
von Si-lee
-9- Ferien mit Todesfall
Der Zug ratterte über die Schienen und die Lok stieß weißen Rauch in den hellblauen Himmel. Die wilde Landschaft, gespickt mit vereinzelten Häusergruppen, rauschte an ihnen vorbei. Das komplette Abteil roch nach Kürbispastete und James konnte beobachteten, dass die letzte gerade in Peters Mund verschwand. Sie hatten sich am Anfang ihrer Heimreise mit allerlei Süßigkeiten vom Wagen eingedeckt und stundenlang geschlämmt wie Könige. Zu sechst saßen sie hier im Abteil. James neben Abigail und Remus, Peter neben Sirius und Harvey. Nur Fabian vermissten sie in ihrer kleinen Runde, doch dieser hatte sich zu seinem Bruder gesellt. Die Gänge vor den Kabinen füllten sich zunehmend mit Schülern, die ihre großen Koffer hinter sich herzogen, um die besten Plätze vor den Türen zu ergattern. „Die können es wohl gar nicht abwarten, von Muttern abgeknutscht zu werden.“, kommentierte James dieses Verhalten spöttisch und Peters Gesicht färbte sich leicht rosa.
Überall hörte man sie jetzt im Zug, die aufgeregten Kinderstimmen. Kinderstimmen, die wild durcheinander redeten und sich gar nicht mehr, vor lauter Vorfreude auf ihr jeweiliges zu Hause, ein kriegten. Sie warteten gespannt auf das Eintreffen des Zuges in London. Freuten sich auf die kleinen Geschwister, die Unterrichts freie Zeit. Auf die sonnigen Ferien, die ihnen bevor standen und natürlich auch auf ihre Eltern.
Die meisten Siebtklässler dagegen saßen betrübt im Zug und schwelgten ein letztes Mal in Kindheitserinnerungen. Sie würden sich in wenigen Minuten von ihrer Schulzeit letztendlich verabschieden müssen. Doch nicht nur ihre Schulzeit war dann zu Ende, oft zerbröckelten die so lange gepflegten Freundschaften nach der Schulzeit schneller als das man 'Erwachsen' sagen konnte. Viele langjährige Freunde hingen sich daher in den Armen und beteuerten, dass sie schreiben würden – von wo auch immer.
Doch nicht nur die Siebtklässler waren nicht begeistert, dass das Schuljahr schon zu Ende war. Auch Sirius hatte sich auf die Bank gesetzt, als wolle er dort einfach sitzen bleiben. James beobachtete ihn schon die ganze Zugfahrt lang und war sich langsam nicht mehr sicher, ob Abigails Vermutung - Sirius habe Angst - doch eventuell stimmte.
Sein Schulkamerad mit den schwarzen Haaren starrte unablässig aus dem großen Zugfenster und schien völlig in Gedanken zu sein. Seine Gesichtsfarbe war merkwürdig blass und unter seinen Augen hatten sich tiefe Ringe gebildet. Heute Morgen beim Frühstück hatte James gewitzelt, ob Sirius nun auch zu seiner kranken Oma musste. Remus hatte ihn verwirrt angeschaut, doch der Rest hatte die Anspielung sehr wohl verstanden. Denn normalerweise hatte nur einer aus ihrer kleinen Gruppe das recht in regelmäßigen Abständen völlig blass über der Müslischale zu hängen und das war Remus. Dieser erklärte den Jungs zwar immer warum er so aussah, doch diese glaubten ihm schon längst nicht mehr. (Neben der zweimal todgeweihten Oma und der gestorbenen Tante war besonders die Hochzeit seiner Cousine, die erfindungsreichste Ausrede.)
Sirius hatte diese Anspielung natürlich sofort verstanden, schließlich war er einer der Hauptredner wenn es um das ominöse Geheimnis des Herrn Lupins ging. Er hatte angefangen zu lachen und selbst Peter hatte gemerkt, dass es kein heiteres Lachen war.
