
von CatBlack
Vielen, vielen Dank an Hobbit und Anne Fiennes für die lieben Kommentare! Hab mich sehr darüber gefreut :)
___________________________________________________
Grüne und rote Lichtblitze erhellen die sternenklare Winternacht. Panische Schreie und ängstliches Wimmern durchbrechen die nächtliche Stille. Leblose Körper fallen auf den Boden. Ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren sieht ihn aus schreckensgeweiteten braunen Augen an. Ihre Unterlippe bebt und sie zittert am ganzen Körper. „Bitte nicht.“ – fleht sie und die ersten Tränen rinnen über ihre Wangen. Sein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen und ihm wird übel. Er will das nicht tun, aber er muss. Wenn sie nicht stirbt, dann stirbt er. Der Dunkle Lord kennt keine Gnade, kennt kein Mitgefühl. Sein Meister wird ihn umbringen, wenn er seine Befehle missachtet. Und der Befehl lautet: Keine Überlebenden! Er hat also keine andere Wahl, wenn er den nächsten Morgen erleben will. Bei dem Anblick, den das Mädchen bietet, und dem Wissen um das, was er gleich tun wird, muss er einen Würgereiz unterdrücken. Er hasst sich selbst für sein mangelndes Rückgrat, hasst sich für seine eigene Angst, wünscht sich mehr Mut. Doch er ist nicht mutig, das war er noch nie. Das Mädchen fällt auf die Knie und beginnt bitterlich zu weinen. Sie schlingt die Arme um ihren Oberkörper, wiegt sich selbst vor und zurück. In den braunen Augen schwimmen die Tränen und dennoch hält sie ihren Blick starr auf ihn gerichtet. Saure Galle stößt ihm auf und er schluckt krampfhaft. Seine Hand zittert leicht und eine Eiseskälte kriecht durch seinen Körper, eine Kälte, die nichts mit den klirrenden Temperaturen zu tun hat. Er spielt mit dem Gedanken, das Mädchen laufen zu lassen. Vielleicht kann er ihr zur Flucht verhelfen. Er weiß nur nicht, wie er das bewerkstelligen soll… In diesem Moment beginnt sein linker Unterarm zu brennen, geht beinahe in Flammen auf. Er muss weg. Jetzt gleich. Er kann ihr nicht helfen. „Bitte.“ – wimmert das Mädchen und diese braunen Augen bohren sich in seine. „Es tut mir leid.“ – flüstert er und hebt seinen Zauberstab. Der Todesfluch verfehlt sein Ziel nicht und haucht ihr jedes Leben aus. Mit einem dumpfen Knall schlägt der kleine Kinderkörper auf der gefrorenen Erde auf. In ihren leblosen Augen spiegelt sich der Sternenhimmel und eine letzte Träne bahnt sich einen Weg über ihre Wange.
Schweißgebadet schreckte Adrian aus dem Schlaf hoch. Das dunkle Mal an seinem linken Arm brannte höllisch. Mit rasendem Herzschlag und hektisch atmend sah er sich in dem diffusen Dämmerlicht um. Erst nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit begriff er, wo er war. Er war zu Hause in seinem Bett und die Schmerzen in seinem Unterarm hatten nichts mit der Realität zu tun, waren pure Einbildung. Es war nur ein Albtraum gewesen. Mal wieder. Adrian wurde ständig von diesen Albträumen heimgesucht, von seinen Erinnerungen, die ihn seine Taten nicht vergessen ließen. In einer fahrigen Bewegung wischte er sich den Schweiß von der Stirn und vergrub dann das Gesicht in den Händen. Nach wie vor hämmerte sein Herz mit aller Gewalt gegen seinen Brustkorb. Er versuchte, seinen Atem zu regulieren und schloss die Augen, um sich zu beruhigen. Doch das war ein Fehler. Sofort erschien das Bild von dem kleinen Mädchen und ihren leblosen Augen in seinem Kopf. Ein unkontrolliertes Zittern ging durch seinen Körper und anders als in seinem Traum konnte er den aufkeimenden Würgereiz nicht unterdrücken. Einen kurzen Moment noch versuchte er, gegen die Übelkeit anzukämpfen, doch dann sprang er hastig aus dem Bett und rannte ins Badezimmer.
