
von Eva Nightingale
Mein nächstes Ziel war der Gemeinschaftraum. Wie immer wenn es so kalt draußen war wie heute, war der Raum brechendvoll. Keinen der Sessel am Kamin konnte ich mir sichern, deshalb nahm ich mir einen Stuhl vom Tisch und setzte mich in eine ruhige Ecke. Vorsichtig entrollte ich das Pergament und begann zu lesen. Ich konnte mir mein Grinsen nicht verkneifen, als ich da las, dass er noch nie jemanden so sehr geliebt hat wie mich und mir nebenbei noch alles Gute zu meinem Geburtstag wünschte. Genau genommen war das Pergament eigentlich ein Gutschein für „ein Picknick am Strand“. Mehr verriet er nicht. Es war in seiner Schönschrift geschrieben und hie und da mit feinen Linien verziert. Es war natürlich nicht unterschrieben, sondern endete mit einem „Ich liebe dich“.
Mein Herz pochte in einem seltsamen Takt und ich könnte nicht aufhören zu lächeln. Hach, alles war ja so schön – zumindest in diesem einen kleinen Moment. Doch dann ging es Knall auf Fall: Jemand entriss mir das Pergament. Ich war aufgesprungen und wollte es mir zurückholen, ehe ich überhaupt wahrgenommen hatte, wer es war.
„Gib mir das sofort zurück! ... Hermine?“ Hermine hielt das Papier in Händen und streckte es mir drohend entgegen. Ich war so überrascht, dass ausgerechnet Hermine mir das Pergament entrissen hatte, dass ich sie nur mit dem ich-versteh-die-Welt-nicht-mehr-Blick anglotzte.
„Was tust du da?“, kam mir erst einige Zeit später über die Lippen, ohne dass ich mir sicher war, die Worte überhaupt gesprochen zu haben.
Hermine wippte zornig mit dem Fuß und wehte mit dem Pergament.
„Kannst du mir mal bitte sagen, was du mit Snape zu tun hast?“ Error. Sprach sie etwa meine Sprache? Genaugenommen nicht, aber ich zähle englisch einfach mal zu meiner Sprache...
„Was...?“, fing ich an und gab schließlich auf. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
„Neville hat erzählt, dass er mich noch bei Snape gesehen hatte, nachdem alle verschwunden waren oder? Dazu kommt auch noch, dass ich keine Punktabzüge bekomme, wie ihr anderen...“, murmelte ich, damit ich mir selbst im Klaren war. „Für euch muss das aussehen, als wäre ich ein Spion der Slytherins oder so etwas in der Art...“ Die Vorstellung war für mich lächerlich, aber für die anderen musste es wirklich so aussehen.
„Du kommst ohne Pergament in den Kerker und kommst mit wieder heraus. Ergo hast du das Pergament von Snape. Doch warum sollte er dir ein Pergament geben?“ Sie entrollte es und fing an zu lesen. Ich schloss die Augen und hoffte zu sterben. Es war alles aus. Das Geheimnis war keines mehr. Severus würde gnadenlos entlassen werden, ich würde der Schule verwiesen und konnte nur noch in der Muggelwelt einen Job finden. Doch wie sollte ich? Ich hatte die Zaubererwelt gekostet und konnte nicht wieder bei Null beginnen und so tun, als sei ein normaler Mensch.
Die Zeit verging unnatürlich langsam. Ich hatte die Augen wieder geöffnet und verfolgte Hermines Gesicht, versuchte jede Veränderung darin zu erkennen. Sie wurde ruhiger, aber ob das unbedingt ein gutes Zeichen war, wusste ich nicht. Vielleicht hatte sie einfach das gefunden, dass sie erwartet hatte.
Ich meinerseits hatte furchtbare Schuldgefühle; hätte ich das Pergament erst später geöffnet, hätte ich es gleich weggepackt... Oh mein Gott, was würde Severus sagen? Es sollte mein Geburtstags Geschenk sein und es würde letztendlich alles zunichte machen, das wir uns aufgebaut hatten.
Ihre Augen glitten flink über die Schrift. Mir war speiübel. Oh nein, sie war an den Schluss gekommen und setzte das Pergament ab. Hermines Blick war undefinierbar. Alle Augen waren auf sie und mich gerichtet, war mir seltsam bewusst. Jeder wartete, bis sie den Mund aufmachen würde, aber es dauerte unerträglichlange Augenblicke, bis sie tatsächlich anfing:
„Es tut mir leid!“ Ich blickte sie verständnislos an, genauso wie es auch die anderen taten. Alle Gespräche waren verstummt, als Hermine auf mich zugestürmt war und nun war die Stille richtig erdrückend. Jeder im Raum war gespannt, was noch kommen würde.
„... Es ist nur ein Rezept für einen Trank, mit dem man seine Haare färben kann.“ Was? Ich war verwirrt! Ein Rezept? Was sollte das? Ich musste gegen den Impuls ankämpfen auf das Pergament zu sehen, um mich nicht am Ende doch zu verraten.
„... Es tut mir leid, dass ich dich verdächtig habe!“ In ihrem Gesicht stand ehrliches Bedauern und ich konnte ihr ihren Verdacht nicht verdenken und außerdem war ja auch irgendetwas Wahres daran, aber niemand dürfte die Wahrheit wissen.
„Schon gut.“, versuchte ich es ab zu tun, aber damit es nicht so auffällig war, das ich im Grunde eigentlich erleichtert war, fügte ich rasch hinzu: „... Dies sollte dir in Zukunft eine Lehre sein... Außerdem wenn ich ein Spion oder so was in der Art wäre, würde ich wohl dafür sorgen, dass Gryffindor Punkte abgezogen würden und nicht, dass sie sie behalten!“ Ron entwisch ein: „Hah, was hab ich gesagt?!“, worauf hin Hermine mit ihrem bösen Blick strafte. Die Gespräche überdeckten wieder die Stille und alles schien vergessen. Doch nicht lange währte diese Pause für mich. Ich war gerade zwei Schritte in Richtung Schlafsäle gegangen, als sich das Potraitloch auftat. McGonagalls Kopf erschien darin und befahl mich sofort zu sich.
Die Pergamentrolle hatte ich noch schnell in meinem Koffer in Sicherheit gebracht
’Oh, ich hab ganz vergessen, dass ich noch eine Strafarbeit bei ihr zu erwarten habe! Die anderen habens gut; können einfach mal Pause machen und ihre Freizeit genießen!’, dachte ich mit Wehmut, als ich dabei war hinter einer miesgelaunten Hausleiterin herzumarschieren. Ihre derzeitige Laune konnte der von Severus in nichts nachstehen. Ihre schlechte Laune versteckte sie jedoch perfekt hinter der Maske der Strenge. Jeder Schüler, der an mir vorbeikam warf mir einen mitleidigen Blick zu. Ich zuckte schuldbewusst mit meinen Schultern und lief weiter.
McGonagall führte mich quer durch die Schule, bis wir schließlich an einer Tür angekommen waren. Die Tür war aus massivem, schwarzem Holz gefertigt. Mit ihrer Hand klopfte McGonagall an die Tür, welche mit einem Schwung aufschwang. Am anderen Ende der Tür stand Lupin. Sein Gesicht hatte einen ungesunden blassen Ton, sein Mantel hatte noch zusätzliche Flicken und sah noch ramponierter aus.
„Ah Miss Nightingale...“ Auf seinem Gesicht erschien ein leichtes Lächeln, das ziemlich gequält aussah. „... Kommen Sie herein. ... Professor McGonagall hat Sie an mich abgetreten. Sie können mir helfen, ich muss noch einiges sortieren und sondieren.“, fügte er hinzu, als ich ihm in den Raum folgte. McGonagall war inzwischen mit einem Nicken verschwunden, ohne auch nur ein Wort an mich zu richten.
