
von summer_123
°°KAPITEL 13°°
Kurz vor dem Ziel gestürzt
Wieso kann eigentlich nicht einmal, ein einziges Mal, alles gut laufen? Die Antwort darauf hatte ich schon, als ich den Fehler das erste Mal tat. Es ist das Leben. Es nimmt nie den einfachen Weg, sonst würde es ja auch keinen Spaß machen, wenn ich dann doch am Ziel ankomme.
„Was gibt's?“ Hermine schluckte hart. Sie spürte wie die Kälte in ihr aufstieg und sich Schweiß auf ihren Handflächen bildete.
Zwischen Harrys Augenbrauen bildete sich eine steile Falte.
„Ich weiß nicht wie ich anfangen soll.“, begann er langsam. „Ich weiß wirklich nicht was ich sagen soll. Ich habe einfach keine Antwort auf die Frage, die mir einfach nicht aus dem Kopf gehen möchte.“ Nun sah er sie direkt an.
„Ähm…dann frag!“
Er rang nach Worten, doch dann sagte er schließlich: „Wieso sehe ich dich ständig mit Malfoy auf der Karte?“
Hermine wandte ihren Blick nicht ab und hatte Angst, Harry könnte mit seinen grünen Augen bis in ihren Kopf sehen, durch den Bilder von ihr und Malfoy schossen.
„Auf der Karte? Äh…Ähem…ja.“ Sie war so schlecht! „Ja, ich bin in letzter Zeit oft in seiner Nähe.“ Sie konnte sich nicht rausreden. Nicht wenn er sie auf der Karte gesehen hatte. Sie wusste so gut wie Harry, dass die Karte nie log.
„Ich verfolge ihn.“, sprang es plötzlich wie von alleine aus ihr heraus. „Ich wollte beweisen, dass du falsch liegst, mit deiner Theorie.“ Er sah sie etwas verwirrt an. „Du weißt schon. Er ist ein Todesser, er hat einen Auftrag…!“ Sie lächelte ihm zu.
„Du hast ihn ausspioniert.“ Hermine nickte. „Du warst immer in seiner Nähe.“ Hermine nickte erneut. „Wieso waren eure Punkte heute Abend so Nahe beieinander?“ Hermine erstarrte. Wie konnte ein einziger Mensch so voller Misstrauen sein?
„Weil er mich entdeckt hat.“, antwortete sie ohne mit der Wimper zu zucken. „Er hat mich gesehen und mich bedroht.“
Harrys Miene verdunkelte sich.
„Was?“, spie er aus. „Das hat er getan? Das Frettchen hat dich bedroht?“
Er schien drauf und dran loszugehen um Malfoy zu suchen und ihm eine runterzuhauen.
„Harry nicht!“
„Er wagt es…“
„Ja, ich weiß!“, meinte Hermine und zog ihn an seinem Arm in den Gemeinschaftsraum.“
„Malfoy kann zwar seine Klappe aufreißen aber wenn es drauf ankommt ist er immer noch das feige, verwöhnte Kind aus der ersten Klasse. Ich habe ihm gedroht ihm noch einmal eine reinzuschlagen und da hat er gekuscht.“
Harry sah immer noch so aus, als würde er Malfoy jedes seiner blonden Haare einzeln rausreißen wollen.
Im Gemeinschaftsraum erwartete Ron sie schon.
„Wo wart ihr den?“
„Bibliothek.“, antworteten Harry und Hermine wie aus einem Munde.
Ron nickte und zog Harry zu sich auf das Sofa und erklärte ihm empört, wie heftig Lavender eben mit Seamus geflirtet hatte.
Während Rons Redeschwall drehte Harry sich kurz zu Hermine um, welche ihm einen dankbaren Blick zuwarf.
Es war gut, dass Harry nichts von alledem Ron erzählt hatte, er hätte nur überreagiert. Aber Harry musste nichts sagen, damit Hermine verstand, dass das ein Einzelfall bleiben würde. Das nächste Mal würde auch Ron davon erfahren.
„Und dann hat sie ihn so an der Schulter berührt!“
„Ron!“, stöhnte Hermine. „Ich dachte du wärst froh sie endlich los zu sein.“
„Ja, natürlich.“, meinte Ron. „Ich finde nur sie hätte ein bisschen betrübter sein können.“
„So betrübt wie du bist?“ Hermine stöhnte genervt auf. Jungs waren so…so halt! Einfach unglaublich.
