
von silva
Kapitel 1
Schulleiter Severus Snape lehnte sich über die Brüstung des Astronomieturms, des höchsten Turms der Schule für Zauberei und Hexerei. Ein eisiger Abendwind ließ seine langen schwarzen Haare um sein schmales Gesicht wehen. Er schlug seinen Umhang enger um sich, rutschte an der Wand des Turms herab und blieb zusammengekauert auf dem kalten Steinboden sitzen. Nach einiger Zeit holte er aus einer Umhangtasche ein kleines Fläschchen mit einer schwarzblauen Flüssigkeit.
Verzweiflung stieg in ihm hoch, wenn er daran dachte, dass er die Schüler nicht so gut schützen konnte, wie er es Dumbledore versprochen hatte.
Es schmerzte ihn, Harry Potter bald sagen zu müssen, was er ihm sagen musste.
Noch mehr schmerzte ihn, sich daran zu erinnern, wie vor fast einem Jahr Albus Dumbledore über genau diese Brüstung gekippt war, getroffen von seinem tödlichen Avada Kedavra-Fluch. Albus Dumbledore, einer der mächtigsten Zauberer seiner Zeit, der berühmteste Schulleiter von Hogwarts...und sein Freund.
Severus betrachtete das Fläschchen in seiner Hand. Es wäre einfach. Einige Tropfen davon in Kürbissaft oder Wasser... der Tod wäre schnell und schmerzlos. Mit seinem Zauberstab beschwor er ein Wasserglas aus dem Nichts hervor. Dann zögerte er.
Wenn nicht er die Schüler vor den Handlangern des Dunklen Lords schützte, wer dann? Er war der Einzige, der seinen Geist selbst gegen Voldemort verschließen konnte. Und wer, außer ihm, konnte die entscheidenden Informationen an den Auserwählten weitergeben?
Doch woher sollte er die Kraft nehmen, noch weiter durchzuhalten? Das Einzige, was ihm jetzt noch blieb, waren die kurzen Gespräche mit Dumbledores Portrait im Schulleiterbüro. Sie waren nicht zu vergleichen mit seinen und Dumbledores Disputen auf gemeinsamen langen Spaziergängen in den Schloßgründen, doch sie halfen ihm für eine kurze Zeit über seine Einsamkeit hinweg.
Alles andere war eher unerfreulich. Neuerdings zog er es vor, die meiste Zeit im Schulleiterbüro zu verbringen. Wenn er eben konnte, vermied er es, hinunter in die Große Halle zu gehen, wo er mit niemandem vertrauensvoll reden konnte. Eine eisige Atmospäre herrschte dort zwischen ihm und seinen ehemaligen Kollegen. Gegenüber den von Voldemort als Lehrer eingesetzten Geschwister Carrow durfte er sich nicht den kleinsten Fehler erlauben.
Beim Gedanken an die Carrows brodelte ein heftiger Zorn in Severus auf und er schmetterte das Wasserglas gegen die Turmwand. Während das Fläschchen mit der blauschwarzen Flüssigkeit im Nichts verschwand, erhob er sich ruckartig. Sein schwarzer Umhang bauschte sich hinter ihm, als er langsamer als sonst die Treppen vom Astronomieturm hinunter stieg, um mit der einzigen Person, die er noch auf Hogwarts hatte, über seinen Kummer zu reden.
„Die Carrows werden für Hogwarts untragbar“, rief Severus, während er wie ein Tiger im Käfig vor seinem Schreibtisch auf und ab lief. “Nicht genug damit, dass Amicus Carrow in den dunklen Künsten den Cruciatus-Fluch an Schülern üben lässt – in den letzten Wochen haben er und seine Schwester Schüler gefoltert! Michael Corner, weil er einen angeketteten Erstklässler befreien wollte...und Neville Longbottom und andere Mitglieder von Dumbledores Armee, da sie Widerstand gegen die Unterrichtsmethoden leisteten. Das kann so nicht weitergehen, Dumbledore! Ich mache mir größte Sorgen um Longbottom. Er hat tiefe Schnittwunden im Gesicht und die Carrows machen keinen Hehl daraus, dass sie ihn lieber tot als lebendig sehen würden.“
„Das ist in der Tat besorgniserregend.“ Dumbledores Portrait räusperte sich. “Severus, Sie wussten, es würde schwer sein, Hogwarts in diesen dunklen Zeiten zu leiten. Sie machen das sehr gut. Ich hätte niemand anderem als Ihnen diese Aufgabe anvertraut, in Voldemorts Gunst zu bleiben, damit Hogwarts nicht völlig in die Hände der Carrows fällt. Und, Severus, Sie haben schon so viel getan. Sie haben Longbottom, Lovegood und Weasley vor einer Strafe der Carrows geschützt, als sie das Schwert von Gryffindor stehlen wollten. Sie haben bereits sehr viele Schüler vor den Strafen der Carrows bewahrt.“
„Aber Longbottom, Dumbledore, er ist ernsthaft in Gefahr.“ Aus Severus` Stimme klang Verzweiflung. Er ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen. „Helfen Sie mir, Dumbledore“, flehte er leise, „mir sind die Hände gebunden. Ich kann weder den Imperius-Fluch noch einen anderen Zauber bei den Carrows anwenden, damit sie Neville in Ruhe lassen. Sie haben einen zu engen Kontakt zum Schwarzen Lord, so dass er es erfahren würde. Was kann ich tun?“
„Ich verstehe.“ Dumbledores Portrait schien scharf nachzudenken. „Ich denke, dies ist etwas, das wir getrost dem Raum der Wünsche überlassen können, Severus“, sagte es schließlich. „Er wird sich in das verwandeln, was die Schüler von Dumbledores Armee am dringendsten brauchen – ein Versteck.“
Severus` Miene erhellte sich etwas. „Ich dachte daran. Doch ich hielt es nicht für sicher, da die Carrows ebenfalls vom Raum der Wünsche wissen. - Sie wissen also, wie die Carrows nicht in den Raum gelangen?“Er hob eine Augenbraue und blickte skeptisch.
„Ja, Severus.“ Dumbledores Portrait zwinkerte ihm zu. „Sie bräuchten Longbottom nur ein wenig auf die Sprünge zu helfen wegen des Raumes, zum Beispiel mit einem Verwechslungszauber. Und, Severus, bei der Gelegenheit teilen Sie Longbottom auch mit, dass er den Raum vor dem Zutritt der Carrows schützen kann. Er braucht lediglich etwas in der Art zu wünschen wie: Ich will nicht, dass die Carrows und ihre Anhänger hier hereinkommen. “
Severus nickte. In seinem blassen Gesicht zuckte ein Muskel.
Dumbledores Portrait schaute ihn durchdringend an. „Gibt es sonst noch etwas, was Sie mir sagen wollen, Severus?
Sie haben mir einen zweiten, noch durchaus schwierigeren Auftrag hinterlassen“, sagte Severus und wirkte wieder verzweifelt.
„Es ist rührend, dass Sie sich um Potter sorgen“, sagte Dumbledore ernst. „Sie können mir glauben, auch mir ist es sehr schwergefallen, mit dem Wissen um Potters kommenden Tod zu leben.“
Severus sprang auf und begann wieder, unruhig im Zimmer hin und her zu laufen. „ABER SIE MÜSSEN ES POTTER NICHT SAGEN, DASS ER EINEN SEELENTEIL VOM DUNKLEN LORD IN SICH TRÄGT UND STERBEN MUSS, DAMIT VOLDEMORT BESIEGT WIRD!“ schrie er, außer sich.“DABEI HABE ICH POTTER DIE GANZE ZEIT BESCHÜTZT, -FÜR LILLY!“
Severus, beruhigen Sie sich, bitte!“
„ICH HABE ALPTRÄUME, DUMBLEDORE. JEDE NACHT, SEIT VOLDEMORT NAGINI UNTER MAGISCHEN SCHUTZ GESTELLT HAT UND ICH DESHALB WEISS, BALD IST ES SO WEIT; DASS ICH ES POTTER SAGEN MUSS!“Severus atmete schwer. Er wirkte äußerst zornig.
„Severus, bitte...“
„UND HABEN SIE SICH MAL GEFRAGT, DUMBLEDORE, WIEVIEL KRAFT ES MICH KOSTET, IN DIESER SITUATION MEINEN GEIST GEGENÜBER DEN CARROWS UND DEM DUNKLEN LORD ZU VERSCHLIESSEN?“ Severus ließ sich wieder in den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen und barg den Kopf zwischen seinen Händen. Einige Tränen tropften herab.
„Severus, es tut mir sehr leid, dass ich ihnen eine solche Last aufbürden musste“, sagte Dumbledores Portrait leise. „Ich weiß, Sie haben Ihr Leben riskiert, um Harry und Hogwarts zu schützen. Sie waren und sind mein bester Mann. Bitte, Severus, verlieren Sie jetzt nicht den Mut. Ich zähle auf Sie.“
Severus schwieg. Lange Zeit hörte man nichts als die Rufe einiger Eulen vom benachbarten Eulerei-Turm.
„Severus, ich denke, die Zeit ist gekommen, dass ich Ihnen ein besonderes Geschenk mache“, sagte Dumbledores Portrait.
Kaum hatte es das gesagt, da schwebte ein azurblauer Kristall aus dem Regal unter dem sprechenden Hut auf den Schreibtisch zu. Endlich sah Severus wieder auf.
„Nehmen Sie ihn in ihre Hand.“ Dumbledore lächelte Severus aufmunternd zu.
Unwillig streckte Severus seine linke Hand aus. Sobald der Kristall seine Handfläche berührte, begann er hellblau zu leuchten und eine Melodie ertönte. Severus horchte auf. Er war sich sicher, dass er etwas Ähnliches schon einmal gehört hatte. Jetzt fiel es ihm ein – es war beim trimagischen Turnier gewesen, der Gesang der Wassermenschen. Er lauschte den kristallklaren hohen Klängen:
„Geh hin, wo Geum am See sich winden,
du wirst Linderung für dich dort finden“.
Als die Melodie verhallte, war es Severus, als ob sie einen Teil seines Schmerzes mit sich forttrug.
„Kennen sie die Pflanze und den Ort?“
Severus nickte. Jetzt wusste er, was er tun würde. Er würde zum Schwarzen See gehen. Zur Königin der Wassermenschen. Unverzüglich.
„Berühren Sie den Kristall in der Gegenwart der Wassermenschen, Severus“, rief ihm Dumbledores Portrait hinterher.
„Cina!“ wisperte eine dunkle Stimme.
Cina Mc Laggen fuhr mitten in der Nacht aus dem Schlaf hoch. Ihr war, als hätte jemand sie im Traum gerufen – und als hätte sie ein Geräusch gehört.
„Lumos“, rief sie. Das blaue Licht aus ihrer Zauberstabspitze erhellte das Gästezimmer, in dem sie schlief, wanderte über die Schränke und Kommoden aus dunkelbraunem Holz, die Bilder von der Familie ihrer Bekannten Angela, die offenstehende Tür zur Küche hin. Hatte sie die Küchentür nicht geschlossen, bevor sie schlafen ging? Ihr brach der Schweiß aus. Sie hatte keinen Alarmzauber gehört, also konnte kein Todesser im Haus sein, versuchte sie sich zu beruhigen. Trotzdem schalt sie sich wegen ihrer Unaufmerksamkeit, heute kein Neruskraut mit ins Gästezimmer genommen zu haben, um sich notfalls schnell unsichtbar zu machen. Die Todesser hatten zwar weiträumige Anti-Desillusionierungszauber über Gegenden verhängt, in denen sie Widerstandsgruppen vermuteten, doch ein Trank mit Neruskraut – vorausgesetzt man kannte die Zubereitung – machte genau so schnell unsichtbar wie ein Desillusionierungszauber.
Cina leuchtete in die Küche und atmete auf. Eine Fensterlade hatte sich dort gelöst und klapperte in den eisigen Böen, die vom Meer her über das Haus ihrer Bekannten Angela fegten. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als hinauszugehen, denn wegen all der Schutzzauber, die über dem Haus lagen, funktionierten viele andere Zauber nicht. Also zündete sie eine Öllaterne an, schlüpfte in die Stiefel, band ihre langen rotbraunen Haare zusammen und warf ihren Reiseumhang über.