„Man würde meine, dass sie mich nicht leiden kann...“, murmelt ich gedankenverloren.
„Was?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ach... nichts.“
Lupin wies mir einen Stuhl zu und erklärte mir, um was es ging.
„Diese Folianten müssen in dieser Liste hier erfasst werden und ... ja genau, so machst du es richtig. Was danach kommt, sag ich dir, wenn du damit fertig bist.“
So erfasste ich stundenlang alle Bücher und sortierte sie nach Fachgebiet. Meine Finger taten weh und ich hatte einen Krampf in der Hand, aber ich wollte schnell fertig werden. Um die Schmerzen etwas zu lindern, knetete ich die Hände und der Druck, der darauf lag, ließ etwas nach.
„Du kannst auch gerne mal eine Pause einlegen. Du hast unentwegt durchgearbeitet... Willst du vielleicht eine Tasse Tee?“, fragte er während er mir bei meiner Prozedur mit der Hand zusah. Ich nickte dankend. Im Zimmer war es kühl und gegen eine schöne Tasse warmen Tees hatte ich weiß Gott nichts entgegenzubringen. „Ja, bitte.“, sagte ich um nicht unhöflich zu erscheinen. Er strahlte mich gütig an und die vielen Narben in seinem Gesicht waren noch deutlicher zu erkennen. Er drehte sich mit dem Rücken zu mir und als er sich wieder zu mir drehte, hatte er eine Tasse in der Hand die er mir reichte.
„Milch? Zucker?“ Ich lehnte dankend ab. Zucker hätte ich ja vielleicht noch genommen, aber was Milch im Tee zu suchen hatte, hatte ich bis heute noch nicht verstanden. Ich mochte vielleicht jetzt in England leben, dennoch mochte ich noch lange nicht auch wie ein Engländer Essen oder Trinken.
„Nun haben wir endlich eine Gelegenheit uns näher kennen zu lernen.“ Ich verschluckte mich am Tee. Darauf würde es also hinauslaufen. Er würde sich hören wollen, wie ich ihm von Severus erzählte, oder mich einfach nur verplappern würde, doch diesen Gefallen würde ich ihm nicht tun.
So nickte ich verhalten und trank einen erneuten Schluck. Der Kamillentee wärmte angenehm meine Innereien.
„Mir ist noch immer nicht der Umstand klar, warum du erst jetzt auf eine Schule für Hexerei und Zauberei gehst...“, probierte er ein Gespräch zu beginnen.
„Mir auch nicht. Ich kann Ihnen nichts sagen. Für mich ist das alles mindestens genauso unverständlich wie für Sie und den Rest der Welt.“
„Ja schon, aber du musst doch etwas wissen oder zumindest erahnen...“, bohrte er weiter.
„Hören Sie, ich will nicht unhöflich erscheinen und ich weiß, ich bin nicht in der Position solche Sachen zu sagen, aber... ich habe so oft meine Geschichte erzählen müssen und keiner war dabei, der mir eine Antwort auf meine Fragen hätte geben können. Es bringt nichts mich mit Fragen zu löchern oder Vermutungen aufzustellen. Ich weiß nichts und ahne auch nichts. Was ich allerdings weiß, ist, dass irgendjemand mich töten versucht, weshalb ich auch hier bin – um Schutz zu finden. Doch ich weiß nicht warum. Das ist verdammt noch mal alles.“ Lupin hatte mir aufmerksam zugehört. Er schien interessiert und saugte jede Einzelheit, jedes Verhalten von mir genau ein, um es irgendwo zu speichern. Er wartete geduldig bis ich geändert hatte, ehe er zu sprechen begann:
„Ich wollte dich nicht vor den Kopf stoßen. Aber deine Ankunft hier hatte seltsame Folgen für einige an dieser Schule...“ Mir war klar, dass er nun auf Severus zu sprechen kommen würde.
„Ich habe Snape noch nie so erlebt. Vor drei Wochen brachte er mir einen Trank vorbei, den er für mich braut und er sah zum ersten mal, seitdem ich ihn kenne – und lass dir gesagt sein, dass das schon eine Ewigkeit ist – wirklich glücklich aus. Natürlich verdüsterte sich sein Blick, als er mich sah, aber vorher... Er hat wirklich gelächelt! – und es war nicht dieses gehässige Grinsen von ihm, nein, es war ein ganz gewöhnliches Lächeln.
Zuerst tat ich es ab, aber es kam immer öfters vor, dass er sich seiner Art untypisch verhielt. Lange musste ich grübeln, warum dies so sei, doch bei allem bist du der gemeinsame Nenner. Immer wenn ich dich bei ihm sah und war es nur für eine einzige Sekunde, erschien wieder dieses Lächeln – mehr sogar. Seine Augen... Keine toten Punkte, nein, sie strahlten richtig auf... Nun erzähl mir doch noch, du hättest nichts damit zu tun.“ Ich war sprachlos. Lupin hatte dies nicht alles gesagt, um Severus zu schaden, sondern einfach nur... er wollte die Wahrheit wissen, warum Severus plötzlich so menschlich wirkte. Lupin war ein guter Mensch, wurde mir in diesem Moment klar, aber ich durfte ihm nichts sagen. Und so verfiel ich in Schweigen.
Verschlissen blickte ich zu meinen Fingern und hoffte, dass ich bald gehen dürfte. Auch nach einer Weile war die Stille geblieben. Ich spürte die Blicke von Lupin auf mir, wie sie mein Gesicht musterten. Schon lange hatte ich seinem Blick nicht mehr standhalten können und sah zu meine Fingernägel. Sie waren schon länger, wenn sie auch in letzter Zeit wieder etwas gelitten hatten. Ich kaute nämlich an meinen Fingernägeln; eine scheußliche Angewohnheit, gegen die ich schon seit Jahren kämpfte. Aber immer in Moment größter Angespanntheit mussten meine Fingernägel herhalten.
„Ähm... Wissen Sie, warum S- Snape Harry so sehr hasst?“, fragte ich schließlich um der Beklommenheit der Stille zu entkommen. Er schwieg lange und seine Mine hatte sich verdüstert, doch dann fing er langsam an zu erklären:
„Das ist eine lange Geschichte... Schuld daran ist wohl James...“ Wieder dieser James.
„- sein Vater... Harrys Vater...“, sagte er als er mein fragendes Gesicht sah. „James Potter! Er und ich waren gute Freunde gewesen, damals in der Schule... Der gute Snape war eine ziemlich gescheiterte Persönlichkeit: klein, unansehnlich mit einem gestörten Verhältnis zu sich selbst und seiner Umwelt. James hatte es auf ihn abgesehen und ihn schikaniert. Er tat Dinge, die nicht korrekt waren und ich auch nicht gutgeheißen habe, aber ich ließ es geschehen... Ich denke, dass Snape einfach denkt, dass Harry wie sein Vater ist und somit seinen Hass, den er eigentlich auf James hat, an Harry auslebt.“
„Ja, aber da muss doch mehr gewesen sein?“, schoss gleich meine Frage heraus. Er grinste gequält.
„Oh ja, aber... es gibt Dinge... lassen wir es dabei. Es ist schon spät und du solltest schon im Bett liegen.“ Oho, eine klasse Ablenkungstaktik. Ich wollte noch etwas fragen, sah aber den gequälten Ausdruck in seinen Augen. Miteidlich sah ich ihn an und nickte schließlich.