Keuchend hang Adrian über der Kloschüssel, klammerte sich mit den Händen an eben dieser fest. Der beißende Geruch von Erbrochenem stieg ihm in die Nase und ließ ihn erneut würgen. Er hasste dieses entwürdigende Gefühl und dennoch war er daran gewöhnt. Nicht wenige seiner Tage begannen damit, dass er sich – gelinde ausgedrückt – die Seele aus dem Leib kotzte. Wobei das in letzter Zeit besser geworden war. Zwar hatte er noch beinahe jede Nacht mit diesen Albträumen zu kämpfen, aber sein Magen behielt seinen Inhalt nun immer öfter bei sich. Nur heute nicht. Als er sich sicher war, dass es vorbei war, richtete er sich auf und betätigte die Spülung. Mit zittrigen Händen drehte er den Wasserhahn des Waschbeckens auf, spülte sich den Mund aus und wusch sich das Gesicht. Das kalte Wasser beruhigte ihn und langsam, aber sicher normalisierte sich sein Herzschlag. Ein Blick in den Spiegel verriet ihm, dass er aussah wie er sich fühlte – ausgekotzt. Dunkle Schatten lagen unter seinen blauen Augen, sein Gesicht war leichenblass und seine Lippen blutleer. Seufzend griff er nach seiner Zahnbürste. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es gerade einmal halb sieben Uhr morgens war. Früher hatte er gerne lange geschlafen, nur war ihm das seit seiner Schulzeit nicht mehr vergönnt gewesen. Oft sehnte er sich nach diesen Tagen voll unbeschwerten jugendlichen Leichtsinns. Dabei war er gerade einmal 26. Er war nicht alt und trotzdem fühlte er sich wie sein eigener Urgroßvater.
Kurz spielte Adrian mit dem Gedanken, sich noch einmal hinzulegen, entschied sich dann aber dagegen. Es würde ihn Stunden kosten, bis er wieder eingeschlafen wäre, und selbst dann wäre ihm ein traumloser Schlaf vermutlich nicht vergönnt. Außerdem war er um elf bereits mit Katie verabredet, also sollte er seine Zeit wohl lieber darin investieren, halbwegs wach und gesellschaftsfähig zu werden. Zumal ihm inzwischen wirklich viel an Katie lag, auch wenn er das selbst nie für möglich gehalten hätte. Fast zwei Monate war es nun her, dass er sie im Flying Dutchman getroffen hatte und seitdem hatten sie sich mindestens einmal in der Woche gesehen, meistens sogar eher zweimal. Anfangs hatte es ihn überrascht, dass sie tatsächlich so offen ihm gegenüber war, doch er hatte sich sehr schnell daran gewöhnt und wollte sie jetzt unter keinen Umständen mehr missen. Katie hatte Licht in sein Dunkel gebracht, verdrängte mit ihrer fröhlichen Art jedes Mal kurzzeitig die Schatten seiner Vergangenheit. Adrian fühlte sich lebendig in ihrer Gesellschaft. Unbewusste hatte Katie ihm ein Stück Lebensfreude zurückgegeben und dafür war er ihr dankbar. Genau genommen war sie innerhalb von kürzester Zeit zu dem wichtigsten Mensch in seinem Leben geworden – wobei das in Anbetracht der Tatsache, dass sie der einzige Mensch war, mit dem Adrian regelmäßig Kontakt pflegte, auch nicht weiter verwunderlich war. Nichtsdestotrotz genoss er das Zusammensein mit Katie jedes Mal aufs Neue, auch wenn der Slytherin in ihm es zutiefst beschämend fand, dass ausgerechnet eine ehemalige Gryffindor ihre Zeit mit ihm verbrachte. Zudem wunderte es ihn, dass sie immer wieder auf weitere Treffen bestand. Das verstand er nicht, aber beschweren würde er sich mit Sicherheit auch nicht. Dazu hatte er Katie viel zu sehr ins Herz geschlossen.
Mit einem Plopp apparierte Katie in die Winkelgasse und sah sich um. Adrian stand bereits mit verschränkten Armen am vereinbarten Treffpunkt am Hinterausgang des Tropfenden Kessels an die Wand gelehnt. Bei seinem Anblick zog Katie verwundert die Augenbrauen nach oben. Heute war der erste heiße Sommertag des Jahres und Adrian war in Katies Augen viel zu warm angezogen. Er trug ein schwarzes Longsleeve und eine dunkle Jeans. Einzig die dunkle Sonnenbrille ließ darauf schließen, dass er durchaus bemerkt hatte, dass der Sommer angebrochen war.
