
von Lalaith
Hey ihr Lieben! Vielen vielen Dank für die Reviews, die bereits dagelassen wurden! Ich hab mich sehr darüber gefreut! Hiermit geht's auch schon weiter! :)
3. Kapitel Eskalation
Als er an der Bushaltestelle ankam, erwartete sie ihn bereits mit einem Lächeln auf den Lippen - wie üblich.
„Du siehst so erstaunt aus. Hast du gedacht, ich halte mein Versprechen nicht?“, neckte Oliver sie und ließ sich neben sie auf die kleine Bank sinken, die für die Wartenden gedacht war.
„Erwischt“, seufzte sie, doch ihr Blick strafte ihren Tonfall Lügen. „Schön, dass du es einrichten konntest.“
Nun, das er es hatte einrichten können, war vielleicht ein bisschen übertrieben. Er wollte sich das Gesicht und die Reaktion seines Vaters gar nicht vorstellen, wenn dieser später in sein Zimmer stürmen und bemerken würde, dass er nicht zuhause war und somit das Training verpasste.
„Oliver?“ Katies Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und er beeilte sich, die düsteren Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben.
„Alles okay, ich bin da. Ich bin da.“
„Gut, der Bus kommt nämlich schon“, lachte sie und zog ihn von der Bank hoch. Mit dem unbeschreiblichen Gefühl der Freiheit in der Brust folgte er ihr und kramte in seiner Hosentasche nach dem mitgebrachten Muggelgeld, um die Fahrt zu bezahlen. In seinem Kopf schwirrte beständig ein einziger Gedanke herum - er hatte sich seinem Vater widersetzt. Er hatte es geschafft, aus seinem Gefängnis auszubrechen; wenigstens für einen Abend. Und diesen wollte er nun in vollen Zügen genießen.
Mit dem Bus zu fahren machte ihnen beiden großen Spaß, und als sie kichernd und scherzend ausstiegen, schien der genervte Busfahrer sichtlich froh, sie endlich los zu sein.
Eine Weile schlenderten sie durch das abendlich beleuchtete Glasgow und führten ihre Gespräche fort, die sich nun um Olivers Geburtstag in drei Tagen drehten und Katie überlegte laut, was sie ihm bloß schenken sollte, um sich in der nächsten Quidditchsaison eine Sonderbehandlung zu sichern.
„Glaubst du etwa, ich bin bestechlich?“, wollte Oliver gespielt empört wissen, als sie beim Kino ankamen und er sich beeilte, vor ihr an der Kasse zu sein, um zu verhindern, dass sie ihre Karte selbst bezahlte.
„Aber natürlich“, grinste sie frech und protestierte wie üblich dagegen, dass er für sie bezahlte, doch es war, als würde sie mit einer Mauer sprechen - wie immer.
„Nun, wenn das so ist“, meinte er schelmisch und reichte ihr die Kinokarte, „dann hast du natürlich recht. Du kannst dir ruhig weiter ein wahnsinnig tolles Geschenk ausdenken, während ich uns was zu trinken besorge.“
Katie antwortete nicht, sie lächelte nur ihr verschmitztes Lächeln, das ihn - egal in welchem Zustand er sich auch befinden mochte - aufheiterte.
Für seinen Geschmack ging der Abend und somit ihr gemeinsamer Ausflug viel zu schnell vorüber. Während sie zurück zur Bushaltestelle schlenderten und den Film Revue passieren ließen, nahmen die finsteren Gedanken in Olivers Kopf zu und machten ihn merklich schweigsamer als noch vor zwei Stunden. Katie entging das nicht, doch sie ließ ihn in Ruhe und begnügte sich damit, sich während der Busfahrt gegen ihn zu lehnen und leise das heitere Lied zu summen, das den Abspann des Filmes begleitet hatte.
Oliver nahm dies mit einem Lächeln zur Kenntnis; das Lied und seine fröhliche Melodie schienen ihm etwas Mut zu geben; Mut den er brauchte, um nach Hause gehen zu können. Er konnte spüren, dass sie versuchte, ihn ein wenig aufzuheitern, obwohl sie keine Ahnung hatte, weswegen er so schweigsam geworden war. Sie hatte immer gemerkt, wenn es ihm schlecht ging - in ihrer Kinderzeit, in Hogwarts, im Quidditchteam. Doch dieses Mal konnte sie ihm nicht helfen.
