Kinder liebten Halloween. Den Tag, wo Kürbisse mit eingeschnittenen Grimassen auf der Terrasse standen. Den Tag, an dem Vampire, Hexen, Elfen, Monster und Zauberer an Türen klopften und >Süßes oder Saures< riefen.
Lily Potter stand am Küchenfenster, ihre Augen folgten den vorbeigehenden, verkleideten Kindern. Ihre Hände umklammerten die Tasse, in dem dampfender, heißer Kräutertee schwamm.
Aus dem Wohnzimmer hörte sie die lustigen Geräusche, die James machte und das darauf folgende, niedliche Lachen ihres Sohnes.
Lily entwich ein wehmütiges Seufzen, sie stellte die Tasse auf den Küchentisch und legte ihren Zauberstab daneben.
»Was ist los, Lily?«
Sie spürte, wie sich zwei, starke Arme von hinten um sie schlangen und lehnte ihren Kopf an die Schulter, atmete dabei den vertrauten Geruch, der ihre Knie immer noch zu Butter werden ließ, tief ein.
»Was soll schon sein? Holly ist tot, Remus lässt keinen an sich ran, Crystal arbeitet ge-«, Lily konnte ihren Satz nicht beenden.
James drehte sie ruckartig um, umfasste ihre Schultern und schaute ihr eindringlich in die grünen Augen. »Lily, wir lieben dich alle. Ich, Harry, Sirius, Remus, Peter, ja auch Crystal.«
Für eine Weile sagte keiner von ihnen etwas. Lily ließ die tröstenden Worte auf sich einwirken und James genoss einfach die Zweisamkeit, die ihnen in letzter Zeit fiel zu oft verwehrt wurde.
Derweilen schritt eine hoch gewachsene, vermummte Gestalt durch Godric’s Hollow.
Dichter Nebel züngelte sich über den Asphalt und die vorbeilaufenden Kinder sahen aus wie gleitende Schatten.
Vor den Toren aus Eisen stoppte die Gestalt und schaute zu dem Potter Anwesen hoch.
In einem Fenster brannte Licht und man konnte eine rothaarige Frau erkennen, die sich gerade von einem großen Mann löste.
Ein kaltes Lächeln huschte über das bleiche Gesicht der Gestalt, ehe er seinen Zauberstab hob und ihn schwenkte.
Die Tore öffneten sich mit einem leisen Knarren und nun konnte Lord Voldemort diejenigen umbringen, die ihm schon zu lange im Weg standen.
James stockte in seinen Bewegungen. Er hätte schwören können, dass er die Tore quietschen gehört hatte. Misstrauisch nährte er sich dem Fenster und schaute raus. Das, was er sah, ließ in ihm die größte Angst und Panik hochsteigen.
»Lily! Hol Harry! Er ist da!«
Für eine Millisekunde blieb der Rothaarigen die Luft weg. Kein Funken Sauerstoff gelang in ihre Lungen, in ihren Augen stand pures Entsetzen.
Dann setzte sich ihr Körper wie automatisch in Bewegung. Sie hob den irritierten Harry aus seinem Laufstahl und ihre Beine brachten sie so schnell wie noch nie zuvor die Treppen hoch.
Nicht mal in der einen Nacht, als sie sich mit Crystal und Holly bei Vollmondnacht aus dem Schloss gestohlen hatte, war sie so schnell gewesen.
Lily ließ die Tür zum Kinderzimmer hinter sich zu fallen, als sie einen dumpfen Schlag hörte, wie ein Körper, der leblos zu Boden fiel.
Die Tränen liefen ihr über die Wangen, aber sie ließ keinen Schluchzer hören.
Sie umklammerte ihren Sohn fester und versuchte zu apparieren, doch … es klappte nicht.
Wut kroch in ihr hoch. Voldemort musste einen Anti-Apparations-Zauber über das Anwesen gelegt haben.
Harry patschte auf den tränennassen Wangen von Lily herum und fing an, etwas vor sich hin zu brabbeln.
Vielleicht einige Worte, um die Rothaarige aufzumuntern.
Lily hielt sich die Hand vor den Mund, um die verräterischen Schluchzer zu unterdrücken und schaute auf ihren Sohn herunter.
Sie war seine verdammte Mutter, sie würde ihr Leben für das ihres Sohnes opfern. Ohne zu zögern.
Dann fielen die Erinnerungen über sie.
Die Albträume, die sie in ihrem siebten Jahr gehabt hatte.
Wenn sie sie doch nicht so ignoriert hätte … Dann wäre jetzt vielleicht Holly am Leben, Remus würde zum Leben zurückkehren können, Crystal wäre keine gezwungene Todesserin und Sirius kein einsamer, von der Liebe hintergangener Junggeselle.
Wieder fielen alte Erinnerungen über sie. Der Tag, an dem sie Severus in der verbotenen Abteilung erwischt hatte. Das schwarzmagische Buch, das sie kurz darauf entdeckt hatte. Der Zauber …
Innerlich schlug sich Lily gegen die Stirn. Merlin, sie war so hohl!
Panisch sprang sie hoch, als die Tür mit einem Krachen aus den Angeln gerissen wurde. In demselben Moment, wo Voldemort anfing zu sprechen, hob Lily ihre Stimme: »Tempus Ensomito!«
Die Uhr hörte aufzuticken, als alles erstarrte. Lily, Harry, Voldemort. Die nachtschwarzen Wolken und der dichte Nebel verschwanden. Der Himmel wurde hellblau und die Vögel fingen an zu zwitschern.
Von dem sattlichen Anwesen war nichts mehr zu sehen. Nur eine grüne, riesige Wiesen und ein kleiner Teich befanden sich auf dem Platz.
Plötzlich drang aus einem der Häuser, die in einigen Metern Entfernung standen, ein gellender Schrei: »Verdammte Drachenscheiße! Prongs, steh auf!«
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