Allein bei der Vorstellung, etwas Langärmliges zu tragen, bekam Katie einen Schweißausbruch, weshalb sie selbst in einem lindgrünen Sommerkleid steckte. Aber nun ja, Adrian würde schon wissen, was er da tat.
Mit einem breiten Lächeln ging Katie auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm ein Küsschen auf die Wange. „Hi, Adrian.“ Unwillkürlich ließ Adrian seinen Blick über ihren, nur von diesem kurzen Kleidchen bedeckten Körper gleiten. Er konnte nicht umhin, zu gestehen, dass ihm gefiel, was er sah. Der dünne Stoff umspielte ihre zierliche Figur und betonte ihre Kurven allzu deutlich. Überhaupt empfand er Katie als sehr attraktiv – als zu attraktiv. Augenblicklich strafte er sich innerlich für diesen Gedanken, denn in letzter Zeit dachte er viel zu oft in dieser Weise über sie. Wobei er auch einfach nicht daran gewöhnt war, eine rein platonische Freundschaft mit einer Frau zu führen. Das war neu für ihn und dementsprechend schob er seine merkwürdigen Anwandlungen auch darauf. Mal ganz davon abgesehen, dass er auch nur ein Mann war und Katie ein paar kaum von der Hand zu weisende körperliche Vorzüge hatte. Da hätte er schon blind sein müssen, um das nicht zu bemerken.
„Hey, Katie.“ – grüßte Adrian sie. „Wie geht´s dir?“
„Ich sterbe gleich den Hungertod.“ – erwiderte sie. „Wollen wir frühstücken gehen? Oder hast du schon gefrühstückt? Ich hab heute verschlafen und dann musste ich noch in die Redaktion, meinen Artikel abgeben. Ich wär fast zu spät gekommen und dann hat mein Redakteur – dieser aufgeblasene Arsch – sich auch noch darüber beschwert. Ich mein, ich hab´s ja noch rechtzeitig geschafft und trotzdem regt der sich auf. Was soll das denn? Kannst du mir das erklären? Naja, auf jeden Fall musste ich mich heute schon mit meinem Kotzbrocken von Chef rumschlagen – und das alles auf leeren Magen.“
„Halt mal die Luft an, Katie.“ – meinte Adrian amüsiert. „Lass uns einfach frühstücken gehen, bevor du verhungerst.“ Manchmal redete sie wie ein Wasserfall und das erheiterte ihn sehr. Überhaupt war Katie eine sehr unterhaltsame Person. Ihre bloße Anwesenheit ließ seine Laune beinahe jedes Mal steigen.
„Ich rede zu viel, oder?“ – fragte Katie und ihre haselnussbraunen Augen weiteten sich leicht. Sie wusste auch nicht, woran genau das lag, aber in letzter Zeit war sie in Adrians Gegenwart aufgedrehter als sonst. Zwar war sie normalerweise auch meistens fröhlich und zuweilen etwas aufgekratzt, aber nie so extrem. Adrian hatte einen komischen Einfluss auf sie, aber nichtsdestotrotz mochte sie ihn inzwischen wirklich. Am Anfang hatte sie einfach nur Mitgefühl mit ihm gehabt und ihm helfen wollen, doch mittlerweile faszinierte er sie und sie verbrachte gerne Zeit mit ihm. Zudem war ihr seit neuestem auch noch wichtig, was für einen Eindruck er von ihr hatte – und ein ohne Punkt und Komma redender Freak hinterließ keinen guten Eindruck.
„Nein.“ Adrian schüttelte den Kopf. „Gar nicht, aber das kannst du mir doch auch erzählen, während wir essen – ich bin nämlich selbst am Verhungern.“ Das entsprach der Wahrheit, da er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und das obwohl seine Hauselfe, Romy, ihn immer wieder dazu gedrängt hatte. Adrian hatte Romy von seinem Großvater geerbt, ebenso wie dessen Haus und dessen gesamtes Vermögen. Dafür war Adrian auch wirklich dankbar, konnte er seinen Lebensunterhalt doch immer noch nicht selbst bestreiten und von seiner Mutter sowie von seiner restlichen lebenden Verwandtschaft hatte er keine Hilfe zu erwarten.
