
von Kate Campbell
Vogelgezwitscher und warme Sonnenstrahlen, die Lily an der Nase kitzelten, ließen sie langsam wach werden. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und musste blinzelnd gegen das grelle Licht ankämpfen.
„Bin ich jetzt tot?“ Ungewollt kam ihr die Frage aus dem Mund. Jedoch sollte sie sich eher fragen, wo sie jetzt überhaupt war.
„Nein, Sie sind nicht tot, es ist alles in Ordnung.“, hörte sie eine Frauenstimme an ihrer rechten Seite.
„Wo bin ich?“, fragte Lily zaghaft und versuchte leicht, ihren Kopf nach rechts zu drehen. Ein reißender Schmerz zog ihr am Hals entlang und sie beschloss, fürs erste ihren Kopf gerade zu behalten.
„Sie sind im Krankenflügel, meine Liebe“, ertönte die Frauenstimme erneut, „und das ist gut, dass Sie aufgewacht sind - da können Sie gleich Ihre Medizin nehmen, sobald ich Ihren Hals eingesalbt habe.“
Über Lilys Gesicht tauchte der Kopf von Madam Pomfrey auf, den Blick konzentriert auf Lilys Hals gerichtet. Sie spürte, wie die junge Heilerin etwas auf ihren Hals schmierte und Kühles auflegte.
„Was ist passiert?“
Doch Madam Pomfrey hatte schon etwas von einer riesigen Flasche auf einen Löffel gehäuft und steckte diesen in Lilys Mund. Bittere Medizin schwamm in Lilys Mund.
Um diesen schnell loszuwerden, schluckte sie es mühevoll. Die eingesalbte Stelle am Hals brannte.
Ohne zu antworten, verschwand Madam Pomfrey aus Lilys Blickfeld und Lily hörte, wie sich der rauschende Saum der Heilerin immer weiter entfernte, wohl zum nächsten Bett.
Lily wusste nicht, wie spät es war – von den gewanderten Sonnenstrahlen im Raum tippte sie auf Nachmittag -, als sie hörte, wie einige Fußpaare sich mit eilenden Schritten ihr näherten.
Mittlerweile konnte sie wieder ihren Kopf bewegen und sie sah gerade noch Kates weißes Gesicht, bevor diese sich auf sie stürzte.
„Ein Glück“, murmelte sie mit zitternder in Lilys Haare. „Professor McGonagal hat uns eben berichtet, dass du heute morgen aufgewacht bist...“
„...Du hattest echt Glück, dass wir dir nachgelaufen sind, Lily“, hörte Lily eine ihr vertraute tiefe Stimme.
„Remus?“, fragte sie leise.
„Ich freu mich so sehr, dass du wieder einigermaßen fit aussiehst. Dachte schon, wir dürften deine leuchtend grünen Augen nie wieder sehen...“, sprach er weiter, und als Kate sich allmählich von ihr löste, sah sie, wie Remus sie mit einem besorgtem, aber liebevollen Blick anlächelte.
„Wie lange bin ich schon hier?“
Kate und Remus tauschten sich zögernde Blicke aus, bevor Kate antwortete. „Über drei Tage.“
„Über drei -“ In Lilys Kopf ratterte es. „Was für ein Tag haben wir heute?“
„Dienstag“, antwortete Remus schwach. „Hör zu, ich hab alle deine Schulsachen, du kannst -“
„Was war los?“, schoss es aus Lily, ohne auf die Schulsachen zu achten.
„Lily, wir -“ „Lily!“, schallte es durch den Raum, gefolgt von einigen Ermahnungen Madam Pomfrey's und eiligen Schritten. „Miss Croft! Miss Grint! Das hier ist der Krankenflügel und nicht das Quidditch-Feld! Ich bitte um Ruhe!“
Doch schon standen Laura und Liz grinsend an Lilys Bett. „Wurde Zeit, dass du aufwachst, ich halte es ohne dich im Unterricht echt nicht aus! Wer hilft mir sonst in Verwandlungen und Zaubertränke?“ Bei dieser Frage fing sich Laura etwas entrüstete Blicke von Kate und Liz, weshalb Laura lachend schnell das Thema wechselte.