Der Bus hielt quietschend an und die beiden beeilten sich auszusteigen. Lauwarme Nachtluft strich über ihre Gesichter und spielte mit Katies offenen Haaren. Die vertraute Ruhe war wieder eingekehrt, sie hatten den Lärm der Großstadt hinter sich gelassen; nur ein paar Grillen zirpten unsichtbar in der Dunkelheit.
„Es war eine gute Idee, in die Stadt zu fahren“, meinte Oliver mit ungewollt heiserer Stimme und räusperte sich. Wenn es nach ihm ginge, würden sie hier noch ewig so stehen bleiben, im Gespräch oder schweigend, das war ihm gleichgültig. In diesem Moment hätte er alles lieber getan, anstatt nach Hause zu gehen.
„Finde ich auch“, erwiderte sie lächelnd und strich sich eine verirrte Haarsträhne aus den Augen. „Du solltest dir öfter mal von deinen Taktikplanungen freinehmen, dann könnten wir das wiederholen. An deinem Geburtstag zum Beispiel.“
„Ist das eine Einladung?“, grinste er und fing sich dafür einen nicht ganz ernst gemeinten Stoß in die Seite ein. Der alte Schmerz in seinen Muskeln glomm kurz auf und erinnerte ihn noch viel schmerzhafter an das, was ihm bevorstand. „Au!“
„Selbst schuld“, neckte sie ihn, doch ihr schelmischer Gesichtsausdruck wurde sofort sanfter. „Aber ich meine … wenn du etwas unternehmen willst … also, ich kann verstehen, wenn du und dein Vater -“
„Nein“, schoss es sofort aus ihm heraus und Katie hob erstaunt eine Augenbraue. Alarmiert zügelte er sich und versuchte, seine Stimme wieder normal klingen zu lassen. „Nein, das ist schon okay so. Wirklich. Ich würde mich sehr freuen.“
Er versuchte zu lächeln, doch er hatte das Gefühl, dass es ihm nicht wirklich gelungen war, denn Katie sah ihn noch immer mit einem gewissen Erstaunen im Blick an.
„Na gut“, meinte sie schließlich gut gelaunt und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich muss los. Hab meiner Mum versprochen, um elf wieder da zu sein.“
„Ist gut.“ Er schluckte. Am liebsten hätte er Geh nicht geantwortet, doch die Worte blieben ihm irgendwo im Hals stecken.
„Dann … gute Nacht, Oliver.“ Wieder dieses geheimnisvolle Lächeln. „Danke für die Kinokarte.“
„Keine Ursache. Wir sehen uns, ja?“ Die letzten Worte mussten ziemlich hoffnungsvoll geklungen haben, denn Katies Lächeln wurde breiter.
„Aber natürlich“, erwiderte sie leise, trat näher an ihn heran und küsste ihn auf die Wange. „Schlaf gut.“
Und weg war sie. Verschwunden, verschluckt von der Dunkelheit, die sich außerhalb des Lichtkegels der Straßenlaterne über das Land gebreitet hatte.
Wie in Trance berührte Oliver mit der Fingerspitze die Stelle, an der er Sekunden zuvor noch ihre Lippen gespürt hatte; und ein seltsames, unbekanntes Gefühl verdrängte die Angst vor seinem Vater für einen Moment.
So lange er denken konnten, waren er und Katie Bell Freunde gewesen, und auch wenn er auf dem Quidditchfeld ihr und den anderen gegenüber nicht immer den allerfreundlichsten Ton anschlug, konnte es nicht die Freundschaft zerstören, die sie nun schon so lange Zeit miteinander verband.
Eine Freundschaft, die sich scheinbar langsam zu etwas mehr entwickelte.
Lächelnd machte Oliver sich auf den Heimweg. Nein, gegen solche Entwicklungen hatte er nichts einzuwenden.
Allerdings kannte er jemanden, der der Meinung war, dass Mädchen der Disziplin und der Konzentration ganz und gar nicht förderlich waren. Augenblicklich war Katie aus seinen Gedanken verschwunden und die vertraute Angst war zurückgekehrt, die größer wurde, je näher er seinem Zuhause kam.
