
von Dante
Ich war verwirrt; noch immer, und noch mehr als zuvor. Fleur zu trösten, dabei zu sein, wie sie sich eine Blöße gab, schwach und verletzlich war und sich mir anvertraute, hatte dafür gesorgt, dass ich mich noch weniger mit meinen Gefühlen auskannte (böse war ich ihr nämlich kein bisschen mehr …), und Rebeccas Aktion vom frühen Samstagabend machte mich auch keinesfalls schlauer, sondern zeigte mir nur die Notwendigkeit auf, dringend noch einmal in aller Ruhe nachzudenken – irgendwann musste das ja funktionieren.
Den Nachmittag über verbrachten wir zusammen, zunächst in der Bibliothek, wo wir gemeinsam Hausaufgaben für Zaubertränke, Kräuterkunde und Verwandlung abarbeiteten, dann machten wir einen Spaziergang um den See, bei dem Rebecca noch ein wenig mehr über ihre Heimat und ihren ersten Freund erzählte. Nach einiger Zeit wurde uns beiden kalt, und wir kehrten in den fast menschenleeren Gemeinschaftsraum zurück, wo wir das Gespräch fortsetzten.
»â€¦ das war immer toll, an dem Tanzkurs. Mit ihm, im Festsaal vom Rathaus … hatte etwas.«
»Nur so nebenbei …«, schnitt ich ein Thema an, für das ich schon länger eine vage Neugier hegte, »warum ist es zuende gegangen, wenn es so toll war?«
Rebecca lächelte auf eine versonnene, aber irgendwie auch traurige Art. »Also, abgesehen davon, dass wir nie … richtig zusammen waren, war es nicht immer toll. Oder nicht nur toll. Er konnte sehr … hm, wie beschreibt man das am besten?«, überlegte sie. Ich hob die Augenbrauen.
»Sehr verletzend«, sagte sie schließlich. »Er konnte sehr verletzend sein. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, welche Unzulänglichkeiten er bei anderen sieht. Wir konnten zum Beispiel stundenlang etwas unternehmen, spazieren, in der Wiese liegen und … keine Ahnung, Hände halten oder so, und dann hat er die Situation von einem Augenblick auf den anderen zerstört, indem er irgendwas Verletzendes gesagt hat. Oder auch beim Tanzen, wenn wir auf irgendeinem Ball waren, noch dazu vor anderen … das Gespräch kam auf Mode, und ehe ich was sagen konnte, meinte er, darin wäre ich nicht sonderlich bewandert, mit so einer Geste auf mein Kleid, als würde man das gleich sehen. Oder dass ich noch nicht so herausragend im Tanzen wäre und mir der Kurs gut tun würde. Oder, wenn wir alleine waren … dass er kein Problem damit hätte, wenn jemand nur durchschnittlich aussieht.«
»Das hat er zu dir gesagt? Dass du nur durchschnittlich aussiehst?«
»Und alles andere, ja. Man … ich … hatte bei ihm schnell das Gefühl, nur mäßig interessant zu sein, bis er eben jemand Interessanteres findet, nur eine Übergangslösung, bis eine Hübschere kommt, die seiner würdiger ist.« Rebecca rollte mit den Augen und verzog den Mund, um zu zeigen, wie widerlich sie das fand. »Aber ich war in ihn verliebt, darum hab ich mir Mühe gegeben und alles daran gesetzt, um möglichst interessant für ihn zu sein.«
»Und wann hast du gecheckt, dass er das nicht wert ist, weil er ein Arschloch ist?«, fragte ich schmunzelnd.
»Na ja, glücklicherweise früh genug. Damit, dass er mit einer anderen zu dem Turnier ging, das ich erwähnt hab‘, hat er das Fass dann zum Überlaufen gebracht und ich hab‘ auf ihn gepfiffen. Er war eigentlich auch nicht wirklich … na ja, mein Typ.«
»Wie war er?«, wollte ich wissen.
»Nicht belesen. Mit ihm konnte ich über sowas nicht reden, über Bücher oder Geschichten.« Sie lachte, als käme ihr die Vorstellung im Nachhinein unglaublich lächerlich vor.