An der Tür zögerte sie. Erinnerungen an den letzten Überfall der Todesser drängten in ihr Bewusstsein. Sie war nur mit knapper Not entkommen.
„Geh nie allein in der Dunkelheit aus dem Haus!“ hatte ihr Patrick immer wieder eingebläut. Dieser Rat hatte Patrick selbst nichts genützt, dachte sie bitter. Er war nachts mit vier Auroren aus dem Widerstand gegen Voldemort unterwegs gewesen, als sie in einen Hinterhalt der Todesser gerieten. Keiner der fünf überlebte. Das war jetzt ein halbes Jahr her. Der Schmerz hatte im Laufe der letzten Monate nachgelassen, doch es gab keinen Tag, an dem sie Patrick nicht vermisste. Ihre Freundin Ataira hatte ihr beigestanden, so gut es in einer Lage ging, in der ihr Anführer Perry darauf beharrte, dass Ataira und Cina sich getrennt in wechselnden Verstecken aufhielten. `Ich will nicht, dass der Widerstand auf einen Schlag zwei seiner besten Heilerinnen an die Todesser verliert´, meinte Perry. Es war gut, dass sie wenigstens immer Needa bei sich hatte.
„Needa!“ rief Cina.
Mit einem Knall apparierte ihre Hauselfin und schaute Cina fragend aus ihren großen dunkelgrünen Augen an.
„Needa, begleite mich bitte kurz nach draußen.“
„Wie meine Herrin wünscht.“
Die Windböen trieben eisige Regenschauer gegen das Haus. Beide waren völlig durchnässt, nachdem sie die störrische Fensterlade wieder eingehakt und gesichert hatten.
„Meine Herrin wirkt traurig“, sagte die Hauselfe, als Cina vor dem Küchenkamin ihre Kleidung zum Trocknen ausbreitete.
„Es geht schon, Needa, danke.“ Cina seufzte. „Du kannst wieder schlafen gehen.“
„Die Herrin wird wieder jemanden finden, Needa ist sicher“, sagte die Hauselfe mit einem geheimnisvollen Lächeln und verschwandt mit einem Knall.
Der Wind hatte sich zu einem Sturm gesteigert, heulte ums Haus und rüttelte an den Fensterläden. Durch die unfreiwillige kalte Dusche war Cina hellwach. Also legte sie Holz nach, bereitete einen Salbeitee zu und setzte sich mit einem Fotoalbum an den Küchentisch. Dieses Album war eines der wenigen persönlichen Gegenstände, die sie auf der Flucht mitgenommen hatte.
Sie öffnete das Fotoalbum in der Mitte und strich liebevoll über ein Foto, das Patrick und sie Hand in Hand zeigte, vor dem neu eröffneten Kräuterladen in Hogsmead. Seine langen hellbraunen Haare waren zerzaust und er grinste, sein typisches jungenhaftes Grinsen. Das war jetzt drei Jahre her, doch Cina erschien es wie eine Ewigkeit.
Auf den folgenden Seiten waren Bilder von ihr, ihrer Freundin Ataira und Needa beim Kräuter trocknen an ihrer und Patricks Hütte zu sehen, ebenso von Patrick und einigen von seinen Freunden aus dem Aurorenbüro beim Angelausflug im Hogsmeader Wald.
Sie blätterte schnell weiter. Es machte sie traurig, die glücklich lächelnden Gesichter der jungen Auroren zu betrachten. Robert, Mike und Jim, die drei besten Freunde ihres Mannes, waren tot. Gestorben wie Patrick und viele andere in den letzten Monaten; im Kampf gegen die Todesser, die jeden verfolgten und töteten, der sich gegen Voldemorts Schreckensherrschaft stellte. Als sie einige Tränen von ihrer Wange wischte, spürte sie einen unbändigen Hass auf Voldemort in sich auflodern. Sie würde nicht ruhen, ehe Voldemorts Herrschaft beendet war. Das war sie Patrick schuldig. Sie würde weiter die Anti-Voldemort-Bewegung mit offiziell verbotenen Kräutern und Zaubertränken versorgen, darunter Vielsafttrank und Neruskraut.
Ein ohrenbetäubendes Schrillen und ein Poltern vor der Haustür rissen Cina abrupt aus ihren Gedanken. Ihr Puls raste. Blitzschnell hechtete sie zu ihrem Umhang und riss den Zauberstab heraus.
„Needa!“ schrie sie.
Needa erschien mit einem Knall.
„Herrin?“
„Der Alarmzauber ist losgegangen. Es ist jemand vor der Tür“, erklärte Cina hastig.“ Schnell, Needa, bringe die Reisetasche und den Koffer mit den Kräutern und Tränken. Hol Nerus-Kraut für uns beide. Falls sie zu schnell durch die zweite Abschirmung kommen, apparierst du mit den Sachen direkt zu Mollys Haus, hörst du!“
„Ja, Herrin!“Es knallte und Needa rumorte im Abstellraum.
Cina schob einen Schrank vor die Tür und suchte Deckung. Sie erwartete, dass jeden Moment die Tür zerbarst und Todesser in die Wohnung stürmten. Sie legte in fieberhafter Eile ihr Transportseil zu einem Kreis, murmelte einen Zauberspruch und holte Springpulver aus ihrem Umhang, das ähnlich funktionierte wie Flohpulver. Mitten in der Bewegung stockte sie. Das Säckchen mit dem Springpulver baumelte an ihrem Handgelenk hin und her.
Es war ein erstaunlicher Anblick. Zwei Koffer und eine dampfende Teetasse schwebten scheinbar wir von Geisterhand durch die Luft. Needa hatte ihren Nerustrank schon eingenommen.
„Das Poltern hat aufgehört, Herrin“, klang Needas Stimme direkt vor ihr.
„Das hat nichts zu bedeuten, Needa. Sie können jeden Moment durchkommen.“ Cina griff nach der Tasse und trank hastig. Es schmeckte abscheulich, in etwa wie vergammelter Fisch, doch die Wirkung des Krauts setzte augenblicklich ein. Sie sah Needa und ihren eigenen Körper nur noch als einen undeutlichen grauen Schemen.
„Needa, du apparierst mit dem Gepäck nach Laerton, in Mollys Haus. Ich hole Star und komme nach.“
Needas Knall beim Verschwinden wurde von einem Poltern vor der Haustür übertönt.
Cina trat in das Transportseil, warf eine Handvoll Springpulver in die Luft und sagte langsam und deutlich „Stars Stall bei Angelas Haus“. In einer orangeroten Flamme verschwandt sie und tauchte im Transportseil in einem Stall wieder auf, der schwach von einem hellblauen kalten Licht erleuchtet wurde.
Star war nicht in ihrer Box. Cinas Nerven waren aufs Äußerste angespannt, als sie durch den gespenstisch stillen Stallgang schlich. Genau in dem Moment, als sie in der offenen Stalltür stand, apparierte Needa fast lautlos hinter ihr.
„Needa, irgendwann bekomme ich einen Herzschlag, wenn du so was machst“, sagte Cina zu dem kleinen grauen Schemen, den sie sah, da sie selbst Nerustrank genommen hatte.
„Die Koffer sind in Sicherheit, Herrin – Psssssst! Vor der Hecke bewegt sich was“, flüsterte Needa.
Der Himmel war aufgeklart und ein bleicher Vollmond hing am Nachthimmel. Eine große schwarze Gestalt löste sich aus dem Schatten der Hecke, kam im Mondlicht Cina und Needa entgegen.
Cina atmete erleichtert auf, denn die schwarze Gestalt war vierbeinig und sah aus wie ein skelettartiges schwarzes Pferd mit Flügeln.
„Star, hier“, flüsterte Cina, die Umgebung wachsam im Blick behaltend.
Der Thestral setzte die vorderen Beine auf die Holzveranda vor dem Stall, um an Cina und ihrer Hauselfe zu schnuppern. Dabei polterten seine Hufe auf dem Holz.
„Das war Star, die den Lärm vor der Hütte veranstaltet hat“, meinte Cina, fast erleichtert. „Durch den Sturm ist die Stalltür aufgeschlagen.“
„Und der Alarmzauber? Ist die Herrin sicher, dass sonst niemand mehr hier ist?“ fragte Needa skeptisch.
„Das haben wir sofort!“ Mit ihrem Zauberstab auf Haus und Garten zeigend, murmelte Cina „Homenum revelio!“
Nichts regte sich. Der Garten lag still im Mondlicht vor ihnen.
„Nein, Needa. Es ist niemand hier. Merlin sei Dank.“ Cina atmete auf. „Sonst hätte ich einen Lichtblitz gesehen. Du kannst wieder schlafen gehen.“
Needa schlurfte zum Hintereingang.
Cina holte ein Halfter und brachte Star zurück in den Stall. „Du hast uns einen schönen Schrecken eingejagt, meine Hübsche“, flüsterte sie.
Während sie einen langen Strick an Stars Halfter befestigte, damit sie nicht wieder weglaufen konnte, zitterten Cinas Hände. Sie schlang die Arme um Stars Hals und barg ihren Kopf in der dichten schwarzen Mähne.
Schon zwei Mal hatten Needa und sie in den letzten Monaten vor Todesessern fliehen müssen. Der Alarmzauber, Neruskrauttrank, Springpulver und Stars Schnelligkeit hatten sie bislang jedes Mal mit dem Schrecken davonkommen lassen. Doch jede Flucht hinterließ Spuren. Cina hatte Alpträume und wurde nachts bei dem leisesten Geräusch wach.
Zurück in der Küche, bemerkte Cina, dass ihr Fotoalbum vom Tisch gefallen war. Ein Foto lag daneben auf dem Holzboden. Sie nahm es auf und betrachtete es. Es zeigte mehrere Jungen und Mädchen, die 15 oder 16 Jahre alt sein mochten, am Ufer des schwarzen Sees in Hogwarts. Sie trugen grün eingefasste Slytherin-Umhänge und hatten sich in kleinen Grüppchen plaudernd oder lesend auf dem Rasen niedergelassen. Cinas Blick fiel auf den linken Rand des Bildes. Dort unterhielt sich ein magerer schwarzhaariger Junge mit einem Mädchen, das die langen rotbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Zwischen beiden lag ein aufgeschlagenes Buch.
An diesen Nachmittag erinnerte sich Cina genau. Sie hatte Severus gebeten, ihr im Fach Zaubertränke zu helfen. Severus konnte sehr gut Dinge erklären und sie mochte es, in seiner Nähe zu sein.
Plötzlich fiel ihr die Stimme wieder ein, die sie im Schlaf gerufen hatte. Es war Severus` dunkle Stimme gewesen. Warum in aller Welt träumte sie von Severus Snape?
Ihre letzten Begegnungen mit ihm hatten ihr keinen Grund zum Hoffen gegeben. Sie hatte sich gefreut, Severus nach mehr als 15 Jahren wiederzusehen, als er in ihrem neu eröffneten Kräuterladen in Hogsmead auftauchte und fragte, ob sie ihm Kräuter nach Hogwarts liefern könne. Severus war ihr gegenüber ironisch, kühl und kurz angebunden, redete nicht über Privates. Das änderte sich auch in den folgenden Jahren nicht.
Dann war Voldemort an die Macht gekommen. Seit über einem Jahr hatte sie Severus nicht mehr gesehen, da sie ständig auf der Flucht war. Severus sei wieder zu den Todessern übergelaufen, hieß es. Sie konnte es nicht glauben, als sie es zum ersten Mal hörte.
„Schlag ihn dir aus dem Kopf“, sagte Cina sich. „Er ist jetzt ein Feind. Er gehört zu denen, die dich jagen und umbringen wollen. Er gehört zu denen, die Patrick umgebracht haben.“
Und doch träumte Cina in dieser Nacht von Severus Snape. Sie schlenderte Hand in Hand mit ihm am schwarzen See bei Hogwarts entlang. Plötzlich geriet direkt vor ihnen die Oberfläche des Sees in Bewegung. Aus einem kleinen Strudel tauchte der Kopf einer Wassermenschenfrau mit langen dunkelgrünen Haaren auf.
„Ci-na, liebst du die-sen Mann ne-ben dir?“ fragte die Wassermenschenfrau ohne Umschweife.
Cina nickte.
