
von ruckiundtille
Xenophilius Lovegood schielte etwas nervös auf seine Uhr.
Der Mann, der seine Tochter im Fach ‚Pflege magischer Geschöpfe‘ zu unterrichten pflegte, ließ jetzt schon seit einer halben Stunde auf sich warten.
Pünktlich um einundzwanzig Uhr hatten sie sich in den drei Besen treffen wollen.
Und Xenophilius hatte bereits überpünktlich -um zwanzig vor neun- die Wirtschaft betreten, in welcher schon reger Betrieb herrschte.
Ob Luna dem ehemaligen Wildhüter etwa versehentlich den falschen Ort für ihr Treffen genannt hatte?
Sein Engelchen war manchmal nicht ganz bei der Sache…
Mittlerweile hatte sich Lovegood schon von einigen der angeheiterten Kneipengästen den einen oder anderen dämlichen Kommentar anhören müssen, der sich wohl auf seinen neuesten Artikel im Klitterer bezog.
Sprüche wie ‚Na, haben Sie heute ein Date mit einer netten Lady von Ihrem mysteriösen vergessenen Volk? Tja, dann hoffe ich mal für Sie, dass die Dame SIE nicht vergessen hat…‘ und ‚Hey, Lovegood! Märchenbuchleser gehören um diese Zeit schon längst ins Reich der Träume! Soll ich Ihre Tochter vorbeikommen lassen, damit sie Sie abholt und ins Bettchen steckt?‘.
Immer schön lächeln, Phil. Diese Ignoranten hatten nicht den blassesten Schimmer…
Und er hatte nicht den blassesten Schimmer, warum Mister Hagrid immer noch nicht hier aufgetaucht war.
Er wusste nur, dass Luna dem Wildhüter vertraute. Es war im Grunde ihre Idee gewesen, ihn in diese ganze Sache einzuweihen… oder mit hinein zu ziehen… wie auch immer man das nun nennen mochte.
Aber über seine Zuverlässigkeit schien sich noch streiten zu lassen, zumindest, was seine Pünktlichkeit betraf!
Gerade jetzt, wo er keine Zeit vergeuden wollte…
Xenophilius hatte sich bereits erheblich frustriert von seinem Tisch erhoben, sein Butterbier bezahlt, und sich vorgenommen, sich noch einmal im Eberkopf nach seiner vermissten Verabredung umzuschauen, als just in diesem Moment eiligen Schrittes, und wahrhaft nicht zu übersehen, Rubeus Hagrid in die gemütliche Wirtschaft gestapft kam. Wurde auch langsam mal Zeit…
Seine Arme winkten ihm windmühlenartig entgegen.
„Mister Lovegood!“ donnerte seine röhrende Stimme über etliche Köpfe und den üblichen Kneipenlärm hinweg. „Verzeihen Sie die Verspätung! Aber…“
„Keine Ursache, Hauptsache, Sie sind endlich hier…“ Erleichtert bahnte sich Xenophilius einen Weg durch die wogenden Menschen. „Kommen Sie, kommen Sie, Mister Hagrid!“
„Wie… kein Butterbier…?“ stammelte Hagrid sichtlich enttäuscht, aber der Redakteur schüttelte energisch seine matte, weißblonde Mähne. „Keine Zeit mehr für so etwas, mein Bester. Sie steht jetzt schon seit einer dreiviertel Stunde allein da draußen herum, und es ist ziemlich frisch, auch, wenn wir uns mitten im Sommer befinden.“
„Wer – SIE? Luna?“
„Nein, nicht Luna…“ Xenophilius packte Hagrid am Ärmel seiner schmutzigen Jacke, und manövrierte ihn mit sanfter Gewalt nach draußen, in die kalte Nachtluft. „Hat Ihnen meine Tochter eigentlich etwas darüber erzählt, weswegen ich Sie so dringend sprechen wollte?“
Der Wildhüter kratzte sich nachdenklich am Bart. „Doch, klar. Es hieß, es ginge mehr oder weniger um Aragog und um irgendwelche Dracheneier. Hab ich Ihnen eigentlich schon erzählt, dass meine knallrümpfigen Kröter heute geschlüpft sind?“ Ein seliges Lächeln breitete sich unter dem wuchtigen Vollbart des Halbriesen aus. „Und morgen beginnt meine erste Unterrichtsstunde nach den Ferien. Ich wollte den Kindern mal was besonderes bieten! Dachte schon, die Kröterlein schlüpfen nicht rechtzeitig, aber dann ging es plötzlich los! Daher auch meine Verspätung. Tschuldigung, nochmal…“
„Ähm, ja… Schon… schon in Ordnung…“ murmelte Lovegood abwesend, stutzte, und hakte noch einmal nach. „Knallrümpfige Kröter, sagten Sie? Manticor gekreuzt mit Feuerkrabbe? Wie… Sagen Sie, ist das heutzutage überhaupt noch legitim?“
„Naja…“ brummte der Angesprochene geleiert.
