
von ...
„Draco“, flüsterte ich und musste unweigerlich lächeln. Meine Stimme kam ihm so schrecklich vertraut vor, dass er sofort eine Gänsehaut davon bekam. Unsicher schluckte er und sah auf mich herab, die Angst war in seine Augen geschrieben. Ich hatte ihn schon immer wie ein offenes Buch lesen können.
„B-Bist du es wirklich?“, stammelte er vor sich hin. Schade, ich hätte von ihm ein wenig mehr Stärke erwartet, wo er doch so eine wichtige Rolle in meinem Plan spielte. „Soll ich dir beweisen, dass ich es bin, armes kleines Dracoleinchen? - Glaube mir, das würde ich mit dem allergrößten Vergnügen tun.“ Mit dem zuckersüßesten Lächeln sah ich ihn an. Und wieder schwieg er, schüttelte aber unmerklich und wahrscheinlich auch unbewusst mit dem Kopf. „Na dann ist ja gut und jetzt lass uns von hier verschwinden. Ich traue diesem Ort nicht, wir sollten irgendwo hingehen, wo uns mit Sicherheit keiner belauschen kann.“
Nervös ging Harry auf und ab und sah immer wieder auf die leuchtend grüne Uhr an der hellgelben Wand des St.-Mungo-Hospitals für magische Krankheiten und Verletzungen. Seit knapp zwei Stunden waren sie nun schon hier.
„Sie“ beinhaltete ihn, der kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand; Ron, der eigentlich gar nicht mitkommen wollte; Hermine, die ihn dazu gezwungen hatte und nun immer wieder böse Blicke erntete und Molly Weasley, die in der Aufregung nicht aufhören konnte zu erzählen und jedem von den Geburten ihrer sieben Kinder berichtete.
Ginnys Geburtstermin war erst für in fünf Wochen angesetzt gewesen, es war viel zu früh! Und dann verbot dieser Witz von Heiler ihnen auch noch, ihr seelischen Beistand zu leisten.
„Es sollte jetzt keiner bei ihr sein“, hatte er gesagt. „Das würde sie nur weiter aufregen. Doch Sie können sich sicher sein, sie ist in den besten Händen!“
Von wegen in den besten Händen, dachte Harry sich. In den besten Händen wäre sie in seinen gewesen, wie er sie im Arm hielte und beruhigende Worte zuflüsterte, sodass die Angst, die sie mit Sicherheit verspürte, verflog.
Eine schwarzhaarige und übers ganze Gesicht strahlende junge Frau in einem mintgrünen Umhang kam auf sie zu. Eine lose Strähne baumelte ihr verspielt vor dem Auge herum und ihr Klemmbrett war mit wilden Zeichnungen verziert. Sie sah aus, als hätte sie Hogwarts gerade erst verlassen.
Gebannt sahen alle zu ihr auf und Molly erhob sich in der Aufregung von ihrem Sessel und spielte nervös mit ihren Fingern herum.
Doch Fehlalarm.
Die gutaussehende Heilerin ging schnurstracks an ihnen vorbei und hinterließ enttäuschte Gesichter. Ron sah ihr noch eine Weile nach und beobachtete, wie sie einer anderen Familie eine gute Nachricht überbrachte, sodass diese sich freudestrahlend in die Arme fielen.
Seufzend fielen alle wieder in ihren alten Trott zurück und warteten weiter.
Zwanzig Minuten später konnte Harry es nicht mehr aushalten und ging zur Rezeption. Eine genervt aussehende Frau schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie und kaute desinteressiert auf ihrem Kaugummi herum. Harry atmete einmal tief durch um nicht ganz so gereizt zu klingen, konnte die aufkommende Wut aber nur schwer unterdrücken. „Meine Frau“, begann er langsam. „ist jetzt schon seit fast drei Stunden lang unter Behandlung. Sie liegt in den Wehen, aber anscheinend hält es keiner für nötig, uns über ihren Zustand auf dem Laufenden zu halten. Wären Sie so freundlich und würden nachsehen?“
Schmatzend sah die Frau ihn an und warf dann einen kurzen Blick auf die Papiere vor ihr. „Name?“, fragte sie.
„Ginevra Molly Potter“
„Ich habe über diesen Fall keine weiteren Informationen. Gedulden Sie sich ein wenig und ein Heiler wird ihnen Bericht erstatten - DER NÄCHSTE!“
Aufgebracht drehte Harry sich um und lief geradewegs in einen pummligen Mann mit Brille. „Ah, Mr. Potter. Genau sie habe ich gesucht.“
Harry konnte den Ausdruck des Heilers nicht genau deuten. Es war das typische Heilerlächeln: Freundlich, aber doch distanziert.
Freundschaftlich legte er eine Hand auf Harry's Rücken und führte ihn zu dem Wartebereich, wo er mit fragenden Blicken durchlöchert wurde. In aller Ruhe setzte er sich zu ihnen auf die Couch und räusperte sich vielsagend.
„Ich bin Derek Hamsworth“, sagte er schließlich. „Mrs. Potter's Heiler.“ Er machte eine bedeutungsschwangere Pause und sah in die Runde. Man hätte meinen können, dass er sich um ihre Gefühle sorgte, doch es kam ihnen eher wie eine einstudierte Farce vor. „Die Geburt war für sie und das Kind nicht einfach - es gab einige Komplikationen. Doch mit Freude kann ich sagen, dass sie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat. Herzlichen Glückwunsch“
Molly stieß einen spitzen Schrei aus und brach gemeinsam mit Hermine sofort in Tränen aus. Auch Harry's Augen wurden feucht und er sah lächelnd zu Ron hinüber, der ihm stolz auf die Schulter klopfte. Die Streitereien von vorhin hatten an Bedeutung verloren und schienen nun unwichtiger denn je. Eine stürmische Umarmung von Molly riss ihn beinahe vom Sofa herunter, doch er erwiderte sie glücklich. Er hatte einen Sohn.
„Das ist aber noch nicht alles, stimmt's?“, fragte Ron misstrauisch und sah Mr. Hamsworth mit schmalen Augen an.
„In der Tat“, sagte dieser und räusperte sich erneut. „Wie ich schon sagte, gab es einige Komplikationen. Dem Kind geht es Merlin sei Dank gut, dennoch hat die Geburt Mrs. Potter eine Menge Kraft gekostet. Es geht ihr nicht gut und wir haben ihr vorerst einen Schlaftrank gegeben, damit sie sich erholen kann. Dennoch blicken wir zuversichtlich auf ihre Entwicklung!“
Die Augen starr auf den Heiler gerichtet erhob sich Harry langsam und sprach mit schwacher Stimme: „I-Ich möchte sie sehen. Also, ich meine, sie b-beide.“
„Natürlich, natürlich. Folgen Sie mir bitte.“
Mit schnellen Schritten gingen sie einen schmalen Gang entlang und bogen um dutzende Ecken. Hermine und Ron hingen etwas hinterher und tuschelten angeregt miteinander, währenddessen Molly Harry und Mr. Hamsworth nah auf den Fersen war und nicht von ihrer Seite ließ. Einige Portraits sahen sich neugierig um, doch ließen sie ansonsten in Ruhe ihren eigenen Gedanken nachhängen. Vor einem hell durchleuchteten Zimmer blieb der Heiler stehen und machte eine einladende Geste.
Da lag sie. Ruhig schlafend und gleichmäßig atmend sah sie aus wie ein rastender Engel. Liebevoll strich Harry über ihre blasse Wange, doch sie reagierte in keinster Weise.
Ein leiser Schrei zog schließlich seine Aufmerksamkeit auf sich und dort, in einer kleinen Wiege hinter Ginny's Bett lag es, der wundervollste und perfekteste Wesen, das Harry je gesehen hat.
Er ging auf seinen Sohn zu und nahm ihn vorsichtig auf den Arm. Er war kaum größer als eine Elle und umfasste mit seiner winzigen Hand Harrys Daumen.
„James Sirius Potter“, murmelte er und eine einzige Freudenträne lief ihm die Wange herunter.
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