
von Lalaith
Vielen vielen lieben Dank für eure Reviews! :) Ja, Oliver muss eine schwere Zeit durchmachen ... aber Gott sei Dank hat er Katie, die ihm dabei zur Seite steht - was sie in diesem Kapitel auch besonders aktiv vorhat ^^ Ich hoffe, es gefällt euch!
4. Kapitel Kein Weg zurück
Das Haus der Woods lag still und friedlich da, als Oliver auf leisen Sohlen den Gartenweg entlang schlich. Keines der Fenster war mehr erleuchtet, und etwas in seiner Brust entspannte sich zusehends. Das bedeutete, dass sein Vater nicht auf ihn gewartet hatte und ihn nicht mit einer Standpauke oder noch einer Ohrfeige erwarten würde, sobald er durch die Eingangstür kam. Wenigstens für ein paar nächtliche Stunden würde er seine Ruhe haben.
Leise und darauf bedacht, möglichst keine Geräusche zu verursachen, schlüpfte der Gryffindor durch die Tür und huschte die Treppe hinauf; stets aufmerksam und hellhörig, falls irgendwelche Laute darauf hinweisen sollten, dass sein Vater noch nicht zu Bett gegangen war.
Als er endlich seine Zimmertür erreicht hatte und sie nur einen Augenblick später hinter sich schließen konnte, entwich ihm ein langer, tiefer Seufzer. Sein Herz, das bei seiner Ankunft noch wild vor Aufregung gegen seinen Brustkorb gehämmert hatte, beruhigte sich zusehends und ließ nur schwelenden Zorn zurück. Zorn, der noch weiter in ihm aufkeimte, als er mit den Fingerspitzen die geschwollene, ein wenig verkrustete Lippe betastete. Zorn, der nur von dem angenehmen Gefühl der Freude, der Zuneigung, gemildert wurde.
Katie …
In der letzten Stunde hatte sie so unsagbar viel für ihn getan, und er empfand so viel Zuneigung für sie, dass er glaubte, sie würde seine Brust zerspringen lassen. Noch als er unter seinen kühlen Laken lag und das Zirpen der Grillen durch das gekippte Fenster hereindrang, war es, als spüre er noch immer ihre Lippen auf seiner Stirn, seiner Wange, überall. Es war, als wäre sie noch immer bei ihm und würde ihn auffangen, ihn halten und vor den schrecklichen, dunklen Gedanken bewahren, die ihn nun heimzusuchen drohten.
Die Ohrfeige brannte plötzlich heiß in seinem Gesicht, prägte ihm den Schmerz und die Demütigung ein, die er in dieser Nacht erfahren hatte. Zorn kochte in ihm hoch und er hieb in seine Bettdecke, um die Ohrfeige vergessen zu machen, den Schmerz zu tilgen - doch es ging nicht. Der Schmerz nahm Überhand und verdrängte all die Gefühle, die er zuvor für Katie gehegt hatte.
„Ich hasse dich“, flüsterte der Gryffindor in die Stille hinein und wiederholte damit die Worte, die ihn in diese Misere gebracht hatten. „Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich …“
Doch die Dunkelheit und Einsamkeit des Zimmers antwortete nicht; ließ ihn alleine in seiner Wut und Verzweiflung, und als die Erschöpfung die Angst vor dem nächsten Morgen übermannte, sank Oliver in einen unruhigen Schlaf voll von Träumen, in denen der Parcours auf dem Feld kein Ende hatte und die Ohrfeige seines Vaters noch heftiger ausfiel …
Als ihn die Hand erneut mit voller Wucht traf, schreckte der Gryffindor aus dem Schlaf hoch; schweißgebadet und so verspannt wie schon lange nicht mehr. Jeder einzelne Muskel in seinem Körper schien ihm seinen Schmerz lautstark kundtun zu wollen und machte es fürs erste unmöglich, sich richtig zu bewegen. Die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen fielen bereits durch das Zimmerfenster und blendeten ihn. Er hatte das Gefühl, nicht einmal fünf Minuten geschlafen zu haben.
