
von Eva Nightingale
Ich erwachte in tiefster Nacht. Augenblicke verstrichen, bis ich mich endlich zurechtfand. Wo war ich? Das Hotelzimmer sah ganz anders aus, oder bildete ich mir das nur ein?
Furcht erfüllte mich. Was war geschehen? Ich saß aufrecht auf dem Bett und sah mich ungläubig um. Eines konnte ich inzwischen mit Sicherheit sagen: Dies war nicht das Hotelzimmer, in dem ich gestern mittag eingeschlafen war. Schon das Bett war anders. Es war größer und hatte einen wuchtigen Eichenholzrahmen. An jeder Ecke hatte es hohe Pfosten, die mit einer Kugel hoch oben endeten. Über mir war ein, soweit ich in der trüben Dunkelheit erkennen konnte, weißes Tuch mit Stickereien angebracht. Einfacher gesagt: Ich lag auf einem gigantischen Himmelbett.
Das Zimmer um mich sah sehr nach viktorianischem Zeitalter aus. Alles war sehr massiv, anders als bei der Renaissance oder dem Barocken, wo die Linien eher fein waren. Hier dies wirkte wirklich viel... wuchtiger eben. Hatte ich nun völlig den Verstand verloren? Dieses Zimmer sprach jedenfalls dafür.
Ich erprobte den Zwicktest. Wenn ich träumen sollte, müsste ich aufwachen. Jedenfalls hieß es so immer. Aua! Weh tat dies auf jeden Fall, aber was sollte mir das jetzt sagen? Schmerz könne man im Traum nicht erfahren, so hieß es, aber so ganz wollte ich diesem Test keinen Glauben schenken. Außer einem roten Fleck, hatte mir diese Aktion also nichts gebracht.
Trotz meiner Furcht siegte nunmehr die Neugier. „Die Neugier ist der Vernunft‘s Tod...“, so oder so ähnlich, hatte ich es mal irgendwo gehört.
In den Horrorfilmen, war es eigentlich immer so: die Darsteller, die von der Neugierde, oder von einem erhöhten Adrenalinausstoß geleitet wurden, starben immer als Erste. Der Zuschauer denkt immer nur: „Mann, sind das Idioten! Ich hätte dort gewartet! ...“ Wenn man in dem Kinosessel sitzt, ist die Entscheidung sowieso leichter. Erlebt man solche Situation dann aber am eigenen Leib mit, ist die Reaktion schon eine ganz andere. Ich wünschte mir - um ehrlich zu sein - in diesem Moment auch nur Zuschauer zu sein, und die Folgen nicht bedenken zu müssen. Tja...
Ich überwand meinen inneren Schweinehund und stand vom Bett auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich auch etwas ganz anderes anhatte. Diese Art Nachhemd gehörte nicht gerade zu meinem Reisekoffer. Es war ein weißes Negligé mit einem mörderischen Ausschnitt. Bis knapp unter die Brust war es eng und dann fiel es sanft und durchgehend nach unten. Schön war das Ding, ohne Zweifel und es stand mir sogar recht gut, dennoch wünschte ich mir jetzt lieber meine normalen Sachen, in meinem normalen Hotelzimmer anzuhaben.