„Wenn du eine zwe-ite Chance möch-test, mit Seve-rus glücklich zu sein, könnten wir sie dir ge-währen, Menschen-frau!“
„Ja, ich möchte“, sagte Cina, ohne zu überlegen.
„Dann nimm die-sen Kristall und das Kie-menkraut. Komme mor-gen Mittag zum See an den heu-lenden Steinen. Du wirst wis-sen, was zu tun ist.
Mit diesen Worten hielt ihr die Wassermenschenfrau einen leuchtend azurblauen Kristall und ein Glas mit einem schleimig aussehenden Kraut hin. Cina nahm beides aus ihren graugrünen Händen entgegen. Ehe sie sich bedanken konnte, war die Wassermenschenfrau in den Fluten des schwarzen Sees verschwunden.
Am nächsten Morgen füllte Needa laut pfeifend Haferbrei auf zwei Teller. Durch das geöffnete Küchenfenster drang das Rauschen der Brandung. Star war ebenfalls zu sehen. Sie zupfte an einigen mageren Grasbüscheln am Gartenrand. Bei Tageslicht betrachtet, wirkten die Schrecken der letzten Nacht nur noch wie eine blasse Erinnerung.
Ein lautes Zischen ließ Needa zusammenzucken. In einem zum Kreis zusammengelegten Tau in der Mitte der Küche loderten orangefarbene Flammen auf. Als die Flammen verschwanden, lagen zwei Pergamentrollen auf dem Boden.
„Herrin, aufwachen!“Es war Cina, als ob sie jemand rufen würde.
Jemand rüttelte sie an der Schulter.
Cina saß senkrecht im Bett. „Werden wir wieder angegriffen?“ rief sie Needa entgegen.
„Nein, Herrin, beruhigt euch. Mit der Springpulver-Post kamen heute Morgen viele dringende Anfragen für Nerus-Kraut. Aber Needa weiß nicht, wo das zweite Versteck der Herrin für Nerus-Kraut ist.“
„Ich zeige es dir gleich.“ Cina gähnte.
„Und heute Abend ist eine Versammlung im Haus von Maggie“, sagte Needa, während sie wieder in die Küche schlurfte. „Es ist ein Mann angegriffen worden, die sich hier in der Gegend versteckte. Glücklicherweise konnte er fliehen.“
Als Cina ihren Zauberstab vom Nachttisch nahm, fiel ihr Blick auf zwei Gegenstände, die noch nicht dort gelegen hatten, als sie schlafen ging: ein leuchtend azurblauer Kristall und ein Glas mit einem schleimig aussehenden Kraut. Sie wusste, was zu tun war.
Kapitel 2
Mit einem Knall erschien eine Hauselfin neben Severus, genau in dem Moment, als er den Fußpfad um den schwarzen See erreichte. Sie hatte große hellgrüne Augen und trug die Kleidung der Küchenelfen von Hogwarts.
Severus zuckte zusammen und blieb stehen. Als er jedoch die Elfin sah, steckte er den Zauberstab, den er blitzschnell gezogen hatte, wieder in den Umhang.
„So, so. Machen wir vielleicht einen kleinen abendlichen Ausflug? Vielleicht, um für die Carrows zu spionieren? Was willst du?“ fragte er unwirsch.
„Mein Name ist Meggi, Sir. Dumbledore hat mich beauftragt, Ihnen zu helfen, wenn das Lied der Wassermenschen im Schloss erklingt“, sagte sie dienstbeflissen.
Um sich zu vergewissern, dass sie allein waren, schaute Severus sich um.
„Homenum revelio“, rief er. Nichts geschah.
„Wie konntest du das Lied der Wassermenschen hören?“ fragte er skeptisch.
„Oh, die Leitungsrohre, Sir“, quiekte die Hauselfin aufgeregt. „Unsereiner hat ein sehr feines Gehör.“
„Komm mit“, sagte Severus knapp.
Gemeinsam eilten sie weiter durch die Dämmerung.
Severus hatte sich nie viel aus Hauselfen gemacht, doch die Gegenwart eines anderen Wesens war tröstlich. Dumbledore hatte wieder mal an alles gedacht.
Sie erreichten eine Halbinsel am westlichen Seeufer, als der Himmel sich orangerot färbte.
„Hier muss es sein. – Lumos!“ Aus der Spitze von Severus` Zauberstab brach ein helles blaues Licht. Er beugte sich herab und besah die vertrockneten Pflanzenreste auf dem hartgefrorenen Boden.
„Es ist die richtige Stelle, Sir. Wir nennen diese Pflanze Geum oder Bach-Nelkenwurz“, sagte Meggi.
„Gut. Wie sollst du mir helfen?“ fragte Severus ungeduldig.
„Sir, die Carrows haben ihre Spione überall im Schloss, aber auf uns Elfen achten sie nicht. Sie behandeln uns wie Dreck und wir halten uns von ihnen fern. Dumbledore sagte uns, dass Severus Snape helfen wird, Voldemort und die Todesser zu besiegen. Wir glauben ihm und deshalb helfen wir... Meggi hat Dianthus-Kraut mitgebracht, damit Sie unter Wasser atmen können. Der Herr weiß, wie man es anwendet?“
„Ja. Was ist das für eine Flöte?“fragte Severus, um die Ausführungen der Elfin zu beschleunigen.
„Das ist eine Knochenflöte von Dumbledore, Sir. Mit ihr können sie die Wassermenschen rufen. Sie werden dem Herrn den Weg zeigen. Haben Sie keine Sorge. Hier am Ufer und unter Wasser ist der Herr vor den Carrows sicher...“ Die Elfin unterbrach irritiert ihren Redeschwall, denn Severus Snape hielt demonstrativ vor ihr die Hand auf.
„Oh, Entschuldigung, Sir. Ich weiß, ich rede zu viel. Hier, bitte.“ Meggi legte ein kleines grünes Pflanzenknäuel und eine grob geschnitzte Knochenpfeife mit nur einem Loch, die an einem Lederband hing, in Severus Hand.
Severus vergewisserte sich erneut, dass sich niemand in der Nähe befand. „Danke, Meggi. Es liegt nicht in meiner Macht, im Moment etwas für euch Hauselfen zu tun. Doch es wird bald allen im Land wieder besser gehen.“
Severus hätte nie gedacht, dass er jemals mit einer Hauselfin reden würde, geschweige denn so mit einer von ihnen reden würde- oder sich gar bei einer von ihnen bedanken würde. Es musste an der sanften Art der Elfen liegen, dass es ihm besser ging und dass er wieder zuversichtlicher in die Zukunft blickte, seit er mit Meggi redete.
Meggi riss ihn aus seinen Gedanken. „Sie müssen mich jetzt mit einem Vergessenszauber belegen, Sir. Dann ist der Herr sicher. Meggi wünscht dem Herrn eine gute Reise. Möge er finden, was er sucht.“
Severus kniete sich im letzten verbleibenden Licht des Wintertages nieder und sah Meggi konzentriert an. „Du wirst vergessen, dass du einen Auftrag von Dumbledore bekommen hast. Du wirst vergessen, dass du mich kennst und mit mir hier am See gewesen bist. Amnesia!“
Meggis Blick hatte sich getrübt. „Wer sind Sie? Wo bin ich, Sir?“ fragte sie.
„Das ist unwichtig. Du apparierst jetzt sofort in die Küche von Hogwarts“, sagte Severus bestimmt.
„Ich appariere sofort in die Küche von Hogwarts“, echote Meggi leise.
Mit einem Knall verschwandt die Hauselfin.
Ein eisiger Wind war aufgekommen und kräuselte die orangerot schimmernde Oberfläche des Sees. Aus dem Nichts beschwor Severus eine Umhängetasche hervor, legte den blauen Kristall und den Zauberstab hinein und hängte sich die Knochenpfeife um den Hals. Wie in Trance legte er sämtliche Kleidung bis auf seine Hose ab. Als Letztes streifte er die Umhängetasche um und versteckte das Kleiderbündel in einer hohlen Weide am Seeufer.
Severus fror erbärmlich, als er schließlich in den See hinaus watete. Das Wasser war so kalt, dass seine Beine fast augenblicklich taub wurden. Während er langsam tiefer in das dunkle Wasser ging, über Sand und einen glitschigen Algenteppich, kaute er das schleimige Dianthuskraut. Dann schluckte er das Kraut hinunter. Sein Oberkörper war dem eiskalten Wind preisgegeben und er begann unkontrolliert zu zittern.
Endlich spürte Severus einen stechenden Schmerz an beiden Seiten des Halses, wo sich die Kiemen entwickelten. Plötzlich hatte er das Gefühl, zu ersticken. Er tauchte unter, nahm einen Zug des eisigen Wassers und spürte, wie das Wasser durch seine Kiemen floss und ihn mit Sauerstoff versorgte.
Fast vollkommene Dunkelheit und Stille umfingen ihn unter der Wasseroberfläche. Überrascht bemerkte er, dass er nicht mehr fror. Mit dem Zauberstab aus seiner Tasche beschwor er Licht herauf, streifte mit einem kurzen Blick die Schwimmhäute, die ihm zwischen Fingern und Zehen wuchsen und schwamm in den See hinaus.
An einem Wald aus schwarzgrünem Tang hielt Severus inne. Er blies in die Flöte. Nichts war zu hören, doch er wusste, dass Wasserwesen auch Töne hören konnten, die Menschen nicht wahrnahmen. Er blies noch einmal in die Flöte. Dann wirbelte er herum und zielte mit seinem Zauberstab auf etwas Großes, das er aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, doch er entdeckte, dass es lediglich ein fast zwei Meter langer, silbergeschuppter Fisch war, der dem grellen Licht sofort entfloh.
Die Stille wurde drückend. Severus drehte sich langsam im Wasser, während er wartete, jeden Muskel des Körpers angespannt.
Ein grünblauer diffuser Lichtschimmer erschien weit weg über dem Algenwald und kam rasch näher. Die Algen vor Severus teilten sich und aus der trüben Dunkelheit schwammen zwei Wassermenschen auf ihn zu, schwach erhellt von phosphoreszierenden Algenschnüren, die sie in den Händen hielten. Sie hatten graugrüne Haut und ihre langen dunkelgrünen Haare wogten bei jeder ihrer Bewegungen hin und her. Ihre großen lilafarbenen Fischaugen waren starr auf Severus gerichtet, der den Kopf zur Begrüßung beugte. Der linke, größere Wassermensch beugte ebenfalls den Kopf. Dann gab er ein paar Schnalz- und Zischlaute von sich, die nur im Entferntesten an menschliche Sprache erinnerten. Er wies dabei mit seinem Dreizack auf Severus` Umhängetasche und gestikulierte wild.
Severus ging ein Licht auf. Schnell nahm er den azurblauen Kristall von Dumbledore aus seiner Umhängetasche. Er verbreitete eine angenehme Wärme auf seiner Hand. Sobald er den Kristall berührt hatte, konnte er den Wassermenschen reden hören.
„Wa-rum hast du uns geru-fen, Mensch? – Zeig das her!“
Ehe Severus einen Ton sagen konnte, nahm der wortführende Wassermensch den Kristall an sich. Anscheinend prüfte er ihn, mit Sinnen, die einem Menschen verborgen blieben. Mit geschlossenen Augen bewegte er den Stein, der blau zu leuchten begann, in beiden Händen. Er schien zufrieden und reichte ihn Severus zurück, der unter der Berührung seiner eiskalten Hand zusammenzuckte.
„Mit diesem Mar-ha kannst du un-sere Sprache ver-stehen und sprechen, Mensch. Doch er kann noch viel mehr. Wir wis-sen jetzt, was du be-gehrst, Mensch. Wir sind Wäch-ter und wir werden dich zu un-serer Königin brin-gen. Fol-ge uns“, tönte die Stimme des größeren Wächters. „Die Kö-nigin wird dir alles weite-re erklä-ren!“
„Ich danke euch“, erwiderte Severus. Da es nicht so klang, als ob die Wächter ihm weitere Fragen beantworten würden, gab sich Severus vorerst damit zufrieden, dass sie wenigstens zu wissen schienen, wo das Ziel seiner Reise lag.
