
von silva
Kapitel 4
„Lumos“, rief Cina und einige Feuerkörbe mit leuchtend hellblauen Flammen markierten eine Landestelle. Cina landete zuerst, dicht gefolgt von Severus. Der gab einen leisen Schmerzenslaut von sich, als er auf dem Boden aufkam.
„Ich weiß, die Schmerzen werden stärker“, sagte Cina und nahm Severus` Hand. „Komm, wir sind sofort da. Noch ein paar Meter.“
Sie zog ihren Zauberstab aus dem Umhang, damit beide durch den Schutzzauber treten konnten, der ihre Hütte umgab. Dann führte sie Severus im gelblichen Licht, das aus den Fenstern fiel, zum Hütteneingang. Dabei streiften unter dem Vordach aufgehängte Kräuter ihre Köpfe.
Auch in der Küche der Hütte, die sie nun betraten, hingen unzählige Kräuterbüschel von den Deckenbalken und verströmten einen aromatischen Geruch.
„Setz dich. Ich hole Schmerzmittel.“ Cina führte Severus zu einem der sieben Stühle an einem Holztisch; neben einer Feuerstelle, auf der es in drei riesigen Kesseln brodelte. Sie spürte, wie er schwankte. Während Cina eilig Quellwasser in ein Glas goss und einige Tropfen verschiedener Tinkturen aus grünen Fläschchen hinzufügte, sah Severus sich um. In den Wandregalen stapelten sich neben abgegriffenen Büchern mit Titeln wie „Marlenes Kräuterfibel“, „Kräuter und Tränke für den Hausgebrauch“, „Heilung nach schwarzmagischen Angriffen“, „Elixiere der Heilung für Fortgeschrittene“ Einmachgläser mit Ölen, in die Wurzeln und Blüten eingelegt waren und dunkle Flaschen mit Aufschriften wie „Amortentia“ „Schlaftrank“ und „Lamigo Trax“. Blumentöpfe mit lila Veilchen auf der Fensterbank und dem Tisch verströmten einen lakritzartigen Geruch.
„Hübsch hast du es hier“, sagte Severus angestrengt.
Cina musterte besorgt sein bleiches Gesicht, die Schweißperlen auf seiner Stirn. Sie hielt ihm das Glas hin. „Danke. Hier ist Wasser mit einem starken Schmerz- und Schlafmittel. Alles austrinken, hörst du!“
„Du bist strenger als – Madame – Bays“, brachte Severus hervor und versuchte mühsam zu lächeln.
Er trank den Rest des Quellwassers, dann sackte er am Tisch zusammen. Cina fing ihn auf.
„Verdammt, das war knapp.“ Sie zog scharf die Luft ein. „Du alter, sturer Hornochse. So lange unbehandelt herumzulaufen!“
„Wingardium leviosa“ und „Horizonto“ murmelte Cina. Daraufhin schwebte Severus waagerecht in der Luft. Sie bugsierte ihn vorsichtig über eine Couch in der Küchenecke und deckte ihn, schwebend wie er war, mit einer leichten Wolldecke zu. Severus Gesicht wirkte jetzt entspannt, wie Cina zufrieden feststellte. Dann riss sie sich von seinem Anblick los.
Eilig entfachte sie ein Feuer unter einem Kessel und begann konzentriert an einem Heilelixier zu arbeiten. Der Geruch nach Salbei, bitterem Wermut und allerhand anderem, undefinierbarem, breitete sich in der kleinen Hütte aus.
Die alte Standuhr schlug Mitternacht, als endlich alle Zutaten hinzugegeben waren. Das Elixier hatte eine lilablaue Färbung angenommen und musste noch zehn Minuten vor sich hin brodeln.
Nach einem Blick auf Severus, der sich im Schlaf unruhig hin- und her drehte, ließ sich Cina auf einen Stuhl fallen und blätterte fieberhaft in dem Buch „Flüche und Gegenflüche der schwarzen Magie“. In den letzten Monaten hatte sie mehrere schwer Verletzte mit nicht schließenden Wunden behandelt. Je nach Art des Fluches, erkennbar an der Form der Wundränder, gab es mindestens vier unterschiedliche Formen der Behandlung. Sie hatte gezackte Ränder bei Severus erkannt und suchte jetzt nach dem richtigen Gegenfluch dafür. Derweil schlich ihre schwarze Katze Mons um ihre Beine.
„Tut mir leid, Mons, für dich habe ich jetzt keine Zeit“, raunte Cina.
Mons verdrückte sich durchs offen stehende Fenster.
„Zehn Minuten sind vorbei-ei-ei-ei...“, plärrte ihr kaputter Küchenwecker. Sie schlug mit der Hand darauf, bevor sie den dampfenden Kessel vom Feuer nahm.
Endlich wurde Cina fündig.
„Finite cut sempra“, murmelte sie vor sich hin, „das ist es!“
„Needa!“ rief Cina.
Mit einem Knall apparierte ihre Hauselfin neben dem Herd. Sie trug ein selbst gewebtes blaues Nachtgewand. „Du hast mich gerufen, Herrin?“ fragte sie freundlich.
„Ja, ich brauche deine Hilfe. Ich habe hier jemanden mit nicht schließenden Wunden. Du weißt noch, was zu tun ist?“
„Ja, Herrin.“ Needa schlurfte in den Nebenraum, um Verbände, ausgekochte Tücher und eine Kiste zu holen. Derweil schöpfte Cina mehrere Becher des lilablauen Elixiers ab. Einen Augenblick betrachtete sie den Schlafenden.
Needa kam zurück und reckte ihren Hals. „Wer ist es, Herrin?“
„Oh, ich war ganz in Gedanken, Needa.“ Cina ließ Severus etwas tiefer schweben, so dass Needa, die nur halb so groß war wie sie selbst, ihn erreichen konnte, wenn sie auf einer Kiste stand.
„Aber Herrin, das ist ja Severus Snape, der Schulleiter von Hogwarts“, quiekte Needa erstaunt, als sie einen Blick auf sein Gesicht erhaschte.
„Pst“, machte Cina schnell. „Du weckst ihn noch auf!“
„Der Mann, von dem die Herrin so viel erzählt hat“, fuhr Needa leiser fort. „ Der im Kampf gegen Voldemort eine entscheidende Rolle spielte, der half, die unterdrückten Elfen zu befreien...ist hier bei uns“, quiekte sie begeistert.
Needa half Cina dabei, Severus vorsichtig den Umhang und das Hemd auszuziehen und die neuen Verbände mit der noch dampfenden Tinktur zu tränken Was dann kam, erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit. Cina wickelte die erste Hälfte des Verbandes ab. Sofort begannen die Wunden am Rücken und an der Brust wieder stark zu bluten. Needa drückte von unten einige Tücher auf Severus` Rücken, die sich schnell rot färbten, während Cina konzentriert an der oberen Seite arbeitete. Sie strich mit dem Zauberstab über die tiefen blutenden Wunden, dabei „Finite cut sempra“ murmelnd. Fast augenblicklich hörte die Blutung auf, doch die Wunden schlossen sich noch nicht. Sie wischte das Blut weg und betupfte jeden einzelnen Schnitt mit ihrem Elixier.
Cina atmete auf. „So, die Blutung ist vorerst gestoppt. Das wird reichen, bis wir mit beiden Seiten fertig sind.“
Needa half ihr, Severus umzudrehen. Dabei ächzte er und einen Moment befürchteten beide, er würde aufwachen. Wieder stillte Cina zuerst die Blutung mit der Beschwörung, dann trug sie die lilablaue Flüssigkeit auf.
Nachdem Cina die zweite Hälfte des Verbandes abgewickelt hatten, wiederholten sie die Prozedur. Zum Schluss umwickelten sie den geschundenen Oberkörper von Severus mit den in Elixier getauchten Verbänden. Cina träufelte ihm Schmerz- und Schlafmittel ein und deckte ihn wieder vorsichtig mit der Wolldecke zu.
„Ich danke dir, Needa“, sagte Cina und ließ sich auf die Couch am Küchenkamin fallen. „Du hast mir sehr geholfen.“
„Die Herrin ist müde. Kann Needa ihr helfen?“Die Hauselfin betrachtete sie aufmerksam mit ihren großen grünen Augen.
„Ja, das wäre nett. Im Vorratskeller ist Apfelkuchen. Kannst du ein paar Stücke für uns holen, und einen Krug Kürbissaft und Quellwasser?
Cina warf einen Blick auf die Standuhr. „Um halb zwei, halb drei und halb vier brauche ich nochmal deine Hilfe für die nächsten Behandlungen. Ich werde hier wachen.“
Needa nickte.
Als Needa im Keller war, lehnte Cina sich weit aus dem geöffneten Küchenfenster. Die kühle Nachtluft tat ihr gut. Es roch nach Erde und nach Frühlingsregen. Sie rief sich in Erinnerung, wie Severus sie am Nachmittag angesehen hatte, wie er ihre Hand genommen hatte. Dann drängten sich ihr Bilder von seinen tiefen Verletzungen auf. Sie schauderte. Und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sich Severus` Wunden im Laufe der nächsten Behandlungen schlossen.
Dass Needa wiederkam, Severus die Hand auf die Stirn legte und Kürbissaft einschenkte, nahm Cina nicht wahr. Sie erschrak, als Needas Stimme hinter ihr erklang.
„Meine Herrin mag diesen Mann. Needa spürt das. Meine Herrin macht sich viele Gedanken um ihn. Needa kann ihrer Herrin sagen, er ist zwar schlimm verletzt, aber er wird durchkommen.“
„Ach, Needa, da fällt mir ein großer Stein vom Herzen, ein sehr großer.“ Cina strahlte. Sie vertraute auf die feine Wahrnehmung von Needa. Die Elfin war ihre Assistentin und ihr Lehrling beim Tränke brauen, beim Medizin herstellen und beim Heilen – und sie war Cinas Freundin.
Cina erzählte Needa vom Nachmittag auf Schloss Hogwarts. Obwohl sie wohlweislich einiges ausließ, wurden die Augen ihrer Hauselfin immer größer.
Die Sonnenstrahlen waren schon bis zur Hälfte des Hüttenbodens gewandert, als Cina am nächsten Tag aufwachte. Needa hatte sie nach der Dämmerung beim Wachen abgelöst. Jetzt hantierte die Elfin am Herd. Sie überwachte einige Messer beim Kartoffeln und Gemüse schneiden fürs Mittagessen und gab Rosenblüten in einen Kessel. Der Geruch von Jasmintee stieg Cina in die Nase, doch ihr erster Gedanke galt Severus.
