
von summer_123
°°KAPITEL 21°°
Von Narzissen, aber irgendwie doch Ranunkeln und Nelken, aber eigentlich Orchideen
So spät abends, kurz vor Sperrstunde, war das Schloss immer besonders gruselig.
Wenn Hermine durch die spärlich beleuchteten Korridore huschte, ja beinahe rannte, erinnerte sie sich immer an den Keller bei ihr zu Hause. Als sie klein war musste sie hin und wieder die Kellertreppe hinunter steigen um Wasser zu holen, das sie dort aufbewahrten, und wenn sie wieder auf dem Rückweg die Stufen hoch war, konnte sie sich nicht zurückhalten, und war auf den letzten Stufen losgerannt, aus der Tür herausgestürzt und hatte sie gerade zu zugeknallt. Ihre Eltern hatten sie immer angesehen, als wäre sonst was passiert, aber die Erklärung war einfach: sie hatte Angst vor der Dunkelheit und vor dem was in der Dunkelheit lauerte, so wie viele andere Kinder auch.
Während sie die dunklen Korridore entlang huschte, sah sie die Schatten an den Mauern tanzen und hörte ihre Schritte an den Wänden widerhallen. Sie hatte die Hände seitlich in ihren Umhang gekrallt und ging immer schneller.
Sie durfte bloß nicht anfangen zu rennen, das würde alles nur noch viel schlimmer machen.
Plötzlich spürte sie, wie sich jemand von hinten an sie presst, eine Hand auf ihrem Mund, und so den Schrei erstickend, der ihr augenblicklich über die Lippen kam, und einen Arm um ihre Taille geschlungen.
Ohne, dass sie richtig nachdachte, wirbelte sie herum und mit einem lauten Knall landete ihre flache Hand auf der Wange ihres Verfolgers.
Dieser taumelte kurz, fasst sich an die Wange und betastete sie leicht.
„Verdammt, du Arschloch!“, schrie Hermine aufgebracht. „Du hast mich zu Tode erschreckt!“
Sie fasste sich an die Brust und fühlte ihr Herz immer noch heftig schlagen.
„Hm…ich denke das habe ich verdient.“, meinte Malfoy während er seinen Kiefer untersuchte.
Hermine funkelte ihn immer noch wütend an, doch er ignorierte sie und zog sie an der Hüfte zu sich.
Und so küsste er sie. Mitten im Gang. Er hatte seine Hand in ihrem Nacken ruhen. Hermine wehrte sich, sie war immer noch furchtbar wütend und an ihrem wild klopfenden Herzen konnte sie spüren, dass ihr Körper sich noch nicht ganz von diesem Schock erholt hatte. Oder klopfte es so stark, weil er sie in den Armen hielt?
Er war stur. Wenn er was wollte, dann bekam er das bekanntlich auch.
Seufzend öffnete sie den Mund, als er mit seiner Zunge sanft gegen ihre Lippen stieß.
Er küsste sie so wild, bis sie sich nach hinten lehnen musste und beinahe umfiel.
„Du hast morgen übrigens etwas vor.“, erklärte er ihr schließlich, als er von ihr abließ.
Hermine sah ihn an und fragte ohne viel Überraschung: „Hab ich das?“
Malfoy griff nach ihrer Hand und ging mit ihr den Gang entlang.
„Ja.“, antwortete er schließlich. „Und zwar mit mir.“
Als sie an dem Ort ankamen, wo sich ihre Wege trennten, nahm Malfoy nur ihre Hand, verbeugte sich leicht und platzierte einen leichten Kuss auf ihrem Handrücken. Hermine musste lachen. Dann wandte er sich um und ging.
Doch nach ein paar Schritten, drehte er sich ihr im Gehen noch einmal zu und rief: „Ach ja, du bist übrigens morgen in der dritten Stunde krank. Ich hole dich vor deinem Klassenzimmer ab.“
Während Hermine zu dem Gemeinschaftsraum der Gryffindors zurückkehrte, hatte sie keine Angst mehr. Sie war einfach zu wütend.