Oh Merlin, worauf hast du dich da bloß eingelassen …
Die großspurigen Gefühle und Worte, die noch vor dem Ausflug in die Stadt durch seinen Kopf gegeistert waren, hatten sich verflüchtigt und mittlerweile war er keineswegs mehr davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Bis jetzt hatte er sich immer den Anweisungen seines Vaters gefügt - es machte ihn nervös, nicht zu wissen, wie er auf solchen Widerstand reagieren würde.
Im Erdgeschoss brannte noch Licht, die Vorhänge waren zugezogen. Nur das Zirpen der Grillen begleitete Oliver, als er mit leisen Schritten den Gartenweg zur Haustür zurücklegte. Ihm kam der kurze, alberne Gedanke, dass er es vielleicht schaffen könnte, unbemerkt in sein Zimmer zu gelangen, doch er verwarf ihn sofort wieder. Vor seinem Vater blieb nichts lange verborgen, und wenn die Standpauke nicht jetzt kam, dann morgen früh. Zu keinem Zeitpunkt würde sie angenehm sein.
Die Haustür schwang ohne jegliches Geräusch auf, was Oliver im ersten Moment als gutes Zeichen empfand. Im Haus selbst war es still, die Wohnzimmertür war allerdings einen Spalt breit geöffnet; ein kleiner Lichtkegel fiel auf den Flur. Vorsichtig schloss der Gryffindor die Tür und tapste auf Zehenspitzen zur Treppe, während weiterhin alles still blieb; und er hatte gerade - erleichtert aufatmend - den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, als ihn eine scharfe Stimme zusammenzucken ließ.
„Wo bist du gewesen?“
Sein ganzer Körper erstarrte, er war unfähig sich zu bewegen. Eisige Kälte erfüllte ihn und alle Pläne, sich keine Blöße zu geben, standhaft zu bleiben, wurden allein durch die Stimme seines Vaters zunichte gemacht.
„Wo bist du gewesen? Bist du taub?“
Sean Wood wiederholte die Frage, dieses Mal schärfer und eindringlicher, und Oliver schaffte es endlich, sich umzudrehen und seinem Vater in das wutverzerrte, vom Zorn gerötete Gesicht zu sehen.
„Nein, bin ich nicht. Du brauchst mich nicht anzuschreien.“
Er versuchte, seine Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen, doch das war leichter gesagt als getan - in seinen Augen hörte er sich noch immer zu ängstlich an.
„Der Letzte, der hier Forderungen stellen kann, bist du, Freundchen!“, knurrte sein Vater bedrohlich, während er noch näher kam. „Und ich erwarte, dass du meine Frage beantwortest. Wo bist du gewesen, als du zum Training hättest hier sein sollen?“
„Unterwegs. Ich brauchte eine Pause, Dad!“
„Eine Pause! Pausen sind etwas für Schwächlinge! Verlierer! Bist du ein Verlierer?“
Kurzes Schweigen, dann - „Nein.“
„Sieht mir aber ganz danach aus!“, fuhr Sean Wood ihn an. „Wie soll aus dir jemals ein ordentlicher Hüter werden, wenn du keinerlei Disziplin zeigst?“
„Ich zeige Disziplin, ich -“
„Halt den Mund, Oliver. Du hast heute Abend bereits genug angerichtet.“
Die Schärfe dieser Worte brachte Oliver nur kurz zum Schweigen, dann jedoch besann er sich. Er wollte nicht schon wieder vor seinem Vater kuschen, wollte nicht der Schwächling sein, der er all die Jahre gewesen war.
„Nein, ich werde nicht den Mund halten, Dad“, sagte er deshalb mit fester Stimme und beobachtete, wie sein Vater fassungslos zu ihm aufsah. „Du redest die ganze Zeit von Pokalen und Siegen, aber hast du mich jemals gefragt, ob ich all diese Dinge genauso sehe wie du? Ich möchte den Hauspokal gewinnen, ja. Aber ich will nicht dabei mein Leben aufgeben müssen, verstehst du? Ich möchte mich auch zuhause frei fühlen können, nicht nur in Hogwarts. Aber das kann ich nicht! Ich lebe in einem verdammten Gefängnis!“
Sein Vater nahm diesen Wortschwall mit gerunzelter Stirn auf, dann seufzte er und er raufte sich das dichte, braune Haar, seine Züge wurden noch härter.
