
von Viola Lily
Individueller Komiker auf Freundschaftssuche
Ich war von Dustin Greens verdatterndem Gesicht fasziniert. Er schien der erste zu sein, der mit der Entscheidung des Hutes nicht einverstanden war. Er guckte so blöd aus der Wäsche, dass ich laut los prustete.
Mum und Dad haben mich zwar immer und immer wieder ermahnen müssen, mich in der Öffentlichkeit zu benehmen, aber das hat noch nie richtig geklappt. Ich habe nun mal ein unglaublich loses Mundwerk, hinter dem sich eine Fülle von witzigen Gedanken versteckt, die viel zu häufig ihren Weg in die Gesellschaft finden - meistens auf irgendwelchen Universitäts-Festlichkeiten von meinem Dad oder wenn Freundinnen meiner Mutter zu Besuch waren. Dann bekamen Mum und Dad immer rote Köpfe und schimpften leise mit mir. Für sie war es peinlicher als für mich, darum kümmerte ich mich auch nicht darum, etwas daran zu ändern. Ich besaß daher ein sehr dickes Fell und war für alles, was mir der sprechende Hut sagen würde, gewappnet.
In welches Haus ich kam? Schon auf der Fahrt hier her hatte ich mir darüber Gedanken gemacht. Wenn ich einen Wunsch gehabt hätte, stünde die Chance, dorthin zu kommen, rein rechnerisch gesehen bei 1 zu 4. Da mein Vater Muggel, aber dafür Professor in Cambridge war, stünde die Chance, nach Ravenclaw zu kommen schon mal höher als bei den anderen Häusern.
Da meine Mutter in Ravenclaw war, wurde die Wahrscheinlichkeit sogar noch größer, sodass ich jetzt bei Ravenclaw mit 3 zu 4 stand, wogegen die anderen Häuser nur mit einem 1 zu 4. Das alles relativierte sich aber wieder, weil niemand sagen konnte, wie der sprechende Hut dachte und sein Urteil fällte. Also hatte ich mein ganzes Konzept wieder verworfen und mich ruhigen Gewissens darauf eingestellt, mit jedem Haus zufrieden zu sein. Ich meine, immerhin war ich schon ein Zauberer. Das war schon eine ziemlich geniale Angelegenheit, wen kümmerte es da, in welches Haus man kam?
„Hainsworth, Souta!“
Das war mein Name. Völlig entspannt ging ich nach vorn und bekam von Professor Freshad den Hut aufgesetzt. Auf das, was jetzt kam, freute ich mich am meisten: die piepsige Stimme des Hutes. Dieser Hut war ein einziges Phänomen.
Wie interessant, die eine Hälfte kenne ich doch. Da steckt was von Cho Chang drin, eindeutig. Hast viel von deiner Mutter abbekommen: Geduld, Attraktivität und ein enormes Gedächtnis. Das reicht eigentlich schon für meine Entscheidung, aber ich möchte mir die andere Hälfte noch ansehen.
Dein Vater ist Muggel, he? Noch dazu ein Logiker. Uni-Professor, Wahnsinn. Meine Herren, du hast das Potenzial zum Klassenbesten. Aber.. wie ich sehe, willst du das gar nicht werden. Du bist faul.
„Hehe. Du hast es erfasst. Meine Motivation hält sich in Grenzen, und wenn sie mal vorbei schaut, sag ich ihr „Guten Tag, wie geht's denn?“ - „Ja, gut.“ - „Das ist schön, ich hab grad 'nen sprechenenden Hut auf dem Kopf.“ - „Das ist ja ein Ding... .“
Ein Komiker also auch noch. Aber ein Spaß ist dein Kopf ganz gewiss nicht. Du bist ziemlich durchgeknallt, wenn ich das mal so sagen darf. Und... hmmm... wie schön, du bist ein talentierter Musiker. So eine hatte ich vorhin auch schon. Oha, da ist ja doch noch etwas menschliches in dir... du hast Angst, dich zu öffnen.
„Das würde auch ziemlich weh tun.“
Sei kein Schaf! Was ich meine: du verkrümelst dich gern. Bist ein kleiner Angsthase. Traust dich nicht, denen inneren Schweinehund zu überwinden. Hehe, jetzt bin ich dran mit lachen.
„Es ist mir schon klar, dass ich lieber schweige als anderen Leuten 'ne Frikadelle ans Ohr zu quatschen. Wäre aber nett, wenn du mich dahin schicken würdest, wo ich trotzdem Freunde finden kann. Denn wenn ich hier etwas finden möchte, dann ein paar Menschen, die mich so nehmen, wie ich bin.“
Das kannst du im richtigen Haus - und wenn das einer herausfinden kann, dann ich.
Hmm... du denkst gern über kreuz und gehst endlos lange Wege, um zu einer Lösung zu kommen - absolut unpraktisch, wenn du mich fragst. Du bist eindeutig ein Individualist, mein lieber, eine talentierte Persönlichkeit. Aber mit dir nach RAVENCLAW!
Gelassen stand ich auf und steuerte den Ravenclaw-Tisch an. Ich hatte nichts anderes vom Hut erwartet. Und doch war mir zum ersten mal an diesem Tag etwas mulmig zu Mute. Der Hut hatte tatsächlich bemerkt, dass ich ein Angsthase war. Über die Jahre hatte ich immer versucht, mir die Angst nicht anmerken zu lassen und hab deshalb immer meine Witze gerissen. Doch der Hut ließ sich nicht lumpen. Hoffentlich würde er damit Recht haben, dass ein Individualist wie ich in Ravenclaw Freunde finden könnte. Denn wenn ich ehrlich sein musste: nichts wollte ich mehr. Ich hatte noch nie gute Freunde gehabt.
Ich setzte mich neben ein Mädchen mit buschigen, braunen Haaren. Martha Coote, wenn ich mich recht entsinne. Dieser Dustin Green von vorhin saß mir schräg gegenüber und guckte immer noch so, als wenn er auf eine Zitrone gebissen hätte.
Wieder musste ich grinsen.
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