Sie hatte ihm für das was er getan hatte vergeben und er ihr. Und nun wollte, nein verlangte, er schon zum zweiten Mal, dass sie den Unterricht schwänzte. Sie hatte seit sie sich mit ihm traf schon genügend Probleme.
Unterricht schwänzen! So etwas machte sie nicht. Ein einziges Mal war es vorgekommen und auch da war es ganz alleine seine Schuld gewesen, weil er sie auf hinterhältigste Art und Weise aus dem Unterricht gelockt hatte. Der Lernstoff war nicht das Problem, den konnte sie nachholen. Es ging ums Prinzip. Sie war kein Mensch der Unterricht schwänzte. Sie mochte den Unterricht. Sie mochte es zu lernen.
Im Gemeinschaftsraum gesellte sie sich zu Harry und Ron. Sie hingen mal wieder mit den Hausaufgaben hinterher. Es war eigentlich ein Wunder, dass Hermine trotz der geheimen Treffen mit Malfoy mit dem Lernstoff auf dem aktuellen, wenn nicht schon fortgeschrittenen, Stand war. Aber die Zeit die sie mit Lernen und Lesen verbrachte war für sie nicht anstrengend oder ermüdend. Sie liebte es.
In einer Ecke des Gemeinschaftsraumes übten gerade drei Erstklässler den Wingardium Leviosa. Ständig flogen irgendwelche Dinge wie Pergamentrollen in die Luft und fielen dann wieder zurück.
Einmal erhob sich plötzlich Harrys Feder, die neben dem Tintenfässchen gelegen hatte. Aber Harry griff, immer noch in sein Buch vertieft und konzentriert auf die komplexe Zeichnung eines Pilzes, nach ihr und legte sie zurück auf den Tisch.
Harry und Ron übertrugen gerade Skizzen von den verschiedensten Arten hüpfender Giftpilze aus dem Buch auf ein Pergament und schrieben zu jedem Bild einen kleinen Absatz.
Während sie immer wieder ihre Fragen beantwortete beendete auch Hermine ihre Zeichnungen und überarbeitete ihren Arithmantik Aufsatz noch einmal komplett.
Eigentlich machte sie Letzteres nur aus Trotz. Arithmantik hatte sie morgen in der dritten Stunde. Sie würde da sein um ihren, zugegebenermaßen ziemlich gut gelungenen, Aufsatz abzugeben.
Nachdem sie ihren Text fünf Mal durchgegangen war, alle Zutaten des Verwirrung-Elixiers für Zaubertränke aufgeschrieben und mürrisch Harrys und Rons Hausaufgaben überarbeitet hatte, hatte sie keine Ausrede mehr, länger in dem Gemeinschaftsraum zu bleiben.
Sie wünschte ihren Freunden eine gute Nacht, konfiszierte einen Juxzauberstab, ein Artikel aus dem neuesten Sortiment aus Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, von zwei Zweit- oder Drittklässlern, und verschwand wenige Minuten später in ihrem Bett.
Hastig zog sie die Vorhänge zu bevor Kathleen auch nur einen Blick auf sie werfen konnte. Sie saß still in ihrem Bett während Eliza sich mit Parvati und Lavender flüsternd über Stephen Cornfoot unterhielt und alle Pro und Contras abwog sich ein zweites Mal mit ihm zu treffen. Nachdem was Hermine aufgeschnappt hatte gab es zur Zeit mehr Contras, aber mit dem Eifer mit dem Lavender und Parvati zu Tage standen, würde es bis Mitternacht sicher 1:0 für Cornfoot stehen.
Hermine wachte mitten in der Nacht von einem Ziepen und einem stechenden Schmerz in ihrer Kopfhaut auf. Tastend nach ihrem Zauberstab, fluchte sie leise. Schon bevor sie sich Licht gemacht hatte, erkannte sie, dass ihre Kette sich in ihren Haaren verklemmt hatte.
Die Kette. Seine Kette. Schon ein par Sekunden später hielt sie sie in der Hand.
Sanft strich sie über das eingravierte Herz.
