
von CatBlack
Vielen, vielen Dank an BlacksLady und cucciola36 für die lieben Kommentare! Ich hab mich ehrlich sehr darüber gefreut :)
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Zufrieden lag Adrian auf dem Rücken in seinem Bett und beobachtete durch das Fenster, wie die Morgenröte sich langsam über den wolkenlosen Himmel zog. Dieser Tag versprach perfekt zu werden – genauso perfekt, wie die vorangegangene Nacht. Auf den zweiten Anlauf hatte alles geklappt und das hatte für ein gehöriges Maß an Erleichterung bei Adrian gesorgt. Ansonsten hätte er seinen männlichen Stolz wohl erst zu einer Therapie schicken müssen, bevor er auch nur wieder an Sex hätte denken können. Aber nun gut, dieser Fall war ja glücklicherweise nicht eingetroffen. Doch etwas trübte den Moment der Glückseligkeit.
Katie hatte den Kopf auf seiner Brust gebettet und schlief friedlich, während Adrian seine Finger immer wieder über ihren nackten Rücken tanzen ließ. Er selbst hätte auch zu gerne geschlafen und genau genommen war er sogar hundemüde, doch das Land der Träume – oder wohl eher das Land der Albträume – wollte er in Katies Anwesenheit lieber nicht aufsuchen. Denn selbst wenn er sie nicht wecken würde, würde es doch mit Sicherheit alles andere als attraktiv wirken, wenn sie ihn kotzend über der Kloschüssel sehen würde. Nicht, dass dieser Fall unbedingt eintreten musste, aber sicher war sicher. Zumal er nach der Neuigkeit, dass Marcus eine Anhörung bekam, nicht daran zweifelte, dass sein Unterbewusstsein ihn damit konfrontieren würde, sobald er eingeschlafen wäre. Wenn er doch nur nicht so verdammt müde wäre! Und dass Katies warmer Körper sich an seinen schmiegte und ihre ruhige Atmung eine geradezu einschläfernde Wirkung auf ihn hatte, half auch nicht gerade dabei, wach zu bleiben.
Adrian gähnte und versuchte krampfhaft, die Augen offen zu halten. Natürlich hätte er auch aufstehen und sich einen Kaffee machen können, doch er wollte Katie nicht wecken – zumal es sich wirklich gut anfühlte, wie sie in seinem Arm lag. Vielleicht sollte er Ruby bitten, ihm eine Kanne Kaffee zu kochen, doch auch sie wollte er nicht so früh aus dem Schlaf reißen. Denn auch wenn sie sich wohl kaum darüber beschweren, sondern sicherlich sogar Luftsprünge machen würde, wollte Adrian seine Bedienstete nicht so behandeln. Schließlich hatten auch Hauselfen ein Recht auf ein paar ungestörte Stunden.
Seine Glieder fühlten sich bleiern an und seine Augen brannten vor Müdigkeit. Er musste immer heftiger blinzeln, um die angestaute Tränenflüssigkeit auch zu verteilen und es fiel ihm zunehmend schwerer, die Augen nach jedem Wimpernschlag wieder zu öffnen. Nicht einschlafen, Adrian – mahnte er sich selbst. Nicht einschlafen, nicht einschlafen, nicht einschlafen…
Er fliegt auf seinem Besen über die Ländereien von Hogwarts und bestaunt den Schwarzen See, der friedlich in den grünen Wiesen eingebettet daliegt und im Sonnenlicht glitzert. „Hey, Adrian! Fang!“ Er dreht sich zu Marcus um, der dich hinter ihm fliegt, und kriegt den heransausenden Quaffel gerade noch zu fassen. Leider verliert er dabei kurz das Gleichgewicht und strauchelt mit seinem Besen. „Du bist so ´ne Pussy, Adrian!“ Während sein bester Freund ihn auslacht, jagt dieser ihm den Quaffel ab und rauscht in Richtung des Verbotenen Waldes davon. Sofort nimmt er die Verfolgung auf – schließlich kann er das auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Kurz vor den ersten Baumwipfeln hat er Marcus eingeholt, nutzt das Überraschungsmoment aus und schnappt sich den Quaffel. Er macht eine halsbrecherische Kehrtwende und rast wieder zum See zurück. Nun ist es an ihm zu lachen. Die Sonne blendet ihn und er muss die Augen zusammenkneifen, um noch etwas erkennen zu können – doch trotzdem gelingt es ihm bei aller Anstrengung nicht, seine Umgebung zu fixieren. Seine Umwelt verschwimmt immer weiter, sämtliche Umrisse lösen sich immer mehr auf und er verliert die Orientierung in einem dichten Nebel, während sein Lachen verklingt….
