
von Mabji
Als Annabell das erste Mal wieder das Gefühl hatte Stark genug zu sein, um ihre Augen aufzuschlagen, würde sie vor allem von stechendem Schmerz in ihren Gelenken begrüßt, welche durch ihren Körper zuckten und jede weiter Bewegung zu Qual werden ließen.
Weiter schlafen hätte sie aber auch nicht gekonnt, denn durch die dämpfenden Wolken des Schlafes und der Erschöpfung drangen Geräusche, die zwar noch sehr undeutlich klangen, wie in einem sehr schlecht eingestelltem Radio, aber dafür waren sie Laut und durchdringend.
Manche Töne waren hoch und schrill, andere sehr tief und vibrierend. Sie wusste, dass es Stimmen seien mussten und offenbar stritten deren Besitzer sich heftig, aber noch war sie nicht im Stand die Wörter zu verstehen.
Was sie aber verstand, war, dass sie in Sicherheit seien musste!
Warum sonst sollten da mehrere Stimmen sein und warum sonst, sollte sie das Gefühl haben auf etwas weichem zu liegen. Nein, wenn der Schnulzenkönig sie noch in seiner Gewalt hätte, dann würde sie sich schlechter fühlen!
Severus musste gekommen sein, um sie zu retten.
Die diesem Gedanken breitete sich in ihrem Inneren ein Glücksgefühl und eine atemraubende Dankbarkeit aus, die sie in einer solchen Intensität nie zuvor erlebt hatte. Severus hatte ihr geholfen! Schon wieder und zuverlässig wie immer.
Nur die Gedanken, an diesen Mann brachten Annabell dazu all ihre Kraft zu sammeln und den Kopf zum Lärm hinzudrehen, bevor sie langsam die Augen öffnete.
Sie musste deutlich mehr als einmal blinzeln. Ihre Augen waren verklebt von Schlafsand, aber sie war auch nicht kräftig genug um diesen mit den Finger weg zu reiben. Dazu kamen grelle, weiße Wände und viel zu viel Licht. Ein Pochen in ihrem Kopf kündigte die baldigen Kopfschmerzen an.
Sie brauchte noch fünf Blinzler, bis sich die verschwommenen, schwarzen Umrisse, die sich im Abstand von fünf Metern hektisch bewegten, langsam deutlicher abzeichneten.
Sie erkannte Severus, der scheinbar von vier Männern in Aurorenuniform gepackt worden war. Diese Auroren versuchten den Schwarzhaarigen mit aller Gewalt aus dem Krankenflügel schleifen zu wollen, was dieser wiederum mit aller Macht und jedem Mittel, das er zur Verfügung hatte, zu verhindern wusste.
Annabell sah Seile, die aus dem Boden zu wachsen schienen und welche fest um die Hüfte des Lehrers geschlungen waren, um ihm noch mehr halt zu geben.
Direkt neben Annabells Nachtisch stand Poppy, mit den Händen vor dem Gesicht. Dimitri drückte Annabells Knöchel fest mit einer Hand, ohne zu merken, dass er zu fest zudrückte und noch weiter hinten war die Schulleiterin, die wild gestikulierend mit dem Zaubereiminister diskutierte, dabei immer wieder auf Severus und Annabell deutete und noch ein bisschen lauter schrie.
Annabell verstand den ganzen Aufstand nicht. Was sollte das?
Da sie aber sehr schnell begriff, dass Severus offenbar in Schwierigkeiten war, öffnete sie die Mund, leckte sich über die Lippen und versuchte dann zu Sprechen, obwohl sich ihr Kehle anfühlte, als hätte sie mit Sand gegurgelt.
“Severus?”, sagte sie, doch es war viel zu leise. Sie konnte sich durch Minervas Brüllen und das Zetern der Auroren nicht mal selber hören.
“Severus?”, wiederholte sie daher um einiges Lauter und auch wenn es nicht bis zu den Kämpfenden durchdrang, so hatte doch Poppy sie gehört, wirbelte zu ihr herum und quietschte laut.
“Sie ist wach!”, rief sie begeistert, worauf alle sofort verstummten. Es gab einen lauten Rums. Severus hatte seine Angreifer alle auf einmal abgeworfen und war auf Annabell zugestürmt, nur um von den Seilen aufgehalten zu werden, die er selbst heraufbeschworen hatte.
“Verdammt!”, hörte sie ihn murren, was sie zum schmunzeln brachte. Einen Moment später hatte er sich befreit und Annabells Hände in seine genommen, um sie besorgt zu mustern.
Annabell konnte nicht anders, als ihn verliebt anzulächeln.
“Du hast mich gerettet!”, flüsterte sie dankbar, doch der Lehrer schnaufte nur und küsste sie dann ungestüm, was für ein kollektives Luftschnappen der Auroren und des Ministers sorgte.
“Dummes Weib! Natürlich hab ich dich gerettet! Was soll ich denn, deiner Meinung nach, ohne dich anstellen?”, sagte er schneidend, doch Annabell lachte nur leise. Sie kannte seine raue Art zur genüge und störte sich nicht weiter dran, außerdem sah sie die Sorge in seinen Augen genau.
“Auf jeden Fall hättest du dann weniger Stress!”
“Aber auch viel weniger Spaß!”
Annabell wollte darauf noch antworten, doch sie kam nicht mehr dazu. Der Minister war an ihr Bett getreten und blickte verständnislos zu ihr hinab.
“Das ergibt überhaupt keinen Sinn! Wie können sie den Mann, der ihnen das angetan hat, so freundlich behandeln, sich sogar freuen, dass er hier ist?”, fragte der Dunkelhäutige und schüttelte den Kopf, so dass sein goldener Ohrring wackelte.
Annabell war der Unterkiefer hinunter geklappt. “Severus soll was getan haben?”, fragte sie geschockt. “Wie kommen sie auf so eine dumme Idee? Er hat mir das Leben gerettet. Ohne ihn wäre ich inzwischen sicher tot! Wer hat gesagt, dass Severus mir das angetan hat?”
“Percy Weasley!”, knurrte Severus.
Annabell blickte ihn verständnislos an. “Wer? Ich kenne nur einen Ron Weasley!”
Severus nickte. “Ja, Percy ist Rons älterer Bruder. Ron hat auch die Stimme seines Bruders in deinem Hilfeschrei erkannt und mich gewarnt. Percy ist der Schnulzenkönig, Annabell! Ich hab es dir doch gesagt, dass der dir nichts Gutes will!”
“Ja, ich weiß. Ich sehe ein, dass du recht hattest, aber warum sagt er jetzt, dass du mich angegriffen hast? Denkt er wirklich, er kommt mit einer so dreisten Lüge davon?”, fragte sie und blickte wieder den Minister an.
Dieser seufzte, zog sich einen Stuhl ran und setzte sich.
“Hören Sie, Miss Buntschuh. Heute Nachmittag haben wir von unseren Mitarbeitern in der Muggelbehörde erfahren, dass man in ihrer alten Wohnung Mister Weasley gefesselt aufgefunden hat, daneben eine große Blutlache.”, begann der Mann zu erklären. “Als unsere Leute dann da waren, sagte Mister Weasley, dass er sie dort besucht hätte. Sie seien alte Freunde, sie sogar seine Verlobte. Sie hätten sich dort getroffen, um sich von der Wohnung zu… verabschieden. Während sie und Mister Weasley intim miteinander waren, ist Professor Snape aufgetaucht und hat Weasley ohne Vorwarnung angegriffen, sie dann verletzt, ihn gefoltert und sie dann mitgenommen, ohne irgendeine Erklärung. Diese vorwürfe müssen wir sehr ernst nehmen. Professor Snape ist vorbestraft. Er hatte einen Unschuldigen angegriffen und wird dafür nach Askaban gebracht!”
Annabell war während der Erzählung der Mund aufgeklappt und einen Augenblick lang starrte sie einfach nur, stumm wie ein Fisch. Dann fing sie an zu lachen, bis ihr die Tränen kamen.
Sie wusste, dass dies eine komische Reaktion war, aber sie konnte nicht anders, denn in dieser Geschichte gab es Lücken, die so groß waren, wie sie selbst. Dieser Weasley war wohl ein furchtbarer Lügner!
“Und so einen Mist glauben sie dem Mann?”, fragte sie schließlich und richtete sich in ihrem bett etwas auf, wobei ihr Severus sofort half.
Sie lächelte ihm dankbar an.
“Ich werde ihnen jetzt eine Geschichte erzählen. Dazu sage ich aber vorher, dass Severus am Anfang nichts von meinem Beruf wusste. ich habe ihn darüber erst viel später aufgeklärt und er war so Gütig mich nicht zu verstoßen!”, sagte sie deutlich und warf dem Lehrer einen warnenden Blick zu, damit dieser sich bloß nicht einmischte und sich damit selbst verriet.
Der Minister und die Auroren wirkten aufmerksam, aber Annabell hätte sich gewünscht, dass die Schulleiterin und Poppy verschwinden würde.
“Ich war bis letzten Dezember eine Prostituierte!”, sagte sie und wieder schnappten alle nach Luft. “Ich habe fünf Jahre lang im Kittyclub in der Nokturengasse gearbeitet. Fragen sie dort nach, man wird es ihnen bestätigen. Dort habe ich auch Mister Weasley, oder wie er bei mir hieß, den Schnulzenkönig, als Freier gehabt. Mehrere Jahre ist dieser Mal sehr regelmäßig mein Kunde gewesen und immer wieder hat er mir während des Sex seine Liebe gestanden, die weder erwünscht noch erwidert wurde, möchte ich hinzufügen!
Ende Oktober habe ich dann zufällig Severus in der Winkelgasse getroffen. In einem kleinen Buchladen weiter hinten, der nicht so voll ist.”
Sie wollte diese kleine Notlüge zum Schutz von Severus Ruf gerade weiter ausschmücken, da mischte sich plötzlich Dimitri ein. Sie hatte Angst, dass er sie irgendwie auffliegen lassen würde, aber das tat er nicht.
“Ja, das ist richtig! Ich war dabei, an dem Abend und hab alles gesehen. Sie haben nach demselben Buch über Alltagsillusionen gegriffen. Es war, wie man so schön sagt, Liebe auf den ersten Blick!”, sagte er lachend und kassierte von Severus ein verächtliches Schnauben.
Dimitri klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter. “Ja, ich weiß Severus, du findest das kitschig, aber genau das war es ja auch! Du hättest mich mal fragen sollen! Da treffe ich mich mit meine Schwester und mein Kollege taucht einfach auf und stielt mir die ganze Aufmerksamkeit! Ich könnte dir dafür immer noch an die Gurgel gehen!”
Annabell verdrehte die Augen. “Könnt ihr nicht mal aufhören? Immer müsst ihr euch ankeifen. Ich hab da keine Lust mehr drauf!”
“Moment mal!”, mischte sich nun auch die Schulleiterin ein. “Annabell ist eine Lebedame. Dimitri, sie sind ihr Bruder und du, Severus, bist ihr Freund, obwohl Dimitri und du euch schon seit der Schulzeit hasst? Ich komm da nicht ganz mit und wusste nicht mal, dass sie eine Schwester haben, Dimitri.”
“Nun, eigentlich sind wir nur Halbgeschwister!”, erklärte Dimitri. “Und ja, die beiden sind ein Paar. Nur für Severus hat Annabell ihren Job aufgegeben. Aber ich muss zugeben, dass ich trotzdem wütend war. Sie haben sicher mitbekommen, dass Annabell über Weihnachten nicht ein Wort mit mir geredet hat? Das lag daran, dass ich versucht hatte, Severus eine andere Lebedame zu vermitteln. In der Hoffnung, er verliert dann das Interesse an Annabell. Hat er aber nicht, die Frau hat er einfach rausgeworfen, mich fast umgebracht und dann hat auch Annabell mich noch gut drei Stunden angeschrien. Nicht mal ein Geschenk habe ich zu Weihnachten bekommen!”
“Hattest du danach auch nicht verdient!”, fauchte Annabell gespielt böse, doch im Innern sah es ganz anders aus. Für diese Unterstützung würde er von ihr nachträglich ein Geschenk bekommen und ein Friedensangebot, wenn er weiter so brav war!
“Das ist ja alles schön und gut, aber können wir vielleicht auf die Ereignisse von heute zurück kommen!”, schnappte der Minister.