„Du hast deine Arbeit gut gemacht. Ich werde Professor McGonagall davon berichten.“ Ich nickte erneut und stand auf. An der Tür angekommen, verabschiedete ich mich von Lupin, der mir bis hier her gefolgt war.
„Auch wenn du es nicht zugibst... Du kannst in Menschen etwas verändern – auch wenn die Gesellschaft sie schon aufgeben hat und dafür sollte man dir danken.“
„Ich steh nicht so sehr auf Übertreibung... Ich tue nichts spektakuläres, nichts besonders.“ Er nickte gedankenverloren.
„Vielleicht nicht, aber du hast dein Herz geöffnet und das ist mehr, als manche Menschen können.“
„Das was Sie vielleicht meinen ist, dass ich naiv und treudoof bin.“
„Nein! Das hat nichts mit Naivität und dergleichen zu tun, nein, das ist Liebe, dass du ausstrahlst.“ Seine Stimme war etwas lauter geworden und er sprach mit Vehemenz. Für mich allerdings war das ziemlich starker Tobak. Liebe sollte ich ausstrahlen? Phh, vielleicht wenn man ein paar Pillchen eingeschmissen hat. Ich strahlte rein gar nichts aus, abgesehen von einer unglaublichen Tapsigkeit (Bin halt ziemlich schusslig, was so ziemlich jeder, der mich kennt bestätigen kann;-)).
„Wie dem auch sei... Gute Nacht!“ Dann geschah etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte. In einem Taumel psychischer Verwirrtheit ging ich einen Schritt auf Lupin zu und nahm in den Arm. Es war als hätte mich irgendetwas ferngesteuert und nun, da ich an ihm hing, erwachte ich aus meiner Verwirrung. Aber anstatt mich wegzuschieben, legte auch er seine Arme um mich. Wir waren nur kurz so verweilt (und um gleich etwas klarzustellen: Ich empfand keinerlei romantische Gefühle für diesen Mann) und lösten uns ziemlich abrupt von einander. Es war kein unangenehmes Gefühl gewesen und ich hatte auch nicht das Gefühl, das es falsch war. Ihm schien dies jedoch recht unangenehm und so sagte ich auch kein Wort, außer „Gute Nacht“ und verließ das Büro.
Über nichts von heute Abend würde ich über Severus sprechen; weder über die Sache zwischen ihm und Harry, noch über das eben mit Lupin.
Ich huschte schnell in den Mädchenschlafsaal. Alles war still und lag in Dunkelheit. Niemand war mehr wach und so machte ich mich schnell bettfertig und schlüpfte hastig ins Bett. Im Geist ließ ich den Tag Revue passieren und alles kam mir so surreal vor. Hab ich wirklich Lupin umarmt? Welcher Teufel hat mich denn da geritten? Ich schämte mich nicht dafür, aber es war unverständlich für mich. Ach scheiß auf Lupin, was war das mit Severus? Ich schlief schließlich mit einem unguten Gefühl in der Magengegend ein.
Mein Erwachen war ebenso mit einem schlechten Gefühl gesegnet, wie auch mein Einschlafen, doch dieses Gefühl war weit aus stärker. Mein Magen rebellierte aufs schärfste und eine Welle der Übelkeit überkam mich.
Ich schaffte es gerade noch in einen Wachraum, um mich dort meines gesamten Mageninhaltes zu entledigen. Der bittere Geschmack von Erbrochenem breitete sich in meinem Mund aus und würgend saß ich über einer Toilette gebeugt. Mit einer Hand streifte ich meine Haare zurück und hielt sie und mit der anderen stützte ich mich von der Toilette ab.
Jemand klopfte an die Tür.
„Eva?“ Ich konnte nicht sprechen und gab nur ein würgendes Geräusch von mir.
„Geht es dir nicht gut?“ Ach hört man das?, dachte ich sarkastisch und würgte ein letztes mal. Ich wischte mir flüchtig über den Mund und stämmte mich hoch. Erschöpft und müde war ich von diesem Erbrechen und mir wurde kurz schwarz vor Augen. Dies hielt jedoch nur den Bruchteil einer Sekunde an.
Die Tür wurde aufgeschoben und Hermines Wuselkopf erschien im Spalt.
„Soll ich die Krankenschwester holen?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, lass gut sein. Ich habe nur etwas falsches gegessen.“
„Ja, aber du wurdest von einem Fluch getroffen und... vielleicht hat er ja Nachwirkungen.“ Die Stimme der Vernunft. Warum musste dieses Mädchen immer rechthaben? Es war ja fast unheimlich. Doch ich wollte diesem Erbrechen nicht zu viel beimessen. Ich hatte mich einmal erbrochen und deswegen würde ich bestimmt nicht zur Pomfrey rennen.
„Danke Hermine, aber ich denke, dass ich nicht übertrieben reagieren sollte, nur wenn ich mal ... kotze.“
„Fein. Mach was du willst, aber ich an deiner Stelle würde wirklich zu Madam Pomfrey gehen!... Aber wenn du nicht willst... Kommst du wenigstens mit zum Frühstück?“ Ich nickte, obwohl bereits der Gedanke an etwas Essbares meinen Magen rebellieren ließ.
Die ganzen Schüler machten sich mit Vergnügen über die unzähligen Speisen her und aßen, als wäre dies die erste Mahlzeit seit Jahren. Mein Teller war leer und ich war auch nicht scharf darauf irgendetwas darauf zu vorzufinden.
Als ich einen flüchtigen Blick auf den Lehrertisch warf, sah ich, dass er fast voll besetzt war. Alle wären recht auffällig, hätte man sie im Muggellondon gesehen.
Die imposanteste Gestalt dieser Runde war jedoch Rubeus Hagrid, der Waldhüter und neue Lehrer für Magische Geschöpfe. Ein riesiger Mann, der gut drei Meter groß war.
Er besaß eine Vorliebe für außergewöhnliche Geschöpfe und schien dabei nicht immer die Gefahr, die sie darstellten, wahrzunehmen. Zu seiner ersten Stunde zum Beispiel, brachte er einen Hippogreif mit. Dies war ein riesiges Geschöpf, dessen Front ein riesiger Vogel war und sein ’Hintern’ war der eines Pferdes. So genau konnte ich mich aber auch nicht mehr erinnern, weil wir seitdem nämlich nur noch Flubberwürmer durchgenommen hatten. Der Hippogreif hatte sich auf Draco gestürzt, nachdem er das Wesen beleidigt hatte. Draco hatte Hagrid eh schon immer gehasst und hatte den Angriff des Greifs natürlich ausgenutzt. Er war gleich zu seinem Vater gerannt und der sorgte dafür, dass wir nur noch diese langweiligen und stumpfsinnigen Würmer durchnehmen durften.
Aber auch der Anblick von Lupin zog einige Blicke auf sich. Ich hatte noch niemanden gesehen, der in einem Dauerzustand so fertig ausgesehen hat. Er sah aus, als hätte er einige harte Zeiten in der Wildnis hinter sich. Im Gesicht hatte er Narben und sein Umhang sah aus wie von der Altkleidersammlung. Dennoch wirkte er nicht mitleidserregend, sondern strahlte Würde aus.
Ob Severus etwas aß, habe ich in der Schnelle natürlich nicht gesehen, aber ich war sicher, dass er wie immer nur wenig zu sich nehmen würde. Er hatte in die Leere gesehen und war in seinen Gedanken versunken.
Professor McGonagall hatte sich mit Professor Dumbledore gesprochen. Sein Bart war um seinen Hals gewickelt, damit er nicht im Essen hang. Er lachte über etwas, das McGonagall gesagt hatte und ein Lächeln erschien später auf seinem Gesicht.
