
von Eva Nightingale
Hier sah es genau so aus wie bei meinem ersten Besuch. Einzigst, dass die Leute mich nicht mehr anstarrten hatte sich verändert. Ein kurzes Notiznehmen und danach ein Ignorieren.
Ich lief zielstrebig auf die Tür zur Winkelgasse zu, als mich jemand plötzlich am Arm festhielt.
„Warte!“, bat mich eine Gestalt, deren Gesicht hinter einer Kapuze versteckt war. Verstört sah ich den Mann an (dank der Stimme war ich mir ziemlich sicher, dass unter der Kapuze ein Mann stecken musste). Ich sagte kein Wort und sah ihn nur an. Auch er sagte nichts mehr und drückte einfach nur meinen Arm. Ich war mir seiner Berührung seltsam bewusst und riss mich nach einer kurzen Zeit los. Ich wollte gerade fragen, was das solle, als ich sah, wie es unter der Kapuze aufleuchtete. Die Augen des Fremden waren in einem hellen Blau erstrahlt und danach fiel sein ganzer Umhang zu Boden und von dem Fremden war keine Spur mehr zu sehen. Auch das schien die Gäste der Kneipe nicht zu interessieren. Sie blickten kurz von ihren Gläsern auf und sahen dann wieder weg.
Ein kalter Schauer ergriff mich. Die Berührung des Kapuzenträgers spürte ich immer noch als sei sie in meine Haut eingebrannt. Ich fuhr mir über den Arm um sicherzugehen, dass niemand mich mehr berührte.
Ziemlich viel Aktion für drei Tage London, was altes Mädchen?
Einen Moment blieb ich noch stehen, dann ging ich weiter zur Tür. Ich öffnete sie und trat zu der Wand hinaus. Fünfmal drückte ich jeweils einen anderen Stein nach dem Plan, den ich von Severus hatte. Ein Grollen erschall ein erneutes mal und die Steine schoben sich zur Seite. Mit einem besseren Gefühl als beim ersten Mal, trat ich in die Winkelgasse, die wieder vor Menschen überzusprudeln schien.
Vor lauter Menschen hätte ich ihn beinahe übersehen. Er stand da mit gekreuzten Armen.
„Eva, wie schön dich zu sehen!“, kam er mit einem schmalen Lächeln auf mich zu. Obwohl wir uns noch nicht lange kannten, hatten wir schon eine sehr persönliche Sprechweise angenommen.
„Severus,“ sagte ich knapp und begrüßte ihn mit einem Lächeln.
„Du siehst fabelhaft aus!“, sagte er. Schleimer!
„Wow, du hast ja richtig gute Laune!“ Ich hatte schon bemerkt, dass er niemand war, der großartig Komplimente verteilte, geschweige denn von guter Laune gesegnet war. Er war so jemand, der immer ein trübseliges Gesicht aufsetzte, auch wenn er glücklich war. Der geborene Pessimist eben.
Mit einem Lächeln bestätigte er meine Vermutung und dann sagte er:
„Ich bin heute Morgen aufgestanden und dachte mir: Heute ist ein guter Tag!“
„Das freut mich für dich. Es ist auch viel schöner dich lächeln zu sehen – das solltest du wirklich öfters tun... Du musst deinen Schülern ja richtig Angst machen, wenn du immer so griesgrämig guckst.“ Er lachte schallend auf und die Leute um uns sahen überrascht zu uns. Einige der Jüngeren fingen an zu tuscheln, was mir sofort auffiel, ihm jedoch nicht.
„Das tue ich auch!“ Ich stimmte in sein Lachen ein und vergaß die Leute um uns herum.
Als unser Lachen abgeebbt war, entschlossen wir uns einige Schritte zu gehen.
Wir gingen zu Gringotts und tauschten einige meiner Pfund in Galleonen um. Nun konnte ich mir hier endlich etwas leisten. Also bat ich ihn mir einige Geschäfte zu zeigen. Er überlegte einen Moment.
„Ich denke, es ist mal an der Zeit, dass du einen Zauberstab bekommst“, meinte er, als wir schon einige Schritte gelaufen waren. Ich sah ihn überrascht an.
„Ich? –Einen Zauberstab?“ Er nickte und ergriff meine Hand. Seine Hände waren ganz warm und schienen einen Ausgleichpunkt für den sonst so kühlwirkenden Severus zu sein.
Er ließ meine Hand vor einem kleinen Laden los und machte eine Geste, dass ich hinein gehen sollte.