Sie durchschwammen einen endlos scheinenden dunkelgrünen Algenwald. Severus wurde müde. Er fragte sich, ob er das Ganze nicht nur träumte. Mehr als ein Mal vertrieben die Wächter einen Grindeloh, einen kleinen Wasserdämonen, der nach ihnen griff, wenn sie seinem Versteck in den Algen zu nahe kamen, mit ihrem Dreizack.
Plötzlich spürte Severus einen heftigen Schmerz in seinem linken Bein. Er schrie auf. Nein, das war kein Traum. Diese Schmerzen waren echt. Blitzschnell, bevor er seinen Zauberstab ziehen konnte, waren beide Wächter an seiner Seite und stießen ihren Dreizack in die rote Schuppenhaut eines riesigen schlangenähnlichen Fisches. Der Schlangenfisch ließ das Bein los und wurde von der Dunkelheit des Sees verschluckt.
„Pesh-tar-Fisch!“ zischten die Wächter. Sie schienen nervös. „Bleib zwi-schen uns, Mensch!“
Einer der Wächter schwamm in höchster Wachsamkeit im Kreis, den Dreizack erhoben.
Der andere bedeutete Severus, sein Bein zu zeigen. Die halbkreisförmige, blutende Bisswunde versorgte er mit einer grauen Paste aus einer seiner Gürteltaschen.
„Unter Wasser wirkt dein Heilzau-ber nicht“, erklärte er, während er den Rest der Paste wieder in ein Algenblatt wickelte. „Die Pesh-tar riechen Blut. Bald kom-men mehr. Kannst du schwimmen, Mensch?“
Die beiden Wächter nahmen ihn in die Mitte. Severus versuchte einige Schwimmstöße, doch mit dem verletzten Bein, das sich taub anfühlte, kam er nur langsam voran. Allmählich fragte er sich, in was er sich da eingelassen hatte. Im Winter in einen eiskalten See zu springen, Kiemen zu bekommen und von einem Raubtier Ins Bein gebissen zu werden war sicher nicht, was er in seiner Situation als hilfreich empfand. Und immer wusste er noch nicht, was eigentlich das Ziel dieser Unterwasser-Odyssee war. Er seufzte. Es blieb ihm wohl nur, Dumbledore zu vertrauen.
„Warte, Mensch!“ Der größere der beiden zog mit hochgezogener Oberlippe Wasser ein. „Mehr Pesh-tar kom-men von dort“ zischte er. Er wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
„Wir helfen dir, Mensch!“ sagte der andere Wächter.
Ehe Severus protestieren konnte, packte jeder der Wächter eins seiner Handgelenke. Mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit zogen sie ihn hinter sich her. Algen peitschten ihm ins Gesicht. In seinen Ohren rauschte das Blut. Dann waren sie in Sicherheit.
Auf einer Lichtung im Algenwald ragte grünlich glimmend ein imposantes Steingebäude auf, vierstöckig, mit unzähligen dreieckigen Fenstern und dreieckigen Türmen verschiedener Größe. Grimmig aussehende Wassermenschen mit langen grünen Bärten, bewaffnet mit Speeren und einem Dreizack, bewachten das Hauptportal und das Dach.
„Der Palast“, ergriff der größere der beiden Wächter das Wort. „Pesh-tar haben uns verfolgt. Seid auf der Hut!“ rief er den Wachen vor der Tür zu.
Beim Näherkommen stellte Severus fest, dass das phosphoreszierende grüne Leuchten von Algen herrührte, die den ganzen Palast überwucherten. Es schien sich um ähnliche Algen zu handeln wie die, die seine Wächter als Lichtquelle mit sich trugen.
Die Palastwachen vor der Tür ließen sie problemlos passieren.
Seine Begleiter zogen Severus durch das Hauptportal. Zwei weiße Marmorstatuen, die Wassermenschen auf der Jagd und beim sportlichen Wettkampf zeigten, rahmten es ein.
Auch das Innere des Palastes wurde von leuchtenden grünen Algen erhellt. Kunstvoll gewebte bunte Wassergrasteppiche hingen an den Wänden. Sie gelangten durch einen großen Saal mit Arkaden an ein Portal, das über und über mit perlmuttschimmernden Muscheln verziert war.
„Warte hier“, sagten seine Wächter und verschwanden.
Severus fragte sich, wie lange er schon unter Wasser war. Die Wirkung des Dianthuskrauts hielt höchstens eine Stunde an. Immerhin, langsam kam er der Sache näher.
Zwei Wassermenschenfrauen in gelben Gewändern kamen. Die eine reichte ihm einen Umhang aus einem leichten, grünbraunen Stoff, die andere eine Kräuterkugel, die er als Dianthuskraut erkannte. Sie bedeuteten ihm, die Kräuter zu schlucken und sich anzukleiden. Als er den Umhang umgelegt hatte, zogen die beiden Severus durch das Muschelportal in die Thronhalle, wo sie ihn im Abstand von einem Dutzend Meter zur Königin losließen.
Severus verbeugte sich leicht vor der Königin. „Ich grüße dich, ich danke dir für das Geleit durch die Wächter und deine Gastfreundschaft.“
Die Königin der Wassermenschen verbeugte sich ebenfalls kaum merklich. Sie schwebte über einem mit perlmuttglänzenden Muscheln verzierten Thronsessel. Ihr Kleid erinnerte Severus an ein fein gearbeitetes goldenes Kettenhemd. Das Auffallendste an ihr waren jedoch ihre leuchtenden Augen, die unverwandt auf den Besucher gerichtet waren.
„Der Segen der Göt-tin sei mit dir. Was führt dich in un-ser Reich?“
Severus öffnete seine rechte Hand. Darin lag der azurblaue Kristall. “Dies bekam ich heute von Albus Dumbledore. Er sagte, es könne mir helfen.“
..Die Königin ergriff das Wort. “Dies ist ein Mar-ha. Er ist ein kostbarer Besitz. Ich schenke ei-nen Mar-ha jedem aus meinem Volk, der Hil-fe braucht und mich darum bittet. Und ich verschenke sie auch als Dank. Auch an Menschen-wesen, die uns gehol-fen haben, so auch einst an Al-bus Dumbledore. Ein Mar-ha kann in Liebe und Freund-schaft weiterver-schenkt werden.“
Die Königin sah Severus prüfend an und bedeutete ihm, zu schweigen. Dann sprach sie weiter.
„Ich kenne deinen Na-men, Seve-rus Snape. Du bist ein guter Krieger, listig und klug. Ich weiß, was du mit Albus Dumble-dore getan hast und wa-rum du es getan hast. Ich sehe, dass er dir die-sen Mar-ha als Freund schenkte. Er hart dir nicht gesagt, wel-che Macht dieses Ge-schenk hat?“Etwas wie ein Lächeln spielte um den Mund der Königin.
Severus verneinte. Er war bestürzt. Die Königin schien in seinen Gedanken lesen zu können wie in einem offenen Buch. Was wäre, wenn der Dunkle Lord auf der nächsten Versammlung der Todesser gleichsam die Barriere durchbrechen könnte, mit der er seine wahren Gedanken schon jahrelang verbarg? War er so schwach?
„Severus Snape“, griff die Königin seine Gedanken auf, „du bist ein sehr guter Okklu-menti-ker. Du kannst deine Ge-danken sehr gut verschließen. Doch ei-nige von uns Wasser-men-schen haben Fähigkei-ten, im Geist an-derer zu lesen, die selbst die von Volde-mort um ein vielfa-ches über-steigen.
Severus atmete befreit auf. „Wie kannst du mir helfen?“
„Du bist sehr verzwei-felt, Severus Snape, angesichts einer großen Ver-antwor-tung, die du für deine Schü-ler und Harry trägst...Höre gut zu! Jedem, der mit ei-nem Mar-ha zu uns kommt, erfül-len wir einen Wunsch. Er be-kommt einen Mo-nat des Glücks in einer sei-ner dunkel-sten Stunden, damit er neue Kraft und neu-en Lebens-mut schöpft.“
„Königin, das ist ein wunderbares Angebot, doch wenn ich einen Monat von Hogwarts fernbleibe, werden Schüler umgebracht und der Sieg gegen Voldemort steht auf dem Spiel“, protestierte Severus.
Die Königin bedeutete Severus mit einer herrischen Geste, zu schweigen. „Ein Mo-nat unserer Zeit, Mensch, kann eine Stunde in eu-rer Zeit sein. Wir können die Zeit beeinflussen. Sei ohne Sor-ge. Wir schen-ken dir einen Mo-nat des Glücks – mit einem Freund oder mit einer Men-schenfrau, die du liebst. Wäh-le mit Be-dacht!“
Sofort schoss Severus das Bild einer jungen Frau mit grünen mandelförmigen Augen und dunkelrotem Haar durch den Kopf.
„Lily“, sagte er. „Ich wähle Lily Evans.“
Die Königin schwieg einen Moment. „Nein, Seve-rus Snape, es tut mir leid. So weit reicht un-sere Macht nicht, nicht bis zu dem Ort, an den die To-ten gehen. Die Person, die du wählst, muss noch le-ben und sie muss dich mö-gen – sonst kön-nen wir keine Verbin-dung zwischen euch herstel-len. Ich spüre dei-ne Ent-täuschung und es tut mir leid...“
Die Stimme der Königin nahm einen hypnotischen Klang an. “Schließe deine Augen.“
Severus` Lider wurden bleischwer.
„Du erinnerst dich jetzt an ei-ne Frau, die lebt, an eine Frau, die dir et-was bedeutet hat.“
Eine unbekannte Stimme schien ihm, Severus, aus weiter Ferne etwas zuzuflüstern. Das Bild der jungen Frau mit dem dunkelroten Haar zerfloss und löste sich auf. Ein Wirbel aus blendend orangefarbenem Licht erfasste ihn und trug ihn mit sich fort. Als das orangefarbene Leuchten verblasste, gab es den Blick in einen Korridor von Schloss Hogwarts frei, der von Fackeln erhellt wurde. Severus sah sich selbst, im Alter von 16 oder 17 Jahren, wie er sich dort mit einer Schülerin traf, deren langes rotbraunes Haar über ihren grüngesäumten Slytherin-Umhang fiel.
„Cina“, murmelte Severus.
Cina drückte seinem jüngeren Ich ein Päckchen mit geschmuggelten Kräutern in die Hand und lächelte ihn an. Er bedankte sich bei ihr, als sie Schritte näherkommen hörten. Sie mussten sich hinter einem Brunnen in eine Nische kauern, um nicht von Filch, dem Hausmeister, entdeckt zu werden. In der Eile verhedderte sich Cina in ihrem Umhang und geriet aus dem Gleichgewicht. Sein jüngeres Ich hielt sie fest und legte ihr den Arm um die Schultern. Die Szene verblasste. Severus öffnete die Augen.
„Du hast also deine Men-schenfrau ge-wählt“, sagte die Königin. „Jetzt wähle den Ort.“
Sofort tauchte Schloss Hogwarts vor Severus` geistigem Auge auf.
„Gut. Du hast auch den Ort gewählt. Jetzt fol-ge mir!“
Sie schwammen durch ein silberfarbenes Portal in einen kreisrunden Raum. In seine Decke waren in allen Regenbogenfarben schillernde Kristalle eingelassen. Die Königin führte Severus zu einer Seegrasliege in einer ebenfalls kreisrunden Vertiefung in der Mitte des Raumes und gebot ihm, sich zu legen. Zwei Wassermenschenfrauen banden ihn mit Algenseilen locker an die Liege, damit er nicht wegschwebte.
Nachdem die Königin in eine Knochenpfeife geblasen hatte, schwammen sieben Wassermenschenfrauen mit weißen Umhängen in den Raum, bildeten einen Kreis um Severus herum und fassten sich an den Händen.
„Bist du bereit?“ erklang die Stimme der Königin, die noch immer an Severus Kopfende schwebte.
Severus nickte.
„Gut. Gib mir jetzt den Mar-ha. Die Priesterinnen warten.“
Severus zog, etwas behindert durch die Algenseile, den azurblauen Kristall aus der Tasche und reichte ihn der Königin hoch.
