
von Miss_Killjoy
Curtains, Make-up and broom closets
Als Scorpius am ersten Schultag aufwachte, seufzte er innerlich auf.
Am Abend zuvor war er erstaunlich freundlich begrüßt worden. Nur die üblichen Beleidigungen und Kommentare waren gefallen.
Dass er eine Schande für die Zauberwelt war und er hier nichts zu suchen hatte. Dass er es nicht verdient hatte, unterrichtet zu werden.
Dass man ihn und seine ganze Familie lebenslang nach Askaban sperren sollte.
Erstaunlicherweise war gar nicht mehr passiert, aber Scorpius war sich sicher, dass es nicht so bleiben würde.
Tatsächlich wurde er - kaum, dass er sich aufgesetzt hatte - von den Vorhängen seines Bettes gewürgt. Das hatte er schon einige Male über sich ergehen lassen müssen, aber dieses Mal war es um einiges schlimmer.
So sehr er auch an dem Stoff zerrte, der Druck um seine Kehle wurde nicht leichter und vor seinen Augen fingen Sternchen an zu blinken.
Er röchelte und erst, als ihm schon ganz schwindlig war, ließen die Vorhänge von ihm ab. Während er hustend nach Luft schnappte, hörte er Albus' gehässiges Lachen. Weitere stimmten mit ein. Ihr Lachen würde Scorpius überall wieder erkennen. Er schob den Vorhang, der ihn gerade eben noch fast erwürgt hätte, zur Seite und erblickte die Potters und Weasleys.
Rose beruhigte sich als Erste wieder und kam auf ihn zu. „Meine Güte, Malfoy. Du hast deine Haare auch überhaupt nicht unter Kontrolle, he?“ Sie zog ihm schmerzhaft an den verwuschelten Haaren. „Ihr solltet ihn ein bisschen herrichten, Mädels“, meinte James.
Lily kam nun ebenfalls zu ihm und begann zusammen mit Rose seine Haare komplett zu verfilzen. Hilflos versuchte er ihre Hände abzuwehren und bemühte sich gleichzeitig nicht loszuheulen oder zu schreien. Die beiden rissen nämlich gnadenlos an den Strähnen und kicherten fröhlich dabei.
Tränen schossen ihm in die Augen, als Rose so heftig zog, dass sie ihm eine ganze Strähne ausrupfte und ein Wimmern entfuhr ihm.
„Alter, schau dir diese Heulsuse an!“ James durchquerte mit wenigen Schritten das Zimmer. Lily und Rose packten Scorpius an den Schultern und hielten ihn fest.
Nicht, dass er jemals auf die Idee gekommen wäre, auch nur zu versuchen, wegzulaufen.
Allein die forsche, entschlossene Art, mit der James auf ihn zukam und sich vor ihm aufbaute, jagte Scorpius einen kalten Angstschauer über den Rücken.
Der große Gryffindor langte nach seinem Kinn, hob es grob an und zwang Scorpius somit, ihn anzusehen.
Dessen Sicht war etwas verschleiert von den Tränen, die in seinen Augen standen.
„Was ist los, Malfoy? Da wollen wir einmal nett zu dir sein und dich hübsch machen und du heulst. Das ist sehr unhöflich, weist du?“ Er verstärkte seinen Griff um Scorpius' Kiefer.
„Wir sollten dir mal ein paar Manieren beibringen! Deine Eltern haben das ja scheinbar nicht geschafft. Waren wohl zu sehr mit Todesser-Dingen beschäftigt.“
Scorpius Kiefer schmerzte von James harten Griff und die Mädchen bohrten ihm ihre langen Fingernägel in die Haut. Er presste seine Lippen aufeinander, um nicht wieder anzufangen zu wimmern, doch er konnte nichts dagegen tun, dass ihm eine Träne aus dem Auge lief und eine feuchte Spur auf seiner blassen Wange hinterließ.
James Gesicht verfinsterte sich. Er drückte Scorpius' Kopf hart nach hinten und ließ ihn dann los. Der Kleinere senkte den Kopf und starrte fest auf seine Decke. Von seinen verunstalteten Haaren fielen ihm ein paar Strähnen ins Gesicht, aber die reichten nicht um zu verbergen, dass ihm die Tränen jetzt ungehindert übers Gesicht liefen und von seiner Nasenspitze tropften.