Ollivanders war der Namen des Ladens und das Innere hatte etwas von einem Geschäft, in dem man nur Blockflöten kaufen kann. Überall stapelten sich kleine Kästchen, die teilweise schon ganz verstaubt waren. Im Laden roch es etwas muffig nach altem Karton und Staub. Ein hochgewachsener Mann sah uns hereinkommen und sein Lächeln erstarb, als er Severus neben mir sah. Es war nur einen Moment, dann schien er sich zu seiner Höflichkeit zurückgefunden zu haben und lächelte uns wieder an.
„Professor!“, empfing er Severus. „Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesehen.“ Severus gab etwas unverständliches von sich. Dann brummte er kurz. Irgendwie scheint mir, dass die beiden sich nicht besonders mögen würden.
„Wen haben wir dann da?“ Nun blickte der Verkäufer mich an. Er schien einen Moment zu überlegen, wer ich denn sein würde, erkannte aber, dass ich niemand war, den er kannte.
„Sie braucht einen Zauberstab!“ Severus gute Laune war mittlerweile vollkommen verschwunden. Erstaunt blickte der Mann zuerst Severus, dann mich an.
„... Es ist mein erster, müssen Sie wissen“, sagte ich um die Lage hier etwas zu entspannen. Der Verkäufer blickte mich noch erstaunter an.
„Ihr Erster?“ Er sah wohl Severus drohenden Blick, denn mit einem Mal versteinerte seine Miene und er sah uns professionell an. Er ginge einen holen, der passen würde, hatte er gesagt und war kurz darauf im hinteren Teil des Ladens verschwunden.
Als er wieder kam, hatte er fünf Schachteln unterm Arm. Er nahm einen Zauberstab und reichte mir ihn. Der Zauberstab sah aus wie ein kleiner, krummer Stock. Er hatte nichts wirklich mystisches an sich. Ich wusste nicht, was ich mir unter einem Zauberstab vorgestellt hatte, doch dies war es sicherlich nicht gewesen. Das Ding in meiner Hand schien mir viel zu plump... zu unauffällig zu sein.
Erst jetzt merkte ich, dass mich alle erwartungsvoll anstarrten. Severus machte neben mir eine Handbewegung, die ich ihm nachmachen sollte. Zuerst geschah rein gar nichts. Dann spürte ich aber, wie die Magie durch meinen Körper floss. Etwas nahm mich in Besitz und ich musste die Augen schließen, als ein helles Licht um mich erschien. Alles um mich wurde ruhig und friedlich.
Die Stimme des Verkäufers riss mich aus meiner Ruhe.
„Das ist der Richtige!“, sagte er überglücklich. Ich muss in diesem Moment recht verdutzt ausgehen haben. Ich hatte immer noch nicht verstanden, was gerade mit mir geschehen war.
Er nahm mir den Zauberstab wieder weg und legte ihn zurück in sein Kästchen, dann überreichte er es mir.
„Wie viel macht das jetzt?“, fragte ich ihn, bevor ich das Kästchen in Empfang nahm. Ehe der Verkäufer jedoch antworten konnte, sagte Severus:
„Das ist auch egal. Ich werde ihn für dich bezahlen... Es soll ein Geschenk sein!“, sagte er, als ich Widerspruch erheben wollte. Ich konnte es nicht leiden, wenn man mir etwas ausgab. Immer hatte ich ein schlechtes Gewissen. Doch seine Stimme ließ keine Widerrede zu.
Severus schickte mich raus; ich solle draußen warten. Ich zuckte mit den Schultern und tat was er mir sagte.
Ich musste nicht lange warten und er kam heraus und drückte mir das Kästchen in die Hand.
„Wie viel hat es gekostet?“, beharrte ich weiter. Er lächelte jedoch nur kurz und sagte kein einziges Wort.
„Dann kannst du mir wenigstens sagen, was ich damit anfangen soll!“, meinte ich leicht gereizt.
„Zaubern!“ Kam die Antwort. Er fing meinen ärgerlichen Blick auf und dann erklärte er mir, wie man den Zauberstab nutzen könnte. Er erzählte mir, dass ich mit Hilfe von Zaubersprüchen und diesem Zauberstab zaubern könnte. Aber ich solle ihn nur in seinem Beisein benutzen. Am Anfang zumindest.
