
von Eva Nightingale
Ich verließ mein Hotel, bewaffnet mit einer Kamera und einem Stadtplan. Ein guter Orientierungssinn war nie meine Stärke gewesen und mit Karten kam ich auch nicht besser zurecht. Entnervt steckte ich schließlich die Karte in meinen Rucksack zurück, und lief auf eigene Faust durch die City.
Ich war schon Stunden gelaufen und meine Kehle schrie nach etwas zum Trinken. Müde kehrte ich in eine Kneipe ein. Erst in der Mitte des Schankraumes fiel mir auf, dass die Leute mich seltsam anstarrten. Eingeschüchtert ging ich zum Wirt und bestellte mir ein Wasser.
„Wasser ha'm wir nicht. Nur Bier!"
Bier gehörte zwar nicht zu meinen Lieblingsgetränken, aber ich hatte schrecklichen Durst und die nächste Kneipe war in weiter Ferne.
„Dann hätte ich gerne ein Bier!"
Skeptisch sah der ältere Mann mich an.
„Pfund oder Galleone?"Häh?
„Ähm Pfund?!", sagte ich unsicher.
Er zog eine Augenbraue hoch und drehte sich dann um, um ein Glas aus dem Regal zu nehmen. Freudlos reichte er mir mein Bier, nachdem er eingeschenkt hatte. Ich nahm das Glas und drehte mich von der Theke weg. Die Menschen hier sahen mich immer noch misstrauisch an, obwohl ich eher misstrauisch hätte dreinschauen sollen: Alle hier, einschließlich des Wirtes, trugen seltsame Kleidung. Die meisten trugen schwarz und sahen aus, als wären sie gerade einem bösen Märchen entsprungen. Da ich aber wusste, wie durchgeknallt Fantasy-Fans sein konnten, dachte ich mir, dass es irgend ein Treffen eines Vereins oder dergleichen war. Von Zuhause kannte ich ja auch schon Rittertreffen und selbsternannte Hexen, die sich ab und an trafen. Mich hatte der Fantasybereich zwar auch immer interessiert, aber bis auf ein paar Büchern, die ich gelesen hatte und ein paar Filmen, die ich gesehen hatte, gehörte ich wohl zu den Fans, die zwar Fans sind, aber auch andere Interessen haben und nicht nur auf eine Sparte ausgelegt sind.
Vom Druck auf der Blase bedrängt, stand ich auf und ging auf die Suche nach einer Toilette. Die Leute kümmerten sich nicht weiter um mich und gingen wieder ihren Beschäftigungen nach.
Egal wo ich hinging, ich konnte kein WC-Schild entdecken. Ich öffnete eine Tür, in der Hoffnung dort das erhoffte Klo zu finden. Ich ging durch die Tür und stand vor einer Mauer. Toll, dachte ich bei mir, wozu eine Tür, die vor einer Wand ist? Die Antwort darauf sollte ich schon im folgenden Augenblick erfahren: Die Tür öffnete sich wieder und ich wurde von ihr verdeckt, sodass niemand mich hätte sehen können.
„Klick, klick, klick, klick, klick", machte es und dann hörte ich nur noch lautes Grollen und Reiben. Ich lugte hinter der Tür hervor und sah, dass da, wo vorhin noch eine Wand war, nun eine Pforte offen war, und die Rücken derer, die hindurch gingen.
Jeder vernünftige Mensch hätte in diesem Augenblick die Beine in die Hand genommen und wäre so schnell wie möglich aus der Kneipe verschwunden – doch ich war schon immer eine neugierige Person, und so konnte ich es nicht lassen und ging durch die offene Mauer. Nachdem ich sie durchquert hatte, schloss sich der Durchgang hinter mir wieder. Es beunruhigte mich zwar, aber das andere Leute hier waren, gab mir wieder die Hoffnung, dass ich wieder heimkehren würde.
Die Straße, auf der ich mich jetzt befand, schien eine Einkaufsmeile zu sein.
Die Straße, oder besser gesagt die Gasse, kochte über vor lauter Leuten. Ich versuchte mein Staunen zu unterdrücken und machte ein gelangweiltes Gesicht. Wie eine Maschine lief ich weiter, mein Blick in der Ferne schweifend. Ein lautes "Pass doch auf!" machte mich auf die Situation kurz vor mir aufmerksam. Ich war so von dieser Gasse und den Leuten fasziniert, dass ich gar nicht bemerkte, wo sich meine Füße ihren Weg bahnten, nämlich genau auf den Fuß eines Mannes.