„So jetzt sind wir bald schon Zweitklässler.“, nahm Remus den Faden des Gespräches wieder auf und lächelte in die Runde. „Ich freue mich zwar auf zu Hause, aber ich denke in zwei Wochen möchte ich am liebsten wieder bei euch sein.“ James nickte zustimmend. „Was haben wir ein Glück, dass wir im selben Ort wohnen!“, gestand er und grinste die Bagshotgeschwister an. Harvey und er würden Tag ein, Tag aus Quiddich trainieren – sicher zum Leidwesen von Abigail. „Vielleicht könnt ihr uns ja mal besuchen... Platz haben wir genug!“, schlug er begeistert vor und versuchte so auch Sirius wieder ins Gespräch zu holen. Doch dieser gluckste nur, als wäre das alles ein großer Witz und starrte weiter auf das Scheibe. James zog eine Augenbraue hoch und schaute unsicher zu Abi. Diese zuckte mit den Schultern und verzog den Mund etwas. Peter schaute von James zu Abigail und verstand mal wieder nur Banane. „Was ist?“, fragte er daher und Sirius schaute zu ihm rüber. „Was soll sein? Darf man nicht ein Mal mehr nen Geräusch machen?“, bluffte er ihn an. Peter wurde eine Spur kleiner in seinem Sitz und schüttelte nur wild den Kopf. Der junge Black schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder seinem überaus spannenden Fenster zu.
James versuchte Peter ein: 'Er hat seine Blacktage' zu zu flüstern, doch Peter verstand es wiederum falsch. „Warum ist Black ein Mädchen?“, fragte er verwirrt und James schlug sich mit der Hand vor dir Stirn. „Man.“, sprach er nun laut aus. „Lass Sirius einfach gehen, er ist gereizt.“
~*~*~
Vier – drei – zwei – eins – eins – zwei – drei – vier, zählte Sirius in Gedanken seine Fingerkuppen, die er mit den Daumen alle der Reihe nach berührte. Er spielte dieses Nervenspiel schon die ganze Zugfahrt lang. Ruhig bleiben, dass hatte er sich fest vorgenommen. Ruhig bei den anderen sitzen und sich nichts anmerken lassen. Hin und wieder hatte er sogar einen Witz gerissen, nur war heute keiner auf sie eingegangen.
Und wieder fuhr er mit den Daumen seine Finger ab. Zeigefinger – Mittelfinger – Ringfinger – kleiner Finger... Wie oft würde er dieses Spiel wohl in den Ferien spielen müssen?
Langsam regten sich die anderen und hievten die Koffer von den Regalen. Es war soweit. Sirius spürte die Verzweiflung in sich aufsteigen, wie eine Gewitterwolke über dem warmen Meer. Er schloss kurz die Augen und hoffte, er würde das alles nur Träumen. Seine Finger bewegten sich in ihrem geübten Rhythmus und nur die Stimme von Peter drang wieder zu ihm durch. „Sirius, nicht schlafen...“, sagte dieser tadelnd und fast hätte Sirius einfach ausgeholt. Diese kleine Ratte ging ihm so auf die Nerven. Hatte James ihm nicht gerade fünf Minuten vorher erklärt (zunächst geflüstert, was Sirius sehr wohl mitbekommen hatte), dass Sirius heute nicht in der Verfassung für blöde Witze war? Aber nein, der pummelige Junge musste es unbedingt wissen. „Halts Maul, Pettigrew.“, fuhr er ihn an und schwang sich vom Sitz nach oben. Peter quiekte leise und nahm schnell seinen Koffer schützend vor sich. Jetzt stahl sich doch ein Grinsen in Sirius Züge und er machte laut: „Buh!“ Peter zuckte, wie erwartet, zusammen und Sirius lachte bellend.
Das würde er vermissen. „Sirius lass ihn gehen.“, kommentierte Remus die Szene und Sirius musste sich gestehen. Und das auch... Er würde so viel vermissen in den nächsten zwei Monaten. Die kühle Luft im Schloss. Das reichliche Essen, von dem man so viel futtern konnte, bis man platze. Die freien Nachmittage, an denen er durch die Schlossgründe gezogen war. Die Unterrichtsstunden, in denen er die anderen beobachtet hatte. Das letzte Festessen – an dem zu Sirius Betrüben Slytherin den Hauspokal gewonnen hatte. Und seine Kameraden. Den stillen Remus, mit seinen merkwürdigen Ausreden. Harvey und Abigail mit ihren Tipps zum besseren Leben. James. Und sogar Peter.