„Ich weiß nicht, was ich bei dir falsch gemacht habe. Zu gewinnen bedeutet frei zu sein. Und wenn du all die letzten Jahre nicht so klägliche Leistungen erbracht hättest -“
„Das hatte nichts mit mir zu tun“, knurrte Oliver mit zusammengebissenen Zähnen, doch es war zu spät - sein Vater war nicht mehr zu bremsen, und ein jedes seiner Worte war wie ein Stich ins Herz.
„Um Ausreden bist du niemals verlegen, was? Natürlich hat es mit dir zu tun, was denkst du denn? Dass du die Schuld immer deiner Mannschaft in die Schuhe schieben kannst? Nein, so läuft das nicht, Oliver. Nur durch Disziplin und Training kannst du das wieder gut machen, und bis dahin bist und bleibst du ein Verlierer -“
„Lass mich endlich in Ruhe!“, hörte Oliver sich da selber schreien und trat demonstrativ einen Schritt nach vor, obwohl er tief in seinem Inneren bebte und zitterte. „Ich hab es satt, ich hab deinen Drill so satt! Normale Väter tun das nicht, Väter -“
„Jetzt komm mir nicht auf die Tour!“, brüllte Sean Wood zurück und sah furchterregender aus denn je. „Als deine Mutter gestorben ist, habe ich die Verantwortung für dich übernommen -“
„Ach, dafür soll ich dir auch noch dankbar sein?“, zischte Oliver, wütend und gleichzeitig erschrocken über die Wendung, die der Streit inzwischen nahm. „In genau drei Tagen bin ich volljährig, und dann kannst du dir deine Verantwortung sonstwohin stecken!“
„So redest du nicht mit mir, junger Mann! So nicht! Solange du unter diesem Dach lebst, wirst du mich nicht los, das schwöre ich dir; nicht eher, bevor du nicht endlich gelernt hast, was Disziplin bedeutet! Und bis dahin wirst du keinen Fuß mehr nach draußen setzen, vorausgesetzt ich erlaube es dir ausdrücklich, haben wir uns verstanden?“
Oliver schwieg, was seinem Vater nur noch mehr Grund dazu lieferte, wütender zu werden.
„Haben wir uns verstanden?“
„Ja, Sir.“
Ihre Gesichter waren einander mittlerweile ganz nahe und der Gryffindor versuchte das Zittern zu unterdrücken, mit dem sein Körper dem Unbehagen über diese Behandlung Ausdruck verleihen wollte.
„Ich hasse dich.“
Die drei geflüsterten Worte waren ihm schneller über die Lippen gekommen, als ihm lieb war, doch er konnte nicht anders - sie entsprangen seinem Herzen, genährt von Wahrheit und Verzweiflung. Blinzelnd trat sein Vater einen Schritt zurück, denn so etwas hatte er noch nie zu hören bekommen, dann jedoch wandelte sich seine fassungslose Miene in stählerne Härte - und er holte aus.
Die Ohrfeige, halb Handfläche halb geschlossene Faust, traf Oliver völlig unvorbereitet und mit voller Wucht, er taumelte zurück und landete rücklings auf den Treppenstufen, die sich unbarmherzig in seinen Rücken bohrten, während sich ein stechender Schmerz auf seinen Lippen und seiner Nase ausbreitete und etwas Warmes über seinen Mund rann - Blut.
Erschrocken und mit schnell pochendem Herzen sah er zu seinem Vater auf, der offenbar selbst nicht so recht glauben konnte, was er getan hatte. Es war wie in einem Albtraum, aus dem es kein Entkommen gab, der ihn gefangen hielt, sein ganzes Leben lang. Er musste weg, und das schnell. Vieles hatte er seinem Vater zugetraut, wirklich vieles - diese Ohrfeige jedoch nicht. Dass er ihn geschlagen hatte, hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.
Mit zitternden Gliedern rappelte er sich auf, machte sich nicht einmal die Mühe, sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen und drängte sich an seinem Vater vorbei, der noch immer starr wie eine Statue mitten im Flur stand und ihn einfach nur anstarrte, zur Haustüre.
Erst als er die Klinke bereits heruntergedrückt und die Tür aufgerissen hatte, kam Leben in ihn.
„Du bleibst hier, Oliver!“
„Ich denk gar nicht dran!“, brüllte der Junge zurück und warf seinem Vater endlich den vernichtenden Blick zu, den er verdiente. Dann schlug er die Haustür so heftig hinter sich zu, dass er eine der Glasscheiben darin klirren hören konnte. In seinen Ohren sirrte es, sein Kopf begann zu schmerzen und sein Herz hämmerte gegen den Brustkorb, als wolle es im nächsten Moment herausspringen.