Der schwebte nach wie vor knapp über der Couch und schlief wie ein Murmeltier, obwohl sie ihm nach der vierten Behandlung keinen Schlaftrunk mehr gegeben hatte. Cina hob die Wolldecke an, mit der Severus zugedeckt war. Der lilafarbene Verband hatte keine Blutflecke. Das war ein gutes Zeichen. Sie betrachtete sein Gesicht und atmete auf, als sie feststellte, dass etwas Farbe darin zurückgekehrt war.
„Halt durch, Severus“, flüsterte sie, „noch zwei Tage, dann bist du wieder gesund.“
„Möchte die Herrin einen Jasmintee?“, fragte Needa. Sie gab einer Eule, die eine Bestellung gebracht hatte, einen Eulenkeks.
„Ja, gern.“ Cina setzte sich mit einem Pergament und einer Feder an den Schreibtisch am Fenster. Dort stapelten sich Bestellungen.
„Au“ rief Needa plötzlich. Sie hielt sich ihr Ohrläppchen. „Diese Eule hat mich gebissen!“ Die Eule gab ein empörtes „uhuuu“ von sich; als Needa sie aus dem Fenster scheuchte.
„Lass mal sehen“, meinte Cina. „Ist nicht so schlimm. Nimm was von den Tropfen in der hellgrünen Flasche.“ Sie warf einen zweiten Blick auf Needas Ohr und fing an zu lachen.
„Das ist nicht witzig, Herrin!“ Needa schaute böse.
„Ach, Needa, ich lache dich nicht aus. Ich glaube, ich weiß, warum die Eule zugepickt hat. Schau dir doch mal im Spiegel deine Ohrringe an.“
„Das ist ganz normaler Rosenquarz, Herrin“, quiekte Needa ratlos.
„Ja, aber schau dir mal die Form an. Du und ich wissen, es ist eine Schlange – aber die Eule hat es bestimmt für einen Wurm gehalten.“
Needa lächelte. „Stimmt.“
„Da fällt mir ein, Needa, ich habe dich noch nie mit Ohrringen gesehen. Hast du sie neu?“, fragte Cina.
Eine weitere Eule, die durchs Fenster flatterte, enthob Needa einer Antwort. Sie nahm schnell den Ohrschmuck ab, bevor sie die Post vom Bein der Eule abknotete.
„Needa, ich möchte heute bei Severus wachen“, sagte Cina. „Kannst du heute die Kräuter und Tränke ins Dorf bringen? Und diese Pflanzen brauchen wir noch aus dem Wald.“ Sie schwenkte die Liste, an der sie geschrieben hatte. „Ganz dringend brauchen wir Schlüsselblumenwurzeln.“
„Needa geht gern“, sagte die Elfin. Sie nahm den riesigen Weidenkorb an, den Cina zu ihr schweben ließ. Daraus quollen verschieden große beschriftete Papiertüten. Auf der obersten stand in großen Letter: Thymiantee, 100 Gramm, darunter etwas kleiner: Schlüsselblumenwurzeln sind leider erst nächste Woche wieder lieferbar, mit freundlichen Grüßen, Cina Mc Laggen. In der linken unteren Ecke war die Adresse des Empfängers vermerkt: An Elsa Craine, Hogsmeader Straße 41.
Der Tag verstrich schnell, denn Cina hatte alle Hände voll zu tun, ihren Bestand an Kräutern, Tränken und Salben wieder aufzufüllen. Zaubertränke mussten angesetzt oder fertiggestellt und abgefüllt werden, Kräuter waren zu zerschneiden, zu wiegen und in dunkle Gläser oder Tüten zu füllen, sie musste Körbe voll Holunderblüten und Faulbeerbaumrinde in Öl einlegen, Etiketten beschriften und Holunderblütenlikör ansetzen. Cina wünschte sich den ganzen Tag über, Severus möge endlich aufwachen.
Als die Abenddämmerung einsetzte, war fast alles erledigt, die Katze war gefüttert, drei große Kessel wurden wie von Zauberhand durch Spülbürsten gereinigt, Heu und tote Wiesel lagen für Star auf der Terrasse – doch Severus schlief immer noch. Ihre Katze Mons strich Cina nach dem Abendbrot um die Beine, als sie Severus wie schon unzählige Male zuvor an diesem Tagein neues kühles Tuch auf die Stirn legte und die verrutschte Wolldecke wieder über ihn zog. Cina kraulte Mons gedankenverloren am Hals. Langsam fing sie an, sich ernsthaft Sorgen um Severus zu machen.
Nachdem sie längere Zeit unruhig kreuz und quer durch die Küche gelaufen war, holte Cina etwas Flohpulver. Dann kniete sich vor den leeren Kamin in ihrem Schlafzimmer. Während sie langsam und deutlich „Hogsmead, Eisengasse 3“ sagte, streute sie das Pulver in den Kamin. Sofort schlugen dort saphirgrüne Flammen empor.
Alles drehte sich um Cina, als sie ihren Kopf in die grünen Flammen hielt. Sekunden später befand sich ihr Kopf im Wohnzimmerkamin ihrer besten Freundin.
„Ataira, bist du da?“, rief sie.
Cina hatte Glück. Ataira eilte ins Wohnzimmer, ein Küchenmesser und eine Wurzel in der Hand. Ihre kurzen braunen Haare waren verstrubbelt, ihr Gesicht war gerötet. Sie ließ sich auf dem bunten Teppich vor dem Kamin nieder. „War gerade dabei, einen Trank zu brauen. Was gibt es, Cina?“
„Ich brauche dringend deinen Rat, Ataira“, sagte Cina ohne Umschweife.
Zwei dunkelbraune Augen blickten sie neugierig an. „Schieß los, ich bin ganz Ohr“, murmelte Ataira. Sie legte die Wurzel und das Messer beiseite.
„Als du jemanden mit nicht heilenden Wunden behandelt hast, ist es da vorgekommen, dass jemand nicht mehr aufgewacht ist?“
Ataira krauste ihre Stirn beim Nachdenken. „Welche Art der nicht heilenden Wunden war es?“
„Die Dritte, mit den stark gezackten Rändern.“
„Bei Merlins Unterhose! Die heilen am schlechtesten. Ja, jetzt erinnere ich mich. Es ist schon über ein Jahr her. Bei mir war ein früherer Auror, der von einem Todesser mit einem Schwert angegriffen wurde. Das Schwert war mit einem starken Fluch belegt.“
Cina horchte auf. „Und, weiter?“, drängte sie.
„Was soll ich sagen? Der Kerl hat nach der Behandlung geschlagene zwei Tage geschlafen! Kannst du dir vorstellen, was ich an Ängsten ausgestanden habe, als er nicht aufwachte!“
„Was hast du gemacht?“, wollte Cina wissen.
„Als der Kerl schon 16 oder 17 Stunden schlief, nutzte ich das Springpulver, um eine andere Heilerin zu fragen, die früher mal im St. Mungo Hospital arbeitete. Ich hatte echt Panik. Sie hat mich beruhigt und gesagt, dass jemand ein oder zwei Tage nach dieser Behandlung schläft, ist normal. Nur weiß das kaum jemand, da es ein relativ seltener Fluch ist. – So, ich hoffe, du bist jetzt auch beruhigt, Cina.“
„Du bist ein Schatz, Ataira“, sagte Cina. Ihr Kopf im Kamin schaute zur Seite.“Da ist jemand an der Tür. Wir sehen uns!“
Was Cina für ein Klopfen an der Tür gehalten hatte, war Needa. Sie war über einige Kartons am Türeingang gestolpert. Severus bewegte sich im Schlaf. Dabei murmelte er etwas, das wie „Wassermenschen“ klang.
„Herrin, in Hogwarts macht man sich große Sorgen um den Schulleiter. Sie wollten Hagrid schicken ...“, sprudelte Needa heraus.
Cina schaute verwundert. „Woher weißt du das?“
„Needa war gerade in Schloss Hogwarts“, lispelte sie. Dabei strich sie eine hellblaue Salbe auf ihr mageres Schienbein.
„Moment... Needa, wie bist du ins Schloss gekommen? Du hattest doch Unmengen an Lieferungen, auch im weiteren Umland,- ganz zu schweigen davon, wie lange es dauert, im Wald alles von der Liste zu sammeln. Und in Hogwarts kommt ab sechs Uhr Abends keiner mehr rein...Es gibt Schutzzauber, die nur die Lehrer aufheben können, und einen Apparierschutz“, überlegte Cina.
„Kein Mensch kommt nach sechs in das Schloss, Herrin, doch wir Hauselfen schon.“ Needa wirkte belustigt. “Wir Hauselfen haben unsere eigene Magie. Der Apparierschutz hindert nur Menschen, ins Schloss hinein oder heraus zu apparieren!“
„Das ist ja erstaunlich“, meinte Cina. „Darf ich erfahren, was du so spät noch in Hogwarts gemacht hast?“
„Viele Hauselfen, die Needa aus den Häusern ihrer Herren kannte, sind nach der Hauselfenbefreiung nach Hogwarts gegangen. Needa hat alte Freunde in der Küche besucht und...na ja...also“, druckste sie herum.
„Needa, lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.“
„Needa hat Rudy besucht!“ Die Elfin strahlte von einem Ohr zum anderen.
„Wer ist Rudy?“
„Er ist ... mutig. Und er hat wunderschöne blaue Augen“, geriet Needa ins Schwärmen. „Und er hat Needa die Schlangenohrringe und heute diesen Armreif geschenkt. Die Herrin muss ihn sich ansehen!“Sie zeigte Cina ein Kupferarmband mit einem filigranen Blättermuster, das sie am linken Handgelenk trug.“
Cina bewunderte die feinen Gravuren.
„Das sind Waldelfenmuster, Herrin.“
Cina musste sich eingestehen, dass es sehr vieles gab, was sie über Hauselfen nicht wusste. Needa überraschte sie immer wieder.
Es war so, wie Ataira es gesagt hatte. Severus begann sich am Abend des zweiten Tages nach der Behandlung zu regen. Er drehte sich unruhig hin und her.
Cina, die zusammen mit Needa frische Flieder- und Weigelienzweige zum Trocknen aufhängte, schielte ungeduldig alle paar Minuten zu Severus hinüber.
„Meine Herrin wird schon merken, wenn er aufwacht“, meinte Needa belustigt.
„Wo bin ich“, flüsterte Severus heiser. „Cina?“
Cina ließ die Zweige fallen, die sie gerade hielt und stürzte zu Severus hinüber. „In meiner Hütte. Du hast zwei Tage lang geschlafen. Warte, ich hole dich runter.- Und, Severus, du musst dich noch sehr vorsichtig und langsam bewegen, hörst du?“ Cina brachte Severus vorsichtig in die Senkrechte, bevor sie den Schwebezauber aufhob.
