
von ...
Was mache ich hier? Was ist mit mir los? Ich weiß gar nichts mehr. Woher kommt das Blut an meinen Händen? - Habe ich sie etwa umgebracht? Ich will das nicht… Das bin doch nicht ich!
„Harry? Harry, was machst du da?“
Ginny Potter richtete sich langsam aus dem weichen Daunenbett auf und sah zu ihrem Ehemann hinüber. Sie keuchte leise. Die Wölbung an ihrem Bauch wurde immer größer und machte ihr langsam wirklich zu schaffen. Es würde nicht mehr lange dauern und der Geburtstermin stand an.
„Leg dich wieder hin“, sagte der schwarzhaarige Zauberer lächelnd und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Ich muss heute nur etwas früher zur Arbeit. Gerade kam eine Eileule herein. Es scheint, irgendetwas ist in der Nachtschicht schiefgelaufen.“ Ginny ignorierte die Bemerkung mit dem Hinlegen und zog sich einen purpurroten Morgenmantel über. Die feine Seide spannte vorne etwas und sie hatte Mühe, den Stoffgürtel fest genug umzubinden. „Jetzt kann ich eh nicht mehr schlafen“, sagte sie. „Und komm heute bitte nicht so spät, du weißt doch, das Essen mit Mum!“
„Wie könnte ich das vergessen?“
Lachend schloss Harry die Eichentür hinter sich, schnappte sich noch schnell ein Toast und verließ dann das Haus. Der Herbst war angebrochen und der Wind ließ das vertrocknete Laub auf den Bäumen tanzen. Harry liebte diesen Anblick.
Um diese Zeit, gerade einmal um halb sechs Uhr morgens, war keine Menschenseele hier. Nur aus weiter Ferne konnte man die Muggel in ihren Autos hören. Die Sonne war schon aufgegangen und doch zog sich noch ein letzter, orange-roter Schleier vom Morgengrauen über den leicht bewölkten Himmel. Harry schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Die kühle Luft strömte in seine Lungen und ließ ihn ein Gefühl von Freiheit spüren. Sein Leben war perfekt und dieses kurze Ritual am Morgen, welches er immer vor Arbeitsbeginn vollzog, gab ihm Kraft den Tag gut gelaunt zu überstehen.
Dann drehte er sich auf der Stelle und ein Gefühl, wie durch einen engen Gummischlauch gepresst zu werden, überkam ihn. Als er die Augen wieder öffnete, fand er sich in der prachtvollen Eingangshalle des Zaubereiministeriums wieder.
Seine Schritte hallten über den schwarz glänzenden Steinboden, als er zu den Aufzügen ging. Nur wenige Menschen waren jetzt in der Frühe dort. Neben dem glupschäugigen Empfangsmann und einer komplett in dunkelviolett gekleideten Sekretärin, war nur ein rothaariger Mann mit heller Haut dort und tippte unruhig mit dem Fuß während er auf den Lift wartete.
„Hey Ron!“, rief Harry zu ihm herüber. „Wurdest du auch gerufen? Was glaubst du ist los, dass wir um die Zeit hier her bestellt werden?“
Schulterzuckend biss Ronald Weasley noch einmal von seinem braun gebackenen Brötchen ab und kaute genüsslich. Tiefe Augenringe zierten sein Gesicht und er sah auch sonst nicht sehr gepflegt aus. Sein Umhang wies einige Flecken auf, von denen man lieber gar nicht wissen wollte, woher sie kamen und die Haare standen zerzaust zu allen Seiten ab, wie sie sonst nur bei Potter-Genen bekannt waren.
Schmunzelnd stieg Harry zusammen mit seinem besten Freund in den Lift ein. In ein paar Wochen würde auch er so aussehen, wenn sein erstes Kind geboren wurde und er der Rolle als Vater gewachsen werden muss. Vor ein bisschen mehr als zwei Wochen war nämlich die kleine Rose Weasley geboren, ein Schreibaby, das ihre Eltern jede Nacht wachhielt und noch den letzten Nerv raubte. „Ich will mal sehen, wie du das schaffen willst“, murmelte Ron immer wieder und doch war das stolze Funkeln in seinen Augen seit der Geburt nicht verschwunden.