Die Königin legte ihre kühle Hand auf seine Stirn. „Sei ohne Sorge. Es wird dir bald besser gehen.“
Daraufhin legte die Königin den Mar-ha in einen Beutel aus durchsichtigem Stoff, den sie um den Hals trug und trat in den Kreis der sieben Priesterinnen. Sobald sie den Kreis geschlossen hatte, begann der Mar-ha an ihrem Hals ein blendendes, hellblaues Licht auszustrahlen, das nacheinander jede einzelne der Wassermenschen-Priesterinnen umhüllte und sie so miteinander verband, bis Severus völlig von einem Ring aus strahlend hellem blauem Licht umgeben war. Er musste die Augen schließen und selbst durch die geschlossenen Lider nahm er das helle Licht wahr. Er fühlte sich leicht und frei.
„Dann trete jetzt ein in eine andere Wirklich-keit. Erfah-re Glück und inneren Frieden, Severus Snape.“ Die hypnotische Stimme der Königin verhallte.
Severus wurde in einen blendend hellblauen Korridor gezogen, wirbelte umher, immer schneller, wurde fortgetragen durch Zeit und Raum. Das Hellblau wich einem Schwarzblau, übersät mit Myriaden glitzernder Lichtpunkte. Er schwebte irgendwo zwischen den Sternen. All seine Sorgen schienen ihm unbedeutend angesichts der Erhabenheit, Schönheit und Größe des Universums.
Worüber hatte er sich eben noch Sorgen gemacht? Voldemort, der mächtigste aller schwarzen Magier, war seit Monaten besiegt. Harry Potter lebte noch und machte eine Ausbildung zum Auror, er selbst war als Schulleiter von Hogwarts rehabilitiert... Die Sterne verblassten und eine samtene Schwärze umfing ihn. Er hatte das Gefühl zu fallen und dann auf etwas Weichem zu landen.
Severus Snape schrak aus dem Schlaf. Er schwebte in der Krankenstation von Schloss Hogwarts waagerecht über einem Bett und begann, sich durch die heftige Bewegung beim Aufwachen langsam um die eigene Achse zu drehen.
„Was zum Teufel ist hier los?“ murmelte er.
Um seinen Oberkörper konnte er dicke Bandagen spüren. Langsam erinnerte er sich. Gestern war er auf dem Weg von Hogsmead zum Schloss von einem Todesser angegriffen worden. Deutlich hatte er das dunkle Mal, einen Totenschädel mit einem Schlangenkopf, auf dem Unterarm seines Angreifers gesehen. Nach dem Sieg über Voldemort waren einzelne Todesser entkommen, die plündernd und raubend durchs Land zogen.
Severus zog mühsam den Zauberstab aus seinem Umhang.
„Warten Sie, Schulleiter!“ Madame Bays, die Krankenschwester, eilte herbei. Als sie Severus erreicht hatte und ihm unter die Arme griff, hob er mit „Finite Incantatem“ den Schwebezauber auf. Madame Bays half ihm vorsichtig auf den Boden. Sie musterte ihn besorgt.
„Mir geht es dank Ihrer ausgezeichneten Pflege hervorragend“, sagte Severus. “Ich habe etwas im Büro zu erledigen.“
Madame Bays schaute streng. „Es geht Ihnen so gut, Schulleiter, weil sie ein Mittel, um die Blutung zu stoppen und das stärkste Schmerzmittel bekommen, das wir haben, ist Ihnen das klar? Sie sollten sich besser ausruhen und sich heute noch von Professor Mc Gonagall vertreten lassen. Und wenn Sie heute keinen Heiler rufen, tue ich es, Schulleiter!“
„Severus, Sie sind ein verdammter Dickkopf. Wenn es nach mir ginge, wären Sie schon im St .Mungo Hospital“, zeterte Professor Mc Gonagall, die unbemerkt den Raum betreten hatte. Sie baute sich vor Severus auf.
„Wie ich merke, sind Sie alle sehr um mich besorgt“, entgegnete Severus leise. „Ich kann Ihnen versichern, ich bin in guten Händen, keine Sorge. Cina Mc Laggen kommt heute Nachmittag. Sie ist die beste Heilerin, die ich kenne.“ Er schaute auf seine Taschenuhr.
„Wie ich sehe, geht es Ihnen schon besser“, dröhnte Professor Slughorn von der Tür her. „Cina Mc Laggen, - sie war eine meiner Lieblingsschülerinnen. Eine äußerst begabte junge Hexe. Wenn ich mich recht erinnere, hatte sie ein Auge auf Sie geworfen, Severus.“
„Tatsächlich?“ meinte Severus. Er zog eine Augenbraue hoch.
„Cina Mc Laggen ist zurück?“ Professor Mc Gonagall wirkte bass erstaunt. „Sie war über ein Jahr verschwunden, ihr Kräuterladen in Hogsmead stand leer ...“
„Ich kann Ihnen versichern, Minerva, dass sie seit drei Tagen wieder in Hogsmead ist und dabei ist, ihren Kräuterladen wieder aufzubauen. Zu meinem Glück erfuhr ich das gestern im Eberkopf, bevor mir Blair auf dem Rückweg von Hogsmead im Kampf diese Andenken verpasste.“ Severus schaute auf seinen bandagierten Oberkörper, der von seinem dunkelgrünen Umhang nicht ganz verdeckt wurde.“Er wird nicht mehr lange auf freiem Fuß sein, dafür sorge ich.“
„Severus, Sie sind der Letzte, der uns seinen Mut beweisen müsste. Warum lassen Sie diesen Blair nicht einfach laufen? Überlassen Sie ihn den Auroren“, meinte Slughorn.
Nachdem Madame Bays Severus ein schmerzstillendes Mittel und einen übel riechenden Trank gegen die Blutung verabreicht hatte, zog Severus eine Grimasse.
„Ich habe noch eine höchst persönliche Rechnung mit Blair offen, Horace. Er hat mehrere Mitglieder des Phönixordens auf dem Gewissen“, knurrte Severus. Dann schaute er auf seine Taschenuhr.
Slughorn zog es vor, das Thema zu wechseln.
„Sagen Sie, alter Knabe, warum verraten Sie mir nicht, warum Sie heute dauernd auf die Uhr schauen?“
„Das werden Sie in den nächsten Tagen herausfinden, Horace“, sagte Severus geheimnisvoll.
Unruhig wälzte sich Cina Mc Laggen im Schlaf hin und her. Sie träumte, dass sie, begleitet von zwei Wächtern, durch einen Algenwald in einem tiefen See schwamm. Im grünlichen Wasser vor ihr jagten Wassermenschen einen großen, silberschuppigen Fisch. Eine Bewegung zu ihrer Rechten ließ sie herumwirbeln. Severus Snape schwamm auf sie zu, seine langen schwarzen Haare wogten um seinen Kopf. Cina wollte zu ihm, doch etwas griff nach ihren Füßen. Ein Wächter und Severus schlugen mit einem Dreizack auf eine gehörnte Kreatur im Tang ein, doch der Grindeloh ließ nicht los. Im Gegenteil. Er zog noch fester an ihrem Bein.
„Herrin, aufwachen“, rief die gehörnte Kreatur und zerrte weiter an ihr, jetzt auch an ihrem Arm.
„Au. Loslassen!“ rief Cina und war schlagartig wach.
„Endlich, Herrin“, seufzte ihre Hauselfin Needa. Sie ließ Cinas Arm los.
„Needa, hast du gerade auch an meinem Bein gezogen?“ fragte Cina unwirsch.
Die Elfin nickte.
„Needa, du hast mir Alpträume verursacht, weißt du das?“ Cina rieb sich den schmerzenden Arm.
„Needa ist untröstlich, dass sie die Herrin erschreckt hat. Doch die Herrin hatte Needa gebeten, sie um acht Uhr zu wecken, wegen der Zaubertränke“, quiekte die Hauselfin aufgeregt.
„Ist schon gut, Needa. Ich hätte gestern nicht so lange mit Ataira unsere Rückkehr nach Hogsmead feiern sollen.“ Sie gähnte. Warum nur hatte sie seit drei Tagen das Gefühl, sie sollte Severus Snape besuchen? Dabei war er bei ihren letzten Treffen vor über einem Jahr, als sie ihm Kräuter nach Hogwarts lieferte, kurz angebunden, fast unfreundlich gewesen.
Auf dem Weg zum Bad spürte Cina plötzlich einen stechenden Schmerz in der rechten Zehe.
„Verdammt“, fluchte sie.
Sie hatte sich den Fuß an einer der vielen Kisten gestoßen, in die sie beim Sichten ihrer Bestände verdorbene Heilpflanzen geworfen hatte. Da sie über ein Jahr auf der Flucht gewesen war, war es um die Anzahl der noch brauchbaren Kräuter und Tränke nicht gut bestellt.
Erst bei einem Blick aus dem Badezimmerfenster ihrer Hütte besserte sich Cinas Laune erheblich. Irgendjemand, dem sie vor Dankbarkeit am liebsten um den Hals gefallen wäre, hätte sie nur gewusst, wer es war, hatte in einigen Beeten an der Veranda und im Treibhaus Heilpflanzen ausgesät. Sie sah Dill und Borretsch, Nixenkraut und Basilikum, Magentakraut und Strohblumen, Geum und sogar Neruskraut. Dies alles waren Pflanzen, die sie dringend für ihren Kräuterladen brauchte, Ende April aber nicht mehr aussäen konnte. Irgendjemand hatte also an sie gedacht und wollte ihr helfen.
Ein Lächeln umspielte Cinas Lippen, als sie aus dem Bad kam. Nachdem sie zu einigen Zaubertränken, die in großen Kesseln auf dem Herd kochten, Affodilwurzel und Rosenblätter beigemischt hatte, setzte sie sich an den Küchentisch. Needa hatte Tee und Hafergrütze an Cinas Platz gestellt. Eins ihrer großen Ohren schaute hinter der Tageszeitung, dem Zaubererpropheten, hervor.
„Ataira schickt uns mittags Brennnessel-, Beinwell- und Affodill-Wurzeln aus ihrem Vorrat“, murmelte Cina, während sie Haferbrei löffelte.
„Mh“, machte Needa hinter der Zeitung hervor.
Cina griff sich einen der Handzettel vom Stapel auf der Fensterbank und las.
Neueröffnung von „Cinas Kräuterladen“ am 1.Juni
Zaubertränke – Kräuter – Öle – Salben - Liköre und Kräuterweine
In der Ahorngasse 3 in Hogsmead, um 10 Uhr.
Bis zur Eröffnung bestellen Sie kleinere Mengen
per Eulenpost direkt bei Cina Mc Laggen,
Hogsmeader Straße 34.
„Die Handzettel sind gut geworden, Needa. Danke.“
„Mh“, machte Needa wieder.
„Das muss ja ungemein spannend sein, was du da liest...“
„Herrin, gestern ist Severus Snape, dem Sie früher auf Schloss Hogwarts immer Kräuter lieferten, angegriffen und verletzt worden“, tönte Needa hinter der Zeitung hervor.
„Was? “rief Cina. „Zeig her!”Sie zog der verdutzten Hauselfin die Zeitung aus den Händen und begann zu lesen.
Attacke auf den Schulleiter von Hogwarts
Severus Snape, Schulleiter von Hogwarts, der Schule für Zauberei und Hexerei, wurde am gestrigen Abend gegen 20 Uhr auf dem Weg von Hogsmead nach Hogwarts von einem Todesser namens Blair angegriffen und mit einer magischen Waffe verletzt. Das Ministerium verstärkt deshalb in den folgenden Tagen seine Bemühungen, die letzten Todesser, die sich in den Wäldern von Hogsmead und Umgebung herumtreiben, zu verhaften.
Cina sah auf, direkt in Needas große grüne Augen. „Mit magischen Waffen ist nicht zu spaßen...“ murmelte sie.
„Die Herrin macht sich Sorgen um den Schulleiter?“, fragte Needa.
„Ja, Needa, ich glaube, ich sollte mal nach ihm sehen. Er weiß wahrscheinlich nicht, dass ich wieder in Hogsmead bin, sonst hätte er sicher nach mir geschickt...“
„Professor Snape ist gewiss nicht so schwer verletzt. Das hätte in der Zeitung gestanden“, überlegte die Hauselfin.