Ihr Bauch war für die 16. Schwangerschaftswoche immer noch relativ klein. Sie musste nur enge Klamotten vermeiden. Aber länger als eine oder zwei Wochen würde sie wohl nicht mehr bleiben können. Sie war schon länger hier als sie es sich vorgenommen hatte, aber da war ein Problem, das sie nicht zu lösen wusste: Was sollte sie Ron und Harry sagen? Sie konnte ihnen nicht die Wahrheit sagen. Es ging nicht. Nicht jetzt.
Die Zeit, die sie noch in Hogwarts verbringen konnte, hatte sie am Anfang in Monaten, später in Wochen gezählt. Es war beängstigend, dass sie nun von Tagen sprechen musste. Sollte sie da nicht jede Gelegenheit nutzen, sich mit ihm zu treffen? Wenn sie erst einmal zu Hause war, konnte sie ihn sicherlich nicht mehr sehen, und was wäre nach vielen langen Wochen wenn die Schule wieder anfing? Nach einem Sommer mit seiner Reinblutfamilie? Was wäre dann?
Wäre es nicht so wichtig, hätte er nicht verlangt, dass sie krank spielte. Nicht weil er wusste wie ungern sie Unterricht verpasste, sondern weil es zu auffällig war.
Beunruhigt schlief sie, die Kette in der Hand, wieder ein.
Am nächsten Morgen hatte sie sich immer noch nicht entschieden. Sie musste lächeln als sie daran dachte, wie er sich vor Wochen das erste Mal mit ihr treffen wollte und sie einfach nicht wusste ob sie hingehen sollte oder nicht. Schließlich war sie doch zur Eulerei gegangen. Er wollte mir ihr über die Nacht reden. Und Hermine bezweifelte nicht, dass dies auch dieses Mal der Grund war.
Still frühstückte sie und in Zaubertränke vermied sie jeden Blickkontakt mit ihm. Es war so seltsam zu sehen, wie Harry und er sich immer noch anfeindeten wie noch vor sechs Jahren, aber seit Jahresanfang war ihnen schon aufgefallen, dass Malfoy stiller geworden war. Er hatte nicht mehr den großen Anführer raushängen lassen und hatte sie nicht immer schikaniert, wann immer er die Möglichkeit dazu hatte.
Und Harrys Meinung nach lag dies an dem Auftrag den du-weißt-schon-wer ihm gegeben hatte. Am Anfang hatte sie es einfach nicht glauben können und auch jetzt, da sie Malfoy besser kannte als ihre Freunde es taten, glaubte sie es ihrem Gefühl nach immer noch nicht. Aber die Fakten sprachen für sich. Das Gespräch zwischen den Slytherins im Zugabteil und das zwischen Snape und Malfoy, sein ständiges Aufsuchen des Raums der Wünsche, sein seltsames Verhalten seit diesem Schuljahr. Hermine wusste nicht mehr was sie glauben sollte.
Und dass sie einfach nichts tat, schien ihr extrem verantwortungslos. Sie war einfach ratlos und im Gegensatz zu Harry fiel es ihr schwer, wichtige Entscheidungen ganz alleine zu treffen.
Die ganze Doppelstunde Zaubertränke grübelte sie darüber nach, ob sie ihn treffen sollte oder nicht. Ob es wichtig genug war dafür Arithmantik ausfallen zu lassen.
Als sie dann zu ihrer nächsten Unterrichtsstunde ging, hatte sie sich noch immer nicht entschlossen.
Und sie war mehr als überrascht als ihre Hand sich nach fünf Minuten von ganz alleine hob und sie Professor Vektor berichtete, dass ihr schlecht sei. Als ihrer Lehrerin sie zum Krankenflügel schickte und Hermine ihre Bücher wieder in ihre Schultasche packte und das Klassenzimmer verließ, schwor sie sich hoch und heilig später Professor Vektor zu fragen, was sie verpasst hatte und am Abend den gesamten Unterrichtsstoff dieser Woche durchzugehen.
