
von Eva Nightingale
Er hat mir „fröhliche Weihnachten“ gewünscht? Auch nach Minuten stand ich noch immer stocksteif da. Diese Geste hatte mein gesamtes Bild über ihn zerstört. Er hat mich nicht angeschrieen, nein, er hat noch nicht mal eine Drohung ausgesprochen.
Ich betaste gedankenverloren das Päckchen, bis ich mir bewusst wurde, was ich da eigentlich tat. Dann werfen wir mal einen Blick hinein.
Langsam begann ich das Papier von dem Ding in meiner Hand zu lösen. Es war unordentlich um das darunter liegende silberne ... Ding gewickelt. Nun, was war es? Es sah aus wie ein kleine silberne Spieluhr und auf diesen Verdacht hin, suchte ich nach dem Verschluss der kleinen Truhe. Und tatsachlich konnte ich recht schnell einen kleinen Harken finden, der das Ganze zusammen hielt. Ich hielt inne. Egal, was da drin ist, hier sollte ich es nicht öffnen! Hastig stopfte ich die Spieluhr in das Innere meines Umhangs und blickte mich um, ob auch niemand etwas gesehen hatte. Der Flur war jedoch menschenleer – und auch keine anderen Wesen, ob Geist (- wovon es im Schloss mehr als genug gab -) oder Katze, schienen in der Nähe zu sein.
Da Ferien waren, waren die Klassensäle alle leer und ich hatte die freie Auswahl. Der Klassensaal für Verwandlung war jedoch am Nächsten und so entschloss ich mich kurzerhand für diesen.
Das Pult sah einladend aus und ich ließ mich kurzerhand im Schneidersitze darauf nieder. Ich nahm das silberne Kästchen vorsichtig aus meinem Umhang und beäugte es lange. Feine Linien bildeten ein schönes Pflanzenmuster auf dem Deckel. Es lag schwer in meiner Hand und das Interesse, was darin sein würde überwog nun doch die Bewunderung der schönen Verzierung. Ich löste wieder den Harken aus der dafür vorgesehenen Öse und der Deckel sprang gleich darauf auf, und eine leise Melodie erklang. Das ganze Innere war schwarz und nur eine einzige kleine, männliche Figur bildete eine farbliche Ausnahme, wobei „farblich“ nicht korrekt war, da die Figur ebenfalls schwarz trug und nur der Kopf wie eine kleine hautfarbene Perle herausstach. Eine kleine Schrift erschien zu Füßen der Gestalt:
Auch wenn ich eigentlich nicht dĂĽrfte... und in diesem Moment hielt die kleine Figur ein Schild hoch, das bisher hinter seinem RĂĽcken verborgen war und grinste verwegen. Die Schrift zu FĂĽĂźen der Figur verschwand. Auf dem Schild, die sie nun hochhielt stand in groĂźen Lettern:
... Ich liebe dich!
Dann erschien wieder die Schrift auf dem Boden der Spieluhr und veränderte sich in:
Doch das bleibt unser Geheimnis!
Ich sah völlig perplex die Figur an. Das Szenario wiederholte sich von Neuem und auch die Musik erklang erneut.
Auf das Glas der Halbkugel tropfte die erste Träne. Dann folgte die nächste – bis die Spieluhr unter einem Rinnsal von Tränen unterzugehen drohte. Ich schloss den Deckel langsam und steckte die Spieluhr weg. Nein! Ich bebte vor Wut, vor Trauer, vor Scharm. Hier hatte ich meine Antwort auf die unausgesprochene Frage. Und wie ich auch vorhergesehen hatte, war die Erkenntnis, dass er mich noch liebte fast unerträglich. Ich hab’ ihm eine Szene gemacht und dabei... Ich bin das fehlerhafte Teil in unserer Beziehung gewesen. Ich mach’ alles kaputt...
Ich war wieder einmal todunglücklich in diesem Moment. Alles schien sich gegen mich verschworen zu haben. Meine kleine, glückliche Welt bekam immer mehr Risse und wurde bis in ihre Grundmauern erschüttert. Wie schon so oft sah ich kein Ausweg aus meiner Misere, doch wie heißt es so schön? Wenn man verzweifelt sehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Mein Lichtlein war eine kleiner Rabe, der just diesem Moment auf mich zu schwebte und einen Brief in meinen Schoß fallen ließ. Ich hatte keine Eulenkekse dabei, deshalb strich ihm kurz übers Gefieder, ehe er wieder verschwand.