„Die Wunden von magischen Waffen sind tückisch. Ein oder zwei Tage mag es einem mit normaler Medizin besser gehen. Doch dann lässt sich die Blutung nicht mehr stillen...“Cina begann, hektisch im Zimmer hin und her zu laufen. „Aber heute müssen wir noch einige Kilo Kräuter sortieren und zum trocknen aufhängen, die wir gestern im Wald gepflückt haben. Und der Schlaftrank, der Schmerztrank und der Liebestrank müssen heute fertiggestellt und abgefüllt werden. Jede Menge Bestellungen von den Anwohnern des Ladens haben wir auch schon.“
„Needa kann helfen, Herrin. Sie weiß, wie die Tränke gemischt werden. Nur einen Schmerztrank hat sie noch nicht gebraut.“
„Danke, Needa.“
Needa angelte sich aus dem Regal ein Buch über Schmerztränke. Plötzlich schrie sie „Oh nein“ und patschte sich an die Stirn. „Der Brief!“
„Welcher Brief?“ echote Cina verständnislos.
„Needa hat den Brief vergessen, den heute Morgen um sechs eine Eule brachte.“ Sie holte den Brief aus einer ihrer Schürzentaschen.
Überrascht betrachtete Cina das große „H“, das auf dem wappenförmigen Siegel prangte.
„Post aus Hogwarts?“fragte sie ungläubig.
Sie öffnete mit fliegenden Fingern den Umschlag und las vor:
Sehr geehrte Cina,
wie mir im Eberkopf zu Ohren kam, bist du gesund zurückgekehrt. Kannst du bitte heute Nachmittag ab 15 Uhr Kräuter laut beiliegender Liste in mein Büro liefern? Ich wäre dir außerdem äußerst verbunden, wenn du dir meine Verletzungen ansehen könntest, die mir jemand gestern mit einem magischen Schwert zufügte.
Ich möchte mit dir auch über eine weitere dringende Angelegenheit sprechen. Schick mir eine Eulenpost, wenn du verhindert bist.
Mit vielen Grüßen
Severus
„Was meint er mit ´weitere dringende Angelegenheit`? Und wann hat Severus in den letzten Jahren jemals ein privates Wort mit mir gewechselt oder mir einen Brief geschrieben? Und jetzt macht er sich Gedanken, ob ich GESUND ZURÜCKGEKEHRT BIN??“ Cina klang sehr zornig.
Needa zuckte die Schultern. Manchmal verstand sie ihre Herrin überhaupt nicht.
Kapitel 3
Cinas Thestral „Star“ flog über ein dichtes Waldgebiet und schwenkte nach links, auf einen breiten glitzernden Strom zu. Endlich sah Cina Schloss Hogwarts in der Ferne auftauchen. Wie eh und je thronten die große Halle und die Türme der Schule für Zauberei und Hexerei majestätisch über den Felsen am Fluss. Es war ein atemberaubender Anblick. Cina genoss es, auf Star zu fliegen, ohne Angst vor Verfolgern haben zu müssen, wie noch vor wenigen Monaten. Star stieß einen hohen Schrei aus und schlug kräftig mit ihren fledermausartigen Flügeln, um dann in einem weiten Bogen zur Landung in den Schloßgründen anzusetzen.
Ungeduldig ruckte Star mit ihrem schwarzen Drachenkopf, während Cina die Packtaschen und Kräuterkörbe abnahm. Sie nahm ihre Belohnung, ein totes Wiesel, aus Cinas Hand.
„So, meine Liebe, jetzt kannst du deine Familie im verbotenen Wald besuchen“, flüsterte Cina ihr zu. Dann tätschelte sie Stars knochigen schwarzen Hals zum Abschied.
Kurze Zeit später erreichte Cina das zweiflügelige, verzierte Eisentor, das zu beiden Seiten von steinernen Säulen mit geflügelten Ebern flankiert war. Es war ihr, als sei es erst gestern gewesen, dass sie mit anderen Slytherin-Schülern erwartungsfroh in einer Kutsche, die sich wie von Geisterhand zu bewegen schien, dieses Eisentor durchfuhr. Damals konnte sie die Thestrale vor den Kutschen noch nicht sehen.
„Cina Mc Laggen?“, riss sie die Stimme von Filch, dem Hausmeister, aus ihren Gedanken. Falls er sie erkannte, ließ er es sich nicht anmerken.
Sie nickte.
Er bestand darauf, sie bis zum Schulleiterbüro im Nordturm zu begleiten, obwohl sie den Weg kannte. Auf dem Weg bemerkte Cina viele Stellen im Schlossgemäuer, die repariert worden waren. Die hellere Farbe der neuen Mauern fiel ihr auf. Die „große Schlacht von Hogwarts“, wie sie später genannt wurde, musste sehr heftig getobt haben. Cina fühlte wegen der persönlichen Worte in Severus` Brief eine gewisse Erwartungsfreude, zugleich aber stieg Ärger in ihr hoch, als sie daran dachte, wie kühl Severus sie beim Liefern von Kräutern in den letzten Jahren behandelt hatte. Zuletzt war sie es leid gewesen und hatte Needa geschickt.
„Warten Sie hier“, schnarrte Filch, nachdem er eine schwere Eichentür geöffnet hatte, auf der „Professor Severus Snape – Schulleiter“ stand. Er wies auf eine Sitzbank. „Professor Snape kommt in wenigen Minuten aus der Lehrerkonferenz.“
Er ging und die Tür fiel ins Schloss. Cinas Herz klopfte heftig. Nachdem sie ihre Körbe mit den Kräutern abgestellt hatte, suchte sie auch in Severus´ Büro nach Anzeichen davon, dass er sich verändert hatte. Tatsächlich. Die düsteren Bilder, die die Wirkung der unverzeihlichen Flüche zeigten, waren verschwunden. Stattdessen hingen Sternenkarten und Holzstiche von Heilpflanzen an den Wänden. In ihren Bilderrahmen hielten die ehemaligen Schulleiter von Hogwarts ein Mittagsschläfchen und schnarchten. Von einem gerahmten Foto lächelten ihr Albus Dumbledore und Severus entgegen. Sie standen am Buffet des Weihnachtsballs. Wenig geheuer war ihr ein magisches Auge, das Severus als Briefbeschwerer benutzte. Es schien sie vom Schreibtisch her anzublicken. Sie stellte einen Blumentopf mit Schnappkraut davor, sorgsam den roten Tentakeln ausweichend. Als sie in einer Ausgabe von „Verteidigung gegen die dunklen Künste. Teil 2“ blätterte, erklangen auf dem Gang vor der Tür Schritte.
Severus trat durch die schwere Eichentür. Sein dunkelgrüner Umhang wehte hinter ihm her, seine langen schwarzen Haare hingen ihm wie eh und je zu beiden Seiten seines blassen Gesichts, das jetzt Überraschung und die Andeutung eines Lächelns zeigte.
„Severus, lange nicht gesehen“, brachte Cina hervor.
„Cina, welch eine angenehme Überraschung! Ich hatte deinen Besuch etwas später erwartet. Nimm doch Platz!“ Severus wies auf eine Bank mit blauen Kissen am Kamin und ließ mit einer Handbewegung einen schweren Eichenstuhl für sich heran rutschen. Cina fiel auf, dass er sich sehr vorsichtig setzte.
„Verteidigung gegen die dunklen Künste“, sagte Severus und tippte auf das Buch, in dem Cina geblättert hatte. „Das war früher nicht dein Lieblingsfach, stimmt`s?“ Er nahm einen Schluck aus einer kleinen Flasche, die er aus seinem Umhang zog. „Gegen die Schmerzen. Dazu kommen wir später.- Cina, wie erging es dir in der Zeit, in der du nicht in Hogsmead warst?“
„Ich...Ich bin sprachlos, Severus“, stotterte Cina. „ All die Zeit, in der ich dir Kräuter brachte, habe ich dich nie lächeln sehen. Du hast nie nach persönlichen Dingen gefragt oder von dir erzählt...“ Sie sah ihn irritiert an.
Severus musterte sie eindringlich. Cina spürte, wie sie errötete. Sie hoffte, Severus sah es nicht im Gegenlicht am Fenster.
„Seit wann kümmert es dich, wo ich war? Wann, außer in unserer Schulzeit, hast du jemals danach gefragt, wie es mir geht?“ rief Cina bissig.
Severus sah sie ernst an. „Ich frage dich jetzt. Die Zeiten ändern sich.“ Er holte tief Luft. „Ich bin, muss ich gestehen, nicht gut in diesen Dingen...Ich wollte mit dir ins Gespräch kommen, deshalb fragte ich, wie es dir in der letzten Zeit erging“, sagte er sanft. “ Was ich dir eigentlich sagen wollte, was ich mit „wichtigen Angelegenheiten“ in meinem Brief meinte, ist... Cina, du warst mir immer wichtig.“
Cina erschrak über das, was Severus gesagt hatte, doch ihre Wut überwog. „Du hattest eine merkwürdige Art, mir das zu zeigen, Severus Snape! Du hast mich damals behandelt wie jemanden, den du gar nicht kennst. So behandelt man niemanden, der einem wichtig ist!“, fauchte sie.
“Bitte, beruhige dich, Cina. Ich weiß, es hat dir wehgetan, wie ich mich damals dir gegenüber verhielt“, sagte Severus leise. „Ich möchte dich dafür um Verzeihung bitten.“
Mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er einen großen Strauß orangefarbene Nelken erscheinen. Er suchte Cinas Blick, als er ihr den Strauß überreichte. „Verzeihst du mir?“, fragte er.
„Ja“, sagte Cina. Sie wandte sich von ihm ab und schaute aus dem Fenster. „Du meinst also, du schenkst mir Blumen und alles ist wieder in Ordnung zwischen uns? Warum hast du dich damals so verhalten? Ich bin immer noch wütend, weil ich nicht weiß, was damals mit dir los war!“
Sie wandte sich wieder zu Severus um. Er sah, dass sie weinte. „Ich habe viele schlimme Dinge in den letzten Monaten erlebt“, flüsterte sie heiser.“Du warst einmal mein bester Freund. Bitte gib mir das Gefühl, dass ich dir wieder vertrauen kann.“
„Ich werde dir alles erzählen“, versprach Severus. Er legte ihr kurz seine Hand auf die Schulter und reichte ihr ein Taschentuch. Eine Hauselfe klopfte und brachte Gebäck und Obst. Als sie einen Moment schwiegen, trafen sich ihre Blicke. Cina sah einen Ausdruck in Severus` schwarzen Augen, den sie nicht zu deuten vermochte. Sie senkte ihren Blick, wischte sich ein letztes Mal übers Gesicht.
„Ich glaube, ich sollte mir jetzt deine Verletzung mal ansehen“, wechselte Cina das Thema. “Setzt du dich bitte auf den Schreibtisch?“
„Ich muss dich warnen. Es ist kein schöner Anblick“, sagte Severus, während er sein dunkelgrünes Hemd aufknöpfte. „Ich nehme an, die beste Heilerin, die ich kenne, hatte schon mal mit nicht schließenden Wunden zu tun?“
„Ja, hatte sie.“ Cina lächelte.
Sie half Severus, das Hemd abzulegen und sah, dass er um den gesamten Oberkörper einen blutbefleckten Verband trug.
„Lass mich das einmal ansehen“, sagte Cina. Sie wickelte einen kleinen Teil des Verbandes ab, und was sie sah, ließ sie erschauern. Severus Oberkörper war übersät mit vielen tiefen Schnittwunden, die sofort wieder zu bluten anfingen, wo sie frei lagen. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen, als sie die Ränder der Schnitte betrachtete. Severus` Miene war unnahbar, doch er zuckte einige Male zusammen, als sie ihm einen neuen Verband anlegte.
„Nimmst du ein starkes Schmerzmittel und etwas, um die Blutung zu stoppen?“ fragte Cina.
„Ja, dies hier aus der Krankenstation.“ Er hielt ihr zwei braune Fläschchen hin.
Cina holte tief Luft und konnte kaum ihren Schrecken verbergen, als sie Severus half, sein Hemd wieder überzuziehen. „Das sieht gar nicht gut aus, Severus. Ist das bei dem Kampf mit dem Todesser passiert? Ich las davon im Zaubererpropheten.“
„Ja. Du bist gut informiert, Cina. Der Todesser kämpfte mit einem Schwert, das mit einem starken Fluch belegt war.“
„Es muss ein sehr starker Fluch sein, wenn ein mächtiger Zauberer wie du nichts dagegen ausrichten kann“, meinte Cina. Sie erwartete eine scharfe Bemerkung von Severus, doch die kam nicht. “Ein sehr starker Fluch der nicht schließenden Wunden also“, überlegte Cina laut. „Ja, ich kenne ein Mittel. – Severus, du kannst in diesem Zustand nicht weiter unterrichten. Du musst dringend behandelt werden, noch heute.
