Liebe Susan - 16. März 1971 / 24. März 1971
von terese
16. März 1971
Liebe Susan,
es ist aber nicht so, dass Lily nur draußen etwas passiert. Auch bei uns zu Hause hat sie schon die merkwürdigsten Sachen angestellt. Da war zum Beispiel vor drei Jahren die Sache mit der Maus. An der Wand hinter Lilys Bett war ein Mauseloch, und in diesem Loch lebte eine echte Maus mit braunem Fell und schwarzen Knopfaugen. Lily hat sie eines Abends gesehen, als sie ganz ruhig im Bett lag und las. Da kam die Maus aus ihrem Loch heraus und futterte die Krümel von den Keksen, die Lily vor dem Schlafengehen gegessen hatte und die auf dem Teppichboden lagen. Sie hielt sich ganz still, um die Maus nicht zu verscheuchen. Als die satt war, setzte sie sich auf ihre Hinterbeinchen, guckte sich noch einmal um, huschte unter Lilys Bett und verschwand in ihrem Loch.
„Ich habe eine Maus, ich habe eine Maus!“ jubilierte Lily, rannte in mein Zimmer und erzählte mir die Mäusegeschichte. „Dann pass' bloß auf, dass unsere Katze sie nicht frisst“, sagte ich säuerlich. Ich ärgerte mich, dass dieses Mauseloch ausgerechnet in Lilys Zimmer war. Ich hätte auch gerne eine Maus gehabt.
Lily wurde ganz blass. „Schlepp' Sweety ja nicht wieder hier rauf!“ sagte sie streng. Unsere Zimmer sind im ersten Stock. „Ich muss Geoffrey beschützen!“ „Woher willst du denn wissen, dass das ein Männchen ist?“ sagte ich giftig. „Es kann doch genauso gut eine Geoffrine sein.“ „Ist doch egal!“ Lily war verärgert. „Ich will nur nicht, dass sie als Katzenfutter endet, klar?“ „Klar“, seufzte ich. Meine liebe Schwester hatte sich mal wieder durchgesetzt. Ich wollte ja nicht, dass sie wütend auf mich war. Außerdem müssen Schwestern zusammenhalten.
Am nächsten Abend legten wir uns auf Lilys Bett, hielten uns ganz still und warteten auf Geoffrey. Nach einer langen Zeit kam er tatsächlich unter dem Bett hervor und schnupperte an den Beinen von Lilys Schreibtisch herum! Da gewann auch ich ihn lieb. In der nächsten Zeit lagen wir oft auf Lilys Bett, guckten von Zeit zu Zeit darunter und warteten darauf, dass Geoffrey sich zeigen würde. Wir streuten sogar absichtlich Brot- und Käsekrümel auf den Boden. Manchmal tat uns Geoffrey den Gefallen, sich sehen zu lassen und manchmal nicht, aber Lily war jedes Mal entzückt, wenn er sich blicken ließ. Ich unterließ es auch, Sweety wie früher abends zu mir ins Bett zu schleppen. Lily war dankbar und erklärte, dass die Hälfte von Geoffrey mir gehören würde.
24. März 1971
Liebe Susan,
ein paar Wochen später hat unser Dad eine ganz gemeine Mausefalle in der Speise-kammer aufgestellt, weil Geoffrey dort hineingeraten war und Mums Vorräte ange-knabbert hatte! Vorher hatte Mum ein paarmal den Katzenkorb hineingestellt und Sweety über Nacht in der Speisekammer eingesperrt, weil sie die Maus fangen sollte. Aber Sweety ist schon eine ältere Katzendame und war einfach zu faul zum Mäuse-fangen. Mum hat sie am Morgen immer friedlich schlafend in ihrem Körbchen vorge-funden, während im Regal mit dem selbstgebackenen Brot Mäusegeknabber zu hören war.