Langsam begann mich das alles hier zu stressen. Ich fuhr mir durch die Haare und suchte nach einem Lichtschalter. Das wenige Licht, das vom Fenster hinein geworfen wurde, würde ausreichen um den Schalter finden zu können... wenn überhaupt einer da gewesen wäre. Ich tastete und suchte mit meinen Augen die ganzen Wände ab, doch an keiner der vier Wände konnte ich so etwas finden. „So ein Mist“, fluchte ich. Das Fenster sollte mir ein Indiz geben, wo ich denn war. Also ging ich zum Fenster und sah hinaus. Ein großer Vollmond warf sein Licht auf das weite Land. Am Horizont sah ich einen großen Wald. London war das auf keinen Fall! Entweder war ich verrückt geworden, ich lag noch im Bett und träumte das alles hier, oder hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu. Bis jetzt hatte ich noch keinen Grund an meinem Geisteszustand zu zweifeln, doch wer weiß, vielleicht war... Meine Gedanken wurden von lauten Rufen durchbrochen. Ich hörte Pferdegetrappel. Ein Feuer! Wie war das denn so plötzlich entstanden? Die Stimmen erkannte ich ganz klar als Männerstimmen, doch die Sprache war mir unbekannt. Es hatte für mich denn Anschein, dass die Sprache ein bisschen dem Gälischen ähnelte. Doch mit Bestimmtheit hätte ich es nicht sagen können. Gälisch kannte ich auch nur vom Internet und Büchern und hatte es nur wenige Male gehört.
Ich konnte etwa ein Dutzend Männer in Gewändern erkennen. Der Anblick der Gesichter war mir, trotz der geringen Entfernung nicht gewährt. Der Männer strahlten Macht aus. Es war, als umgebe sie ein Feld von Magie. Das klingt albern, ich weiß, doch in diesem Moment schien es mir wirklich so.
Das laute Gerede verstummte augenblicklich, als ein großer, schlanker Mann in den Kreis trat. Er trug kein Gewand wie die anderen, sondern Hosen und ein weißes Hemd. Mit sich führte er eine junge Frau. Sie war in etwa in meinem Alter und trug das Gleiche wie ich. Als ich sie genauer betrachtete, fiel mir auf, dass sie schwanger war – oder ein echtes Problem mit ihrer Figur hatte.
Der junge Mann richtete nun das Wort an alle. Er sprach laut und deutlich in einem Englisch, das seltsam klang: „Meine Brüder! Ich bringe euch frohe Kunde! Die Niederkunft wird bald kommen. Das Kind, das in diesem Mädchen heranwächst, ist von wahrhaft reinem Blute!...“ Er machte eine Pause und fasste dem Mädchen an den Bauch. „Die Mutter ist eine Hexe und der Vater ist ein Nachfahre der ersten Druiden. Durch uns wird dieses Kind wachsen und größer werden als alle Magier vor ihm. Wir werden es zu unseren Zwecken gebrauchen. - Doch wir müssen auf der Hut sein, unsere Gegner wollen dieses Kind auch.“ Seine Stimme erhöhte er dramatisch. Mit fanatischem Glühen in den Augen sprach er weiter: „Unser Fortbestand hängt von diesem Kind ab. Ihr müsst es mit eurem Leben und mit dem eurer Kinder schützen, sollte dies nötig sein. Du und du...“ Er wies mitten in die Reihen der Kuttenträger und zeigte auf die zwei größten. „... verkündet diese Nachricht jedem Bruder... Nun geht!“ Die letzten Worte waren nun wieder an alle gerichtet. Sie befolgten seinen Befehl und verschwanden langsam in die Dunkelheit. Er blieb mit dem Mädchen zurück und griff an ihren Bauch. Ich konnte zwar sehen, dass er seinen Mund bewegte, doch seine Worte blieben mir verborgen. Plötzlich sah er zu meinem Fenster auf und ich könnte schwören, dass er mich gesehen haben muss, doch er machte keine Anstalten sich zu bewegen, sondern sah einfach nur zu mir auf. Ein eiskalter Schauer fegte über meinen Rücken. Etwas geschah in diesem Moment, ohne das ich es beeinflussen oder abwenden hätte können. Das Seltsame war, ich wollte es auch nicht. Ich war fasziniert von diesem seltsamen Kauz, der einfach nur dastand und mich anstarrte.
Ein weiterer Hauch umwehte um mich. Die Vorhänge bewegten sich sachte mit dem kalten Wind, ebenso wie meine Haare und mein leichtes Kleid. Eine Gänsehaut erfasste mich am ganzen Leib. Eine Stimme, leise und mächtig, drang in meine Gedanken: „Schließe deine Augen! ...“ Ohne mich zu wehren ließ ich es geschehen und folgte den Anweisungen der Stimme. Ich schloss meine Augen. Es wurde kälter, windiger. Der Wind sang ein grausames Lied.