Blinzelnd und gähnend rappelte er sich endlich hoch und machte sich ächzend auf die Suche nach sauberer Kleidung, die nicht von seinem Blut befleckt war. Als er das Shirt, das er noch in der Nacht getragen hatte, auf seinem Wäschestapel liegen sah, hatte er das dringende Gefühl, sich übergeben zu müssen.
Es war die schrecklichste Nacht seines Lebens gewesen.
Sofort kehrte die Angst in seine Brust zurück, genährt von den unheilvollen Geräuschen, die ihm zeigten, dass sein Vater bereits wach und im Haus unterwegs war. Oliver hatte keine Ahnung, was ihn erwartete, wenn er einen Fuß aus seinem Zimmer setzte, und diese Ungewissheit ließ keinerlei positive Gedanken zu.
Fast bereute er es, noch einmal hierher gekommen und nicht bei Katie geblieben zu sein; doch es musste sein. Immerhin dauerte es nurmehr einen Tag, bis er volljährig wurde; und dann konnte er seine Sachen packen, den Schlüssel zu seinem Verlies in Gringotts an sich nehmen und seiner Wege gehen, wann und wohin immer er wollte.
Diesen Zeitpunkt galt es nun mit aller Geduld und aller Kraft, die er aufbringen konnte, abzuwarten.
Als er endlich in frische Sachen geschlüpft war und seine zerzausten Haare etwas in Ordnung gebracht hatte, wagte er sich mit stark klopfendem Herzen hinaus in den Flur. Im ersten Stock schien alles ruhig zu sein; sein Vater musste sich wohl bereits ein Stockwerk tiefer befinden, in welchem Raum auch immer.
Beim Gedanken an das wutverzerrte Gesicht seines Vaters zog sich Olivers Magen fast schon schmerzhaft zusammen und ein großer Teil von ihm schrie danach, sich in wieder in sein Zimmer zurückzuziehen und den Sturm lieber dort zu erwarten, als ihm willentlich zu begegnen.
Der kleinere Teil von ihm jedoch war mutiger.
Es war genauso, wie er noch letzte Nacht gesagt hatte - er konnte sich nicht verstecken.
Sean Wood saß bereits am Esstisch, als Oliver ein paar Minuten später schweigend die geräumige Wohnküche betrat; den Tagespropheten vor sich aufgeschlagen und eine Tasse mit Tee in Händen. Er blickte nicht einmal auf, als sein Sohn auf die Küchenzeile zusteuerte und sich - etwas schwungvoller als beabsichtigt - Orangensaft einschenkte. Ein kleiner Teich aus Saft bildete sich auf der marmornen Oberfläche.
Erst als Oliver einige Augenblicke voll Schweigen später Anstalten machte, die Wohnküche wieder zu verlassen, hob sein Vater den Blick von der Zeitung und taxierte ihn mit seinen stechenden, dunklen Augen. Nur den Bruchteil einer Sekunde lang verweilten sie auf der dünnen Kruste, die sich auf Olivers Lippe gebildet hatte.
„Ich will dich um halb zehn da draußen sehen“, sagte Sean Wood schließlich schlicht und wandte sich wieder dem Tagespropheten zu, doch die versteckte Schärfe und Unbarmherzigkeit in seiner Stimme jagte Oliver kalte Schauer über den Rücken.
„Dad, ich -“
„Ich werde dich um halb zehn da draußen sehen“, unterbrach Sean Wood unbekümmert den schwachen Versuch seines Sohnes, die Geschehnisse der letzten Nacht anzusprechen. Seine Worte zeugten von einer derartigen Bestimmtheit, dass Oliver nichts weiter übrig blieb, als sich wortlos umzudrehen und den Raum zu verlassen; und während sich sein Äußeres erneut beugte, schrie sein Innerstes.
Nur eine halbe Stunde später fanden sich Vater und Sohn zur vereinbarten Zeit auf dem Feld hinter dem Haus wieder; und an dem Szenario des vorigen Morgens hatte sich nichts geändert.
„Los jetzt! Und eins, und zwei, und eins, und zwei … Wer nicht kämpft, wird verlieren!“
Die Worte dröhnten in Olivers schmerzendem Kopf, doch er kämpfte verbissen darum, sich seinen Schmerz nicht anmerken zu lassen. Nun war auch kleinste Hoffnung, sein Vater hätte aus den Ereignissen der Nacht etwas gelernt, zerstört worden; überrollt von Enttäuschung und stechendem Schmerz, der sich von seinem Zwerchfell aus in alle Gliedmaßen ausbreitete.