Zweiter Stock. Abteilung für magische Strafverfolgung einschließlich Aurorenzentrale, magische Strafverfolgungspatrouille, Zaubergamot-Verwaltungsdienst, Büro gegen den Missbrauch der Magie, Büro gegen den Missbrauch von Muggelartefakten ertönte die helle Frauenstimme und die goldene Gittertür öffnete sich.
Zusammen mit Harry und Ron flogen noch drei Memos mit aus dem Lift, doch die bogen schon nach wenigen Metern in andere Büros ab. Für die beiden relevant war nur die hinterste Tür aus der wildes Gemurmel zu hören war, ansonsten waren alle Eingänge geschlossen und niemand sonst schien auf der Etage zu sein.
Ihr Gehör hatte sie nicht getäuscht. Zwanzig, vielleicht dreißig ihrer Kollegen hatten sich in dem eigentlich viel zu kleinen Beratungsraum der Abteilung zusammengefunden. Es schien, alle waren gekommen, die nicht gerade im Urlaub oder wie auch nicht selten vorkam, im St. Mungos waren.
Die alten und schon etwas abgenutzten Ledersessel waren alle besetzt und ab und zu hatte sich noch jemand einen eigenen Stuhl heraufbeschworen, um nicht zusammengepfercht an der mintgrünen Wand stehen zu müssen. Viele sahen furchtbar verschlafen aus, als wären sie genau wie die beiden gerade aus dem Bett gescheucht worden. Nur einer schien hellwach.
Mr. Frederick P. Thompson, der strenge und sehr auf Disziplin fixierte Abteilungsleiter saß am Kopfe des langen Glastisches und beobachte das Treiben um sich herum mit scharfen Augen. Doch irgendetwas schien anders an ihm zu sein als sonst.
Schweiß stand ihm auf der blassen und schon recht faltigen Stirn und er zupfte immer nervös an seinem Hemdkragen herum, ganz so als würde er ihn erdrücken und die Luft abschneiden. Die stahlblauen Augen ließ er im Raum herumschweifen, bis er Harry und Ron im Türrahmen entdeckte.
„Potter! Weasley!“, bellte er und es wurde schlagartig ruhig im Saal. „Sie können es auch nicht schaffen einmal pünktlich zu kommen!“
„ Sorry, Sir - “, setzte Ron an, doch Thompson unterbrach ihn mit einer abschweifenden Handbewegung. „Ihre Entschuldigungen interessieren hier keinen, wir haben wichtigeres zu tun!“
Das ausbrechende Geflüster verstummte, als Thompson sich aufrichtete, kurz räusperte und dann mit kräftiger Stimme sprach:
„Heute Nacht sind vier Menschen ums Leben gekommen - vielleicht sogar fünf, wir wissen es nicht genau. Einmal das Ehepaar Johnson - Mary, vierunddreißig und Lucas, siebenunddreißig - zusammen mit ihrem ältesten Sohn Liam, der seit diesem Jahr Schüler auf Hogwarts ist. Ihre toten Körper wurden im Falle der Eltern im Wohnzimmer und bei dem kleinen Jungen, in seinem Bett aufgefunden.“ Er holte tief Luft und sah sich noch einmal seine Kollegen an. Ihre Augen waren geweitet und starr auf ihn gerichtet. Noch nie hingen sie so gebannt an seinen Lippen. Würde die Situation eine andere sein, dann hätte er diesen Moment vielleicht sogar ausgekostet und sich weiterhin im Ruhm gesonnt, doch die Lage war zu ernst.
Die letzten Morde der magischen Welt Groß Britanniens waren Jahre her. Kurz nach dem Ende der „Dunklen Herrschaft“, wie die Epoche der Reinblütermacht im Volksmund genannt wurde, führten nur noch wenige gestandene Todesser diese grausamen Handlungen weiter. Sie wussten, dass ihr Ende gekommen war und wollten in ihren Augen ihr Leben mit letzten Ruhmestaten beenden. Doch als noch die letzten von ihnen gefasst wurden, dann war Stille gewesen. Kleinkriminelle beanspruchten die Aufmerksamkeit der Ministeriumsangestellten, Schwerverbrecher gab es nicht mehr. Bis zu diesem Tage.