Die vorhin noch angenehm lauwarme Nachtluft war nun kalt geworden und lag kühlend auf seinen aufgeplatzten, geschwollenen Lippen, doch sie konnte den Schmerz nicht vertreiben, der sich sowohl auf seinem Gesicht als auch in seinem Inneren ausgebreitet hatte.
So sehr er auch verabscheute, was sein Vater ihm angetan hatte … es schmerzte ihn, dass dieser zu solchen Mitteln gegriffen und die Hand gegen ihn erhoben hatte.
Das Zittern wurde stärker, während er den Gartenweg entlanghastete und langsam in Laufschritt verfiel, immer weiter in die Dunkelheit. Wo sollte er hin? Bis auf seinen Vater hatte er niemanden, keine Verwandten, die ihn in dieser Nacht hätten aufnehmen können.
Der Ahornbaum schoss ihm plötzlich durch den Kopf; der Ahornbaum würde ihm wie schon so oft Schutz und einen Platz zum Nachdenken gewähren. Die Tatsache, dass er auf dem Land der Bells stand und er somit Katie näher war, konnte sich vielleicht tröstlich auf seine Lage auswirken.
Wie in Trance und von Zitteranfällen geschüttelt lenkte Oliver seine Schritte über mondbeschienene Wege und Wiesen zu dem alten, mächtigen Baum, der seine dunklen Äste in den sternenübersäten Nachthimmel streckte und ihn bereits zu erwarten schien. Bebend und ächzend zog er sich an den Ästen hinauf und ließ sich auf seinem üblichen Sitzplatz nieder, während sein Kopf zu explodieren drohte und das Blut, das mittlerweile sein Kinn erreicht hatte, auf sein Shirt tropfte und dunkle Flecken hinterließ.
Er hätte niemals mit Katie in die Stadt fahren dürfen, er hätte seinem Vater niemals Grund zu einer solchen Reaktion geben dürfen … Bei dem Gedanken an die Auseinandersetzung keimte Übelkeit in ihm auf und er versuchte, die stummen Krämpfe zu unterdrücken.
Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Hätte er es ertragen, hätte er die nächsten Tage überstanden bis zu seinem siebzehnten Geburtstag, dann wäre das nicht geschehen … dann hätte er gehen können, ohne gedemütigt worden zu sein …
In seinen Augen brannten heiße Tränen der Verzweiflung und der Wut, und er hieb mit der Hand auf den Ast ein, der darunter nur knarzte und ächzte.
Er war geliefert, eindeutig geliefert. Es schien unmöglich, seinem Vater je wieder unter die Augen treten zu können, ohne seinen Hass zu spüren, seine Verachtung …
Vielleicht hat er Recht … und du bist ein Verlierer. Ein kläglicher Versager, ein Verlierer … wer will schon einen Sohn wie du einer bist …?
„Oliver?“
Der Klang der vertrauten Stimme erschreckte ihn so sehr, dass er beinahe rücklings vom Ast fiel und sich gerade noch in die Balance bringen konnte. Instinktiv drehte er die verletzte Gesichtsseite in die entgegengesetzte Richtung als jene, aus der die Stimme gekommen war und spürte, wie sich trotz all der Anspannung sein Herzschlag zu verlangsamen begann.
„Katie … was machst du noch hier? Solltest du nicht zuhause sein?“ Seine Stimme klang brüchig und leise, und er hasste sich dafür.
Dumpfes Knacken verriet ihm, dass sie ebenfalls den Ahornbaum erklomm und neben ihn auf den mächtigen Ast rutschte.
„Da war ich auch“, erwiderte sie schlicht. „Aber als ich gerade zu Bett gehen wollte, sah ich dich hierher kommen …“
Wie hatte er vergessen können, dass man von ihrem Zimmer genau auf den Baum sehen konnte?