Der Verfasser hatte sich nicht mal die MĂĽhe gemacht, den Brief in ein Kuvert zu stecken. Ich faltete den Brief auf und las darin:
Komm bitte zum Rand des Verbotenen Waldes. Ich muss mit dir sprechen! Teneth
Ich grĂĽbelte lange, ob der Brief nur ein Versuch war mich aus dem Schloss zu locken, aber der Rabe war fĂĽr mich eigentlich ziemlich ĂĽberzeugend gewesen.
Doch die Bedenken blieben. Es dĂĽrfte fĂĽr die Todesser ein Leichtes sein irgend ein Rabe zu finden, der mir eine Nachricht ĂĽbergeben wĂĽrde und dazu noch in Teneths Handschrift. Doch was ist, wenn die Botschaft echt ist? Eine andere Person nahm mir das Denken ab, denn just in diesem Moment schwebte wieder der schwarze Rabe ins Zimmer. Erneut lieĂź er einen Brief in meinen SchoĂź fallen und entschwebte kurz danach wieder, ohne auch nur seine Streicheleinheiten zu empfangen.
Eva, das ist keine List. Es ist wirklich dringend, dass du so schnell wie möglich zum Waldrand in der Nähe von Hagrids Hütte (-Er ist der große, haarige Kerl, der den Posten des Hüters der Schlüssel und Länderein von Hogwarts inne hat-) kommst. Folge einfach dem entfernten Licht, das von Hagrids Hütte ausgestrahlt wird. Ich werde dich dann schon finden.
Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ein Kind erwartest? Himmel, das verändert alles! ... Aber darüber können wir reden, wenn du hier bist. Ich hatte dir ja gesagt, dass ich nicht mehr nach Hogwarts kommen kann. Die Gründe dafür, werde ich dann auch erläutern.
Ich weiĂź, dass diese Nachricht nicht sehr vertrauenswĂĽrdig ist, aber was soll ich machen, damit du mir glaubst, dass ich der bin, fĂĽr den ich mich ausgebe? Hab einfach mal Vertrauen in deinem Leben und nehme deinen Zauberstab von mir aus mit. Hauptsache du kommst gleich! Dein Onkel
Mein Onkel? Wo war er die letzten 19 Jahre? Auf einmal bin ich seine Nichte. Ich lachte angewidert auf und schĂĽttelte den Kopf. Der macht es sich ja sehr leicht!
Nichtsdestotrotz hatte ich noch immer das Problem, ob ich nun den Briefen trauen sollte, oder nicht. Die Todesser waren nicht dumm, doch ob sie wussten, was Teneth zu mir gesagt hatte? Auch wenn begrĂĽndete Zweifel an der Echtheit der Briefe bestanden, wollte ich wissen, was mir Teneth zu sagen hatte. NatĂĽrlich war das Risiko da, aber ich wollte endlich die Wahrheit ĂĽber die Geheimnistuerei bezĂĽglich meiner Person erfahren. Da waren einfach noch zu viele Fragen, die im Raum standen und auf welche ich bei Teneth Antworten erhoffte.
Ohne mir weiter Gedanken zu machen stand ich auf und stampfte zu den Mädchenschlafsälen im Gryffindorturm und nahm mir einen dicken Umhang aus meinem Kleiderschrank. Das dunkelrote Futter war anschmiegsam und weich und würde mir hoffentlich die benötigte Wärme geben. Ich steckte meinen Kopf tief in meinen Schrank und wühlte etwas darin, bis ich schließlich ein paar Stiefel gefunden hatte. Zuerst zog ich mir jedoch noch eine der Hosen an, die allesamt feinsäuberlich in dem Schrank lagen. So gekleidet konnte ich einen Spaziergang in der eisigen Kälte wagen. Nur noch eines fehlte: meine blaue Mütze. Nun war ich komplett.
Die SchĂĽler, an denen ich vorbeikam warfen mir fragende Blicke hinterher. Auf viele traf ich allerdings nicht, da ĂĽber die Weihnachtsferien sehr viele heimgefahren waren.