"Entschuldigung! Es war nicht meine Absicht", erklärte ich ihm mit meinem gebrochenen Englisch. Der Mann musterte mich von oben bis unten und meinte schließlich:
"Sie sind keine Schülerin von Hogwarts gewesen?!" Ich schüttelte vehement den Kopf.
"Nein, es ist mein erster Besuch in London."
"Das ist seltsam...", sagte er, mehr zu sich selbst, als zu mir. Er sah meinen fragenden Blick und tat es mit einem "Schon gut." ab.
"Wo kommen Sie her, wenn mir die Frage gestattet ist?" Ich dachte mir, wenn ich nur das Land sagen würde, wäre es besser, denn irgendwie schien mir der Kerl unheimlich; Er sah aus wie anfangs vierzig oder jünger. Es könnte natürlich sein, dass er viel älter war, denn durch seine schwarzen, kinnlangen Haare und seinem weißen Teint war sein Alter schwer einzuschätzen. Er trug durchgehend Schwarz.
"Deutschland." Seine Augen weiteten sich.
"Auf was für eine Schule sind Sie dort gegangen oder gehen Sie?" Was hat der Typ immer mit der Schule? Es schadet doch nicht, wenn ich es ihm sage, oder? Vielleicht will er nur nett sein und ein bisschen Smalltalk betreiben. Wie sagte meine Englischlehrerin einst? Wenn Engländer dich beleidigen, klingt es für so manchen wie ein Kompliment. Soll heißen: Wenn Engländer eins sind, dann höflich. "Fachoberschule für Wirtschaft. Warum fragen Sie?"
"Wirtschaft, so so. Also auf einer Muggelschule, vermute ich... Ach nur so.", beantwortete er meine Frage.
"Wollen wir nicht ein Stück gemeinsam gehen?" Ich sah daran nichts Verwerfliches, und nickte. Die Frage, was denn eigentlich "Muggel" sind hob ich mir für später auf. Wir gingen einige Schritte, dann blieb er wieder stehen. Ruckartig drehte er sich zu mir, so dass ich leicht zusammenzuckte.
"Haben Sie zufällig auch Durst?" Ich zuckte mit den Schultern: "Ja, eigentlich schon" Das Bier von vorhin hatte meinen Durst nur für ein paar Minuten gestillt. "Gut..." Er machte eine Geste, dass ich ihm folgen sollte.
Wir redeten nicht viel während er mich zu einem Wirtshaus brachte. Erschöpft ließ ich mich auf eine Bank fallen. Gegenüber von mir saß der Mann und sah sich zuerst im Schankraum um, bis er mich schließlich wieder musterte. Ich war mir seiner Blicke bewusst und nahm mir deshalb die Bestellkarte, um ihn nicht noch zu beobachten, wie er mich beobachtete. Dann traf mich fast der Schlag; anstatt eines Zeichen für englische Pfund hatte die Karte Preise, die in Galleonen, Silbersickel und so etwas, was Knuts hieß, angeben wurden. Auf was für einem Planeten bin ich denn hier gelandet? Was zum Teufel ist ein Knut, ein Silbersickel, oder gar eine Galleone? Der Mann bemerkte meine geschockte Mine. "Ist etwas nicht in Ordnung?" Misstrauisch wartete er auf eine Antwort.
"Nein, alles in Ordnung. Ich habe nur gerade gemerkt, das ich nicht bezahlen kann. Ich hab nur Pfund bei mir." Ich erinnerte mich wieder an das Gespräch vom Wirt und mir: Er bot mir an, entweder mit diesen Galleonen zu zahlen, oder eben mit Pfund.
"... Oder nehmen sie hier auch Pfund an?"
„Nein, keine Pfund.", antwortete er langsam, ohne den Blick von mir ab zu wenden. Dann fuhr er fort: "Aber ich kann es Ihnen vorstrecken. Sie können ja nachher zu Gringotts gehen und sie umtauschen. Dann können Sie mir auch Ihre Schulden zurückzahlen."