Schwer atmend vollendete er den Parcours und wich stolpernd einem magischen Hindernis aus, das ihm den Weg versperrte.
Noch ein Schritt und ich sterbe … noch ein Schritt und ich sterbe …
Er konnte nicht mehr, der Schmerz in seinen Beinen gewann die Überhand.
Vollkommen kraftlos sackte er in sich zusammen und landete nicht gerade sanft auf dem sandigen Boden; der Aufprall verstärkte das Dröhnen in seinem Schädel und brachte doch so etwas Befreiendes mit sich … immerhin brauchte er nicht mehr zu laufen. Zumindest für den Moment.
Schon nahten die unheilvollen Schritte seines Vaters heran, begleitet von leisem Fluchen; nur Sekunden später fiel ein Schatten über den am Boden liegenden Gryffindor und schirmte ihn von der unbarmherzigen Sonne ab.
„Was soll das, Junge? Los, hoch mit dir! Sofort!“
Doch Oliver rührte sich nicht; nahezu reglos und flach atmend lag er seinem Vater zu Füßen und schaffte es gerade noch, schwach den Kopf zu schütteln und ein leises, heiseres „Nein“ zu erwidern.
Für einen Augenblick schien es Sean Wood die Sprache verschlagen zu haben, doch nur Sekunden später kam Leben in ihn; leise fluchend packte er seinen Sohn an den Schultern und zog ihn nicht gerade sanft zurück in die Vertikale, doch noch bevor Olivers Beine wieder nachgeben konnten, erschallte plötzlich eine scharfe Stimme über das Feld.
„Lassen Sie ihn sofort in Ruhe!“
Sowohl Olivers Kopf als auch der seines Vaters ruckten überrascht herum und was sie sahen, löste bei dem einen Zorn, bei dem anderen allerdings unbändige Erleichterung aus.
Katie Bell stand nur wenige Meter entfernt am Rande des Feldes, die Hände in die Hüften gestemmt und mit gefährlich blitzenden Augen. Der Schrecken dessen, was sie in der letzten halben Stunde in ihrem Versteck im Gebüsch hatte sehen müssen, war ihrer Miene noch deutlich abzulesen.
Oliver konnte sich vorstellen, dass sie sich mutiger gab als sie sich fühlte - und doch … die entscheidende Frage war: Wie lange beobachtete sie sie schon? Und weshalb war sie hergekommen?
Nach der ersten Schrecksekunde ließ Sean Wood seinen Sohn los, so dass dieser wie ein schwerer Sack zurück auf den sandigen Boden plumpste und machte ein paar Schritte auf den für ihn ungebetenen Gast zu.
„Sieh an, das Bell-Mädchen“, meinte er sichtlich ungehalten und legte den Kopf schief. „Ich wüsste nicht, was dich das hier angeht -“
„Oh doch, das weiß ich ganz genau“, unterbrach Katie ihn mit einer Schärfe in der Stimme, die selbst den völlig ausgelaugten Oliver zusammenzucken ließ. „Sie … Sie tun ihm nicht gut. Sie machen ihn kaputt, sehen Sie das nicht?“
Für einen Moment war Olivers Vater still; sein Blick wanderte abschätzend von Katie zu Oliver, dann verengten sich seine Augen und er schüttelte den Kopf.
„Jetzt wird mir einiges klar“, grollte er und trat näher an Oliver heran. „Junge, wie oft habe ich dir gesagt, dass … dass du mit Frauen keinen Pokal gewinnst, he? Wie oft? Und anstatt zu trainieren, treibst du dich mit -“
„Halten Sie sofort die Klappe, Sie unmöglicher Mensch!“, unterbrach Katie ihn mit einer Stimme wie ein Donnerschlag und tatsächlich - Sean Wood hielt inne, sichtlich aus der Fassung gebracht.