„Also Jungs.“, verkündete James als würde er eine Rede halten. „Und Mädels.“ Er nickte Abi zu. „Ich wünsche euch tolle Ferien!“ Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd und kurz musste Sirius überlegen, ob James jetzt alle umarmen würde. Doch das tat nicht ein Mal Abi. Remus und Peter pflichteten James bei und auch Harvey und Abi wünschten 'gute Ferien'. Dann wandten sich alle Gesichter Sirius zu. „Ihr werdet schöne Ferien haben.“, erklärte er desinteressiert und lies seinen Koffer vom Regal krachen.
Sirius merkte wie Abi James in die Seite stupste, doch dieser schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Sirius wollte es sowieso nicht hören. Sie verstanden ihn nicht und würden das auch nicht. Wie auch? Diese verwöhnten, kleinen Bengel.
Eins – zwei – drei – vier – vier – drei – zwei – eins
~*~*~
Die Vögel zwitscherten wild durcheinander und die Bäume wiegten sich leicht im Wind. Harvey, Abigail und James hatten ihre Besen geschultert und wanderten auf eine Lichtung im Wald vor Godrics Hollow. Die ersten Wochen der Ferien waren wie im Fluge an den Dreien vorüber gezogen und das Ende der Ferien rückte mit jedem Tag etwas näher.
Sie hatten ihre Ergebnisse bekommen und waren alle recht zufrieden. Abi's Mutter war zwar nicht besonders begeistert, als sie bemerken musste, dass ihre Tochter keines Falls ihre Begabung für Geschichte der Zauberei geerbt hatte, doch sie war ihr nicht böse gewesen. Harveys 'Erwartungen übertroffen' in diesem Fach hatten sie besänftigt. Auch die Potters waren sehr zufrieden mit den Leistungen ihres Sohnes gewesen, obwohl – wie James es Harvey am nächsten Tag erklärte – sie sicher auch stolz auf ihn gewesen wären, wenn er nur M's und A's geschrieben hätte.
Von Remus und Peter hatten sie jeweils einen Brief erhalten, in denen die beiden erklärte warum sie leider nicht nach Godrics Hollow reisen konnten. Fabian war die zweite Woche eingetrudelt, aber nach drei Tagen wieder verschwunden. Nur eine Person hatte sich nicht gemeldet und das nahm James dieser langsam etwas übel. James hatte Sirius gleich am dritten Tag eine Eule mit einer Einladung geschickt, sodass dem Jungen spätestens dann klar werden müsste, dass es kein Witz gewesen war. Sirius hatte nicht geantwortet. Harvey und Abigail hatten daraufhin ebenfalls eine Eule zum Haus der Blacks geschickt. Ihre Eltern hatten die Einladung des jungen Blacks mitformuliert, doch sie hatten ihren Kindern auch gesagt, dass dieser wohl nicht antworten würde. James, Harvey und Abi hatten zwei Wochen gespannt gewartet. Nichts war passiert. James wollte Harvey sogar überreden noch eine dritte Eule loszuschicken und diesem Tier zu erklären erst wieder zurück zu kommen, wenn es eine Antwort hatte. Harvey hatte abgelehnt. „Vielleicht will er uns nicht antworten.“ James war damit zwar nicht zufrieden, doch sie hatten das Thema erst ein Mal unter den Teppich gekehrt.