„Lily, das war der Wahnsinn, ich konnte es gar nicht glauben! Ein Vampir! Ich hätte an deiner Stelle den Pluteus angewendet, den wir im vierten Schuljahr gelernt haben!“
Lily stöhnte. Die Szene kam ihr wieder in den Kopf. Am Waldrand, nahe der heulenden Hütte, von einem Vampir an den Zaun gedrängt, ohne Chance, lebendig aus dieser Situation zu kommen. Alles war ihr in den Sinn gekommen – Sprüche, Flüche, Schutzzauber –, aber keiner half ihr heraus, und so sah sie keinen anderen Weg mehr, als dem Tod entgegen zu sehen.
„Was -“
„Merlin waren wir froh, dass wir dich gefunden haben. Du sahst echt fertig aus, als könntest du jeden Moment sterben!“, unterbrach Kate sie.
„Wie -“, setzte Lily erneut an, doch diesmal unterbrach Remus sie.
„Wir haben erst nicht realisiert, was vor sich ging, James hat zum Glück sofort reagiert und ist eingeschritten. Du kannst froh sein, Lily, er hat dir das Leben damit gerettet – Ein paar Augenblicke später und du wärst tot...“
„Ja, Lily, du solltest ihm echt dankbar sein!“
„Sei froh, dass wir dich gefunden haben...“
„Merlin, hatte ich eine Angst!“
„Ein Vampir, ich glaub es einfach nicht... Wie sah er aus?“
„Laura!“
„T'schuldige...“
„Ich frag mich, was er in Hogsmeade zu suchen hatte...“
„Ist doch wohl klar, oder?“
Erschrocken drehten sich alle um.
Lily, die dem Gespräch mit Aug und Ohr folgte, sah plötzlich in das Gesicht von Sirius Black, der sich wohl unbemerkt angeschlichen haben musste, denn niemand hatte seine Ankunft mitbekommen.
„Was ist klar?“, fragten Kate und Laura wie aus einem Mund.
„Vampire gehen bestimmt nicht nach Hogsmeade, um sich Blut-Lollies im Honigtopf zu holen und die niedlichen kleinen Häuser zu betrachten!“ Lily verdrehte die Augen. Selbst wenn alle dem Tode geweiht sich und sich noch einen letzten Flucht- oder Schlachtplan überlegen würden, würde er dies nicht so wirklich ernst nehmen. „Entweder es brodelt sich etwas im Ministerium zusammen, dass die Vampire anfangen zu rebellieren, oder -“
„Oder wir müssten von der schlimmsten Befürchtung ausgehen“, ertönte es vom Bett nebenan. Als Lily ihren Kopf langsam und vorsichtig nach rechts zu dem Bett bewegte, sah sie James dort sitzen, keuchend und mit vielen Kratzern und einem verbundenen Bein. Als sich ihre beiden Blicke trafen, fuhr er verlegen mit seinen Augen auf ihre Bettdecke, doch er meinte sie, als er wieder anfing zu reden.
„Ich bin echt erleichtert, dass es dir wieder besser geht – du hast mir echt etwas Panik verbreitet...“
„Panik? Jetzt untertreib mal nicht! - Lily, er hat fast geheu-“ „Kate!“, fuhr Remus sie bestimmt, aber nicht lauter werdend an.
Lily räusperte sich. „Was... ist denn eure schlimmste Befürchtung?“
James setzte zum sprechen an, doch genau in diesem Moment, schritt Madam Pomfrey auf sie zu und scheuchte alle Besucher wieder aus dem Krankenflügel. „Soll das ein Kaffeekranz-Treffpunkt darstellen oder was macht ihr hier für einen Lärm? Ab, raus! Meine Patienten brauchen Ruhe! Mr. Potter, hinlegen!“
Ertappt sanken die Köpfe ihrer Freunde zu Boden und sie murmelten leise zum Abschied (sie würden sich ja wieder sehen und sollten so schnell wie möglich wieder gesund werden), während sich James mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder hinlegte und an die Decke starrte.