Einen Moment zögerte ich, bevor ich den Schritt nach draußen machen wollte. Soll ich vielleicht jemandem eine Nachricht hinterlassen, wo ich hingehe? ... Ach was soll’s? Wenn die die Nachricht finden würden, dann wäre es vermutlich ohnehin schon zu spät – falls dies wirklich eine Falle sein sollte.
Ich war aufgeregt. Vielleicht würde ich nun endlich den Grund erfahren, warum ich zur Zielscheibe von bösartigen Zauberern und Hexen geworden war.
Ich bin bestimmt eine Prinzessin eines uralten Volkes und habe eigentlich ein Recht auf mein ‚Erbe’, das mir die Todesser absprechen wollen. Dieses Erbe ist bestimmt ein uralter Talisman... – dachte ich belustigt und spann mir meine eigene kleine phantastische Geschichte. Wie nah und so gleich so fern ich der Wahrheit war, hätte ich niemals gedacht. Die Wahrheit hat nämlich mehr als nur ein Gesicht, und dies musste ich im Laufe dieses Tages wohl auch noch lernen – genauso wie, dass ein plötzlichaufgetauchter Onkel nicht unbedingt gleich mit der Wahrheit einhergeht.
Es war bitter kalt und ein gigantischer Mond warf sein Licht auf das weite Land. Auch außerhalb des Schlosses war die Luft vom Zimt – und Orangenduft geschwängert. Alles war still und selbst der Wind schien eine bedächtige Schweigeminute eingelegt zu haben.
Die Schule lag schon viele Meter hinter mir, als mir der ferne Wald gar nicht mehr so entfernt vorkam. Hagrids Hütte hätte ich in einer Minute erreicht, aber niemand war zu sehen. Ein schlechtes Gefühl ergriff mich und die Befürchtung, dass dies alles eine Falle gewesen war, wurde immer gewaltiger.
Doch meine Aufregung war völlig umsonst, denn wenige Augenblicke später trat eine Gestalt aus dem Schatten, den ein riesiger Baum warf, und die Gestalt sah auffällig nach Teneth aus. Denk aber an den Vielsafttrank! Es ist nicht schwer, sich in eine fremde Person zu verwandeln. Ich blieb wie angewurzelt stehen und wurde von meinen Zweifeln übermannt, während der Mann, der dem Anschein nach Teneth war, immer näher kam. Ich war gespannt wie ein Bogen und erwartete jeden Moment Flüche durch die Luft wirbeln zu sehen und die Stimmen derer, die mir nach dem Leben trachteten, zu vernehmen. Doch nichts geschah. Kein Aufblitzen der Zauberstäbe, keine Rufe durch die Nacht. Gar nichts.
Durch die Stille wurde ich etwas mutiger und ging auf den Mann zu, ehe ich ihn schließlich einige Momente später auch erreichte. Ich umfasste noch immer meinen Zauberstab, als müsse er vielleicht jeden Augenblick zum Einsatz kommen.
„Da bist du ja,“ sagte Teneth gütig, doch ich sah ihn weiter misstrauisch an. „Du kannst mir vertrauen! Tief im Innern weißt du, dass ich es wirklich bin und nicht irgendeine Person, die dich in die Falle der Todesser locken will.“ – Und damit hatte er eigentlich ziemlich Recht. Auch wenn ich noch etwas unsicher war, hatte ich ein seltsames Gefühl, dass ich ihm vertrauen konnte, ja sogar sollte. Ich deutete mit einem Lächeln an, dass ich ihm glaubte, aber den Zauberstab steckte ich noch nicht weg, wodurch sich Teneth auch nicht stören ließ.
„Ich danke dir, dass du so schnell gekommen bist. Ich musste bei unserem letzten Treffen leider schnell weg, sodass ich nicht mehr die Möglichkeit hatte dir alles zu erzählen, was du wissen musst.“
„Warum treffen wir uns hier und nicht gleich im Schloss?“, fragte ich gerade heraus.