„Ich werd Sirius bald sehen.“, verkündete James nun. Abigail drehte sich um und schaute ihn fragend an. James lies seinen Besen sinken und blieb stehen. „Nun. Meine Oma ist gestorben.“ Harvey blieb nun auch stehen. „Tut mir Leid, Man.“, erklärte er mit ernster Mine. James zuckte mit den Schultern. „Ach halb so wild. Ich kannte sie kaum. Mum und sie haben sich nicht so gut verstanden.“ Abi konnte das nicht verstehen. Sie kannte Mrs Potter sehr gut. Dorea war sehr zuvorkommend und zu jedem immer herzlich. Abi mochte sie sehr gerne. „Und was hat das mit Sirius zu tun?“, fragte sie. Jetzt funkelte es wieder in James Augen. „Ach, Oma ist mit Sirius verwand. Sie ist seine Uroma, glaub ich.“ Die Bagshotgeschwister machten große Augen. Jedes Kind in der Zaubererwelt wusste zwar, dass alle reinblütigen Familien irgendwie miteinander verwandt waren, doch über diese Verbindung waren sie doch etwas erstaunt. „Echt? Du bist also mit den Blacks verwandt?“, sprach Harvey seine Erschütterung aus. Er würde gleich heute Abend seine Eltern fragen, ob sie auch mit den Blacks verwandt waren... „Ja.“, erklärte James steif. „Aber das heißt noch lange nicht, dass wir ihrer Meinung sind!“
„Klar nicht.“, beschwichtigte Abi ihn schnell. „Aber noch ein Mal, was hat das mit Sirius zu tun?“
„Na Sirius wird wohl zur Beerdigung kommen. Jedenfalls ist das Essen später im Haus seiner Eltern.“, stellte er klar und die anderen machten große Augen. „Ich musste meine Eltern überreden auch noch zum Essen zu gehen. Meine Mum meinte, Sirius würde sowieso nicht mit mir reden. Aber ich will ihn zur Rede stellen. Vielleicht kommt er ja auch mit.“ Abi kräuselte ihren Mund und auch Harvey schien James dieses Mal nicht zustimmen zu wollen. „Kann sein.“, sagte er daher nur halbherzig und machte sich dann wieder auf den Weg zur Lichtung. „Ihr werdet es schon sehen. Sirius wird mir erklären warum er nicht geschrieben hat und dann ist alles wieder wie vorher. Vielleicht hatte er ja nur seine Blacktage.“
~*~*~
Zwei gekreuzte Schlangen züngelten im Eisengatter des Friedhofs und zeigten jedem, der es wagte sie zu öffnen, dass sie hier nicht willkommen waren. Dicke Tannen und ein paar Ulmen standen am Zaun und schotteten die Besucher von der Außenwelt ab. Ein paar Vögel hatten sich in den großen Bäumen eingenistet und untermalten die gedrückte Stimmung mit einem leisen Gezwitschert. Ein Taubenpaar turtelte um die Wette und unterbracht die ruhige Atmosphäre durch ihr ständiges gurren. Jemand aus dem Menschenpulk zog einen kurzen Holzstab aus der Manteltasche und die Tauben verstummten.
Die Besucher waren in schwarze Umhänge gekleidet und trugen teuren Schmuck. Einige, wenige hatten weiße Taschentücher in der Hand und betupften hin und wieder ihr Gesicht. Etwas abseits von diesem Pulk standen drei Personen, dicht aneinander gedrängt und beobachteten den Rest mit gebührenden Abstand. Sie wirkten in ihren schlichteren Sachen und ohne die teuren Ringe an den Händen nicht dazugehörig und fühlten sich wohl auch so.
Die Familie Black und ihre Verwandten hatten sich heute hier eingefunden um die Beerdigung von Violetta Black zu feiern. Der Friedhof war für diese Veranstaltung für die übrigen Besucher abgesperrt worden und so blieben sie ungestört. Familienoberhaupt Arcturus Black stand mit seiner Frau Melania an der Seite des marmornen Grabes. Zu seiner linken folgten die Familien von Orion Black und Cygnus Black. Am Rand hatten sich die Verwandten ohne Familie aufgestellt. Nur Dorea Potter sowie ihr Mann Charlus und ihr Sohn James standen in der zweiten Reihe um das Grab. Alle schauten sie auf die dunkle Marmorplatte des Grabes. Oben stand der Name Black in großen Lettern und darunter in geschwungener Schrift Toujours pur. Dann wurden die Namen aufgelistet. Auf der rechten Seite die, der männlichen Blacks auf der linken die weiblichen. Arcturus Black hob seinen Zauberstab ein zweites Mal und bewegte seine Lippen stumm. Ein weiterer Name erschien an der unteren linken Seite und einige Frauen hoben wieder die Taschentücher.