„Ok, cool.“ – entgegnete Katie. „Wollen wir ins Café Winkelgasse? Oder willst du lieber wo anders hin? Wir könnten auch in den Tropfenden Kessel – aber das ist eklig – oder wir gehen wo ganz anders hin. Nach Muggellondon oder so. Ich frag mich schon die ganze Zeit, wieso die im Flying Dutchman nicht auch ein Tagesgeschäft haben. Das würde bestimmt gut laufen, aber egal… Wir könnten natürlich auch…“
„Katie.“ – unterbrach Adrian sie belustigt. „Café Winkelgasse ist doch völlig in Ordnung. Was ist denn los mit dir?“ Das wusste sie leider selbst nicht so genau. Sicher war nur, dass sie sich heute total bescheuert benahm ihrer Meinung nach.
„Das liegt am Unterzucker.“ – redete sie sich raus. „Lass uns gehen.“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, drehte sie sich um und marschierte davon.
Als Adrian ihr folgte, fielen ihm wieder ihre körperlichen Attribute auf. Das war doch zum verrückt werden! Aber wieso musste sie auch ein so verdammt kurzes Kleid tragen und ihre wohlgeformten Beine damit zur Geltung bringen? Wie konnte eine so kleine Person überhaupt so attraktiv sein? Adrian hatte eigentlich noch nie etwas für kleine Frauen übrig gehabt und für Gryffindors erst recht nicht. Anscheinend hatten die fünf Jahre Askaban ihm eine regelrechte Gehirnwäsche verpasst.
Kurze Zeit später saßen sie draußen in dem Café und waren beide in die Speisekarte vertieft. Adrian war froh, dass der Tisch im Halbschatten und zudem noch etwas abseits der belebten Winkelgasse stand. Die ablehnenden Blicke und das Getuschel der anderen Gäste reichten ihm schon, da brauchte er nicht auch noch den Hass der Passanten zu spüren.
Katie wiederum ignorierte diese Feindseligkeit gekonnt. Wenn diese Leute kein eigenes Leben hatten, über das sie reden konnten, konnten sie ihr nur leidtun. Wobei sie es trotzdem nachvollziehen konnte, war sie doch bis vor kurzem selbst nicht anders gewesen.
„Was kann ich euch bringen?“ – fragte die Kellnerin und zückte ihren Notizblock. „Ich hätte gern Rühreier mit Tomaten und Schinken, Pancakes, einen Blaubeermuffin und einen Schokomuffin, ein Croissant, einen frisch gepressten Orangensaft und einen Cappuccino.“ Katie ratterte ihre Bestellung ohne Luft zu holen runter. Adrian hätte nur zu gerne behauptet, dass ihre Augen größer waren als ihr Magen, aber aus Erfahrung wusste er, dass Katie das alles wegputzen würde. Es war wirklich faszinierend, wie viel in diesen kleinen Menschen reinpasste, ohne dass sie platzte.
„Und für dich?“ – wandte die Kellnerin, die Katie gerade eben noch freundlich angelächelt hatte, sich nun tonlos an Adrian. Einen abschätzigen Kommentar unterdrückend, meinte er: „Drei Spiegeleier mit Speck und einmal French Toast. Und eine großen Kaffee – am besten gleich eine ganze Kanne.“
„Ist das alles?“
„Ja.“ Adrian machte eine abfällige Handbewegung in ihre Richtung. Diese Geste konnte er sich einfach nicht verkneifen.
„Du bist manchmal echt ein arroganter Arsch.“ – bemerkte Katie, nachdem die Kellnerin verschwunden war.
Adrian zuckte mit den Schultern. „Ich bin ein Slytherin. Was erwartest du? – Außerdem war die nicht gerade die Freundlichkeit in Person.“
„Kannst du es ihr verübeln?“
„Nein.“
„Weißt du, Adrian, wenn du einfach mal netter zu den Leuten wärst, dann…“
„Themawechsel, Bell.“ Adrian hatte sie schon lange nicht mehr beim Nachnamen genannt. Eigentlich machte er es prinzipiell nur dann, wenn sie ihn entweder nervte, ihm zu nahe trat oder er sie ärgern wollte. Gerade war erstes der Fall.