Die ganze Nacht träumte sie von Harrys, die mit der Karte des Rumtreibers durch die Schule liefen und jedem zeigten, wo Malfoy gerade mit Hermine rummachte, von Lavenders die kichernd auf sie herabblickend und von Rons, die sie jammernd verfolgten und die ganze Zeit etwas über Lügen und falsche Freunde redeten.
***
„Also wars das?“
„Was? Ich…also, nein!
„Du willst trotzdem weitermachen? Bei dem Risiko?“
„Wir müssen nur vorsichtiger sein.“
Malfoy zog eine Augenbraue hoch.
„Vorsichtiger? Wie soll das gehen, wo Potter doch dieses…dieses Dings hat.“
„Das Dings heißt Karte des Rumtreibers. Und mit Vorsichtiger meine ich einfach, dass wir uns treffen, wenn er gerade zum Beispiel Hausaufgaben macht.“
Hermine wusste, dass es ein riesiges Risiko war ihm von der Karte zu erzählen, aber seitdem sie ihre Freunde von morgens bis abends anlügen musste, viel es ihr immer schwerer sich Ausreden zu überlegen. Das Lügen lies sich nicht lernen, manche konnten es, andere nicht. Bei Hermine zehrte es stark an ihren Kräften.
Hermine und Malfoy befanden sich auf einem kleinen Balkon, auf der Nordseite des Schlosses. Er war nicht größer als zwei Mal zwei Meter und lag beinahe den ganzen Tag im Schatten. Aber sie hatten sicher zwanzig Minuten durch das Schloss streifen müssen um hier her zu gelangen und aus diesem Grund hatte Hermine ihn als gut genug versteckt angesehen. Malfoy stand in einer Ecke des Balkons, während Hermine auf dem breiten Geländer, das eher einer Steinmauer ähnelte, saß.
Was die Karte des Rumtreibers anging, hatte Hermine Malfoy so wenig wie möglich erzählt und er hatte ihr versprechen müssen, nichts von alldem weiter zu erzählen. Sie schwor ihm, dass sie sonst die ganze Geschichte von ihnen beiden auffliegen lassen würde, egal was dies für sie bedeuten würde.
Aber nun, da sie wusste, dass Harry sie auf der Karte entdecken konnte, trafen sie sich nur noch zu sicheren Zeiten, an denen Harry sicher nicht auf die Karte sehen konnte.
Wie hatte sie nur diese verdammte Karte vergessen können? Wo Harry doch von morgens bis abends darauf starrte. Hatte sie nicht genug Probleme?
Hermine konnte in der Ferne sehen, wie die kleinen roten Figuren über das Quidditchfeld flogen. Harrys Mannschaft trainierte für das Spiel am kommenden Samstag.
„Gut.“, riss Malfoy sie aus ihren Gedanken. „Da Potter gerade dort hinten irgendwo durch die Luft prescht und verzweifelt aber erfolglos versucht den Schnatz zu fangen und Weasley versagt die drei winzigen, sich nicht einmal bewegenden Torringe zu beschützen, heißt das, dass wir gerade vorsichtig genug sind?“
Hermine warf ihm einen wütenden Blick zu.
„Malfoy! Verdammt, rede nicht so über mei-“ Hermine konnte ihren Satz nicht beenden, da sich plötzlich Lippen auf ihrem Mund befanden, die sie leidenschaftlich küssten. Hermine schnappte nach Luft, doch er lies sie nicht frei. Schließlich gab das Mädchen nach und erwiderte seinen Kuss. Während er mit seiner Hand unter ihr T-Shirt fuhr- wieso fuhr er eigentlich immer mit seiner Hand unter ihr T-Shirt? Konnte er sie nur haben, wenn sie nackt war? -schlang sie ihre Beine um seine Hüfte und fuhr ihm durch sein blondes Haar.
„Wärst du immer noch froh, wenn ich jetzt hier herunter fallen würde?“, flüsterte sie atemlos in sein Ohr.