„Gringotts ist die Bank hier? ...Nein, ich glaube ich trinke und esse lieber nichts – Ich steh nicht gerne bei Leuten in der Schuld, vor allem nicht bei Leuten, die ich nicht kenne." Er nickte verständlich und führte meinen Satz fort: „...dann ist man auch nicht abhängig von anderen Leuten, nicht wahr?"
Unser Gespräch ging nicht wirklich voran, und so wechselte ich das Thema. "Darf ich erfahren, wer mich eigentlich in dieses Gasthaus geführt hat?"
"Was, wenn ich nein sage? Na, na, machen Sie nicht so ein geschocktes Gesicht. Es war bloß ein Scherz! Mein Name ist Snape, Professor Snape! Und wie ist Ihr Name?"
"Ein Professor also. Das erklärt, warum Sie es so mit der Schule haben... Mein Name ist Nightingale."
Die Bedienung kam und Snape bestellte sich etwas zu trinken. Schweigend sahen wir uns weiter an.
Die ganze Geheimniskrämerei nervte mich so sehr, das ich alle Vorsicht über Bord warf und meine Fragen wie ein Wasserfall aus mir heraus sprudelten:
„O.K. Ich bin ehrlich. Sie haben schon gemerkt, das ich nicht von hier bin, aber das habe ich ja schon gesagt. Wo zum Teufel bin ich hier? Was sind das überall für seltsame Leute? Was sind bitte schön Galleonen? Warum verhalten sich hier alle so seltsam? Warum stehen Kinder vor einem Schaufenster und starren wie gebannt einen Besen an?" Snape verschluckte sich an seinem Getränk und hustete lauthals los. Ich sprang auf und schlug ihm auf den Rücken, obwohl ich wusste, dass das nicht viel bringen würde. Allmählich beruhigte er sich und sein Husten versiegte vollkommen. Ich setzte mich auf meinen Platz zurück und nun war es an mir, ihn skeptisch anzublicken.
„Sie haben keine Ahnung? Das ist mehr als seltsam! Sie können kein Muggel sein... Nein... Sie sind eine Hexe und doch haben Sie keine Ahnung von der magischen Welt?"
„Halt, halt, halt. Ich glaube ich habe mich eben verhört! Ich meinte im Ernst, sie hätten gesagt, dass ich eine Hexe wäre." Ich lachte hysterisch los, doch er ließ sich davon nicht beeindrucken:
„So ist es. Und Sie haben nie eine Magieschule besucht? Nein? Da muss anscheinend jemandem ein riesiger Fehler unterlaufen sein..."
„Fehler? Ich glaube hier in London drehen alle am Rad! Sie glauben doch nicht im Ernst, es gäbe so etwas wie Hexen und Zauberer wirklich? Lassen sie mich raten, das hier ist versteckte Kamera oder so etwas. Sie können ruhig damit aufhören, ich werde Ihnen nicht auf den Leim gehen..."
"Ich meinte es so, wie ich es sagte. Sie gehören eigentlich auf eine Schule, in der Sie den Umgang mit der Magie erlernen."
"Gut, gut. Ich glaube es ist jetzt besser, wenn ich gehe!"
"Es steht Ihnen frei zu gehen, aber denken Sie doch einmal nach: Sie können nicht vor dem weglaufen, was Sie sind."
Ich blieb stehen und dachte nach. Was, wenn er Recht hat? Aber ich, eine Hexe? Das ist doch wirklich weit hergeholt.
"Gut, ich bleibe hier, aber das heißt nicht, dass ich Ihnen glaube, sondern einfach nur, dass ich wissen will, was Sie sich noch aus dem Hut zaubern.", sprach ich, bevor ich meinen Gedanken weiterführen konnte.
"Da wären wir ja gerade bei dem Stichwort: Zaubern. Kann es sein, das schon seltsame Dinge, die für Sie unerklärlich waren, geschahen, wenn Sie wütend oder traurig waren?" Er hatte mich erwischt!
"Was soll diese Frage nun? Natürlich geschahen dann schon seltsame Dinge. Das heißt aber nicht, dass es für jeden unerklärlich wäre und das ich das gemacht habe. Darauf wollen Sie doch hinaus, stimmt's?"
"Sie sind gar nicht so dumm, wie ich dachte"
"Das seh' ich jetzt mal als Kompliment an." Snape lächelte mich freundlich an. So sah er gar nicht so unheimlich aus, obwohl man ihm ansah, dass er nicht so oft lächelte oder lachte.