„Ich würde dich und die Schüler gefährden, wenn ich ins Schloss käme. Dich können die Todesser dank einem Zauber nicht finden – außer ich bin in deiner Nähe.“
„Ist es dann nicht viel gefährlicher, wenn wir alleine hier sind, fernab von allen Personen, die uns helfen könnten, wenn wir angegriffen würden?“
„Oh, wir sind nicht allein,“ sagte er und auf wie ein Kommando erschienen plötzlich ein halbes Duzend Kuttenträger aus den Schatten der Bäume und das Mondlicht wurde von ihren Kapuzen reflektiert als seien sie aus Silber.
„Eva, darf ich dir einen Teil des Zirkels vorstellen? Sie sind hier um uns abzuschirmen und innerhalb von Hogwarts wird die Magie zu sehr von der anderen Magie, die dort benutzt wird abgelenkt. Der Abwehrzauber, den wir verwenden passt sich nicht an die Abwehrzauber von Hogwarts an... Deshalb mussten wir uns außerhalb treffen!“ Das machte durchaus Sinn für mich und ich glaubte seinen Ausführungen.
Die sechs Kuttenträger blickten gesichtslos in meine Richtung. Manchmal konnte ich ein Augenpaar aufblitzen sehen und als Teneth meinen überraschten Blick sah erklärte er mir, dass diese Personen gerade den Abwehrzauber erneuerten, was circa alle fünf Minuten passieren müsste. Dieser Zauber bräuchte auch keinen Zauberstab, so erklärte er mir freudig, als er mein Interesse daran bemerkte.
„Warum bin ich hier, Teneth?“ Ich hatte lange seinen Ausführungen über diesen Abwehrzauber gelauscht, doch nun wollte ich wissen, warum ich überhaupt um diese Zeit am Weihnachtsabend hier sein sollte.
„Deine Schwangerschaft,“ fing er erzürnt an, doch sein Ton wurde leiser, als er bemerkte, dass ich zusammengezuckt war. „Du weißt gar nicht, was das alles verändert. Wir hatten Pläne mit dir! Große Pläne und nun... Es verändert alles...“
„Ich wäre euch dankbar, wenn nicht immer jeder meint über meinen Kopf hinweg Entscheidungen für MEIN Leben zu treffen. Ihr hattet Pläne mit mir? Oh, ich hatte tatsächlich das Gefühl gehabt, dass es mein Leben ist,“ fuhr ich ihm erhitzt dazwischen.
„Warum glaubst du, dass du existierst? Du wurdest gezeugt, ausgetragen und aufgezogen, damit du dem Zirkel dienst!“ Teneths Stimme war frostig geworden. Es lag eine Kälte und Härte darin, die ich noch nie bei ihm gehört hatte. Okay, so oft hatte ich ja seine Stimme noch nicht gehört, aber dennoch erschreckte mich die Kaltherzigkeit, die darin lag. Ein Moment vergaß ich sogar zu kontern und öffnete und schloss nur den Mund als würde ich einen Fisch nachmachen.
„Dem Zirkel dienen? Ich dachte... Lucian und Lucia hatten sich geliebt,“ sagte ich noch immer tief erschüttert. Neue Bilder stiegen in mir hoch. Erinnerungen, die nicht aus meinem Leben stammten. Ich sah mich, wie ich Lucian küsste. Die Sicht von Lucia war verwirrend und die Bilder wechselten häufig. Eine neue Sichtweise kam plötzlich hinzu und ich sah Lucia lachen. Nun musste ich die Ereignisse wohl aus Lucians Sicht gesehen haben. Die Erinnerungen waren so schnell wieder weg, wie sie gekommen waren.
„Oh ja, sie haben sich geliebt, doch das spielt keine Rolle. Wir brauchen dich, deshalb wurde meine Schwester mit Lucian verheiratet. Zu Beginn mochten die beiden sich nicht besonders. Sie sei kratzbürstig wie ein Ungarischer Hornschwanz, hatte er zu mir gesagt, als er mit Kratzern zurück zu mir kam und mir Bericht erstatten sollte... Ich weiß nicht, was geschehen ist, aber irgendwann haben sie sich ineinander verliebt,“ schloss er lahm und kratze sich am Kopf.