…Er liegt auf dem Boden im Wohnzimmer seiner Eltern und sein Körper zuckt vor Schmerzen. Seine Muskulatur krampft sich unter Höllenqualen zusammen, siedend heiße Blitze jagen durch seine Nervenbahnen bis in die letzte Zelle. Ein salzig metallener Geschmack breitet sich in seinem Mund aus – er hat sich wohl auf die Zunge gebissen, ohne es zu bemerken. Aber das ist ihm egal. Er will nur, dass es aufhört; dass es sich nicht mehr anfühlt, als ob ihm die Organe mit brennendem Stahl ausgeweidet werden; dass es sich nicht mehr anfühlt, als würde man ihm das Fleisch von den Knochen reißen. Er kneift die Augen zusammen und versucht, seine Lungen mit Luft zu füllen – seine Lungen, die ihm den Dienst verweigern, ihn sogar verweigern müssen, weil sich sein Zwerchfell unter den Schmerzen so verkrampft, dass einatmen einfach nicht mehr im Bereich des Möglichen ist. Mach, dass es aufhört! – fleht er innerlich, doch er hat nicht die Kraft, diesen Wunsch auch laut auszusprechen. Dabei will er doch einfach nur, dass es vorbei ist – und wenn er dafür jetzt hier sofort und auf der Stelle sterben muss. Das wäre ihm egal, Hauptsache diese Qual hat ein Ende. Gerade als der Sauerstoffmangel und die Schmerzen ihn zu übermannen drohen, eine schummrige Schwärze sich um ihn legen will, verstummt das Geschrei seiner Glieder. Hektisch schnappt er nach Luft, wagt es aber dennoch nicht, die Augen zu öffnen. „Hast du deine Lektion gelernt?“ – fragt die eiskalte Stimme seines Vaters. Ja, das hat er – die Ansichten seiner Familie sind niemals in Frage zu stellen. Er ist nur zu einem schwachen Nicken imstande, bevor ihn die befreiende Ohnmacht umhüllt….
„…die magische Welt von jeglichem Abschaum zu reinigen.“ Der Dunkle Lord beendet seine Ansprache und sieht ihn und Marcus aus seinen roten Schlitzaugen erwartungsheischend an. Er hat panische Angst, kann gerade noch so das Zittern seiner Muskulatur in Zaum halten. Ein Seitenblick zu Marcus verrät ihm, dass es diesem ähnlich gehen muss, auch wenn er seine Mimik perfekt im Griff hat – zu perfekt. Sein linker Unterarm brennt höllisch und der Geruch von verbranntem Fleisch steigt ihm in die Nase. Er sieht sich das „Werk“ des Dunklen Lords lieber nicht an, denn er möchte gar nicht wissen, was sein Arm für einen Anblick bietet. Die physischen Schmerzen und das Wissen, dass er gerade seine Freiheit verloren hat und zu Marionette eines Psychopathen geworden ist, reicht auch schon, um das Bedürfnis zu wecken, sich augenblicklich übergeben zu wollen. Da muss er den Beweis dessen, was er ab heute sein wird, nicht auch noch mit seinen eigenen Augen sehen. Ab heute heißt es: Töte oder stirb selbst….