Wir verließen die Winkelgasse. Wie weit wir danach gelaufen sind, war mir gar nicht so aufgefallen. Erst als wir in einem Park ankamen, blickte ich mich verwundert um. Bis hierher hatte er mir die Grundlagen der Zauberei nahe gebracht. Er hatte mir gezeigt, wie ich den Zauberstab schwingen musste und lehrte mich einige Zaubersprüche. Völlig begeistert stellte er fest, wie schnell ich das Ganze auffassen konnte. Auch ich war überrascht wie einfach mir das alles für mich war. Schön wäre gewesen, wenn das bei allen Fächern gewesen wäre, dachte ich wehmütig.
Mehrere Stunden waren vergangen und es wurde langsam dunkel. Mein Mund war ganz trocken. Wir hatten die ganze Zeit nur geredet und er hatte mir etwas Zaubern beigebracht, dass wir gar nicht gemerkt hatten, wie schnell die Zeit uns durch die Finger geglitten war.
„Du bist jetzt fast auf einem Stand von einem Erstklässer!“, sagte er schließlich zufrieden. Er hatte mir auch von Hogwarts, von der Schule für Zauberer und Hexen, erzählt, bei der er als Lehrer angestellt war und ich wusste, dass das, was er gerade gesagt hatte, ein Kompliment war, für jemanden, der vor zwei Tagen erst erfahren hatte, dass sie ein Hexe war.
Eine Hexe? Das alles war noch so ungewohnt. Obwohl ich den Zauberstab in der Hand hielt, konnte ich noch immer nicht fassen, dass ich eine Hexe sein sollte. Ich musste an die Inquisition denken und daran, dass sie Hexen öffentlich auf Scheiterhäufen verbrannt hatten.
„Das waren keine Hexen, die sie verbrannten... Das waren nur Frauen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren und sich von der Norm abhoben“, erklärte er mir. Ich musste das Gedachte wohl auch laut ausgesprochen haben. Ein kalter Schauer fegte über mich hinweg. Ich verdrängte jedoch den Gedanken an brennende Frauen, die kreischend von den Flammen verschluckt wurden, verdrängte die Gedanken an die Wasserprüfung und an gesteinigte Frauen und Männer.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so gut sein würdest!“, sagte Severus nach einer Weile, um eine Unterhaltung wieder aufzunehmen. Ich lächelte schwach. Die Schatten der Erinnerung an die Geschichtsbücher lagen noch auf meinem Gemüt.
„Nein wirklich! -“ Er musste denken, dass ich ihm das nicht glauben würde. „ - Selten habe ich jemanden erlebt, der so talentiert ist!“ Mein Lächeln wurde breiter. Vergessen waren die trübseligen Gedanken an Tod und Schmerzen.
„Ich würde gerne mehr von dir lernen.“, sagte ich und zwinkerte. Ich biss mir auf die Lippen. Hoffentlich hatte er das nun nicht falsch verstanden.
Keck zog er eine Augenbraue hoch und sagte:
„-und ich würde dir gerne mehr beibringen. Ich bin mir sicher, dass ich dir mehr beibringen kann!“ Er grinste verschmitzt und ich lächelte unsicher. Er hat es wohl falsch verstanden...
Unwillkürlich musste ich meinen Mantel enger um mich ziehen. Es war schon ziemlich kalt geworden, seit die Sonne untergegangen war. Ihm entging das nicht, und er sagte schließlich:
„Wir sollten gehen, sonst holst du dir noch den Tod hier draußen!“ Ich stimmte ihm nickend zu. Selbst als wir liefen, stellte sich bei mir kein Wärmegefühl ein. Ich fror und meinte es bis in die Knochen spüren zu können. Zitternd lief ich weiter neben ihm, doch plötzlich wurde mir wärmer. Grund dafür war der wärmende Mantel, den er mir umgelegt hatte. Ich lächelte ihn dankbar an und dennoch hatte ich ein schlechtes Gewissen, da er nun nur noch eine dünne Jacke trug. Trotz der Kälte wollte ich seinen Mantel wieder ablegen und ihm wieder geben. Er schüttelte jedoch nur den Kopf und legte ihn mir erneut um. Er hatte den Rucksack leicht berührt und mich stach etwas in den Rücken. Da fiel es mir plötzlich wieder ein: der Dolch! Ich hatte ihm noch gar nichts von dem Traum und dem Dolch erzählt! Auch von dem Ring und dem seltsamen Typ mit der verbrennenden Hand hatte er keine Ahnung. Ich wusste nur nicht, ob es überhaupt richtig war, ihm etwas zu erzählen. Konnte ich ihm trauen? Gab es einen Grund, es nicht zu tun? Auf beide Fragen fand ich keine Antworten und so beschloss ich, es ihm einfach zu erzählen. Was könnte schon passieren?