"So könnte man glatt den Eindruck gewinnen, dass Sie mich mögen.", sagte ich und lächelte zurück.
Er schwieg und dann redeten wir noch ein bisschen über die Zaubererwelt. Es war unglaublich. UNGLAUBLICH. Meine ganze kleine Welt wurde umgedreht und ich wusste wirklich nicht mehr was ich glauben sollte, wobei ich immer noch an dem zweifelte, was er sagte. Aber eine kleine Stimme in mir sagte mir, dass er die Wahrheit sprach.
„Ich fand unser Gespräch und Sie mehr als interessant und informativ. Ach und: nenn mich Severus!", sagte er nach einer Weile.
„Dann nenn mich bitte auch Eva! ... Ich muss aber zugeben, dass ich dich erst für absolut verrückt hielt."
„Das tun einige, aber ich bin gar nicht so irre wie ich aussehe!" Er lachte und lächelte mich dann zufrieden an.
Unsere Unterhaltung führten wir noch etwas weiter. Obwohl er nicht so aussah, hatte er einen Humor, der ganz auf meiner Wellenlinie lag und es machte richtig Spaß sich mit ihm zu unterhalten.
Ich erzählte ihm von meinem Zuhause und etwas Krimskrams. Was ich über Wirtschaft zu berichten hatte, interessierte ihn brennend und es war erfrischend mit jemandem darüber zusprechen, der wirklich keine Ahnung von Wirtschaft zu haben schien.
Er sprach über die magische Welt, aber kein Wort über sich. Das fand ich aber nicht weiter schlimm, weil ich wusste, dass ich eh immer zu viel sprach.
„Dann sehen wir uns also wieder?", fragte ich als wir uns verabschieden wollten und sah ihm direkt in die damastschwarzen Augen. Er wich meinem Blick nicht aus, sondern fing ihn auf und sah mir ebenfalls in meine grünen Augen.
„Ich würde mal sagen: ja! Wann soll das nächste Treffen stattfinden? Und wo?"
„Wie wäre es mit morgen? So gegen drei Uhr, hier in der Winkelgasse?" Er nickte.
„Du solltest mir vielleicht noch den Trick mit der Wand erklären, sonst hätte ich ein ernstes Problem hier her zu kommen!" Er erklärte mir in welcher Reihenfolge ich welchen Stein drücken sollte und da ich das vermutlich irgendwie vergessen würde, malte ich mir das Ganze auf ein Stück Papier, das einzeln in meinem Rucksack herumgeflogen war. Wir verabschiedeten uns formell und gingen unsere eigene Wege. Mein Weg führte mich geradewegs zu meinem Hotel zurück, wo ich übermüde auf mein Bett fiel und eine traumreiche Nacht verbrachte.
***
Der Wecker riss mich aus meinen Träumen. Im Halbschlaf stieg ich aus dem Bett und stolperte ins Bad. Dort angekommen spritzte ich mir eiskaltes Wasser ins Gesicht. Durch den Kälteschock erhoffte ich mir, dass ich wacher würde - und es half... jedenfalls in der ersten Minute, dann wurden meine Augenlieder wieder schwer und ich kroch zurück unter die immer noch warme Bettdecke. Wenn ich noch ein paar Minuten schlafe, verpass ich bestimmt nichts. Mit diesem Gedanken schlief ich wieder ein. Doch mir war keine Ruhe vergönnt: Sekunden später klingelte das Telefon. Laut und unnachgiebig.
„Ja verdammt, ich bin ja wach!", schrie ich mit geschlossenen Augen das störende Gerät an. Ich ging so schnell ich konnte (und das war nicht gerade so schnell) an das Telefon, das auf dem Nachttisch, unweit meines Kopfes stand. Verschlafen brachte ich nur ein „Ja?" heraus. Es war kein Ton zu hören. Doch dann drang plötzlich „Eva, bist du's?" mit einer unglaublichen Intensität an mein Ohr.
„Ja!"
„Gut! Ich bin's Bettina."
Ich setzte mich auf. „Tut mir leid. Ich habe eben noch geschlafen!"