Auf die anderen Lehrer hatte ich nicht geachtet. Trelawney würde vermutlich wie immer der großen Halle fernbleiben. Seit ich hier war, hatte ich sie noch nie außerhalb ihres Turmzimmers gesehen. Ich hielt die Frau eh nicht für zurechnungsfähig. Nur zwei Schüler waren in Wahrsagen wirklich gut und waren auch wirklich daran interessiert. Die anderen zogen sich schlicht etwas aus den Fingern, wenn sie verlangte zu erklären, was man in der Teetasse oder in der Glaskugel sah. Hermine legte sich immer wieder mit Trelawney an und es war auch nicht verwunderlich, dass auch Trelawney Hermine nicht wirklich mochte.
„Willst du denn nichts essen?“, fragte Ron und riss mich so aus meinen Gedanken. Er sah mich irritiert an.
„Nein, wenn du das Brötchen haben willst, kannst du es gerne haben.“, sagte ich und wies auf das letzte Brötchen auf einem Tablett.
„Du hast aber noch gar nichts gegessen!“, schaltete sich Hermine ein. „Hör zu, du solltest wirklich etwas essen. Du siehst schon ganz blass aus!“ Ich musste in keinen Spiegel sehen um zu wissen, dass sie wieder einmal rechthatte. Ich fühlte mich erschöpft, obwohl ich solange geschlafen hatte. Meine Haut war fahl und schlaff.
Ron nahm das Brötchen und erhielt einen strafenden Blick von Hermine, sodass er es schließlich zurücklegte. „Iss was!“, befahl mir Hermine und ich befolgte ihrem Befehl.
Ich beschmierte mir das Brötchen mit Marmelade und biss vorsichtig herein. Schon als ich kaute vernahm ich wieder den Brechreiz, doch ich aß tapfer weiter. Mein Frühstück sollte jedoch bei einer Brötchenhälfte bleiben, wenn ich auch wollte, dass ich etwas in mir behalten wollte.
In meiner ersten Stunde jedoch bereute ich es förmlich, dass ich nicht mehr gegessen hatte. Ich bekam richtigen Heißhunger. In der Mittagspause machte ich mich deshalb über mein Essen her, dass es sogar Ron den Atem verschlug.
„Immerhin hast du wieder Appetit...“, murmelte Hermine verhalten. Ich wollte noch etwas erwidern, wurde jedoch von Flügelschlägen unterbrochen. Hunderte von Eulen schwebten in die große Halle und ließen Briefe und Pakete vor Schüler fallen. Seit ich hier war, hatte ich noch nie Post bekommen und erwarte auch deshalb nichts. Doch ich hatte mich noch nie so geirrt wie heute. Eine ganze Eulentraube bewegte sich auf mich zu und ließ Briefe und Pakete von mir nieder.
„Boah!“, murmelte Ron und starrte auf den Haufen vor mich. Unkonventioneller Ausdruck, aber sehr passend, für das, was vor mir liegt, dachte ich und sah abwechselnd die Sachen vor mir und die Leute um mich herum an. Auch Harry blickte überrascht die Pakete und Briefe an.
„Ich glaube, da hat jemand Schuldgefühle...“ Ich lächelte gequält und öffnete das erste Geschenk. Ein kurzer Blick genügte und ich wusste, dass es sich um Unterwäsche handelte. Da ich jedoch nicht jedem meine Unterwäsche zeigen wollte, verschloss ich das Paket schnell wieder und widmete mich der Karte dabei.
Herzlichen Glückwunsch zu deinem 19. Geburtstag.
Fang’ was Schönes damit an.!
Hab dich ganz doll lieb – Dissi.
PS: Meld dich mal, du treulose Tomate, du!
Gerührt legte ich die Karte weg und sah mir einen Brief an. Von der Schrift her war er von meiner Mutter. Als ich ihn geöffnet hatte, bestätigte sich meine Vermutung. Sie wünschte mir auch alles Gute zum Geburtstag und entschuldigte sich dafür, dass meine Geschenke erst mit einiger Verspätung eingetroffen sind. Dissi (Kristina) und Betti hatten diese Geschenkaktion gestartet um zu zeigen, dass sie mich nicht vergessen haben. Sie hätten jeden meiner Freunde angehauen auch etwas kleines zu kaufen und sei es nur eine Geburtstagskarte, um es dann zusammen nach England zu schicken. Dumbledore habe ihnen eine Anzahl von Eulen zur Verfügung gestellt ( WARUM ZUM TEUFEL FAND MEINE MUTTER DAS NICHT SELTSAM???). Dann schrieb meine Mutter etwas über meine Familie und die Veränderung, seit ich nicht mehr da war.
Ich öffnete die anderen Pakete und Briefe und alle hatte schöne, nützliche und unnützliche Sachen und fast immer den gleichen Wortlaut in ihren Karten: Meld dich mal. Melanie fand es seltsam, das meine Schule kein Telefon hatte. Betti fand es schlechthin empörend, dass ich solange nichts mehr von mir hören gelassen hatte. Andere wünschten mir einfach alles Gute und manche stellten mir tausend Fragen. Die häufigste gestellte Frage war: Wann kommst du uns noch mal besuchen?
Auch wenn ich mich einerseits so sehr über diese Nettigkeit freute, hatte ich auch einerseits Angst. Der Gedanke meine Freunde wieder zu sehen, trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn. Auch war die Angst da, dass ich ihnen mit meiner Anwesenheit schaden konnte. Man konnte ja wohl kaum verleugnen, dass ich von komischen Leuten gejagt und angegriffen wurde. Was, wenn sie einem meiner Freunde etwas antun würden? Oder war das nur eine Ausrede, weil ich ihnen nicht unter die Augen treten konnten. Es hatte keinen Sinn immer Ausflüchte zu finden. Bald waren Weihnachtsferien und ich würde heimkehren und dann auch manche meiner Freunde treffen.
Außerdem: Warum sollte ich mich verstecken? Ich hatte nichts schlimmes gemacht. Ich war schon mein ganzes Leben lang eine Hexe und nur weil ich jetzt etwas aus meiner Begabung machte, hieß es nicht, dass ich mich wirklich verändert hätte. Ich hatte mich geistig weiterentwickelt, aber ich war immer noch die Alte, schusslig und im falschen Moment schüchtern, redete nach wie vor zu viel, was mittlerweile auch Severus gemerkt hatte. Doch er liebte meine kleinen Fehler genau so wie mich.
Ich war froh, dass ich endlich mit mir selbst im Reinen war und wiedereinmal hatten mir meine Freunde dabei geholfen...
Als ich mich am nächsten Morgen wieder übergeben musste, hätte mich Hermine am liebsten gleich zur Krankenstation gezerrt. Sie fand es unverantwortlich von mir, die Symptome zu verkennen und es herunterzuspielen.
„Hermine, bitte! Ich habe noch nie von Fluchnachwirkungen gehört, die mit Übelkeit beginnen!“ Doch sie ließ sich nicht in ihrem Glauben beirren. Es hatte keinen Wert mit ihr zu streiten. Wenn sie dachte, sie hätte recht, könnte man sie kaum vom Gegenteil überzeugen.
„Fein, dann geh ich halt zur Krankenschwester um festzustellen, dass ich gesund bin und nur eine kleine Magenverstimmung habe!“ Sie verdrehte die Augen und stürmte davon. Hoffentlich würde sie sich noch ändern, sonst hätte ihr späterer Ehemann ein ernstes Problem mit ihrer Rechthaberei. Harry und Ron schienen sich jedoch daran nicht zu stören. Eigentlich sah man die drei nur gemeinsam. Harry sah die Tage immer ziemlich sorgenbeschwert aus und Ron und Hermine ließen ihn keinen Schritt alleine machen.