Severus schwankte ein wenig. Cina griff seine Hände und lächelte ihn an. „Hast du noch Schmerzen?“, flüsterte sie.
„Ja, aber das ist nichts im Vergleich zu vorher. Jetzt, wo ich dich wiedersehe, geht es mir gleich viel besser.“ Severus brachte ein gequältes Lächeln zustande.
Cina begleitete ihn zu einem Stuhl am Esstisch hinüber, wo er sich ganz langsam setzte. Sie nahm neben ihm Platz, um Tropfen in ein Glas mit Quellwasser zu geben.
Vorsichtig schaute Severus an sich hinunter. „Elegante Farbe“, sagte er mit matter Stimme, als er den lilafarbenen Verband musterte.
Und das Beste ist, ohne rote Flecken“, meinte Cina. „Severus, du bist sicher hungrig und durstig. Ich hole dir etwas. Du musst wieder zu Kräften kommen.“
„Warte.“ Severus griff Cinas Hand. In seinen schwarzen Augen glitzerte es. “Ohne dich wäre ich nicht mehr am Leben, Cina... Du hast es tatsächlich geschafft, meine wunderbare und kluge Heilerin.“ Er beugte sich vorsichtig zu Cina herab und küsste sie auf die Stirn.
Cina errötete. „Severus, du weißt noch, was du versprochen hast, oder?“
„Oh, ich vergaß, ich sollte dich nicht drängen. Nimm diesen Kuss als...ein Zeichen meiner Dankbarkeit.“
„So, so“, sagte Cina, „so nennt man das also jetzt.“
Hinter den beiden schepperte es und sie fuhren erschrocken auseinander. Needa war beim Betreten der Küche wieder über einen der Kartons gestolpert und hatte einen Blumentopf fallen lassen.
„Mared squaress!“Sie stieß einige weitere heftige Verwünschungen auf elfisch aus, denn es war nicht irgendein Topf, der zu Bruch gegangen war. Etwas, das aussah wie ein kleines, blassgrünes, äußerst hässliches Baby mit einer büscheligen grünen Pflanze auf dem Kopf wurde mitsamt der Erde aus dem Topf geschleudert, in den Needa es erst kurz zuvor gepflanzt hatte. Nach einer Schrecksekunde passierten zwei Dinge gleichzeitig. Needa schrie „Ohren zuhalten“ und der Alraunensetzling gab ein hohes und markerschütterndes Kreischen von sich.
Needa packte die kleine Alraune, die sich heftig wehrte und strampelte, mit ihren behandschuhten Händen und verschwandt mit einem Knall.
Cina nahm als erste die Hände von den Ohren. „Langsam die Hände runternehmen, Severus!“, schrie sie. „Und nicht stark lachen, muss ich dir als Heilerin leider sagen“, setzte sie hinzu. Dann prustete sie explosionsartig los, während das Lachen von Severus eher wie ein verhaltenes Schnaufen klang.
„Eine beeindruckende Vorstellung. Jetzt bin ich richtig wach“, meinte Severus.
Mit einem Knall erschien Needa genau vor den beiden, ihre Schürze und ihre Handschuhe voller Erde.
„Oh, oh, Needa ist untröstlich, Herrin. Sie wollte die „Wachs fix“-Tropfen für die jungen Alraunen holen“, quiekte sie. „Hätten sie die Schreie der Alraune gehört, wären die Herrin und unser Gast für lange Zeit in Ohnmacht gefallen!“
„Needa, es ist ja nichts passiert“, beruhigte Cina sie. „Wir müssen endlich diese Kisten da auspacken und wegschaffen, bevor wieder ein Unglück geschieht. – Ach, ich habe euch noch nicht vorgestellt. Severus, Needa.“
„Angenehm“, lispelte Needa. „Es freut mich, dass der große Severus Snape zu Gast im Haus meiner Herrin ist.“ Sie klopfte sich Erde von der Schürze.
„Danke für deine Hilfe bei meiner Heilung, Needa“ sagte Severus. An Cina gewandt, setzte er hinzu „Was hast du ihr alles über mich erzählt?“ Er sah sie belustigt an.
„Das wird nicht verraten“, meinte Cina. „Severus, ich würde dir gern Gesellschaft leisten, aber ich muss dringend raus zu Star. Needa sah heute Nachmittag, dass sie lahmte, und sie lässt niemanden außer mir an ihre Hufe heran. Needa kann dir etwas zu essen geben und dir das Bad zeigen, wenn du dich frischmachen möchtest.“
„Needa macht das schon!“, rief die Hauselfin. Sie hatte Töpfe auf den Herd gestellt und beaufsichtigte einige Löffel, die darin rührten.
„Du kannst dann raus auf die Terrasse kommen“, rief Cina von der Tür her.
Severus sah ihr nach.
„Meine Herrin hat zwei Tage an der Seite des Schulleiters gewacht“, quiekte Needa, während sie Hühnersuppe servierte und Haferbrei auf einen Teller klatschte.
„Oh ja, deine Herrin ist eine außergewöhnliche Frau“, meinte Severus. „Und wie sie sagte, hast du ebenfalls Begabungen im heilerischen Bereich.“
Needa starrte Severus mit offenem Mund an. Nur sehr wenige Zauberer hatten sie bislang freundlich behandelt, abgesehen von denen aus dem Widerstand.
„Danke“, hauchte sie.
Etwas später trat Severus hinaus in die milde Mainacht. Er fühlte sich wieder müde, doch er wollte Cina sehen. Es roch nach frisch gemähtem Gras und an der Haustür verströmte ein weißer Fliederbusch einen bittersüßen Duft. Er atmete tief ein. All dies hatte er lange nicht bewusst wahrgenommen. Es war ihm, als ob sein Wiedersehen mit Cina sein bisheriges Leben völlig auf den Kopf gestellt hatte.
Er entdeckte Cina am Schuppen, hinter einer Blumenrabatte. Sie war dabei, ihrem Thestral im trüben Licht einer Öllaterne einen Stein aus dem Huf zu kratzen. Der Thestral stand ganz ruhig, ruckte jedoch nervös mit seinem drachenartigen Kopf, als er Severus` Schritte auf dem Gartenweg hörte. Cina stand so tief hinunter gebeugt, dass ihr Gesicht von ihrer rotbraunen Haarmähne verdeckt wurde.
„Nicht näherkommen, Severus“, sagte sie warnend, ohne aufzublicken. „Star wird schnell nervös bei Fremden. Ich hab` es gleich.“
Cina richtete sich wieder auf und warf etwas in den Holunderbusch neben sich.
„So, das war der Übeltäter, meine Liebe. Jetzt kannst du wieder laufen.“ Sie tätschelte den Hals der Stute. Dann gab sie ihr ein totes Wiesel vom Gerüst am Schuppen, bevor sie zu Severus eilte.
„Ich freue mich so, dass es dir besser geht“, sagte Cina heiser. “Wir sollten darauf anstoßen, dass du wieder unter den Lebenden weilst, so lange du noch wach bist. Du wirst in den nächsten Tagen noch sehr viel schlafen. Das ist die Nachwirkung dieser Behandlung.“
Sie nahm seine Hand. „Komm mit auf die Terrasse, Needa hat etwas vorbereitet.“
„Das ist...zauberhaft“, murmelte Severus.
Quellwasser funkelte im Mondlicht in Kristallgläsern. Needa hatte Kissen und Decken auf eine Bank gelegt; einige Kerzen in Windlichtern flackerten in der Abendbrise, neben einem riesigen Strauß weißem Flieder. Cina gab Severus ein Glas Quellwasser und breitete eine Decke über ihn und sich.
Sie erhob das Glas. „Auf deine Heilung, Severus.“
„Auf meine kluge und hübsche Heilerin“, entgegnete Severus schleppend.
„Weißt du, eigentlich sollte man in so einer Situation mit Sekt oder Elfenwein anstoßen, aber leider verträgt sich Alkohol nicht mit dieser Behandlung“, sagte Cina.
Sie schwiegen, tranken Quellwasser und schauten auf den See hinter dem Schuppen, in dem sich eine schmale Mondsichel spiegelte.
„Severus, erinnerst du dich, dass du nach unserer Ankunft in meiner Küche ohnmächtig geworden bist?“ fragte Cina.
„Tatsächlich?“, murmelte er. „Nicht so richtig.“
„Severus, versprich mir bitte eins.“ Cina blickte ihn ernst an.
„Alles“, sagte Severus sanft.
„Versprich mir, dass du sofort einen Heiler rufst, wenn du nächstes Mal mit einer solchen magischen Waffe verletzt wirst.“
„Versprochen.“
„Weißt du, das Gefährliche an Flüchen der nicht schließenden Wunden ist, dass man jedes Mal beim Verband wechseln viel Blut verliert, so lange man sich nicht magisch behandelt. Du musst eine eiserne Konstitution haben, dass du das einen Tag ausgehalten hast.“
Cina lehnte ganz vorsichtig ihren Kopf an Severus Schulter. „Ein Gutes hat es, dass du dich noch nicht so bewegen kannst. Du wirst in diesem Zustand kaum zudringlich werden können.“ Cina sah zu ihm hoch und kicherte.
„Aber Cina, hältst du mich für einen Wüstling?“, murmelte Severus. Er klang amüsiert.
„Ich weiß nicht so recht. Ich denke da gerade an das Fesselkunststück in deinem Büro“, meinte Cina.
Severus seufzte. „Cina, ich werde dir so viel Zeit lassen, wie du möchtest.“Er klang müde.
Eine Zeitlang schauten sie schweigend auf den See hinaus.
„Severus?“ fragte Cina. Es kam keine Antwort.
Als sie sich aufsetzte, sah sie, warum. Severus` Kopf war an seine Brust gesunken, seine Augen waren geschlossen. Cina strich ihm über den Arm und er schreckte hoch.
„Hey, nicht einschlafen, du Murmeltier. Du musst erst deine Medizin nehmen.“ Cina füllte sein Glas erneut, dann gab sie Schlaf- und Schmerzmittel für die zweite Behandlungsreihe hinein.
Kurze Zeit später war er, an Cina gelehnt, eingeschlafen.
Lange bevor das entnervende „vorbei ei ei ei“ ihres Küchenweckers Cina für die letzte der vier Behandlungen weckte, schreckte sie aus dem Schlaf hoch. Ihr Herz raste. Sie hatte das deutliche Gefühl, dass jemand in ihrer Wohnung war. Sie setzte sich ruckartig im Bett auf und lauschte angestrengt. Ein lautes Poltern kam aus der Küche. Sie griff ihren Zauberstab vom Nachttisch, warf einen Blick auf Severus, der tief schlafend neben ihrem Bett schwebte, ging leise zur Küchentür und spähte durch den Türspalt in die Küche, die nur vom Herdfeuer unter den Kesseln erhellt wurde.
