
von silva
Kapitel 6
„Sieben Stunden sind vorbei-ei-ei-ei“ plärrte Cinas Wecker. Sie hieb darauf und kuschelte sich wieder in Severus Arme. Regen prasselte gegen das Schlafzimmerfenster. Vor dem Kamin hingen Decken und Badekleidung zum Trocknen.
„Das war eine wundervolle Woche mit dir. Ich wünschte, du müsstest heute noch nicht wieder nach Hogwarts zurück, Severus“, murmelte Cina verschlafen.
„Das wünschte ich auch“, sagte Severus heiser. „Mehr als alles andere, Cina.“
„Wenn du doch nur ein Fachlehrer wärst, Severus. Dann müsstest du nicht nachts und an den Wochenenden im Schloss anwesend sein.“
„Ich fliege gleich heute Abend zum Schulministerium, um das zu klären“, sagte Severus. „Versprochen.“
Er strich über Cinas Haar und zog sie näher zu sich heran.
„Hey, was hast du vor?“, sagte Cina mit gespieltem Protest.
Severus warf einen Blick auf den Wecker und lächelte Cina an. „Wenn ich appariere anstatt zu fliegen, haben wir noch fast eine halbe Stunde“, flüsterte er Cina ins Ohr.
Nach einem arbeitsreichen Tag, an dem ihre Gedanken ständig bei Severus waren, setzte sich Cina mit einem Glas Kürbissaft und einem Buch auf die Terrasse. Die Sonne war wieder hinter den Wolken hervorgekommen und stand schon tief über dem Wasser. Sie blätterte das Buch auf, aber sie las nicht, sondern schaute mit einem verträumten Gesichtsausdruck über den See, auf die sandige Bucht, in der Severus und sie in den letzten Tagen viele glückliche Stunden verbracht hatten.
Dann zog sie ein Pergament aus dem Umhang. Es war mindestens das zehnte Mal, dass sie die Eulenpost las, die Severus ihr heute Mittag geschickt hatte:
Liebe Cina
Ich vermisse dich mit jeder Stunde mehr. Nur sind leider während meiner Abwesenheit hier in Hogwarts so viele Angelegenheiten aufgelaufen, dass ich heute nicht bei dir vorbeikommen kann, so gern ich das auch möchte. Gegen Abend fliege ich ins Ministerium für Zauberei und es wird sicher spät werden. Liebe Cina, ich zähle die Stunden, bis wir uns wiedersehen. Morgen komme ich auf jeden Fall nach Schulschluss gegen 4 Uhr vorbei.
Ich liebe dich, Cina.
Severus
Plötzlich sprang Cina auf. Needa und Rudy schauten überrascht, als Cina in die Küche stürmte. Sie waren dabei, leuchtend grüne Waldmeisterbowle abzufüllen.
„Möchte die Herrin ein Glas Bowle probieren? Das ist Rudys Spezialrezept“, quiekte Needa.
„Danke, nein. Später vielleicht. Needa, du hast doch nichts dagegen, wenn ich die Abendlieferung im Umland übernehme? Ich halte es heute Abend hier allein nicht aus. Danach gehe ich kurz Ataira besuchen“, sagte Cina.
Sie wartete Needas Antwort nicht ab, sondern eilte mit dem Korb mit den bestellten Kräutern zur Tür hinaus.
„Oh, oh“, machte Needa. “Wenn Needas Herrin keine Waldmeisterbowle probieren möchte, dann ist sie wirklich schlecht gelaunt.“
Der Flug auf Star hatte Cina gut getan.
Im Anflug auf ihre Hütte sah sie Licht auf der Terrasse. Needa saß dort, in einige Decken gehüllt.
„Herrin, Eulenpost von Herrn Severus Snape“, rief Needa Cina schon von Weitem entgegen. „Ich gebe sie der Herrin, wenn sie vorher Rudys Bowle probiert“, sagte die Elfin verschmitzt. Sie reichte Cina ein Glas mit einer leuchtend grünen Flüssigkeit.
Cina nahm seufzend das Glas. „Die ist wirklich gut“, sagte sie nach einem Schluck.
Dann las sie die Severus` Nachricht:
Liebe Cina,
ich habe gerade mit der Leiterin des Schulministeriums gesprochen. Sie sagt, ich kann die Stelle als Schulleiter in Hogwarts nicht vor Jahresende kündigen .Ich werde mit Professor Mc Gonagall und Professor Slughorn rede, ob sie mich vertreten können. Ich bin mir sicher, wir finden eine Lösung, damit wir in den kommenden Wochen etwas mehr Zeit miteinander verbringen können als zwei oder drei Stunden nach Schulschluss.
Ich vermisse dich. Ich glaube, ich werde heute Nacht ohne dich kein Auge zutun.
Severus
„Herrin?“ Needa schaute besorgt.
„Ach hier, lies“, sagte Cina. Sie trank hastig das Glas leer. Dann füllte sie für Needa und sich Bowle nach.
„Das ist nicht richtig“, meinte Needa. „Wenn die Herrin und Severus Snape frisch verliebt sind, sollten sie viel Zeit miteinander verbringen.“ Sie seufzte und legte Cina ihre Hand auf die Schulter.
„Du hast es gut, Needa, du kannst Rudy treffen, wann und wie lange du möchtest“, murmelte Cina.
„Needa könnte die Herrin ins Schloss schmuggeln“, meinte die Hauselfin verschmitzt.
Am nächsten Nachmittag setzte Cina Kräuterliköre an und schaute dabei immer wieder ungeduldig aus dem Fenster. Endlich erblickte sie eine Gestalt auf dem Besen, die sich schnell näherte
Cina schoss zur Tür hinaus.
„Severus! Endlich!“, rief sie und fiel ihm um den Hals.
Severus drückte Cina fest an sich. Dann nahm er ihr Gesicht in beide Hände und verschloss ihre Lippen mit einem langen Kuss.
„Ich wusste nicht, dass man jemanden so vermissen kann“, sagte Severus leise.
Kurz darauf liefen Cina und Severus Hand in Hand den schmalen Pfad am Seeufer entlang. Die Nachmittagsonne stand noch hoch und wärmte sie.
„Komm“, sagte Severus, nachdem er sich an die uralte, knorrige Eiche gelehnt hatte, an der sie schon einmal einen Nachmittag verbracht hatten. Cina setzte sich vor ihn und er umschloss sie mit seinen Armen. Sie schauten auf den See, der heute in leichten Dunst gehüllt war und ein blasses, helles Himmelsblau wiederspiegelte.
„Cina, hast du jemals darüber nachgedacht, als Lehrerin für Kräuterkunde tätig zu sein? Professor Sprout, unsere Lehrerin für Kräuterkunde, will bald aufhören“, sagte Severus unvermittelt.
„Ich weiß, worauf du hinauswillst, Severus. Wir hätten mehr Zeit miteinander, wenn ich in Hogwarts wäre, wegen deiner Anwesenheitspflichten dort als Schulleiter“. Sie seufzte.
„Aber?“, fragte Severus.
„Weißt du, ich möchte sehr gern mehr Zeit mit dir verbringen, aber ich hänge auch an meiner Hütte. Und ich verdiene gern mein Geld mit dem Verkauf von Kräutern und Tränken und als Heilerin. Lass mich darüber in Ruhe nachdenken, Severus, in Ordnung?“
„Ich war so lange allein, Cina. Viel zu lange“, sagte Severus leise. „Ich wusste ja nicht, was ich all die Jahre verpasst habe... Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit dir verbringen. Ich möchte, wenn ich nachts aufwache, dich neben mir wissen, deine Wärme spüren und deine Berührung.“
„Das hast du wunderschön gesagt, Severus. Ich wünsche mir nichts mehr als das.“ Cina drehte sich zu ihm herum und schlang ihre Arme um ihn.