Einen winzigen Moment lang dachte er, dass sie jetzt gingen, denn Rose und Lily gaben seine Arme frei. Doch diese kleine, naive Hoffnung wurde bereits im nächsten Augenblick zerstört.
Diesmal war es James, der ihn fasste. Er zog Scorpius ganz nah an sich heran. So nah, dass der sein Deo riechen und die kleinen Stoppeln auf James' Wangen sehen konnte. James' Augen blickten ihn durchdringend und zornig an.
„Jetzt hör mir mal zu, du kleiner Bastard. Wenn du gedacht hast, dass sich dieses Schuljahr irgendwas ändert, hast du dich geschnitten. Es gilt nach wie vor dasselbe. Du bist ein nutzloser, kleiner Hurensohn und genauso werden wir dich behandeln. Und solltest du es wagen, das Maul aufzumachen, dann wirst du dir wünschen, du wärst nie geboren worden!“
Dann stieß er Scorpius von sich, richtete seinen Umhang und wandte sich wieder an die Mädchen.
„Er gehört euch.“ Er gab Hugo und Albus ein Zeichen und die drei verließen das Schlafzimmer.
Rose und Lily drehten sich mit einem fiesen Grinsen im Gesicht zu ihm um. Lily hob ihren Zauberstab. Die Panik, die gerade in Scorpius aufgestiegen war, steigerte sich noch beim Anblick des auf ihn gerichteten Zauberstabs.
Es bedarf nur einer klitzekleinen Bewegung und im nächsten Moment klebten Scorpius Wimpern ganz furchtbar und fühlten sich merkwürdig schwer an.
Er begann heftig zu blinzeln, seine Augen brannten.
„Gute Arbeit, Lily. Jetzt ist er fertig für den Unterricht.“
Scorpius hörte, wie die beiden die Tür schlossen und die Treppe nach unten gingen. Sofort sprang er auf und rannte ins Badezimmer. Er umklammerte den Rand des Waschbeckens, blinzelte weiter, bis er endlich wieder etwas sehen konnte und schnappte erschrocken nach Luft.
Um seine Augen herum war alles pechschwarz. Lily hatte ihm schwarzen Eyeliner und Wimperntusche angehext, die schon ziemlich verlaufen war.
Verzweifelt griff er nach einem Handtuch, hielt es unters Wasser und fing an damit über seine Augen zu rubbeln.
Sie schmerzten immer mehr, genauso schmerzten auch immer noch sein Kiefer und seine Arme.
Er ließ für einen kurzen Augenblick das Handtuch sinken und besah sich seine Oberarme. Dort sah man deutlich die Abdrücke der Nägel. Morgen würden sie sicher ganz blau sein.
Scorpius schniefte. Womit hab ich das verdient?!, dachte er bitter, während er weiter seine Augen saubermachte. Er rubbelte und rubbelte, aber das einzige, was er wegbekam, war das Verlaufene. Die schwarzen Striche um seine Augen herum blieben.
Seufzend zauberte er einen Tempus und musste erschrocken feststellen, dass der Unterricht bereits in 10 Minuten anfing. Er zog sich blitzschnell an, schnappte seine Sachen und warf noch einen Blick in den Spiegel. Nun waren seine Augen auch noch ganz rot und verquollen vom vielen Reiben. Ein erneuter Blick auf die Uhr zeigte, dass er sich nun wirklich beeilen musste.
So hastete er durch die Gänge bis zum Klassenzimmer. Sie hatten Kräuterkunde und die erste Stunde im Schuljahr fand nicht im Gewächshaus statt.
Scorpius stieß die Tür auf und die Gespräche verstummten schlagartig.
Alle drehten sich zu ihm um, einige begannen zu kichern.
„Sie sollten das nächste Mal etwas früher aufstehen, wenn Sie Make-up auflegen wollen, Mister Malfoy! Sie hätten stattdessen lieber einen Kamm in die Hand nehmen sollen!“ Professor Longbottoms Stimme hallte höhnisch durch den Raum und stiftete die ganze Klasse zu lautem Gelächter an.
Scorpius lief mit gesenktem Kopf zu seinem Platz, ganz nach vorn, an all seinen lachenden und spottenden Mitschülern vorbei.
Und schon wieder brannten Tränen in seinen Augen, denn das einzige, das noch mehr schmerzte, als die körperlichen Verletzungen, war die Demütigung.
Und die Tatsache, dass sich der mit Abstand bescheuertste Lehrer über ihn lustig machte.
Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen und wartete, bis das Gelächter verstummte. Währenddessen hallten James' Worte in seinem Gedächtnis. Wenn du gedacht hast, dass sich dieses Schuljahr irgendwas ändert, hast du dich geschnitten. Wie hatte er nur erwarten können, dass irgendetwas anders sein würde?? Das 3. Schuljahr hatte gerade begonnen, vier weitere würden noch folgen und es bestand nicht die geringste Chance, etwas ändern zu können.
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Die weiteren Stunden verliefen gleich.
Gelächter, dummer Kommentar vom Lehrer, noch mehr Gelächter.
Zwischen den Stunden wartete er, bis fast alle Schüler in ihren Klassenzimmern waren, bevor er sich auf den Weg zu seinem eigenen Unterricht machte.
Es mussten ihn ja nun wirklich nicht alle so rumlaufen sehen.
Die letzte Stunde vor der Mittagspause war Zauberkunst und wurde von der Direktorin unterrichtet. Scorpius ging mit einem mulmigen Gefühl in das Klassenzimmer und bereitete sich auf einen weiteren Kommentar vor.
Die Granger-Weasley sah ihn erst etwas verwundert an. „Mister Malfoy, Sie sind nun das dritte Jahr an dieser Schule und sollten inzwischen wissen, dass wir hier Wert auf ein gepflegtes Aussehen legen“, meinte sie ärgerlich.
Sie schwang ihren Zauberstab und Scorpius Haare fielen ihm wieder glatt und sauber ins Gesicht. Er schüttelte ein wenig den Kopf, damit sie ihm nicht in den Augen hingen. „Und das Schminken sollten Sie auch lieber den Mädchen überlassen“, fügte die Direktorin hinzu, schwang erneut ihren Zauberstab und Scorpius Wimpern fühlten sich nicht länger schwer und klebrig an.
„Dann hätte sie ihm das Make-up aber dran lassen müssen“, flüsterte Albus hinter ihm und sein Banknachbar fing an zu lachen. Scorpius starrte auf die Tischplatte, seine Wangen brannten. Bis jetzt hatten sie sowas noch nie gesagt, aber es war nur wahrscheinlich, dass sie ihm von nun an auch solche Dinge an den Kopf werfen würden.
Beim Essen ließen sie ihn in Ruhe. Natürlich, es sollte ja keiner mitbekommen, was sie mit ihm anstellen. Am Ende würde sie noch einer verpfeifen.
Deshalb ließ er sich immer viel Zeit zum Essen und bekam dafür schon unzählige zornige Blicke zugeworfen.
Als er die große Halle dann endlich verließ um sich für den Rest der Pause in die Bibliothek zurückzuziehen (ein weiterer Ort, wo sie ihm nichts antaten), fingen sie ihn ab.
„Hey Malfoy, was ist denn mit der tollen Frisur passiert, die wir dir gemacht haben?“ fragte Rose spöttisch.
„Eure Mum hat sie weggemacht. Und sie meinte, nur Mädchen sollten Make-up tragen“, erwiderte Albus an Scorpius' Stelle.
James' Mundwinkel zuckten nach oben. „Und warum hat sie's ihm dann nicht drangelassen?“ „Hab ich auch gesagt“, gab Albus zurück und die Jungs brachen in schallendes Gelächter aus.
Scorpius machte ein paar Schritte in Richtung Bibliothek, doch Rose packte ihn am Ärmel und hielt ihn fest. „Hier geblieben!“
James hörte auf zu lachen. „Wollte der gerade abhauen?!“ Rose nickte. „Wo willst du denn hin? Hausaufgaben machen? Will unser kleines Streberlein ganz brav seine Aufgaben machen? He?“ Scorpius öffnete den Mund, traute sich dann aber doch nicht etwas zu sagen.
„Los, antworte ruhig. Sag, warum du schon bei der ersten Gelegenheit Hausaufgaben machst!“
Scorpius antwortete zögerlich: „W-Weil ich sie machen muss. W-Wegen den N-Noten.“
„Ouuhh. Natürlich. Ich hab vergessen, dass du ja ein totaler Loser bist und nichts kannst, wofür deine Eltern stolz auf dich sein könnten. Da musst du natürlich mit deinen Noten glänzen, damit du zu Hause überhaupt etwas Aufmerksamkeit bekommst.“
Du weißt gar nicht, wie recht du damit hast, schoss es Scorpius durch den Kopf.
