
von ...
Die Sonne war schon lange untergegangen und nur noch die unglücklichsten Beamten saßen in ihren kleinen Büros und erledigten den noch ausstehenden Papierkram. Im zweiten Stock, der Aurorenzentrale, hockte nur noch ein übermüdeter Mann und rührte mit einem kleinen Silberlöffel seine vierte Tasse Kaffee um. Meryl, seine vollbusige Sekretärin war vor einer halben Stunde nach Hause gefloht und ließ ihn hier in seiner Einsamkeit zurück. Niemandem gefiel der Nachtdienst und doch musste sich David Martello eingestehen, dass er lieber hier als daheim bei seiner immer schlecht gelaunten Ehefrau und seinen drei aufgedrehten Kindern war.
Seufzend stellte er die 'Bester Daddy'-Tasse beiseite und fuhr sich mit den Händen durch die dunkelgrauen Haare. Keiner würde ihn heute Nacht brauchen. Seit dem endgültigem Sturze Lord Voldemort's vor sieben Jahren, ging es mit Zaubereiministerium generell zwar bergauf, aber mit der Zeit bekam die Aurorenzentrale immer weniger zu tun und musste sich immer öfter mit Kleinigkeiten, wie einen Irrwicht auf dem Dachboden herumschlagen.
Plötzlich klopfte es an der Tür und David schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er sah auf die große rote Kuckucksuhr an der Wand: 23:47 Uhr.
„Wer ist das denn um diese Uhrzeit?“, murmelte er in seinen stoppligen Dreitagebart hinein. Mühsam richtete er sich von dem unbequemen Holzstuhl auf und ging mit großen Schritten über die knarzenden Dielen zur Tür hinüber. Mit einem quietschenden Geräusch öffnete er sie und sah geradewegs in das mollige Gesicht eines kleinen Zauberers im himmelblauen Umhang.
„Was will die Zentralverwaltung denn diesmal?“, grummelte er und ließ den blonden Neuling mit den Akten unter dem Arm widerwillig eintreten. „Geht es wieder um diese dämlichen Lohnkürzungen? - Wir kriegen schon kaum einen Knut, ich weiß wirklich nicht, was ihr uns da noch wegnehmen wollt!“
Angewidert sah sich Richard Forbes, Praktikant bei der Zauberei-Zentralverwaltung und Muttersöhnchen erster Stunde in dem miefigen Büro um und rümpfe arrogant die kleine Knollnase.
„Keine Angst, Martello“, sagte er und strich mit einem Wurstfingen über den staubigen Eichenschreibtisch. „Den angemessenen Lohn für eure - naja, lass uns ehrlich sein - niedere Arbeit“ Er drehte sich um und sah David lachend in die dunkelbraunen Augen, die ihn böse anfunkelten. „Den werdet ihr noch früh genug bekommen, aber bis dahin habe ich einen Auftrag für euch. Ich hoffe, dass ihr ihn alleine bewältigen könnt und nicht wie letzte Woche bei diesem peinlichen Malheur mit den Muggelartefakten, du erinnerst dich?“
„Du hast leicht Reden, Forbes. Der Schwerpunkt deiner Abteilung liegt ja nur darin das Wetter vor den Fenstern zu ändern.“
„ - Und wie dir aufgefallen sein mag, haben du und deine Leute seit drei Wochen Gewitter, vielleicht sollte dir das mal zu denken geben?“
Knurrend riss David Forbes den Umschlag aus der Hand und sah darauf. „Ist wahrscheinlich eh nur wieder so ein schlechter Scherz von ein paar Zwölfjährigen auf einer Pyjamaparty, aber sieh es dir wenigstens einmal an bevor du weiter nutzlos Löcher in die Luft starrst.“, sagte Forbes noch bevor er das Büro verließ und die schwere Holztür hinter sich zufallen ließ.
Missmutig setzte sich David wieder hinter den Schreibtisch. Es war nicht üblich, Memos persönlich vorbeizubringen, doch die hochnäsigen Kollegen der Zauberei-Zentralverwaltung, einer eigentlich ziemlich nutzlosen Abteilung, ließen es sich nicht nehmen, öfters mal vorbeizuschauen und herablassende Kommentare abzugeben. Selbst Forbes, der neue Praktikant, der eigentlich nichts zu sagen hatte, hatte diesen Brauch schon von seinem ersten Tag an übernommen.
Das Läuten einer fröhlichen und wohlklingenden Melodie ertönte und David starrte wie angewurzelt auf die verspielte Kuckucksuhr. Er hatte sie in seinen Flitterwochen in Italien vor dreizehn Jahren gekauft und seitdem begleitete sie ihn bei jeder Schicht, möge sie auch noch so deprimierend sein. Die bunt angemalten Zeiger standen auf der Zwölf. Mitternacht.
„Und ein neuer Tag beginnt“, seufzte David und warf endlich einen Blick auf den Auftrag in seiner Hand. Seine Miene verdunkelte sich augenblicklich, als er die verschmierte Nachricht in dem Umschlag las:
Ich weiß nicht was passiert ist… Alle sind tot.
Bitte helfen Sie mir!
Das war Alles. David drehte den Umschlag hin und her, doch nichts Weiteres stand darauf. Wahrscheinlich wirklich nur ein Scherz von ein paar Teenagern, dachte er sich. Dann sah er auf die Adresse auf dem zerknitterten Umschlag:
Diner's Hay 27
55598 Salisbury
Wiltshire/England
Würden Jugendliche tatsächlich so dumm sein und wirklich eine Adresse mit auf den Umschlag schreiben? Oder waren sie so dreist, dass sie sogar einen Beamten ans andere Ende Englands schicken würden? Der Brief kam wahrscheinlich per Flohnetzwerk im Zentralposteingang des Ministeriums an und war so nur schwer zurückverfolgbar, doch das alles nützte nichts. David musste so oder so nachsehen, was an diesem Ort geschehen war. Das schrieben die Regeln vor.
Also packte er seinen smaragdgrünen Umhang, sah sich die Adresse noch einmal genau an und legte den Umschlag dann auf den Tisch. Mit etwas Flohpulver in der Hand stieg er in den Kamin und rief laut und deutlich die Adresse. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg und er fluchte laut auf, als er sich den rechten Ellenbogen an einer Eisenstange stieß, doch als er endlich ankam, rußverschmiert und hustend, öffnete er die Augen und sah eine gemütlich eingerichtete Kammer.
Das beige Daunensofa stand gegenüber einem breiten Fenster, welches die sternenklare Nacht zeigte und in einer Ecke neben der Tür auf einem Bärenpelzteppich stand ein dunkelbraunes Ahornregal, welches prall mit Büchern gefüllt war. Alles sah normal aus, wie ein Wohnzimmer eines etwas größeren Einfamilienhauses. Doch eins machte David stutzig: Warum war das Licht eingeschaltet?
Der Raum schien verlassen und auch sonst war kein Geräusch aus anderen Zimmern zu hören, langsam bekam David ein ungutes Gefühl. Als er dann langsam aus dem Kamin stieg hörte man nur noch seinen erstickten Schrei und den lauten Knall als sein toter Körper auf dem Boden aufschlug. Dann war wieder Stille, bis ein paar kleine Füße aus dem Raum, hinein in die Dunkelheit tappten.
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