Lily kriegte das mit der Falle mit, weil sie sich vor dem Schlafengehen noch eine Flasche Zitronenlimonade aus der Speisekammer geholt hatte, und rannte heulend zu mir. „Lass doch die Falle einfach verschwinden“, schlug ich vor. Ich wusste damals schon, dass Lily Sachen verschwinden lassen konnte, seit einmal meine Lieblings-puppe weg gewesen war, nachdem ich Lily im Streit an den Haaren gezogen hatte. „Ich trau mich nicht!“, schluchzte meine Schwester. „Wenn die Falle morgen früh nicht mehr da ist, weiß Dad doch, dass ich das war. Oh, mein armer Geoffrey!“ Sie warf sich bäuchlings auf mein Bett und begrub weinend den Kopf in meinem Kissen. „Jetzt beruhige dich mal und hör auf zu heulen.“ Ich nahm ihr die Bettdecke weg, unter die sie gekrochen war. „Wir müssen jetzt nachdenken.“
Nach und nach beruhigte sich Lily und half mir beim Nachdenken. Da kam mir eine, wie ich fand, sehr gute Idee. „Du könntest aber doch den Käse aus der Falle ver-schwinden lassen“, sagte ich. „Dann denkt Dad wahrscheinlich, dass er vergessen hat, ihn reinzutun. Und Geoffrey geht gar nicht erst in die Falle.“ Ich musste Geoffrey einfach helfen. Schließlich war er auch meine Maus.
Lily fand auch, dass das eine prima Idee war und wir besprachen genau, wie wir es machen würden. Dann schlichen wir barfuß und so leise wie möglich aus meinem Zimmer und in Richtung Speisekammer. Lily würde „zaubern“, und ich würde Schmiere stehen. Ich öffnete ganz vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer unserer Eltern, aber sie schliefen tief und fest, und ich machte die Tür leise wieder zu. Lily betrat die Speisekammer und schloss geräuschlos die Tür, und ich fixierte ängst-
lich die Schlafzimmertür. Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall, und ich kriegte einen furchtbaren Schreck! Wir rannten so schnell wir konnten in unsere Zimmer zurück und taten so, als ob wir schlafen würden. Gleich darauf hörten wir, wie eine Tür aufging und unsere Eltern hektisch und schnell redend im Haus herumliefen. Mum kam zu uns herauf und öffnete erst Lilys Zimmertür und dann meine, aber wir schliefen schließlich, nicht wahr? Dann hörten wir, wie Mum zu Dad sagte: „Stell dir vor, Henry, sie sind nicht einmal aufgewacht!“
Am nächsten Morgen beim Frühstück hielt Dad Lily die Mausefalle wortlos unter die Nase. Aber eigentlich konnte man das Ding, das er da in der Hand hielt, nicht mehr Mausefalle nennen. Der Käse war verschwunden, und die Falle war nur noch ein Klumpen Metall auf zersplittertem Holz. Meine Schwester hatte sich also doch getraut. „Das reicht jetzt, Lily“, sagte Dad ge-fährlich. Und dann durfte sie eine Woche lang nicht mehr auf den Spielplatz gehen.
Aber natürlich wusste Dad nicht, warum Lily das gemacht hatte (wir hatten Geoffrey streng geheim gehalten), und ich hielt schön den Mund. Sonst hätte ich womöglich auch eine Woche Spielplatzverbot abbekommen, weil ich angriffslustige Mäuse unterstütze.
Unseren Geoffrey haben wir danach leider nie mehr wiedergesehen. Wir gingen noch ein paarmal in die Speisekammer und lauschten, aber es war nie mehr Geknabber zu hören. Auch in Lilys Zimmer zeigte sich keine Maus mehr. Und Lily stocherte umsonst mit ihrem Lineal in dem Mauseloch herum. „Wahrscheinlich hat er sich durch den Knall so erschreckt, dass er fortgelaufen ist“, sagte ich schließlich. „Ach Unsinn!“ ärgerte sich meine Schwester. „Bestimmt hat er irgendwo eine nette Mäusedame kennen-gelernt und ist zu ihr gezogen.“
Von da an durfte Sweety wieder in meinem Bett schlafen.
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Die Arbeit mit Steve Kloves war ein Genuss. Er ist fantastisch.
Alfonso Cuarón