„Nun öffne sie!“ Wieder tat ich es willenlos. Was war bloß mit mir los? Warum tat ich, was mir eine Stimme sagte? Hatte ich jetzt meinen Verstand verloren? Mir schien es wirklich so, denn ich war mir alles bewusst und doch tat ich was mir befohlen wurde. Es war, als stände ich unter einer Droge - soviel sei gesagt: Eine Droge war es nicht, sondern ein Zauber.
Ich öffnete also wieder meine Augen und sah direkt in die seinen. Hastig atmete ich. Ein erneutes mal sah ich mich um. Mein Zimmer war einem anderen, kleineren Zimmer gewichen. Ich lag auf dem Rücken und über mich gebeugt war der schöne Fremde.
Mein Körper bäumte sich vor Schmerz.
„Pressen!“ Ein Mann kam näher und legte ein feuchtes Tuch auf meine Stirn. Ich war im Begriff ein Kind auf die Welt zu bringen und empfand den gesamten Schmerz, den man bei einer reellen Geburt wohl auch empfinden musste. Fiebriger Schweiß bildete sich auf meiner Stirn und trotz des feuchten Tuches, kochte ich innerlich förmlich. Es dauerte endlose Minuten, die mir wie Tage vorkamen, bis das Kind endlich das Licht der Welt erblickte. Man schnitt die Nabelschnur des kleinen Wesens ab und legte es in meine Arme. Ich war überglücklich.
Plötzlich wurde es laut. Geschrei. Gepolter. Der Fremde, der über mich gebeugt war, nahm mir das Kind wieder weg und übergab es einem Mann, der bis jetzt ruhig in einer Ecke stand. Der Mann, der eine Kutte trug und seine Kapuze bis tief in sein Gesicht gezogen hatte, nahm das Kind und packte es in ein Tuch ein. Ohne ein weiteres Wort ging er aus dem Zimmer. Er benutzte eine Tür in der Wand, die kurz danach wieder in die Wand fiel, ohne dass es Anzeichen für diese Tür gab. Wenige Augenblicke danach wurde die Tür auf der anderen Seite des Raumes aufgerissen und duzende von Männer drangen in das Zimmer ein. Furcht erfüllte mich. Es war eine existenzielle Furcht, die mich erfüllte, es war die Furcht vor dem Ende, vor dem Tod.
Blitzschnell zog der Fremde ein Dolch aus seinem Gürtel und trat an mich heran. „Es muss sein! ... Es... Es tut mir leid...“ Tränen schossen mir in die Augen und obwohl ich dadurch nur noch verworren sehen konnte, konnte ich sehen, dass sich auch in seinen Augen die Tränen sammelten. Er sprach ein letztes Gebet, jedenfalls klang es für mich danach. Dann stach er seinen Dolch tief in meine Brust. Ich spürte den Schmerz nicht; ich hatte nur den metallenen Geschmack des Blutes in meinem Mund. Alles schien so fern, so unerreichbar. Die Berührung des Fremden nahm ich schon nicht mehr wahr. Ein letztes Würgen und ich schloss meine Augen. Stille.
***
Langsam hoben sich meine Lieder. Das Licht eines sonnenreichen Tages kitzelte mein Gesicht und hinterließ eine angenehme Wärme. Wie in einem Reflex fasste ich an meine Brust. Als ich nichts ertasten konnte, sah ich nach – und tatsächlich ich war unversehrt. „Was war das denn?“ Verwirrt und verstört stand ich schließlich vom Bett auf. Dieser Traum... Alles schien so real! Ich schüttelte meinen Kopf, als könnte ich damit auch die bösen Erinnerungen abschütteln. Verwirrung war das einzigste, was ich in diesem Moment empfinden konnte. Es war wie damals. Nein, das konnte nicht sein; das eine hatte doch mit dem anderen nichts zu tun. Oder doch? Das Gefühl war jedoch das gleiche...