Wie versprochen wartete Malfoy direkt vor der Tür auf sie. Ohne ein Wort oder auch nur ein Lächeln seinerseits machten sie sich auf den Weg. Er führte sie aus dem Schloss zum großen See. Da das Wetter bedeckt und zudem noch Unterrichtszeit war, waren außer ihnen keine Schüler auf dem Schlossgelände unterwegs.
„Wir treffen uns hier in der Öffentlichkeit?“, fragte Hermine skeptisch während sie dem Weg, der um den See führte, folgten.
„Es ist niemand hier.“, antwortete er nur und ging schweigend weiter.
Nach etwa fünf Minuten bog er plötzlich nach links und sie kämpften sich durch eine Buschwand. Dahinter befand sich eine kleine Wiese, die nach ein paar Metern in den See überging. Umrandet von Gebüschen und Bäumen fühlte man sich abseits jeglicher Realität. Dieser Platz war nicht groß. Hermine schätzte, dass sie etwa zehn normale Schritte in die eine und sechs in die andere machen könnte.
„Woher kennst du diesen Ort?“, fragte sie Malfoy verwundert. Sie konnte viele Dinge mit ihm verbinden aber ganz sicher nicht Romantik.
Dieser zuckte nur mit den Schultern und meinte: „Ist gut einen Platz zu kennen, wo man ungestört sein kann.“
Hermine lächelte, doch ihr Lächeln erstarrte, als sie verstand.
„Ehh…Okay, das ist wirklich widerlich.“, äußerte sie angeekelt. „Ich möchte mir definitiv nicht vorstellen wie du und Parkinson hier…“
Anstatt zu antworten stahl sich nur ein Grinsen auf Malfoys Gesicht.
Die beiden ließen sich auf dem Gras nieder. Malfoy legte sich zurück, während Hermine sitzen blieb,
„Möchtest du mir jetzt erklären, wieso ich deinetwegen schon wieder lügen und betrügen und Unterricht verpassen musste?“, fragte sie ihn.
Ohne sie anzublicken, das Gesicht weiterhin auf die dicke Wolkendecke gerichtet, antwortete er: „Wir verstecken uns seit Wochen im Schloss, knutschen in irgendwelchen Ecken rum. Ich dachte, da du bald gehen musst, machen wir einfach etwas Normales.“
Etwas Normales. Wieder etwas was sie nicht mit ihm verband.
„Können wir über die Erinnerung reden?“, fragte Hermine schließlich vorsichtig.
„Ich denke darum kommen wir nicht herum.“, stöhnte Malfoy genervt.
„Wir sollten damit anfangen, wieso ich mich teilweise erinnern konnte und du dich nicht.“, begann Hermine. „Ich habe da eine Vermutung.“
Malfoy sah sie erwartungsvoll an und Hermine begann ihre Annahme zu erläutern.
„Ich denke, dass ich mich erinnern konnte lag daran, dass du den Obliviate nicht richtig hinbekommen hast. Wie oft hast du diesen Zauber ausgeführt? Wie oft hast du schon Erinnerungen verändert? Den Zauber auszuführen ist unglaublich schwer und sehr riskant.
Ich sollte mich nie an die Nacht erinnern und doch hast du nicht alles gelöscht.
Wahrscheinlich ist es einfacher den Zauber bei sich selber anzuwenden, weil du dir alles vor die Augen führen kannst und ganz genau weißt, was du löschen oder verändern möchtest. Nicht dass viele Zauberer bei sich selber den Obliviate anwenden, aber es macht Sinn, oder? Dass man diese Erinnerungen erfolgreicher löschen kann.
Vielleicht auch weil du sie mit aller Kraft loswerden wolltest. Du meintest, dass du nicht genug getrunken hast um einen Filmriss zu bekommen. Bei dir wurde der Zauber einfach nur sauber ausgeführt, das ist alles.“
Sie sah ihn an aber er blickte sie weiterhin erwartungsvoll an. Deshalb fuhr sie fort.