Katies haselnussbraune Augen verengten sich leicht, doch dann zuckte sie mit den Achseln. „In Ordnung. Über was willst du reden?“
„Keine Ahnung. Mir egal.“
„Man, Adrian.“ Katie seufzte und fuhr sich durch ihre honigblonden Locken. Manchmal wusste sie einfach nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte oder auf was sie sich einstellen sollte. Im einen Moment war er offen, durchaus witzig und lachte auch – so wie vorhin – und im nächsten Moment war er kalt, überheblich, abweisend und unzugänglich – so wie jetzt. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm, aber gerade das stellte auch einen gewissen Anreiz für sie dar.
Gerade als sie fieberhaft überlegte, wie sie das Gespräch wieder in Gang bringen konnte, ließ ein lautes „Katie!“ sie herumfahren. Auch Adrian sah sich nach der Geräuschquelle um und entdeckte Angelina Weasly, geborene Johnson, die sich mit einigen Einkaufstüten beladen einen Weg zu ihnen bahnte. Seine Laune sank augenblicklich. Nur weil er Katie mochte, galt das noch lange nicht für alle anderen Gryffindors – genau genommen für keinen außer der Löwin, die ihm gegenüber saß.
Mit einem abwertenden Seitenblick zu Adrian umarmte Angelina Katie überschwänglich und ließ sich dann ungefragt auf einen Stuhl fallen. Es war ihr egal, ob dieser Bastard von ehemaligem Todesser auch da war. Zumal sie sowieso nicht verstand, wieso Katie ihre Zeit mit dieser Schlange vergeudete.
„Hey, Angel.“ – grüßte Katie ihre Freundin, obwohl es ihr ein wenig unangenehm war, dass Angelina sich einfach gesetzt hatte. Zwar wussten ihre Freunde alle, dass sie sich mit Adrian traf, da sie nie ein Geheimnis daraus gemacht hatte, aber sie wusste auch, dass keiner von ihnen das gut hieß.
„Ich muss dir was erzählen!“ – quietschte Angelina lautstark. „Ich bin schwanger! Endlich! Ich bin schwanger! Neunte Woche! Kannst du dir das vorstellen? Ich bin schwanger!“
„Und ich jetzt taub.“ – meinte Katie trocken und rieb sich über ihr Ohr. Wieso hatte ihre Freundin auch ein dermaßen trommelfellschädigendes Organ?
„Freust du dich denn gar nicht?“ Angelina runzelte missmutig die Stirn. „Doch, natürlich!“ – entgegnete Katie hastig. „Herzlichen Glückwunsch!“ Augenblicklich erhellte Angelinas Miene sich wieder und sie begann, in ihrer Tasche zu kramen. „Warte, ich hab ein Ultraschallbild dabei.“
Während Katie nun versuchte, auf dem sich bewegenden Bild irgendetwas zu erkennen, lehnte Adrian sich gelangweilt zurück. Ihm wäre schon die ein oder andere bissige Bemerkung Angelina gegenüber eingefallen, aber Katie zuliebe hielt er sich zurück und genoss das Schauspiel, wie Katie mit verbissenem und gleichzeitig verwirrtem Gesichtsausdruck das Bild in ihren Händen drehte.
Nachdem die Kellnerin die Getränke gebracht hatte, trank Adrian die erste Tasse Kaffee in einem Zug weg. Die vergangene Nacht oder besser gesagt die vergangenen Nächte steckten ihm in den Knochen. An manchen Tagen war er so übermüdet, dass er sich wie ein Wachkomapatient fühlte und heute war es besonders schlimm. Dass er sich auch noch halb Tod schwitzte, half seinem Kreislauf auch nicht gerade auf die Sprünge.
Katie warf ihm einen verzweifelten Blick zu und verdrehte dann die Augen, während Angelina ihr das Ultraschallbild erklärte. Katies Meinung nach gab es da nicht einmal viel zu erklären, da das, was einmal ein Baby werden sollte, winzig war und eher Ähnlichkeit mit einer Kaulquappe hatte als mit allen anderen ihr bekannten Lebensformen. Andererseits wusste sie, dass ihre Freundin und George wirklich hart dafür gearbeitet hatten und deswegen ließ sie Angelina die Freude, ihr alles haarklein zu erzählen.
„Sag mal, Johnson, meinst du nicht, es reicht langsam?“ – mischte Adrian sich nun doch ein. Zum einen hatte er das Warten satt und zum anderen sah Katie wirklich hilfsbedürftig aus.