„Ich würde dich nicht lassen, bis wir nicht mindestens einmal miteinander geschlafen haben.“, flüsterte er zurück. Hermine verdrehte die Augen. Doch dann, unangenehm an eine Nacht erinnert, fügte sie noch etwas hinzu.
„Wir haben miteinander geschlafen.“, erinnerte sie ihn.
„Ja, aber Sex, an den ich mich nicht erinnern kann, zählt nicht.“, meinte er nüchtern.
„Würdest du dich denn gerne an die Nacht erinnern?“, fragte Hermine. Sie war sich sicher. Jetzt. Jetzt oder gar nicht.
Er sah sie verwirrt an.
„Ja, denke schon.“
„Ich habe eine Idee wie das funktionieren könnte.“
Auch wenn er neugierig war, lies er es sich nicht anmerken.
„Dazu bräuchten wir aber…jemanden. Jemanden der Legilimentik kann.“, fügte sie vorsichtig hinzu.
Er zog kurz, kaum sehbar, eine Augenbraue hoch. Dann senkte er den Kopf.
„Nun ja. Zufällig kann ich Legilimentik.“
Hermine hätte am liebsten Luftsprünge gemacht.
„Was für ein Zufall!“, bemerkte sie.
Sie würde es herausfinden. Sie würde einfach alles herausfinden. Die Nacht würde endlich komplett sein.
„Du glaubst das würde funktionieren?“, fragte er. Immer noch nicht konnte Hermine deuten ob er aufgeregt oder neugierig war. „Denkst du die Legilimentik kann so weit in einen vordringen? Selbst in die Bereiche, die man selber nicht kennt?“
Seine Miene schien gleichgültig.
„Ich weiß, dass die Wahrheit irgendwo in mit drin ist.“, erwiderte Hermine. „Die Legilimentik dringt bis in das Unterbewusstsein eines Menschen. Wo sonst sollten sich die Erinnerungen verstecken? Wenn du den Zauber bei mir anwenden würdest, dann könnten wir vielleicht endlich damit abschließen.“
Sie standen noch immer sehr nahe beieinander, doch nun löste er sich von ihr und trat neben sie an die Brüstung. Der Balkon befand sich an einer Seite des Schlosses, an der ein steiniger Felsabhang hinunter führte. Man konnte in der Ferne eine der Brücken sehen, die an engen Teilen des Sees, der das Schloss umgab, den Abgrund überbrückten. Am Fuße des Schlosses plätscherte das Wasser und die Wellen schlugen gegen die harten Felsen.
„Ich kann Legilimentik.“, sagte er schließlich. „Aber ich habe es noch nicht oft gemacht. Ich müsste etwas üben.“
Hermine zog eine Augenbraue hoch.
„Und an wem?“ Sicher nicht an mir, dachte sie. Sie stellte ihren Kopf zur Auffindung der Erinnerungen bereit, aber sie war doch kein Versuchskaninchen.
„Ach, an irgendwelchen Erstklässlern.“, meinte er nüchtern. „Ich bin Vertrauensschüler, die müssen Respekt vor mir haben.“
„Du bist abscheulich.“, fauchte Hermine. Doch sie war sich fast sicher, aus dem Augenwinkel zu erkennen, wie Malfoy etwas lächelte.
„Ich habe schon etwas darüber nachgedacht und etwas recherchiert.“, fuhr sie schließlich fort und ignorierte die Unterbrechung. „Erinnerst du dich an das eine Mal, als du mich in der Bücherei aufgesucht hast?“
„Ich habe dich oft in der Bücherei aufgesucht.“, warf er ein. „Wo hätte ich dich denn auch sonst finden sollen.“
Sie warf ihm einen wütenden Blick - sicher schon den Hundertsten heute - zu.
„Ich habe auf dem Boden gesessen und in einem Buch geblättert.“
Er überlegte.
„Nein, bei mir klingelts nicht!“
Hermine stöhnte genervt auf.
„Der Tag, an dem wir uns später in dem verlassenem Klassenzimmer im Verwandlungskorridor geküsst haben!“
Seine Miene hellte sich auf.
„Ah. Der Tag. Ja, ich erinnere mich. Wage.“
Hermine verzichtete aus Zeitgründen darauf ihm den hundertundeinsten Todesblick zuzuwerfen und fuhr unbeirrt fort.
„An diesem tag hatte ich die Idee mit der Legilimentik. Ich denke der Spruch wäre am Effektivsten, wenn ich einen Schlaftrank einnehmen würde. Dann würde ich mich nicht einmal unterbewusst wehren können. Der Spruch ist am wirkungsvollstem wenn man schläft.“
Das hatte nicht in den Büchern gestanden, aber sie erinnerte sich noch zu gut an die Träume, die Harry in ihrem fünften Jahr gehabt hatte. Du-weißt-schon-wer war in Harrys Kopf eingedrungen, wenn auch unabsichtlich. Und als Schlafender war man am verletzlichsten.
„Du möchtest also, dass ich Legilimentik an dir anwende, während du schläfst.“, fasste Malfoy ihren Vortrag zusammen.
Hermine nickte.
„Und ich weiß auch schon wo.“, fügte sie hinzu.
Über Malfoys Schulter hinweg konnte sie erkennen, dass die roten Männchen das Quidditchfeld verließen und sich auf den Weg in die Umkleidekabinen machten. Hermine war heilfroh, dass sie hier auf dem Balkon gut versteckt waren. Von dem Schlossgründen sah man nur das beeindruckende Schloss und seine vielen Türme und Winkel.
Harry würde nicht lange brauchen um sich umzuziehen und hoch in die Schule zu gehen.
Hastig wandte sie sich wieder Malfoy zu.
„Triff mich einfach am Mittwoch um halb drei Uhr nachmittags in der Eingangshalle. Ich regele das mit der Karte. Und den Schlaftrank…“
„Ich kann ihn besorgen.“, meinte Malfoy plötzlich. „Ich meine, mein Gemeinschaftsraum ist sowieso in den Kerkern. Ich schleiche mich einfach heimlich in Snapes Vorratsschrank und füll ein bisschen davon ab.“
Hermine nickte erleichtert und doch verwundert über die plötzliche Hilfsbereitschaft. Sie war heilfroh diesen Teil ihres Planes nicht übernehmen zu müssen.
Das Mädchen erhaschte gerade noch, wie die roten Männchen über die Steintreppen durch das Eichenportal gingen.
Zum Abschied küsste sie Malfoy. Vorlaut wollte er seine Zunge zwischen ihren Lippen schieben, doch sie riss sich von ihm los, zwinkerte ihm zu und verschwand.
***
„Ich finde die Idee beschissen.“
„Ron!“
Harry hatte die Karte des Rumtreibers in der Hand. Und schien hin und her gerissen.
„Ron!“, wiederholte Hermine. „Das ist doch wirklich die beste Chance die wir bekommen können.“
„Aber du ganz alleine!“ Ron war außer sich und schien kurz davor, Harry die Karte aus der Hand zu reißen um zu verhindern, dass Hermine sie in die Hände bekam.
„Hermine, Ron hat Recht.“, pflichtete Harry Ron bei. „Wie werden noch so viele Möglichkeiten bekommen.“
„Aber er wird diese Chance nutzen.“, beharrte Hermine. „Wir haben eine Freistunde. Es werden kaum Schüler auf den Gängen sein. Eigentlich so gut wie keine.“
„Seit wann hast du eigentlich Freistunden Hermine?“, fragte Ron misstrauisch. „Ich dachte dein Stundenplan ist so voll mit Fächern, wie dein Koffer mit Büchern.“
Hermine verengte die Augen.
„Seit Professor Vektor mit Grippe im Bett liegt.“, erwiderte sie gereizt. „Außerdem habe ich das Thema in den Sommerferien schon längst durchgearbeitet.“
„Was macht Malfoy eigentlich in Alte Runen?“, murrte Ron weiter. „Dafür ist der doch gar nicht intelligent genug.“
Hermine platze nun endgültig der Kragen.
„Ron, Harry, ihr werdet mich sowieso nicht abhalten können.“, zischte sie und schnappte sich die Karte aus Harrys Händen bevor er sie davon abhalten konnte. „Während ihr auf euren Besen sitzt könnte er im Raum der Wünsche was weiß ich was treiben und ich brauche nun mal die Karte des Rumtreibers um ihn verfolgen zu können.“
Harry murmelte etwas was verdächtig nach ?Du machst es doch auch ohne Karte' klang aber bei Hermines Blick verstummte er schlagartig.
Schließlich wandte sie sich Ron zu, der nichts gehört zu haben schien.
„Ich werde ihn auf der Karte beobachten und sobald er in die Richtung des Raums der Wünsche geht, werde ich ihm folgen.
„Gut.“, antwortete Harry nach kurzen zögern womit er sich einen empörten Blick von Ron einfing. „Aber nimm wenigstens den Tarnumhang mit.“
Hermine stöhnte genervt auf, nahm aber den Umhang, den Harry ihr entgegenstreckte, energisch an sich und verließ anschließend den Jungenschlafsaal.
Professor Vektor war tatsächlich krank, aber er hütete das Bett weniger wegen einer stinknormalen Grippe sondern mehr, wegen ein paar Nasenblut-Nougat, die Hermine ihm während einer Stunde heimlich als Puder in seinen Pfefferminztee geschmuggelt hatte, den er immer auf seinen Pult stehen hatte und in regelmäßigen Abständen trank.
Aus diesem Grund fiel die Stunde für Hermine und auch Malfoy aus und die paar Schüler des sehr unterbesetzten Kurses, würden höchstwahrscheinlich in ihren Gemeinschaftsräumen verschwinden.
So hatte Hermine es geschafft, sich von ihren Freunden loszueisen. Harry hatte Ron schon vor Wochen versprochen mit ihm in einer Freistunde ein bisschen für das nächste Quidditchturnier zu üben und diese Gelegenheit kam Hermine nur zu gut.
Nach Zauberkunst verschwanden Harry und Ron hinunter zum Quidditchfeld. Hermine holte die Karte des Rumtreibers aus ihrem Schlafsaal, stopfte sich den Tarnumhang unter ihren Schulumhang und machte sich auf den Weg in die Eingangshalle.
Sie hatte nicht vor, den Tarnumhang wirklich zu benutzen. Dass Malfoy von der Karte wusste reichte aus, er musste nicht auch noch wissen, dass Harry ihn ohne einen Unsichtbarkeitszauber hätte verfolgen können, ohne, dass er etwas bemerken konnte.
Natürlich hätte sie den Umhang auch in ihrem Schlafsaal hätte lassen können, aber sie wollte nicht dass alles scheiterte, nur weil Harry vielleicht den Umhang sofort zurück verlangen würde und sie ihm gestehen müsste, dass sie ihn nicht dabei hatte.
Hermine ging die Steintreppe hinunter. Die Halle lag verlassen da.
Keine Schüler.
Keine Lehrer.
Nicht einmal Geister.
Und auch kein Malfoy.
Sie durchquerte die Halle. Ihre Schritte hallten laut von den Steinwänden wieder. In der Mitte blieb sie stehen und sah sich um.
Plötzlich löste sich eine Gestalt aus dem dunklen Loch, das als Wendeltreppe zu den Kerkern hinunter führte.
Als sie ihn erkannte, drehte sie sich um und ging die Steintreppe wieder hoch.
Sie beide konnten es sich nicht leisten zusammen entdeckt zu werden. Aus diesem Grund hielt er immer etwas Abstand. Im sechsten Stock wartete sie auf ihn und sie gingen das letzte Stück zusammen.
Während sie die Treppen weiter hinauf stiegen, sah Hermine sich immer hektisch um.
„Harry und Ron sind beim Quidditch.“, sagte sie schließlich ohne ihre suchenden Blicke zu unterbrechen. „Sie werden erst in ungefähr einer Stunde fertig sein. Ich habe mir die Karte von ihm geliehen.“
„Wenn Potter nicht auf die Karte sehen kann, wieso hast du sie dann mitnehmen müssen?“, fragte er während sie den siebten Stock betraten.
„Weil einen Blick auf die Karte zu werfen sicherlich das Erste wäre, was er tun würde, wenn er zurück in seinen Schlafsaal kommt.“
Sie sah aus dem Augenwinkel wie er nickte.
Dann bogen sie schon um eine Ecke. Malfoy blieb wie angewurzelt stehen.
„Du willst doch nicht-“, fragte er fassungslos.
Hermine ignorierte ihn und ging einfach weiter. An der richtigen Wand blieb sie stehen und schloss die Augen.
Während sie drei Mal auf und ab ging hörte sie wie Malfoy hinter zischte: „Der Raum der Wünsche? Ernsthaft? Was Besseres ist dir nicht eingefallen?“
Vor ihnen bildete sich eine Tür in dem Stein.
Ohne zu zögern schlüpfte Hermine in den Raum. Nach kurzem Zögern folgte ihr auch Malfoy.
Natürlich hatte Hermine schon oft überlegt den Raum auch als ihren geheimen Treffpunkt zu nutzen aber sie wusste schließlich, wie oft Harry hier herkam um herauszufinden was Malfoy in den Raum der Wünsche heimlich alleine trieb. Und oft genug starrte er auch auf der Karte des Rumtreibers auf diesen einen Fleck, wo Malfoy so oft einfach verschwand.
Hermine hatte nicht vergessen, das Malfoy auch ein Geheimnis zu haben schien. Aber sie hatte genug eigene Probleme, da konnte sie sich nicht auch noch den Malfoys und Harrys widmen.
Der Raum war einigermaßen klein. Von drei großen Fenstern fiel viel Licht herein. Genau in der Mitte lag eine Matratze. Die Wände sowie der Boden waren aus grauem Stein und unter der Matratze war ein roter Teppich ausgelegt. Die Wände jedoch waren kahl. Hermine war froh, dass es keine Gemälde gab, die sie beobachten konnten.
„Das ist der Raum der Wünsche.“, murrte Malfoy hinter ihr. „Hättest du dir da nicht etwas…ich weiß nicht…nobleres wünschen können?“
Ohne zu antworten ging Hermine zu der Matratze und lies sich darauf nieder.
Sie fuhr zusammen, als sie plötzlich links von sich ein Geräusch vernahm.
„Wieso zum Teufel brauchst du jetzt einen Kamin?“, fragte Hermine genervt. Neben ihr war in der Wand ein Kamin mit brennenden Holzscheiten aufgetaucht. Der Raum erfüllte einem jeden Wunsch, den man dachte.
„Mir ist kalt!“, erwiderte er.
„Es ist Mai.“
Darauf antwortet er nichts mehr sondern ließ sich neben ihr auf der Matratze nieder.
Ohne Vorwarnung wälzte er sich plötzlich zur Seite und rollte Hermine unter sich. Sie keuchte als sie den Druck seines Körpers über sich spürte. Sein Gesicht war nur ein paar Zentimeter von dem ihren entfernt.
Heute war einer dieser Tage, an denen er nicht zärtlich war. Einer dieser Tage, an denen er sie einfach zu brauchen schien. Oder ihren Körper. Es war seltsam, aber selbst nach dieser langen Zeit wusste sie nicht mehr über ihn als vor der Partynacht. Sie war nicht mehr so gehemmt. Sie fühlte sich in seiner Nähe- seltsamerweise- wohl. Aber sie wusste rein gar nichts über ihn und er war immer noch genauso schwer einzuschätzen wie davor.
Ihre Beziehung war egoistisch und zwar von vorne bis hinten. Auch Hermine brauchte ihn. Sie wollte ihn und nahm in sich, wenn sie es ohne ihn nicht aushielt.
Keiner von beiden schien viel auf den anderen zu achten. Sie war für ihn da, wenn er sie brauchte und er für sie, wenn sie ihn brauchte. Ganz einfach.
Hermine hob ihren Kopf leicht an und küsste ihn leidenschaftlich. Nach ein paar Sekunden unterbrach er den Kuss und löste seine Lippen von ihr. Dann fuhren sie an ihrem Hals entlang, bedeckten ihn mit Küssen und strichen weiter über ihren Körper. Als er ihren Schulumhang aufknöpfte und drauf und dran war sie auch von ihrer Bluse zu befreien, stoppte sie Draco.
„Malfoy.“, stöhnte sie.
Er gab einen undefinierbaren Laut von sich und knöpfte ihre Bluse auf.
„Malfoy.“, umständlich rollte sie sich unter ihm weg. „Wir sind nicht dafür hier.“
Sie griff in seinen Schulumhang und drückte ihm seinen Zauberstab in die Hand.
Mit einem genervten Stöhnen rutschte er von der Matratze und lies sich auf dem Teppich direkt neben Hermines Kopf nieder. Gleichzeitig holte er ein Reagenzglas mit einer blauen Flüssigkeit hervor: der gestohlene Schlaftrunk. Er drückte ihn ihr in die Hand.
Das Mädchen hatte sich auf einem Arm hochgestützt und sah ihn etwas ängstlich an.
Schließlich holte sie tief Luft.
„Hol uns unsere Vergangenheit wieder!“, flüsterte sie und leerte das Reagenzglas in einem Zug.
Fast augenblicklich fiel sie in einen tiefen Schlaf.
***
Als sie aufwachte, war der Raum nicht mehr mit Sonnenstrahlen durchflutet. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel gefärbt und nur das Flackern des Feuers warf ein unregelmäßiges Licht auf die kahlen Wände. Langsam stützte sie sich auf ihre Ellbogen und sah sich in dem Raum um. Sie war ganz alleine. Er war nicht mehr da. Es verwirrte sie etwas, dass er einfach so gegangen war und sie nicht aufgeweckt hatte.
Nahm man den Schlaftrunk ein, so konnte man durch laute Stimmen oder andere Störungen aufwachen. Wieso war er einfach gegangen?
Hermine war zu erschöpft um sich noch länger über ihn Gedanken zu machen. Vor dem Fenster blitze es, fast augenblicklich folgte mit einem ohrenbetäubenden Krachen der Donner.
Das war es wahrscheinlich was sie aufgeweckt hatte. Erschöpft viel sie zurück auf die karge Matratze und schlief wieder ein.
Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, war es schon hell. Hermine war sofort wach. Der Schlaftrunk hatte volle Arbeit geleistet. Sie hatte ohne einen Traum, tief und fest geschlafen und war ausgeruht wie schon lange nicht mehr.
Das Mädchen fuhr erschrocken hoch. Es war Mittwoch und sie hatte Unterricht! Draußen war es schon hell. Es konnte neun, aber ebenso zwölf oder vier Uhr sein. Die Wolken bedeckten die Sonne und dämmten sie, sodass sie den ganzen Tag mit der gleichen Intensität schien. Der Raum war stickig und heiß, denn das Holz in dem Kamin hatte nicht aufgehört zu brennen (Hermine hatte es sich ja auch nicht ausdrücklich gewünscht).
Hermine verließ den Raum so schnell sie konnte. Im Rennen knöpfte sie sich ihre Bluse wider zu und rückte ihren Schulumhang zurecht.
Sie hetzte die Gänge entlang zur großen Halle. Vielleicht hatte sie Glück. Vielleicht war es ja doch noch morgens und die anderen frühstückten gerade.
Hermine rannte eine Treppe hinunter und hetzte durch den sechsten Stock. Vielleicht würde sie einen Geist finden, der sie aufklären konnte. Verdammt! Wenn sie wegen diesem verfluchtem Mist jetzt Unterricht verpasste…
Im Vorbeigehen sah sie in jede Tür, jede Nische jeden Nebenkorridor, auf der Suche nach dem Kopflosen Nick.
Sie lief gerade an einer geöffneten Tür vorbei, da blieb sie abrupt stehen. Sie lief die paar Schritte wieder zurück und betrat das Bad im sechsten Stock.
Dort stand er, angelehnt gegen eines der Waschbecken und auf die weißen Fließen vor sich starrend.
Hermine musste lächeln. Sie war so gespannt was er ihr erzählen würde. Was war nur in dieser Nacht alles passiert? Wie war ihr Kind entstanden? Heute würde sie abschließen können. Endlich alles wissen. Endlich wieder nur in die Zukunft blicken.
Er sah nicht auf, als sie an ihn herantrat, aber er musste sie aus dem Augenwinkel kommen sehen haben, denn er versteifte sich merklich als sie vor ihm zum Stehen kam.
Sie stand vielleicht einen Meter von ihm entfernt, traute sich nicht näher heran zu treten, aus Angst vor dem Jungen, der ihr gegenüber so unberechenbar war.
„Scheiße, Granger!“ Er sah plötzlich hoch und Hermine schrak vor seinem wütenden und verratenen Blick zurück.
„Wieso?“, spie er aus. „Wieso verdammt noch mal musstest du mich anlügen?“
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