„Egal“, unterbrach Xenophilius das verlegene Gestammle des Halbriesen entschieden. „Ich bin sowieso der letzte, der Ihnen aus solch einer Geschichte einen Vorwurf machen würde. Immerhin… Hagrid, haben Sie meinen letzten Artikel eigentlich gelesen?“
„Nö.“ gab der Bärtige unverblümt zu. „Hatte auch jede Menge zu tun, die letzte Zeit…“
„Macht nichts.“ Lovegood seufzte tief auf, während er Hagrid auf den schmalen Pfad lotste, der zur heulenden Hütte führte. „Hagrid, ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein. Ich kann Ihnen nicht mit Sicherheit versprechen, dass wir nicht in Schwierigkeiten geraten werden, wenn das Ministerium davon erfährt, was hier vor sich geht. Andererseits habe ich den Behörden meine Absichten schon Wochen zuvor offen angekündigt. Aber die Reaktionen der Leute waren stets dieselben, sowohl auf den Artikel im Klitterer bezogen, als auch auf meine Antragsstellung in dieser Angelegenheit bei den entsprechenden Ämtern. Ignoranz, Ungläubigkeit und allgemeines Amüsement.“
Lovegood wirbelte kurz auf dem Absatz herum, um Hagrid ernst aus seinen durchdringenden Augen anzusehen. „Wenn wir das hier jetzt durchziehen, müssen wir damit rechnen, dass irgendwann einmal doch die Behörden unerwartet vor unserer Tür stehen, und uns für unser Handeln zur Rechenschaft ziehen wollen. Es könnte unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen.“
Hagrid zuckte in einer Mischung aus Optimismus und Ahnungslosigkeit die Achseln. Es war nicht so, als hätte er nicht eine gewisse Erfahrung darin, sich wegen diverser kleiner Eskapaden von irgendwelchen Obrigkeiten zur Verantwortung ziehen zu lassen. Solange Dumbledore es billigte, war immer alles in Ordnung… sogar, wenn es sich dabei um ein illegal beschafftes Drachenei gehandelt hatte. Was seine süße kleine Norberta jetzt wohl gerade machte…?
Xenophilius warf sich derweil in die Brust. „…Jedenfalls werde ich nicht stumm dabei zusehen, wie ein ganzes Volk weiterhin verleugnet wird, vor allem nicht, wenn es uns in völlig unbegründeter Demut um eine solch geringfügige Gefälligkeit bittet.
Unsere magische Gesellschaft, die so hübsch die Augen vor allem zu verschließen gelernt hat, konnte sich nur zu dem entwickeln, was sie heute ist, weil SIE uns damals erst in die Magie der belebten Natur eingeweiht haben, Mister Hagrid!“
Doch während SIE sich in ihrer Bescheidenheit nur das nötigste ihrer Begabung zunutze machten, bauten wir unsere Fähigkeiten auf ein und der selben Basis immer weiter aus, in unserer menschlichen Gier niemals zufrieden mit dem, was wir erreicht hatten. In unserer Arroganz und Machthungrigkeit schürften wir die Quelle dieser Macht aus, und vervielfachten und verformten sie bis zur Unkenntlichkeit!! Bis zu dem, was wir heute als unsere Magie bezeichnen.“
Lunas Vater hatte sich in Rage geredet, so dass es Hagrid fast ein wenig Angst und bange wurde. Er wusste immer noch nicht, worauf Lovegood überhaupt hinauswollte. Inzwischen hatten sie die heulende Hütte fast erreicht.
Xenophilius‘ Stimme hatte sich zu einem Flüstern gesenkt. Nervös sah er sich um, und schien dann nach irgendetwas Ausschau zu halten, was sich in der Nähe der heulenden Hütte befinden musste. „Jetzt bekommen wir die Gelegenheit, uns endlich mal für alles erkenntlich zu zeigen. Etwas von dem zurück zu geben, was man uns damals so großzügig zuteil hat werden lassen. Das sind wir ihnen schuldig. Sie, mein Guter, könnten der Mann sein, von dem alles abhängt. Sie, und natürlich Albus Dumbledore. Von der alten Schuld kann sich das Geschlecht der Zauberer nicht reinwaschen, aber in diesem Jahr haben wir die Chance, sie zumindest zu einem kleinen Teil zu begleichen. Und, Hagrid, ich glaube, Hogwarts ist tatsächlich der perfekte Ort dafür…“
„Der perfekte Ort wofür?“ fragte Hagrid halbherzig, erwartete aber eigentlich keine Antwort darauf. Er wusste es selbst,- Hogwarts WAR der perfekte Ort. Wofür auch immer.
Rubeus starrte in dieselbe Richtung, in der Lovegood nun mit seiner kalkweißen Hand wies.
Dicht neben den verfallenden Wänden der heulenden Hütte stand jemand.
Oder etwas.
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