„Gestern Nacht, wo du in Hogwarts bleiben musstest, habe ich wachgelegen und mir genau das gewünscht, dass du bei mir bist“, flüsterte Cina.“Ich wäre am liebsten heimlich zu dir geschlichen, aber du erwähntest den Alarmzauber.“
„Cina, du hast die verrücktesten Ideen, das mag ich so an dir.“ Severus lachte leise und drückte Cina kurz an sich. „Du hättest das halbe Schloss aufgeweckt, wenn du versucht hättest, dich nachts hereinzuschleichen. Nur Lehrer, der Hausmeister oder Hagrid können zwischen 18 Uhr Abends und 7 Uhr morgens diese Barriere passieren, ohne dass der Alarmzauber losgeht.“
„Eine andere verrückte Idee von mir hat aber sehr gut funktioniert, wenn ich dich daran erinnern darf. Das Schwimmen.“ Cina machte sich aus seiner Umarmung los und blitzte ihn an.
„Das Schwimmen?“ echote Severus.
„Ja, genau. Wie hätte ich dich zugeknöpften Kerl sonst dazu bekommen, mal einen Teil deiner Kleider abzulegen und ein bisschen lockerer zu werden?“
„Cina, du bist ein...“, setzte Severus an. Blitzschnell hielt er Cina fest und griff ihr in die Seite. Sie schrie überrascht auf und versuchte sich zu befreien, doch er hielt sie fest.
„Aufhören, Severus, bitte“, japste Cina schließlich.
„Nennst du mich immer noch einen zugeknöpften Kerl?“, fragte Severus.
Cina schüttelte den Kopf.
Da ließ er sie los. „Wie gut, dass ich herausgefunden habe, wie kitzlig du bist.“
Cina sprang auf. „Ich nenne dich einen netten, gelegentlich zugeknöpften Kerl.“
„Na warte!“ Severus sprang ebenfalls auf.
Cina kreischte auf und lief weg. Severus verfolgte sie um einige Bäume herum, bis er sie schließlich wieder erwischte. Schwer atmend standen sie sich gegenüber.
„Na gut, ein netter Kerl, der netteste, den ich kenne“, sagte Cina atemlos. In ihren grünen Augen funkelte es.
Unter lautem Geklacker kam in diesem Moment eine Schleiereule angeflogen, landete auf dem Rasen vor ihnen und hielt ihnen das Bein hin, an dem ein Pergament befestigt war.
Beim Losbinden des Pergaments erkannte Cina das Siegel von Hogwarts. „Für dich. Ich besorge etwas für die Eule.“ Sie lief zum Ufer des Sees, wo sie einige Schilfwurzeln ausgrub.
Als sie zurückeilte, kam Severus ihr entgegen. Er strahlte über das ganze Gesicht und nahm Cina in den Arm.
„Cina, ich kann heute Nacht bleiben“, sagte er, heiser vor Aufregung.
„Das ist... wundervoll!“ Cina gab ihm einen Kuss.“Was ist passiert?“
„Hier, lies.“ Severus drückte ihr das Pergament in die Hand. „Und achte auf die äußerst interessante Adresse.“
„An Schulleiter Severus Snape, am Seeufer hinter der Hogsmeader Straße 34“, las Cina. „Sie wusste erstaunlich genau, wo wir sind. Sie scheint dich gut zu kennen.“ Cina las weiter:
Sehr geehrter Severus,
ich entspreche Ihrer dringenden Bitte und werde in den nächsten Wochen, zunächst bis zum Beginn der Sommerferien, nachts die Vertretung für Sie übernehmen. Ebenfalls am nächsten Wochenende.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Minerva Mc Gonagall
P.S. Grüßen Sie auch Miss Mc Laggen herzlich von mir.
„Das ist...Das gibt´ s doch gar nicht. Wie hast du das geschafft?“, fragte Cina erstaunt.
„Oh, Professor Mc Gonagall hat ein weiches Herz unter der rauen Schale. Sie hat gesehen, wie verliebt wir sind. Und sie hält es mit Dumbledore, der stets sagte, es sei gut, wenn ein bisschen mehr Liebe auf der Welt sei“, sagte Severus.
„Lass uns schwimmen gehen, Severus. Wie wunderbar, dass du nicht schon in einer Stunde wieder gehen musst.“
„Du hältst mich immer noch für einen – wie sagtest du gleich – zugeknöpften Kerl, dass du mich ins Wasser bekommen willst?“, neckte er sie.
„Nein, jetzt nicht mehr“, sagte Cina lächelnd.
Hand in Hand liefen sie zum See hinunter.
Avery Junior, der Sohn des Todessers Avery, tauchte am kommenden Morgen mit einem leisen „Plopp“ aus dem Nichts auf, auf der Hauptstraße einer menschenleeren Geisterstadt, irgendwo im Hügelland Schottlands. Nachdem er sich wachsam umgesehen hatte, lenkte er seine Schritte zu einer verwahrlost aussehenden Hütte neben einem versiegten Brunnen. Ein Alarm heulte los. Er klopfte fünf Mal an eine Holztür, die zwar aus den Angeln hing, aber durch einen Zauber undurchdringbar war und wurde hineingelassen.
„Snape hält sich die meiste Zeit in Schloss Hogwarts auf. Es ist so gut wie unmöglich, die Schutzzauber um das Schloss zu durchdringen“, sagte Wayne eben. „Wir müssen ihn an einem anderen Ort erwischen.“
„Wir werden ihn bekommen, und dann wird er für seinen Verrat am dunklen Lord büßen!“. In Blairs Augen war ein fanatisches Glitzern. Sein Gesicht, das von unzähligen Narben gezeichnet war, verzog sich zu einem triumphierenden Grinsen, als Avery neben ihn trat.
„Nun, hast du es bekommen, Avery?“
Avery nickte und setzte sich zu Blair, Wayne und Fitzpatrick an den abgenutzten Holztisch. Er gab Blair eine kleine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit.
Der betrachtete das Elixier im trüben Morgenlicht, das durch blinde Fensterscheiben in die halb verfallene Hütte fiel. „Veritasserum. Das wird uns eine Menge Zeit sparen. Bislang erwies sich der Professor nicht als besonders redselig.“
Blair wandte sich zu einer dunklen Ecke des Raumes. Dort saß, an einen Stuhl gefesselt und ohnmächtig vornüber gesunken, Professor Perkins, Lehrer für Astronomie und Kräuterkunde in Hogwarts. An seinen Armen bluteten Schnittwunden.
„Weckt ihn“, befahl Blair.
Professor Perkins hustete und erwachte, nachdem Fitzpatrick ihm einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet hatte. Seine Augen weiteten sich, als er gewahr wurde, wo er war.
„Nun, Professor, da Sie bislang nicht gewillt waren, uns Auskunft über Severus Snape zu geben, haben wir hier etwas für Sie.“
„Ich sage nichts“, flüsterte Professor Perkins heiser.
„Wir werden sehen.“ Blair ging zu dem Gefesselten, packte seinen Kiefer und zwang ihn, den Mund zu öffnen.
„Avery!“
Der Gerufene tröpfelte einige Tropfen der klaren Flüssigkeit in Professor Perkins Mund.
Perkins Augen trübten sich.
Blair packte ihn vorn am Reiseumhang und schüttelte ihn. „Hat Snape jemanden, der ihm etwas bedeutet?“
„Sie...heißt...Mc Laggen, Cina Mc Laggen. Sie ist...eine Heilerin“, presste Professor Perkins mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
Blairs vernarbtes Gesicht kam näher. „Wo hält sich diese Heilerin auf?“
„Sie hat...eine Hütte... am Rand des Hogsmeader Waldes.“ Perkins hustete.
„Wo genau ist das?“ Blair schüttelte den Professor.
„An der Straße von...Hogsmead nach Marston, drei oder vier Meilen...von Hogsmead entfernt, an einem kleinen See.“ Professor Perkins hustete wieder und sackte zusammen, als Blair seinen Umhang losließ.
„Avery, Fitzpatrick!“, rief Blair. „Ich habe einen Auftrag für euch.“
Wie aus dem Nichts erschien Severus vor Cinas Hütte. Frühnebel lag über der Landschaft am Hogsmeader Wald und verdichtete sich zum See hin. Dass er noch nicht einmal zehn Meter weit sehen konnte, verursachte Severus an diesem Morgen ein mulmiges Gefühl.
Als er eilig auf die Hütte zuschritt, schrillte der Alarmzauber. Er sah Cinas Gesicht am Fenster, dann öffnete sie die Tür, eine Tüte mit Salbeiblättern in der Hand.
„Severus, hast du hier was vergessen? Du bist doch erst vor einer Stunde nach Hogwarts aufgebrochen“, rief sie ihm erstaunt entgegen. „Oder hattest du schon wieder Sehnsucht nach mir?“
Cinas strahlendes Lächeln wich einem besorgten Gesichtsausdruck, als sie Severus ansah. „Was ist los? Du siehst aus, als wäre dir eine Horde Inferi über den Weg gelaufen.“
„Blair ist wieder draußen, das ist passiert! Lies das, Cina, schnell.“ Severus warf die Tageszeitung, den „Zaubererpropheten“, auf den Küchentisch und lief mit einer gehetzten Miene erst in der Küche hin und her, dann ins Bad, wo er einen ziemlichen Lärm veranstaltete.
Cina glaubte zu wissen, was er dort tat und las.
Blair aus Askaban entflohen
Gestern Nachmittag gelang Michael Blair, dem Sohn des Todessers Yaxley, die Flucht aus dem Zauberergefängnis Askaban. Einst ein gefürchteter Anhänger Voldemorts, der für den Tod vieler Muggel und Magier verantwortlich war, geriet Blair erst vor wenigen Tagen wieder in die Schlagzeilen, weil er Professor Snape, den Schulleiter von Hogwarts, angriff.
„ Du meinst, dieser Blair ist wieder hinter dir her?“, fragte Cina.
„ Jetzt sind sie hinter uns her. Wir müssen sofort hier weg“, sagte Severus hastig. Er trat hinter Cina und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Ich habe deine Sachen aus dem Bad schon gepackt. Du musst für einige Zeit an einen sicheren Ort, Cina, nach Hogwarts. Fang bitte sofort an, das nötigste für ein paar Tage zu packen.“
„Ich verstehe“, sagte Cina. Sie eilte ins Schlafzimmer. Dort holte sie mit einem Aufrufzauber drei Koffer herbei. Kleider, Röcke, Hosen, Pullover, Blusen, Unterwäsche, Socken, Schuhe und Umhänge schwebten aus den Schränken.
„Needa!“, rief Cina.
Mit einem Knall apparierte die Hauselfin neben ihr. Ihre großen grünen Augen waren mit einem Ausdruck des Erstaunens auf die schwebenden Kleidungsstücke gerichtet.
„Was ist hier los, Herrin?“, quiekte sie.
„Needa, keine Zeit für Erklärungen. Wir sind in Gefahr und müssen schnell weg hier“, sagte Cina hastig. „Nimm mit, was du für einige Tage brauchst und appariere damit sofort nach Schloss Hogwarts...“
„Wo genau soll Needa hin?“rief Cina zu Severus in die Küche.
„Westturm, dritter Stock, Gästezimmer“, antwortete er.
Kaum hatte Severus das gesagt, war Needa verschwunden.
Severus lief in der Küche hin und her, warf prüfende Blicke nach draußen. Dann half er Cina.
„Du hattest mit Todessern zu tun, du weißt, wie sie arbeiten“, sagte Severus besorgt. „Wenn sie an mich nicht herankommen – und das werden sie in Hogwarts nicht – werden sie jemanden, an dem mir etwas liegt, als Geisel nehmen: dich. Aber ich werde nicht zulassen, dass das geschieht, Cina“, sagte Severus. Er strich ihr über die Wange.
Wieder spähte Severus durch die Küchenfenster. Der Nebel hatte sich gelichtet, nur noch ein leichter Dunst lag über dem Garten. Er zuckte zusammen, weil er meinte, eine Bewegung am Ende der Hecke wahrgenommen zu haben. Diese Stelle behielt er scharf im Auge, doch nichts rührte sich.
Im Schlafzimmer war Cina fast mit Packen fertig. Sie erschrak, als Severus ins Zimmer trat. Mehrere Paar Schuhe und Stiefel, die sie in einen Koffer fliegen ließ, trudelten und fielen auf den Boden.
„Verdammt“, fluchte sie.
Severus packte die Schuhe fertig. Dann nahm er Cina in die Arme. „Cina, genau das wollte ich damals verhindern. Ich wollte dich nicht in Gefahr bringen wegen mir. Es tut mir leid.“
Cina seufzte und legte ihre Arme um Severus. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll...außer, dass es jetzt eben so gekommen ist. Du hast mich damals geschützt. Und jetzt kommen wir da auch irgendwie durch – oh, die Sachen aus der Küche.“
„Beeilen wir uns, Cina. Ich habe ein ungutes Gefühl. Slughorn und Sprout wollten auch kommen. Sie müssten längst da sein.“
Severus folgte ihr in die Küche, immer die Fenster im Auge behaltend, hinter sich drei prall gefüllte, schwebende Koffer.
Während Dosen und Tüten mit Kräutern und Flaschen mit Tinkturen, die Severus und Cina gemeinsam auf Münzgröße verkleinert hatten, in den letzen Koffer schwebten, schaute Cina mit Bedauern in den Kessel, in dem ein blassblauer Trank brodelte.
Severus schnupperte. „Aqua alter, würde ich meinen. Verwandelt Salz- in Süßwasser.“
„Und aufwendig herzustellen“, seufzte Cina.
„Ich helfe dir, einen neuen zu brauen.“ Severus ließ mit einem „Evanesco“ den Inhalt des Kessels verschwinden, während Cina das Herdfeuer löschte. Dann schickte Severus die Koffer weg. Er wirkte erleichtert.
„Cina, du kannst bald hierhin zurückkehren. Komm, lass uns verschwinden.“ Er nahm Cinas Hand und zog sie zur Hüttentür hinaus. Dabei sahen sich beide wachsam um.
„Zusammen?“, fragte Severus. Cina nickte.
Aus Severus` und ihrem Zauberstab schossen orangefarbene Lichtblitze. Gemeinsam errichteten sie einen starken Schutzzauber um Cinas Hütte.
„Jetzt nur noch Eins. Ich kann Star auf keinen Fall hierlassen“, sagte Cina vor der Haustür.
„Das musst du auch nicht, Cina. - Aber beeilen wir uns“, drängte Severus. Wachsam schaute er sich nach allen Richtungen um.
Cina pfiff nach Star und gemeinsam strebten sie der Wiese zu, auf der der Thestral galoppierte.
„Ich kann dich, falls wir schnell flüchten müssen, direkt mit einem Seit an Seit-Apparieren nach Hogwarts mitnehmen“, sagte Severus nach einem Blick auf den Waldrand.
„Ich dachte, man kann nicht in Hogwarts apparieren“, meinte Cina erstaunt.
„Als Schulleiter habe ich dies Privileg“, sagte Severus.
Abrupt blieb Cina stehen, so dass Severus in sie hineinlief.
„Was ist los?“ fragte er. Er schaute sich nervös um. „Sag mir, dass du nicht noch was mitnehmen willst.“
„Doch, Severus, mein Nerus-Kraut. Es ist eine extrem empfindliche Pflanze und muss heute geerntet werden. Es ist nur ein kleines Beet.“ Cina sah Severus mit großen Augen an. „Du weißt, wie selten Nerus-Kraut im Moment ist?“
Star kam und schnupperte an beiden.
„Cina, wir müssen hier weg. Diese Leute sind gefährlich“, sagte Severus eindringlich.
„Ja, ich weiß. Aber ich kann dir auch sagen, dass Nerus-Kraut mir oft das Leben gerettet hat. Und es wäre schlimm, wenn es in die Hände der Todesser fiele, die hier sicher alles auf den Kopf stellen werden!“ Cina blitzte ihn an.
„Na gut, Cina. Beeil dich. Ich komme besser mit.“
„Du musst Star mit einem Wiesel füttern und die Begrüßung machen, sonst wirft sie dich später ab! Du siehst mich doch, es sind nur ein paar Meter.“
Cina spurtete zu einem Beet, das halb hinter der hohen Buchsbaumhecke lag. Aus dem Schuppen ließ sie einen Stoffbeutel heran schweben.
Severus hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Der Thestral spürte seine Nervosität, tänzelte hin und her, als er versuchte, ihn mit einem Wiesel zu füttern. Endlich gelang es. Die ganze Zeit versuchte Severus, die Hecke im Auge zu behalten. Auch gegen seine Versuche, ihm vorsichtig die Hand auf den Hals zu legen, schien der Thestral etwas zu haben. Severus fluchte vor sich hin, während er ein weiteres Wiesel vom Gerüst vor dem Stall herbei schweben ließ.
Cina richtete derweil ihren Zauberstab auf eine Reihe graugrüner Pflanzen mit runden Blättern und himmelblauen sonnenblumenähnlichen Blüten.
Cutus herba!“, rief sie. Sofort wurde die Hälfte der Kräuter knapp über dem Boden abrasiert. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs ließ Cina das Neruskraut in den Beutel schweben. Um die zweite Hälfte des Krautes besser zu erreichen, trat sie etwas weiter hinter die Hecke.
In diesem Moment hörte Cina ein Geräusch und wirbelte herum.
Zwei Männer in zerschlissenen Umhängen hatten ihre Zauberstäbe direkt auf ihr Herz gerichtet. Cina erstarrte. Sie hatte es nicht für möglich gehalten, dass jemand sie so schnell aufspüren konnte.
„Da ist ja die kleine Freundin von Snape, sieh an“, sagte der größere der beiden mit einer heiseren Stimme, der kleinere murmelte eine Beschwörung.
Cina versuchte zu schreien, doch sie brachte keinen Ton heraus. Ihre Arme konnte sie ebenfalls nicht mehr bewegen. Verzweifelt dachte sie nach, während die beiden Todesser grinsend näher kamen.
Mit einem Ruck ließ sich Cina rücklings in die Hecke fallen, während sie mit aller Kraft „Needa. Bohnenbeet. Hilfe!“, dachte.
Die dünne Hecke konnte sie nicht tragen und zerkratzte jeden unbedeckten Flecken Haut, während sie hindurch sackte und unsanft in das dahinterliegende Kürbisbeet fiel.
Lichtblitze und Geschrei kamen von hinter der Hecke, wo die Todesser in einen Kampf verwickelt wurden.
„Cina“, schrie Severus. Sie sah ihn an sich vorbeilaufen, rote Lichtblitze schleudernd. Cina hörte eine ganze Weile Kampflärm. Als Needa aufschrie, zuckte sie zusammen. Dann kehrte Ruhe ein. Einige bange Sekunden lang wagte Cina kaum zu atmen.
Schließlich fiel ein Schatten auf ihr Gesicht.
„Finite Incantatem“, keuchte eine vertraute Stimme.
Die magischen Fesseln und der Knebel fielen von Cina ab, Severus zog sie hoch und drückte sie ungestüm an sich. Sie konnte spüren, dass er zitterte.
„Cina, alles in Ordnung mit dir?“, fragte er.
Sie konnte nur nicken. „Und du?“, fragte sie heiser.
„Nur ein paar Schrammen. Cina, ich hätte mir nie verziehen, wenn dir etwas passiert wäre“, sagte Severus heiser.
„Es war mein Fehler. Ich hätte auf dich hören sollen, Severus. Ich hatte großes Glück, dass sie mich nicht bekommen haben.“
Erst jetzt fiel ihr Blick auf die zerfetzten Bohnenstauden, die Löcher in der Schuppenwand dahinter und auf Rudy, der eine Wunde an Needas linkem Arm heilte.
„Wo sind die Todesser? Was ist passiert?“, fragte Cina schließlich.
„Als ich dazukam, hielten Needa und Rudy die beiden in Schach. Needa hatte einen der beiden mit einem Schockzauber belegt. Der andere zog es vor, es allein nicht mit einer Übermacht aufzunehmen. Als er mich kommen sah, schleuderte er ein paar Zauber auf mich und disapparierte mit seinem ohnmächtigen Kumpel.“
Severus ließ Cina los. “Komm. Wir müssen so schnell wie möglich weg. Sie werden in wenigen Minuten mit Verstärkung zurück sein.“
„Needa, Rudy, ihr habt gehört, was Severus sagte? Wir sehen uns in Hogwarts. – Vielen Dank euch beiden!“, rief Cina den Hauselfen zu. Schnell rupfte sie von Hand das restliche Neruskraut ab.
Als Needa und Rudy verschwunden waren, nahm Cina Severus Hand und legte sie ganz vorsichtig auf Stars Hals. Severus schaute sich wachsam um, half Cina auf den Thestral und schwang sich hinter ihr auf.
Bald glitt der Hogsmeader Wald schnell unter ihnen hinweg.
Cina drehte ihren Kopf zu Severus, der hinter ihr saß. „Severus, wer waren diese Typen? Und warum sind sie hinter dir her?“
„Zu deiner ersten Frage. Blair hatte schon vor seiner Verhaftung eine kleine Gruppe von ehemaligen Todessern um sich gescharrt“, rief Severus.
„Ich kann verstehen, dass alle Todesser dich als Verräter sehen, da du jahrelang für Dumbledore spioniert hast...“, überlegte Cina.
„Blair hasst mich noch aus einem anderen Grund, Cina. Ich tötete im Kampf, in dem Voldemort endgültig besiegt wurde, den Todesser Yaxley, Blairs Vater“, tönte Severus Stimme an Cinas linkem Ohr.
Star stieß einen hellen Schrei aus und ging tiefer.
„Wie ich dich kenne, wirst du etwas unternehmen, bevor Blair einen neuen Angriff plant“, sagte Cina. Der Wind riss ihr die letzten Silben von den Lippen.
„Es sind bereits Auroren nach Hogwarts unterwegs“, sagte Severus knapp.
„Schau“, rief Cina. Unter ihnen erschien der breite, silbern schimmernde Strom.
Ein silberweißes Licht schoss auf sie zu. Severus hielt Cinas Zauberstabhand fest. „Ein Patronus, keine Sorge.“
Aus dem Licht löste sich eine silberweiß schimmernde Katze mit Brillenzeichnung. Sie öffnete das Maul und sprach: „Slughorn und Sprout wurden überfallen. Sie sind jedoch wohlauf. Wir schicken euch vier Lehrer entgegen.“ Cina erkannte die hohe Stimme von Professor Mc Gonagall.
„Die Professoren hatten Glück. Diese beiden in meinem Garten wirkten wirklich gefährlich“, sagte Cina, als sich der Patronus aufgelöst hatte.
„Denke nicht mehr daran“, tönte Severus Stimme an Cinas rechtem Ohr. „So kommst du jetzt doch zu mir nach Hogwarts. Wer hätte das gedacht?“
„Dann sollte es vielleicht so sein“, antwortete Cina.
Ihr Blick fiel auf vier dunkle Punkte, die ihnen über dem Fluss entgegenflogen. Sie wurden schnell größer. „Schau, da vorn kommt unsere Eskorte von Hogwarts, ich erkenne Professor Flitwick!“
Für die restliche Dauer des Fluges vergaß Cina die Gefahr, in der Severus und sie vor kurzer Zeit geschwebt hatten. Der Thestral, zur linken und zur rechten Seite jeweils von zwei Lehrern auf Besen begleitet, glitt fast lautlos über den glitzernden breiten Strom. Der warme Flugwind ließ ihre Haare und ihre Reiseumhänge flattern. Severus umfasste Cina und legte sein Kinn auf ihre Schulter.
Star stieß einen Schrei aus, als Schloss Hogwarts in Sicht kam, verlangsamte ihren Flug und setzte in einem weiten Bogen zur Landung an.
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