James griff in seine Haare und zog seinen Kopf zurück. „Seien wir doch mal ganz ehrlich, deine Eltern wären doch nur dann stolz auf dich, wenn du hier ein paar Muggelgeborene um die Ecke bringen würdest.“
„Das ist nicht war!“ Scorpius schrie es beinahe.
„Alter, der Kerl hat dir grade knallhart widersprochen!“, rief Hugo.
James' Gesicht verfinsterte sich, er presste seine Kiefer aufeinander. „Ich hab's gemerkt. Und er wird jetzt merken, dass er das zu lassen hat.“
Scorpius wusste schon, was jetzt passieren würde und er bereute zutiefst, das er was gesagt hatte. Schon wurde er von James und Albus den Gang entlang gezerrt, bis zu einer kleinen Tür. Hugo riss sie auf und die anderen beiden stießen Scorpius in den engen Raum hinein.
Er landete auf einem Stapel Eimer, der unter ihm mit lautem Krach zusammenfiel.
„Dann denk mal schön darüber nach, was du gerade getan hast.“ James klang wie ein strenger Vater, der sein Kind zur Strafe in den Keller sperrte, weil es etwas angestellt hatte.
Scorpius hatte sich aufgerappelt und wandte sich zur Tür. James spuckte ihm vor die Füße und schmiss die Tür mit einem Knall ins Schloss.
Seufzend schob er die Eimer zur Seite, setzte sich zwischen die Besen an die Wand und schloss die Augen.
Der erste Schultag war gerade zur Hälfte vorbei und er könnte sich jetzt schon im schwarzen See ertränken. Der Gedanke schien verlockend.
Einfach immer weiter in das Wasser zu gehen, bis es über seinem Kopf zusammen schwappte und alles, was da oben geschah, einfach zu vergessen.
Diese schöne Illusion wurde allerdings von der Tatsache getrübt, dass es bestimmt kein angenehmes Gefühl war, wenn sich die Lungen nach und nach mit Wasser füllten und man langsam erstickte.
Dabei hatte er ständig das Gefühl zu ersticken. Er hatte das Gefühl für seine Eltern nicht gut genug zu sein und ihren Ansprüchen nicht nachkommen zu können. James hatte einen wunden Punkt bei ihm getroffen.
Er fühlte sich zu Hause nicht richtig wohl. Zwar war sein Vater dort anders als in der Öffentlichkeit, aber wenn er Scorpius ansah, konnte der immer ein wenig Resignation in den grauen Augen sehen. Seinem eigenen Sohn gegenüber resigniert!
Das machte Scorpius wütend. Das einzige, was man an dieser Schule machen konnte, war dieses verdammte Quidditch. Als ob ich auch nur den Hauch einer Chance hätte, in das Team zu kommen!, dachte er bitter.
Gute Noten zu schreiben war das einzige, was ihm blieb um bei seinen Eltern Eindruck zu schinden. Und gleichzeitig wusste er, dass das seinem Vater nicht reichte. Der ließ ihn das auch wissen. Teilweise unbewusst, teilweise absichtlich. Da konnte man sich einfach nicht wohl fühlen!
Der einzige Grund, warum er in den Ferien nach Hause ging, war, dass er Abstand vom Schloss brauchte. Überall, wo er hinging, an beinahe jedem Ort im Schloss, wurde er an etwas erinnert, was sie ihm getan hatten.
Für ihn bedeutete diese Schule, dieses Gebäude keinen Schutz.
Da hieß es, dass Hogwarts hervorragend gegen Angreifer und Böses von draußen geschützt war und dabei waren die Monster schon innerhalb der Mauern.
Scorpius beschloss nicht mehr weiter über all das nachzudenken. Er würde sich nur zu weit reinsteigern und irgendwann eine große Dummheit begehen, die für ihn eventuell als Wasserleiche im schwarzen See enden könnte.
Deshalb zog er sein Buch, ein Blatt Pergament und Schreibzeug aus seinem Rucksack und machte sich an seine Aufgaben.
Er musste später, wenn sie ihn wieder rausließen, nur unbedingt darauf achten, dass sie seine Arbeit nicht in die Finger bekamen.
Natürlich könnte er die Tür auch einfach mit ?Alohomora' öffnen und verschwinden, aber dann könnte er sich wirklich gleich ertränken.
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