„Sorry, ich wollt dich nicht wecken... aber du hast dich gestern nicht gemeldet und wir haben uns schon Sorgen gemacht! "Ich schlug mir mit der flachen Hand gegen den Kopf.
„Oh, 'tschuldigung! Ich war gestern in London unterwegs und hab es einfach glatt vergessen."
„Dann gefällt's dir dort?"
„Ja, es ist riesig! Ich habe gestern auch jemanden kennen gelernt..."
„Ich will alle Details!", fiel sie mir ins Wort.
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er ist ganz nett, aber wohl etwas zu alt!"
„Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! "Sie klang ganz aufgeregt.
Ich kratzte mich am Kopf und sah aus dem Fenster. Die Sonne blendete mich und ich kniff die Augen zu.
„Da gibt es wirklich nicht viel zu erzählen. Ich treffe ihn heute wieder und außerdem: ich will mit ihm keine Beziehung. Wir reden nur. Nicht mehr."
„Und das soll ich dir glauben? Du siehst doch in jedem gleich der potentielle Kandidat für eine Familie!" Mein Atem stockte.
„Sag mal..."
„Was denn? Das ist die reine Wahrheit!"
Ich hatte gar keine Lust auf weitere Diskussionen in diesem Bereich.
„Hör mal, Betti, ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir, Dissi, Melle usw. bin für diese Reise, aber..." Ich machte eine Pause
„Aber...", wiederholte ich. „Ihr habt mir schon so viel gegeben, was mir mehr bedeutet als materielle Dinge oder diese Reise... Was nicht heißt, dass sie mir nichts bedeutet... , aber..."
„Du willst nicht über das Thema reden.", schloss sie meinen Satz.
„Japp! Sei mir bitte deshalb nicht böse. Ich erzähl dir alles zu seiner Zeit. Aber es ist früh am Morgen... Ich will auch nicht undankbar wirken. ... Dir ist schon klar, das die Telefongebühren hier her sehr hoch sind oder?", lenkte ich vom Thema ab.
„Natürlich. Deshalb solltest du ja auch uns gestern anrufen... Ich will dich auch nicht länger stören. Wollt nur mal hören, wie's dir geht."
„Ach Betti... grüß die anderen ganz lieb von mir. Ich ruf dich heut Abend noch mal an. Machs gut!"
„Ja, du auch. Und pass auf, dass dich die Engländer nicht beißen."
„Betti!!!" Sie konnte mich nicht mehr hören- kurz davor hatte es laut in der Leitung geknackt.
Kopfschüttelnd legte ich auf.
Noch einmal zurück ins Bett zu gehen hatte keinen Sinn, denn nun war ich wach. Ich ging wieder zurück ins Bad und machte mich frisch. Meine rot getarnten (eigentlich hatte ich dunkelblonde) Haare verband ich zu einem lässigen Pferdeschwanz. Ich kramte meine Jeans aus meinem Koffer (den ich Gott sei Dank gegen Abend wiederbekommen hatte) und breitete sie auf dem Bett aus. Was für eine sollte ich anziehen? Sollte ich überhaupt eine Hose anziehen, oder lieber einen Rock? Den Gedanken mit dem Rock verdrängte ich wieder ganz schnell und entschied mich für eine einfache Schlagjeans. Als Oberteil dazu wählte ich ein tailliertes, schwarzes Shirt mit V-Ausschnitt und der Aufschrift: „vive la diverence". Nun konnte das „Extrem-shopping" losgehen.
Als erstes standen Klamotten auf meiner Einkaufsliste; dicht gefolgt von Schuhen und Geschenken für meine Freunde und Familie.
Ich war gerade an der Hoteltür angekommen, als ich bemerkte, das ich keine Schuhe trug. Also wieder zurück! Ich ging die Treppe hinauf bis in den vierten Stock. Aufzüge hatte das Hotel zwar auch, aber ich entwickelte im Laufe der Zeit eine Abneigung gegen diese Dinger. Grund dafür, waren die unzähligen Besuche in der Saargalerie in Saarbrücken (einem der Einkaufsmekkas in der Landeshauptstadt), in der ein gläserner Aufzug die Menschen über die acht Etagen, einschließlich der Parkanlagen transportiert und eine Freundin, die es lustig fand immer hoch und runter damit zu fahren. Würg!