„Wer hat dich denn gefragt, Pucey?“ – fauchte Angelina. „Deine Meinung interessiert niemanden – oder zumindest niemanden, der auf freiem Fuß ist und ein reines Gewissen hat.“
„Alles Ansichtssache, Johnson.“ – erwiderte Adrian äußerlich gelassen, auch wenn ihn diese abwertende Äußerung innerlich zur Weißglut trieb.
„Mein Name ist Weasly!“
„Und da bist du stolz drauf, Johnson?“
„Ich hab immerhin was, worauf ich stolz sein kann! Worauf kannst du denn stolz sein? Oder bist du etwa stolz darauf, ein Mörder zu sein? Wie kannst du eigentlich noch in den Spiegel schauen? Wie kannst du nur mit dir selbst leben? - Ach, entschuldige, du bist ein ehemaliger Todesser, das hab ich ganz vergessen. Ihr habt ja alle kein Gewissen!“ – keifte die exotische Schönheit. Katie mochte ihm vielleicht verziehen haben, aber Angelina konnte das nicht. Niemals. Immerhin erlebte sie jeden Tag, wie sehr George damit zu kämpfen hatte, das Loch zu stopfen, welches Fred hinterlassen hatte. Das hatte Katie anscheinend völlig vergessen, sonst hätte sie sich wohl kaum mit dem Feind verbündet.
Adrian musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Doch das gelang ihm bei diesen Anschuldigungen, die ihn tiefer trafen als er selbst zugeben wollte, nur schlecht. Er ballte die Hände zu Fäusten und biss die Zähne zusammen. „Johnson.“ – knurrte er. „Du bist…“
„Es reicht! Ihr hört jetzt auf! Beide!“ – fuhr Katie dazwischen. Sie wollte nicht, dass die Situation eskalierte, doch so, wie sie Angelinas Temperament kannte und da Adrian so aussah, als würde er gleich explodieren, würde es wohl unweigerlich dazu kommen. Genau deswegen hatte sie sich eingemischt.
„Du stellst dich auf seine Seite?“ – fragte Angelina fassungslos.
„Nein, ich hab gesagt, ihr sollt beide aufhören. Adrian und du.“ – erwiderte Katie gereizt.
„Aber wieso?“ – hakte Angelina nach. „Was ist los mit dir, Katie? Er hat es nicht anders verdient.“
„Ansichtssache, Angel.“
„Jetzt redest du schon wie er!“
Katie rollte mit den Augen. „Wir unterhalten uns weiter, wenn du deine hormonellen Stimmungsschwankungen hinter dich gebracht hast und wieder normal bist.“
„Ich bin völlig normal! Du bist diejenige, die hier durchdreht!“ Bei diesen Worten stand Angelina auf, raffte ihre Tüten zusammen und rauschte einfach davon.
Ungläubig sah Katie ihrer Freundin hinterher. War das gerade eben wirklich passiert? Andererseits, was hatte sie erwartet? Ihr war von Anfang an klar gewesen, dass sie nicht auf Verständnis von ihren Freunden hoffen konnte. Zumal sie vor zwei Monaten jeden anderen in derselben Situation auch noch verurteilt hätte. Nichtsdestotrotz enttäuschte sie die Reaktion ihrer Freundin.
Sie bemerkte, dass ein paar Mädchen am Nebentisch zu ihnen herüberstarrten und dass eines sogar mit dem Finger auf Adrian zeigte. „Was gibt es denn da zu glotzen?“ – fauchte Katie. „Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute!“ Daraufhin zuckten die Mädchen zusammen und wandten den Blick sofort ab.
Katies kleiner Ausbruch überraschte Adrian. Er überraschte ihn sogar so sehr, dass er darüber die Wut auf Angelina vergas. „Ähm, danke.“ – meinte er schlicht.
„Wofür?“
„Dafür, dass du mich verteidigt hast.“ Damit meinte er nicht nur die Mädchen am Nebentisch, sondern auch – oder insbesondere – Angelina. Er erachtete es nämlich keineswegs als selbstverständlich, dass jemand Partei für ihn ergriff oder sich zumindest nicht schämte, mit ihm gesehen zu werden.
„Das hab ich nicht für dich getan!“ – zischte sie, auch wenn das nicht der Wahrheit entsprach. Selbstverständlich hatte sie das für ihn getan, aber gerade war sie zu geladen, um das zuzugeben.