„Wie bitte?“
„Sie haben mich schon verstanden, Mr Wood.“ Die Jägerin ließ sich weder von gefährlichen Blicken noch von einer scharfen Stimme beeindrucken, so viel stand fest. „Es wird Zeit, dass Sie endlich begreifen, dass Sie Olivers Vater sind, und nicht sein Trainer! Er ist doch keine … keine Maschine, die man einfach so auf Sieg programmieren kann!“
Sean Woods Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als ihm diese Worte an den Kopf geschleudert wurden und er warf Oliver einen verächtlichen Blick zu, ganz so als wollte er ihm sagen: Und du lässt dich von einem Mädchen verteidigen …
Dann allerdings wandte er sich wieder Katie zu, zorniger als zuvor.
„Hüte deine Zunge, Mädchen“, fauchte er ungehalten. „Was ich auf meinem Grundstück tue und lasse, geht niemanden etwas an. Auch dich nicht. Und deshalb wäre es besser für dich, und für dich“, fügte er mit einem raschen Seitenblick auf Oliver hinzu, „wenn du jetzt verschwindest und uns unsere Arbeit machen lässt.“
Katies Antwort auf diese Schimpftirade beinhaltete nicht das kleinste Zögern.
„Nein, das werde ich nicht“, meinte sie mit erstaunlich fester Stimme. „Zumindest nicht ohne Oliver.“
Bei diesen Worten warf sie ihm einen bedeutungsvollen Blick zu, den er halb erleichtert, halb fassungslos erwiderte. Dieses Mädchen erstaunte ihn mit jedem Treffen mehr.
„Oliver, komm“, drang in diesem Moment ihre plötzlich sanft gewordene Stimme an seine Ohren und er schaffte es, den Kopf zu heben - es war, als trage ihre Stimme dazu bei, dass er sich unbeschwerter und frei von allen Schmerzen fühlte. „Lass uns gehen.“
In diesen drei schlichten Worten lag die Aussicht auf eine bessere Zukunft, verlockend und begehrt - und trotzdem konnte der Gryffindor nicht umhin, seinem Vater einen kurzen, vorsichtigen Blick zuzuwerfen.
Sean Wood stand wie vom Donner gerührt da; unfähig, zu alldem noch irgendetwas zu sagen. Er sah seinen Sohn nicht einmal an, sondern fixierte scheinbar höchst nachdenklich einen Punkt zu seinen Füßen.
Oliver deutete es als höchst willkommenes Zeichen.
Wie von einer unsichtbaren Kraft angespornt rappelte er sich hoch und tat einige Schritte - erst leicht schwankend, dann immer standhafter - in Katies Richtung.
Die Jägerin empfing ihn mit einem aufmunternden Lächeln, das ihm frische Kraft verlieh; ihr Kopf ruckte in Richtung Haus und ihr Blick schien ihm zu sagen: Geh nur. Ich bleibe hier und warte auf dich. Ich lasse nicht zu, dass er dir noch mehr antut.
Plötzlich schienen ihn seine Beine von alleine tragen zu wollen; seine Schritte wurden schneller und schneller, je näher er dem Haus kam. In die schwache Euphorie in seinem Herzen mischte sich jedoch das Gefühl der Angst - es behagte ihm ganz und gar nicht, Katie alleine bei seinem offensichtlich fassungslosen Vater zurückzulassen; doch je schneller er zurück war, so sagte er sich, desto geringer war das Risiko, dass sein Vater sie vom Grundstück vertrieb und so die letzte Möglichkeit zu einer neuen Zukunft zunichte machte.
Es hat ein Ende … es hat ein Ende …
In seinem Zimmer angekommen packte der Gryffindor blind vor Aufregung die größte Reisetasche, die er finden konnte und begann, seinen Kleiderschrank und sein wichtigstes Hab und Gut - darunter seine Schulsachen und sein Besen - darin zu verstauen. Hätte man ihn unterbrochen und gefragt, hätte er wohl keine Auskunft darüber geben können, was er gerade eingepackt hatte - dazu war er viel zu aufgewühlt.
Katies Erscheinen auf dem Feld hatte ihn vollends aus der Bahn geworfen, doch seltsamerweise nicht im negativen Sinn. Es war, als hätte sie ihm eine bisher verschlossene Tür geöffnet und ihn mit einem mächtigen Tritt über die Schwelle befördert.
Ein - wie er hoffte - letztes Mal sah er sich in seinem Zimmer um und ein seltsam wehmütiges Gefühl überkam ihn bei dem Gedanken, all das zurücklassen zu müssen - immerhin war. Und doch … es war besser so.
Als Oliver schließlich, mit zitternden Knien und rasenden Gedanken, wieder auf das Feld kam, stand Katie noch immer an derselben Stelle; die Schultern gestrafft und ein gefährliches Glänzen in den Augen. Unter ihrem Blick wäre sogar Professor Snape in die Knie gegangen - zumindest glaubten Olivers wirre Gedanken dies in jenem Moment.
Sean Wood war zwar noch nicht in die Knie gegangen, wirkte aber bei weitem nicht mehr so bedrohlich wie noch vor zehn Minuten; im Gegenteil. Er ließ die Schultern hängen und schien frei jeglicher Lebenskraft, ganz so als hätte ihm ein Dementor die Seele aus dem Leib gesaugt. Sein Blick hatte auf der entschlossenen Gestalt Katies gelegen; als sein Sohn aber zurückkam, wanderten seine Augen zu ihm.
Oliver jedoch blieb standhaft und ließ den undefinierbaren Blick, der wohl irgendwo zwischen Zorn und Enttäuschung schwankte, an sich abprallen. Er schulterte seine große Reisetasche neu und nahm seinen Platz neben Katie ein, die ihm aufmunternd zulächelte.
„Bist du soweit?“
Der Gryffindor konnte nicht umhin, zu lächeln. Im Vergleich zu ihrem Ausbruch war seine Jägerin nun wieder die Sanftheit in Person - die liebe, sanfte Katie Bell. Er fragte sich für einen Moment, warum er nie gesehen hatte, wie mutig und selbstbewusst sie wirklich war - und wieso sie sich so sehr für ihn einsetzte.
„Ich … ich denke schon.“
„Dann lass uns gehen.“
Sean Wood zuckte bei diesen Worten fast unmerklich zusammen, doch Oliver beachtete diese kurze Gefühlsregung nicht. Nachdem er seinem Vater einen letzten Blick, in den er - so hoffte er - all die Abneigung, die er gegen ihn hegte, gelegt hatte, zugeworfen hatte, nahm er Katie bei der Hand und schickte sich an, sein Zuhause zu verlassen - ob für immer oder nicht, wusste er nicht.
Sie waren keine fünf Schritte gegangen, als sein Vater plötzlich seine Stimme wiederfand.
„Du kannst nicht gehen, Oliver. Das kannst du nicht.“
Täuschte er sich, oder war ein Hauch von Verzweiflung aus seines Vaters Tonfall herauszuhören?
Oliver hielt inne, seine Finger krampften sich um Katies Hand und drückten sie fester als beabsichtigt. Langsam, sehr langsam, wandte er sich um und versuchte, sein Gesicht zu einer Maske erstarren zu lassen. Eine Maske, die nicht zeigen sollte, welch Sturm in seinem Inneren tobte.
„Doch, Dad“, erwiderte er mit heiserer Stimme. „Das kann ich.“
Einen Augenblick lang standen sie sich schweigend gegenüber, Sean Wood schien es die Sprache verschlagen zu haben. Er hatte seinen Sohn wohl noch nie so stark und rebellisch erlebt. Oliver hingegen war erstaunt, dass sein Vater keine Anstalten machte, ihn aufzuhalten, als er gemeinsam mit Katie das Feld in Richtung Freiheit verließ. Ein sanfter Händedruck seiner Freundin nahm schließlich die Anspannung von ihm und er brachte - wenn auch zaghaft - ein schwaches Lächeln zustande. Den ersten Schritt, der ihm so groß und unüberwindbar erschienen war, hatte er getan. Und jetzt, so dachte er bei sich, als sie Katies Haus erreichten und von Mr und Mrs Bell freundlich begrüßt wurden, durfte er nicht mehr zurückblicken.
Um zwölf Uhr Mitternacht spielte dies ohnehin keine Rolle mehr.
Um zwölf Uhr Mitternacht war er, Oliver Calum Wood, ein erwachsener Zauberer, ohne Bürden und Grenzen; und diese Vorstellung machte ihn glücklicher als kaum etwas je zuvor.
…
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