„Es war während einer Reise. Lucia musste mitfahren, da man sie für etwas auserkoren hatte... Irgendetwas mit dem Zirkel... Sie wusste es selbst nicht so genau. Lucian war gar nicht begeistert, dass sie bei dieser Reise dabei sein würde. Er mochte sie nicht besonders. Sie widersetzte sich allen Befehlen, wollte ihn nicht zum Mann nehmen und weigerte sich standhaft das Bett mit ihm zu teilen. Er wollte sie eigentlich gar nicht heiraten, doch der Zirkel zwang ihn... Lucia jedoch hielt ihn für zu arrogant um ihn zu heiraten und Kinder mit ihm zu bekommen, und Lucian hielt sie für widerborstig und eingebildet – was die Sache für beide Seiten nicht gerade leicht machte. Da sie gezwungen waren auf engstem Raum eingepfercht zu sein (- Sie mussten mit einem Auto reisen, weil sie unentdeckt bleiben sollten -) mussten sie notgedrungen auch miteinander reden. Und Lucia schaffte etwas, dass Lucian nie für möglich gehalten hätte – sie brachte ihn zum Lachen. Sie bemerkten schnell, dass sie den gleichen Art von Humor besaßen und als sie so mit einander sprachen lernten sie sich allmählich kennen ... und auch lieben.“ Obwohl die Worte aus meinem Mund gekommen waren, waren es dennoch nicht meine Erinnerungen. Ich konnte die Bilder von dieser Autofahrt zwar sehen, konnte mich an die Gefühle dabei erinnern, aber das war nichts, was wirklich ich jemals erlebt hatte. Ich konnte durch die Augen meiner Eltern in die Vergangenheit sehen, doch wie war das möglich? Beide waren doch tot.
„Das hat Lucia mir nie erzählt,“ erklärte Teneth und sah mich träumerisch an. Auch er hing seinen Erinnerungen nach. „Als die beiden zurückkamen waren sie bereits vermählt und Lucia war mit dir schwanger... Langsam scheinen deine Fähigkeiten zu wachsen. Dein Erbe müsste bald vollkommen erwacht sein.“
„Wie habt ihr... ich mein... wie habt ihr erfahren, dass ich ... du weißt schon...“, stotterte ich.
„Ich habe dir doch einst einmal erzählt, dass wir ein Zirkel von Seher sind. Wir haben deine Kinder in der Zukunft gesehen,“ erzählte er mit einem schwachen Lächeln.
„Kinder? Ich werde mehrere Kinder haben?“
„Du erwartest Zwillinge.“ Ich musste unwillkürlich schlucken. Jetzt war da nicht nur ein Kind in meinem Bauch, sondern gleich zwei.
„Du sagst, ihr hättet sie gesehen... Das heißt, es geht ihnen gut? Wie werde ich sie nennen?“
Einer der Kuttenträger trat auch mich zu und gebot mir zu schweigen.
„Es ist uns verboten über die Zukunft zu sprechen-“, sagte eine klare Frauen Stimme und eine zweite Gestalt trat neben die Frau und führte den Satz weiter, so als nie eine Unterbrechung da gewesen: „- Die Zeitlinie darf nicht verändert werden. Wir sind Wächter der Zeit.“ Ein sanftes Lachen erklang und die Frau entfernte die Kapuze von ihrem Kopf.
„Doch so eng sollte man das Ganze auch nicht sehen,“ lachte sie erneut und hielt mir die Hand hin. „Ich bin Eve, eines der Medien im Zirkel.“ Ein breites Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, als ich mich auch vorstellen wollte. „Wer du bist, weiß ich natürlich – sonst wäre ich ein schlechtes Medium.“
„Miss Hawkins, bitte waren sie die Form,“ befahl Teneth mit gebieterischem Ton.
„Ach komm schon Nethy, ich hab keine Ahnung, warum du hier auf Obermacker machen willst. Wir sind hier unter uns und jeder weiß, dass du eigentlich ein ganz netter Kerl sein kannst – wenn nicht gerade wieder deine Hose kneift.“ Ich musste mir mit einiger Schwierigkeit das lachen verkneifen.
„Er war früher schon so! Er ist sieben Jahre jünger als ich, doch ständig hieß es: der Zirkel hier, der Zirkel da... Selbst Dad hat das verrückt gemacht und er war immerhin das Oberhaupt des Zirkels,“ sagte ich und wurde mir erst im nachhinein klar, was ich gerade gesagt hatte. Die fremden Erinnerungen wurden immer mächtiger und ich konnte nicht mehr zwischen meinen und der meiner Eltern unterscheiden.