„Und die Sache mit der Legilimentik, es war einfach nichts da, was es zu sehen gab. An dem Zeitpunkt, als du die Legilimentik bei mir angewendet hast, hatte ich schon seit Wochen keine plötzlichen Erinnerungen mehr. Alles was du nicht richtig gelöscht hast habe ich schon gesehen und war nichts Neues. Aber den Rest konntest du natürlich nicht finden. Er war ja nicht mehr da, schon seit Wochen nicht mehr.“
Malfoy setzte sich wieder auf.
„Es nimmt alles langsam Form an.“, meinte er und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ich fange an es endlich zu verstehen. Das was ich mich schon seit Wochen frage. Aber ein paar Lücken gibt es dann doch noch. Wieso haben wir überhaupt damit angefangen?“
„Du hattest Liebestrank und ich Alkohol intus. Ich war einsam, verzweifelt…was weiß ich. Ich kann mich nicht mehr in die Person hineinversetzen, die ich damals war.“
Sie erwartete, dass er ihr zustimmte und ebenfalls erklärte, dass er sich geändert hatte, aber er blieb stumm.
„Du musst in dieser Nacht nicht nur die Erinnerung der letzten Stunden sondern auch ein paar andere gelöscht haben.“, fuhr Hermine schließlich fort. „Versehentlich natürlich. Deshalb kann ich mich auch nicht erinnern den Zauberspruch für das Tattoo irgendwo gelesen zu haben. Oder deshalb meintest du, dass, als ich dir die Erinnerung gezeigt habe, du glaubst, dass du mal irgendwo davon gehört hast, dir aber nicht sicher bist. Das hast du wahrscheinlich mitgelöscht.“
Malfoy nickte. „Das wars?“
„Ich denke schon.“, antwortete Hermine.
„Jetzt wissen wir endlich alles.“, sagte Malfoy.
„Ja. Es ist nur, ich dachte, dass ich endlich wieder ruhig sein kann. Aber ich fühl mich noch aufgewühlter als davor.“ Hermine fasste ihre Harre zu einem Zopf zusammen, drehte sie zu einem Dutt und lies sie dann wieder auf ihre Schultern fallen. „Ich wünsche mir nur, dass…die ganzen Ereignisse…. Können wir es nicht einfach hinter uns lassen? Können wir es jetzt nicht auf sich beruhen lassen und nicht mehr davon reden?“
Malfoy nickte. „Was ist mit dem Tattoo?“, fragte er nach kurzem Überlegen.
„Ach ja, tut mir leid wegen dem.“, sagte sie mit einem bedauernden lächeln. „Tut mir leid, dass ich dich dafür angeschrieen habe. Jetzt wo ich den Ausgangsspruch habe, kann ich vielleicht eine Gegenformel finden. Ich mach mich heute Abend noch dran.“
Malfoy nickte, schien aber mit den Gedanken woanders zu sein.
Mit der Absicht ihn wieder in die Gegenwart zu holen, setzte Hermine sich auf seinen Schoß, sodass ihre Beine links und rechts von seinem Oberkörper lagen.
Es war er, der sich nach vorne lehnte und sie küsste. Er war zärtlich. Sanfter als sonst.
Hermine fuhr mit ihrer Hand unter sein Oberteil und über seine warme Haut. Sie konnte nicht fassen, dass sie nur einmal mit ihm geschlafen hatte. Na ja, eigentlich zweimal, aber das eine Mal, bei dem sie nur daneben gestanden und mit ihm an ihrer Seite dabei zugesehen hatte, zählte nicht. Das war wie Schokozigaretten rauchen. Von weitem sieht alles gleich aus, aber anfühlen tut es sich ganz anders. Nicht dass Hermine jemals geraucht hätte.
Sie hatte gedacht, dass diese verdammte Erinnerung sie wieder auseinander gebracht hatte. Aber es fühlte sich so an, als würden sie sich endlich vertrauen können. Keine weiteren Lügen.
Hermine lies sich von ihm auf die Wiese nach hinten drücken und er lag über ihr und küsste sie weiter. Auch seine Hand fuhr unter ihr Oberteil, rutschte hoch, berührte ihre Brüste und glitt dann wieder hinab.