Es geschah letztes Jahr im Frühjahr.
Der Tag war nicht so besonders; war eben Alltag in unserem Zweifamilienhaus. Und doch war etwas seltsam. Eine Freundin rief bei mir mittags an und wir erzählten - an sich nichts Besonderes, doch irgendwas in ihrer Stimme, an ihrer Ausdrucksweise machte mich wütend. Ich war nicht wütend auf sie direkt, sondern die Wut kam von tief drinnen und schien alles zu verdunkeln. Hastig brach ich das Telefonat ab. Warum ich wütend geworden war, wusste ich nicht, ich wusste nur, dass ich nichts wusste. Ich war in einer richtigen Identitätskrise und wusste nicht einmal warum. Mein Zimmer wurde mir zu klein (o.k das ist keine Kunst). Das Haus ebenfalls. Ich musste raus und zwar sofort. In meinen Rucksack packte ich eine Wasserflasche und wollte in den nahen Wald gehen und einfach einmal ausspannen. Ich fragte meinen Bruder, ob er mitgehen würde, aber auch nur, weil ich wusste, dass er sowieso absagen würde. Auch er merkte das etwas seltsam war. Ich war wahrlich nicht diejenige, die einfach so mal Lust bekommt und raus geht – man musste mich schon überzeugen, den Fuß in die Natur zu setzen.
Ich ging schließlich alleine in den Wald, getrieben von der Verwirrung eines ganzen Lebens, oder mehr. Lange Zeit lief ich ohne Ziel einfach durch den Wald. Ich wurde immer schneller und schneller. Nach einiger Zeit blieb ich abgehetzt stehen. Warum rannte ich wie irre durch den Wald? Ich wusste es nicht. Heftig atmend setzte ich mich schließlich auf einen Baumstumpf. Nie empfand ich solch eine Verwirrung und eine Angst erfasste mich. Die Bäume knarrten im Wind und es klang so, als wollten sie mich erdrücken. Der Wind sang sein grausames Lied durch die hohen Bäume und mich erfasste die gleiche existenzielle Angst, die mich ein Jahr später auch in London ereilen sollte.
Ich fuhr mir durch die Haare. Das alles konnte keinen Sinn ergeben. Emotional aufgewühlt stand ich vom Bett auf und ging zu dem kleinen Tischchen am Fuß des Bettes. Ich schenkte mir etwas Wasser in ein Glas und trank es hastig aus.
Die Schweißperlen hatten sich auf meiner Stirn gesammelt und rannen mir an den Schläfen herab. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und der Blick zur Uhr brachte mir traurige Gewissheit: Es war bereits Morgen; es blieben nur noch wenige Minuten bis zum Morgengrauen. Ich atmete entnervt aus. ‘Mann..’ Ich konnte meinem Gedanken nicht weiter folgen, denn plötzlich fiel mir der Dolch auf, der auf dem Bett lag. Seltsamer Weise war er mir gerade zum ersten mal aufgefallen. Er lag mitten auf dem Bett als hätte er dort schon immer gelegen.
Ich ging auf das Bett zu und griff mir den Dolch. Meine Finger schlossen sich um den kunstvollgearbeiteten Griff. Entsetzt starrte ich ihn an: Es war der Gleiche oder gar der Selbe wie aus meinem Traum – doch wie konnte das sein? Jegliche Logik war nun der Verwirrung gewichen. ‘Beruhig dich Mädel; es gibt für alles eine Erklärung!’, sprach ich mir gut zu.
Es klopfte an der Tür und ich musste meine Verwirrung für einige Augenblicke verdrängen, ebenso den Dolch, den ich unter die Bettdecke schob. So ging ich, noch etwas konfus, zur Tür und öffnete sie.
„Zimmelsölvis!“, sagte eine junge Japanerin mit auffällig asiatischem Akzent und einem breiten Grinsen.
„Aber ich habe doch nichts bestellt.“ Ich sah sie mit großen Augen an und hoffte, dass sie meine Worte auch verstand. Sie tat es.
„Ein Mann sagte, Sie wülden wollen – el zahlte im Volaus.“ Ich muss in dem Moment etwas verstört gewirkt haben, denn sie klopfte mir auf die Schulter (sie musste sich ziemlich strecken), schob den Wagen an mir vorbei ins Zimmer, grinste ein letztes Mal und verschwand dann wieder um eine Ecke. Ich schüttelte den Kopf, doch entschied mich dafür, mir keine Fragen zu stellen – ich würde eh keine Antworten finden. Und wenn ich tatsächlich Antworten suchen würde, dann würde ich diese vermutlich auf dem Rollwagen finden. Also ging ich hinüber und hob das Tuch, das alles bedeckte, hoch, legte es zusammen und zur Seite. ‘Mal schau’n was wir da haben!’ Ich musste nicht genau hinschauen, um zu erkennen, das es sich hierbei um ein Frühstück handelte, aber zwischen dem Teller und der Tasse lag noch etwas dazwischen. Ich nahm es in meine Hand. Es war ein kleines Kästchen, drei mal drei Zentimeter groß, und dabei circa zwei Zentimeter dick. Ich öffnete es und sah einen wunderschönen Ring darin. Er war aus Silber und seltsame Runen waren außen zu erkennen. Das Ringinnere war matt und es stand etwas in einer Sprache darin, die ich nicht lesen konnte.
Ich nahm ihn heraus und steckte ihn mir an meinen Ringfinger und er passte wie angegossen. Als ich das Ringkästchen weglegen wollte, fiel mir plötzlich noch etwas auf. Im Deckel des Ringkästchen war ein Briefchen. Er war so klein gefaltet, dass er genau in das Kästchen passte.
Ich nahm das Briefchen heraus und öffnete es.
Der Ring der Ewigblinden -
seht was verborgen sein soll.
Der Ring der Ewigblinden? Ich sah mir den Ring genauer an. Er funkelte im matten Tageslicht und gab nichts seiner angeblichen Geheimnisse her. Das dies ein Zauberring sein sollte, wollte ich nicht so recht glauben. Von wem kam er überhaupt? Es war kein Name darunter.
Ich nahm mir ein Brötchen, schnitt es auseinander und tat etwas Marmelade darauf. Es wird echt immer merkwürdiger!, stellte ich unnötigerweise fest. Ich ging hinüber zum Bett und nahm den Dolch in meine freie Hand. Die andere führte ich samt Brötchen zu meinem Mund. Ich biss herzhaft hinein und musste ewig kauen, bis ich das trockne Stück auf die Reise durch meinen Verdauungstrakt schicken konnte. Erst zu spät war mir auch aufgefallen, dass es sich bei der Marmelade um Pflaumenmarmelade handelte und das ganze noch ungesüßt. Leicht angewidert legte ich den Rest des Brötchens weg. Pflaumenmarmelade war nichts, was ich wirklich gerne aß.
Ich griff mir die Kanne und füllte den heißen Kaffee in die Tasse um den widerlichen Geschmack wegzuspülen – und ihn durch einen noch widerlicheren zu ersetzen. Der Kaffee war wirklich ungenießbar! Mein Gönner hätte sich wenigstens ein besseres Frühstück für mich leisten können, dachte ich wehmütig. Das ist Malzkaffee, kam mir plötzlich in den Sinn. Wer trinkt denn dieses Zeugs freiwillig? Ich glaube da hat jemand den Drang, dass ich nur gesundes Zeug esse. Auch den Kaffee stellte ich mit leicht angeekelter Mine beiseite. Tolles Frühstück, Mister oder Misses Unbekannt! Ich musste in mich hineinlachen. Wer auch immer derjenige war, der mir den Ring geschenkt hatte, mit diesem Frühstück hatte er sich unbeliebt gemacht!
Ich ging mich eiskalt abduschen um wieder zu klarem Verstand zu kommen.
Als ich mit dem Duschen fertig war zog ich mich an. Den Dolch steckte ich in meinen Rucksack. Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihn lieber bei mir tragen sollte. Außerdem könnte ich ihn Severus zeigen und ihm meinen Traum erzählen. Vielleicht hätte er eine Antwort. Bevor ich ihn jedoch sehen würde, war Sightseeing angesagt.
Zwischendurch hatte ich noch Betti angerufen und einiges erzählt. Doch von meinem Traum und den seltsamen Ereignissen erzählte ich ihr nichts. Sie würde es eh nicht verstehen und denken, es sei wieder meiner Phantasie entsprungen. Vorwerfen könnte ich es ihr schließlich auch nicht, ich würde wahrscheinlich das selbe denken und schon mal die Nummer von einem Psychoheini wählen. Ich war mir selber nicht so sicher, ob das wirklich alles geschehen war und ich vielleicht in meinem Bett, in meinem kleinen Zimmer saß und alles träumte. Doch die kleine Stimme in mir sagte mir, dass das alles wahr wäre und noch größere, unglaublichere Dinge auf mich zukommen würden. Ich war bereit – dachte ich zumindest.
Der Himmel war wolkenbehangen und ich hegte die Befürchtung, dass es jeden Moment anfangen würde zu regnen. Mein Schirm – ohne ist man in London fehl am Platz! – umklammerte ich wie eine Waffe und war bereit ihn jeden Moment aufspannen zu müssen.
Gut eine Minute später konnte ich ihn aufspannen. Es war nur leichter Nieselregen, der sich sanft auf meiner Kleidung niederließ und ich entschied mich, den Schirm vorerst wieder zu schließen. Es war angenehm nach der Hitze der letzten Tage etwas Abkühlung zu erhalten.
Kleine Tropfen strandeten in meinem Gesicht und bildeten eine kühlende Maske. Ich schloss die Augen und genoss das Gefühl, als plötzlich...
„Achtung!“ Jemand riss mich nach hinten. Wie aus einer Trance erwacht, riss ich die Augen auf und blickte ein junges Mädchen an. Es war ca. dreizehn oder vierzehn Jahre alt und sah mich mit entsetzter Mine an.
„Du wärst eben beinahe überfahren worden!“, kam es von ihr.
Ich war mir noch immer nicht sicher, was eigentlich geschehen war, deshalb starrte ich zuerst das Mädchen an und danach die Straße, die vor mir wie ein drohender Fluss lag. Der Verkehr war flüssig und hätte mich das Mädchen nicht zurück auf den Gehweg gerissen, hätte das ziemlich schmerzhaft werden können.
„Mein Gott! Ich war mit meinen Gedanken ganz wo anders!“ Das Mädchen musterte mich. Als hätte es eine Entscheidung getroffen, fing es an zu sprechen:
„Das glaube ich dir gerne. Pass das nächste Mal einfach auf!“ Ich lächelte knapp. Irgendwie fand ich es seltsam von einem Kind zurechtgewiesen zu werden. Ich war immerhin etwa fünf Jahre älter es. Aber ich ließ es geschehen ohne einen Kommentar abzugeben; war mir doch auch klar, dass das Mädchen Recht hatte. Ich nickte ein letztes mal und ging dann meinen Wegen nach; war mein Terminkalender auch propenvoll.
Als erstes zog es mich zum Covent Garden. Einst war hier ein Markt, doch heutzutage konnte man Straßenmusikern zuhören, in Cafés sitzen und hier einfach eine wundervolle Zeit verbringen. Es war als ruhiger Anfang gedacht. Ich würde heute noch genug Stress haben. Ich lief zu Fuß durch London, was mir auch viel Zeit nahm.
Weiter ging es zum House of Parliament, Buckingham Palace, zum Trafalgar Square und schließlich zur Westminster Abbey. Das sollte für heute reichen. Morgen war auch noch ein Tag und außerdem taten mir meine Füße schrecklich weh. Also begab ich mich wieder in mein Hotel. Es war halb zwei, als ich dort ankam.
Das Treffen mit Severus hatte ich ständig im Hinterkopf. Nervosität stieg immer mehr in mir auf. Er hatte etwas, was mich zutiefst faszinierte. Es sind seine Augen! War ich mir fast sicher, denn ich war von jeher von dunklen Augen angezogen worden. Das er magischen Ursprungs war, war natürlich noch ein Aspekt, der ihn für mich interessant machte. Aber er ist ziemlich alt, bläute ich mir ein, doch kurz darauf schollt es von innen: Ja schon, aber was macht das schon aus? Hey, und außerdem: Es geht im Moment ja wohl nur ums Reden!
Meine inneren Monologe waren von schon immer sehr zwie gespalten und ich wusste, dass bei dieser ‘Unterhaltung’ keiner gewinnen konnte. Was ich hier noch anbringen sollte: Ich bin nicht schizophren! ... Ich dachte eben immer zuviel nach und passte nicht allzu sehr auf, wo ich eigentlich hinlief, was man heute morgen mal wieder gesehen hatte.
Gedankenverloren (was ich eigentlich immer war) zog ich mich um. Es sollte etwas bequemes sein. Etwas, das aber auch nicht so sehr in der magischen Welt auffallen würde und dabei noch recht gut aussehen sollte. Große Ansprüche an meinen Reisekoffer! Zu groß wie es schien, als ich in meinen Koffer blickte. Was soll’s, dachte ich mir und griff nach einer schwarzen Hose und einem hellblauen Shirt mit dreiviertel Armen.
Ich ging ins Bad. Da ich nicht so überkandidelt aussehen wollte, ließ ich es mit Mascara bewenden. Aber irgendwie fühlte ich mich noch etwas nackt im Gesicht, deshalb zeichnete ich mit einem feinen Kajal noch die Form der Augen nach. Ich verwischte das ganze leicht und erhielt so ein rauchiges Aussehen, dass meine grünen Augen etwas katzenhaft aussehen ließ, aber dennoch nicht so auffällig war. Make up benutze ich keines; mein Teint war ziemlich hell und Make up verstopfte mir nur die Poren. Ich fand den Kontrast zwischen meinen grünen Augen und meinen roten Haaren immer interessant und dank des Kajaalstriches war die Wirkung noch extremer. Ich wuschelte mir kurz durch die Haare. Mehr musste ich auch nicht tun, da man mit meinen kinnlangen, gut durchgestuften Haaren eh nicht wirklich viel anfangen konnte.
Als ich an mir herab sah bemerkte ich, dass das hellblaue Shirt nicht richtig zu meinem Outfit passte, also zog ich es kurzerhand wieder aus (Tja, ist doch herrlich keine pflegebedürftige Frisur zu haben, bei der man nicht ständig befürchten muss, dass die Frisur ruiniert würde), stapfte in den Schlafraum und zog eine schwarze Bluse an. Nun musste ich aber auch eine andere Hose anziehen, da ich sonst nur in schwarz laufen würde. Blaue Jeans also? Nein passte auch nicht... Mädchen sein, kann manchmal so hart sein.
Als ich dann eine halbe Stunde später fertig war, hatte ich das hellblaue Shirt und die schwarze Hose an. Was interessiert es mich, ob die Farben wirklich zusammen passen oder nicht, sagte ich mir (das war auf die Haarfarbe bezogen).
Inzwischen war es zwanzig nach zwei. Nun muss ich mich langsam auf den Weg machen! Ich schlüpfte in meine Sneakers, räumte noch etwas die Unordnung weg, zog meinen knielangen Jeansmantel an und schwang mir meinen Rucksack um. Dann ging ich geradewegs auf die Kneipe zu, hinter der der Eingang zur Winkelgasse war.
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