Ich würde Hermines Rat wohl annehmen. Vorsicht war noch immer besser als Nachsicht! Und so stampfte ich zur Krankenschwester. Ich verpasste das Frühstück und hatte deswegen nicht gerade die beste Laune, aber ich ließ mir nichts anmerken, als ich den Krankensaal eintrat.
Madam Pomfrey war gerade über einen ihrer Patienten gebeugt und begutachtete dessen verrenkten Arm. Es war ein Quidditchspieler der Slytherin Mannschaft. Er verzog keine Mine, als sie den Arm wieder einrenkte. Schon zu oft hatte er wohl diese Prozedur hinter sich.
„Das nächste mal solltest du vielleicht dem Klatscher ausweichen!“, riet ihm Madam Pomfrey mit einem freundlichen Lächeln. „- Außer du willst noch einmal zu mir kommen.“
Der Quidditchspieler gab ein sarkastischer Murren von sich und verließ den Saal.
„Und was ist mit dir?“, fragte sie an mich gewandt. Ich erzählte ihr von meinem Brechreiz. Sie verschwand kurz und kam mit einer Ampulle, in der es silbern glänzte, zurück.
„Trink das und du solltest keine Probleme mehr haben. Wenn es nicht hilft, komm bitte umgehend zu mir!“ Ich öffnete den Verschluss und schüttete den Inhalt in meinen Mund. Das erste, was ich wahrnahm war etwas süßes, dann kam ein widerlicher Geschmack wie verdorbenes Fleisch. Und das soll verhindern, dass ich kotze? – aber nur, weil sich mein Magen schon früher entleert hätte wegen dem Zeug!
Die leere Ampulle drückte ich ihr wieder in die Hand und ging zum nächsten Unterricht.
Ich überlegte kurz, was wir nun hatten. Was für ein Tag war heute? Mittwoch... Dann hatte ich heute Verwandlung in der ersten Stunde. Mein Gemütszustand sollte sich wohl heute nicht mehr erholen. Auch wenn mich McGonagall wie all die anderen Schüler behandelte, hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass sie mich nicht mochte. Man konnte es auch nicht an den Noten festmachen, denn ich hatte mitunter die besten Noten in diesem Fach. Es war einfach eine Ahnung, ein Verdacht.
Ich saß ganz weit hinten und folgte dem Unterricht aufmerksam. Das Gute daran, dass ich hier nicht sonderlich Freunde hatte, war, dass ich mich vollends auf dem Unterricht konzentrieren konnte – was sich auch auf meinen Noten niederschlug. Natürlich waren das bisher noch alle Tests aber ich musste keine Angst vor den Examen haben. Nur in Zaubertränke hatte ich einen Nachholbedarf – welch Ironie. Doch ich war dennoch besser als manche anderen in der Klasse. Neville und Harry hatten meistens die schlechtesten Noten.
McGonagall zeigte uns gerade wir eine Kröte in einen Vogel verwandeln konnte. Ich packte meinen Zauberstab aus und sagte die Zauberformel deutlich. Die Kröte wandelte sich und wurde eine unförmige Masse, bis sie sich schließlich in einen Raben verwandelte. Sein Krähen halte durch den Klassensaal. Es stachelte diejenigen an, die normales Weise gewohnt waren, als erstes fertig zu sein... also Hermine. Das Krähen ihres Raben ertönte nicht wenig später. Kurz darauf folgten nach und nach die anderen krächzenden Laute der Vögel. Das Quaken der Frösche versiegte am Ende der Stunde völlig, was McGonagall zu einem kleinen Lächeln anstachelte.
„Gut, gut! Dann können wir morgen ja zum nächsten Thema kommen! Die Stunde ist vorbei, Sie können gehen!“ Damit entließ sie uns und die Schüler stürmten zu den Türen.
Schnell packte ich meinen Kram zusammen und folgte ihnen. Wahrsagen stand jetzt bei mir auf dem Stundenplan und die Schüler teilten sich auf. Hermine war die ganze Zeit hinter mir gewesen, aber als ich mich umdrehte war sie verschwunden und ich stieß erst wieder im Turmzimmer auf sie. Sie hatte die seltsame Angewohnheit plötzlich aufzutauchen und eben so plötzlich wieder zu verschwinden. Es war schön öfters gewesen, dass ich mich nur mal ganz kurz von ihr wegdrehte und sie dann verschwunden war, wenn ich noch mal zu ihr sah. Einmal hätte ich sogar schwören können, dass ich zweimal zur gleichen Zeit gesehen habe. Aber das war ein Geheimnis, das mich nicht sonderlich interessierte.
Wahrsagen war so trocken wie immer. Warum hatte ich mich bloß für dieses Fach entschieden? Die Zukunft vorherzusagen war nicht so einfach und verständlich, wie ich mir gedacht hätte. Vieles davon war nur verworren und eigentlich war alles auch nur ein Rätselraten.
Trelawney faselte vorne irgendetwas mit ihrer rauchigen, ruhigen Stimme, aber ich hörte ihr schon nicht mehr zu. Mit meinen Gedanken war ich schon bei Severus. Heute würden wir endlich noch mal Zeit für uns haben. Um fünf würde ich mich in seine Privaträume schleichen und auf ihn warten. Da er jedoch keine Überraschungen mochte, wusste er natürlich von meinem Vorhaben, mehr noch, er war derjenige, der es vorgeschlagen hatte.
Die folgenden Stunden verliefen wie immer schleppend, wenn man etwas ersehnte. Die Zeit in VgddK und Kräuterkunde schien still zu stehen.
Lupin erzählte uns etwas über Rotkappen und bei Professor Sprout nahmen wir Mondschatten durch. Ein Kraut mit faszinierenden Eigenschaften als Verhütungsmittel. Es war auch Bestandteil des Trankes, den ich jeden Tag zu mir nahm. Severus braute ihn mir immer auf Vorrat. Eigentlich war es ein ziemlich guter Ersatz für die Pille, jedoch weit aus wirkungsvoller. Der Trank wirkte sofort und dank der Erinnermichfunktion, vergaß man auch nie die Einnahme.
Natürlich erzählte Professor Sprout das mit der Verhütungseigenschaft nicht, denn hauptsächlich wurde das Kraut als Gegenmittel für verschiedenartigste Flüche gebraucht. Vor allem für jene, die mit Eiterblasen zu tun hatten, zeigte das Kraut seine einzigartige Wirkung. Doch bei der Anpflanzung war einiges zu beachten, sonst würde das Kraut nie gedeihen. Wie der Name sagte, war es ein Nachschattengewächs, das man nur bei abnehmendem Mond ernten konnte und es von jeglichem Licht ferngehalten werden musste, außer dem Mondlicht, in dem es besonders gut gedieh. Gießen durfte man es nur in mondlosen Phasen... Wie gesagt, man musste einiges beachten.
Da Kräuterkunde mein liebstes Fach war, fiel es mir nur halb so schwer, nicht sofort alles zusammen zu packen und zu Severus zu gehen. Es war der erste Tag seit einer Woche, in der wir endlich mal wieder richtig Zeit für uns hätten. Richtig Zeit, das hieß mehr als nur wenige Minuten und wenn es hoch kam mal zwei Stunden. Doch heute hatten wir Zeit, Zeit wunderbare Dinge zu tun...
Es folgte noch eine doppelte Stunde Zaubertränke, in denen ich wirklich versuchen musste nicht mit einem fetten Grinsen da zu sitzen. Auch Severus schien sie der Situation durchaus bewusst und ließ einmal sogar eine Flasche mit Schneckenschleim fallen, was er aber geschickt auf Hermine abwälzte. Zehn Punkteabzug dafür, dass Hermine ihn angesprochen hatte.