Beim zweiten Anlauf klappte es dann. Ich hatte das Hotel hinter mir gelassen, als das nächste Problem in Gestalt eines Souvenirverkäufers auf mich zukam. Nach endlosen Debatten (bzw. er sprach und ich schüttelte den Kopf) zog er immer noch nicht ab. Dann fiel mir der Spruch schlechthin ein, um aufdringliche Menschen loszuwerden: „Pardon, mais je ne comprends pas" Tja, nur zu blöd, dass dieser Souvenirverkäufer mit allen Wassern gewaschen war.
„Je parle francais!" Na toll! Ich dachte die sind nur in Italien und Paris so aufdringlich , schoss mir durch den Geist. Er laberte mich endlose Minuten voll, bis er schließlich abzog – und ich den halben Rucksack voller Souvenirs hatte. Schnell weg hier!
Ich lief die Straßen entlang. Rauf und runter. Nach Stunden hatte ich drei Tüten Kleider, ein Computerspiel für meinen kleinen -, einige Utensilien für das Auto meines großen Bruders, ein Hut für meine Mutter und ein Fässchen Ale für meinen Vater. Das Fässchen fand ich am interessantesten; es hatte einen Inhalt von 2 Litern und eine urige Aufschrift: „Duncan Innes orginal Ale". Klang doch cool! Das würde meinem Vater sicherlich gefallen. Wenn nicht, ich würde schon einen Abnehmer finden.
Der Hut war, nun, nicht wirklich mein Geschmack, aber für meine Mutter war er genau das Richtige. Er war lindgrün, mit grünem Tüll. Ein Hut eben.
Nach meinem langwierigen Kaufrausch wollte ich eigentlich nur noch ins Bett. Das Problem, wenn es denn eines war, war, dass ich mich in ca. zwei Stunden mit ihm traf.
Müde stieg ich unter die Dusche. Ich schäumte mich gerade gut ein, als das Telefon plötzlich zum Leben erwachte. Na toll! Ich fluchte wie ein Seemann und warf mir ein Handtuch über, trotz des Schaums. Das Fenster hatte ich zuvor geöffnet und es drang kühle Luft hinein. Ich tropfte und fror.
„Häh?" Das war doch etwas zu salopp gewesen.
„Eva?" Die Stimme meiner Mutter klang eingeschüchtert.
„Mutter? Oh... Hallo!" Erleichtert sprach sie weiter:
„Und, wie gefällt es dir?"Ich erklärte lange und breit was ich erlebt hatte... Nicht alles, aber genug um sich ein Bild zu machen. Nachdem alle Grüße ausgetauscht worden waren, legte ich auf.
An manchen Stellen war der Schaum getrocknet und lag klebrig auf meiner Haut. Igittigitt. Entnervt stieg ich wieder unter die Dusche, um mich endlich fertig zu waschen und den schmierigen Schaum loszuwerden. Das warme Wasser tat mir mehr als wohl. Entspannen konnte ich dennoch nicht. Kurz darauf klopfte es an der Tür. Das Zimmermädchen? Ich nahm mir meinen Bademantel und band ihn mir über. Die Haare bändigte ich mit einem Handtuch, das wie ein Turban um meinen Kopf gelegt war. So ging ich also halbnackt zur Tür und öffnete sie...
So viel sei gesagt: Das Zimmermädchen war es nicht. Wer, oder besser gesagt was es war, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Ungläubig blickte ich es an. Da stand also ein kleines grünes Ding vor meiner Tür, druckste mit seinem Fuß und sah mich mit seinen großen Augen an. Auf meiner Stirn stand in Großbuchstaben: ERROR.
Ich starrte es lange an und es mich ebenfalls. Einige Augenblicke verstrichen, ohne das sich jemand rührte. Dann schlug ich die Tür zu. Es war reiner Reflex, oder so etwas. Stocksteif starrte ich nun die Tür an. Was habe ich heute bloß gegessen? Einen Hamburger? Seit wann verursachen die Dinger Halluzinationen?
Wieder klopfte es an der Tür. Leise, doch unnachgiebig. Sollte ich sie wieder öffnen? Jeder vernünftige Mensch in dieser Situation – so unwahrscheinlich dies auch ist – hätte die Tür verschlossen gelassen und sich ins Bett gelegt um den Rausch, den man vermuten würde, auszuschlafen. Doch ich... Natürlich öffnete ich die Tür und natürlich war es noch da.