Aber anstatt noch tiefer zu rutschen blieb sie auf der kleinen Wölbung in ihrem Unterleib liegen. Sie wirkte warm und beschützend. Sie fühlte sich richtig an. Dort gehörte sie hin.
Das war der Moment, in dem Hermine aufhörte ihn bei seinem Nachnamen zu nennen.
* * *
„Vor noch drei Monaten hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass du eine Narzisse oder vielleicht auch eine Anthurie bist, aber jetzt sehe ich doch eher eine Ranunkel in dir.“
Draco drehte seinen Kopf seitlich zu Hermine und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Sie lagen beide ausgestreckt auf der Wiese, sodass ihre Köpfe direkt nebeneinander lagen, ihre Körper jedoch in vollkommen andere Richtungen zeigten. Wenn Hermine ihren Kopf nach links wandte sah sie direkt in sein weißblondes Haar.
„Eine Ranunkel? Hört sich verlockend an.“, antwortete er ironisch. „Das letzte mal als ich nachgesehen habe, war ich noch ein sechzehnjähriger, ziemlich gutaussehender Slytherin.“
Hermine verdrehte genervt die Augen.
„Mein Vater und meine Mutter arbeiten schon seit Jahren Seite an Seite in der gleichen Praxis.“, erzählte sie. „Deshalb hatten sie auch immer die gleichen Arbeitszeiten. Damit sie mich nicht jeden Nachmittag in den Kinderhort stecken mussten, verbrachte ich als ich klein war viele Tage bei meiner Oma. Sie ist die Mutter von meinem Vater. Meine Mutter mochte es nicht, wenn ich bei ihr war, sie hielt sie für etwas verrückt. Aber die Sache war einfach, dass meiner Oma Blumen manchmal wichtiger waren als Menschen. Ihr ganzer Garten war voll mit ihnen. Von seltenen Orchideen über farbenprächtigen Lilien bis zu wunderschönen Tulpen.
Manchmal hat sie mich, glaube ich, sogar vergessen, so vertieft war sie in die Arbeit mit ihnen. Das hat mir nichts ausgemacht. Ich bin durch ihren Garten gestrolcht und habe mir gedacht, dass alle Blumen von der gesamten Welt dort versammelt sein müssen.
Wenn ich dann in anderen Gärten Blumen gesehen habe, dachte ich sie wären aus dem Garten meiner Oma ausgebüchst. Hey, lach nicht! Ich war fünf oder so.“, fügte Hermine hinzu, als sich ein grinsen auf Dracos Gesicht stahl.
„Und wenn meine Oma mich dann doch mal wahrgenommen hat, hat sie mir alles über die Blumen erzählt. Sie meinte, dass in jedem Menschen ein dutzend Blumen leben. Sie machen den Charakter aus. Und da die Ranunkel für Attraktivität und magische Anziehungskraft steht solltest du dich geehrt fühlen.“ Damit beendete sie ihren Vortrag und zwinkerte ihm zu.
Er setzte sich leicht hoch und lehnte sich auf seine Unterarme.
„Und was bedeuten die anderen beiden?“
„Die Narzisse und die Anthurie?“
Er nickte.
„Die Narzisse steht für viele Dinge. Einmal Frische und Lebendigkeit. Dann noch für
Fruchtbarkeit-“ sie hörte ihn leicht auflachen. „Aber ich meinte nicht die. Die Narzisse steht insbesondere für Eitelkeit und Egoismus.“
Oh ja, das passte. So wie sie ihn früher gekannt hatte, waren das die beiden Wörter mit denen sie ihn perfekt hätte beschreiben können. Aber mittlerweile war er so viel mehr für sie. Wobei sie immer noch hin und wieder diese beiden Eigenschaften stark sehen konnte. Sie gehörten einfach zu ihm.
Dracos Augenbraue wanderte noch höher, aber er lächelte.
„Die Anthurie hingegen hat etwas provokantes.“, fuhr Hermine fort. „Da sie beinahe jede andere Blume in den Schatten stellt. Das war nicht positiv gemeint!“, fügte Hermine hastig hinzu, als er sie grinsend ansah.
„Das glaubst aber auch nur du.“
Draco lies sich wieder zurück auf seinen Rücken fallen.