Ich fand es eigentlich ziemlich traurig, dass er nicht einmal dazu fähig schien, seine eigenen Fehler einzugestehen. Klar wollte er, dass niemand ihm auf seiner Nase herum tanzte, aber ... Jeder Mensch hat seine Fehler und auch wenn Severus’ vielleicht etwas mehr waren, ich liebte ihn so wie er war – auch seine fettigen Haare, seine Hakennase und sein fahles Gesicht. Ich sah das alles nicht. Für mich war er einfach schön. Vollkommen... (Scheiß rosarote Brille!!!)
In der nächsten Stunde hatten wir noch Pflege Magischer Geschöpfe. Oh Überraschung, es waren mal wieder die lieben, netten Flubberwürmer! Gott wie ich Draco dafür hasste. Das war alles seine Schuld!
Ich machte aus meinem Unmut über die Situation natürlich keinen Hehl.
„Ich hoffe die Flubberwürmer sind dir nun harmlos genug, Malfoy!“, fauchte ich ihm von hinten ins Ohr.
Er sagte nichts, sondern verzog nur hämisch das Gesicht.
„Jetzt mal im Ernst, Malfoy. Du kannst doch eigentlich gar nicht so ein Arschloch sein, wie du immer tust.“ Seine beiden Freunde, Crabbe und Goyle, stellten sich stützend neben ihn. Die beiden hatten die Gestalt von Gorillas. Draco war der einzige des Trios, der mehr Verstand als ein Flubberwurm hatte.
„Lieber ein Arschloch, als ein Schlammblut, wie du eines bist!“ Ich war ein gutes Stück größer als der Dreizehnjährige und musterte ihn amüsiert.
„Warum grinst du so blöd?“ Diese Reaktion hatte er nicht erwartet. Niemand schien sonst belustigt von seinen Äußerungen zu sein.
„Werd’ erwachsen und leg mal eine andere Platte auf! So ein Dummgeschwätz habe ich schon lange nicht mehr gehört. Du bist nichts weiter als ein kleiner Rassist und das zeigt doch nur wie dumm du doch bist!“
Er war sprachlos. Crabbe stieß ihn an, doch er blieb still. Einen Moment fixierte er mein Gesicht voller Hass, dann ging er wortlos davon, im Schlepptau hatte er natürlich seine Gorillas.
So! So etwas machte richtig Laune! Mich hat dieses Klassendenken in der Zaubererwelt schon gestört, als ich das erste mal davon gehört hatte und meine Ansichten zu vertreten, vor allem gegenüber diesem Draco machte mich stolz auf mich.
Das Problem war nur, dass Severus eine ähnlich Einstellung wie Malfoy besaß (Natürlich nicht, was mich betraf, sondern die Aufnahme von Muggelgeborenen an Hogwarts). Ich vermied es tunlichst dieses Thema überhaupt anzuschneiden, sofern ich nicht einen Streit riskieren wollte. Aber nicht nur ich musste Kompromisse eingehen, so wie das jetzt aussehen mag, auch Severus. Der erste Stein des Anstoßes waren meine Haare: zu kurz, zu bunt. Meine Ausdrucksweiße war ihm zeitweiße zu derb und hatte er auch andere Ansichten als ich.
Aber war eine Beziehung nicht ein Zustand von gleichgewichtigen Kompromissen? Natürlich mussten beide Partner auch bereit sein diese Kompromisse einzugehen. Doch die Realität war nicht immer so wie die Theorie. Ereignisse und Taten waren Einflussgrößen, die es schwer machten, nur auf Kompromisse zu beharren. Irgendwann wäre die Zeit gekommen, an denen man müde der vielen Kompromisse wäre. Gab es nicht die bedingungslose Liebe?
Ich dachte nicht mit dem Kopf, was Severus betraf, nur mit dem Herzen. -Liebe konnte ein großes Geschenk sein, aber genau so groß war das Leid, das sie mit sich brachte.
„Miss Nightingale, würden Sie bitte die Güte haben mir zuzuhören?“, drang Professors Sprouts Stimme in meine Gedanken. Ich sah sie perplex an und nickte schnell.
„Also gut. Wer weiß, welche Wirkung Schwarzes Bilsenkraut hat?“ Hermines Hand schnellte in die Höhe, als hätte sie etwas gestochen. Sie setzte gerade zu einer ausführlichen Antwort an, als die Professorin mich aufrief.
„Schwarzes Bilsenkraut hat eine Wirkung auf das Zentralnervensystem. Lügen wird unmöglich. Es ist eine Zutat im Veritaserum.“
Professor Sprout nickte fröhlich und gab zehn Punkte für Gryffindor. Es hörte entferntes Murmeln und wusste, dass es Draco war, der sich vermutlich wieder beschwerte. Ich konnte nicht verstehen, was er sagte, dafür schien es die Sprout zu verstehen:
„Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin. Solche Worte will ich nicht in meinem Unterricht hören, Mister Malfoy.“ Vermutlich hatte er mich wieder als Schlammblut betitelt. Ich fragte mich nur, wie er darauf kam. Die offizielle Geschichte war, dass meine Eltern auch Zauberer gewesen waren, aber entschieden, dass ich besser in der Muggelwelt aufwachsen sollte.
Ach, das ist doch nur ein kleiner Idiot!, beschwor ich mir selbst und dachte nicht weiter darüber nach.
Die letzte Stunde war Zauberkunst. Mein Gehirn hatte sich jedoch ausgeschaltet und ich konnte nur an heute Abend denken. Professor Flitwick stand vorne und gestikulierte wild. Wortfetzen drangen zu mir durch, gaben aber keinen Sinn. Nach geraumer Zeit war die Stunde dann endlich vorbei.
Ich ging in die Bibliothek und konzentrierte mich auf meine Hausaufgaben, was mir merklich schwer fiel.
„Was sind die Merkmale der Rotkappen?“ Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie leben?! Oh, dass ist ja so ein Mist. Ich soll einen ganzen verdammt Aufsatz über Rotkappen schreiben und das bis morgen.
Denk nach! Die äußerlichen Merkmale sind... Was Severus wohl heute anhat? – abgesehen von seinen schwarzen Klamotten... drunter. Ich musste grinsen, bei dem Gedanken, wie er einen pinkfarbenen String trug. Aber ich denke, den Gefallen würde er mir nicht tun. Immerhin verzichtet er dank mir schon auf das Schwarz bei seiner Unterwäsche und sobald ich noch mal in ein normales Muggelgeschäft komme, kann sich sein Kleiderschrank an schönen bunten, Boxershorts erfreuen. Eine hellblaue mit Wolken wäre mal interessant! ... Vergiss seine Boxershorts! Rotkappen sind angesagt!!!
Ich setzte den Stift an und kritzelte wenige Worte. Wann würde er wohl seinen Gutschein einlösen? Ich hätte nicht übel Lust heut am Strand von einer Karibikinsel zu liegen. Haben die eigentlich jetzt auch Winter? Ach egal, Australien hatte Sommer, da bin ich mir sicher, weil Weihnachten ja in den Sommer bei denen fällt. Weihnachten im Bikini, die Vorstellung gefällt mir! ... Rotkappen!!!
Ich zwang mich Severus aus meinen Gedanken zu verdrängen und konzentrierte mich endgültig auf das Pergament vor mir.
Meine Aufsätze sind gelungen, dachte ich, als ich sie Korrektur las. Darauf sollte ich eine recht gute Note bekommen.