Nun war sie hier, sah ihn in seinem schrecklichen Zustand … er wollte das nicht, er wollte nicht, dass sie ihn so sah … Und trotzdem war er froh, dass sie hier bei ihm war …
„Was ist los, Oliver?“, wollte sie mit sanfter Stimme wissen, während ihre Hand vorsichtig nach der seinen suchte. „Ich spüre doch, dass etwas nicht stimmt! Schon lange Zeit.“
Er schwieg und betrachtete die Sternendecke über ihm, während sich widersprüchliche Gefühle in ihm breitmachten - einerseits wollte er nicht, dass sie davon erfuhr … andererseits wusste er, dass sie der einzige Mensch war, dem er sich würde anvertrauen können.
„Oliver, rede mit mir! Was ist passiert?“ Sie klang inzwischen verzweifelt, hilflos, und es brach ihm fast das Herz. Langsam, ganz langsam, drehte er den Kopf herum, bis sich ihre Blicke trafen und sie sehen konnte, was los war.
Sie zuckte spürbar zurück, als sie seine aufgeplatzten Lippen bemerkte, das Blut, das aus seiner Nase lief und auf sein Shirt tropfte, und in ihren Augen stand pures Entsetzen.
„Oliver …“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern. „Wer hat dir das angetan?“
Er antwortete nicht, schüttelte nur stumm den Kopf und wandte den Blick wieder in Richtung Himmel. Sein Körper bebte mittlerweile unübersehbar, er konnte das Zittern nicht mehr länger unterdrücken, das aus seinem Innersten zu kommen schien; die Tränen brannten immer heißer in seinen Augen.
„Oliver, bitte!“ Katies Stimme war zu einem Flehen geworden, als sie näher an ihn heranrückte und versuchte, mit einem Ärmel ihres Shirts das Blut von seinem Kinn zu tupfen, doch er ließ es nicht zu und schob ihre Hand beiseite.
„Sieh mich an“, forderte sie in sanftem Ton, ignorierte seinen Protest und berührte sein Kinn, um seinen Kopf wieder zu ihr zu drehen. Der Blick, der in seinen Augen loderte, musste sie erschrecken, denn sie zuckte kaum merklich zusammen, hielt ihm jedoch stand und versuchte die Botschaft zu ergründen, die in seinen Gesichtszügen voller Hass und Abscheu lag … und er beobachtete, wie ihre Augen größer wurden, sie ungläubig den Kopf schüttelte und die Hand vor den Mund schlug, als ihr die schreckliche Erkenntnis dämmerte.
„Dein Vater?“
Diese Worte ließen den letzten Widerstand in ihm brechen, schmerzten zu sehr, als dass er sie einfach so hinnehmen konnte - ja, sein Vater hatte es getan. Sein eigener Vater …
Zitternd sackte er zusammen, direkt in Katies Arme, die sie schützend um ihn legte, ihn auffing, ihn zu sich zog und über sein Haar strich, während sich auf ihrem Shirt nicht nur das Blut, sondern auch Tränen abzuzeichnen begannen.
„Es ist gut, Oliver … Ich bin ja hier, hörst du? Ich bin bei dir“, flüsterte sie erstickt und strich ihm sanft übers Haar. Er zitterte stark und sie hatte das Gefühl, dass er es nicht kontrollieren konnte, leises abgehacktes Schluchzen drang zwischen dem Gewirr von Haaren und Stoff hervor, begleitet von Wortfetzen, die Katie erst nach und nach verstand …
„Ich hab mich nicht gewehrt … ich hab mich einfach nie gewehrt …“
Sein Schluchzen klang nun noch abgehackter und Katie strich ihm über die bebenden Schultern. Es tat gut, sich nicht mehr gegen die schmerzhaften, aufwühlenden Gefühle stellen zu müssen, endlich alles herauslassen zu können, was ihn bedrückte - auch wenn es ihm lieber gewesen wäre, sie hätte ihn niemals in diesem Zustand gesehen.
„Willst du mir erzählen, was passiert ist?“, wisperte sie vorsichtig, als er sich einigermaßen beruhigt hatte und zerknirscht die Tränen- und Blutspuren auf ihrem Shirt betrachtete. „Vielleicht… vielleicht geht es dir dann besser.“
„Das glaube ich nicht“, antwortete Oliver mit erstickter Stimme und drückte ihre Hand, die nun schon seit geraumer Zeit in der seinen lag.
Und doch … war etwas Falsches daran, sich ihr zu offenbaren? Endlich jemanden zu haben, dem er alles anvertrauen konnte? Einerseits wollte er sie nicht damit belasten, ihr all das ersparen, was sie zu hören bekommen würde … andererseits musste es aus ihm heraus.