Ich sah mich etwas in der Gegend um und erkannte, dass wir gar nicht weit von meinem Hotel waren. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie wir hierher gekommen waren, aber ich dachte mir, dass dort der richtige Ort wäre, ihm von meinem Traum und dem Rest zu erzählen.
„Mein Hotel ist hier ganz in der Nähe. Willst du noch mit raufkommen – ich muss dir noch etwas zeigen und ich denke, du bist der einzige, der mir das erklären kann.“ Er zögerte einen Augenblick. War es falsch gewesen ihn zu fragen? Ich bemerkte, dass er sich unbehaglich fühlte bei diesem Gedanken. Es schien für mich wie eine kleine Ewigkeit, bis er mir endlich eine Antwort gab.
„Wenn du das möchtest...“ Und somit hatte er mir den Schwarzen Peter zugeschoben. Egal was oben in meinem Zimmer geschehen würde –und das würde nichts sein... vermutlich– hätte ich es zu verantworten. Was denkt der Typ von mir? Ich werde bestimmt nicht über ihn herfallen! Ich hielt meinen Zorn etwas zurück und sagte ihm, dass ich wirklich keine Absichten hegen würde und ihm etwas zeigen müsse. Er nickte zögerlich.
Wir gingen zum Hotel und nach ca. fünfzehn Minuten erreichten wir dieses. Wieder nahm ich nicht den Aufzug, sondern ließ es bei der Treppe bewenden (Was wohl auch besser für Severus war).
Vor meiner Zimmertür angekommen steckte ich den Schlüssel in das Schloss, drehte ihn um und stieß die Tür mit dem Fuß auf.
Ich ging ins Zimmer und Severus folgte mir auf dem Fuße. Er sah sich im Zimmer um und ich schloss die Tür hinter uns.
„Setz dich“, wies ich ihn an und zeigte auf das Bett. Das war die einzige Sitzmöglichkeit, nicht was ihr wieder denkt!
Er nahm Platz und ich gab ihm den Mantel wieder. Auch meinen Mantel legte ich ab und hang ihn auf ein Kleiderbügel, das am Schrank hing. Den Rucksack hatte ich zuvor auf das Bett geschmissen und jetzt setzte ich mich neben ihn und kramte den Dolch hervor. Severus sah mich mit etwas geschockter Mine an.
„Das“, sagte ich und reichte ihm den Dolch. „- habe ich heute Morgen auf meinem Bett gefunden, nachdem ich von dem Ding geträumt hatte. In meinem Traum wurde ich davon getötet!“ Überrascht blickte er den Dolch in seinen Händen an. Ich erzählte ihm recht ausführlich von meinem Traum und den nachfolgenden Ereignissen. Auch den Ring ließ ich nicht aus und zeigte ihm ihn genauer.
„Merkwürdig, sehr merkwürdig!“ Ich hatte gerade meine Erinnerungen geschildert und Severus schien genauso ratlos wie ich zu sein. Etwas enttäuschend fand ich das zwar, weil ich dachte er würde mir zumindest ein wenig helfen können, aber ich akzeptierte es. Ich musste es eben akzeptieren.
„Und dir sagt das gar nichts?“, versuchte ich, um schließlich meine letzte keimende Hoffnung mit seinem Kopfschütteln zu ersticken. Augenblicke blieb er ruhig und blickte den Dolch und den Ring an, dann hellte sich seine Mine auf und er gab mir beides zurück. Langsam fing er an zu erklären:
„Es ist nur eine Vermutung... Es war vielleicht ein Blick in deine Zukunft und du sahst deinen Tod voraus. Das ist nicht ungewöhnlich für solch starke Hexen wie du es bist!“ Eine starke Hexe? Das hatte er noch nie gesagt. Jetzt war nicht nur der Umstand, dass ich überhaupt eine Hexe war, ich war auch noch eine mächtige dazu. Oh je, wo würde das noch hinführen... Moment, er hatte doch eben auch was von Tod gesagt! Das würde mein Ende sein? Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte das Gefühl, dass dies nicht das Ende, sondern der Anfang war. Nur; der Anfang von was?
Ich schüttelte sachte den Kopf:
„Frag mich nicht wieso, aber ich denke, dass das nicht meine Zukunft war.“ Obwohl ich ihn seiner Theorie entledigt hatte und ich noch eine wirklich sehr unerfahrene Hexe war (aber ich war eine, ob es mir gefiel oder nicht), war er ganz ruhig. Kein Gemurre und keine Belehrungen. Was für ein Kerl! - Hatte ich ihn gerade bewundert? Beruhig dich Kleine, ... Große eben, er gefällt dir. Warum leugnest du es? Meine innere Stimme kotzte mich gerade tierisch an. Warum musste sie immer Recht haben?