Ich sah flüchtig auf meine Uhr. Fünf vor Fünf. Ich setzte zu einem neuen Aufsatz an, den ich nächste Woche abgeben musste, als ich die Augen vor Schreck öffnete und wieder zur Uhr sah. Tatsächlich: fünf Minuten bis Fünf! Ich raffte alle meine Sachen zusammen und rannte wie gestört aus der Bibliothek. In den Gemeinschaftsraum würde ich es nicht mehr schaffen, wenn ich pünktlich sein wollte und das musste ich sein, weil ich nur einen Zeitrahmen von wenigen Minuten hatte. Ich musste auf jeden Fall vor Severus in seinen Privaträumen auftauchen, da danach die Schüler ausströmten und ich dann keine große Chance mehr hatte unbemerkt in seine Räume zu schlüpfen. Die Pergamentrollen festklammernd rannte ich über die Korridore, in die Kerker herunter und versicherte mich ständig, ob mir auch keiner gefolgt war, oder ob mich einer sah.
Hie und da traf ich einige Slytherin, die mich jedoch nicht bemerkten. Mein Herzschlag verdreifachte sich. Noch eine Minute und hier würde es vor Schülern wimmeln. Ich wollte gerade um die letzte Ecke biegen, als ich gerade noch rechtzeitig Filchs Stimme hörte. Er redete mit Ms Norris, seiner gestörten Katze. Ja, aber die ist nicht mal halb so gestört, wie Filch!!!
Seine Stimme entfernte sich, doch sein Erscheinen hatte mir viel Zeit gekostet. Zeit, die ich jetzt aufholen musste. Im schnellsten Schleichgang wand ich mich über den Flur und fand mich vor einer versteckten Tür wieder. Erneut Schritte. Sie kamen immer näher. Mindestens zwei Leute. Ich musste mich beeilen.
„Veritaserm!“, flüsterte ich. Dies war zu undeutlich gewesen. Langsam brennte die Zeit und ich musste mich erst einmal beruhigen. „Veritaserum“, probierte ich erneut, bemüht deutlich zu flüstern. Eine Tür schwang auf.
„Hast du was gehört?“, fragte ein Schüler einen anderen. Ich war hinter der Tür versteckt und konnte die gedämpften Stimmen von zwei Siebtklässern hören, die vor der Tür stehen beblieben waren.
„Nein, du?“ Es trat eine kleine Pause ein. „Ach nein, ich dachte nur... Das muss ich mir wohl eingebildet haben!“ Die Zwei entfernten sich wieder und erst jetzt traute ich mich wieder zu atmen. Ich schlug ein Kreuz. Die Geste war so automatisch geschehen, dass ich mir darüber gar keine Gedanken machen konnte. Ich war nie sehr christlich gewesen. Eine kleine Skeptikerin war ich gewesen, die auf die Wissenschaft beharrte. Doch wenn ich mich schon in der Magie geirrt hatte, sollte ich mich auch darin geirrt haben? Ich war zwar keine Atheistin, aber ich hatte auch keinen Glauben an etwas spezielles. Eher ein Gefühl, das es etwas geben musste da draußen... Jetzt war nicht die Zeit über Gott und die Welt nachzudenken. Severus würde bald kommen.
Ich lief die paar Stufen zu seinem Wohnzimmer hoch und ließ meine Sachen auf seinem Tisch nieder.
Ein Feuer prasselte im Kamin und versorgte, den sonst so kühl wirkenden Raum, mit Wärme. Der Raum war steril, aber wohnlich eingerichtet. Kein Staubkorn lag auf einem der vielen Möbel. Das Mobiliar war im viktorianischen Zeitalter anzusiedeln, sprich um Neunzehnhundert und war im Stil des Arts and Crafts Movement gehalten. Dies zeichnete sich durch gründliche handwerkliche Fähigkeiten, verbunden mit funktionellem Design, und durch eine aus der mittelalterlichen Buchmalerei übernommene Verzierungskunst, aus.
Der Boden bestand aus alten Holzdielen und ein grüner Teppich lag unter dem dunklen Holztisch.
Zielsicher ließ ich das Wohnzimmer links liegen und ging zuerst in das Bad, das neben an lag. Ich machte mich etwas frisch und spritzte mir Wasser ins Gesicht. Die Wassertropfen perlten von meinem Gesicht ab und bildeten ein Rinnsal, das sich wieder seinen Weg nach unten suchte. Gut, dass ich kein Make up aufgelegt habe! Hier in Hogwarts benutzte ich nie Make up oder etwas ähnliches und so konnte jetzt auch nichts in meinem Gesicht verschmieren.
Ich trocknete mein Gesicht ab.
Vom Wohnzimmer hörte ich entfernt ein Grollen. Die Tür zum Wohnzimmer war geöffnet worden. Severus war gekommen.
Das Handtuch hängte ich zurück an den Harken und ging ihm entgegen.
Ich ließ mir meine innere Angespanntheit nicht anmerken und lief ganz lässig zu ihm hin. Er jedoch schien sich nicht so recht beherrschen zu können. Kaum war ich etwa einen Meter entfernt, fiel er über mich her wie ein Wolf und begrüßte mich mit einem wilden, leidenschaftlichen Kuss.
Ich konnte weder etwas sagen, noch konnte ich überhaupt atmen. So sehr ich den Kuss auch genoss, war mein Bedürfnis zu Atmen doch stärker. Ich presste ihn leicht von mir weg, sodass ich einen tiefen, befreienden Atemzug tätigen konnte, ehe er mich wieder an sich presste und seine Zunge wieder in meinem Mund war.
Oh Junge, der hat dich ganz schön vermisst... Zumindest manche Körperteile von ihm, dachte ich belustig. Doch weiter konnte ich nicht denken, denn er war schon dabei mich von meinen Kleidern zu befreien. Ich folgte seinem Beispiel und half auch ihm aus dem Kleidern. Es war unglaublich aus wie vielen Kleiderschichten ich ihn befreien musste.
Die Haut unter all den Kleidern war noch farbloser als die, des ohnehin schon blassen Gesichts.
„Du könntest wirklich mal Sonne vertragen!“, sagte ich, als ich an ihm herab sah.
„Und du, ein bisschen mehr Respekt vor einem Lehrkörper!“, murmelte er amüsiert. Ich gab ich einen langen Kuss auf den Hals und er schloss genießend die Augen.
„Tja, ich glaube, dass dies hier ohne hin nicht als normales Lehrer-Schüler-Verhältnis durchgeht. Außerdem habe ich ja Respekt ... Respekt vor dem Körper des Lehrers vor mir.“ Er lachte, doch behielt die Augen zu.
***
Ich kuschelte mich an Severus’ Brust und sah zu ihm auf. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und streichelte meinen Rücken. Sein Gesicht sah sorgenbeschwert aus, doch ich fühlte mich unglaublich wohl und wog mich in der trügerischen Sicherheit endlich die Wahrheit ans Licht bringen zu können. Hier könnte er mir nicht mehr ausweichen und er war so erschöpft, um sich gegen meine Fragen zu währen.
„Sev?“ Diesen Namen benutze ich nur, wenn ich etwas wollte und er wusste es genau.
„Hm?“, brummte er und streichelte noch immer meinen Rücken. Und schließlich machte ich einen großen Fehler.
„Was war das mit James Potter?“ Seine Finger stoppten. Einen Moment herrschte Stille.
„Steck deine Stupsnase sind in Angelegenheiten, die dich nichts angehen.“, riet er mir mit eisiger Stimme. Doch es war kein Rat, es war ein Befehl. Nun folgte der weitere Fehler; ich hätte es dabei belassen sollen, hätte das Thema fallen lassen sollen...