„Es ist rührend, wie du dich um mich sorgst“, meinte Severus. Es klang nicht so spöttisch wie sonst.
„Cina half ihm vom Tisch und ließ sich wieder ihm gegenüber nieder. „Ich kann dir eine Tinktur brauen, die heute Nacht fertig ist, falls ich die nötigen Zutaten im Schloss bekomme. Inzwischen gebe ich dir noch ein stärkeres Schmerzmittel.“ Während sie in ihrer Tasche wühlte, spürte Cina, wie Severus sie dabei unverwandt anblickte. Sie hoffte wieder, dass er im Gegenlicht nicht sah, dass ihr die Röte ins Gesicht stieg. Schließlich fand sie eine lilafarbene Flasche.
„Das hier ist mein stärkstes Schmerzmittel. Du wirst es brauchen. Nimm davon alle zwei oder drei Stunden einen Teelöffel, einen am besten sofort.“ Cina blickte nervös auf die Uhr.
Ihre und Severus Hand berührten sich für den Bruchteil einer Sekunde, als sie ihm die lilafarbene Flasche gab.
„Ich muss jetzt die Zutaten besorgen“, sagte Cina.
Sie versuchte, das Kribbeln in ihrer Hand zu ignorieren, dort, wo Severus sie berührt hatte. Beinahe fluchtartig sprang sie auf, sich die Tasche über die Schulter werfend.
„Cina, warte noch. Ich muss noch etwas wissen. Hasst du mich, weil ich mich einige Zeit dir und auch anderen gegenüber benommen habe wie ein Idiot? fragte Severus unvermittelt.
„Wie kommst du darauf, dass ich dich hasse, Severus?“, fragte Cina leise. „Du redest wirr, das muss an den ganzen Medikamenten liegen.“
„Hasst du mich?“, wiederholte Severus. Er nahm Cinas Hand, seine schwarzen Augen sahen sie sanft an. Sie konnte sich seinem Blick nicht entziehen.
Cina wusste, dass Severus Legilimentik beherrschte und dachte, lass ihn jetzt nicht spüren, wie sehr du dich um ihn sorgst ... und dass du ihn magst. Viele Erinnerungen schossen ihr in diesem Moment, wo sein Blick auf ihr ruhte, durch den Kopf: Sie sah sich als ein junges Mädchen beim Zaubertrankunterricht. Sie bat Severus, der am gleichen Tisch arbeitete, um Hilfe. Er antwortete ihr, doch er hatte nur Augen für Lilly Evans, die sich zwei Tische weiter mit ihrem Trank abmühte. Dann betrat viele Jahre später Severus ihren neu eröffneten Kräuterladen in Hogsmead. Sie musste sich eingestehen, dass sie ihn immer noch sehr mochte. Doch zu dieser Zeit war sie mit Patrick verheiratet. Auch schreckten sie Severus´ spitze Zunge und seine Arroganz ab. Dann kam ihr in den Sinn, wie aufgeregt sie war, als sie sich in ihrer Schulzeit eines Nachts in einem Korridor von Hogwarts mit Severus getroffen hatte, um ihm Kräuter zu geben, die sie für ihn ins Schloss geschmuggelt hatte. Sie mussten sich hinter einem Brunnen vor einem Hausmeister verstecken. Dabei verhedderte sich Cina in ihrem Umhang und begann zu schwanken. Severus hielt sie fest und legte ihr den Arm um die Schultern...
Cina öffnete irritiert die Augen. War sie eingeschlafen? Severus ließ ihre Hand los und grinste breit. Da wusste Cina, dass er in einem unaufmerksamen Augenblick ihrerseits zumindest einen Teil ihrer Erinnerungen gesehen hatte.
„Ich weiß, warum du so grinst!“, schrie sie aufgebracht. „Nächstes Mal lies nicht einfach in meinen Gedanken. MACH DAS NIE WIEDER!“
Cina war verlegen und wütend. Sie wollte nur weg von Severus.
„Ich werde dir helfen, obwohl ich nicht in Ordnung fand, was du da gerade getan hast“, sagte sie erbost, als sie sich vor der Tür noch einmal umdrehte.
Severus schaute zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, bestürzt und schien keine Worte zu finden.
Cina hatte schon die Türklinke in der Hand, als er leise hinter ihr sagte „Du empfindest also immer noch etwas für mich?“ Es war keine Spur von Spott oder Hohn in seiner Stimme wie sonst. „Und jetzt hast du Angst? Cina, warte, darüber wollte ich mit dir reden, über uns beide.“
Cina drehte sich zu Severus, die Hand noch an der Türklinke. Ihr Herz schlug rasend schnell. Bevor sie irgendetwas sagen oder tun konnte, hatte Severus seinen Zauberstab gezogen und eine Beschwörung gemurmelt. Seile erschienen aus dem Nichts und fesselten sie an Fuß- und Handgelenken.
„SEVERUS SNAPE! LASS DAS “schrie Cina zornig. Sie funkelte ihn an und versuchte vergeblich, sich zu befreien.
Er kam ganz nahe heran und sah ihr in die Augen. „Und du meinst, ich lasse dich einfach so gehen, nachdem ich es weiß?“
Cina merkte, dass er dieses Mal nicht versuchte, ihre Gedanken zu lesen. Er versuchte, das zu begreifen, was er gerade erfahren hatte. Er lächelte.
„Du hast es also genossen, mit mir hinter diesem Brunnen zu sitzen? Ich fand es auch sehr angenehm“, neckte er sie.
„SEVERUS, BINDE MICH SOFORT LOS! ICH MAG ES NICHT, WENN DU MEINE GEDANKEN LIEST UND ICH MAG ES NOCH WENIGER, WENN DU FESSELZAUBER GEGEN MICH EINSETZT!“, giftete Cina ihn an.
Ihr stieg wieder die Röte ins Gesicht. Das war weniger auf ihren Ärger darüber zurückzuführen, dass Severus sie am Gehen hinderte, als vielmehr darauf, dass er ihr so nahe war.
„Erzähl mir etwas. Wie kannst du jemanden wie mich mögen?“, fragte er leise. „Ich war bei unseren letzten Treffen nicht gerade herzlich zu dir. Viele meiner Schüler hassten mich damals.“
Er kam noch einen Schritt näher und hielt Cina an der Schulter fest, da sie durch ihre Mühen, sich zu befreien, ins Schwanken geraten war.
„LASS MICH LOS“, giftete Cina ihn an. „Ich sag es dir, wenn ich nicht mehr gefesselt bin.“
Severus ließ sie wieder los und lächelte sie an. „Weißt du, dass du sehr hübsch aussiehst, wenn du so wütend bist?“
„BIND MICH ENDLICH LOS“, knurrte Cina.
„Ich werde dir gerne diesen Wunsch erfüllen, Cina, o ja, ich werde dich losbinden“, sagte Severus leise und begann, im Zimmer umherzulaufen. Doch bevor du wieder weglaufen kannst, möchte ich dir noch eins sagen. Hör zu. Als wir Schüler in Hogwarts waren, hatte ich – zugegebenermaßen – fast nur Augen für Lilly Evans. Aber denke nicht, ich hätte nicht bemerkt, dass du oft meine Nähe suchtest...“ Er stockte, während er weiter durch das Zimmer lief.
Cina folgte ihm gebannt mit ihren Blicken.
Aber als du vor drei Jahren wieder nach Hogsmead kamst, um Kräuter zu verkaufen, war etwas anders... Da wollte ich zunächst nicht wahrhaben, dass ich mehr für dich empfand als damals. Denn es waren gefährliche Zeiten und ich hätte dich auch in Gefahr gebracht. Ich hätte unweigerlich jede Person in Gefahr gebracht, für die ich etwas empfand... Kannst du das verstehen?“ Er blieb vor Cina stehen und sah sie traurig an.
„All die Zeit... du hast es zwei Jahre lang sehr gut versteckt.“ Cina rang um ihre Fassung.
„Severus, verdammt, hättest du mir das nicht auch wie ein normaler Mensch sagen können, ohne Legilimentik und Fesselzauber?“ Sanft setzte sie hinzu „Ich laufe nicht weg, versprochen.“
Cina konnte spüren, wie Severus` Hand zitterte, als er ihr über die Haare strich.
„Verzeih, ich wusste nicht mehr, was ich tat“, sagte er. Dann murmelte er „Relaschio!“. Augenblicklich fielen die Fesseln von Cina ab und lösten sich in Luft auf.
„Komm“, sagte Severus, nahm Cinas Hand und zog sie hinüber zur Sitzbank. „Schenke einem müden und verletzten Zauberer noch ein paar Minuten. Ich weiß, dass es mir spätestens in ein paar Stunden sehr schlecht gehen wird, dann werden wir nicht reden können. Und ich möchte nicht, dass meine Heilerin böse auf mich ist, wenn sie mit der Behandlung beginnt.“
„Du kannst meine Hand jetzt wieder loslassen“, sagte Cina, als sie allmählich die Fassung wiedergewann. Sie klang beinahe amüsiert. „Weißt du, ich mag zufällig nette Männer – und wenn du mir versprichst, keine Dummheiten mehr zu machen wie eben, bleibe ich noch ein bisschen.“ Sie setzte sich und lächelte schalkhaft. Es war die merkwürdigste Liebeserklärung, die sie jemals bekommen hatte. Cina wusste noch nicht, was sie davon halten sollte.
„Tatsächlich?“ In Severus schwarzen Augen glitzerte es. Er ließ sie los.
Cina spürte ein Kribbeln, wo er sie berührt hatte.
„Das war unverzeihlich von mir...“ Severus wirkte betrübt. „Ich weiß nicht, was über mich kam. Ich glaube, es ist, weil ich so wenig Zeit mit dir habe, Cina. Ich wollte es dir sagen, bevor es mir schlechter geht...Du musst von mir glauben, ich bin ein schlechter Gastgeber. Möchtest du etwas trinken, vielleicht Wein?“
Cina nickte. „Ich gebe dir mal die Chance, den schlechten Eindruck von eben wieder hinzubiegen, Severus Snape. Das tue ich nur, weil du vor deinen magischen Spielereien...nett zu mir warst.“
Severus ließ eine Weinflasche und zwei Kristallgläser aus einem Spiegelschrank heran schweben, entkorkte die Flasche mit einem lässigen Schwenk seines Zauberstabes und goss roten Wein in die beiden Gläser. Er reichte Cina ein Glas und setzte sich vorsichtig neben sie auf die Bank. Cina trank einen großen Schluck. Dann schaute sie nachdenklich, das Glas in den Händen drehend.
„Severus, das war gemein von dir, wirklich gemein, Legilimentik anzuwenden und mich zu fesseln. Wie wäre es mit einer Wiedergutmachung?“ Cina funkelte ihn an.
„Gut“, lenkte Severus ein. „An was dachtest du dabei?“
„An Blumen. Meine Lieblingsblumen sind...“
„Halt, sag es nicht!“ Severus machte einen Schlenker mit seinem Zauberstab. Aus dem Nichts erschien ein riesiger Strauß weißer Rosen auf dem kleinen Tisch an der Sitzbank und stellte sich von selbst in eine Kristallvase, die aus einem der Schränke herbei schwebte.
„Ist es so genehm?“, fragte Severus.
„Das sind meine Lieblingsblumen!“ rief Cina begeistert. „Moment, woher wusstest du das? Du hast doch nicht wieder...“
Legilimentik angewendet, meinst du? Nein, Cina.“ Er wirkte amüsiert.
„Severus, versprich mir, nicht wieder in meinen Gedanken zu lesen!“Cina blitzte ihn böse an.
Severus ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Ich verspreche es. Es tut mir leid, dass ich vorhin in Versuchung kam, Legilimentik anzuwenden.“ Er goss Cina Wein nach.
