
von ...
Der erste Schritt ist getan. Der Erste von Vielen.
Sollen sie jetzt noch unbeschwert Lachen und sich um ihren belanglosen Alltag kümmern - Es wird nicht mehr lange dauern, und sie werden sich vor Angst und Panik winden.
Gebannte Stille umschloss den Raum. Man konnte das Knittern von Papier hören, als Thompson in seiner hellbraunen Aktentasche wühlte. Schließlich holte er ein paar Fotos heraus und pinnte sie an die Wand, doch sein massiger Körper verdeckte Harry die Sicht. Jeder reckte sich um einen kurzen Blick darauf werfen zu können, musste sich aber nach einigen Versuchen eingestehen, dass sie keine Chance hatten ehe Thompson wollte, dass sie die Bilder sehen.
Er zückte seinen Zauberstab murmelte: „Engorgio“ und endlich konnte jeder einen Blick auf die nun vergrößerten Aufnahmen werfen.
Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich wehren würden. Den Zauberstab gegen die eigene Tochter wenden und brutale Flüche abfeuern würden. So hätte ich sie gar nicht eingeschätzt.
Sie müssen Verdacht geschöpft haben, diese elenden Schlammblüter und Blutsverräter waren zu gut vorbereitet! Doch all das hat ihnen nichts genützt. Nicht das Geringste.
Und trotzdem musste ich mehr Acht geben. Die Auroren waren verständigt - das schränkte meine Zeit ein. Wie viel mir wohl noch blieb? Es könnte gefährlich werden…
Aber wie dem auch sei, dies ist unter dem Zeichen meines Meisters geschehen und jeder sollte es wissen. Nun, zumindest Einige.
Es war eine sternenklare Nacht, wundervoll.
„Morsmordre“, schrie ich in die friedliche Stille hinein und der grünschimmernde Totenkopf aus dem sich die mächtige Schlange windet erschien über dem kleinen Landhaus und erleuchtete das ganze Gelände. Wie lange hatte ich das Dunkle Mal nicht mehr gesehen? - Es ist so schön.
Harry zog scharf die Luft ein, als er das Foto von dem Haus, worüber das Dunkle Mal schwebte, betrachtete. Es war ohne Zweifel das Zeichen Voldemorts; er würde es überall und jederzeit wiedererkennen. Zu viele schmerzhafte Erinnerungen hingen daran.
Doch als er sich seine vier Kollegen ansah, schien wenig Erstaunen in ihren Gesichtern zu sein. Es waren die Männer, die mit Thompson zum Haus der Johnsons aufgebrochen waren und es aus nächster Nähe gesehen hatten. Sie alle betrachteten Harry interessiert, so als ob sie nur darauf warteten, dass er Anzeichen von Schwäche machte und zeigte, dass er diesem Fall nicht gewachsen war. Aber Harry blieb standhaft und schluckte den Schock hinunter. Jetzt wurde ihm auch klar, weshalb er und Ron ausgewählt wurden, sie hatten all dies schon einmal erlebt. Das hatten sie den Anderen voraus.
„Nun, Potter. Was denken Sie?“, fragte ein schlanker Mann mit grauem Haar und einer großen Lesebrille auf der Nase herausfordernd. Howard Ford, der „kluge Kopf“ unter den Auroren, war für die Planung und Vorbereitung von verschiedensten Missionen zuständig. Trotz seiner fehlenden Praxisarbeit war er ein sehr beliebter und geachteter Mann im Ministerium, der keine Fehler, seien es seine eigenen oder die von anderen, zuließ. Ein Perfektionist wie er im Buche steht und er und andere hoch geschätzte Kollegen, wollten Harrys Meinung hören.
„Ähm - na ja“, stotterte er und fuhr sich mit der Hand durch das rabenschwarze Haar. „Das - ähh, ist das Dunkle Mal…“ Wie peinlich, dachte er und seine Wangen färbten sich in kürzester Zeit purpurrot. Ein unangenehmes Schweigen herrschte und Harrys Hoffnung, dass jemand anders das Wort ergreifen würde blieb unverwirklicht. Es wurde von ihm erwartet seine Überlegungen zu äußern. Das war seine Feuerprobe.
„Wahrscheinlich handelt es sich um einen Trittbrettfahrer“, sagte er und sah sich die Gesichter der anderen Männer an. Thompson nickte ihm stumm zu und machte ihm Mut, weiterzusprechen. „Einem Einzelnen, vielleicht sogar einer kleinen Gruppe von Zauberern, die die Ideen von einer ausschließlich Reinblütigen Gesellschaft vertreten.“
„Und wie würden sie sich ein Profil der Täter - ich bin mir sicher es handelt sich um mehrere Personen, bei diesem Ausmaß der Tat - vorstellen?“, fragte Mr. Ford weiter.
Die Nervosität kam wieder zurück. Wieder ein Fettnäpfchen. Wie hätte es ein Einzelner sein können?
„Ziemlich jung, würde ich sagen. Sie haben den zweiten Krieg wahrscheinlich gerade mal als Kinder mitbekommen. Ehemalige Todesser würden es wohl kaum sein. Die meisten von ihnen sitzen in Askaban oder haben den Kuss bekommen und die Übrigen, die, bei denen wir die Schuld nicht beweisen konnten, die hätten sich schlauer angestellt.“
Einstimmiges Nicken ging durch den Raum und Harry atmete erleichtert aus. Es schien, er würde nun als Kollege in diesem Fall akzeptiert werden. Aber wo bei Merlins Barte war Ron?
Das Grundstück war fast verlassen, als Harry am späten Nachmittag dort ankam und sich selbst ein Bild vom Tatort machte. Nur am Außenzaun patrouillierten zwei Auroren und bewachten das Gelände. Harry kannte sie nicht gut, nur vom Sehen und ein paar höflichen Worten im Aufzug. Er schenkte ihnen nicht weiter Beachtung und betrat das Haus.
Bis auf die Leichen, die nun im Bestattungsunternehmen auf die Beisetzung warteten, war noch alles an Ort und Stelle geblieben. Eine Hauswand war weggesprengt worden und abertausende Splitter und Schuttklumpen zierten den früher mal bestimmt gemütlich aussehenden Wohnzimmerteppich in dem ein großes Brandloch zu sehen war. Auch das Mobiliar war nicht verschont geblieben. In jeder Ecke fand man größere Holzstücke die vielleicht zu einem hübschen Esstisch oder einem antiken Regal gehört hatten, nun waren sie ein Fall für die Müllabfuhr.
Harry erinnerte sich an die vielen Bilder, die Thompson ihnen später noch gezeigt hat. Auf ihnen waren die Zimmer komplett unverändert abgebildet und er kam nicht umhin, die Gesichter der Opfer vor seinem geistigen Auge abzuspielen. Die Augen der Frau, die bestimmt einmal eine freundliche und liebende Mutter gewesen war, waren weit aufgerissen und spiegelten die Angst in den letzten Momenten ihres Lebens wieder. Das Gesicht von Mr. Johnson hingegen, war mit Blut überzogen und verunstaltet gewesen. Man konnte kaum noch die Züge darin erkennen und doch wurde Harry das Gefühl nicht los, den Mann irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Aber das behielt er lieber für sich.
Tief durchatmend machte er sich auf den Weg in das Kinderzimmer, indem der kleine Liam friedlich geschlafen hatte, ehe ihn ein viel zu früher Tod ereilte.
Hier sah es ganz anders aus, als im Wohnzimmer. Kein Kampf, kein Chaos.
An der himmelblauen Wand zeichneten sich die Stellen, an denen bis zum damaligen Tage noch Fotos von der Familie und von Freunden klebten, deutlich sichtbar ab. Sie mussten vom Ministerium als Beweise und Informationen beschlagnahmt werden. Es kam Harry so vor, als hätten sie damit auch das letzte Lachen aus dem Zimmer genommen.
Betrübt schloss Harry die Tür hinter sich und ging in das letzte Zimmer, in dem eine Leiche gefunden wurde. Er hatte nie ein freundschaftliches Verhältnis zu David Martello gehabt. Ehrlich gesagt, hatte Harry ihn mit seiner grimmigen Art nie wirklich gemocht. Und doch erschreckte es ihn, dass selbst ein erfahrener Auror mir-nichts-dir-nichts getötet werden konnte. Wahrscheinlich ein Angriff aus dem Hinterhalt, dachte sich Harry, denn es hatte keine Anzeichen für einen Kampf gegeben.
Die Johnsons waren wohlhabende Zauberer gewesen. Ein großes Haus, ein schicker Garten und sogar einen eigenen Empfangsraum für geladene oder unangekündigte Gäste, die per Flohnetzwerk anreisten. In diesem Raum stand Harry jetzt.
Nur die rußigen Fußabdrücke auf dem weichen Teppich zeigten, dass jemand den Kamin in letzter Zeit benutzt hatte. Es war grausam. Auch wenn die Leiche nicht mehr dort lag, konnte man dennoch genau die Stelle erkennen, an der David gestorben ist. Die Abdrücke hörten dort schlagartig auf.
Kopfschüttelnd drehte sich Harry wieder um und besah sich den Rest des Hauses. Jeder Fleck könnte Hinweise enthalten, doch alles schien normal. Am Zimmer der gerade einmal siebenjährigen Lucy, der verschwundenen Tochter, stoppte er noch einmal. Thompson meinte, sie habe die nach Hilfe rufende Nachricht verschickt. Ein Kind, ging es Harry durch den Kopf. Er selbst würde bald Vater werden. Wie konnte jemand ein unschuldiges Kind bedrohen? Es töten, wie es bei Liam der Fall war und wer weiß schon, was mit Lucy geschehen war?
Die rosaroten Wände und das für eine Siebenjährige viel zu große Himmelbett vielen Harry als erstes in die Augen. Wie eine Prinzessin, dachte Harry und musste unweigerlich lächeln. Er hatte Fotos von ihr gesehen: Blonde Locken und eine kleine Stupsnase. Doch sie war nicht hier.
Harry stutzte als er ein handgebundenes Buch unter dem Einhornkissen hervorblitzen sah. Vielleicht hatten die Kollegen es in der ganzen Aufregung nicht gesehen? Die Schubladen waren zwar durchwühlt worden und die Regale ausgeräumt, aber das muss ihnen entgangen sein.
Ihm wurde ganz kribbelig zu Mute als er es in die Hand nahm. Lucy konnte schon schreiben, war das ihr Tagebuch? Waren dort Hinweise auf etwas, das in letzter Zeit vielleicht anders gewesen war? Er öffnete es noch nicht und steckte es erst einmal sicher in seine Tasche, um es später mit allen Kollegen zusammen zu begutachten. So waren die Vorschriften und er hatte nicht vor, sich seinen Fall schon so früh zu versauen.
Ginny war nicht mehr da, als Harry am Abend nach Hause kam. Nur eine Nachricht auf dem Küchentisch hatte sie ihm hinterlassen:
Komm bitte schnell zum Fuchsbau. Es ist etwas passiert.
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