»Worüber habt ihr dann geredet?«
»Ja, das frage ich mich jetzt auch. Er hat viel von Zaubersprüchen geredet, die er ausprobiert hat … er hat gern duelliert, so wie du. Du und deine Freunde, ihr habt doch ein paar Flüche erfunden, oder? Und mit bisschen Schwarzmagie hattet ihr auch was am Hut, stimmt‘s?«
Ich verzog den Mund. »Na ja. Wir haben den einen oder anderen Zauber mal ausprobiert, aus Interesse, aber das war‘s auch schon. Unsere eigenen Flüche haben wir auch noch nie gegen jemand anders eingesetzt; es ging immer mehr um die Herausforderung … gut, es ist auch noch keiner von uns jemals ernsthaft bedroht worden, und den Duellierklub gibt‘s ja nicht mehr.«
»Mhh, ich glaube, das hätte ihm gefallen. Es war halt meistens Angeberei, wie gut er diesen oder jeden Zauber schon beherrschen würde und wen er damit fertig gemacht hätte … damals fand ich‘s spannend, aber er war halt nicht wirklich interessiert an mir, oder an dem, wofür ich mich interessiere. Nicht so wie du …«
Ich musste lächeln. »Am Anfang, als du sagtest, er konnte sehr verletzend sein, wollte ich eigentlich sagen ›So wie ich‹.«
»Nein, so bist du nicht. Mit dir kann man sich unterhalten. Du bist aufmerksam und hörst zu, und du sagst nicht solche schrecklichen Dinge über mich, wenn andere dabei sind.« Sie musste kichern. »Außerdem wusstest du ja nicht –« Sie hielt inne.
»Was?«
Rebecca antwortete nicht. Sie starrte geradeaus, als überlegte sie, wie sie erklären sollte, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Als sie sich wieder zu mir drehte, lächelte sie; wieder auf diese seltsam traurige Art, und ihr mehrmaliges Schulterzucken sowie das Ineinanderkneten ihrer Hände vermittelten den Eindruck, sie wäre aus irgendeinem Grund unsicher oder gar … nervös?
»Na ja, du konntest ja nicht wissen, dass ich … also, warum ich … na ja, warum das alles … warum das alles eben anders geworden ist. Und warum ich mich so benommen hab‘. So … nicht wie sonst. Deswegen ist‘s nicht deine Schuld, wenn du manchmal verletztend warst … weil du nicht wissen konntest, weshalb ich … na ja.«
Verständnislos starrte ich Rebecca an – doch noch ehe ich fragen konnte, wovon sie sprach, noch ehe ich den Mund öffnen konnte, ja noch ehe ich Zeit hatte, überhaupt irgendwas zu tun, geschweige denn, genauer über ihre Worte nachzudenken und so vielleicht zu begreifen, worauf sie anspielte, beugte sie sich vor und gab mir einen Kuss auf den Mund. Er dauerte nicht lang, war kaum mehr als das sanfte Anschmiegen ihrer Lippen an die meinen, der Hauch einer Berührung bloß, den die Ravenclaw aber dennoch in die Länge zu ziehen vermochte, sodass er mehrere, zähe Sekunden lang dauerte, bis ihr Mund sich von meinem löste, die Lippen noch ein bisschen aufeinander klebend, fast widerwillig, so schien es. Dabei erwiderte ich den Kuss nicht, dazu war ich zu überrumpelt davon … aber ich hatte auch nicht das Gefühl, als wäre er dafür gedacht gewesen. Er war eher wie … ein Zeichen. Eine Erklärung, auf die es keiner Antwort bedurfte.
Ich sagte nichts, als es vorbei war. Ich saß einfach nur da, sah Rebecca stumm mit fragendem Blick in die Augen und wartete. »Weil ich in dich verliebt bin, Drake«, sagte die junge Hexe schließlich.
»â€¦ was?« Ich war nicht sicher, richtig gehört zu haben.
»Du hast mich gefragt, als wir in Hogsmeade waren, warum mir die Freundschaft, wie wir sie bisher hatten, nicht mehr reicht. Deshalb … weil ich mich in dich verliebt habe. Es war mir zu wenig. Ich wollte mehr. Ich wollte dich. Und ich wollte, dass du das endlich weißt.«
Auch das noch … das darf ja echt nicht wahr sein …
Eine Sekunde lang sah ich sie einfach nur weiterhin an, dann senkte ich den Blick, stützte den Ellbogen auf die Sofalehne, lehnte meine Stirn gegen meine Hand und atmete hörbar aus. So saß ich mehrere Augenblicke lang da, in denen einige – deutlich zu viele! – unkontrollierte Gedanken durch meinen Verstand schossen und es kaum möglich machten, irgendeinen davon weiter zu verfolgen, bis ich mir, abermals tief ausatmend, mit der Rechten durchs Haar fuhr und Rebecca einen entschuldigenden Blick zuwarf … oder zumindest nahm ich an, dass er entschuldigend war. Vielleicht sah ich auch einfach nur verwirrt drein.
»Darüber muss ich erstmal nachdenken … sorry …« Ich erhob mich.
»Kein Problem … mach ruhig.« Rebecca lächelte und winkte auf eine zierliche, süße Art … ein Anblick, der mich nur noch mehr verwirrte. Mit einem angedeuteten Kopfschütteln wandte ich mich um und steuerte, die Hand noch immer in den Haaren, auf die Treppe zum Jungenschlafsaal an.
Irgendwie wurde mir das gerade alles ein wenig zu viel.
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