„ Für deine Lieblingsblumen brauchte ich nichts dergleichen zu tun. Ich habe mich daran erinnert, dass du an zwei Geburtstagen in Hogwarts jeweils einen riesigen Strauß weißer Rosen mit der Eulenpost bekamst. Es ging das Gerücht, du hättest einen heimlichen Verehrer außerhalb des Schlosses. Ich frage mich, wer der Glückliche war...“
Cinas Gesicht strahlte. „Severus, ich hätte nie gedacht, dass du so etwas noch weißt – oder dass du es damals überhaupt beachtet hättest. Weißt du, dass es das erste Mal in drei Jahren ist, dass wir uns über unsere Zeit in Hogwarts unterhalten?“
Auch Severus drehte sein Weinglas in den Händen. „Ich habe nichts vergessen, Cina. Nicht die Nachmittage, wo wir am schwarzen See oder in der Bibliothek zusammen lernten. Nicht unsere heimlichen Ausflüge in den verbotenen Wald. Erinnerst du dich an Metrin, den verletzten Zentauren, den du gesund pflegtest? Auch nicht, dass du Kräuter ins Schloss schmuggeltest, die Schülern verboten waren. Ich fand dich sehr mutig. Filch hätte dich mehrere Male fast erwischt. Trotzdem hast du mir weiter Kräuter besorgt. Da haben wir uns nachts getroffen und hinter dem Brunnen versteckt. Was dir ja sehr gut gefallen zu haben scheint.“
„Severus, du bist unmöglich. Ja, es hat mir gefallen.“ Cina erwiderte offen seinen Blick. „Für den Gefallen mit den Kräutern hast du mir sehr gute Tipps für Zaubertränke gegeben. Slughorn war bass erstaunt, dass ich plötzlich so gut in Zaubertränke wurde. Er meinte ´Meine Liebe Miss Mc Laggen, sie werden noch eine ernsthafte Konkurrenz für unseren Meister der Zaubertränke, Severus Snape!`“
Sie lachten.
„Was ich nie verstanden habe, ist, wieso du in den höheren Klassen so viel mit Typen wie Avery oder Mulciber zusammen warst, die bis über beide Ohren in schwarzer Magie steckten. Es fing an, mir Angst zu machen, dass du schwarzmagische Zauber gegen deine Mitschüler verwendetest“, sagte Cina leise.
„Du warst nicht die einzige, die deshalb Angst vor mir bekam. Zu dieser Zeit war der schwarzmagische Weg eine zu große ...Versuchung für mich. Sei versichert, ich habe es schon einige Jahre später, nach Lillys Tod, bitter bereut, jemals den dunklen Weg gegangen und Voldemort gefolgt zu sein. Allerdings half mir später mein schwarzmagisches Wissen unzählige Male bei der Verteidigung gegen dunkle Mächte.“ Severus nippte gedankenverloren an seinem Wein. Dann hob er sein Glas. “Aber das ist Vergangenheit. Trinken wir auf uns, Cina“, sagte er leise.
Cina hob ebenfalls ihr Glas. „Auf uns! Unter einer Voraussetzung.“
„Die wäre?“
„Dass du in Zukunft weder versuchst, mich zu fesseln, noch meine Gedanken zu lesen.“
„Wirst du mir das jetzt ewig vorwerfen?“, sagte Severus mit gespielter Empörung.
„Nur, wenn ich den Verdacht habe, dass du mal wieder den bösen Buben raushängen lässt“, meinte Cina.
„Hab keine Angst vor mir, Cina. Ich werde nichts dergleichen tun.“Severus Stimme klang sanft.
„Dann bin ich beruhigt.“
Cinas Miene wurde ernst.
„Ich muss Zutaten besorgen und in spätestens zwei Stunden anfangen, dein Elixier zu brauen, denn auch die Wirkung dieses sehr starken Schmerzmittels wird im Laufe der nächsten Stunden nachlassen, ebenso die des Blutungshemmers. Wirkt mein Mittel noch?“ Sie sah ihn besorgt an.
„Ich habe mich nie besser gefühlt. Das muss an der Gegenwart meiner Heilerin liegen.“ Er strich Cina eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dann ließ er einen kleinen Holzkasten herbei schweben. Mit einem Knacken sprang der Verschluss auf. Jede Menge Schlüssel glänzten golden und silbern im Licht der Nachmittagssonne. Severus nahm zwei heraus. „Hier hast du den Schlüssel für meine privaten Vorräte, sie sind zwei Zimmer weiter – und hier ist der Schlüssel für den Keller, in dem Professor Slughorn seine Vorräte für Zaubertränke aufbewahrt, der unterste Keller im Nordturm. Nimm dir, so viel du für mein Elixier brauchst.“
„So, ich hab alles bekommen, und jetzt geht´s ans Packen“, rief Cina Severus entgegen, als sie kurze Zeit später wiederkam. Ein Korb, aus dem einige Flaschenhälse ragten, schwebte hinter ihr her.
„Packen?“ echote Severus entgeistert. Er war hinter einem Stapel von Büchern und Pergamenten, die sich auf seinem Schreibtisch türmten, nur halb zu sehen.
„Vergaß ich, das zu erwähnen? Ja, genau. Deine werten Kollegen müssen ein paar Tage ohne dich auskommen, wenn sie dich gesund und munter wiederhaben wollen“, sagte Cina entschieden. “Ich brauche meine Hauselfin Needa bei deiner Behandlung, die kann zurzeit nicht aus meiner Hütte weg - und die restlichen Zutaten für dein Elixier sind auch in meiner Hütte, schon vergessen? Es bleibt dir also gar nichts anderes übrig, mein Lieber, als...“
„zu packen, wie es meiner Heilerin genehm ist.“ Severus seufzte. „Na gut. Aber nur, wenn du mir noch fünf Minuten Gesellschaft leistest. Setz dich doch und trink deinen Wein aus. Und magst du mir jetzt erzählen, wie es dir im letzten Jahr erging?“ Er zuckte leicht zusammen, als er sich wieder neben sie auf die Bank setzte.
„Einige unserer alten Flüche haben mir in den letzten Monaten öfters den Hals gerettet, neben dem Springpulver, das ich als Alternative zum Flohnetzwerk für den Widerstand entwickelte, und neben meinem Thestral Star.“ Cina nahm einen Schluck Wein. „Vom Ministerium verbotene Kräuter und Tränke zu verkaufen, war in Voldemorts Zeiten lebensgefährlich. Ebenso, verletzte Leute aus dem Widerstand zu behandeln. Oder seinen Dienst beim Ministerium zu quittieren, was Patrick tat, nachdem das Ministerium in Voldemorts Hand war. Also flüchteten Patrick und ich aus Hogsmead. Zusammen gingen wir an die Südküste. Dort hatte der Widerstand ein Netzwerk von Verstecken. Wir hielten uns immer in anderen Häusern auf, wurden mehrere Male von Todessern überfallen. Meist entkamen wir ziemlich knapp.“ Sie stockte. „Wahrscheinlich hast du es schon gehört. Patrick geriet zusammen mit drei anderen ehemaligen Auroren in einen Hinterhalt der Todesser. Er wurde ermordet.“
„Das mit deinem Mann tut mir sehr leid, Cina“, sagte Severus leise. Er drückte kurz Cinas Hand.
Wann hatte Cina jemals Severus so leise und so sanft reden hören?
Ein Pfiff unter dem Fenster ließ sie zusammenschrecken. Unten auf der Wiese stand Hagrid, der riesenhafte Hüter der Ländereien von Hogwarts, und winkte.
„Hab deinem Thestral schon den Packgurt angelegt, Cina! Auf Professor Mc Gonagalls Bitte hin. Er is` bei meiner Hütte!“, dröhnte er. „Als ich Star erkannt habe, wusste ich gleich, dass du zurück bist. Was bin ich froh, dass dir nichts passiert is` - und Star sieht auch prachtvoll aus!“
„Danke, Hagrid, ich komme gleich“, rief Cina hinunter.
„Bin so froh, dass du noch lebst!“, rief Hagrid ergriffen. „Hast damals meine Moc-Würmer gerettet...“
„Hagrid, wie sind in Eile!“
„und einen meiner Hippogreife...“
„Hagrid, Sie wollten uns noch etwas Wichtiges mitteilen?“ sagte Severus bestimmt.
„Ja, Tschulligung.“ Hagrid wischte sich eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel.
„Gute Nachrichten hab` ich, Schulleiter. Sie haben Blair, das is´ der, der Sie angriff, heute am frühen Nachmittag gefasst. Is´ schon nach Askaban geschickt worden“, schnaufte Hagrid.
„Danke, Hagrid!“ Severus schloss das Fenster.
„Ich wusste nicht, dass du noch einen Verehrer hast. Ich glaube, ich muss mich ins Zeug legen“, meinte Severus.
Cina lachte. Dann wurde ihre Miene ernst. „Schau mich nicht so an. Ich werde ganz verlegen...Ich...weißt du, das kam alles sehr überraschend heute, mit dir und mit mir. Und ...also...“, stotterte sie, „also...Ich mag dich, Severus. Aber...Patrick ist noch nicht so lange tot. Und...gib` mir ein bisschen Zeit und versprich, dass du mich nicht drängst.“
„So viel Zeit, wie du möchtest, Cina“, versprach Severus. „Sag mir noch eins: was ist ein Moc-Wurm?“
Cina wirkte beruhigt. „Du weißt, Hagrids Tierliebe geht manchmal ziemlich weit. Das waren übel riechende, schleimige, hässliche schwarze Würmer. Erinnere mich bloß nicht daran.“
Während Severus packte, fütterte Cina Star. Dabei merkte sie, dass sie nur mit einem Ohr hinhörte, als Hagrid über seine Thestrale erzählte. Dann holte sie Severus am Lehrerzimmer ab, wo er sich von seinem Kollegium verabschiedete.
„Bringen Sie ihn uns gesund zurück“, sagte Professor Mc Gonagall zum Abschied. Sie war sofort einverstanden gewesen, Severus´ Vertretung zu übernehmen. Ein Lächeln spielte um ihren schmalen Mund, als sie den Schulleiter und die Heilerin über die Schlossgründe davongehen sah.
„Sie wären ein schönes Paar“, tönte Professor Slughorn über ihre Schulter.
Es dämmerte bereits, als sich Cina und Severus mit schwebendem Gepäck und einem Besen vor den steinernen Säulen mit den geflügelten Ebern an der Spitze wiederfanden. Severus murmelte eine leise Beschwörung in einer Cina unbekannten Sprache, um während seiner Abwesenheit einen mächtigen Schutzzauber über Schloss Hogwarts zu legen.
Cina blies in ihre Flöte, die sie an einem Lederband um den Hals trug. Ein gewaltiges Flügelrauschen war zu hören und Star ging genau vor ihnen nieder.
„Ein schönes Tier“, meinte Severus. „Ist er aus Hagrids Herde?“
„Er ist eine Sie und heißt Star“, antwortete Cina, während sie Severus Gepäck auf Stars Rücken befestigte. „Ja, Hagrid hat mir Star vor drei Jahren geschenkt. Ich mag Thestrale. Sie haben trotz ihres gewöhnungsbedürftigen Äußeren ein ganz sanftes Wesen.“
Sie flogen durch das Dämmerlicht, ihre Reiseumhänge flatterten hinter ihnen her, der eine auf einem Thestral, der andere auf einem Besen. Ab und zu warfen sie einen Blick zum anderen herüber. Unter ihnen glitzerte der breite Strom, über ihnen blinkten die ersten Sterne auf und ab und zu stieß der Thestral einen langgezogenen hellen Schrei aus, auf den hin eine Antwort irgendwo aus dem verbotenen Wald kam. An einer riesigen, einzeln stehenden Eiche verließen sie den graublau schimmernden Strom. Ein Waldgebiet glitt unter ihnen hinweg.
Unter anderen Umständen hätte Cina diesen Flug mit Severus genossen. Doch schon auf der Hälfte der Strecke bemerkte sie, dass es Severus schlechter zu gehen schien, denn er zuckte zusammen. Ab da ließ sie ihn nicht mehr aus den Augen.
Es war fast dunkel, da kam eine kleine Holzhütte am Rand des Hogsmeader Waldes in Sicht. Cina gestikulierte und zeigte auf die Hütte. Severus nickte.
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