James hörte die Stimme des Familienoberhauptes nicht, er achtete auch nicht auf die Blicke die ihm und seiner Familie zugeworfen wurden. Er starrte nur einen Jungen in der vorderen Reihe auf den Rücken und fragte sich, warum dieser ihn noch kein einziges Mal angesehen hatte.
Dort neben dem stämmigen Orion Black stand er, mit ordentlich gekämmten, schwarzen Haaren, die ihm etwas in die Stirn fielen. James wusste, dass seine grauen Augen auf den Boden starrten, auch wenn er sie nicht sah. Sirius Black stand dort, mit seltsam steifer Haltung, hatte die Schultern zurückgezogen und wirkte wie aus Stein. Seit dem Auftauchen der Potters auf dem Friedhof am Rande Londons hatte Sirius sich nicht ein Mal bewegt und James fragte sich schon, ob er ihn überhaupt wahrgenommen hatte.
Dorea Potter starrte stumm auf das Grab vor sich und schien gar nicht zu bemerken, wie ihr eine Träne nach der anderen die Wange herunterlief. James nahm irgendwann ihre Hand und drückte sie, um ihr etwas Beistand zu geben. James wusste, dass seine Mutter nie guten Kontakt zu ihrer Familie hatte, nachdem sie Charlus Potter geehelicht hatte. Doch er hatte nicht erwartet, dass dieses Familientreffen sie so sehr mitnehmen würde. Seine Oma, die hier beerdigt wurde, hatte James nur ein Mal gesehen und erinnerte sich nur an die spitze Nase und die großen, eisblauen Augen, die ihn so durchdringend gemustert hatten. Er war recht froh nach dem ersten Besuch gewesen, diese Frau nicht wieder sehen zu müssen. Seine Mutter hingegen hatte oft für ein weiteres Treffen gekämpft. Allerdings ohne Erfolg.
Arcturus Black war verstummt und die kleine Gemeinde legte Blumen auf das Grab. Auch Sirius hatte einen Strauß weißer Lilien in der Hand, die er auf ein Zeichen seines Vaters auf die Marmorplatte legte. Er drehte sich kurz zu den übrigen Gästen um und James suchte seinen Blickkontakt. Er blieb aus. Nachdem auch die letzten Blumen von einem Mädchen mit strohblonden Haar, die James als Narzissa Black erkannte, abgelegt wurde zerstreute sich die kleine Ansammlung. Nur eine Dame in einem mit silbernen Schlangen bestickten, schwarzen Umhang blieb stehen und drehte sich dann zu den Potters um. „Ihr seit zum Essen herzlich eingeladen, Dorea. Du kennst denn Weg noch?“ Ihre Stimme klang eher so, als hoffte sie, die Potters würden absagen. James Mutter nickte leicht und die Frau drehte sich schnell weg. Sie lief auf Orion, Sirius und Regulus zu und James wusste, dass es Walburga Black gewesen sein musste. Er musterte die Frau mit den dünnen Beinen und der steifen Haltung etwas genauer und erkannte die Statur seines Zimmergenossen in ihr wieder. Die Gesichtszüge hatte er allerdings von seinem Vater geerbt.
James schaute zu seinen Eltern hoch. Charlus Potter hatte seine Frau nun im Arm und tröstete sie. Nachdem die Familie Black geschlossen apperiert waren wandte sich auch Mrs Potter wieder an ihren Sohn. „Möchtest du wirklich noch zum Essen gehen?“, fragte sie ihn. Er stieß einen Kiesel in Richtung Grab und schaute dann auf die Stelle an der Sirius gestanden hatte. Er zuckte mit den Schultern und sagte: „Ja. Vielleicht durfte er nur hier nicht mit mir reden.“ Sein Vater schnaubte leise und James wusste, dass er nicht daran glaubte. „Wir können es versuchen, James. Aber sei nicht betrübt wenn es nicht so ist. Er ist ein Black und seine Eltern werden darauf achten, dass er nicht viel mit dir zu tun hat.“ Seine Eltern hatten in den letzten Tagen viel mit ihm über das Thema Black geredet. Seine Mutter hatte ihm Geschichten von früher erzählt und ihm damit erklärt, dass die Familie Black sehr auf das reine Blut achtete. James hatte solche Erzählungen noch nie vorher gehört und war erstaunt gewesen, wie unterschiedlich die reinblütigen Familien mit ihrem Status umgangen. So richtig konnte er sich das alles auch nicht vorstellen.