„Die Tochter der Familie“, fuhr Thompson fort. „war nirgendswo ausfindig zu machen. Wir hoffen, sie konnte fliehen oder war anderweitig von ihrem zu Hause fern, aber überzeugt sind wir nicht. Eine Nachricht - wahrscheinlich von ihr versendet - wurde um 23:45 Uhr an einen Praktikanten der Zaubereizentralverwaltung geschickt. Er hat sie ordnungsgemäß an unsere Aurorenabteilung weitergeleitet und sie wurde von dem ihnen bestimmt bekannten David Edward Martello entgegengenommen.“ Betreten ließ Thompson seinen Blick sinken. Mit aller Ruhe setzte er seine ovale Brille ab und putzte sie an seinem Hemdzipfel.
Er hatte ihn gekannt. Gut gekannt.
Sie hatten gleichzeitig ihre Ausbildung begonnen und wurden glücklicherweise in die gleiche Abteilung versetzt. Sie arbeiteten zusammen und gingen nach der Schicht gerne noch einen Trinken. Sahen Quidditchspiele und luden sich gegenseitig zu größeren und kleineren Feiern ein. Ja, man konnte sagen die beiden waren Freunde gewesen. Freunde, die vielleicht noch bis an ihr Lebensende auf der Veranda saßen und sich über belanglose Themen unterhielten konnten. So war es auch gekommen, aber wer hätte gedacht, dass das Lebensende manchmal so unverhofft und überraschend kam?
„Ähm - Boss?“ Eine kleine, dickliche Frau mit einem kurzen blonden Bobschnitt und einer Feder hinter dem Ohr meldete sich zu Wort. „Haben sie nicht vorhin von fünf Morden gesprochen?“
Stumm nickte der Abteilungsleiter und das Getuschel im Raum fing wieder von vorne an. Alle warteten auf eine weitere und vielleicht detailliertere Ausführung der Geschichte, doch jeder konnte es sich nicht verkneifen, eigene Vermutungen in die Runde zu werfen.
„Ja, das habe ich. Gut mitgedacht, Maya.“, sagte Thompson schließlich, nachdem er sich gesammelt hatte und wieder mit einer beinahe greifbaren Autorität in der Stimme sprach. „Es waren fünf Morde. Es tut mir sehr leid, es ihnen mitteilen zu müssen“ Er holte noch einmal tief Luft. „aber ebenfalls Mr. Martello wurde letzte Nacht Opfer eines grausamen Mörders. Er starb wenige Momente nachdem er vorschriftlich die Adresse des Absenders aufsuchte und das Haus betrat.
Er wurde - ebenso wie die anderen Opfer - von einem Hauselfen gefunden, der uns sofort benachrichtige. Nachdem wir etliche Abwehr- und Aufspürzauber über das Gebäude gelegt haben, hat sich eine kleinere Gruppe von Auroren“ Er machte eine ausschweifende Handbewegung und zeigte auf sich selbst und die vier Männer hinter ihm. „den Sachverhalt einmal näher angesehen. Es war das reinste Chaos. Anscheinend haben sich Mr. Und Mrs Johnson versucht zu wehren - vergeblich. Und gerade weil es ein heilloses Durcheinander war und wir bis jetzt über Täter, Tathergang und Motiv völlig im Dunkeln stehen, möchte ich - Nein, verlange ich, größte Diskretion von euch gegenüber der Presse, dem Volk und sogar gegenüber eurer Familien und Freunden. Niemand soll auch nur einen Hauch von Panik oder Angst verspüren.“
Er senkte die Stimme. Die davor noch so neugierigen und aufgeregten Gesichter zeigten nun Zweifel und Angst. So gut wie niemand von ihnen hatte schon einmal einen richtigen Mordfall behandelt. Es waren junge Kollegen, die erst nach dem Kriegsende dem Aurorenkommando beigetreten sind. Nun stellte sich für sie eine wichtige Probe, die entscheiden würde, ob sie diesem Beruf gewachsen waren oder nicht.
„Dieser Fall beansprucht viele verschiedene Gebiete. Hinter mir finden sie deshalb eine Liste, auf der ihnen ihre Aufgabe zugeteilt wird. Ein paar von euch werden mit den - leider bereits informierten - Journalisten vom Tagespropheten und anderen kleineren Zeitungen sprechen und sie über die gröbsten Sachen aufklären. Ansonsten würden sie sich eigene Geschichten zusammenbrauen und diese Verbreitung von Ungewissheit können wir mit Sicherheit nicht gebrauchen. Aber trotzdem denken sie daran: Keine blutigen Details und größte Diskretion. Sprechen sie am besten von einem tragischen Unfall - verhexter Kessel oder Ähnlichem - bevor das Wort 'Mord' fällt.
Vielen von Ihnen ist die Recherche und Nachforschung über die Familie und deren Umfeld, die Umgebung, älteren vergleichbaren Fällen und was Ihnen sonst noch einfällt zugeteilt.
Sehr wenige Ausgewählte begleiten mich und die erfahrener Kollegen zum Tatort. Gratulation, für Sie wird das der erste richtige Auftrag.
Diejenigen, die sich nicht auf der Liste finden, was ein nicht gerade kleiner Anteil von Ihnen ist, bitte seien sie nicht enttäuscht, ihnen wird der Fall nicht zugeschrieben. Denn wir dürfen nicht vergessen: Auch wenn dies ein neues und vielleicht sehr aufregendes Thema darstellt, unsere tägliche Arbeit darf dabei nicht schleifen gelassen werden! Es werden wahrscheinlich viele Überstunden auf sie zukommen, abhängig davon, wie viele schmutzige Details wir noch aufdecken werden. Aber bitte bedenken sie: Dieser Fall kann sie auf der Karriereleiter geradewegs nach oben katapultieren oder aber einen harten Aufprall ganz unter bereitstellen. Also strengen sie sich an.“
Stühle wurden gerückt und eine kleine Masse drängelte sich vor der königsblauen Pinnwand. Enttäuschte Seufzer waren zu hören und die, die über ihre Aufgabe schon bescheid wussten, versuchten sich mit Gewalt zwischen den Hexen und Zauberern wieder zurückzukämpfen. Vereinzelt sah man ein strahlendes Lächeln auf ihren Gesichtern, bei diesen Leuten wusste man, sie waren dabei!
Thompson sah sich nachdenklich seine Mannschaft an. Allein unter ihnen herrschte ein heilloses Durcheinander. Wie sollten diese Menschen denn auch noch das Chaos aus ihrer Umgebung vertreiben, wenn sie es nicht einmal bei sich selbst schafften? Kopfschüttelnd drehte er sich um. Eine harte Zeit stand bevor. Das spürte er genau.
Harrys Herz rutsche ihm in die Hose als er auf seinen Namen starrte. Langzeitlich verantwortlich für das nähere Ermitteln: Vernehmungen von Zeugen, Tatortbesichtigung, Verdächtigenaufspürung etc. war dahinter mit schwarzer Tinte vermerkt. Begeistert sah er auch auf Rons nahmen und ein weiterer Adrenalinschub durchflößte seinen Körper. Bei ihm stand das Gleiche!
Mühsam und mit einigen Ellenbogenstößen in den Rippen hatte er sich aus der klammernden Enge befreit und wartete nun am Türrahmen auf seinen besten Freund. Er kam nicht. Langsam lichtete sich die Masse und der Raum leerte sich. Er konnte Ron nirgends erkennen - Er war nicht mehr da.
„Wo ist Weasley?“, fragte Thompson schließlich als er sich sein Spezialkommando ansah. Harry kam sich unter den weit erfahreneren Auroren ein wenig verloren vor. Warum waren er und Ron ausgewählt wurden? - Bestimmt nicht aufgrund ihrer Beliebtheit beim Boss. Nein, das konnte es beim besten Willen nicht gewesen sein. Doch Harrys Ungläubigkeit über diese Chance wurde von einem nervösen Gefühl in den Hintergrund gedrängt. Eine große Verantwortung lag nun mitunter auf seinen Schultern.
Irgendwo lief ein Mörder frei herum und vielleicht würde er in nicht allzu ferner Zeit wieder zuschlagen.
„Wenn Weasley nicht will, ist das sein Problem“, bemerkte Thompson, nachdem er keine Antwort und nur unwissendes Schulterzucken bekommen hatte. „Ich habe sie fünf ausgewählt, weil sie Erfahrung haben und ich Ihnen vertraue. Ich möchte, dass sie das zu schätzen wissen, denn sie werden die Einzigen sein, die die volle Wahrheit erfahren. Zwar war das eben von mir Erzählte nicht falsch, aber ich habe einige Passagen ausgelassen. Wichtige Passagen, die nicht jeder Erfahren sollte.
Denn das was ich ihnen jetzt anvertrauen werde, ist vielleicht noch schrecklicher als die Tat selbst.“
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