„Wie auch immer.“ – seufzte Adrian, während die Kellnerin das Frühstück vor ihnen abstellte. Adrian war der Appetit gehörig vergangen und auch Katie stocherte lustlos in ihren Rühreiern herum.
Nachdem sie eine Weile schweigend gegessen hatten, nahm Adrian die Sonnenbrille ab und fuhr sich frustriert über die Augen. Dunkle Ringe lagen darunter und ließen sein ohnehin schon blasses Gesicht noch blasser wirken. Überhaupt fand Katie, dass man ihm deutlich ansah, wie schlecht es ihm wirklich gehen musste.
„Wow, siehst du scheiße aus.“ – meinte sie, bevor sie es sich verkneifen konnte. Sie hätte sich am liebsten augenblicklich die Zunge dafür abgebissen. Was war das, dass sie sich in Adrians Gegenwart immer häufiger um Kopf und Kragen redete? Das nahm wirklich besorgniserregende Ausmaße an.
Anders als Katie erwartet hatte, reagierte Adrian sehr gelassen. Er zog lediglich eine Augenbraue nach oben. „Danke, das Kompliment kann ich leider nicht zurückgeben.“
„Harte Nacht gehabt?“
„Kann man so sagen.“ Zur Verdeutlichung nahm Adrian noch einen großen Schluck Kaffee.
„Zu spät ins Bett gegangen?“
„Nein.“
Nachdenklich kaute Katie auf ihrer Unterlippe. Das war wieder einer dieser Momente, in denen sie nicht wusste, wie sie mit Adrians abweisender Haltung umgehen sollte. „Schläfst du schlecht?“ – fragte sie zögerlich.
„Themawechsel, Bell.“
„Verdammt, Adrian!“ Kopfschüttelnd fuhr Katie sich durch ihre honigblonden Locken. „Ich will dich doch nicht quälen, sondern dir nur helfen.“ Manchmal empfand sie seine Verschlossenheit wirklich als frustrierend. Genau genommen hatte er sich ihr nicht mehr geöffnet, seitdem sie sich das erste Mal vor zwei Monaten getroffen hatten. Seitdem tappte sie bezüglich seiner Vergangenheit – insbesondere seine Todesserzeit betreffend - im Dunkeln. Wobei sie sich auch oft nicht traute, nachzufragen. Das wurde immer schwieriger, je länger sie ihn kannte. Allerdings tat das der Faszination, die von ihm ausging, keinerlei Abbruch.
„Ich weiß.“ – seufzte Adrian und strich sich seinerseits die dunkelblonden Haare aus der Stirn. „Ist auch nicht böse gemeint, ich will nur wirklich nicht drüber reden.“
„Du musst aber irgendwann darüber reden, Adrian.“ – meinte Katie betont sanft. „Sonst wirst du nie damit abschließen können.“
Adrian lachte kalt auf, bevor er tonlos sagte: „Das werde ich so oder so nicht.“
„Doch, irgendwann schon. Bestimmt nicht heute und auch nicht morgen, wahrscheinlich nicht nächste Woche und vielleicht auch die nächsten drei Jahre nicht, aber irgendwann mit Sicherheit.“
Er senkte den Blick. „Du hast keine Ahnung, Katie.“ Als ob er jemals Frieden mit seiner Vergangenheit machen konnte, als ob seine Gewissensbisse und Schuldgefühle ihn jemals nicht mehr innerlich auffressen würden. Daran glaubte er nicht.
„Ja, ich hab keine Ahnung.“ – erwiderte Katie und legte plötzlich ihre Hand auf seine. „Aber nur, weil du mich nicht teilhaben lässt.“
„Themawechsel, Bell.“ Seine Stimme war nur ein Flüstern, während er gebannt auf ihre Hand starrte und die Wärme ihrer Haut auf seiner fühlte. Zwar war Katie generell ein recht körperbetonter Mensch, weshalb sie Adrian meistens mit einem Küsschen auf die Wange begrüßte oder verabschiedete, sich durchaus mal bei ihm einhakte, wenn sie zusammen unterwegs waren, und ihn auch oft genug einfach mal in die Seite knuffte. Doch gerade war es anders. Diese Berührung war auf seltsame Weise… intim.