Dorea Potter hatte unter anderem von geköpften Hauselfen gesprochen und James hatte nur gelacht. Solche Methoden hörten sich eher nach Mittelalter an und er konnte sich nicht vorstellen, dass Familien der heutigen Zeit so etwas noch praktizierten.
„James komm zu mir, wir werden gemeinsam apperieren.“, meinte seine Mutter und nahm ihre beiden Männer an die Hand.
James hasste das Gefühl durch einen engen Schlauch gepresst zu werden und dann an einer ihm unbekannten Stelle wieder ausgespuckt zu werden. Wenn es möglich war, reisten seine Eltern per Flohpulver oder Portschlüssel. Nur sehr selten apperierten sie gemeinsam.
Als James jetzt auf einer grauen Straße prustend wieder zu Luft kam, fühlte er sich auch nicht besonders gut und hätte sich am liebsten gleich übergeben. Seine Mutter nahm ihm bei der Hand und zeigte mit einem nicken auf ein Haus direkt vor ihm. Es war aus dem immer grauen Stein gebaut, wie Nummer elf und Nummer dreizehn auch. Jedoch erkannte James, dass die Fenster aus einem dunklerem Holz gefertigt waren und auch die Tür erschien völlig anders. Man musste fünf Stufen hinaufsteigen und stand dann vor einer schwarzen Tür mit einem Knauf, der wie eine Schlange aussah. James schaute kurz zu seiner Mutter hoch, diese nickte. Er hob die Hand und wollte gerade klopfen, als sich die Tür wie von Geisterhand öffnete.
Ein Hauself in Lumpen stand vor ihnen und verbeugte sich tief. „Der Herr und die Herrin erwarten sie im Salon, Mrs Potter.“ Er wies ihnen den Weg mit einer weiteren Verbeugung und schloss dann hinter ihnen die schwere Tür.
Dünne, weiße Kerzen erhellten den Flur nur spärlich und Dorea Potter zog ihren Sohn hinter sich her. James schaute gespannt an die Wände und erkannte die immer gleichen Nasen in den Gesichtern der Vorfahren der Familie Black. Fast wäre er die Treppe hoch gestolpert, als er die Schrumpfköpfe der Hauselfen sah. Er musste schlucken und wandte seinen Blick schnell auf die Treppenstufen. Wenn diese Geschichte stimmte, wollte James lieber keine mehr hören. Es ekelte ihn und fast hätte er sich umgewandt und wäre mit seinen Eltern wieder gegangen.
Der Hauself lief vor ihnen die Treppe hoch und murmelte leise vor sich hin. „Die Herrin ist gar nicht begeistert. Potter... und das in ihrem Haus.“ James bekam große Augen, als er das hörte und nur durch die Hand seines Vaters, die sich auf seine Schulter legte, sagte er nichts. Der Hauself verbeugte sich wieder vor Dorea und beachtete James und Charlus nicht ein Mal. „Ich wünsche ihnen einen angenehmen Tag.“ Er öffnete für sie die Tür und lies die Familie Potter in den Salon treten.
Der Salon war in olivgrün gehalten. Schwere, grüne Vorhänge verdeckten den Blick nach draußen und dunkelgrüne Sofas luden die Gäste ein, sich hinzusetzten. Der Raum war vollgepackt mit alten Schränken, in denen Pokale neben Büchern standen. An den Wänden erkannte James wieder die Verwandten der Familie Black an ihren Nasen und spürte deren Blicke auf sich.
Er schluckte ein zweites Mal und hörte hinter sich ein leises Aufstöhnen.