„Oh, wie es scheint beginnt es langsam...“ Der männliche Kuttenträger in meiner Nähe kam noch ein Schritt näher. „... Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde. Alles muss innerhalb eines halben Jahres geschehen sein. Die Entwicklung ist... wow!“
„Das ist Reto Zeller, er überwacht dich seit einem halben Jahr,“ stellte mir Teneth den Mann vor, der hastig seine Kapuze entfernte und mich freundlich anlächelte. Wie auch Eve konnte er nicht älter als Anfang zwanzig sein. Eve hatte etwa die gleiche Haarfarbe wie ich, nur etwas längeres Haar. Ihre großen mandelförmigen Augen blickten mich gütig und fröhlich an, während die von Reto eher dunkel und geheimnisvoll leuchteten.
„Wie ``überwachen``?“, fragte ich unsicher zu Teneth gewandt, während ich Retos Hand schüttelte. `
„Nun, ich sollte dich eben im Auge behalten. Unsere Vorhersagen waren nur wage und du hättest eine menge Unruhe stiften können.“ Reto hatte geantwortet, obwohl die Frage eigentlich an Teneth gerichtet war, der wiederum es jedoch lieber vorzog zu schweigen. Vermutlich war er sich meiner aggressiven Reaktion gewiss. Er kennt mich halt zu gut... Nein, er kannte Lucia gut. Ich bin jedoch nicht Lucia! Waren Lucia und Lucian die Stimmen, die immer mit mir im Zwiespalt lagen? Aber ich kannte schon die Antwort: Nein. Diese Stimme, diese Erinnerungen waren neu und alles zuvor, war schlicht und ergreifend ein Monolog. Obwohl, ich hab irgendwo mal im Fernseher gesehen, dass jeder Mensch mehrer Persönlichkeiten hat. Nicht so, wie das bei der Schizophrenie ist, sondern einfach ... dieses Teufel und Engelchen eben. Während ich so irgendwelche psychologische Fragen zu klären versuchte, waren Teneth, Reto und Eve in ein Gespräch vertieft, in dem es nicht unschwer zu erraten um mich ging. Ich war zu sehr mit mir beschäftig, sodass ich den Dreien nicht zu hörte. Am Anfang zu mindest nicht, doch dann war meine Neugierde geweckt worden, als ich etwas hörte, das wie „Erbe“ klang.
„Ähm, könnt mir mal jemand sagen, was es eigentlich mit dem ganzen Gerede über mein Erbe auf sich hat? Was ich auch noch gern wissen würde, wäre was ihr denn überhaupt mit mir plant – wäre ganz nett, wenn ich das auch wüsste!“ Meine Stimme klang angriffslustig und genau das war ich auch. Ich war auf eine Konfrontation aus.
„Im Moment ist das keine gute Idee, sorry Eva... aber ich kann dir immerhin sagen, wie deine Kinder heißen werden! Selene Artemis und Delian. Wunderschöne Namen, wenn du mich fragst!“
„Dich fragt aber keiner!“, warf Teneth schnell ein und genoss den bösen Blick, den Eve ihm zuwarf. Aber sonderlich verärgert schien sie nicht so sein. Mir schien das eher als ein kleines Spielchen. Mir scheint, als würde der kleine Teneth endlich erwachsen geworden sein, sagte die Stimme meiner Mutter. Ich hatte zwar keinen blassen Schimmer, warum ich die Stimme überhaupt hören konnte, aber ich konnte die Verwunderung bei dieser Aussage verstehen. Lucia war gestorben, da war Teneth vierzehn und nun musste sie durch die Augen ihrer Tochter sehen, wie ihr Bruder zu einem Mann herangewachsen war. Wobei die Sache für meine Mutter nicht halb so seltsam war wie für mich. Es war, als würden sich drei Seelen einen Körper teilen und doch schien es eher, als hätte Lucia und Lucian nur einen Abdruck auf mir hinterlassen. Ich konnte mich an bestimmte Dinge erinnern, die wohl auch so geschehen waren, aber es war nicht so, als ob wirklich eine komplette Seele in mir stecken würde. Die Stimme, die ich als die meiner leiblichen Mutter erkannte, war in Wirklichkeit meine eigene, doch ich konnte noch nicht zwischen den Erinnerungen wechseln, konnte sie noch nicht kontrollieren. Doch das wusste ich alles zu diesem Zeitpunkt nicht und dachte tatsächlich, dass die Seele meiner Mutter nun auch in meinem Körper wohnen würde.