So brach es aus ihm hervor; Worte, die erst fast schon sicher und fest klangen, sich jedoch immer mehr in Heiserkeit und Schmerz verloren. Er wusste nicht, wie lange er dasaß und redete und sie ihm einfach zuhörte, doch er wusste, dass es ein befreiendes Gefühl war, das er selten zuvor in seinem Leben gespürt hatte. Sie erfuhr alles - vom Siegerwahn seines Vaters, den morgendlichen und nächtlichen, kaum zumutbaren Trainingseinheiten auf dem Feld, dem Druck, dem standzuhalten immer schwerer und schwerer geworden war und schließlich von der Auseinandersetzung, die in einer derartigen Katastrophe geendet hatte.
„Merlin“, war das einzige, das Katie hervorbrachte, als Oliver stockend geendet hatte und den Kopf gegen ihre Schulter lehnte, um all die dunklen Bilder beiseite schieben zu können, die mit den Erzählungen in seinen Gedanken aufgetaucht waren. „Wieso … wieso hast du mir nicht schon früher davon erzählt, Oliver? Ich hätte dir helfen können, ich bin deine Freundin, ich wäre für dich da gewesen -“
„Du bist jetzt für mich da“, erwiderte er schlicht. „Das ist schon mehr, als ich je von dir verlangen wollte.“
„Sag nicht solche dummen Sachen“, schalt sie ihn sanft, während sie ihre Stimme so unbesorgt wie möglich klingen ließ, es aber nicht schaffte, das Entsetzen ganz daraus zu verbannen. „Fühlst du dich besser?“
„Ein wenig.“ Immerhin, ein schwaches Lächeln huschte über seine geschwollenen Lippen. „Danke.“ Es war nicht mehr als ein heiseres Flüstern, das er hervorbringen konnte, doch er wusste, dass sie die ehrlichen Gefühle, die darin lagen, sehr wohl verstand.
Die Jägerin küsste ihn sanft auf die Stirn und zog ihn wieder fester an sich heran. Es tat gut, hier zu sitzen, in ihren Armen, mit ihren Lippen auf der Haut und den wohltuenden Worten auf der Seele, die so gelitten hatte …
Eine Zeit lang saßen sie einfach nur da und lauschten dem nächtlichen Zirpen der Grillen, die übermütig in den langen Gräsern auf der Wiese unter ihnen ihr Unwesen trieben. Die Atmosphäre wurde unwillkürlich entspannter, so wie auch Oliver sich entspannter fühlte, je länger er auf diesem Ast an ihrer Seite saß.
„Ich denke“, meinte er schließlich nach einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, „ich denke, ich werde nach Hause gehen.“
Katie fuhr herum, ihre Augen blickten ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen an. „Warum?“
„Weil ich mich ohnehin nicht verstecken kann“, murmelte er leise und löste sich aus ihrer Umarmung. „Er wird mich immer finden, immer und überall. Solange ich nicht volljährig bin, kann ich mich nicht verstecken.“
„Aber das bist du bald!“, rief Katie protestierend aus und wollte ihn sichtlich davon abhalten, seinen Worten Taten folgen zu lassen. „In zwei Tagen bist du siebzehn und brauchst es nicht mehr zu ertragen und bis dahin … bis dahin bleibst du bei uns oder -“
„Katie.“ Seine Hand ergriff die ihre und drückte sie, in seinen Augen lag ein Ausdruck, der nur zu deutlich sagte, dass sie ihn nicht würde umstimmen können. „Wenn es Worte dafür gäbe, würde ich dir sagen, wie viel es mir bedeutet, dass du jetzt bei mir bist. Aber ich muss es tun. Zwei Tage … in zwei Tagen werde ich wohl frei sein …“
Mit diesen Worten hauchte er ihr einen kurzen Abschiedskuss auf die Stirn, betupfte ein letztes Mal seine Lippen und schwang sich den Baum hinunter. Es musste sein. Auch wenn er damit eine zutiefst entsetzte und mitfühlende Katie zurückließ.
Ein dumpfer Aufprall verriet, dass er auf dem Boden angekommen war, gefolgt von leisen, flinken Schritten durch das hohe Gras, die langsam in der nächtlichen Stille verebbten und nur das Zirpen der Grillen zurückließen.
…
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