
von Svelita
Sündenweber
Opfergabe
„Professor?“ Die Stimme ging kläglich im Zusammenpacken der dreiundzwanzig Bücher unter. Schulschluss konnte anscheinend in einem Raum, der von Totenstille gesegnet war, in ein tobendes Chaos umschlagen. „Professor, bitte.“
Snape ließ sich nicht darin beirren, sein Schreiben fortzuführen. Schulschluss bedeutete für ihn ebenso der Freispruch von jeglichen Verpflichtungen.
„Ich weiß, wir können darüber nicht laut sprechen.“ Pansy Parkinson war inzwischen zum Pult vorgedrungen. Sie drehte sich um, beobachtete, ob ihr irgendwer lauschte. „Aber es ist wichtig.“
Snape sah gequält von seinen Unterlagen auf, traf sie bloß mit einem vorwurfsvollen Blick.
Die Slytherin beugte sich näher an den Lehrer, bedacht darauf, dass ihren Worten niemand Gehör schenkte.
„Was kann von so einer Wichtigkeit sein, dass Sie so ein auffällig unauffälliges Theater spielen?“
„Sir, soll die ganze Schule wissen, dass Sie die Möglichkeit bieten, Okklumentik zu erlernen?“
Snape wurde hellhörig und legte die Feder bei Seite. Sie gefiel ihm. Sie wusste gewisse Dinge für sich zu behalten. „Natürlich nicht, Miss Parkinson. Worin besteht Ihr Anliegen?“
„Ich schätze, es ist durchaus vorteilhaft, gewisse Fähigkeiten anführen zu können, wenn man sich einer machtvollen Gruppe anschließen möchte.“ Sie brach den Blick ab. Es war geradezu peinlich offensichtlich, wen sie damit meinte.
Der Lehrer zeigte den Ansatz eines Nickens. „Das ist wahrscheinlich, Miss Parkinson.“
„Das heißt, Sie werden mich unterrichten?“
Snape suchte in ihren Augen nach dem Vertrauen, das er von ihr brauchte, damit die Magie Wurzeln schlug. Genug Vertrauen, das ihm eine weiße Weste zusichern würde. Eine Schlange war ein Risiko. Aber durchaus einen reizvollen Versuch wert.
Als sich seine Lippen öffneten und zu einer Antwort ansetzen wollten, schwang die Tür zum Kerker auf. McGonagall hatte die Grenze zu den Schlangen überschritten. „Severus! Severus, wir brauchen dringend Ihre Hilfe.“
„Kann das war-“
„Nein. Sie müssen mich sofort begleiten.“
„Professor…“ Parkinsons Ton war gerade zu flehend.
Snape drehte sich kurzgebunden um. Seine Frage klang wie eine Anweisung. „Würden Sie auf mich warten?“
Sie nickte. So ließ er von ihr ab und folgte der verzweifelten Mine der Verwandlungslehrerin.
„Es ist unerklärlich. Schrecklich“, führte McGonagall an, als die beiden Lehrer die Große Halle passierten.
„Nahezu so schrecklich, dass man sich gezwungen sieht, mich in wichtigen Gesprächen zu unterbrechen?“, fragte er sie vorwurfsvoll. Sein Respekt galt Dumbledore. Sie war in seinen Augen nicht mehr wert als er selbst.
Die Ältere schwieg. Irgendetwas schnürte ihr die Kehle zu. Vor dem Krankenflügel machte sie halt. „Severus, ich bitte Sie um ein Urteil. Sie sind der schwarzen Magie offenkundig bewanderter als jeder andere von uns.“ Ihr flehender Blick war beinahe angsteinflößend.
Snape ließ sich nicht weiter beeindrucken. Er nickte steif zur Antwort und ließ ihr Vortritt.
Der Krankenflügel schien fürs Erste unbewohnt zu sein. Die Einzige, die ihr Unwesen trieb, war Madam Pomfrey, die die beiden Lehrer zu langen Vorhängen führte, die die Sicht auf ein Bett vermeiden sollten. Sie zog den Stoff zur Seite und lege den Blick auf ein Mädchen frei.
McGonagall zog scharf die Luft ein und unterdrückte einen Schluchzer. „Angelina Johnson. Eine Gryffindor.“
„Ist mir bekannt.“ Snape hielt kurz die Luft an. Die Schülerin wurde anscheinend mit einer hohen Dosis an Kräutern in einen schmerzlosen Schlaf gewogen. Dort, wo sich Mundwinkel schließen und zu einem Lächeln gebildet werden sollten, klafften sie blutverkrustet bis zu den Wangenknochen auseinander. „Konnte man noch etwas bei ihr feststellen?“ Er brauchte gar nicht fragen. Er kannte die Antwort bereits.
„Nun… Ihre Zunge. Sie ist ihr entwendet worden.“ McGonagall hielt sich die Hand vor den Mund, als könnte sie den Tatbestand dadurch lindern. „Ich frage mich, wer tut so etwas?“
Snape konnte Lavender nicht verraten, wo die Beiden einander geschworen hatten, zu schweigen. Verriet er sie, verriet er sich selbst. „Ich brauche mehr Informationen: Fundort, Merkmale der Wunde, wie schlagen die Medikamente an.“
Madame Pomfrey sah ihn wütend an, doch McGonagall nickte verständnisvoll. „Natürlich, Severus. Danke, dass Sie sich darum kümmern. Es muss ein Fluch sein, alles andere kann ich mir nicht erklären. Ich lasse Ihnen die Dokumente zukommen.“
Mit einem letzten Blick auf Miss Johnson verschwand Snape und ließ die Frauen vor dem Bett stehen, die wie Krähen ihre tote Brut betrauerten.
Wenn Angelina wusste, sich zu erinnern vermochte, würde sie immerhin nicht die Möglichkeit haben, ihren Worten Sprache zu verleihen. Dennoch hätte Snape zu gerne gewusst, inwiefern sie die Geschehnisse betrachtete, wo sie doch nur in eine Erinnerung gewebt wurde, die aber nicht ihre eigene war. Vielleicht würde er sich heute Abend bei einem Feuerwhiskey nähere Gedanken dazu machen.
Der Lehrer nahm den Weg zurück zu den Kerkern auf. Wieder einmal schien seine Rede über die Okklumentik Früchte getragen zu haben. Seine Vielfalt erlaubte die Breite an Ambitionen, die auf jede noch so verschiedene Person zutreffen wollten.
Als er den Unterrichtsraum erreichte, war die Tür noch immer einen spaltbreit geöffnet. Der Lehrer durchquerte ihn lautlos und konnte Pansy mit dem Rücken zu ihm gewandt an seinem Schreibtisch erkennen. Wie ein Wiesel durchblätterte sie die losen Pergamente. Ihre Finger fuhren beliebige Zeilen in den dicken Büchern entlang, die verstreut auf dem Tisch positioniert waren.
„Suchen Sie etwas?“
Pansy schreckte auf. Sie drehte sich auf den Schuhsohlen zu ihm um. „Nein, Sir.“
„Sicher? Ich kann Ihnen nicht zufällig weiterhelfen?“
Sie schüttelte mit dem Kopf. Doch statt Scham oder Angst blitze in ihren Augen ein Funke von Unglauben auf.
Snape war sich nicht gewiss, worauf sie gestoßen war. Doch sicherlich nichts, das ihn entlasten würde.
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