…Grüne und rote Lichtblitze erhellen die sternenklare Winternacht. Panische Schreie und ängstliches Wimmern durchbrechen die nächtliche Stille. Leblose Körper fallen auf den Boden. Ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren sieht ihn aus schreckensgeweiteten braunen Augen an. Ihre Unterlippe bebt und sie zittert am ganzen Körper. „Bitte nicht.“ – fleht sie und die ersten Tränen rinnen über ihre Wangen. Sein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen und ihm wird übel. Er will das nicht tun, aber er muss. Wenn sie nicht stirbt, dann stirbt er. Der Dunkle Lord kennt keine Gnade, kennt kein Mitgefühl. Sein Meister wird ihn umbringen, wenn er seine Befehle missachtet. Und der Befehl lautet: Keine Überlebenden! Er hat also keine andere Wahl, wenn er den nächsten Morgen erleben will. Bei dem Anblick, den das Mädchen bietet, und dem Wissen um das, was er gleich tun wird, muss er einen Würgereiz unterdrücken. „Adrian?“ Er hasst sich selbst für sein mangelndes Rückgrat, hasst sich für seine eigene Angst, wünscht sich mehr Mut. Doch er ist nicht mutig, das war er noch nie. Das Mädchen fällt auf die Knie und beginnt bitterlich zu weinen. Sie schlingt die Arme um ihren Oberkörper, wiegt sich selbst vor und zurück. In den braunen Augen schwimmen die Tränen und dennoch hält sie ihren Blick starr auf ihn gerichtet. Saure Galle stößt ihm auf und er schluckt krampfhaft. „Wach auf!“ Seine Hand zittert leicht und eine Eiseskälte kriecht durch seinen Körper, eine Kälte, die nichts mit den klirrenden Temperaturen zu tun hat. Er spielt mit dem Gedanken, das Mädchen laufen zu lassen. Vielleicht kann er ihr zur Flucht verhelfen. Er weiß nur nicht, wie er das bewerkstelligen soll… In diesem Moment beginnt sein linker Unterarm zu brennen, geht beinahe in Flammen auf. Er muss weg. Jetzt gleich. „Adrian!“ Er kann ihr nicht helfen. „Bitte.“ – wimmert das Mädchen und diese braunen Augen bohren sich in seine. „Es tut mir leid.“ – flüstert er und hebt seinen Zauberstab. Der Todesfluch verfehlt sein Ziel nicht und haucht ihr jedes Leben aus. Mit einem dumpfen Knall schlägt der kleine Kinderkörper auf der gefrorenen Erde auf. In ihren leblosen Augen spiegelt sich der Sternenhimmel und eine letzte Träne bahnt sich einen Weg über ihre Wange. „Verdammt, Pucey! Wach auf!“
Adrian fuhr hoch, sah sich hektisch atmend um und blickte dann in ein Paar…braune Augen. Das blanke Entsetzen packte ihn und er wich erschrocken zurück, so dass er sich keine Sekunde später auf dem Boden seines Schlafzimmers wiederfand. Vermutlich hätte der Aufprall wehtun sollen, doch er spürte keinen Schmerz. Wie hypnotisiert starrte er in diese braunen Augen, die ihm zu folgen schienen.
„Adrian?“ Katie lugte vorsichtig über die Kante des Bettes. „Alles in Ordnung?“ Für diese Frage hätte sie sich am liebsten selbst eine schallende Ohrfeige verpasst. Offensichtlich war nichts in Ordnung. Adrian saß zitternd auf dem Boden und wirkte, wie ein gejagtes Tier. Seine Augen waren geweitet und von seiner Stirn tropften Schweißperlen auf seine ebenso nasse, sich schnell hebend und senkende Brust. Und zudem sah er sie an, als wäre sie sein menschgewordener Albtraum, so panisch wirkte sein Blick.
„Ja, entschuldige.“ – sagte Adrian schließlich heiser und wischte sich in einer fahrigen Bewegung über sein Gesicht. „Geht gleich wieder.“ Das hoffte er zumindest. Aber immerhin schien sein Magen seinen Inhalt bei sich zu behalten, auch wenn ihm übel und schwindlig war. Es war nur ein Traum – versuchte er sich einzureden. Nur ein Traum…der aber leider sehr viel mit der Realität gemeinsam hatte. Dieses Echo seiner Vergangenheit konnte er leider nicht als bloßen Auswuchs seiner Fantasie abtuen – auch Katie gegenüber nicht. Er musste hier weg – und zwar schleunigst!