Erinnerungen daran, wie sie nachts von Todessern angegriffen wurde, stiegen in ihr hoch. „Beruhige dich“, sagte sie zu sich selbst. „Es liegen mehrere Schutzzauber und ein Alarmzauber über der Hütte. Höchstens ein kleines Tier käme in die Hütte, ohne einen Alarm auszulösen.“
Sie fasste sich ein Herz und trat durch die Tür. „Lumos maximus!“, rief sie. Sofort erleuchtete ein strahlend helles blaues Licht an der Spitze ihres Zauberstabs die Küche. Vom Küchentisch her leuchteten ihr zwei riesig scheinende, gelbe Augen entgegen.
Sie keuchte vor Schreck. Dann erkannte sie, was dort war und lachte schnaubend auf. Eine kleine Eule saß neben einer umgestoßenen Vase auf dem Küchentisch und hielt ihr den Fuß mit einer Nachricht daran entgegen. Cina nahm der Posteule das Pergament ab. Dann gab sie ihr einen Eulenkeks, entzündete eine Öllampe und las.
Sehr geehrte Cina Mc Laggen,
geben Sie uns bitte bald Nachricht über den gesundheitlichen Zustand von Schulleiter Severus Snape. Wir alle auf Hogwarts hoffen, dass es ihm bald besser geht. Teilen Sie uns bitte auch mit, wie lange der Schulleiter noch bei Ihnen verbleibt. Viele Grüße und Genesungswünsche an ihn vom gesamten Kollegium. Vielen Dank für Ihre Bemühungen.
Mit freundlichen Grüßen
Minerva Mc Gonagall, stellvertretende Schulleiterin
Es schien so, als hätte die Eule die Anweisung bekommen, nicht ohne Antwort zurückzukehren, denn selbst nach dem dritten Eulenkeks blieb sie noch auf dem Tisch sitzen. Sie uhute und starrte Cina aus ihren großen gelben Eulenaugen an. Cina seufzte, holte ein Pergament und setzte die Antwort auf.
Sehr geehrte Minerva Mc Gonagall
Ihr Schulleiter spricht gut auf die Behandlung an. Da er viel Blut verloren hatte, sollte er sich noch längere Zeit schonen. Ich empfehle, dass er mindestens noch eine Woche bei Needa und mir bleibt. Er gibt ihnen Nachricht, wenn er morgen nach der zweiten Heilbehandlung aufwacht.
Mit vielen Grüßen
Cina Mc Laggen
Cina freute sich darauf, noch eine ganze Woche mit Severus zu verbringen. Vielleicht hätten vier Tage auch für die Genesung gereicht, dachte sie bei sich. Doch dies war eine zu gute Gelegenheit, mit Severus zusammen zu sein, als dass sie sie nicht beim Schopf packen wollte. Sie hoffte, er würde darüber nicht böse sein.
Cina befestigte das Pergament am Fuß der Eule, die mit lautem Geklacker durch das runde Eulenfenster unter dem Dachgiebel flog.
Eine vertraute Stimme auf der Terrasse weckte ihre Aufmerksamkeit. Sie warf einen Blick durch das kleine Fenster neben der Haustür. Tatsächlich, dort saß auf den Terrassenstufen Needa, Hand in Hand mit Rudy, dem Hauselfen aus Hogwarts. Sie flüsterten miteinander. Needa gab Rudy einen Kuss auf die Wange.
Während sie Verbände für die letzte Heilbehandlung diese Nacht mit lilablauem Elixier tränkte, fragte Cina sich, ob Needa bei ihr bleiben würde, jetzt, wo sie sichtlich in Rudy verliebt war.
Im Laufe des Wochenendes wachte Severus jedes Mal früher auf und blieb etwas länger wach. Er half Cina und Needa, Kräuter abzupacken. Cina und er unterhielten sich über die eine Woche, die Severus noch bleiben sollte – natürlich wollte er noch bleiben -, ihre Schulzeit in Hogwarts, über alte Freunde und was aus ihnen geworden war und über Mixturen und Zaubertränke. Severus hielt sein Versprechen .Er scherzte mit Cina, sah sie liebevoll an, doch er berührte sie nicht. Langsam fing Cina an zu glauben, dass Severus sich verändert hatte. Sie genoss es, bei ihm zu sein. Und erstaunt stellte sie fest, dass sie in den letzten Tagen kaum an Patrick gedacht hatte.
Am Sonntagabend testete Cina einige veränderte Aqua Alter-Elixiere mit ungenießbarem Wasser aus einem veralgten See am Küchentisch, während Severus lesend auf der Couch saß. Cina spürte seine Blicke, die auf ihr ruhten. Sie füllte an einem kleinen Tisch fünf Gläser mit dem trüben Wasser und gab einen, zwei, drei, vier oder fünf Tropfen des ersten blauen Elixiers hinein – und testete es mit einem rosafarbenen Elixier auf seine Trinkbarkeit hin. Danach notierte sie die Ergebnisse in ein zerfleddertes Heft.
„Ich wäre ein schlechter Tränkemeister, würde mich nicht interessieren, was du da gerade tust“, sagte Severus über seine Zeitung hinweg. „Erzählst du es mir?“
„Ich hatte schon vor Jahren zusammen mit Patrick den Aqua Alter Trank entwickelt, der Salzwasser in Süßwasser verwandelt“, sagte Cina, während sie weitere fünf Gläser mit dem trüben Wasser füllte und Tropfen aus der zweiten Flasche hinzufügte. „Das war später, als wir uns an der Küste verstecken mussten, überlebenswichtig, da die Todesser einen weiträumigen Anti-Aguamenti-Zauber dort verhängt hatten, um uns von dort zu vertreiben.“
„Der Widerstand hat dir sehr viel zu verdanken, Cina“, sagte Severus leise. Plötzlich stand er neben ihr, öffnete eine ihrer Flaschen mit einem blauen Elixier und roch daran. „Das ist aber kein original Aqua Alter“, stellte er fest.
„Gut erkannt“, sagte Cina, den Blick auf das rosafarbene Elixier gerichtet, das sie zur zweiten Testreihe hinzufügte. Sie versuchte, zu ignorieren, dass Severus so nah neben ihr stand. „Ich habe mir gedacht, wäre es nicht phantastisch, wenn man nicht nur Salzwasser in Süßwasser verwandeln könnte, sondern auch verdrecktes ungenießbares Wasser in trinkbares... Also begann ich, den Aqua Alter Trank abzuwandeln. In dem, den du da hast, ist zum Beispiel Nieswurz und Salbei beigegeben.“
Sie sah auf, direkt in die schwarzen Augen von Severus – und verschüttete etwas von ihrer rosa Testflüssigkeit.
„Kann es sein, dass ich dich nervös mache?“, fragte Severus lächelnd.
„Ja. Nichts für ungut, aber ich glaube, du solltest weiter lesen, bis ich diese Testreihe hier fertig habe.“ Cina legte ihm kurz die Hand auf den Arm, bevor sie nach dem trüben Wasser griff.
Als Severus wieder zu ihr kam, hatte sie gerade die Testreihe mit den fünf Gläsern des vierten und letzten Elixiers beendet und trank etwas sauberes Süßwasser mit einem Reinigungselixier.
„Na, was sagt meine Zaubertrankmeisterin?“, fragte er.
„Zwei schmeckten absolut ekelhaft. Der dritte war völlig ungenießbar.“ Cina seufzte. „Aber hier, fünf Tropfen von diesem letzten Trank, in dem Strandhafer und Queller beigegeben sind, - das Wasser ist völlig klar“, sagte sie begeistert. „Es schmeckt zwar noch brackig...Probier mal.“
„Muss ich?“
Cina sah ihn aus großen Augen an. „Bitte, ich möchte dein Urteil, Severus.“
„Wenn du mir eins versprichst, Cina“, sagte Severus leise.
„Und das wäre?“
Severus sah sie liebevoll an. „Dass du in den nächsten zwei Tagen keine Experimente mehr machst, mit denen du dich oder mich vergiften könntest.“
„Versprochen.“ Cina lächelte ihn an. „Probierst du es jetzt? Und riech mal hier an der Flasche zum Vergleich.“Sie reichte ihm eine Flasche mit einem Rest grünlich-braunen Wassers.
„Was ich für meine Heilerin nicht alles tue“, meinte Severus und tat wie geheißen. Gleich darauf verzog er das Gesicht.
„Spuck es schnell in diese Schüssel und nimm etwas Wasser mit Reinigungstrank“, sagte Cina.
„Ja, du hast recht. Es schmeckt nur noch ein bisschen brackig.- Cina, wenn du magst, helfe ich dir beim Experimentieren mit dem Aqua Alter Trank, schlug Severus vor. „Ich habe ewig keinen neuen Trank mehr entwickelt.“
„Gern“, meinte Cina.
Kapitel 5
Severus erwachte am Nachmittag. Zum ersten Mal fand er sich nicht schwebend, sondern auf der Küchencouch liegend vor. Ein Blick auf den Küchenkalender zeigte ihm, dass er noch 5 Tage mit Cina hatte. In drei Kesseln blubberten Zaubertränke und erfüllten den Raum mit einem bittersüßen und mandelartigen Geruch.
Nachdem Severus sich vorsichtig aufgesetzt hatte, hob er den lilablauen Verband an der Brust an einer Stelle etwas an. So weit er es erkennen konnte, waren nur lange Narben zurückgeblieben. Er atmete erleichtert auf. Bis auf einen leichten Schwindel und ein Gefühl der Mattigkeit ging es ihm wieder gut.
Auf dem Küchentisch stand neben weißen Rosen, orangefarbenen Nelken und einem Teller mit Lachs und Bratkartoffeln ein gigantischer gelb-orange-rosa-farbener Blumenstrauß. Darunter lag ein Pergament. Er las:
Den Strauß hat Hagrid abgegeben, als du noch schliefst. Viele Grüße vom Kollegium in Hogwarts soll ich ausrichten. Professor Mc Gonagall begrüßt es, dass du dich noch fünf Tage hier ausruhst. Sie übernimmt gerne deine Vertretung.
Cina
P.S. Ich freue mich auch, dass du noch fünf Tage bleibst.
Die Nachmittagssonne blendete Severus, als er aus der Hütte trat. Sein Blick schweifte über den weitläufigen Garten, der sich bis zum Seeufer erstreckte. Cina pflückte vor einer über mannshohen Buchsbaumhecke Nieswurz und Petersilie, so weit er das aus der Ferne erkennen konnte. Star graste weiter weg auf einer kleinen Wiese mit Haselsträuchern.