“Ja natürlich!”, sagte Annabell schnell. “Also ich lernte Severus kennen, da wusste ich schon, dass ich den Job nicht mehr lange machen wollte. Aber ich wollte noch etwas weiter machen. Unterdessen kam der Schnulzenkönig weiter zu mir. Irgendwann im November, da machte Weasley mir plötzlich einen Antrag. Diesen habe ich selbstverständlich abgelehnt, ich habe ihm gesagt, dass ich nichts für ihn fühle und ihn nicht mehr als Kunden empfangen werde.”
Sie brach kurz ab und spürte, wie Severus ihre Hand drückte.
“Nach diesem Tag haben sich die Dinge verselbstständigt. Severus und ich kamen uns Näher, während ich Weasley nicht mehr sehen wollte. Ich plante meinen Jobausstieg für Mitte Dezember, doch plötzlich wurde ich krank. Jemand, wie ich heute weiß auch Weasley, hatte mich Leitungswasser mit Quecksilber vergiftet. Meine Katze ist daran gestorben und ich habe nur überlebt, weil ich zum Zeitpunkt der ersten Symptome hier in Hogwarts war. Severus hat mir geholfen. Weasley meinte, er hätte das Wasser vergiftet, damit er mich retten kann und ich mich dann in ihr verliebe.”
Wider schauderte Annabell bei dieser Vorstellung und bemerkte, dass ein Auror jedes ihrer Worte mitschrieb.
“Jedenfalls hab ich überlebt und bin nur noch wenig arbeiten gegangen. Ich hatte meinen Job schon aufgegeben und wohnte übergangsweise mit Severus hier im Schloss, weil ich nach der Vergiftung nicht mehr in meine Wohnung wollte, da ging ich auf eine Geburtstagsfeier. Der Rotschopf war auch da, wollte mir ständig was zu trinken ausgeben, also habe ich irgendwann ja gesagt. Da muss er mir aber was reingemischt haben, denn mir wurde schwindelig. Irgendwie habe ich es zurück nach Hogwarts geschafft, aber ich erinnere mich nicht, wie! Dann zu heute, ich wollte die Wohnung nur kurz ansehen, weil ich heute die Schlüssel zurückgeben musste. Ich schließe auf, da steht Weasley schon vor mir, verflucht mich, zerrt mich in die Wohnung, tritt und schlägt mich und was weiß ich noch. Ich hab es geschafft Severus zu informieren und um Hilfe gebeten, dann hab ich das Bewusstsein verloren.”
Es entstand ein langes Schweigen, sie merkte, wie sie von allen Richtungen aus angestarrt wurde.
“Und das sollen wir glauben?”, fragte schließlich ein Auror.
“Ich habe kein Problem damit Veritaserum zu schlucken und ich gebe ihnen gerne meine Erinnerungen zur Bestätigung!”, sagte Annabell sofort hart, bereute es aber, dass sie den Kopf so schnell in die Richtung des Sprechers ruckte, den ihr Nacken begann zu schmerzen. “Aber ich finde nicht, dass das nötig ist. Sehen sich, ich trage keinen Verlobungsring! Wie kann ich da mit Weasley verlobt sein? Und warum sollte Severus mich hier her bringen, wenn er mich angegriffen hat? Hier gibt es doch sehr viele Zeugen! Denken sie mit!”
Der Minister räusperte sich unbehaglich und stand dann auf.
“Es scheint, als hätten wir einen Fehler gemacht, Weasley zu glauben, nur weil er Juniorassistent ist, war nicht sehr klug. Wir werden alles genau untersuchen und ich entschuldige mich hiermit für die falschen Vorwürfe ihnen gegenüber, Professor!”
Severus nickte nur und machte eine wegwerfende Handbewegung, starrte aber weiter unverwandt Annabell an.
Kingsley nickte noch einmal und zog dann ab.
Auch die anderen gingen, nur Dimitri und Severus blieben.
Annabell war aber vom ganzen reden wieder so müde, dass sie nur noch die Hände der beiden Männer aus ihrer kleinen Familie in ihre nahm und dann sehr schnell wieder in die Dunkelheit zurück sank.
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