„Stimmt etwas nicht?“ Severus Stimme rettete mich davor einen Kampf zu beginnen, bei dem es keinen Sieger geben könnte: Einen Kampf mit mir selbst.
„Nein, nein. Alles in Ordnung!“, log ich. Seit wann stehst du eigentlich auf alte Kerle, höhnte eine Stimme. „Halts Maul!“, sagte ich genervt. Severus sah mich irritiert an.
„Wie bitte?“ Mist!
„Entschuldige. Das war nicht an dich gerichtet! Ich focht gerade einen Kampf mit meiner inneren Stimme aus.“, sagte ich leichthin. Jetzt denkt er bestimmt, dass du verrückt bist! Ich ignorierte die Stimme (Nur als Info: Ich bin wirklich nicht verrückt und besitze auch nicht mehrere Persönlichkeiten! ;-)). Aber zu meiner Überraschung meinte er dazu:
„Das kenne ich! Es gibt immer eine Stimme, die anderer Meinung ist!“, lächelte er mich herzensgut an. Irgendwie schien sein Lächeln aber nicht zu dem Mann zu passen, der es aufgesetzt hatte. Ich erinnerte mich zurück an die Sache in der Winkelgasse. Als Severus lachte, haben alle recht erschüttert geschaut und die Kinder, die zweifelsohne Schüler von Hogwarts waren, haben angefangen zu tuscheln. Die Schüler hätten Angst vor ihm, hatte er selbst gesagt. Meinte er es vielleicht ernst? War er zu mir anders, als zum Rest der Welt? Warum?
Ich musterte ihn vorsichtig während er das Briefchen, das beim Ring lag, las. Sein Gesicht wirkte freundlich und entspannt. Anders, als ich ihm zum ersten mal traf. Ich tat meine Fragen als Unfug ab. Lehrer sind privat immer anders, als sie zu ihren Schülern sind. Das wusste ich ja wohl auch. Mit Grauen dachte an meine Englischlehrerin zurück – der alte Hausdrachen. Kylie nannten wir sie, nachdem Betti mal in einer Zeitschrift gelesen hatte, dass das ein typischer Name für die Kühe in Australien wäre. Passend also für die Frau, die ich so gar nicht mochte. Aber ich hörte immer wie nett sie außerhalb der Schule doch wäre. Eine unglaubliche Vorstellung für jemanden, der ihr am liebsten an den Hals springen würde, sobald sie nur den Mund aufmachte! Vergessen wir Kylie, die Kuh!
„Eva?“ Ich war wieder zu tief in meinen Gedanken versunken und hatte alles, was er zuvor gesagt hatte, gepflegt überhört. Die ganze Zeit musste ich ihn wohl angestarrt haben.
„Entschuldige, ich war mal wieder in meinen Gedanken versunken!“ Ich sah ihn entschuldigend an.
„Nicht so schlimm. Ich habe dir nur gerade gesagt, dass mir auch die Botschaft hier nicht weiterhilft.“ Er gab mir das Briefchen zurück. Dann sah er mich an und auf einmal veränderte sich sein Blick, er wurde durchdringend. Er durchdrang mich und erreichte auch mein Herz, dass sich fast schmerzhaft zusammenzog.
„Ich danke dir für dein Vertrauen, obwohl ich nicht verstehe, wie du mir so viel Vertrauen entgegenbringen kannst, ohne mich wirklich zu kennen!“ Ich sah ihn verwirrt an und er fuhr fort:
„Die meisten Leute bringen mir Misstrauen entgegen. Misstrauen und Angst. Ängstige ich dich nicht?“ Meine Nackenhaare stellten sich gen Himmel. Nicht wegen dem was er mit seinen Worten sagte, nein, sondern wegen dem, was er mit seinem Blick sagte. Der Blick hatte etwas Verletzliches und Starkes, Selbstsicheres und Begieriges zugleich.
„Ich ... du...“, stammelte ich. Dann sagte ich mit fester Stimme „Nein du ängstig mich nicht. Nicht mehr.“ als hätte ich meine innere Stärke gefunden. Und irgendwie hatte ich das auch. Wie, wusste ich allerdings nicht.