Cina hatte ihn noch nicht gesehen. Severus ging leise um die Hütte herum, bis er die andere Seite der hohen Buchsbaumhecke erreichte, die bis an das Gebäude grenzte. Nur in der Mitte der Hecke gab es einen Durchgang. Nebenan hörte er Cinas Schere schnappen.
Vorsichtig warf er einen Blick durch den Heckendurchgang. Der Moment war günstig, denn Cina drehte ihm den Rücken zu. Schnell trat Severus auf den Gartenweg hinter sie und räusperte sich laut.
Cina fuhr hoch wie von der Tarantel gestochen, den Zauberstab gezogen.
„Severus! Musst du mich so erschrecken, du...“ Sie seufzte.
„Ich konnte nicht widerstehen“, sagte Severus. Er tippte auf ihren Zauberstab. „Du hast gute Reflexe. Aber den brauchst du bei mir nicht.“
„Na ja“, grummelte Cina. Ihrem Gesichtsausdruck nach konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie lachen oder zornig sein sollte. „Weißt du, das Ganze wäre witzig, ein Streich, wie wir ihn uns in Hogwarts spielten – wenn ich mich nicht noch immer bei jedem unerwarteten Geräusch zu Tode erschrecken würde. Ich war monatelang sozusagen in ständiger Alarmbereitschaft, nachdem uns eines Nachts zum ersten Mal die Todesser überfielen.“
„Eines Tages wirst du dich nicht mehr erschrecken. Es tut mir leid.“ Severus legte Cina kurz seine Hand auf die Schulter.
„Du kannst mir helfen, den Nieswurz und die Petersilie zu kleinen Sträußen zu binden“, wechselte Cina das Thema. „Wenn das fertig ist, habe ich Zeit, bis ich Tränke abfüllen muss. Wir könnten zum See gehen, wenn du dich kräftiger als gestern fühlst.“
Severus band am Tisch an der Veranda Kräutersträuße, während Cina an einem Wassergraben am nördlichen Gartenende Beinwellwurzeln ausgrub. Ab und zu schaute sie dabei hinter sich. Als sie bemerkte, dass Severus sie beim Umschauen beobachtete, schnitt sie ihm eine Grimasse.
„Zeigst du mir, wie man das Zutrauen eines Thestrals gewinnt, Cina?“, fragte Severus, als sie gemeinsam die letzten Sträuße banden. „Ich weiß nur wenig über Thestrale. Doch Star gefällt mir. Du sagst, sie mag keine Fremden?“
„Das bezog sich auf Leute, die sie das erste oder zweite Mal sieht. Sie mag nicht, wenn die ihr zu nahe kommen.“
„Das erinnert mich an eine hübsche Heilerin“, sagte Severus.
„Severus, du bist unmöglich“, meinte Cina entrüstet.
„Wobei du natürlich viel hübscher bist als dein Thestral“, setzte er hinzu.
Cina blitzte ihn an. „Willst du jetzt was über Thestrale wissen oder nicht?“
„ Gern.“
„Nun ja, wenn du weißt, wie, kannst du das Zutrauen fast jedes Thestrals gewinnen. Allerdings gibt es in Hagrids Herde zwei besonders wilde Hengste, von denen würde ich die Finger lassen.“ Cina stockte, weil sie bemerkte, dass Severus sie unverwandt anblickte. Ihr wurde warm.
„Für Star bist du jetzt nicht mehr fremd. Thestrale haben einen unglaublich feinen Geruchssinn“, fuhr Cina fort. „ Sie hatte schon ein paar Tage deine Witterung in der Nase und kennt sie. Wir können es also versuchen, wenn du möchtest. Zuerst solltest du sie füttern.“
„Es ist genehm.“ Severus gähnte.
Cina sah ihn skeptisch an. „Warum habe ich nur das Gefühl, du führst irgendwas im Schilde mit dieser Thestral-Sache?“
„Keine Ahnung“, sagte Severus mit einer Unschuldsmiene.
Sie gingen zum Schuppen. Gemeinsam brachten sie Heu aus dem Vorratsraum in Stars Box. Dann rief Cina Star.
„Wie bist du zu Star gekommen?“, fragte Severus, während sie in der dämmerigen Stallgasse warteten.
„Ein Thestral sucht sich seinen Herrn oder seine Herrin aus. Star kam eines Tages im verbotenen Wald zu mir und folgte mir wie ein Hund. Ich war erst ziemlich irritiert darüber. Hagrid erklärte mir die Sache und schenkte mir Star, weil ich seine Moc-Würmer gerettet habe“, erzählte Cina. Meist bleibt sie bei mir, doch wenn wir in der Nähe des verbotenen Walds sind, wie jetzt wieder, fliegt sie manchmal tagelang dorthin.“
„Da ist sie“, sagte Severus, denn Star hatte das Heu gewittert und kam auf sie zu. „Wo soll ich mich hinstellen?“
„Bleib erstmal direkt neben ihrer Box.“ Cina stellte sich neben Severus.
Star kam, schnupperte einmal an Cina, dann etwas länger an Severus, lief an ihnen vorbei und begann, in der Box Heu zu fressen.
„Sie scheint dich zu mögen“, sagte Cina. „Sonst wäre sie rausgelaufen.“
Cina holte ein totes Wiesel. „Und jetzt versuch mal, ob sie das Wiesel von dir nimmt. Du musst es auf der flachen Hand halten.“
„Ich glaub es nicht“, sagte Cina, als Star tatsächlich beim ersten Anlauf das Wiesel aus Severus` Hand nahm. „Das macht sie nicht bei jedem sofort.“
„Könnte ich auf ihr fliegen, nachdem ich mich dermaßen mit ihr vertraut gemacht habe?“, fragte Severus.
„Eins fehlt noch, bevor du zum ersten Mal mit ihr fliegen kannst. Hagrid hat es mir gezeigt. Die Begrüßung.“
Severus sah sie fragend an. Hätte Cina Legilimentik beherrscht, wäre ihr sofort klar gewesen, dass Severus wusste, was die Begrüßung war – und dass er genau darauf spekulierte, dass Cina ihm dabei half.
„Ich zeige es dir“. Cina ging langsam von der Seite auf Star zu, die den Kopf hob und die Ohren spitzte. Dann legte sie sanft ihre Hand auf Stars Hals und kraulte sie unter der dichten Mähne.
„Siehst du, ganz einfach.“
„Meinst du“, entgegnete Severus. Er stand immer noch in der Boxentür.
„Du darfst nur nicht von vorn auf sie zu gehen, dann fühlt sie sich bedroht. Sobald sie die Ohren anlegt, ziehst du dich langsam zurück. Dann hat sie sich erschreckt, vielleicht, weil du dich zu schnell genähert hast.“
„Du bist eine gute Lehrerin, Cina“, sagte Severus.
Cina spürte, wie sie errötete. „Meinst du? Warte es ab, noch hast du Star nicht begrüßt.“
Sie lächelte Severus aufmunternd zu. „Weißt du was, wir machen deine erste Begrüßung zusammen. „Komm hinter mir in die Box.“
Severus tat wie geheißen.
„So, jetzt komm rechts neben mich“, sagte Cina, als sie nur noch eine Armlänge von Star entfernt waren. Star hob den Kopf und schnupperte neugierig.
„Braves Mädchen“, sagte Cina. Sie tätschelte Stars Hals mit der Linken.
„Jetzt du“, sagte sie, halb zu Severus gewandt, „Gib mir deine Hand.“
Cina spürte ein Kribbeln, als sie Severus` Hand mit ihrer Rechten fasste und vorsichtig auf Stars glänzenden schwarzen Hals legte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie nah Severus ihr war. Sie spürte seine Wärme. „Jetzt kannst du sie unter der Mähne kraulen. Achte dabei auf ihre Ohren.“
Dann ließ Cina Severus Hand langsam los. Dabei trafen sich ihre Blicke und Cina lächelte Severus an.
„Jetzt könntest du auf ihr fliegen. Aber als deine Heilerin rate ich dir für die nächsten drei oder vier Tage noch von einem Flug ab.“
„Ich danke dir, Cina“, sagte Severus. Noch einmal streckte er vorsichtig seine Hand aus, um Stars` Hals zu kraulen.
„Du hast jetzt nicht mehr so viel Angst vor mir, oder? Sonst wärst du nicht allein mit mir in diesen dunklen Stall gegangen“, sagte Severus leise.
„Wer sagt, dass ich jemals Angst vor dir hatte, Severus Snape?“ Cina zog eine Augenbraue hoch und trat einen Schritt zurück. „Dein Verhalten im Schloss hat mich ...beunruhigt, kann man sagen. Aber seitdem hast du dich ja vernünftig benommen.“
„Möchtest du, dass das noch so bleibt, dass ich mich vernünftig benehme?“
Cina senkte verlegen den Blick. Man hörte nur Star, die beim Fressen mit ihren großen, fledermausartigen Flügeln raschelte.
„Tut mir leid. Ich glaube, das war die falsche Frage.“ Severus wirkte betreten. „Ich habe dich sehr gern, Cina. Aber ich verstehe auch, dass du sagtest, du brauchst etwas Zeit. Ich werde dir diese Frage nicht mehr stellen.“
„Warte.“ Cina holte noch ein totes Wiesel vom Gerüst vor dem Schuppen und verfütterte es an Star. Severus konnte ihr ansehen, dass sie nachdachte.
Schließlich sagte Cina „In den letzten fünf Tagen hast du weder meine Gedanken gelesen, noch hast du mich gefesselt. Es besteht also Aussicht auf Besserung.“
„So, so“ brummte Severus.
„Ich hab`s“, murmelte Cina. „Wir gehen auf die Terrasse, trinken ein Glas Kürbissaft und setzen unser Gespräch da fort, wo wir in Hogwarts aufgehört haben.“ Sie warf einen Blick auf ihre Taschenuhr. „Allerdings erst, nachdem ich mit Needa zusammen drei Kessel Tränke abgefüllt und beschriftet habe.“
Nach dem Abendbrot half Severus Cina, einige Kissen und Decken für die Terrassenbank herauszutragen. Needa hatte bereits Windlichter mit lilafarbenen Kerzen, Flieder von eben solcher Farbe und einen Krug und Gläser mit Kürbissaft auf einen kleinen Tisch vor der Bank gestellt. Der See spiegelte die tiefstehende Abendsonne.
Severus roch an dem Flieder, bevor er sich vorsichtig auf der Bank niederließ. „ Dieser Geruch wird mich immer an die wunderbare Zeit mit dir hier erinnern“, sagte er.
„Mich auch.“ Cina setzte sich neben ihn und breitete eine Decke über beide. Dann reichte sie Severus ein Glas Kürbissaft.
„Und wo waren wir in Hogwarts stehengeblieben?“ Severus` schwarze Augen waren auf Cinas grüne Augen gerichtet.
Cina schluckte. „Severus, ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Darüber, wie du dich mir gegenüber verhalten hast, auf Hogwarts, als wir uns vor ein paar Tagen wiedertrafen – bis auf deine kleinen Kunststücke, wohlgemerkt. Das hätte ich dir damals wohl gesagt, wäre ich nicht ärgerlich auf dich gewesen. Und ebenso erstaunt war ich über dich in den letzten Tagen. Ich wusste gar nicht mehr, dass du so ... nett sein kannst.“ Sie hielt inne, um einen Schluck Kürbissaft zu trinken.
„Ich habe vor zwei Jahren mitbekommen, wie unfreundlich du Harry Potter und einen Jungen, der Neville hieß, im Zaubertrankunterricht behandelt hast. Hagrid hat mir erzählt, wie viele Schüler Angst vor dir hatten. Und zu mir warst du die letzten Jahre spöttisch, kurz angebunden und geschäftsmäßig“, sagte Cina. Sie redete schnell und daran merkte Severus, dass sie aufgeregt war.
Severus schaute ihr in die Augen. „Aber du hast gehofft, dass ich auch anders sein kann, so, wie du mich damals in der Schule kanntest? Vermute ich richtig?“
„Du vermutest richtig“, sagte Cina und drehte ihr Kürbissaftglas in den Händen.
Severus lächelte sie an. „Cina, wenn du wüsstest, wie schwer es mir die letzten Jahre gefallen ist, dich nicht spüren zu lassen, dass ich dich mag. Doch es diente dem Selbstschutz und deinem Schutz, so lange ich mit Voldemort zu tun hatte. Sei mir nicht mehr böse deshalb.“
„Ich bin dir nicht mehr böse; jetzt, wo ich weiß, was los war. Ich muss sagen, du hast deine Rolle sehr gut gespielt.“ Cina nickte anerkennend.
„Und die Schüler?“, fragte sie.
„Cina, ich war in dieser Zeit sehr verbittert und unter ständiger Anspannung, meine wahren Gedanken und Gefühle verbergen zu müssen. Ich bin nicht gerade stolz darauf, wie ich mich damals verhalten habe.“
„Severus, mach dir keine Vorwürfe mehr deswegen. Ich weiß von Hagrid, dass du heute deine Schüler sehr gut behandelst.“
Cina sah ihn liebevoll an. „Du fragtest mich damals, warum ich dich nicht hasse, warum ich jemanden wie dich mögen kann? Ich habe immer gespürt, dass du im Kern deines Wesens gut bist, dass du ein guter Mensch bist, Severus. Auch, wenn du einige Zeit dem dunklen Pfad gefolgt bist. Dumbledore hielt große Stücke auf dich, und er irrte sich selten.“
„So, so, du hast also mit Dumbledore über mich gesprochen?“ Severus klang amüsiert. Er sah Cina mit einem Blick an, unter dem ihr abwechselnd heiß und kalt wurde.
„Ja...nein...“, stotterte Cina. „Er erwähnte was in einem Gespräch über die Lehrer von Hogwarts. Severus, schau mich nicht so an, das macht mich ganz nervös...“ Sie senkte den Blick. „Was ich dir noch sagen wollte, ist... ich fand es sehr mutig, was du getan hast. Zu Voldemort, einem der besten Legilimentiker als Spion zu gehen und ihm die ganze Zeit etwas vorzuspielen; Harry Potter zu schützen. Ist es wahr, dass du den unbrechbaren Schwur geleistet hast, um einen Draco zu schützen?“
Severus nickte und schaute sie weiterhin unverwandt an.
„Ich weiß, man stirbt, wenn man den unbrechbaren Schwur bricht“, fuhr Cina fort. „Du hast dein Leben riskiert für Hogwarts, und das nicht nur ein Mal.“
Severus wirkte berührt. „Cina“, sagte er leise und griff nach ihrer Hand. „Jetzt weißt du, warum ich dich niemals so anschaute wie heute. Ich hätte durch meinen Kontakt zu Voldemort jeden, den ich liebte, in große Gefahr gebracht.“
Cina errötete bis unter die Haarwurzeln. Hatte Severus gerade tatsächlich gesagt, dass er sie liebte?
„Wir haben beide einen hohen Preis dafür bezahlt, Voldemorts Herrschaft ein Ende zu bereiten“, sagte Severus leise. „ Was du getan hast, Cina, war ebenfalls sehr gefährlich. Dass du das Springpulver als Transportmittel fürden Widerstand entwickelt hast, dass du mit Kräutern und Tränken gehandelt hast, die vom Ministerium verboten waren, dass du verletzte Widerstandskämpfer geheilt hast, all das hätte dir jederzeit das Leben kosten können oder dir viele Jahre in Askaban einbringen können.“ Severus schauderte.
Einen Moment war es so still, dass man nur die Rufe einer Amsel und Needas Gesang in der Küche hörte.
Cina drückte Severus Hand. „Es ist vorbei“, flüsterte sie.
Sie rückte näher an Severus heran, so nah wie es ging. Dann reckte sie sich nach oben und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
„Jetzt möchte ich nicht mehr, dass du dich vernünftig benimmst“, flüsterte sie. „Hörst du?“
Da griff Severus Cinas andere Hand und sah ihr in die Augen. Sie hatte das Gefühl, er schaute bis auf den Grund ihrer Seele.
„Sie sind grünbraun und sehr hübsch“, bemerkte er.
„Danke. Du versuchst doch nicht schon wieder, meine Gedanken zu lesen?“, neckte sie ihn.
„Das brauche ich nicht“, sagte Severus sanft, zog Cina zu sich heran und küsste sie.
Needa lugte durch eins der kleinen Küchenfenster und beobachtete die beiden. Sie lächelte zufrieden. Dann verschwandt sie mit einem Knall. Cina und Severus bemerkten den Lärm nicht, ebenso wenig bemerkten sie Star, die Kräuter und Salat aus einem Beet zupfte, von dem sie normalerweise weggescheucht wurde.
Den nächsten Nachmittag verbrachten Cina und Severus am benachbarten See, der das strahlende Azurblau des Himmels wiederspiegelte. Severus fühlte sich wieder kräftig genug, eine kleine Strecke zu laufen. Hand in Hand schlenderten die beiden einen schmalen Pfad am Seeufer entlang. Sie kamen eher langsam voran, denn immer wieder blieben sie stehen, um sich zu küssen. Cina führte ihn zu einem kleinen Birkenwald. Hier fiel das Ufer steil einige Meter ab, unter ihnen glitzerte das Wasser.
„ Schau mal genau hin, dann siehst du einige von den warmen Quellen des Sees“, sagte Cina. Severus trat hinter Cina und legte seine Arme um sie. Gemeinsam blickten sie hinab. An vielen Stellen stiegen große Luftblasen aus dem sandigen Boden bis zur Wasseroberfläche empor. Es sah aus, als ob der Sand sich an diesen Stellen bewegte. Waldmeistergrüne Wasserpflanzen wogten im eigenen Rhythmus der Quellen.
„Durch diese warmen Quellen kann man schon ab Mai im See schwimmen“, erklärte Cina. „Sie müssen verzaubert sein, denn nirgendwo hier in der Gegend gibt es Vulkanismus.“
„Du verzauberst mich, Cina“, flüsterte Severus in ihr Ohr.
„Severus, das kitzelt.“ Cina lachte leise. „Gehst du morgen mit mir schwimmen?“
„Warum morgen?“
Cina drehte sich zu ihm um und tippte auf den lilablauen Verband, der unter Severus` grünem Umhang hervor lugte. „Deshalb, mein Lieber. Morgen müssten die Narben ausgeheilt sein. Dann kann der Verband runter und du hast die offizielle Erlaubnis deiner Heilerin, schwimmen zu gehen.“
Als sie den halben See umrundet hatten, bemerkte Cina, dass Severus müde wurde.
„Da vorn an den Eichen ist ein schöner Platz zum Sitzen, komm“, sagte sie und zog Severus mit sich. „Wir ruhen uns aus, so lange wie du möchtest. Du wirst sehen, spätestens übermorgen läufst du wieder schneller um den See als ich „ Blaugeschuppter Langhalsdrache“ sagen kann.“
Severus zog Cina leise lachend an sich. „Das sind gute Aussichten, doch an übermorgen mag ich jetzt noch nicht denken. Lass uns die vier Tage, die wir hier noch haben, genießen.“
..“Du hast Recht.“ Cina streichelte seine Wange.
Nachdem sie magisch verkleinerte Decken und Kissen aus ihrer Umhängetasche gekramt hatte, vergrößerte Cina sie und breitete sie vor einer uralten knorrigen Eiche, die nicht weit vom Seeufer stand, aus. Sie half Severus, sich zu setzen, so dass er am Stamm der Eiche lehnte, ein großes Kissen im Rücken. Dann reichte sie ihm einen Becher mit einem Stärkungselixier.
„Du hast mal wieder an alles gedacht“ sagte Severus leise.
Er legte vorsichtig seinen Arm um Cina, die sich neben ihn gesetzt hatte. Ihr Blick ging auf das schimmernde Blau des Sees hinaus.
„Wie ruhig und friedlich es hier ist“, sagte Severus. „Als seien wir außerhalb von Zeit und Raum. Ich war noch nie so glücklich wie jetzt.“
Cina seufzte, barg ihren Kopf an Severus Schulter und schmiegte sich an ihn.
„Ich bin so froh, dass wir uns wiedergetroffen haben, Severus“, murmelte sie.
Als sie seinen Namen nannte, lächelte er und drückte sie kurz an sich. Dann beugte er den Kopf zu ihr hinunter und küsste sie sanft. Seine langen schwarzen Haare streiften dabei Cinas Gesicht und sie lachte auf.
„Deine Haare...kitzeln“, brachte sie hervor.
Sie wandt sich in seinen Armen.
„Wirst du bei mir bleiben, Cina?“, fragte Severus. Seine Stimme klang heiser.
„Immer, wenn du möchtest“, antwortete sie leise und erwiderte seinen Kuss.
Am späten Nachmittag kehrten Cina und Severus gut gelaunt zur Hütte zurück. Severus ließ sich erschöpft auf der Küchencouch nieder. Genau in diesem Moment erschien Needa mit einem Knall. Sie humpelte den beiden entgegen.
„Needa hat schon einen Kuchen gebacken und die zweite Bank auf die Terrasse gestellt, für den Besuch von Professor Mc Gonagall und Professor Slughorn“, quiekte sie.
„Danke, Needa. Was ist mit deinem Fuß passiert?“, fragte Cina besorgt.