„Behandele mich nicht wie ein dummes Blödchen, oder jemanden, den du nur flüchtig kennst. Wir sind jetzt vier Monate zusammen und ...“
„Es geht dich dennoch nichts an!“, herrschte er mich an. Er hatte mich zur Seite gedrückt und war vom Bett aufgestanden. „Fang nicht wieder von diesem Potter an!“ – Noch hätte ich an dieser Stelle die Chance gehabt alles abzuwenden, doch ich war zu dickköpfig, zu stolz.
„Vielleicht geht es mich wirklich nichts an, aber ich lasse nicht so mit mir reden! Ich bin jünger wie du und unerfahrener, aber das heißt verdammt noch mal nicht, dass ich mich rumschupsen lasse!“ Waren meine Fehler bisher alle noch rückgängig zu machen, brachte jener, das Fass zum überlaufen:
„Soll ich dir mal was sagen? Ich finde es unendlich kindisch, dass du Harry so schikanierst, nur weil sein Vater dich vielleicht mal geärgert hat!“
„Geärgert? Du hast du keine Ahnung von was du sprichst!“, schrie er mich an. Er war dabei sich wieder anzuziehen und hatte es nur unterbrochen um mir einen zornesverzerrten Blick zuzuwerfen. Sein Gesicht war nur noch eine hasserfüllte Maske. Mich fröstelte bei diesem Anblick und ich bekam zum ersten mal Angst vor ihm. Dieser Blick ... wie er Harry ansah, war dagegen fast liebend. Er ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. Er drehte mir seinen Rücken zu und zog sich weiter an.
Ich stand auch vom Bett auf und suchte mir meine Sache zusammen... So schnell hatte ich noch nie meine Schuluniform angehabt.
„Du hast da was vergessen!“ Er warf mir meinen Mantel ins Gesicht und drehte mir wieder den Rücken zu. Mein Gewissen meldete sich.
„Können wir nicht darüber reden? Ich meine, das kann ja wohl nicht Alles gewesen sein, oder?“ Er drehte sich nicht zu mir und sagte mit zusammen gekniffenen Zähnen:
„Ich habe dich gewarnt, dass du IHN nicht mehr erwähnen sollst.“ Ich war wütend und verblüfft über diese Aussage. Oh, ich war nur halb so stur wie dieser verdammte Kerl.
„Es war ein Fehler jemals mit dir etwas angefangen zu haben... Du bist ein dummes, kleines, unerträglich neugieriges Kind!“ Er sprach leise voll von unterdrückter Wut. Ich glaubte mich verhört zu haben. Mir rannen die Tränen die Wange herab und ich hyperventilierte, als hätte ich einen Asthmaanfall. Wie konnte er mir so etwas sagen, nachdem er mir immer ins Ohr gesäuselt hatte, wie sehr er mich doch liebte. Er hat mich nur benutzt um seine scheiß Lust zu befriedigen. Ich bin nichts weiter als eine kleine Nutte für ihn gewesen.
„Du dummes Arschloch! Fick dich doch ins Knie und verreck.“ Mir war egal wie diese Reaktion wirkte. Ich war einfach nur wütend. Rasend vor Wut.
Die Wut baute sich wieder auf, die ich einst auch in McGonagalls Unterricht empfunden hatte, nur tiefer und weit aus stärker. Ich spürte die Spannung, wie sie sich ihren Weg durch meinen Körper bahnte. Meine Haare stellten sich auf und meine Fingerkuppen kribbelten vor Elektrizität. Ich öffnete die Arme und ließ einen Blitz entstehen, der ich auf die Umgebung losließ. Ein mächtiger Knall hallte in den vier Wänden wider und machte mich fast taub. Das Bett schlug Feuer und brannte kurz darauf lichterloh.
Ich rannte los, schaute mich nicht um. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie Severus versuchte das Feuer zu löschen. Dann war ich aus dem Zimmer verschwunden.
Ich rannte als sei der Teufel hinter mir her, lief drei Schüler um, die den Korridor entlang gingen. Mit wüsten Beschimpfungen der Slytherin begleitet, rannte ich weiter.
Nie hatte ich bisher verstehen können, wie jemand seine Sorgen in Alkohol ertrinken konnte, aber umbringen wegen diesem... diesem... Es gab kein Wort, das meine Gefühle für Severus in diesem Moment nur annähernd hätte wiedergeben können.
Ich wusste schon, wo ich hin musste: Im Schlafsaal hatte ich einen Vorrat an Spirituosen, die ich zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ich wollte den Schmerz betäuben, den ich empfand, auch wenn ich wusste, dass das meine Probleme nicht lösen würde. Ich ertrug jedoch den Schmerz nicht länger; es sprengte mein Herz.
Ich rammte gegen etwas, aber mir war es egal, ich lief weiter in Richtung meines Zieles.
„Immer langsam mit den jungen Pferden!“, rief mir man mir nach. Es war die Stimme von Hagrid gewesen. Ich war gegen den riesenhaften Kerl gelaufen, doch ... Ihr könnt mich alle mal!
Voller Bitterkeit sagte ich das Passwort, schlüpfte durch das Portraitloch und nahm einen Rucksack, der mit den Flaschen gefüllt war. Ich ignorierte die fragenden Blicke, die mich trafen und lief wieder aus dem Schlafsaal, durch den Gemeinschaftssaal hindurch und durch das Portraitloch.
Die Flaschen klirrten, als ich über die Flure rannte und mich schließlich in einem leeren niederließ. Ich nahm die erste Flasche heraus. Schwarzer Wodka. Hastig entfernte ich den Verschluss und trank so schnell, dass ich mich verschluckte. Eine angenehme Wärme breitete sich in mir aus.
Apathisch saß ich auf dem Boden und wippte mit dem Oberkörper hin und her. Die Tränen flossen schnell.
„Miss Nightingale... Eva?“ Lupin hatte mich bemerkt. Er trat näher an mich heran und versuchte mich anzusprechen, aber ich sah nur gerade aus und wippte weiter. Natürlich nahm ich ihn war, aber mir war es egal. Mir war alles egal. Noch nie in meinem Leben wurde ich so verletzt wie vor zehn Minuten. Dieser miese... Noch immer fehlten mir die Worte. „Ich hätte nie etwas mit dir anfangen sollen... Du bist ein kleines, unerträglich neugieriges Kind!“ Die Erinnerungen brachen schmerzlich über mich herein. „nie hätte ich etwas mit dir anfangen sollen!“
„Eva!“ Lupin schüttelte mich und ich sah ihn schließlich mit verweinten Augen an.
„Was ist passiert?“ Ich lachte verächtlich auf. Was passiert war? Ich hatte mich gerade mit meinem Freund gestritten wegen einem Geist aus der Vergangenheit... Mich nennt er ein Kind, dabei ist er das Kind... Wie kann man so kalt sein? Kaum hatte ich James Potter erwähnt, war es, als hätte jemand einen Schalter bei ihm umgelegt. Das seltsame ist, dass ich ihn nicht mal hasse, nein, ich bin nur so unendlich enttäuscht.
„Was hat er denn getan?“ Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich meine Gedanken laut ausgesprochen hatte. Der Klang meiner Stimme war verzerrt und schien nicht zu mir zu gehören.
„Schluss gemacht. Ich kann das alles nicht verstehen; es ging so schnell und war so unerwartet.“
Lupin setzte sich neben mich. „Erzähl mir die ganze Geschichte, dann fühlst du dich besser.“ Ich tat es. Alles von Anfang; erzählte ihm von den Träumen, von den Überfällen und dem Dolch, zeigte ihm den Ring.
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