„Delian und Selene? Wie komm ich denn auf diese Namen? ... Aber was jetzt wichtiger ist: Wenn der Zirkel nur aus Sehern besteht, bin ich dann auch eine Seherin?“
„Eigentlich ja, aber ... wir haben etwas mit Magie experimentiert und... nun... deine Seherfähigkeiten sind dabei wohl etwas verloren gegangen. Deine Kinder besitzen jedoch wieder diese Gabe... und den damit verbundenen Fluch,“ sagte Eve düster. Die Fröhlichkeit war aus ihrem Gesicht gewichen. „Ich war bei diesen Experimenten nicht dabei, ich war noch nicht mal auf der Welt. Mir wurde nur erzählt, dass sie seltsame Sachen mit deiner Mutter machten, die wohl dem Wohl des Zirkels beitragen sollten. Magie kann sehr gefährlich sein, wie du sicher schon weißt und man sollte nicht damit spielen!“ Ihre Stimme war scharf geworden und einen Moment hätte ich schwören können, dass sie Teneth einen finsteren Blick zugeworfen hatte. Es war jedoch zu schnell gewesen, sodass ich es hätte nicht bezeugen können.
„Eve steigert sich da ein bisschen zu sehr rein. Du musst sie einfach reden lassen!“ Reto versuchte leise zu sprechen, so dass Eve ihn nicht hören würde. Doch sie hatte ihn gehört und stieß ihren Ellbogen in seine Rippen. Er klappte zusammen wie ein Klappmesser und ließ ein gequältes Quicken erklingen. „Das war nicht nett!“ Er richtet sich wieder kurz danach zu seiner vollen Größe auf, verzog dabei aber gequält das Gesicht.
„Hättest du das nicht voraussehen müssen?“
„Solche kleinen Dinge sehen wir nicht voraus... Außerdem wär’ dann der ganze Spaß weg, bei den Dingen, die man lieber ... sagen wir selbst ``rausfinden will``?!“, meinte Reto und grinste vielsagend. Dieses Thema sollte ich nicht unbedingt vertiefen, dachte ich angestrengt und versuchte meine Gedanken wieder auf andere Bahnen zu lenken.
„Noch eine kleine Frage hätte ich noch: Was war nun so wichtig, warum ich unbedingt so schnell hier sein sollte?“ Ich sah, wie Eve und Teneth nervöse Blick tauschten.
„Wegen deinen Kindern,“ war die knappe Antwort von Teneth.
„Was haben meine Kinder damit zu tun?“ Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, dass ich die Antwort lieber nicht wissen wollte. Die Mine von Teneth ließ nichts Gutes erhoffen.
„Sie dürften eigentlich nicht existieren. Das war nicht geplant! Du solltest die Frau eines Druiden werden und eine neue Rasse von Zirkelmagiern zur Welt bringen. Eines kann ich dir ja verraten: Das Ende des Zirkels ist nahe. Wir waren darauf angewiesen, mit Magie zu experimentieren um für den Erhalt des Zirkels zu sorgen. Die Medien, die die Ereignisse der Zukunft vorhersehen können, müssen auf jeden Fall von uns gefunden und ausgebildet werden. Ein Seher in den Händen der Todesser... das wäre nicht auszudenken. Du bist was besonderes... nicht perfekt, aber der Beginn für etwas Neues – das solltest du zumindest sein.“ Er lachte ungläubig und schüttelte seinen Kopf. „Du wirst nicht mehr lange auf Hogwarts bleiben können. Deshalb sind wir hier – um klarzustellen, dass du sofort zu uns kommst, nachdem die Zeit des Abschieds gekommen ist. Deine Kinder werden mächtige Magier sein und sie dürfen nicht in die Hände des dunklen Lords fallen. Deshalb musst du mich sofort kontaktieren, sobald du vorhast die Schule zu verlassen!“
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