Lily tat es ihm gleich, und nach einigem Schweigen fragte sie leise in die Stille: „Meinst du, Du-weist-schon-wer hat etwas damit zu tun?“
Erst kam nichts, und Lily fragte sich, ob er es überhaupt mitbekommen hat. Aber gerade als sie sich umdrehen wollte, regte sich James und nahm kurz Luft. Er überlegte. Schließlich flüsterte er kaum vernehmbar: „Ich denke schon. Ich habe das Gefühl, der dunkle Lord sucht sich schon ein paar Gruppen an denkfähigen Wesen, die er gegen sich wehrende und unschuldige Menschen richtet. Er würde alles tun, um sein Ziel zu erreichen.“
Was mit unschuldigen Menschen und dem Ziel gemeint war, wussten beide ganz genau, denn es betraf auch Lily – und James war zu Lilys Dankbarkeit so loyal, dies nicht zu erwähnen.
Lily selbst war eine Muggelgeborene, die, wie viele anderen auch, ermordet werden sollen, dass die Welt der Hexen und Zauberer wieder „rein“ ist.
Menschen, die sich gegen dem wehrten, sich vielleicht mit Muggeln oder Muggelgeborenen verbündeten oder sogar selbst Muggel waren und von der Zaubererwelt wussten (wie Lilys Eltern) werden ermordet.
Lily erfuhr von dem Tod ihrer Eltern, als sie in den Ferien von Kates Anwesen nach Hause kam. Sie war Anfang August bei ihr gewesen, feierte mit ihr und ein paar Freunden Kates siebzehnten Geburtstag, somit ihre Volljährigkeit, und verbrachte dort ein Teil ihrer Ferien. Als sie zurückfuhr, wunderte sie sich, dass ihr Vater sie am Bahnhof nicht abholte, wie abgemacht.
Sie stieg in den Bus, fuhr in die kleine Siedlung ein und lief den restlichen Weg nach Hause. Doch die Türen waren offen, nichts in dem Haus regte sich – und zu Lilys eigenem Entsetzen, sah sie ihre Eltern tot in der Küche liegen, ihr Vater mit einer Pistole, ihre Mutter mit einem Messer in der Hand.
In den Muggel-Nachrichten sprach man von einem Selbstmord und schließlich kam auch dort nichts mehr.
Nur Petunia schob ihr die Schuld zu – und als Lily ihr erklärte, was höchstwahrscheinlich geschehen war, änderte sich deren Meinung von „den Gedanken, eine Missgeburt zur Tochter zu haben ließ sie verzweifelt keinen Ausweg mehr finden als sich umzubringen“ zu „du und deine Missgeburten-Freunde, ihr steckt doch alle unter einer Decke, den Mord hast du sicherlich mit geplant!“
Drei Tage später kam schließlich die Bestätigung des Ministeriums, dass Lilys Verdacht sich bestätigt hatte.
Sehr geehrte Miss Evans,
wir bedauern sehr den Tod Ihrer Eltern und hoffen, dass Sie dennoch wohlauf sind.
Das Ministerium für Zauberei bestätigt, dass es sich hierbei um einen Fall von den berüchtigten Todesser-Angriffen August 1977 handelt.
Geben Sie auf sich acht.
Mit freundlichen Grüßen,
Margret Milphis
(Abteilung zur Nachverfolgung von mysteriösen Todesursachen)
Lily seufzte. Wäre sie da gewesen, hätte sie vielleicht noch etwas tun können, um ihre Eltern zu retten, aber so waren ihre Eltern schutzlos und leichte Opfer für ihre Mörder.
Sie vermisste ihre Eltern, auch zwei Monate nach dem Vorfall machte Lily sich noch Vorwürfe.
Sie ist schuld, sie ist die Hexe im Haus, wegen ihr werden sie alle getötet. Und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie selbst dran war.