Er lächelte mich an und sein Lächeln sah traurig ... nein, nicht traurig... es sah... berührt aus. Er war wirklich von meinen Worten berührt?! Es folgte betretenes Schweigen. Er wusste nicht, was er darauf entgegenbringen sollte und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich musste die Unterhaltung auf neue Themen bringen, sonst würden wir uns noch ewig anschweigen.
„Erzähl mir etwas von der Schule, von der du kommst. Hogwarts, nicht wahr?“ Er nickte und war wohl etwas erleichtert von der schwierigen Situation weggekommen zu sein.
Er fing also zu erzählen an. Hogwarts war eine Schule für junge Zauber und Hexen, die dort den Umgang mit der Magie erlernten. Die Kinder würden in mehreren Fächern, unter anderem Verteidigung gegen die dunklen Künste oder Wahrsagen, unterrichtet. Die Schule sei in vier große Häuser eingeteilt, die in Spielen (Quidditch) gegeneinander spielten und auch um einen Hauspokal kämpften.
Das Fußball der magischen Welt, wenn man es so nennen wollte, war Quidditch. Es war ein recht gefährlicher Sport, bei dem Verletzungen nicht selten waren: Auf Besen spielte man so etwas ähnlich wie Basketball, was aber noch recht milde beschrieben ist. Eigentlich ging es nur darum, dass ein Sucher (zu dieser Zeit wusste ich allerdings noch nicht, was ein Sucher denn überhaupt sei) eine fliegende, goldene Kugel fängt (der goldene Schnatz) und dabei nicht von einem Ball getroffen wird, während seine restliche Mannschaft Bälle durch einen Ring wirft.
So hatte ich es auf jeden Fall verstanden. Es ist schwer eine Sportart zu verstehen, von der man zum ersten Mal hört – egal wie enthusiastisch der Erzähler auch war. Severus war anscheinend wirklich ein wahrer Freund dieses Sportes.
Ich blickte reflexartig zur Uhr, nachdem er geendet hatte. Drei Uhr! Schlagartig wurde ich müde, als würde die reine Tatsache, das es bereits Morgen war, einschläfernd wirken.
Ich gähnte und hielt mir die Hand vor den Mund. Seltsamer Brauch! Leben wir etwa noch im Mittelalter?, stellte sich mir die Frage. Aber darauf verzichten wollte ich auch nicht; wäre schon widerlich die Bronchien vom jeweiligen Typ gegenüber sehen zu müssen, wenn dieser gähnt.
Severus war meinem Blick gefolgt.
„Schon so spät?“, fragte er, ohne darauf eine Antwort zu erwarten. „Ich sollte gehen... Ja, das ist wohl das Beste.“, murmelte er ergänzend. Er stand vom Bett auf und ich tat es ihm gleich. Gehemmt standen wir vor einander und blickten uns an. Jemand sollte beginnen. Nur mit was beginnen? Ich öffnete spontan meine Arme und er sah mich leicht verstört an.
„Komm schon, lass uns nicht wie bescheuert einfach nur dastehen!“, sagte ich und just in diesem Moment hätte ich mich schon verfluchen können. Scheiß Spontanität! Immer musste ich so Aktionen bringen, die mir am Ende immer peinlich waren.
„Ich soll dich drücken?“ Sein Blick wurde verstörter, aber er kam dennoch auf mich zu und nahm mich kurz in seine Arme. Wir lösten uns wenige Augenblicke später wieder voneinander. Am liebsten hätte ich mich gleich danach für diese Aktion entschuldigt, aber dies wäre wohl auch das falsche gewesen. Du musst eben mit deiner Doofheit leben, scholl es in meinem Kopf.
Es folgten noch Worte des Abschiedes, dann verließ er mein Zimmer mit einem kleinen Lächeln.
In dieser Nacht (bzw. an diesem Morgen) konnte ich nur sehr schlecht einschlafen. Ständig spukte ER in meinen Gedanken herum. Gesagtes und Ereignisse stiegen in mir hoch und ich musste ständig das Erlebte im Geist wiederholen. Je mehr ich versuchte ihn aus meinem Kopf zu verdrängen, desto hartnäckiger setzte er sich dort fest. Ständig sah ich vor meinem geistigen Auge, wie ich ihn umarmt hatte. Mir war das ja so peinlich mittlerweile. Er wird bestimmt denken, dass du was von ihm willst. – und das wollte ich nicht. Selbst wenn es so sein sollte... Ich hatte Angst. Ganz einfach Angst das Falsche zu tun und meine Gefühle verletzen zu lassen.
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