„Erzähl mir mehr. Was sind die Bedeutungen der anderen Blumen?“
„Ähm, da gibt es die Rose. In weiß steht sie für Unschuld und Treue, in rosa für Jugend und Schönheit, in rot dagegen für Leidenschaft und Liebe. Und dann gibt es noch die Nelke. Sie steht wie auch die Rose in rot für starke Leidenschaft, in weiß jedoch für ewige Treue. In gelb bedeutet sie aber eher eine Antipathie dem anderen gegenüber.“
„Die gelbe hätte ich dir wahrscheinlich vor drei Monaten geschenkt.“, warf er dazwischen.
Hermine ignorierte ihn und fuhr fort.
„Bei der Tulpe gilt es je dunkler, desto intensiver das Gefühl.“
„Von mir bekommst du eine schwarze.“, kommentierte Draco und musterte ihren Körper mit einem Grinsen.
„Die Orchidee symbolisiert Bewunderung und Cleverness. Und das Veilchen Bescheidenheit, Unschuld und Verschwiegenheit.“
„Okay, wenn ich das jetzt mal zusammenfassen darf, dann bin ich eine Narzisse, aber irgendwie doch eine Ranunkel. Du eine gelbe Nelke, aber eigentlich eine Orchidee. Und zusammen sind wir was? Ein Gemüsebeet?“
Hermine lachte und legte sich ebenfalls wieder zurück zwischen das weiche Gras. Und so blieben sie liegen.
* * *
Hermine schrak zusammen, als plötzlich ein kalter Regentropfen auf ihre Stirn traf. Kurz blinzelte sie Richtung Wolken. Die Tropfen wurden immer mehr. Innerhalb von wenigen Sekunden fing es an wie aus Eimern zu schütten.
Hermine musste lachen.
Malfoy sprang auf und stellte sich, mit den Armen schützend über dem Kopf, unter den Blättern eines Baumes unter.
Bei seinem Anblick lachte Hermine nur noch mehr. Auch sie rappelte sich auf. Sie war sich jedem einzelnen Wassertropfen auf ihrer Haut bewusst. Und es fühlte sich wunderbar an.
Vollkommene Gelassenheit. Sorglosigkeit. Er wusch mit ein paar Tropfen die ganzen Probleme und die Angst weg, die sie seit Monaten versuchte abzulegen.
Mit geschlossenen Augen und immer noch lachend reckte sie ihr Gesicht gen Himmel. Sie genoss jeden Tropfen auf ihrem Gesicht. Sie liebte jede Wasserspur, die sich auf ihrer Haut hinunterzog.
„Granger!“, rief Draco ein paar Meter entfernt. „Komm! Stell dich unter.“
Hermine lächelte ihn an.
„Aber dann verpass ich doch den ganzen Regen!“, lachte sie.
Sie ging auf ihn zu und zog ihn zu sich in den Regen. Er sträubte sich dagegen aber lies sich dann doch von ihr von dem schützenden Blätterdach wegziehen
„Fühl es!“
„Was?“
„Die Freiheit!“, lachte sie.
„Das einzige was ich fühle ist ne aufkommende Erkältung.“, antwortete er genervt und versuchte sie wieder unter die Blätter zu ziehen.
„Muss ich da etwas nachhelfen?“ Hermine zog ihn zu sich und schlang ihre Arme um seinen Hals, sodass ihre Gesichter nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren.
„Das will ich doch hoffen.“, antwortete er.
Es gab Tage an denen Hermine nicht viel fühlte. Vielleicht Stress, Müdigkeit, manchmal Freude. Und hin und wieder gab es Momente wie diesen wo sie einfach nur alles fühlte. Sie spürte ihn in jeder Faser ihres Körpers. Sie spürte jede einzelne Regentropfen auf ihrer Haut. Sie spürte die Luft, die nach Sommerregen roch. Sie hatte sich seit Wochen nicht so lebendig gefühlt.