Neben ihr regte sich etwas, und als sie zu James sah, drehte er sich gerade mit geschlossenen Augen zu ihr. Er schlief tief und fest, fast schon unschuldig.
Vielleicht sollte ich das auch endlich mal machen, schließlich war es schon dunkel, wahrscheinlich früher Abend. Lily hatte die Zeit im Krankenflügel einfach nicht im Blick, besonders nicht, wenn sie in Gedanken war.
Obwohl sich Lily eigentlich darauf einigen wollte, zu schlafen, konnte sie nicht umhin, nach James zu sehen. Er hat mir das Leben gerettet, schoss es ihr durch den Kopf, obwohl ich immer so unfreundlich zu ihm war.
Sie beschloss, von nun an etwas umsichtiger zu ihm zu sein, zumindest bis er wieder einen seiner dämlichen Anmachsprüchen brachte.
Vorsichtig, und bedacht darauf, keinen Krach zu machen, hob sie ihre Decke und schwang sich langsam und leise aus dem Bett.
Der Boden war kalt, doch Lily wollte nicht, dass Madam Pomfrey sah, wie sie außerhalb ihres Bettes war, und so schlich sie sich barfüßig in Richtung James' Bett. Ab und zu blieb sie stehen und lauschte, ob jemand kam, doch als sie bei James ankam, setzte sie sich behutsam an die Bettkante und schaute auf James' Gesicht.
Sie sah die Kratzer und zwei Schnittwunden, die ihr von weitem nicht so gefährlich vorkamen.
Langsam strich sie mit dem Finger über die größere der beiden Schnittwunden, zog ihre Hand aber schnell wieder zurück, als er bei dieser Berührung zusammenzuckte.
Töricht, wie du handelst, ermahnte sich Lily selbst. Wenn er aufwachen würde, würde er weiß Merlin was von dir denken!
Lily zögerte. Wegen mir sieht er so zerkratzt aus, nur damit ich weiter am Leben bin.
Sie spürte ihren Herzschlag hämmern.
Hatte er auch diesen komischen Moment, in dem sich alle Gedanken bei ihm umschlugen und diese Düfte ihn umgaben? Oder hat er einfach nur gekämpft und dadurch nichts davon mitbekommen?
Wenn er das alles auch so erlebt hat, müsste er diesen geheimnisvollen Duft gerochen haben, der ihr, jetzt wo sie drüber nachdachte, wieder in die Nase stieg. War es Einbildung? Lily schüttelte in Gedanken den Duft weg, aber er ließ sich nicht aus ihrem Kopf entfernen.
Es war ein leichter Duft und hatte dennoch etwas Männliches an sich. Und irgendwie wirkte er anziehend, von welcher Richtung er auch sein mag.
Plötzlich öffnete James seine Augen und ihre Blicke trafen sich. „Ich...“, versuchte Lily leise aus sich herauszubringen.
Er schaute sie fragend an. „Danke, James.“ Mehr kam nicht mehr aus ihr heraus.
James' Gesicht wandelte sich schnell von einem erstaunten Blick zu einem freundlichen, erleichterten. Bei seinem Anflug eines Lächelns schwang jedoch leichte Besorgnis mit.
„Ich würde alles dafür tun, dass dir nichts passiert, Lily.“
Lilys Herz raste bei diesem Satz und sie spürte eine leichte Gänsehaut an ihrem Körper hoch kriechen.
Er sprach es so leise und doch verständlich aus und seine Worte brannten sich unauffällig in ihren Kopf ein.
„Aber tu mir bitte den Gefallen, und lauf nie wieder alleine herum, es lauert überall etwas auf und ich kann nicht immer mit meinen Jungs in der Nähe sein.“
Lily nickte stumm.
Schließlich, nachdem sich beide eine Weile schweigend ansahen, kroch Lily wieder zurück in ihr Bett und schloss ihre Augen.
Das einzige, was sie noch wahrnahm, waren ihre ziemlich erkalteten Füße und ihren starken Herzschlag, der sich wegen der schlagartigen Bewegung ins Bett bemerkbar machte. Doch Sekunden später war sie schon eingeschlafen.
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