„Needa ist heute beim Alraunen gießen im Treibhaus in einen Dorn des giftigen Schuppenstrauchs getreten“, sagte sie.
„Hast du den Dorn sofort entfernt und Abschwell-Trank genommen?“, wollte Severus wissen. Er gähnte.
„Ja, das hat Rudy gemacht. Aber es dauert zwei Tage, bis der Fuß abgeschwollen ist. Needa hat es nachgelesen. – Herrin, die bestellten Kräuter müssen noch raus.“
„O je, Needa, dann ruh dich jetzt besser aus. Ich mach das schon“, sagte Cina.
Needa humpelte in ihr Zimmer.
„Wenn Needa nicht kann, muss ich heute Abend die Bestellungen nach Hogsmead bringen. Aber du bist ja beschäftigt, wenn dein Besuch da ist.“ Sie sah Severus fragend an.
„Wenn meine hübsche Heilerin weg muss, dann muss sie wohl weg. Die Hauptsache ist, du kommst immer zu mir zurück. Versprochen?“ In Severus dunklen Augen glitzerte es.
„Versprochen“ sagte Cina und strich ihm übers Haar.
Cina erledigte den Abwasch und blickte durchs Küchenfenster, während Severus auf der Küchencouch schlief. Zwei schwarze Punkte über dem Wald, die schnell größer wurden, fielen ihr auf. „Da kommen sie. Severus, aufwachen!“ rief Cina.
„Sie machen Sachen, Severus“, dröhnte Professor Slughorn in der Tür. Er trug eine Flasche mit einer braunroten Flüssigkeit mit sich. Neugierig blickte er in einen der Kessel auf dem Herd. „Amortentia, würde ich sagen!“
Professor Mc Gonagall überreichte Cina einen Kürbiskuchen. „Sie wohnen ganz wunderbar hier, direkt am See“, sagte sie, als sie die Terrasse betraten. Dann wandte sie sich an Severus.
„Severus, Severus, nächstes Mal rufen Sie früher einen Heiler!“ Sie blickte ihn tadelnd an.
„Setzen Sie sich doch erst mal, Minerva“, sagte Severus seelenruhig.
Professor Mc Gonagall und Professor Slughorn ließen sich auf einer der beiden Bänke nieder, die ächzte, als der Professor sich setzte; Severus auf der anderen.
„In Hogwarts läuft alles Bestens, Severus. Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Professor Jones hat die Vertretung für Sie in Verteidigung gegen die dunklen Künste übernommen“, sagte Professor Mc Gonagall.
Cina brachte ein Tablett mit Apfelkuchen, Kürbiskuchen, Broten und Quellwasser. Sie zündete die Kerzen in den Windlichtern an und setzte sich neben Severus.
„Severus, Sie sehen wieder hervorragend aus“, dröhnte Professor Slughorn. „Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde, ich würde es nicht glauben! Kann man noch etwas sehen?“
„Schauen Sie.“ Severus schlug seinen dunkelgrünen Umhang etwas an die Seite; der lilablaufarbene Verband wurde sichtbar. “Dank meiner wunderbaren Heilerin fühle ich mich wieder viel besser“, sagte Severus und legte seinen Arm um Cina.
Cina errötete. Professor Slughorn zwinkerte Severus zu und trat Professor Mc Gonagall unter dem Tisch gegen das Schienbein. Dafür erntete er einen bösen Blick von ihr.
„Und Sie, meine Liebe, Sie haben ein wahres Wunder vollbracht“, sagte Professor Mc Gonagall anerkennend, an Cina gewandt.
„Ich habe getan, was in meiner Macht stand“, erwiderte Cina. „Und ich hatte viel Hilfe von meiner Hauselfin Needa. Die Wunden sind zwar verheilt, doch durch den Blutverlust ist Severus noch geschwächt. Zurzeit sind Needa und ich dabei, ihn etwas aufzupäppeln.“
„Bescheiden ist sie, genau wie früher“ dröhnte Slughorn.“Sie müssen mir später unbedingt das Geheimnis Ihrer Behandlung verraten, meine Liebe.“ Er nahm ein Stück Kuchen.
„Wissen Sie, Severus hat uns nach der ersten Heilbehandlung einen ziemlichen Schrecken eingejagt“, erzählte Cina, Severus zulächelnd.
„Ich habe geschlagene zwei Tage durchgeschlafen und Cina dachte schon, ich wache nicht mehr auf“, setzte Severus hinzu.
„Merlin sei Dank ist das nicht eingetroffen“, sagte Professor Mc Gonagall.
„Ach ja, Miss Mc Laggen, ein kleines Dankeschön für Sie: Alraunen-Gegengift, frisch abgefüllt. Mit den besten Empfehlungen von Professor Sprout, unserer Kräuterkunde-Lehrerin.“ Professor Slughorn überreichte ihr die Flasche mit der braunroten Flüssigkeit.
„Das kommt wie gerufen, vielen Dank. Meine Alraunen sind noch nicht so weit, dass ich Gegengifte aus ihnen gewinnen könnte.“ Cina nahm erfreut das Geschenk entgegen, dann befreite sie sich vorsichtig von Severus Arm und stand auf.
„Miss Mc Laggen, Sie wollen uns schon verlassen?“, fragte Professor Mc Gonagall erstaunt.
„Ich habe leider heute Abend noch sehr viele Lieferungen, die raus müssen“, entschuldigte sich Cina. „Und vielen Dank für das Alraunen-Gegengift“, sagte sie lächelnd, einen Blick auf Severus werfend. Der grinste breit.
„Severus kann Ihnen sicher erzählen, warum uns Alraunen so erheitern. Wir hatten einen kleinen Unfall damit.“
Cina zog sich in die Küche zurück, um Kräuter und Tränke einzupacken. Als sie Star sattelte und die Packtaschen auflegte, um nach Hogsmead zu fliegen, fühlte sie Severus` Blick. Sie winkte ihm zu, bevor sie los flog.
Bei Einbruch der Dämmerung kehrte Cina aus Hogsmead zurück. Während sie mit Star über das Haus flog, sah sie Kerzen auf der Terrasse flackern.
„Da bist du ja wieder“, murmelte Severus kurz darauf.
„Hast du etwas anderes erwartet?“, neckte ihn Cina.
Anstatt darauf zu antworten, umfasste er Cinas Taille und zog sie an sich. Dann führte er sie zu der kleinen Bank. Ein Teil des Tisches davor war mit einem Tuch abgedeckt. Grüne Kerzen flackerten in den Windlichtern daneben.
„Überraschung“, sagte er. „Zieh mal am Tuch.“
Ein Bowlengefäß aus Kristallglas kam zum Vorschein, halb gefüllt mit einer blassgrünen, perlenden Flüssigkeit, die im Kerzenlicht schimmerte.
„Ist es das, was ich denke?“, fragte Cina.
„Was denkst du denn?“, sagte Severus geheimnisvoll.
„Fängt es mit dem Buchstaben W an?“ fragte Cina.
Severus nickte.
Cina flog ihm um den Hals. „Severus, du bist ein Schatz. Waldmeisterbowle, meine Lieblingsbowle!“
„Bekomme ich dafür einen Kuss?“
„Natürlich. Du kannst auch zwei haben, oder drei.“ Cina lachte leise.
„Needa hat mir geholfen, sie anzusetzen. Allerdings gibt es eine kleine Rezeptänderung. Sie enthält nur vier kleine Gläser Wein.“
„Und was noch?“, fragte Cina neugierig.
Severus füllte mit einer Kelle zwei Gläser mit der grünschimmernden Flüssigkeit und reichte eins davon Cina. „Der Rest ist selbst gemachte Zitronenlimonade. Needa erwähnte, dass ich ab heute Abend wieder Alkohol in kleinen Mengen trinken darf. Da kam ich auf die Idee, dir etwas zu brauen – damit wir nochmal richtig auf meine Rettung anstoßen können.“
„Die Bowle ist köstlich“, sagte Cina. Sie hob ihr Glas „Also, auf uns, Severus!“
„Auf meine wunderbare, kluge und hübsche Heilerin“, sagte Severus.
Die Mondsichel ging orangegelb am östlichen Horizont auf und begann, ihre Bahn am sternklaren Himmel zu beschreiben. Sie stand schon hoch über dem See, als Cina gähnte, sich enger an Severus kuschelte und leise sagte: „Ich glaube, wir brauchen Monate, um uns all das zu erzählen, was geschah, seit wir gemeinsam in Hogwarts waren.“
„Wir haben viel Zeit, Cina – wenn du möchtest.“ Severus gähnte.
„Natürlich möchte ich“, sagte Cina. „Du klingst müde, Severus. Das ist immer noch die Nachwirkung von all dem Schmerz- und Schlafmittel, das ich dir die letzten Tage gegeben habe.“
Sie nahm seine Hand. „Komm, lass uns reingehen, es wird kalt auf der Terrasse. Ich mache uns einen Tee zum aufwärmen.“
Severus saß außergewöhnlich schweigsam auf Cinas Küchencouch und drehte seine Tasse mit heißem Salbeitee in den Händen. Er schien mit seinen Gedanken ganz weit weg zu sein. Cina führte das auf seine Müdigkeit zurück. Sie rührte in einem der Kessel auf dem Herd, gab ein gelbes Pulver in einen anderen Kessel und legte im Kamin Holz nach, bevor sie sich wieder zu ihm setzte.
„Was wollen wir morgen unternehmen?“, fragte Cina.
Severus antwortete nicht.
„Severus? Ist dir nicht gut?“ Sie schaute besorgt.
„Ich weiß gar nicht, ob ich dich verdient habe, Cina“, sagte Severus düster. „Hör zu“, sagte er, als er sah, dass sie etwas erwidern wollte. „Hör zu. Ich...habe mehrere Menschenleben auf dem Gewissen, die meisten in meiner Zeit als Todesser.“ Er vergrub sein Gesicht in den Händen. Tränen tropften auf den Holzboden.
Cina nahm Severus in den Arm. „Severus, das ist lange her. Du warst verblendet von Voldemort. Das Einzige, das für mich zählt, ist, dass du vor 18 Jahren auf Dumbledores Seite übergewechselt bist und seitdem dein Leben riskiert hast, um Hogwarts und Harry Potter zu schützen... Du bist kein schlechter Mensch, Severus!“
Cina hielt Severus in ihren Armen und strich ihm über das Haar, während er ihr von seiner Zeit als Todesser erzählte und dabei weinte.
Die Morgendämmerung war schon angebrochen, als beide auf der Küchencouch einschliefen, in ihren Kleidern und Umhängen und eng umschlungen.
So fand Needa die beiden am nächsten Morgen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie bemühte sich, besonders leise zu sein, während sie einen Trank fertigstellte. Dann humpelte sie zurück in ihr Zimmer.