Hermine drückte ihre Lippen auf seine und schon fast unverschämt gierig beugte er sich nach vorne und küsste sie leidenschaftlich. Er küsste sie so sehr, dass sie doch tatsächlich anfing alles um sich zu vergessen. Außer den warmen Regen. Den spürte sie noch immer.
Sie glaubte zu bemerken wie sie sich etwas bewegten. Aber sie würde nicht für alles Geld auf der Welt diesen Kuss unterbrechen. Nach einer Weile bemerkte sie verwirrt, dass ihre Füße kälter wurden.
Sie löste sich keuchend von ihm und sah nach unten doch bevor sie auch nur irgendetwas erkennen konnte, spürte sie sein gesamtes Gewicht auf ihr und fand sich eine Sekunde später von Kopf bis Fuß in dem kühlen Wasser des großen Sees wieder. Keuchend und Lachend und Prustend zugleich kam sie an die Oberfläche. Es war nicht tief, sie konnte in dem Wasser sitzen. Er hatte sie nicht so weit hineingelockt.
„Das war sehr hinterhältig.“, knurrte Hermine und setzte sich auf seinen Schoß. Er lachte nur.
„Du weißt, dass hier drin eine menge magische Wesen leben oder?“ Sein Grinsen schwand schlagartig.
„Der Riesenkrake und Kröten sind nur einige von vielen.“, fuhr Hermine fort.
„Okay, das reicht!“ Malfoy sprang auf und lud sich Hermine über die rechte Schulter.
„Dann gibt es noch Wassermenschen und Grindelohs…“, fuhr sie unbeirrt von seinem Rücken aus fort.
Kaum waren sie wieder am trockenen Ufer, ließ er sie am Fuße eines Baumes mit einem dichten Blätterdach nieder und setze sich neben sie.
„Genug Regen für dich.“, meinte er als sie protestieren wollte.
„Halt mal deine Hände auf.“, befahl sie schließlich. Mit einem Zauber entfachte sie eine tragbare Flamme in seiner Handkuhle, eine Feuer, das keinerlei Verbrennungen verursachte.
Eine Weile wärmten sie sich an der winzigen Flamme.
Doch irgendwann mussten sie sich eingestehen, dass es Zeit war wieder zurück zum Schloss zu gehen, wenn sie sich vor dem Mittagessen noch umziehen wollten. Hermine war ja angeblich krank und nicht im Regen mit Draco Malfoy baden gegangen. Unwillig erhoben sie sich und gingen zurück zum Schloss. Kein Mensch war auf den Schlossgründen und der Regen war mittlerweile so dicht, dass sie von den Fenstern sicherlich nur als verschwommene Punkte zusehen waren. Zur Sicherheit stülpte Hermine sich aber noch die Kapuze ihres Umhangs über ihr buschiges Haar.
Viele Fenster, insbesondere die in dem Gryffindor- und in dem Ravenclawturm, waren hell erleuchtet. Obwohl es mitten am Tag war, hatte sich durch die dicken Wolken eine bedrückende Dunkelheit über Hogwarts ausgebreitet.
Und trotzdem war es einer der schönsten Tage seit Monaten gewesen. Auch wenn dieser schönste Tag doch nur etwa zwei Stunden gedauert hatte.
Wehmütig sah sie zu den hellen Fenstern. Die Wirklichkeit holte einen dann doch immer ein. Irgendwann. Niemand konnte sich ewig verstecken.
Kurz bevor sie das Schloss betraten hielt Draco sie noch zurück.
„Ich habe morgen Geburtstag.“, informierte er sie. „Morgen werde ich siebzehn, dann bin ich volljährig.“
Hermine lächelte.
„Ich suche dich morgen und dann gratuliere ich dir.“
Dann verschwand sie in dem Schloss und machte sich zügig auf dem Weg zu ihrem Schlafsaal.
Der nächste Tag würde ein Donnerstag sein. Donnerstag der 5. Juni. Was Hermine noch nicht wusste: Diesen Tag und die darauf folgende Nacht würde sie immer in ihrem Gedächtnis behalten. Sie würde sich wünschen sie wäre nie passiert und trotzdem hatte es doch so kommen müssen.
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