
von ...
Der Fuchsbau war alles andere als leer, als Harry dort ankam. Er sah viele bekannte Gesichter, hauptsächlich mit flammend roten Haaren. Und doch schien es noch voller und noch gedrängter zu sein, als es bei einer üblichen Familienfeier ohnehin schon war. Jedoch, jetzt wo Harry es sich genau ansah, so wirklich in Feierlaune schien keiner. Noch nicht mal eine stürmische Umarmung von Mrs Weasley hatte er bekommen und das war doch sonst immer der Fall gewesen.
Niemand schien Harry groß zu beachten. Ein paar Leute nickten ihm kurz zu, wenn er ihren Blick einfing, aber das war auch schon alles. Verwirrt tippte er Bill auf die Schulter, der gerade etwas unschlüssig neben der Küchentür herumstand, nicht sicher ob er hineingehen sollte oder nicht.
„Hey, Bill!“, rief Harry fröhlich und kam auf ihn zu. Dieser drehte sich überrascht zu Harry um und versuchte es auch mit einem höflichen Lächeln, doch ganz wollte es wohl nicht klappen und sah eher gequält als alles andere aus. „Was ist denn hier los? Ginny meinte, es sei irgendetwas passiert.“ Mit einer ausschweifenden Handbewegung und einem Grinsen auf den Lippen, zog Harry das Ganze ein wenig ins Lächerliche und Bills Mimik verdüsterte sich.
„Es ist tatsächlich irgendetwas passiert“, sagte er und betonte die letzten beiden Wörter besonders stark. „Du hast wahrscheinlich so wie Ron schon auf der Arbeit davon gehört, deshalb wundert es mich etwas, dass du trotzdem Witze darüber machen kannst, Harry. Das ist etwas gefühllos, meinst du nicht?“
Jetzt wurde Harry stutzig und bekam ein ungutes Gefühl im Magen. Spielte Bill etwa auf den Johnson-Mord an?
Die Straßen Muggellondons waren auch nachts nicht verlassen. Überall blinkten helle Lichter und erhellten die Stadt. Ein neuer Tiefpunkt, würde ich sagen.
Ich, in dieser schrecklichen Gestalt umringt von hunderten, dreckigen Muggeln auf den Weg zu einem Treffen mit einem alten Bekannten, der im Endeffekt auch nur ein Verräter war. Ich hatte ihm geschrieben, dass er mich vielleicht nicht gleich erkennen wird. Ich hatte Recht.
Der weite, schwarze Umhang verdeckte meinen Körper und mein Gesicht so gut wie es ging. Ich wurde zwar von neugierigen Blicken verfolgt, aber erkennen konnte keiner etwas und so begnügten sie sich mit der Tatsache, dass ein kleinwüchsiger Knäul aus schwarzem Samt in eine dunkle Gasse abbog. Ich konnte sein leuchtendes Haar und seine helle Haut schon von weitem erkennen. Er war gealtert, keine Frage. Seine Gesichtszüge wirkten markanter und er war etwas breiter geworden. Und doch wirkte er wie ein kleines, unsicheres Kind wie er dort so stand. Ängstlich und in sich zusammengezogen. Peinlich.
Angelina saß zusammengekauert auf einem Küchenstuhl und weinte bitterlich. Ihre Augen waren rot geschwollen und ihre dunkle Haut sah krankhaft blass aus an diesem Tag. An ihrer Seite hockte George und hielt ihr die Hand. Immer wieder flüsterte er ihr beruhigende Worte zu, doch diese brachten sie meistens noch mehr zum Schluchzen. Auch Mrs Weasley, die etwas in die Jahre gekommen war, flitzte um Angelina herum und gab ihr alles, was sie auch nur im Entferntesten brauchen könnte.
„Mein einziger Bruder“, wisperte sie. „E - es darf einfach ni - icht war sein…“
Harry hatte selten ein so herzergreifendes Bild gesehen. Auch George hatte Tränen in den Augen. Sei es, weil es ihn an Fred's Verlust erinnerte oder weil er seine geliebte Frau nicht leiden sehen konnte.
Harry wollte etwas sagen, ihr sein Beileid ausdrücken, doch ihm fielen nicht die richtigen Worte ein und er schloss seinen Mund stumm wieder. Er kam sich falsch hier vor und musste sich dunkel an Thompson's Worte erinnern, die er ihm kurz vor der Hausbesichtigung mit auf den Weg gegeben hatte: Lass es nicht zu sehr an dich ran. Sieh sie nicht als Menschen. Es sind Zahlen und Fakten auf Papier, die wir ordnen müssen. Mehr nicht.
Doch diese Regel hat eine Schwachstelle. Nämlich jene, die zu Tage kommt, wenn die Opfer deine Familie betreffen. Harry drehte sich um und ging wieder zurück ins Wohnzimmer. Größte Diskretion gegenüber der Presse, dem Volk und sogar gegenüber eurer Familien und Freunden schwirrte es Harry im Kopf herum. Wie sollte er das nur hinbekommen?
Er setzte sich auf das alte Stoffsofa und goss sich ein Glas Feuerwhiskey ein. Aus dem netten Familienessen würde dann wohl nichts werden.
Die Flüssigkeit brannte, als sie Harrys Kehle hinunterlief und doch gab sie ihm ein wohliges Gefühl nach einem harten Tag und einem noch härteren Abend.
„Schon komisch“, hörte er eine Stimme neben sich sagen. Erschrocken fuhr er herum und sah Ron, wie auch er sich einschenkte und angewidert zusammenzuckte, als der Whiskey seine Lippen berührte. Seufzend stellte er das Glas ab und schüttelte lachend den Kopf bevor er weitersprach: „Man hat immer Gedacht jetzt, wo der Krieg vorbei ist, würden keine schlimmen Sachen mehr passieren. Und dann kommt sowas.“ Er genehmigte sich noch einen Schluck und lachte wieder dieses freudlose, verzweifelte Lachen.
„Was hast du ihnen alles erzählt?“, fragte Harry forsch. Auch er fühlte sich schlecht, doch er konnte Rons Trauer nur bis zu einem bestimmten Punkt nachvollziehen. „Du hattest kein Recht dazu. Uns wurde es ausdrücklich verboten irgendjemandem etwas zu erzählen und bestimmt nicht gleich auf direktem Wege der ganzen Familie des Opfers. Das war nicht sehr professionell von dir.“
„Professionell?!“, entgegnete Ron und ein zorniges Funkeln erfüllte seine übermüdeten Augen. „Professionell?! Das ist unsere Familie, Harry, da verhält man sich nicht professionell! “ Seine Stimme wurde immer lauter und Percy und Arthur, die sich angeregt unterhalten hatten, sahen die Beiden mit fragendem Blick an.
„Ron“, versuchte Harry ihn zu beruhigen, doch auch in seiner Stimme schwang Wut mit. „Das ist eine wirklich ernste Angelegenheit und unsere Familie ist ja nun wirklich alles andere als klein. Thompson hat gesagt -“
„ - Ist mir egal, was Thompson gesagt hat!“, schrie Ron ihn an und stand energisch auf. „Ist dir dieser miese Job etwa wichtiger, als deine Familie? Sie dir Angelina an. Stell dir vor, das wärst du!“
Nun war es zu spät. Sie hatten es wirklich geschafft, bei einer trostspendenden Familienzusammenkunft, die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Selbst Angelina, die weinend in Georges Armen lag, hatte aufgesehen und starrte die beiden an. Es war eine der peinlichsten Situationen in Harrys Leben und ihm fiel keine Möglichkeit ein, sich da herauszuwinden.
Ginny`s schriller Schrei durchbrach schließlich die Stille und Harry stockte der Atem, als er sieansah. Etwas Feuchtes lief ihr am Bein herunter und unter ihr hatte sich eine Pfütze gebildet. Unter leisem Keuchen sprach sie: „Meine Fruchtblase ist geplatzt“
Müde saß Howard Ford an seinem Schreibtisch und durchblätterte zum gefühlt hundertsten Mal das rosarote Tagebuch mit den selbst aufgeklebten Sternen darauf. Die Kollegen hatten es aufgegeben, etwas Wertvolles und Brauchbares darin zu finden, aber Howard war sich sicher, irgendetwas musste hier drinstehen. Etwas, dass sie zu Lucy führen könnte.
Die kritzelige und schwer lesbare Handschrift der Siebenjährigen war ihm nun schon mehr als vertraut und die anfänglichen Schwierigkeiten, etwas darin entziffern zu können, waren auch schon längst vergangen. Der Rand der Blätter war an vielen Stellen mit Blumenranken verziert worden. Lucy liebte Blumen, das hatte sie auf so gut wie jeder Seite erwähnt. Sie liebte es Blumen zu riechen, sie liebte die kunterbunten Farben und höchstwahrscheinlich zum Missfallen der Eltern, liebte sie den Geschmack von Orchideen und hatte manchmal welche in das Essen von Mama gemogelt. „Kinder“, seufzte Howard. „Auf was für Ideen die doch immer kommen“
Das Bild von Lucy Johnson nahm für Howard immer mehr Gestalt an und er hoffte inständig, sie möge noch leben.
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