„Ela ist ein Bote!" Freudig winkte mir das offensichtlich weibliche Wesen zu. „Hi, Ela.", war das einzige, was ich raus brachte.
Ehe ich mich versah huschte Ela in mein Hotelzimmer und machte es sich auf meinem Bett gemütlich. In Zeitlupe drehte ich mich um. Das konnte doch nicht wahr sein. Nicht nur, dass das „Ding“ überhaupt da war, es hüpfte sogar auf meinem Bett herum. Ich räusperte mich. Nun hatte ich seine... ähm, ihre Aufmerksamkeit.
„Ich will dich ja nicht stören, aber ich hätte da ein paar Fragen. Die erste: Was bist du?" Ela hörte auf zu hüpfen und sah mich entschuldigend an. „Oh, Ela vergaß... Ihr müsst wissen, dass Ela noch nie in der Muggelwelt war... Hier ist alles so – eigenartig. „Muggelwelt“? Das sollte wohl heißen, dass diese Ela aus der Zauberer – Magie... was auch immer... -Welt stammte? Woher denn auch sonst? Meinem Instinkt nach, fragte ich sie genau das. Die Reaktion, war genau die, die ich erwartet hatte. Sie nickte wie wild. Irgendwie fand ich das... Was war es eigentlich?
„Und was bist du nun?" Ich lehnte mich am Schrank an. Diesen Halt würde ich jetzt wohl brauchen. „Ela ist ein Hauself!!" Verständnislos nickte ich. „Ein Haus... Aha. ???"Meine Stirn lag so sehr in Falten, dass ich wohl in diesem Augenblick einem Klingonen Konkurrenz gemacht hätte. Mit ihren großen Glubschaugen sah sie mich lächelnd an. Eine weitere Frage in dieser Richtung verkniff ich mir. Ich würde es eh nicht verstehen.
„ - und, was willst du hier?", fragte ich und ließ den Schrank los. Sie kratzte sich am Kopf. „Was will Ela denn? Was... Ela ist so vergesslich!" Bedauernd grinste sie mich an. Dann weiteten sich ihre Augen und sie hüpfte vom Bett ab. Freudig gab sie mir einen Brief und ging selbst verliebt zur Tür. Kurz drehte sich noch einmal um und sagte: „Ela soll Nachricht überbringen! Das hat Ela jetzt getan! Ela geht jetzt." Ich sah kurz auf den Brief und wollte Ela noch etwas fragen, doch als ich wieder aufsah, war sie verschwunden. Nicht einmal die Tür hatte ich gehört. Seltsam? Ich lachte auf. Was sollte daran seltsam sein? Ich hatte in den letzten zwei Tagen genug erlebt, um dieses Wort „seltsam" für lange Zeit nicht mehr zu gebrauchen. Seltsam war relativ...
Langsam öffnete ich das Kuvert. Was würde wohl drin stehen? – Ich sollte es gleich darauf erfahren.
Die Schrift war fein und sauber geschrieben:
Eva,
Ich wähle diese ungewöhnliche Form, da ich leider unser Treffen absagen muss. Wichtige Ereignisse lassen es nicht zu, dass ich dich heute sehen kann. Dennoch hoffe ich, dass du einem erneuten Treffen nicht entgegenzusetzen hast. Ungern würde ich deine Gesellschaft missen, und ich würde mich freuen, wenn wir uns morgen sehen könnten. Ich werde an dem dir bekannten Eingang warten. 3 Uhr pm. In freudiger Erwartung verbleibt:
Severus
War ich enttäuscht? Ich konnte es nicht sagen. Einerseits ja, irgendwie hatte ich mich darauf gefreut. Andererseits war ich auch froh mal ausspannen zu können, und die Ereignisse der ersten Tage von meinem Londonbesuch auf mich einwirken zu lassen. Diese Zeit würde mir sicherlich helfen.
Viele werden jetzt sagen: Jetzt ist die mal in England und was macht die? Schlafen? Tja, aber ich hatte eine Müdigkeit in den Knochen, die nicht zu erklären war, doch nichts scheint immer so, wie es ist...
Ich zog mir ein T-Shirt über und mein Pyjamahöschen an und dann kroch ich ins Bett. Sekunden später schlief ich ein.
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