Cina und Severus schliefen bis zum Nachmittag. Severus erwachte zuerst. Er schaute auf Cinas schlafendes Gesicht herab und küsste sie auf die Stirn. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er gemeinsam mit jemandem aufwachte, den er liebte.
Es hatte einige Frauen gegeben; Frauen, die leicht zu haben waren, die er in zwielichtigen Kneipen getroffen hatte, an einsamen Abenden. Doch er hatte nichts für sie empfunden. Mit ihnen hatte er lediglich den rasenden Schmerz betäubt, den er empfand, nachdem Lilly Evans durch seine Schuld gestorben war. Lilly, die einzige Frau, die er je geliebt hatte, bevor er Cina wiedertraf.
Er hatte versucht, etwas von der Schuld, die er mit Lillys Tod auf sich geladen hatte, wieder gut zu machen, indem er ihren Sohn Harry unter Einsatz seines Lebens schützte.
Jetzt schien es ihm, als ob das Schicksal ihm eine zweite Chance gab. Er hatte nicht an Lilly gedacht, seit er Cina vor einer Woche in seinem Büro angetroffen hatte.
Vorsichtig nahm Severus Cinas Arm von seiner Brust und stand auf. Er tastete in einer Innentasche seines Umhangs nach einem alten Brief von Lilly. Ohne zu zögern, warf er den Brief ins Kaminfeuer.
Etwas zupfte an seinem Umhang. Severus fuhr herum.
„Psst!“, machte Needa. „Needa wollte den Herrn Snape nicht erschrecken. Ich kann jetzt die Verbände abnehmen, wenn der Herr möchte“, flüsterte sie.
Wieder war es einer dieser klaren Frühlingstage, an dem das Azurblau des Himmels sich im See spiegelte.
Cina führte Severus am frühen Abend zu einer sandigen Uferstelle am See, dorthin, wo Needa Decken ausgebreitet und Holz für ein kleines Feuer aufgestapelt hatte. Sie liefen Hand in Hand barfuß den Strand entlang. Der Sand unter ihren Füßen war warm und das Wasser des Sees plätscherte in winzigen Wellen ans Ufer.
„Komm schon, Severus, geh wenigstens mal mit den Füßen ins Wasser. Es ist warm, wegen der Quellen“, versuchte Cina Severus zu überreden.
Sie zog Severus in Richtung Wasser, doch er zog sie langsam an sich. Sie versuchte, sich seinen Armen zu entwinden, doch er hielt sie lächelnd fest.
„Hey, du... so war das nicht gedacht“, protestierte Cina. Eine leichte Röte stieg in ihr Gesicht. Sie hatte nicht gewusst, dass Severus so stark war.
„Cina, lass mir etwas Zeit. Ich genieße die Zeit mit dir hier sehr, aber es ist ewig lange her, dass ich in einem See baden war“, flüsterte Severus heiser.
„Du bist also nicht wasserscheu?“ fragte Cina leise.
„Nein, bin ich nicht“, erwiderte Severus. Er küsste Cina auf die Nasenspitze und ließ sie los.
Gemeinsam schlenderten sie zurück zur Decke, Cina im knöcheltiefen Wasser, Severus daneben.
„Komm doch wenigstens mit den Füßen rein“, meinte Cina.
„Na gut“, seufzte Severus schließlich. Er krempelte die Beine seiner Hose hoch und watete ins Wasser.
„Es ist verblüffend warm“, meinte er.
„Sag ich doch die ganze Zeit.“ Cina blitzte ihn an.
„Schau mal, da vorn bei den Birken sind Needa und Rudy.“ Cina zeigte auf eine weit entfernte Stelle an einer Landzunge. Needa plantschte im seichten Wasser, während Rudy
sich auf einer Decke sonnte. Er entdeckte Cina und Severus und winkte.
Sie winkten zurück.
„Ich wusste gar nicht, dass Hauselfen baden gehen“, sagte Severus überrascht.
„Interessanterweise baden hauptsächlich die weiblichen Exemplare“, feixte Cina „Das scheint bei den Menschen hier am See ähnlich zu sein.“
„Ach, Cina, ich habe nicht gesagt, dass ich nicht ins Wasser komme“, sagte Severus amüsiert. „Ich glaube, du legst es darauf an, dass ich dich wieder festhalte wie eben. Das scheint dir sehr gefallen zu haben.“
Cina errötete wieder. „Du hast nicht zufällig meine Gedanken gelesen?“
„Nein, Cina, ich habe dir doch versprochen, das nicht mehr zu tun. Ich brauchte dich nur anzusehen. Komm.“ Severus breitete seine Arme aus.
Er hielt sie fest und Cina schmiegte sich an ihn. „Weißt du noch, wie ich gesagt habe, dass ich froh bin, dass du noch Verbände trägst, weil du dann nicht so zudringlich werden kannst?“
„Mmmhh“, machte Severus. „Du kannst manchmal ein kleines Biest sein.“
..„Hey! Pass auf, was du sagst!“ Sie versuchte, sich aus Severus´ Umarmung zu befreien.
„Du brauchst es gar nicht zu versuchen, Cina, ich lasse dich jetzt nicht los. – Du bist manchmal ein Biest, aber ein liebes.“
„Na ja, das klingt schon besser. Auch, wenn es jemand sagt, der gerade den wilden Mann raushängen lässt. “ Cina lächelte. “Was ich sagen wollte, Severus... ist, dass ich mir in den folgenden Tagen dann gewünscht habe, dass du keinen Verband mehr trägst, weil... ich dich gerne mal richtig umarmen wollte.“
„Du erstaunst mich immer wieder Cina. Wilder Mann, das gefällt mir.“ Severus` Stimme klang heiser.
„Halt mich noch einen Moment fest, Severus“, flüsterte Cina.
„So lange wie du möchtest, meine kluge und hübsche Heilerin.“
„Lass uns jetzt schwimmen gehen“, sagte Cina schließlich.
Severus ließ sie los, wenn auch widerstrebend.
Schnell legte Cina ihren Rock und ihre grüne Bluse ab. Im Unterkleid watete sie in das warme Wasser. Dabei spürte sie Severus` Blicke.
„Hey, komm endlich rein, es ist herrlich warm“, rief sie, während sie in Ufernähe schwamm.
Severus machte immer noch keine Anstalten, seine Kleidung abzulegen. „Das Unterkleid steht dir ausgezeichnet“, rief er.
Ein Schwall lauwarmen Wassers ergoss sich über ihn.
Cina feixte, holte tief Luft und tauchte zwei Mal lange unter. Als sie wieder auftauchte, konnte sie Severus nirgends sehen.
Plötzlich schlossen sich Arme von hinten um sie. „Erwischt“, flüsterte eine bekannte Stimme.
Cina zappelte, und sie gingen beide unter. Prustend und lachend kamen sie wieder hoch.
Sie schwammen ein Stück in den See hinaus.
„Bist du in den letzten Jahren niemals schwimmen gewesen?“, fragte Cina.
Severus schüttelte den Kopf. „Nicht, seit ich das dunkle Mal trage.“
„Was hast du dann getan, wenn du dich erholen wolltest?“
„Ich ging in die Kneipe nach Hogsmead, in den verbotenen Wald – oder beobachtete Sterne auf dem Astronomieturm, früher meist zusammen mit Dumbledore“, erzählte Severus. „Und was tust du noch?“
„Ich fliege eine Runde auf Star oder gehe auf die Terrasse, manchmal auch in den Wald oder an den See. Oder treffe mich mit meiner Freundin Ataira.“
Langsam näherten sie sich dem Ufer.
Als Cinas Füße wieder den sandigen Grund berührten, zog Severus sie in seine Arme und küsste sie leidenschaftlich. Cina genoss es, seine warmen Hände auf ihrem Rücken zu fühlen. So nah war sie ihm noch nie gewesen.
Dann spürte sie, dass er zögerte, so wie eben, wo er nicht ins Wasser kommen wollte. Sie griff seine Hand. „Was hältst du davon, wenn wir uns etwas ans Feuer setzen- und später die Sterne beobachten?“
„Ja, gern. Das habe ich ewig nicht getan“.
Auf der glatten Oberfläche des Sees spiegelte sich das Orangerot des Sonnenuntergangs, bis sie das Feuer angezündet, ihre Kleidung und Umhänge wieder übergestreift und einige Decken über sich gebreitet hatten. Unter den Decken fanden sie einen Picknickkorb mit Kuchen, Brot, Käse, Obst,Kürbissaft und Wein.
Etwas später lagen Severus und Cina Seite an Seite neben dem Feuer auf einer Decke, die Hände ineinander verschränkt. Sie fühlten die Kraft der Erde durch sich hindurch strömen und sahen zu, wie die Sterne am Nachthimmel über ihnen aufblinkten. Die Blätter der mächtigen Eichen am Seeufer rauschten, ab und zu zirpte eine Grille.
Severus hob seinen Arm, wobei er Cinas mitzog, und zeigte auf ein Sternbild direkt über ihnen, das die Form eines W hatte.
„ Welches Sternbild ist das?“, fragte er. „Wenn du es nicht weißt, bekomme ich...einen Kuss von dir.“
Cina lachte leise. „Oh, Severus, da hast du Pech. Ich kenne mich gut in Astronomie aus. Dieses Sternbild heißt Kassiopeia.“
„Ein Punkt für dich“, sagte Severus leise. „Jetzt bist du dran.“
Cina deutete auf ein kleines halbkreisförmiges Sternbild. „Kennst du das?“
„Nördliche Krone“, antwortete Severus prompt. „Wir sollten es etwas schwerer machen. Jeder kann auch nach dem Namen eines hellen Sterns fragen. Ich vermute, du bist einverstanden?"
„Fang an“, sagte Cina. „Aber du wirst trotzdem nicht viel Glück haben.“
„Wir werden sehen...wie heißt der orangerote Stern in diesem Sternbild links vom großen Wagen?“, fragte Severus. „Wetten, du weißt es nicht?“
„Das ist Arcturus. Und das dazugehörige Sternbild ist der Bärenhüter“, meinte Cina. „Sollen wir es noch schwerer machen, damit du zu deinem Kuss kommst?“, feixte sie.
Das Feuer war fast heruntergebrannt und die meisten Sternbilder und hellen Sterne waren benannt. Da zog Severus Cina an sich und bedeckte sie mit seinem Umhang. Seine langen Haare streiften ihr Gesicht. Sie rochen nach Seewasser.
Cina lachte. „Severus, deine Haare kitzeln mich. Aber ich mag das.“
„Sollen wir herausfinden, was du noch magst?“, flüsterte Severus.
„Es ist genehm“, antwortete Cina leise. Sie schmiegte sich noch enger an ihn.
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