
von Lord Dingsda
AN: Hier ist Nummer 2 mit Joshua Radin und 'Winter'. Vielen Dank fürs Lesen und über ein Kommentar mit (konstruktiver) Kritik würde ich mich freuen :-)
Es war ein untypisch harscher Winter, der England momentan fest in seinem Griff hatte. Selbst in London war es seit Wochen eisig kalt und die niedrigen Temperaturen machten den Großstädtern allmählich zu schaffen. Es war spät und dazu noch einer dieser kurzen Wintertage sodass Kensington Gardens sowie der Hyde Park beinahe menschenleer waren.
Dort, wo tagsüber die Touristenströme schier unendlich erschienen und etliche Menschen von den Italian Gardens hinüber zur Serpentine Gallery schlenderten, stand nun ein einzelner junger Mann. In der Dunkelheit und ohne all diese Menschen, hatte dieser Ort etwas Magisches an sich. Die Bäume und Sträucher um den Weg herum schienen größer und mächtiger als üblicherweise. Im starken Kontrast dazu, erschien die Peter Pan Statue, die hier ihren Platz hatte, deutlich filigraner und fast schon verletzlich.
Der Mann hatte der Figur jedoch den Rücken zugewandt und blickte auf die Wasseroberfläche des Serpentine Sees. Fröstelnd sog er den Reißverschluss seines Mantels noch ein Wenig weiter zu und rückte seinen Schal zurecht. Er mochte diesen Ort. Sogar tagsüber wenn er ihn mit all den Touristen teilen musste, spürte er hier so etwas wie Geborgenheit. Der Blick, den man von hier auf das Nordende des Sees hatte, war umrahmt von hohen Bäumen und Gebüsch. So als würde man aus einer Höhle hinaus nach draußen schauen. Mit den Schwänen und Enten, die hier über Tag vor einem hin und her schwammen, strahlte der Ort eine naturbelassene Oase aus. Und das in Mitten der hektischen Großstadt.
Zögernd wandte Harry sich vom Wasser ab und ging die wenigen Schritte hinüber zu der Statue. Peter Pan, der ewig Kind bleibende Abenteurer spielte auf seiner Flöte und sah aus, als gäbe es keine Sorgen in der Welt. Gedankenverloren ließ er seine in dicke Handschuhe gepackte Hand über eine Hasenfigure am Fuße der Statue gleiten.
Who I am by now
I walk
The record stands somehow
Thinking of winter
Warum es ihn immer wieder hierher zog konnte er nicht sagen. Ob es die gefühlte Abgeschiedenheit war oder doch diese Figur, irgendetwas gab es, das dafür sorgte, dass dies in den letzten vier Jahren die einzige Konstante in seinem Leben gewesen war. Er war müde. Unendlich müde. Mental ausgelaugt und auch körperlich hatten ihm die Monate und Jahre nicht gut getan. Stämmig war er noch nie gewesen aber seine Statur erinnerte mittlerweile wieder an den ungelenken Teenager, den er eigentlich bereits lange hinter sich gelassen hatte. Und trotzdem ging es ihm besser, als jemals zuvor. Am ehesten würde er seinen Zustand mit dem Gefühl verbinden, das man nach einer ausgedehnten Joggingrunde hatte. Zwar vollkommen ermüdet, dafür aber mit sich selbst und der Welt im Reinen und vor allem geistig ausgeruht.
Vor vier Jahren noch hatte es vollkommen anders in ihm ausgesehen. All die Dinge die sich in der vorangegangenen Zeit seit Kriegsende in ihm aufgestaut hatten, waren letztendlich doch zu viel, zu übermächtig geworden. Die Aurorenakademie erschien nachdem alles vorbei war wie ein sinnvoller Schritt. Eine Rückkehr nach Hogwarts war keine wirklich ernstzunehmende Option mehr und es gab ihm etws zu tun. Nach all den Grauen des Krieges wollte er nicht zu viel Zeit zum Nachdenken haben und der harte Alltag der Ausbildung füllte seine Tage recht gut aus. Allerdings brachte ihn diese Zeit auch nicht weiter wirklich weiter. Es war beinahe so, als würde sein Leben durch einen Autopiloten gesteuert werden und er war mehr Zuschauer als Akteur. Im Allgemeinen war das eine recht gute Beschreibung für diesen Abschnitt seines Lebens. Es ging irgendwie weiter, allerdings nicht voran und das einzig wirklich Positive war die Frau an seiner Seite gewesen.
While I wait
Der Gedanke an Ginny versetze Harry einen kleinen Stich ins Herz. Er war so unglaublich glücklich gewesen, als sie wieder ein Paar wurden und die wenigen Momente in denen er vollends und tatsächlich zufrieden gewesen war, standen mit ihr in Verbindung. Und doch wusste er die ganze Zeit über, dass sie nicht das volle Potenzial ihrer Beziehung ausschöpften. In ihm war trotz allem eine Leere, die er nicht begreifen konnte, ihn aber daran hinderte der Mann zu sein, der er für sie sein wollte. Die Verluste des Krieges lagen ihm auf der Seele und trotz seines Aurorendaseins hatte er das Gefühl viel zu untätig zu sein. Ganz im Gegenteil, in seinem Job beschlich ihn ständig das Gefühl, für die wirklich gefährlichen und kritischen Einsätze nicht eingeteilt zu werden und stattdessen lieber mit den Standardfällen betraut zu werden.
Die Gründe dahinter hatte er schnell durchschaut. Man wollte ihn – den symbolträchtigen Helden – nicht aufs Spiel setzten und das obwohl er dank seiner Erfahrungen und ausgezeichneten Trainingserfolge optimal dafür geeignet wäre. In ihm bewirkte dies vor allem Frustration und das Gefühl keinen Nutzen zu haben. Erst recht, als ein junger Auror bei einem dieser Einsätze so schwer verletzt wurde, dass er nach seinem St. Mungo Aufenthalt vermutlich nie wieder zurück zu seinem Korps stoßen würde. Harry hatte Alexander sehr gemocht und es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass er sich gut in das Gefüge am Arbeitsplatz einfügte. Im Gegenzug hatte Alec seinen Heldenkomplex ihm gegenüber schnell abgelegt und ihn mehr als einmal mit seinen schnippischen Kommentaren aufgemuntert.
Vielleicht war es dieser Vorfall gewesen, der ihn schließlich dazu bewogen hatte, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Letztendlich war es eine überstürzte und ungeplate Sache gewesen. Er hatte im Büro früher als gewöhnlich Schluss gemacht und war nach Hause geeilt. Dort hatte er erleichtert festgestellt, dass Ginny noch nicht vom Training zurück war und so hastig ein paar Zeilen für sie hinterlassen. Einen Versuch sich zu erklären machte er nicht, er wusste auch selbst gar nicht so genau, was er nun vorhatte.
Of your November downtown
And I remember the truth
A warm December with you
But I don't have to make this mistake
And I don't have to stay this way
Nur weg, so schnell wie möglich. Im Rückblick war es ihm offensichtlich, an diesem Tag nicht ganz klar im Kopf gewesen zu sein. Welcher Mensch würde schon sein scheinbar perfektes Leben an der Seite einer so wunderollen Frau auf so unüberlegte Art und Weise wegschmeißen?
Das einzig Vernünftige, was er an diesem Abend tat, waren es seine finanziellen Angelegenheiten bei Gringotts zu regeln. In überraschend schneller Zeit war er mit Bargeld und einer scheinbar herkömmlichen Mugglekreditkarte ausgestattet. Zu seinem Glück stellten Kobolde nie zu viele Fragen. Erst Recht nicht wenn es für sie Geld verdienen zu gab.
Seine erste Woche verbrachte er dann in einem einfachen Hotelzimmer im Londoner East End. Den ersten Tag lediglich mit einer Flasche Whisky. Erst als auch die letzten Promille Alkohol aus seinen Blutbahnen verschwunden und die heftigen Kopfschmerzen verflogen waren, konnte er ernsthaft klare Gedanken darüber fassen, wie es nun weitergehen sollte.
Schließlich machte er sich auf den Weg in einen Muggleschreibwarenladen und kaufte ein einfaches Notizbuch. Es galt eine Liste zu erstellen mit den verbliebenden Todessern, die Tod oder Verhaftung entkommen waren. Nur so, dachte er sich, könnte er mit seiner Vergangenheit endgültig abschließen.
Your voice is all I hear somehow
Calling out Winter
Your voice is the splinter inside me
While I wait
Harry schüttelte den Kopf. Nun war es nicht an der Zeit, die Geschehnisse der letzten Jahre im Detail zu überdenken. Wichtig war lediglich, dass es nun tatsächlich vorbei war und eine weitere Aufgabe, die zunächst zu mächtig erschienen hatte, gemeistert war. Jetzt wartete ein Neubeginn, hoffentlich diesmal zum letzten Mal.
Er konnte es kaum erwarten Ginny zum ersten Mal in über vier Jahren wiederzusehen. In seinem Kopf war die Erinnerung an sie etwas gewesen von dem er in den schwierigeren Zeiten hatte zehren können und die Aussicht auf ein Wiedersehen war Teil seiner Motivation. Die Vorstellung, dass sie kein Interesse mehr an einer Beziehung mit ihm haben könne, versetzte ihm einen Stich ins Herz und war etwas an das er bis jetzt keinen Gedanken verschwendet hatte.
Überhaupt hatte er keine Ahnung davon, was Ginny während seiner Abwesenheit getan hatte. Erst vor ein paar Tagen, als er seine Aufgabe für beendet erklärt hatte, hatte er versucht sie aufzuspüren. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass der Zaubererwelt unmittelbar nach seinem Verschwinden den Rücken zu gewandt hatte. In der Mugglewelt war sie alles andere als leicht aufzuspüren gewesen und er verdankte es dem Zufall als er sie gestern mit einem Hund an der Leine durch eine kleine Gasse im Londoner East End hatte schlendern sehen. Harry hatte sein Glück kaum glauben können und war ihr unauffällig bis zu ihrer Wohnung gefolgt.
Of your November downtown
And I remember the truth
A warm December with you
But I don't have to make this mistake
And I don't have to stay this way
Sie nicht direkt dort und dann anzuhalten und anzusprechen war eine unglaubliche Überwindung für ihn gewesen, aber es war schon spät und außerdem gab es noch ein paar letzte Angelegenheiten, die er heute geregelt hatte. Jetzt aber war es endlich soweit und mit einem leisen „plop“ stand Peter Pan wieder ganz alleine dort.
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