Auch Katie bemerkte das, doch sie ließ sich davon nicht abschrecken, genauso wenig, wie von Adrians Verschlossenheit. Dennoch akzeptierte sie seine Haltung. „In Ordnung. Ich hab nur noch ein Frage und dann bist du entlassen.“
„Hm?“
„Wieso hast du mir damals sofort von Flint, Greengrass und deiner Familie erzählt, aber machst jetzt jedes Mal dicht?“
„Wenn ich dir diese Frage wahrheitsgemäß beantworte, belässt du es dann dabei?“
„Versprochen.“
Adrian atmete tief durch und blickte dann mit seinen saphirblauen Augen direkt in ihre. „Weil diese Dinge auf der Liste der Sachen, die mich am meisten belasten, ganz unten stehen.“
Kurz dachte Katie darüber nach. Das Gesagte machte durchaus Sinn und sie würde lügen, wenn sie behaupten würde, dass das ihre Neugierde nicht geweckt hätte. Dennoch wollte sie Adrian nicht weiter in die Ecke drängen. Er hatte für diesen Tag wahrscheinlich schon genug mitgemacht und zudem hatte sie ihm versprochen, ihn nicht weiter auszufragen. Als nahm sie ihre Hand von seiner, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und lächelte ihn an. „Ok, Themawechsel… Ähm, ist dir nicht warm?“
Stirnrunzelnd fragte Adrian: „Wieso?“
„Weil es gefühlte 80 Grad hat und du wie im tiefsten Winter rumrennst.“
„Im Winter trag ich deutlich mehr.“ – erwiderte er leicht spöttisch, auch wenn ihm dieses Thema schon wieder unangenehm war.
Katie rollte mit den Augen. „Schon klar, aber trotzdem. Ich schwitz jetzt schon… Und ich hab nun wirklich nicht viel an.“
„Das kann ich unterschreiben.“ – grinste Adrian und konnte es sich nicht verkneifen, seinen Blick einmal über ihre nackten Beine gleiten zu lassen.
Augenblicklich verspürte Katie ein Kribbeln in ihrer Magengrube, als Adrian sie so offensichtlich musterte. Doch sie ignorierte das einfach und verdrehte abermals die Augen. „Also entweder leide ich an Hitzewallungen oder du kommst eigentlich aus der Sahara und hast das bis heute verheimlicht.“
„Interessante Theorie... Oder aber ich habe eine echt unschöne Tätowierung.“
„Oh.“ Am liebsten hätte Katie ihren Kopf einmal frontal gegen die Tischplatte geknallt. Natürlich! Er hatte das Dunkle Mal auf dem Unterarm und trug deswegen etwas Langärmliges. Wieso war sie darauf nicht alleine gekommen? Andererseits fand sie, dass das noch lange kein Grund war, den Hitzetod zu sterben.
„Weißt du, Adrian, ich kann das verstehen.“ – begann sie zögerlich. „Aber letztendlich ändert es doch auch nichts. Die Leute wissen sowieso, dass du ein Todesser warst.“
„Trotzdem.“ Diesbezüglich gab es für Adrian keine Diskussion. Er würde den Teufel tun und seinen Unterarm der Öffentlichkeit präsentieren. Er musste die Feindseligkeit der Menschen doch nicht noch extrig provozieren.
„Aber wie willst du das denn machen?“ – hakte Katie skeptisch nach. „Du kannst doch nicht den ganzen Sommer wie ein Eskimo rumlaufen.“
„Doch.“
„Und was ist, wenn ich mit dir schwimmen gehen will?“
„Dann musst du alleine schwimmen gehen.“ – erwiderte Adrian schlicht, obwohl die Vorstellung von Katie im Bikini durchaus reizvoll war.
„Wart´s ab, Adrian, wart´s ab.“ Katie hatte nicht vor, ihm das durchgehen zu lassen. Er konnte doch nicht sein Leben als Einsiedler fristen und sich selbst solche Einschränkungen auferlegen. Natürlich konnte sie verstehen, dass es für ihn hart sein musste, nichts als Ablehnung und Verachtung zu erfahren, aber nichtsdestotrotz sollte die Haltung anderer nicht eine solche Macht auf ihn ausüben. Das würde sie ihm schon noch klar machen.
Adrian schüttelte vehement den Kopf. „Egal, was du vorhast, Katie, es wird nicht funktionieren. Also spar dir die Mühe.“
Süffisant grinsend griff Katie nach ihrem Blaubeermuffin. „Themawechsel, Pucey.“
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel