
von CatBlack
Vielen, vielen Dank an Cute_Lily für das liebe Kommentar! Das war wirklich Balsam auf der stets zweifelnden Autorenseele und ich hab mich sehr darüber gefreut :)
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„Mach jetzt die Tür auf, Adrian!“ Katie hämmerte gegen die Eingangstür seines Hauses. „Sonst spreng ich sie weg!“ Gerade als sie ihren Zauberstab zückte, um ihre Drohung wahrzumachen, wurde die Haustür jäh geöffnet und Adrian sah sie aus kleinen Augen an.
„Katie? Was machst du hier? Waren wir verabredet?“ – fragte er, blinzelte ein paar Mal gegen das grelle Sonnenlicht an und musste ein Gähnen unterdrücken.
Katie musterte ihn aufmerksam. Wie immer lagen dunkle Schatten unter seinen saphirblauen Augen, doch seine dunkelblonden Haare standen – ganz im Gegensatz zu sonst – in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf ab. Zudem steckte er in einer ausgebeulten, grauen Jogginghose und trug ein weites, weißes T-Shirt. Irgendwie sah er niedlich aus, so verstrubbelt und verwirrt.
„Du hast noch geschlafen.“ – stellte sie fest und vermied dabei tunlichst den Blick auf seinen linken Unterarm, auch wenn sie diesen heute das erste Mal überhaupt sah. „Wieso schläfst du um diese Uhrzeit noch? Es ist zwölf Uhr mittags.“
„Ich hab wieder geschlafen.“ – erwiderte Adrian wahrheitsgemäß und fuhr sich über sein Gesicht, versuchte die Müdigkeit dadurch zu vertreiben.
„Hm. Wie auch immer.“ Katie zuckte mit den Schultern und drängte sich dann an ihm vorbei in den Flur.
„Bitte, komm doch rein.“ – sagte Adrian trocken und schloss die Tür hinter ihr.
Seinen sarkastischen Kommentar ignorierend, sah Katie sich neugierig um. Der Eingangsbereich war mit weißem Marmor ausgelegt und gegenüber der dunklen Garderobe zu ihrer Linken stand eine Kommode, die aus demselben dunkelbraunen Holz gefertigt zu sein schien. Insgesamt wirkte die Einrichtung auf sie sehr spartanisch, aber dennoch stilvoll. Von dem Gang gingen rechts zwei Türen ab, ebenso wie er in einer Tür endete. Links war ein Treppenaufgang, der ebenso wie die Türen in demselben dunklen Holz gehalten waren wie die Kommode und die Garderobe.
„Schön hast du´s hier.“ – meinte Katie. „Sehr… nobel.“
„Ähm, ja, danke.“ – erwiderte Adrian, nach wie vor etwas schlaftrunken. „Was willst du hier, Katie?“
Sie zuckte mit den Schultern und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Dich besuchen.“
„Aha.“ Adrian war immer noch verwirrt und auch ein wenig überfordert mit der Situation, da er so gut wie nie Besuch bekam. „Ähm, willst du was trinken? Kaffee oder so?“
„Kaffee klingt gut.“ – erwiderte Katie, obwohl sie sich inzwischen nicht mehr so sicher war, ob ihr Überraschungsbesuch eine gute Idee gewesen war. Adrian sah nämlich sehr müde, niedergeschlagen und auch ein wenig verstimmt aus. Allerdings würde sie jetzt nicht einfach wieder gehen – das war nicht ihr Stil.
Sie folgte Adrian durch die Tür am Ende des Ganges und fand sich in einer einladenden Wohnküche wieder.
„Setz dich.“ Er deutete auf den massiven Holztisch, der in der Mitte des Raumes stand und ließ sich dann ebenfalls auf einen der Stühle fallen. „Romy!“ – rief er und augenblicklich erschien mit einem Knall eine Hauselfe. Das überraschte Katie sehr, auch wenn sie wohl damit hätte rechnen müssen. Immerhin entstammte Adrian einer reichen Reinblutfamilie, also war es nicht weiter verwunderlich, dass er einen Hauself besaß. Dass er allerdings anscheinend nicht einmal selbst einen Kaffee machte, fand sie überzogen.
„Master Adrian. Was kann Romy tun?“ „Machst du uns bitte eine Kanne Kaffee?“ Erst jetzt bemerkte Romy, dass Katie auch in der Küche war. Ihre Augen weiteten sich leicht. „Master Adrian hat Besuch. Wieso hat Master Adrian Romy nicht gesagt, dass er Besuch bekommt?“ „Weil ich es selbst nicht wusste. Machst du uns jetzt bitte den Kaffee?“
„Soll Romy auch was zu essen machen?“
„Nein, danke.“
„Aber Master Adrian muss was essen!“ – erwiderte die kleine Elfe vehement und Katie musste ein Lachen unterdrücken. Sie hatte noch nie erlebt, dass ein Hauself seinem Herren wiedersprach. Allerdings gefiel ihr das durchaus – genauso wie Adrians Verhalten Romy gegenüber. Er wirkte sehr höflich und freundlich, nicht so, als würde er mit einer minderwertigen Bediensteten sprechen. Das imponierte Katie, war das für einen Reinblüter doch recht ungewöhnlich.
„Dann mach mir ein Müsli.“ Adrian gab sich geschlagen. Es hatte ja doch keinen Sinn, mit Romy zu diskutieren, zumal er sich gerade mit wichtigeren Dingen auseinandersetzen musste – Katie zum Beispiel.
„Willst du auch irgendwas, Katie?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich hab schon gegessen.“ Zwar konnte sie so gut wie immer essen, aber gerade fühlte sie sich irgendwie unwohl. Vielleicht war ihr spontaner Überfall auf Adrian wirklich keine so gute Idee gewesen.
„Also, was willst du hier?“ – fragte er, nachdem die kleine Elfe den Kaffee und das Müsli gebracht hatte und dann verschwunden war.
„Hab ich doch gesagt, ich wollte dich besuchen.“ – erwiderte Katie knapp, um nicht wieder in einen ihrer Redeschwalle zu verfallen, die sie in Adrians Gegenwart ständig heimzusuchen schienen.
„Einfach so?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich wollte mal schauen, wie du so wohnst und außerdem dachte ich, wir könnten… was zusammen unternehmen, weil doch so schönes Wetter ist. Aber jetzt glaube ich, dass das keine so gute Idee war, weil du noch geschlafen hast und ich wollte dich doch nicht wecken, vor allem weil du doch anscheinend schlecht schläfst… Ach, keine Ahnung, vielleicht sollte ich einfach wieder gehen und wir treffen uns einfach wann anders, weil ich wollte dich echt nicht so überfallen oder dich stören und…“
„Komm mal runter, Katie.“ – unterbrach Adrian ihren nun doch zum Vorschein gekommenen Redeschwall. „Ist doch alles kein Problem. Du störst mich nicht, ich war nur…überrascht und verwirrt - das bin ich öfter mal, wenn ich plötzlich geweckt werde.“ Er grinste schief, um Katies offensichtliches Unbehagen ein wenig zu lindern. Denn obwohl die Situation ihn etwas überforderte und er zudem immer noch nicht richtig wach war, wollte er nicht, dass sie wieder ging.
„Hm. Ok.“ – erwiderte Katie und nippte an ihrem Kaffee.
„Also? Was wolltest du denn mit mir unternehmen?“ – fragte Adrian.
„Versprichst du mir, dass du nicht gleich nein sagst, sondern erst drüber nachdenkst?“
„Ähm, ok.“ – antwortete er, obwohl ihm Übles schwante und er nicht gerade für seine Flexibilität bekannt war.
Katie holte einmal tief Luft und setzte ein Lächeln auf. „Ich will mit dir schwimmen gehen.“
„Nein! Vergiss es!“ – stieß Adrian augenblicklich wütend aus. Er würde mit Sicherheit nicht schwimmen gehen und sein Dunkles Mal der Öffentlichkeit präsentieren. Apropos Dunkles Mal – erst jetzt fiel ihm auf, dass er ein kurzärmliges Shirt trug. Hastig ließ er seinen linken Arm unter der Tischplatte verschwinden.
„Ach, komm schon.“ – sagte Katie augenrollend. „Ich weiß es sowieso – und hab es im Übrigen auch schon gesehen, du kannst deinen Arm also wieder unterm Tisch vor holen – und alle anderen an dem See werden denken, dass du eine hässliche Tätowierung hast. Das ist nämlich ein Muggelsee, an dem ich früher als Kind immer war und…“
„Ich hab nein gesagt, Katie.“ – knurrte Adrian, doch davon ließ sie sich nicht beirren, sondern redete einfach weiter.
„… und da ist auch ganz wenig los unter der Woche. Wahrscheinlich sind wir sowieso die Einzigen da.“
„Und wenn wir die einzigen Menschen auf diesem Planeten wären, ich werde sicher nicht oben ohne durch die Gegend laufen.“ – erwiderte Adrian vehement. Für ihn gab es diesbezüglich einfach keine Diskussion.
„Aber da bin doch nur ich, Adrian.“ – versuchte Katie ihn zu überzeugen. „Außerdem kannst du doch nicht dein Leben lang vor dir selbst davon laufen. Denn genau das machst du – mich stört der blöde Totenschädel nicht, er stört dich. Das ist auch in Ordnung, aber irgendwann mal musst du deine Vergangenheit akzeptieren, vor allem aber nicht dein ganzes Leben davon bestimmen lassen.“
„Hm.“ – brummte Adrian. Er wusste, dass Katie Recht hatte. Dennoch fühlte er sich einfach nicht in der Verfassung, sich öffentlich zu seinem ehemaligen Todesserdasein zu bekennen. Zumal es ihm tatsächlich nicht egal war, wenn ausgerechnet Katie sein Mal sah. Seiner Meinung nach war es nämlich durchaus etwas anderes, zu wissen, dass es da war oder nur einmal einen flüchtigen Blick darauf zu erhaschen, als es ständig vor Augen zu haben.
„Gib dir einen Ruck, Adrian.“ – sagte Katie und lächelte ihn warm an. „Pack die Badehose ein und nimm das kleine Katielein… Den Rest vom Text hab ich vergessen.“
Adrian erwiderte dieses Lächeln schwach. „Soll das ein Angebot sein, Bell?“ Obwohl seine Worte nicht so provokant klangen, wie er es eigentlich geplant hatte, verfehlten sie ihre Wirkung nicht.
Kurz spürte Katie die Hitze in sich aufsteigen, doch das ignorierte sie einfach und verdrehte stattdessen die Augen. „Du bist unmöglich, Pucey! Ich wollte nur nett sein und einen Witz machen, damit du dich motivierter fühlst, dein Leben nicht als Einsiedler zu fristen und du…“
„Und ich geh jetzt meine Badehose einpacken.“ – unterbrach Adrian sie seufzend. Er konnte Katie aus unerklärlichen Gründen sowieso nichts abschlagen, also machte es auch wenig Sinn, noch weiter mit ihr zu diskutieren, wenn das Ergebnis schon feststand.
Triumphierend klatschte Katie in die Hände. „Dann Hopp, Hopp! Ich warte solange hier.“
Zu behaupten, dass Adrian sich unwohl fühlte, wäre eine maßlose Untertreibung gewesen. Ihm war übel, seine Hände waren schweißnass und sein Herz raste, als er mit Katie an eine geschützte Stelle unweit des Sees apparierte. Warum bei Merlin hatte er sich dazu breit schlagen lassen? Sein Dunkles Mal öffentlich zur Schau zu stellen stand nämlich ganz unten auf der Liste der Dinge, die er unbedingt noch vor seinem Tod erledigen wollte. Glücklicherweise hatte Katie Recht behalten. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, nur auf der anderen Seite des Sees plantschten ein paar Jugendliche im Wasser. Das steigerte Adrians Wohlbefinden zumindest ein wenig.
„Sonne oder Schatten?“ – fragte Katie und stand unschlüssig inmitten der Wiese, die in das steinige Ufer des Sees überging.
„Ähm, Schatten.“ – antwortete Adrian, obwohl es ihm eigentlich egal war. Er hatte viel mehr damit zu kämpfen, keine ausgewachsene Panikattacke zu kriegen. Jetzt reiß dich mal zusammen! – mahnte er sich selbst. Es war ja nicht so, als ob er zu seiner eigenen Hinrichtung geführt würde. Es gab also keinen Grund, hier an Herzversagen zu krepieren, nur weil er schwimmen gehen sollte. Zumal Katie das Mal ja wirklich schon in seiner Küche gesehen hatte.
Nachdem sie sich ein schattiges Plätzchen unter einer alten Eiche unweit des Ufers gesucht hatten, zog Katie ihr Sommerkleid aus und legte sich auf ihr Handtuch. Adrian konnte nicht umhin, seinen Blick einmal über ihren sonnengebräunten, nur von einem knappen, türkisen Bikini bedeckten Körper gleiten zu lassen. Wieso war dieser Zwerg von Frau so verdammt scharf? Wie sollte sein Puls sich da jemals beruhigen?
„Willst du dich nicht ausziehen?“ – fragte Katie und beendete seine Musterung dadurch frühzeitig. „Du kannst doch nicht mit Klamotten schwimmen gehen… Und bevor du jetzt wieder anfängst, ich scheiß auf dieses blöde Mal und außer mir ist keiner hier.“
Zögerlich zog Adrian sein schwarzes Longsleeve aus. Ansonsten würde Katie ja doch so lange nerven, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatte. Zumal der laue Sommerwind auf seinem nackten Oberkörper wirklich eine willkommene Abwechslung war. Wann war er das letzte Mal schwimmen gewesen? Oder hatte ohne ein langärmliges Kleidungsstück das Haus verlassen? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Nichtsdestotrotz war es ihm unangenehm, also legte er sich auf den Rücken und schloss die Augen, versuchte durch regelmäßige Atmung seinen Herzschlag zu normalisieren.
Katies haselnussbraune Augen weiteten sich leicht, als sie Adrians entblößten Oberkörper sah. Zwar war ihr bewusst gewesen, dass er gut gebaut war - da das auch sein hochgeschlossener Kleidungsstil nicht verdecken konnte -, doch ihr war nicht klar gewesen, dass er so gut in Form war. Seine muskulösen Oberarme gingen in seine breiten Schultern und seine trainierte Brust über. Seine Bauchmuskulatur zeichnete sich deutlich unter der blassen Haut ab und eine definierte Lendenmuskulatur schmückte seine schmalen Hüften. Dieser Anblick überraschte sie. Wie hatte er es geschafft, in Askaban so fit zu bleiben? Nun gut, er war inzwischen schon mehr als ein halbes Jahr auf freiem Fuß, aber diese Muskulatur sah nicht so aus, als ob er sie sich mal eben schnell in den letzten Monaten antrainiert hatte.
Alles in allem musste sie gestehen, dass Adrian ein durchaus schöner Mann war, auch wenn sich seine Sorgen allzu deutlich in seinem Gesicht abzeichneten. Sie betrachtete sein Profil genauer. Wie immer lagen tiefe Schatten unter seinen Augen, aber das tat der ebenmäßigen Eleganz seiner Gesichtszüge keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil sogar verliehen eben diese Augenringe seinen eigentlich recht weichen Zügen eine gewisse Härte, ließen sie markanter erscheinen. Wobei die Faszination, die von ihm ausging, trotzdem weniger in seiner äußerlichen Erscheinung, als in seinem Charakter zu finden war. Katie wusste nicht genau, was es war, aber irgendetwas an Adrian zog sie magisch an und manchmal war sie sich nicht sicher, ob diese Anziehung nicht sogar über Freundschaft hinausging - ganz und gar nicht sicher sogar.
„Gefällt dir, was du siehst?“ – riss Adrian sie aus ihren Gedanken. Obwohl er die Augen geschlossen hatte, hatte er dennoch ihre Blicke gespürt; hatte er doch jahrelange Erfahrung damit, wie es sich anfühlte, beobachtet zu werden. Einerseits gefiel es ihm sogar, dass sie ihn offensichtlich ansah – vor allem da er bezüglich seines Aussehens mit einem recht großen Selbstbewusstsein gesegnet war -, aber andererseits war es ihm auch unangenehm – äußerst unangenehm sogar. Immerhin wusste er zwar, dass sie ihn beobachtete, konnte aber nicht beurteilen, welches Körperteil genau sie in Augenschein nahm.
Katie indessen fühlte sich ertappt und bemerkte, wie das Blut in ihren Kopf schoss. Nichtsdestotrotz räusperte sie sich und stand zu ihrer Schandtat. „Ähm, ja, schon… Wie hast du das gemacht? So fit zu bleiben?“
Ein überhebliches Lächeln umspielte Adrians Mundwinkel, als er, ohne die Augen zu öffnen, mit den Schultern zuckte. „Irgendetwas musste ich doch den lieben langen Tag tun – Askaban ist nämlich ziemlich langweilig, weißt du. Also habe ich meinen Astralkörper in Form gehalten.“
„Wie gut, dass du nicht eingebildet bist.“ – erwiderte Katie augenrollend.
„Auf irgendwas muss ich mir doch was einbilden können.“
Sie überging diesen Kommentar einfach, da er zum ersten Mal von sich aus seinen Askabanaufenthalt erwähnt hatte und sie deshalb die Chance witterte, etwas mehr über diese Zeit und somit auch über Adrian zu erfahren. „Also hast du in Askaban Sport gemacht, oder was? Wie geht das denn?“
„Was genau hätte ich denn sonst tun sollen? Für den Weltfrieden sorgen? Wohl kaum.“ – entgegnete Adrian und konnte sich den leicht spottenden Tonfall einfach nicht verkneifen. Zumal er hoffte, dieses Thema so geschickt umschiffen zu können. Doch so leicht ließ Katie sich nicht abwimmeln.
„Adrian! Ich hab dir doch nur eine ganz simple Frage gestellt!“ – zischte sie. „Entschuldige bitte, dass ich nicht in Askaban war und deshalb mit den Gegebenheiten dort nicht vertraut bin. Und entschuldige bitte, dass ich mich für dich und dein Leben interessiere. Und entschuldige bitte, dass…“
„In Askaban hat man nicht viel zu tun, außer nicht verrückt zu werden.“ – unterbrach Adrian sie seufzend und schlug die Augen auf. Dennoch sah er sie nicht an, als er fortfuhr. „Jeder Tag ist da gleich und irgendwann verliert man jedes Gefühl dafür, wie viel Uhr es ist, was für ein Wochentag ist, wie lange man schon dort ist… Nach einer Zeit verschwimmt das alles und man ist wie in einer Nebelwolke, in der Zeit und Raum nicht existieren… Man hat niemanden, mit dem man reden kann, kriegt auch niemanden zu Gesicht… Man ist also alleine mit seinen Gedanken an einem Ort, ohne jedes Zeitgefühl und das kann einen verrückt machen… Ehrlich gesagt, glaube ich, dass es die Einsamkeit ist, die die meisten Insassen dort den Verstand verlieren lässt, und nicht die Dementoren. Die sind nur ein Verstärker und am Anfang treiben sie einen halb in den Wahnsinn, aber irgendwann stumpft man ab und dann ist die Einsamkeit das Schlimmste – und die Leere. Das war zumindest bei mir so – kann aber natürlich auch sein, dass ich einfach schon so emotionstot war, dass es mir deswegen irgendwann nichts mehr ausgemacht hat. Keine Ahnung… Naja, auf jeden Fall musste ich mich an irgendetwas festhalten, an etwas, das ich jeden Tag tun konnte. Also hab ich Krafttraining gemacht – so gut das eben geht mithilfe des eigenen Körpergewichts in einer winzigen Zelle. Sit-ups, Liegestützen, Kniebeugen - so ein Zeug eben. Mir hat das geholfen, nicht in eine völlige Starre zu verfallen, zumindest einen Teil von mir noch wahrzunehmen und nicht in diesem irrsinnigen Nebel zu versinken. Es hat mir geholfen, nicht total den Bezug zu mir selbst und somit auch zur Realität zu verlieren. Klingt doof, ist aber so.“
„Nein, das…ähm… klingt nicht doof, sondern… nachvollziehbar…irgendwie.“ – stammelte Katie, geschockt von seiner plötzlichen Offenheit. Obwohl sie es hatte wissen wollen, war sie gerade völlig überfordert mit der Situation. Was sollte sie auch dazu sagen? Sie konnte ihm doch schlecht ihr Mitgefühl aussprechen, auch wenn sie dieses zweifelsohne empfand. Nur, was sagte man zu einem Menschen, der offensichtlich die Hölle auf Erden erlebt hatte? Sie kannte die Antwort nicht. Ohne darüber nachzudenken legte sie mitfühlend die Hand auf seinen Arm, auf seinen linken Unterarm.
Adrian zuckte erschrocken zusammen, als er Katies Hand spürte. Diese Berührung fühlte sich wie Stromschlag an und instinktiv zog er seinen Arm weg, rückte ein Stück von ihr ab.
„Entschuldige, das war keine Absicht.“ – sagte Katie hastig und zog ihre Hand weg. „Ich wollte nicht… Es war ein Versehen.“ Beschämt senkte sie den Blick. In Adrians Gegenwart hatte sie wirklich ein ausgesprochenes Talent, in jedes nur erreichbare Fettnäpfchen zu treten.
Bei Katies Anblick, wie sie auf ihrer Unterlippe kaute und sich anscheinend nicht traute, ihn anzusehen, entspannte Adrian sich ein wenig und gab seine ablehnende Haltung auf. Vermutlich hatte sie tatsächlich einfach nicht darüber nachgedacht und somit konnte er ihr wohl kaum böse sein. „Ist schon ok.“ – seufzte er. „Ist ja nichts passiert.“
Als sie wieder aufblickte und ihn unsicher aus ihren haselnussbraunen Augen ansah, rang er sich ein gequältes Lächeln ab. „Es ist wirklich in Ordnung. Ich hab mich nur…erschrocken, das ist alles.“
Das verstand Katie. Trotzdem gewann – mal wieder – die Neugier die Oberhand und sie gab sich einen Ruck. „Darf ich… also darf ich es mir nochmal anschauen? Ich fass es auch nicht an.“
Obwohl sein Herz augenblicklich noch schneller gegen seinen Brustkorb trommelte, legte Adrian seinen Arm wieder neben Katie ab und lachte nervös. „Du hast es jetzt eh schon angefasst, also tu, was du nicht lassen kannst.“
Von seiner einladenden, wenn auch offensichtlich verkrampften Reaktion bestärkt, rollte Katie sich auf den Bauch, damit sie seinen Unterarm besser in Augenschein nehmen konnte. Das Mal, das wohl irgendwann einmal tiefschwarz gewesen sein musste, war verblasst und seltsam verzogen, stand dennoch in starkem Kontrast zu Adrians fast weißer Haut. Bei genauerer Betrachtung erkannte Katie, dass dieses Mal wortwörtlich eingebrannt worden war. Bisher war sie immer davon ausgegangen, dass das nur eine Redensart war und dass das Mal eher einer Art magischen Tätowierung gleichkam, doch nun wurde sie eines besseren belehrt. Für einen kurzen Moment war sie zornig darüber, wie man das einem anderen Menschen antuen konnte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was es für Qualen gewesen sein mussten, das Mal einbrennen zu lassen.
Zögerlich streckte sie die Hand aus und berührte das Mal. Kurz hielt sie in ihrer Bewegung inne, als sie bemerkte, wie Adrian sich verspannte. Dennoch zog er den Arm nicht weg und als sie ihren Kopf hob, um ihn anzusehen, blickte er mit seinen saphirblauen Augen direkt in ihre und nickte kaum merklich. Dadurch bestätigt wandte Katie sich wieder dem Mal zu. Genauso rau und vernarbt wie es aussah, fühlte es sich auch unter ihren Fingerspitzen an. Auch fühlte es sich verglichen mit der umliegenden gesunden Haut eigenartig kühl an, fast so, als ob das Gewebe nicht richtig durchblutet werden würde.
Andere Menschen hätten diesen Totenschädel mit der aus dem Mund quellenden Schlange vielleicht als abstoßend empfunden oder seinen Unterarm nur mit der Kneifzange anfassen, doch Katie nicht. Das Mal war eben da und gehört zu Adrian mit dazu, also gab es auch keinen Grund, Berührungsängste zu haben.
Adrian schloss erneut die Augen und atmete tief durch, entließ dadurch die Anspannung aus seinen Gliedern. Anfangs war jede Muskelfaser in seinem Körper zum Zerreißen gespannt gewesen und hatte einfach nur die Flucht ergreifen wollen, doch inzwischen empfand er Katies Berührung als angenehm, genoss sie sogar. Nichtsdestotrotz überraschte es ihn, dass sie so völlig vorbehaltslos an die Sache heranging. Seiner Ansicht nach konnte das eigentlich gar nicht sein, doch als er in ihr Gesicht sah, konnte er keinerlei Ablehnung oder Verachtung entdecken. Das machte es leichter für ihn, sich vollends zu entspannen und auch sein Herzschlag normalisierte sich langsam. Er beobachtete, wie ihre filigranen Finger über seine Haut tanzten und die Umrisse des Mals nachfuhren. Eine ihrer honigblonden Locken fiel aus ihren locker zusammengebundenen Haaren heraus und streifte seinen Unterarm. Unwillkürlich lief ihm ein Schauer über den Rücken und sein Puls beschleunigte sich erneut, nur dass das dieses Mal wohl andere Hintergründe hatte.
„Adrian?“ – fragte Katie nach einer Weile zaghaft.
„Hm?“
„Du… also du hast mir nie erzählt, wie es dazu gekommen ist…?“
„Wie was wozu gekommen ist?“ – hakte Adrian nach, obwohl er wusste, auf was sie hinaus wollte.
Während Katie weiterhin über seinen Unterarm strich, raffte sie all ihren Mut zusammen und sah ihm direkt in die Augen. „Du hast mir nie erzählt, wieso du ein Todesser geworden bist. Ich weiß zwar, dass du das nicht wolltest und dass du nie ein überzeugter Todesser warst und auch, dass du wohl keine andere Wahl hattest, aber ich hab keine Ahnung, wie es so weit kommen konnte.“
„Ist das denn wichtig?“ Seufzend ließ Adrian seinen Blick über den im Sonnenlicht glitzernden See gleiten, sog diesen friedvollen Anblick in sich auf, während er auf die Antwort wartete, die er eigentlich nicht hören wollte.
„Ja.“ – erwiderte Katie bestimmend. „Und zwar nicht, weil es irgendetwas für mich ändert, sondern weil ich dich kennen lernen und dir helfen will. Und beides kann ich nicht tun, wenn du mir immer den Großteil deiner Vergangenheit vorenthältst.“
Adrian konnte einfach nicht anders, als kalt aufzulachen. „Du willst mich kennen? Du willst mir helfen? Glaub mir, das eine willst du nicht und das andere kannst du nicht.“
„Fein!“ – entgegnete Katie patzig. „Dann beschwer dich aber auch nicht, wenn keiner was mit dir zu tun haben will, Pucey!“ Sie setzte eine dunkle Sonnenbrille auf, kramte eine Zeitschrift heraus und vergrub sich darin. Wenn Adrian keine Hilfe wollte, dann war er selbst Schuld.
Kurz war Adrian verwirrt über ihren plötzlichen Temperamentsausbruch, doch andererseits kam dieser ihm recht gelegen. Immerhin hatte er heute schon seine redseligen fünf Minuten gehabt und noch mehr Seelenstrip musste an einem Tag eigentlich nicht sein. Nach einer Weile allerdings empfand er ihr Schweigen als unangenehm. Er wollte nicht, dass Katie – wieso auch immer – sauer auf ihn war und er hatte sie auch eigentlich nicht vor den Kopf stoßen wollen. Das wollte er noch weniger, als dass er nicht mit ihr über seine Vergangenheit reden wollte.
„Weißt du, bei uns wird mit der Gehirnwäsche schon ziemlich früh angefangen.“ – sagte er, doch Katie unterbrach ihn, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. „Ach, jetzt auf einmal willst du es mir doch erzählen?“
„Willst du es jetzt wissen oder nicht?“ – fragte Adrian ungehalten. „Weil wenn du einfach nur rumzicken willst, dann mach ich mir die Mühe gar nicht erst. Ich kann mir nämlich durchaus Besseres vorstellen, als dir hier mein Seelenleben auf dem Silbertablett zu präsentieren.“
Katie legte ihre Zeitschrift weg und wandte sich ihm zu. „Entschuldige.“ – sagte sie, auch wenn sie fand, dass nicht sie hier die Unzugängliche war, doch ihre Neugier siegte über ihre Streitlust. „Also, bei euch Reinblütern fängt das mit der Gehirnwäsche schon früh an – da warst du stehen geblieben.“
„Ja, es fängt ziemlich früh an.“ – bestätigte Adrian. „Ich zum Beispiel habe von klein auf erzählt bekommen, dass ich besser als alle anderen bin – weil mein Blut rein ist. Meine Eltern haben mir von Anfang an eingeredet, dass ich nur mit Reinblütern etwas zu tun haben darf, weil alle anderen Abschaum sind. Es wurde auch ganz genau überwacht, mit wem ich mich getroffen habe. Ich hatte darüber nie eine eigene Entscheidungsgewalt, sondern hab einfach mit den Kindern gespielt, die meine Eltern für angemessen gehalten haben, habe einfach die Ansichten nachgeplappert, die meine Familie mir vorgeredet hat. Ich weiß nicht, ob andere Kinder in dem Alter solche Ansichten schon hinterfragen, aber ich habe es zumindest nicht getan. Ich habe meinen Eltern geglaubt…“
„Aber das ist doch normal… Ich hab meine Eltern als kleines Kind auch nicht in Frage gestellt, das kam erst später.“
„Ja, bei mir auch… zu spät.“ – erwiderte Adrian verbittert und sah den Eichenblättern hoch über seinem Kopf zu, wie sie sich im Wind bewegten. „Naja, egal. Als Kind hab ich mir darüber wie gesagt keine Gedanken gemacht… Tja, und dann bin ich nach Hogwarts gekommen. Das ist auch so eine Sache, mir wurde von Anfang an eingeredet, dass Slytherin das einzig gute Haus ist und dass alle anderen verabscheuungswürdig sind. Es wäre eine Schande gewesen, in ein anderes Haus eingeteilt zu werden…“
„Aber da hast du doch gar kein Mitsprachrecht.“ – unterbrach Katie ihn verständnislos. „Das entscheidet der sprechende Hut.“
Adrian lachte leise. „Ja, aber er geht schon auf die eigenen Wünsche ein. War bei mir zumindest so.“
„Wie? Hattest du eine Wahl? Mich hat er gleich Gryffindor zugeteilt – ohne Diskussion. Ich hatte da nichts mitzureden.“
„Du bist ja auch durch und durch eine Löwin.“
„Danke… Hat er dich denn wählen lassen?“
„Ja.“
„Man, Adrian! Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Zwischen was hattest du die Wahl?“ – fragte Katie neugierig.
„Slytherin und Ravenclaw.“ – erwiderte er, woraufhin sie kicherte. „Ist das dein Ernst? Du wärst fast ein Adler geworden? So ein Intellektueller?“
Adrian zog amüsiert eine Augenbraue nach oben. „Zweifelst du etwa an meiner Intelligenz, Bell?“
Grinsend zuckte sie mit den Schultern. „Eigentlich nicht. Wobei wer lieber nach Slytherin, als nach Ravenclaw geht…“
„Ich dachte, du wolltest etwas über meine Vergangenheit erfahren und nicht meinen Intelligenzquotienten ermitteln.“ – schnaubte Adrian. „Aber gut. Wir können auch gerne stattdessen ein paar böse Vorurteile über zu stolze Löwen und zu arrogante Schlangen aufleben lassen.“
„Nein!“ – stieß Katie hastig aus. „Erzähl weiter.“
„Naja, es ist eigentlich schnell erzählt. In Hogwarts hat sich meine Einstellung zum reinen Blut zwar geändert, aber in Slytherin darfst du so etwas eigentlich nicht einmal denken, geschweige denn laut aussprechen. Die Wände dort haben Ohren und jeder kennt jeden – das interne Beziehungsgeflecht ist unglaublich. Das ist ein reines Machtsystem und jeder, der anders ist, wird ausgeschlossen. Was in Slytherin heißt, dass die einem das Leben zur Hölle machen. In Slytherin muss man mit der Masse mitlaufen, seine Maske tragen, um nicht unter zu gehen. Ein paar der ehemaligen Schlangen saßen damals in so hohen Positionen, dass sie einem die ganze Zukunft mit einem Fingerschnips verbauen hätten können – nicht, dass sie das bei mir nicht so auch getan hätten… Aber egal, im Klartext bedeutet das: Ich habe zwar meine Ansichten in Hogwarts geändert, aber sehr schnell gelernt, sie für mich zu behalten. In meinen Kreisen hat man nicht eigenständig zu denken oder eine andere Meinung zu vertreten, sondern man hat den Vorstellungen zu entsprechen. Das wurde mir ziemlich schnell klar gemacht. Und glaub mir, meine Eltern hatten ein paar sehr überzeugende Methoden… Vielleicht hätte ich während meiner Schulzeit abhauen sollen, aber auf der einen Seite war ich zu feige und auf der anderen habe ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn auch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht – bis es zu spät war… Gleich an dem Abend meines Schulabschlusses waren die Flints zu uns zum Essen eingeladen – angeblich um unsere UTZe zu feiern. Tja, und der Ehrengast dieser Feier war der Dunkle Lord. Er hat Marcus und mich gefragt, ob wir den Todessern beitreten wollen. Eine wirkliche Wahl hatten wir aber nicht, hätten wir nein gesagt…“
„Hätte er euch getötet.“ – flüsterte Katie. Sie war geschockt. Geschockt darüber, wie seine eigenen Eltern ihn in diese Situation gebracht hatten. Zumal sie sich unter diesen sehr überzeugenden Methoden einiges vorstellen konnte. Sie hörte nicht das erste Mal davon, dass in den Reinblutfamilien zu sehr brutalen Erziehungsmaßnahmen gegriffen wurde, sobald sich ein Sprössling wiedersetzte. Doch trotzdem hatte ein Teil von ihr gehofft, dass Adrian zumindest das erspart geblieben war.
„Ja.“ Adrian nickte und schwieg kurz, bevor er mit seiner Erzählung fortfuhr. „Dann hat er uns das Dunkle Mal eingebrannt. So bin ich zum Todesser geworden und ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem Fall auch geblieben – weglaufen ging nicht mehr. Ende der Geschichte.“
„Oh.“ Mehr fiel Katie dazu nicht ein, während sie geistesabwesend weiterhin über seinen Arm strich. Sie war immer noch geschockt und zudem war es ihr peinlich, dass ihr nicht die richtigen Worte einfielen. „Das… es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Auch wenn Adrian wusste, dass sie das vermutlich nicht böse meinte, spürte er augenblicklich, wie er alle Schotten dicht machte. Wieso hatte er ihr das überhaupt erzählt? Es war doch von Vornherein klar gewesen, dass das ihr Bild von ihm ins Negative verändern würde. Wahrscheinlich wurde nun auch ihr endlich klar, was für ein Feigling er gewesen war und dass sie keinen Umgang mit ihm pflegen sollte. Er zog seinen Arm von ihr weg und setzte sich ruckartig auf. „Passt schon.“ – schnaubte er. „Ist für euch ach so mutige Gryffindors wahrscheinlich auch nicht nachvollziehbar, wie man so wenig Rückgrat haben und sein eigenes Leben über das von anderen stellen kann. Jeder von euch hätte nein gesagt und wäre zu seinen Überzeugungen gestanden, hätte dafür den Tod in Kauf genommen. Tja, aber wir Slytherins sind eben dafür bekannt, eigennützig zu sein.“
Katie fühlte sich, als hätte er einen Eimer kaltes Wasser über ihren Kopf ausgeschüttet. Glaubte er wirklich, was er sagte? Seiner abweisenden Haltung nach zu urteilen, musste die Antwort ja lauten. „Adrian.“ – begann sie zögerlich, setzte sich ebenfalls auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter, sein leichtes Zurückweichen ignorierend. „Das stimmt nicht… Ich glaube nicht, dass jeder von uns unter diesen Umständen nein gesagt hätte. Du bist anders aufgewachsen als der Großteil von uns, das kann man nicht vergleichen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich unter den gleichen Umständen und mit der gleichen Vorgeschichte wie du nein gesagt hätte… Außerdem zeichnet Mut sich nicht immer durch das Offensichtliche aus. Lass dir das von einer Gryffindor gesagt sein, die viel zu viel Heldentum in ihrem Haus miterlebt hat. Mut bedeutet zwar, die eigene Angst zu überwinden – schön und gut -, aber es ist auch mutig, sich mit so einer Vergangenheit auf die Straße zu trauen und sein Leben weiterzuführen, es ist auch mutig, sich von anderen nicht unterkriegen zu lassen und es ist sogar verdammt mutig, zu seinen Taten zu stehen, dazu zu stehen, dass man nicht perfekt ist… Außerdem ist auch nichts falsch daran, sich selbst wichtig zu sein und sich nicht für die ganze Welt aufzuopfern. Also hör endlich auf, dich selbst so klein zu machen und dich in deinem Loch zu verkriechen! Du bist ein Mensch und du hast einen Fehler gemacht, na und?! Wie lange willst du dich dafür noch selbst bestrafen und verachten?!“ Ihre Stimme war immer lauter geworden. Sie war wütend, wütend auf Adrian. Wieso konnte er nicht sehen, dass seine Vergangenheit zwar nicht glorreich, aber trotzdem nachvollziehbar war? Dass viele andere in derselben Position genau dasselbe getan hätten? Dass es durchaus bewundernswert war, dass er überhaupt jeden Morgen aufstand? Dass es bewundernswert war, dass er nach alledem überhaupt noch eine eigene Meinung vertrat und zu Gefühlen im Stande war? Auch wenn diese Gefühle sich anscheinend auf Selbstablehnung beschränkten.
„So lange, wie nötig.“ – erwiderte Adrian knapp und verschränkte die Arme auf den angewinkelten Knien. Katies Ansprache ging keineswegs spurlos an ihm vorbei, aber er hatte auch keine Lust, weiter darüber zu diskutieren. Es war zwar schön, dass sie anscheinend eine halbwegs gute Meinung von ihm hatte, aber er selbst konnte diese Meinung einfach nicht teilen.
„Vielleicht sollten wir wann anders darüber weiter reden. War jetzt doch n bisschen viel auf einmal.“ – sagte Katie, nachdem sie bemerkt hatte, dass von Adrian nichts mehr kam. Sie wollte ihm nämlich kein weiteres Gespräch aufzwingen – hatte er heute doch schon mehr von sich preisgegeben, als die gesamten zweieinhalb Monate, die sie sich jetzt trafen. Dennoch war das Thema für sie noch nicht vom Tisch, aber sie würde es zumindest vertagen.
„Gute Idee, Bell.“
Katie rollte mit den Augen über seine nach wie vor abweisende Haltung. Jetzt durfte sie also auch noch das Aufheiterungskommando spielen. Zum Glück war sie recht gut darin, Adrian auf andere Gedanken zu bringen.
„Dann lass uns endlich das tun, weshalb wir eigentlich hier sind – schwimmen gehen.“ Sie zwinkerte ihm zu und stand auf, um sich ohne Umschweife auf den Weg zum Ufer zu machen.
Seufzend erhob Adrian sich, blieb aber einen Moment stehen und sah Katie zu, wie sie beschwingt über die Wiese… tänzelte – ja, das war der richtige Ausdruck für diese Gangart. Ihre Hüften wiegten bei jedem Schritt leicht hin und her und ihre aus dem Zopf herausgefallenen Locken wippten auf ihren Schultern auf und ab. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, er konnte ihr einfach nicht böse sein.
Adrian war schon längst in dem kühlen Nass, als Katie gerade mal bis zur Hüfte im Wasser auf den glitschigen Steinen umher tapste, sich dabei aber keinen Zentimeter von der Stelle vorwärts bewegte.
„Bist du da festgewachsen, Bell?“ – rief Adrian ihr zu.
„Nein, aber es ist kalt!“
„Du wolltest doch unbedingt schwimmen gehen!“
„Ja, aber es ist trotzdem kalt!“ – entgegnete Katie und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Frauen…“ – murmelte Adrian für Katie nicht hörbar, bevor er spöttisch eine Augenbraue nach oben zog. „Ich bin hier derjenige, der seit Urzeiten nicht schwimmen war und ich bin trotzdem im Wasser!“
„Kauf dir n Lolli und freu dich!“
Augenrollend verkniff Adrian sich jeden Kommentar, schwamm aber in Richtung Ufer und somit zu Katie zurück. Er würde sie schon ins Wasser kriegen, notfalls unter Einsatz seiner Körperkräfte.
Als sie Adrian auf sich zukommen sah, weiteten ihre Augen sich leicht. Er würde sie doch nicht etwa ins Wasser schmeißen? Nein, das würde er nicht tun. Oder doch? „Geh weg, Pucey!“ – fauchte sie. „Ich kann das allein!“
Doch Adrian hatte inzwischen festen Grund unter den Füßen und ging grinsend einfach weiter auf sie zu. „Offensichtlich nicht, Bell.“
„Doch! Geh weg!“ Als sie versuchte, einige Schritte rückwärts zu gehen, um ihm zu entkommen, rutschte sie auf den glitschigen Steinen aus. Sie ruderte mit den Armen und versuchte dadurch, das Gleichgewicht zu halten, doch es half alles nichts. Sie fiel rückwärts um und das Wasser schlug über ihrem Kopf zusammen.
Prustend tauchte sie wieder auf und Adrian konnte nicht anders, als in schallendes Gelächter auszubrechen.
„Das ist nicht witzig!“ – zischte Katie und wrang ihre Haare aus.
„Doch! Das ist sogar sehr witzig!“ Adrian hielt sich vor Lachen den Bauch und bekam kaum noch Luft, woraufhin Katies Augen sich zu Schlitzen verengten. Ihm würde das Lachen schon noch vergehen, dafür würde sie sorgen.
Als Adrian einen großen Schwall Wasser ins Gesicht bekam, ging sein Lachen in ein Husten über. Er blinzelte die Wassertropfen weg und sah Katie fassungslos an. „Hast du mich grad nass gespritzt? Geht´s noch?!“
Triumphierend grinste sie und zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, du kannst eine Abkühlung vertragen.“
„Na, warte.“ – knurrte Adrian gespielt bedrohlich und ging auf Katie zu.
Sie lieferten sich eine ausgewachsene Wasserschlacht, tollten durch das kühle Nass wie die kleinen Kinder. Gerade hing Katie auf seinem Rücken, die Arme um seinen Hals und die Beine um seine Taille geschlungen und versuchte angestrengt, ihn unter Wasser zu tauchen. Adrian konnte darüber nur Lachen, er war ihr physisch einfach überlegen. Nichtsdestotrotz tat er ihr nach einer Weile den Gefallen und ließ sich ins Wasser fallen, allerdings nicht, ohne sie mitzuziehen. Doch anders als er erwartet hatte, ließ sie ihn nicht los, sondern hing immer noch an ihm, als er wieder auftauchte.
„Ich weiß, dass ich unwiderstehlich bin, aber irgendwann musst du mich loslassen.“ – grinste er sie über seine Schulter hinweg an.
„Arroganter Arsch.“ – erwiderte Katie und boxte ihn in den Oberarm. Dennoch war es ihr beinahe ein wenig peinlich, dass sie so an ihm dran hing, also löste sie ihren Klammergriff und ließ sich in das kinnhohe Wasser sinken.
Adrian, dem das Wasser nur bis zur Brust ging, drehte sich um und sah lächelnd auf sie herab. „Geht doch, Bell.“ Eigentlich hatte sein Kommentar überheblich klingen sollen, doch irgendwie klang seine Stimme stattdessen weich und seine saphirblauen Augen bohrten sich in ihre.
Noch bevor Katie wusste, was sie da tat, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen auf seine. Überrascht riss Adrian die Augen auf, als ihre Lippen seine berührten und einen Stromschlag durch seinen ganzen Körper jagten. Doch noch bevor er realisieren konnte, was da gerade geschah, löste Katie sich von ihm und senkte den Blick.
„Entschuldige. Das war… keine Ahnung, was das war.“ – nuschelte sie und lief rot an. Wieso hatte sie das gemacht? Sie hatte keinen blassen Schimmer. Es war eine reine Impulshandlung gewesen – auch wenn Adrians Lippen sich gut angefühlt hatten, sehr weich und warm. Trotzdem hätte sie das nicht tun sollen und sie traute sich auch nicht, ihn anzusehen.
Adrian indessen starrte auf Katie vor sich herab. Er war sprachlos und das war wirklich selten der Fall. Irgendwie sah sie so aus, als ob die Situation ihr peinlich wäre – was er zwar sehr gut nachvollziehen, aber auf keinen Fall so stehen lassen konnte. Er legte zwei Finger unter ihr Kinn und hob es an, zwang sie ihn anzusehen. Noch bevor er für und wider abwägen konnte, er sich Gedanken um richtig oder falsch machte, neigte er den Kopf und beugte sich zu ihr runter, um sie zu küssen.
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