Schnell sprang er auf die Beine. „Ich geh kurz duschen. Bin gleich wieder da.“ Ohne Katie Zeit für eine Erwiderung zu lassen, verließ er raschen Schrittes sein Schlafzimmer. Im Badezimmer angekommen drehte Adrian das Wasser in der Dusche auf und stellte sich darunter, bevor es eine angenehme Temperatur erreicht hatte. Aber das war ihm egal. Er wollte lediglich diesen Angstschweiß loswerden und sich abermals darüber klar werden, dass es nur ein Traum gewesen war. Doch eine leise Stimme sagte ihm, dass es eben nicht nur ein Traum gewesen war. Das alles hatte er wirklich erlebt und das alles zeichnete ihn als den Mensch aus, der er nun mal war – oder viel eher als das rückgratlose Monster, das er war.
Wie hatte er so egoistisch sein und glauben können, dass er eine Beziehung mit Katie führen konnte? Mit der Katie, die so hilfsbereit, aufrichtig, mutig und loyal war? Mit der Katie, die ein so viel besserer Mensch war, als er jemals sein würde? Mit der Katie, die richtig von falsch unterscheiden konnte? Das war einfach nicht möglich. Er hatte wirklich gedacht, dass er seine Vergangenheit hinter sich lassen konnte, doch da hatte er falsch gedacht. Das funktionierte einfach nicht und das würde es nie. Nicht, dass er diese Beziehung nicht wollte – ganz im Gegenteil sogar! -, aber er konnte ihr einfach nichts bieten. Nichts, außer seiner kaputten Psyche, seiner verabscheuenswürdigen Persönlichkeit und seiner unverzeihlichen Vergangenheit. Sie hatte jemand Besseres verdient – eindeutig! Jemanden, der ihr mehr als ein Leben am Rande der Gesellschaft geben konnte. Jemanden, für den sie sich nicht schämen musste. Einfach jemanden, der sein Leben nicht so grandios an die Wand gefahren hatte – und nun die Konsequenzen tragen musste.
Nachdem Adrian aus der Dusche gestiegen war und sich ein Handtuch um die Hüften geschlungen hatte, betrachtete er sein Spiegelbild. Zweidimensional, ohne jeden Tiefgang und ohne jegliche Substanz. Er war ein nichts und ein niemand und daran würde sich auch nichts ändern. Wie sollte er ihr so etwas zumuten können, ohne dabei an seinem – sowieso schon übergroßen – schlechten Gewissen einzugehen? Die Wahrheit war ganz simpel: Gar nicht.
„Das war aber ein langes ich geh kurz duschen.“ – sagte Katie, nachdem sie eine Weile im Türrahmen gelehnt und Adrian beobachtet hatte. Er sah – gelinde ausgedrückt – beschissen aus. Allerdings wunderte sie das nicht weiter in Anbetracht der Tatsache, dass er wohl einen wirklich heftigen Albtraum gehabt hatte. Das war nämlich geradezu offensichtlich gewesen – um das zu wissen, musste sie nicht hellsehen können. Am liebsten hätte sie ihn wie ein kleines Kind in den Arm genommen und ihm gesagt, dass alles wieder gut werden würde. Doch erstens wäre das eine Lüge, da für Adrian wohl nichts so schnell wieder in Ordnung kommen würde, und zweitens glaubte sie nicht, dass er das zulassen würde.
„Ich musste kurz meine Gedanken sortieren.“ – erwiderte er, ohne sich zu ihr umzudrehen.
„Willst du darüber reden?“
„Reden ja… Aber nicht darüber, sondern über etwas anderes.“ Nun wandte er sich ihr doch zu und stütze sich rücklings mit den Händen am Waschbecken ab. Seine Gesichtszüge wirkten hart und das ließ Katie nichts Gutes ahnen.
„Über was?“ – fragte sie, obwohl sie die Antwort eigentlich gar nicht hören wollte, und zupfte nervös an dem Saum von Adrians Shirt herum, das sie erneut übergezogen hatte.
„Über uns.“ Seine saphirblauen Augen wirkten leer, als er monoton fortfuhr. „Es tut mir leid, aber das mit uns kann nicht funktionieren. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, aber mir ist klar geworden, dass…“
Katie dachte, sie hätte sich verhört. Sie sah, wie sich sein Mund bewegte, konnte die Bedeutung seiner Worte aber nicht greifen. Sie spürte lediglich, wie eine kalte Taubheit Besitz von ihr ergriff.
