. Einzigst McGonagall saß da, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
„Professor, warum hat Professor Lupin die Schule verlassen? Die Schüler waren doch sehr glücklich mit ihm.“ Meine Frage war an Dumbledore gewandt. Die gute Stimmung, die zuvor herrschte wich einer Eiseskälte. Jegliches Lächeln erstarb und nur in Severus' Gesicht konnte ich plötzlich eines erahnen.
„Oh, ich vergaß. Man hat Ihnen sicher nichts über die aktuellen Ereignisse in Hogwarts erzählt, nicht?“ Ich schüttelte den Kopf und berichtete nur, dass ich erfahren hätte, dass Sirius Black noch immer flüchtig wäre. Außerdem, dass ich wusste, dass die Dementoren Hogwarts verlassen hatten.
„Das ist richtig. Als Sirius Black aus Hogwarts entkommen war, wurden Stimmen laut, die behaupteten, dass Professor Lupin ein Werwolf ist.“
„Ein Werwolf?“ Ich war erstaunt. Er hatte es tatsächlich vor mir verbergen können und zusätzlich keimte noch eine neue Angst auf: Was wäre wenn Lupin der Vater der Kinder wäre? Damit wären diese zur Hälfte Werwolf. Hatte das keine Auswirkungen? „Entspricht dieses Gerücht denn der Wahrheit?“ Dumbledore fuhr sich durch den langen weißen Bart.
„Bedauerlicherweise ja. Er zog es deshalb vor die Schule zu verlassen.“
„Das tut mir leid... er war wirklich ein guter Lehrer gewesen!“
„Woher wollen Sie das denn wissen?“, ereiferte sich Severus plötzlich neben mir. Ich kannte seinen Hass auf Lupin und tat Recht darin mich nicht zwischen ihn und seinen Hass zustellen. „Ich habe auch Ohren, Professor, und damit hört man in der Regel.“ Ich konnte es einfach nicht lassen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste ihn dafür strafen, dass er keine Erinnerung mehr an mich hatte. Das war natürlich irrsinnig, aber meine Gefühle fuhren Achterbahn in seiner Gegenwart. Ich wollte vernünftig sein, kühl reagieren - vieles hing von den folgenden Tagen ab, aber wenn ich ihn ansah, dachte ich stets nur an die guten Stunden. Wenn ich so weitermache, hasst mich Severus am Ende noch... Was für eine Ironie des Schicksals!
„Tut mir leid, Professor Snape, ich habe nur einiges von den Lernmethoden von Professor Lupin gehört... und das war durchweg Gutes. Ich hatte vor einem Jahr ein großes Augenmerk auf Hogwarts gerichtet... doch dann... sagen wir einfach, dass ich keine Chance mehr hatte mich um die Ereignisse in Hogwarts zu kümmern.“
„Faszinierend,“ sagte Severus mit sehr mangelndem Interesse, was er mir auch deutlich zeigen wollte. Er sah mich nicht mal an, sondern stocherte lustlos in seinem Essen. Severus, das riesen Arschloch... War er schon immer so? Hatte er mir nur eine andere Seite gezeigt? Seit ich Severus in der Winkelgasse getroffen hatte, war zwischen uns eine besondere Beziehung. Wir hatten Respekt vor einander (zumindest häufig) und nun musste ich ihn als das sehen, das vermutlich viele der Schüler seit Jahren in ihm sahen: eine fleischgewordene Hassadaption. Doch ich konnte ihn nicht hassen, ich konnte ihn nicht mal nicht-mögen.
„Nightingale... waren sie mal Schülerin von Hogwarts?“ Mürrisch blickte mich der seltsame alte Kauz neben mir an.
„Nein, leider nicht,“ log ich und versuchte nicht sehr schuldbewusst dabei auszusehen. Aber mit der Zeit hatte ich gelernt die Menschen zu täuschen und auch Moody schien nichts zu merken. Moodys Glasauge (oder was auch immer das war) hatte ein Eigenleben entwickelt.
„Ist mit ihrem Auge etwas nicht in Ordnung?“ Seine Zuckungen machten mir schon etwas Angst. Allein beim Zusehen wurde mir fast schwindlig. Mit rasender Geschwindigkeit sprang das Auge in seiner Höhle, drehte sich mal nach innen, mal nach links, mal nach unten.
Der neue Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste antwortete nicht und nahm stattdessen einen kräftigen Schluck aus seinem Flachmann, den er aus seinem Umhang gezogen hatte.
Toll, Dumbledore hätt' mich genauso gut gehen lassen können. Hier hat scheinbar Keiner das Interesse an Konversation. Deprimiert stocherte ich nun auch in meinem Essen herum. Von meinem großen Hunger war nicht mehr viel zu spüren.
„Schmeckt es Ihnen denn nicht, Miss Nightingale?“ McGonagall drehte ihren Kopf zu mir. Sie schien bemerkt haben, dass ich nicht gerade froh mit meinen Sitzpartnern war. Ich lächelte sie tapfer an und versicherte ihr, dass es mir schmeckte - wobei ich mir auch die Frage stellte, ob man nur Severus das Gedächtnis ausgelöscht hatte. Meine alte Hauslehrerin schien wenig überrascht, als sie mich sah. Nur eine riesige Frau und strengwirkender Herr waren mir unbekannt und waren dementsprechend überrascht, als ich am Lehrertisch Platz nahm.
„Professor McGonagall? Ich stellte mir die Frage, ob Sie sich vielleicht noch an mich erinnern.“ Viele der Schüler hatten bereits die große Halle verlassen und auch die Gäste aus Durmstrang und Beauxbatons waren gegangen. McGonagall wandte sich gerade zum Gehen, als ich ihr diese Frage stellte. Ich hatte leise gesprochen, darauf bedacht nicht gehört zu werden.
„Sie meinen, ob ich auch eine Gehirnwäsche bekommen habe? Nein, bei mir hielt man es wohl nicht für nötig.“
„Und wer kann sich noch...“
„An Sie erinnern? Niemand, muss ich zu meinem Bedauern sagen. Dem Großteil der Schüler hat man die Erinnerungen an sie genommen und auch vor den Lehrern machte man keinen Halt. Professor Lupin kam aber allen zu vor und verließ die Schule bevor diese 'Säuberungsaktion' stattgefunden hat. Wie will Ihnen gleich sagen, dass ich nicht weiß, warum so viel Umhebens um Sie gemacht wird, aber ich will es auch nicht wissen. Ich hänge an meinem Gedächtnis.“ McGonagall machte damit ihren Standpunkt klar. Ohne ein weiteres Wort ließ sie mich da stehen. Ihre Haare waren gewohnt ordentlich auf dem Hinterkopf zu einem Knoten gebunden und das verlieh ihr noch ein strengeres Aussehen, als sie ohnehin schon besaß.
Ich verließ als letztes die große Halle. Mit mehr als gemischten Gefühlen trat ich aus der Tür und traf auf dem Weg zurück in mein Zimmer auf Eve. Sie sah gehetzt aus und ihre kurzen roten Haare waren verzaust.
„Bin ich etwa zu spät?“ Mit einem schmalen Lächeln nickte ich.
„Würdest du die Kleinen an dich nehmen? Ich würde gerne einen kleinen Spaziergang machen und ein wenig frische Luft schnappen.“ Sie fragte mich nicht, warum ich Selene und Delian nicht mitnehmen wollte - und dafür war ich ihr sehr dankbar. Als ich schon einige Schritte gegangen war, drehte ich mich noch mal kurz zu ihr um und sagte:
„Und könntest du auch Kraven füttern? Der knabbert sicher schon am Bettpfosten!“ Eve nickte und ich verließ das Schloss in Richtung des Sees.
XXX
Die kühle Novemberluft war eine Wohltat und ein schöner Kontrast zu der eher stickigen Luft im Tunnelgefüge des Zirkels.
Alles war, als ich wäre ich niemals hier gewesen, und dass mich Severus nicht erkannte setzte mir schwerer zu als geglaubt. Ich hatte es mir zu leicht vorgestellt. Kaum würde er mich sehen, würde er sich wieder an mich erinnern. Meine ganze Hoffnung hatte ich an diesen Glauben gehängt und nun musste ich die bittere Wahrheit schlucken. Severus würde sich nicht so ohne weiteres an mich erinnern und es war fraglich, ob er jemals wieder die Gefühle für mich entwickeln konnte, wie damals. Aber es ist schon unglaublich, was für einen Aufwand die Zirkelmitglieder betreiben um meine Identität zu schützen. Eine halbe Schule haben die auf den Kopf gestellt und in wochenlanger Arbeit das Gedächtnis vieler hunderter Schüler verändert. Bei Severus mussten sie ein bisschen mehr machen und sein Gedächtnis war durch mehrere Sperren geschützt worden, dennoch hatte ich geglaubt, meine reine Anwesenheit würde etwas bewirken.
Ich hob einen Stein auf und warf in aufs Wasser. Er hüpfte kein einziges Mal und versank gleich in der trüben Flüssigkeit. Nicht mal das kann ich, dachte ich frustriert.
„Hallo Eva,“ sprach mich plötzlich jemand an. Ich war erstaunt als ich erkannte, dass es Hagrid gewesen war.
„Du erinnerst dich an mich?“ Ein Lachen erfüllte seine mächtige Brust.
„Erinnern? Warum sollte ich mich denn nicht an die Unruhestifterin erinnern? ... Oh verdamm mich, natürlich... hatte ich ganz vergessen. Bei mir wirkte der Zauberspruch nicht und so gaben sie es denn auf. War ganz lustig denen bei ihren Bemühungen zuzusehen... Leider funktionierte der Spruch bei Harry, Ron und Hermine umso besser.“ Bedauern lag in seiner Stimme, doch ich war froh noch jemanden zu treffen, der sich an mich erinnerte.
„Was machst'en jetzt so,“ fragte mich der riesenhafte Mann, dessen zotteliges Haar und sein ebenso zotteliger Bart einen riesigen Teppich bildeten, die sein Gesicht umrahmte.
„Ich habe viel gelernt und hab wenn man es so nennen will, meinen Abschluss gemacht. Kann jetzt richtig zaubern,“ erzählte ich stolz und fragte ihn, wie es bei ihm aussähe.
„Frag lieber nicht...“ Er seufzte tief und ich fragte auch nicht nach.
Hagrid lud mich schließlich zum Tee in seiner Hütte ein und ich sagte nicht nein dazu. Leider machte ich auch den Fehler und probierte von seinen Keksen. Dass ich danach noch alle Zähne und Geschmacksnerven hatte, war schon ein kleines Wunder. Der Tee war dafür umso besser und mit einem kleinen alkoholischen Zusatz schmeckte er sogar noch besser.
Lange blieb ich jedoch nicht in Hagrids Hütte. Ich wollte noch ein bisschen am See entlang spazieren um einen klaren Gedanken fassen zu können.
XXX
Es dämmerte bereits, als ich mich auf einem großen Stein niederließ. Ich hatte leider keine Ergebnisse erzielt und war nach dem Spaziergang noch ratloser als zuvor. Die Severus-Sache beschäftigte mich noch am meisten, wobei ich mir auch schon sehr darüber Gedanken machte, wie ich Harry warnen sollte. Alles hatte ich mir vor der Ankunft in Hogwarts zurechtgelegt, doch nun da ich hier war, schien mein Plan aus den Fugen zu geraten. Würde Harry glauben, wenn ich ihm vom Irrgarten und dem Friedhof erzählen würde? Was würde danach sein?
Auch durch den dicken Mantel, den ich trug spürte ich die Kälte des Steines. Unweigerlich erinnerte mich das an Severus und sein Verhalten mir gegenüber. Aber um ehrlich zu sein: Es erinnerte mich im Moment eh alles an ihn.
War ich jedoch in seiner Nähe, hätte ich auf dessen Gegenwart verzichten können, aber während ich hier so allein rumirrte, vermisste ich ihn… Doch eigentlich vermisste ich die Vergangenheit, das wurde mir plötzlich schmerzlich bewusst.
Nichts würde wieder so wie einst werden. Ich hatte mir Illusionen geschaffen, zu absurd um Wirklichkeit zu werden. Das Traurige war, dass ich aber daran geglaubt hatte oder zumindest gehofft hatte, dass er sich gleich wieder an mich erinnern würde. Nur Narren hoffen… Vielleicht stimmte das, vielleicht war ich tatsächlich ein Narr gewesen noch einmal herzukommen und vielleicht war meine zweite geplante Tat auch ein dummes Hirngespinst, das ich niemals umsetzen könnte.
War es wert für einen Glauben zu sterben? War es das? War es wert deshalb meine Kinder zu verlassen und mein Leben zu riskieren?
Nichts sei mächtiger als die Liebe, aber was ist, wenn die Liebe einen vergisst? Eine lächerliche Kleinigkeit, die eine regelrechte Sinnkrise auslösen konnte. Ich lachte in mich hinein: Nein, Severus ist auch nicht gerade die personifizierte Liebe.
Es brachte nicht hier über die Liebe und das Leben zu sinnen. Ich war nicht hier um seinen Sinn des Lebens zu finden, oder über die Macht der Liebe nachzudenken. Ich war hier um einen kleinen Jungen vor großem Unheil zu warnen - und damit mein eigenes Unheil herbeirufen.
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