Walburga Black kam auf sie zu und sprach, wie alle hier, ausschließlich mit seiner Mutter. „Du hast es gefunden. Schön.“, stellte sie fest. „Kreacher, bring unseren Gästen ein Getränk.“, rief sie und die Tür öffnete sich wieder und der Hauself kam mit zwei klobigen Gläsern Elfenwein herein. James übersah er einfach. Walburga Black erhob das Glas und sagte mit lauter Stimme. „Auf die Familie.“ James hörte ein vielstimmiges „Toujours pur.“ und sah in die vielen Gesichter die sich ihnen zugewandte hatten. Dorea hatte ebenfalls das Glas gehoben, allerdings den Wahlspruch der Familie Black nicht ausgesprochen. Walburga überging dies. „Der junge James kann sich gerne zu den Jüngeren gesellen.“, schlug sie vor und zeigte auf eine Sitzgarnitur am hinteren Ende des langen Raumes. Auf den gegenüberstehenden Sofas saßen die Kinder von ihr und ihrem Bruder Cygnus aufgereiht wie Orgelpfeifen. Dorea nickte und James ging schnell zu den Jungen und Mädchen hinüber.
„Oh der junge Potter. Das deine Mutter sich überhaupt hier her traut.“, begrüßte ein Mädchen mit schwarzen Haaren ihn. Er kannte die Familie Black nicht gut und schaute daher zu Sirius, in der Hoffnung, dass er sie vorstellen würde. „Bellatrix Black.“, tat sie es dann selber. Sie rümpfte die Nase und schaute kurz zu Sirius hinüber. „Ihn kennst du ja schon.“ Danach stellte sie ihre Schwester Andromeda und Narzissa vor, gefolgt von ihrem Cousin Regulus.
James nickte nur kurz und lies sich auf den Sessel fallen. Narzissa, die ihm am nächsten saß, wandte sich von ihm ab und sprach leise zu ihrer Schwester. „Wie lange müssen wir hier bleiben?“ Andromeda schien diese Frage ebenfalls brennend zu interessieren und sie wandte sich auch zu ihrer großen Schwester. „Mutter meinte bis alle gegangen sind. Außer Großvater verabschiedet sich vorzeitig.“, stellte Bellatrix klar. Sie schien die älteste der drei zu sein. James überlegte, wie alt sie wohl sein könnte und schätzte sie auf siebzehn. Andromeda und Narzissa hatte er beide in Hogwarts schon ein Mal gesehen, doch nie näher betrachtet. Andromeda und Bellatrix hatten die typischen Blackschen Züge, die auch Sirius sein Eigen nannte. Narzissa hingegen hatte hellblonde Haare und ein weicheres Gesicht. Als James die drei Schwester zu genüge betrachtet hatte, wanderte sein Blick sich zu Sirius und seinem Bruder Regulus.
Sirius saß steif auf dem Sofa. Er hatte die Füße gerade vor sich auf den Boden gestellt und wirkte wie eine Kasperlepuppe. Sein Gesicht verriet nicht, was er dachte oder fühlte. Es wirkte seltsam leer. Seine Augen starrten auf einen Punkt an der Wand hinter Andromedas Kopf und James sagte später oft, dass Sirius zu diesem Zeitpunkt Ähnlichkeiten mit einem Mensch hatte, der unter einem schlechten Imperius stand. Sirius hatte ihm später allerdings versichert, dass das nicht der Fall war.