„Das ist doch wohl ein schlechter Scherz, oder?“ – unterbrach sie Adrian fauchend. „Machst du wirklich gerade Schluss mit mir?! Nachdem du mit mir geschlafen hast?! Was ist das denn für eine linke Nummer, Pucey?!“
Für einen kurzen Moment war Adrian geschockt aufgrund ihres Wutausbruchs. Katie hatte offensichtlich alles falsch verstanden. „Katie, so ist das nicht. Ich…“ Doch sie ließ ihn überhaupt nicht ausreden.
„Nein!? Also war das nicht nur die Herausforderung, mich ins Bett zu kriegen?!“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn aus ihren haselnussbraunen Augen wütend an. „Tut mir leid, aber genau so kommt es gerade bei mir an! Was spielst du für ein verdammtes Spiel, Pucey?! Wozu hast du dir dann die Mühe gemacht, dich mit mir anzufreunden, wenn du mich jetzt einfach fallen lassen willst?! Verdammt, ich hätte es echt besser wissen sollen! Wie konnte ich nur so naiv sein und glauben, nicht alle Slytherins wären gleich?! Sorry, mein Fehler, dass ich nicht gesehen habe, was für eine hinterlistige Schlange du wirklich bist!“
„Verflucht nochmal, Katie, so ist das nicht!“ – donnerte Adrian und ging schnell auf sie zu, bis er direkt vor ihr stand und auf sie herabsah. „Ich mag dich! Mehr sogar! Ich bin dir völlig unwiderruflich verfallen!“
„Toll!“ – schnaubte Katie. „Wo ist dann das Problem?!“
„Ich bin das Problem!“ Adrian warf die Arme in die Luft, sah an sich selbst hinunter und fixierte dann wieder Katie. „Ich bin nicht das, was du verdient hast und ich werde es auch nie sein können.“ – sagte er leise. „Ich kann dir nichts bieten, außer einem Leben als verhasster Außenseiter. Bei Merlin, deine Freunde werden das nie akzeptieren! Deine Familie wird es nie akzeptieren! Niemand wird es akzeptieren! Du willst doch nicht ernsthaft jedes Mal komisch angeschaut werden, wenn du dich mit mir in der Öffentlichkeit zeigst, oder? Das ist dir vielleicht jetzt nicht klar, aber das geht einem irgendwann ganz schön an die Substanz. Und das will ich einfach nicht für dich.“
Jetzt ging Katie ein Licht auf – und das machte sie nur noch wütender. „Wage es ja nicht, meine Entscheidungen für mich zu treffen, Pucey!“ – zischte sie und bohrte ihm ihren Zeigefinger in die Brust. „Glaubst du, ich weiß nicht, auf was ich mich mit dir einlasse? Ich bin nicht blöd, aber ich weiß ganz genau, was ich will und ich steh auch dazu! Also hör auf mit deiner Märtyrer-Scheiße! Das ist einfach nur dumm und feige und sonst gar nichts!“
Am liebsten hätte Adrian sie gepackt und einmal kräftig durchgeschüttelt. Langsam stieß er die Luft zwischen den Zähnen aus. „Verdammt, ich bin ein Mörder, Bell.“ – knurrte er. „Ein verfluchter Mörder! Das ist nichts, was irgendwann vorbei geht, oder was irgendjemand jemals vergessen kann – am allerwenigsten ich selbst!“
„Na, und?!“ – fauchte Katie und raufte sich ihre Locken. „Glaubst du, das wusste ich bis jetzt nicht? Ich sag es dir jetzt noch einmal: ICH BIN NICHT BLÖD! Und weißt du noch was? Ich bin nicht besser als du! Ich hab im Widerstand gekämpft! Ich war in der Schlacht von Hogwarts dabei! Ich hab auch getötet!“
„Das ist nicht dasselbe!“ – schnaubte Adrian und senkte dann den Blick. „Du hast auf der richtigen Seite gekämpft und du hast getötet, um dich zu verteidigen. Das ist…etwas anderes.“ Seine Stimme klang auf einmal brüchig und wie aus dem nichts flammte Katies Mitgefühl wieder auf. „Du hast aus Notwehr gehandelt. Ich hab…gemordet. Ich hab Unschuldige getötet, weil sie kein reines Blut hatten, oder um ein Exempel zu statuieren – einfach, weil es mir befohlen wurde. Ich hab sogar Kinder umgebracht, Katie! Menschen, die keine Wahl hatten und die keinerlei Stellung in diesem Krieg bezogen hatten. Das kannst du einfach nicht vergleichen.“ Er sah ihr direkt in die Augen und er wirkte auf einmal so verzweifelt und verletzlich, wie sie ihn noch nie zuvor erlebt hatte. „Und vielleicht glaubst du jetzt, dass du damit klar kommst, aber irgendwann wirst du damit nicht mehr leben können – wirst du mit mir nicht mehr leben können, Katie… Aber selbst wenn du darüber hinwegsehen könntest, werden wir nie so etwas wie eine normale Beziehung führen können. Ich mein, schau mich an! Ich bin ein psychisches Wrack! Ich schlafe keine einzige Nacht durch… Und heute ist es noch glimpflich ausgegangen – in 90% der Fälle endet es damit, dass ich mir die Seele aus dem Leib kotze. Das kann ich dir einfach nicht zumuten… Ich kann dir kein bisschen Normalität bieten und ich hätte das vorher wissen müssen. Es tut mir wirklich leid, ich hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen.“ Nachdem Adrian geendet hatte, vergrub er das Gesicht in den Händen und seufzte. So ehrlich war er noch nie zu Katie gewesen, aber vermutlich brauchte sie genau diese Ehrlichkeit, damit sie der Wahrheit endlich in ihr hässliches Gesicht sah – und damit auch die Wahrheit über ihn erkannte.
„Bist du jetzt fertig damit, dich selbst runter zu machen?“ – fragte Katie unbeeindruckt, bemühte sich dabei aber um einen sanften Tonfall. „Darf ich also auch mal was dazu sagen?“
Adrian nickte lediglich. Er fühlte sich auf einmal müde, leer und ausgelaugt. Er hatte einfach keine Kraft, noch gegen Katie anzureden.
„Entscheide bitte nicht für mich, was ich mir zumuten kann.“ – sagte sie leise und legte ihm eine Hand an die Wange. „Mir ist klar, dass deine Vergangenheit nicht spurlos an dir vorbei geht – das kann sie gar nicht. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern es macht dich lediglich menschlich. Und ich kann damit umgehen – glaub und vertrau mir einfach. Selbst wenn du regelmäßig kotzend über der Kloschüssel hängst und ständig Albträume hast. Ehrlich gesagt würde es mir mehr Sorgen bereiten, wenn es nicht so wäre. Du bist kein schlechter Mensch. Ich weiß das schon lange und du wirst es auch irgendwann erkennen. Du musst nur endlich aufhören, dich selbst zu verurteilen. Du musst dir nur selbst verzeihen – alle anderen sind doch egal. Das ist ein langer und harter Weg, aber du musst ihn nicht alleine gehen. Also tu uns beiden einen Gefallen und schließ mich nicht aus. Vor allem aber denke nicht für mich – dabei kommt ja offensichtlich nur Schwachsinn raus.“ Bei ihren letzten Worten lächelte sie ihn aufmunternd an.
Fassungslos starrte Adrian sie an. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit – andererseits hätte ihn seine Erfahrung wohl eines Besseren belehren sollen. Katie hatte ihn schließlich schon mehr als einmal mit ihrer warmherzigen Art überrascht. Und dennoch konnte er einfach nicht glauben, dass diese wunderbare Frau tatsächlich mit ihm zusammen sein wollte. Das ging einfach nicht in seinen Kopf – vor allem nicht nach dem, was er ihr gerade erzählt und nachdem er zuvor diese Albträume gehabt hatte. Er hätte es eher verstanden, wenn sie die Beine in die Hand genommen und die Flucht ergriffen hätte. Aber nein, sie stand hier vor ihm wie ein Fels in der Brandung, der jedem noch so großen Sturm trotzte und sich niemals von den Gezeiten in die Knie zwingen lassen würde.
„Komm schon, Pucey, wir gehen wieder ins Bett.“ – meinte Katie, griff nach Adrians Hand und zog ihn einfach hinter sich her. „Dann erzähl ich dir mal von meinen Schlafproblemen.“
„Du hast Schlafprobleme?“ – fragte Adrian verwundert, während er widerstandslos hinter ihr her trottete.
Katie schüttelte den Kopf, als sie sich in sein Bett fallen ließ. „Nein, nicht mehr… Aber ich hatte mal welche.“
„Aha.“ Adrian stand unschlüssig vor seinem Bett, woraufhin Katie mit den Augen rollte und neben sich auf die Matratze klopfte. „Na, los, Pucey. Ich komm mir echt bescheuert vor, wenn du da so rumstehst, während ich dir was erzählen möchte.“
„Aber es ist bestimmt schon fast Mittag.“ – sagte er nach einem Blick aus dem Fenster, der ihm gezeigt hatte, dass die Sonne inzwischen sehr hoch am Himmel stand.
„Na und?“ – erwiderte Katie schulterzuckend. „Stell dich nicht so an. Wenn du mich später immer noch loswerden willst, kannst du mich getrost vor die Tür setzen.“
„Ich will dich doch nicht loswerden, Katie.“ – seufzte Adrian und strich sich durch seine dunkelblonden Haare, die noch feucht waren von der Dusche.
Sie lächelte ihn zuckersüß an. „Umso besser – dann hast du ja erst recht keinen Grund, nicht wieder ins Bett zu kommen.“
Abermals seufzend legte Adrian sich neben Katie auf den Rücken, beschränkte sich aber darauf, die Decke anzustarren.
Sie verdrehte innerlich die Augen über seine abweisende Haltung. Hätten sie gerade eben nicht diesen – durchaus aufschlussreichen – Streit gehabt, hätte sie sein Verhalten verletzt, doch jetzt vermutete sie, dass es sich dabei lediglich um Selbstschutz handelte. Er würde schon noch lernen, dass er sich vor ihr nicht verstecken musste – davon war Katie überzeugt.
„Weißt du, wieso ich nach der Schule mit Lee zusammen gezogen bin?“ – fragte Katie, da sie schließlich irgendwo anfangen musste.
Als Adrian einfach nur den Kopf schüttelte, fuhr sie fort. „Weil ich Angst davor hatte, alleine zu sein – auch nach dem Krieg noch.“ Das ließ Adrian aufhorchen und nun wandte er seinen Blick doch ihr zu. „Ich bin ja ein Halbblut und auch noch Muggel-Sympathisantin – damit stand ich einfach auf der Abschussliste der Todesser ganz oben. Wie auch immer, nachdem Fred und viele andere, die ich kannte, gestorben sind, konnte ich einfach nicht mehr alleine sein. Es war…“ Sie stockte kurz, räusperte sich dann aber. „…als ob die Wände näher kommen, sobald niemand bei mir war – dann war einfach alles bedrohlich… Ich war in dieser Zeit wahnsinnig antriebslos und teilweise sogar zu feige, um ganz alltägliche Dinge, wie in den Supermarkt gehen, zu erledigen… Und ich hatte Albträume – hab sie manchmal immer noch… Naja, letztendlich hab ich fast ein Jahr lang jede Nacht bei Lee im Bett geschlafen, damit ich überhaupt schlafen konnte, damit ich mich halbwegs sicher gefühlt habe.“ Bei der Erinnerung daran musste sie unwillkürlich leise lachen. „Lee hat ganz schön was mitgemacht in der Zeit – vor allem sein Liebesleben hat sehr darunter gelitten. Aber egal, auf jeden Fall hab ich das auch in den Griff gekriegt. Es hat zwar gedauert, aber es wurde konstant immer besser und seit vier Jahren ist das alles nur noch ein unschöner Fleck in meinem Lebenslauf.“ Sie drehte sich auf die Seite, stützte sich auf dem Ellbogen ab und sah Adrian in die saphirblauen Augen. „Das heißt nicht, dass es mich nicht ab und an einholt. Und bei dir ist das natürlich auch noch eine ganz andere Hausnummer, aber was ich dir damit sagen will, ist, dass ich dich durchaus verstehen kann und dass du da nicht alleine durch musst. Ich denke nicht, dass du ein psychisches Wrack bist. Du hast einfach nur eine Menge zu verarbeiten. Aber das allerwichtigste ist, dass mir deine Vergangenheit egal ist. Ich will dich so, wie du bist, mit all deinen schlechten Seiten und deinen guten Eigenschaften. Ich will das komplette Paket. Also schieb mich bitte nur dann von dir weg, wenn du mich nicht willst. Wenn du mich nämlich einfach nur beschützen willst – vor was auch immer -, dann lass es. Bitte. Das würde mich mehr verletzen, als alles andere, womit du aufwarten könntest.“
Adrian spielte geistesabwesend mit einer ihrer honigblonden Locken. Nachdem Katie geendet hatte, rasten seine Gedanken. Er wägte für und wider ab und kam zu dem Schluss, dass er einfach nicht gut genug für diese Frau war – das sagte ihm zumindest sein Verstand. Doch sein Herz wollte etwas ganz anderes. Es würde ihn umbringen, wenn er Katie wegschicken würde. Die Fassade seiner Vernunft bröckelte und die Mauer um ihn herum, die aus den vielen Gründen bestand, weshalb sie keine Beziehung miteinander führen sollten, bekam Risse.
„Adrian?“ – fragte Katie unsicher. „Kannst du bitte irgendetwas machen oder sagen, damit ich zumindest weiß, dass du das zur Kenntnis genommen hast?“
Er gab sich einen Ruck und versetzte eben dieser Mauer den Todesstoß, ließ sie einstürzen. Kommentarlos lehnte er sich zu ihr und drückte seine Lippen auf ihre.
Am liebsten hätte Katie vor Freude gequiekt, doch ihr Mund war gerade anderweitig verhindert. Mit einem wohligen Seufzen erwiderte sie Adrians Kuss und vergrub die Hände in seinen Haaren. In ihrem Bauch tanzten tausend Schmetterlinge – und dennoch wollte sie Gewissheit. Leicht atemlos löste sie sich von ihm. „Ist das also ein ja? Oder willst du immer noch nicht mit mir zusammen sein?“
Adrian grinste, als er mit seinem Zeigefinger über ihre Nase fuhr und an die Spitze stupste. „Es gibt nichts, was ich lieber möchte.“
„Aber?“
„Nichts aber.“ Er küsste sie erneut und sie nutzte die Gelegenheit, ihn auf sich zu ziehen – was er auch widerstandslos geschehen ließ.
„Schon mal den ganzen Tag im Bett verbracht, Pucey?“ Katie lächelte aufreizend, nachdem sie sich abermals voneinander gelöst hatten.
„Hm, ja, irgendwann mal… Ist aber schon eine ganze Weile her.“ Das Grinsen auf Adrians Gesicht war auf einmal wie einbetoniert – was wohl daran lag, dass er gerade das Gefühl hatte, vor lauter Glück zu platzen.
„Dann sollten wir deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen.“ – erwiderte Katie, während sie ihre Hände über seinen muskulösen Rücken bis zu dem Handtuch um seine Hüften gleiten ließ und gespielt unschuldig daran zupfte. „Oder noch besser: Wir versorgen dein Gedächtnis mit neuen, positiven Erinnerungen.“
„Klingt gut.“ Adrian fuhr mit der Hand über die seidig weiche Haut ihres Oberschenkels bis zu dem Saum ihres – oder eigentlich seines – Shirts und ließ diese darunter verschwinden, damit er seinen Weg über Katies Körper fortsetzen konnte.
„Das klingt nicht nur gut, das wird gut. Wobei, nein, es wird sogar fantastisch – wirst schon sehen.“ – wisperte Katie und biss sich leicht auf die Unterlippe. „Und ach ja: Herzlich Willkommen am ersten Tag vom Rest deines Lebens, Pucey.“
Belustigt zog Adrian eine Augenbraue nach oben. „Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen, Bell?“
Sie zuckte mit den Schultern, lächelte aber unentwegt weiter. „Man muss sich hohe Ziele setzen – wir Löwen greifen eben gern nach den Sternen.“
Katie zwinkerte ihm kurz zu und zog ihn dann zu sich herunter, um ihn erneut zu küssen. Wenn so der Rest seines Lebens aussah, dachte Adrian, hatte er es irgendwie geschafft, von der Hölle direkt in den Himmel zu kommen – daran bestand kein Zweifel.
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