James schluckte wieder. Er wusste nicht was er sagen sollte. Wusste nicht ob er überhaupt etwas sagen sollte. Fast wünschte er sich wieder zu seinen Eltern. Das Charlus seine schützende Hand auf seine Schulter legte und das seine Mutter ihm zuflüsterte, dass sie jeden Moment gehen würden. Doch statt den Potters kam der ältere Mann vom Friedhof auf die Gruppe Jugendlicher zu. Arcturus Black war der Inbegriff von Blackschen Zügen. Die grauen, durchdringenden Augen schauten aus ihren tiefen Höhlen zu James herunter. „James Potter. Was ein Jammer das eure Familie sich von uns abgewandt hat. Deine Mutter war ein reizendes Mädchen, bevor sie ihn geheiratet hat.“ Er machte eine kurze Pause und ließ sein Blick zu Sirius hinüber schweifen. „Und wie ich hörte, versteht ihr euch recht gut.“ Er nickte leicht und James folgte seinem Blick. Sirius starrte noch immer auf den Punkt an der Wand. „Reinblüter müssen unter sich bleiben, dass ist gewiss.“ James schaute zu Arcturus auf und öffnete seinen Mund um zu sagen, dass er sich nicht nur mit Reinblütern abgab. „Natürlich, Großvater.“, sprach stattdessen Sirius mit seltsam belegter Stimme und James schloss seinen Mund wieder. Hatte er das gerade ernst gemeint? Sirius verstand sich doch auch mit Peter und Remus und wusste sehr wohl, dass diese keine Reinblüter waren. „Das ist gut von dir zu hören, Sirius.“ Arcturus Blick lag noch immer auf Sirius und schien ihn auf seinem Platz fest zu nageln. „Es scheint, du hast etwas dazu gelernt.“, sagte er mit ernster Stimme. Dann erst wandte er sich wieder James zu, der sich vorkam wie im falschen Film. „Es war mir ein Vergnügen dich kennen gelernt zu haben, James. Wir werden sehen, was die Zeit aus dir macht.“ Bevor James etwas sagen konnte, verschwand der ältere Herr wieder und lies die Jungen und Mädchen wieder alleine.
Jetzt wurde es James doch zu bunt. Er wollte jetzt wissen, was das hier für ein Spiel war. „Sirius, sag, was ist los mit dir?“, fragte er ihn etwas nervös. Alle Gesichter drehten sich zu ihm um. Auch Regulus schaute ihn das erste Mal an und James erkannte, dass er seinem großen Bruder sehr ähnlich war. Die Haare hatte er kürzer als Sirius und ein dunkler Leberfleck unterbrach seinen ebenmäßigen Teint oberhalb der rechten Augenbraue.
Doch das Gesicht, welches er so unbedingt ansehen wollte, wandte sich ihm nicht zu. Sirius sprach weiter zu dem Punkt an der Wand. „Es geht mir gut, danke.“, erklärte er mit seiner seltsam belegten Stimme.
James schnaubte. „Klar. Das kannste meiner Oma erzählen aber doch nicht mir.“, entgegnete James etwas sauer. „Deine Oma ist kürzlich verstorben.“, unterbrach Bellatrix ihn mit zynischer Stimme. „Ich denke, Sirius wünscht deine Gesellschaft nicht, Potter.“ Ein hämisches Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. „Ist es nicht so, Cousin?“
Zum ersten Mal veränderten sich die Gesichtszüge des Stammhalters der Familie Black. Seine Nasenspitze kräuselte sich und Sirius sagte eine Spur schärfer. „Halt dich aus meinen Angelegenheiten raus, Bellatrix. Sonst vergess ich mich.“ Die Angesprochene lachte schrill auf. „Das traust du dich nicht, Sirilein.“, sprach sie mit gekünstelt hoher Stimme und grinste ihren Cousin mit zwei Reihen schneeweißer Zähne an.
„Lass ihn in Ruhe!“, setzte James endlich wieder ein. „Du hast mir nichts zu sagen, Potter.“, erklärte Bellatrix mit ernster Miene und erhob sich. Ihre Schwestern taten es ihr gleich und sie verließen die Sitzgruppe angemessenen Schrittes. James schnaubte. „Der Wahnsinn deine Verwandten.“, murmelte er und hoffte das Sirius endlich aus seiner Starre erwachen würde. Doch an Sirius statt antwortete Regulus. „Du solltest besser gehen.“, bat er ihn mit kindlicher Stimme. „Es wäre für alle das Beste.“ James machte große Augen und schaute wieder zu Sirius rüber. Dieser starrte unverwandt auf den Punkt an der Wand und James schnaubte noch etwas lauter. „Das glaub ich alles nicht.“, grummelte er und ging rasch zu seinen Eltern.
Dorea Black stand mit dem Elfenwein in der Hand und ihrem Mann an der Seite vor einem Porträt einer alten Dame. James erkannte seine Großmutter und schaute zu seinen Eltern hoch. Die Augen seiner Mutter glitzerten verräterisch. „Wir können gehen.“, murmelte er niedergeschlagen. Sein Vater legte ihm die Hand auf die Schulter und er fühlte sich wieder sicherer.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel