
von Picadelly
Poppy verbarrikadierte Luciana noch bis zum Ende der Woche im Krankenflügel, obwohl diese schon nach drei Tagen der Meinung war, wieder voll funktionstüchtig zu sein - von dem kleinen Ganzkörpermuskelkater einmal abgesehen. Aber diese, etwas in die Jahre gekommene Dame, blieb hartnäckig und das erste Mal im Leben war Luciana dankbar, nicht von einer Frau aufgezogen worden zu sein. Denn hierbei half kein Wimpernklimpern, große Augen machen oder sonstiges Herumgejammere, welches bei Männern eigentlich fast immer zog.
Aber das wirklich allerallerschlimmste war das zur Neige gehen ihrer Zigarettenvorräte. Luciana hatte während ihres Kerkersparziergangs nur eine angebrochene Schachtel dabei gehabt und auch, wenn sie nur nachts am geöffneten Fenster rauchen konnte, in der Zeit, wo Poppy nicht ihren halbstündigen Kontrollgang machte (die Frau konnte kein menschliches Wesen sein, wann schlief die denn??), waren die paar Zigaretten schnell verbraucht.
Granger hatte bei ihrem täglichen Besuch, um Luciana die Hausaufgaben zu bringen, nur einmal mit der Nase gerümpft, als sie diese gebeten hatte, ihr welche aus ihrem Zimmer mitzubringen und George und Fred hätten ihr sicher geholfen (wenn auch widerwillig), allerdings waren die beiden nicht in der Lage, in die Mädchenschlafsäle zu gelangen, da sich bei menschlichen Wesen mit einem XY-Chromosom der Aufstieg zu den Schlafgemächern der Weibchen in eine Rutschpartie verwandelte (was Snape vor ein paar Wochen erst am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte). Irgendwann hatte Luciana Plan Z aus dem Ärmel gekrempelt und Azrael mit einem fünfzig Mark Schein losgeschickt. Britisches Geld besaß sie leider nicht, nur diese verdammten Sickel, Galleonen und wie dieses Zauberergeld auch heißen mochte und sie selbst wusste nicht einmal, ob es in der Winkelgasse so etwas wie einen Tabakwarenladen gab, also woher sollte ihr Falke das wissen? Dieser hatte ihr nach einem Tag die heißersehnten Päckchen gebracht und sie schwor ihm hoch und heilig, einen mindestens fünf Liter großen Topf voller Bolognesesoße mit extra großen Hackfleischbällchen zu besorgen, sobald sie wisse, wo die Küche in diesem riesen Laden lag.
Es war Samstag früh, als Luciana gerade dabei war, ein paar Liegestütze zu machen.
„Ah, Miss Bradley.“ Poppy hatte soeben den Saal betreten, mit einem Stapel Bettlaken auf dem Arm. „Ich habe gerade mit dem Schulleiter gesprochen und wir sind uns beide einig. Sie können den Krankenflügel verlassen, wo doch heute der Ausflug nach Hogsmeade geplant ist“, sagte sie und lächelte das, auf allen Vieren liegende, Mädchen zu ihren Füßen an.
„Oh Gott, endlich …“ Luciana war blitzschnell aufgesprungen, sammelte in Windeseile all ihre Sachen zusammen, tauschte das verhasste Krankenflügelhemdchen gegen Jeans und Pullover und war im nächsten Augenblick schon auf dem Weg nach draußen, mit einem „Danke, bis hoffentlich nicht allzu bald!“.
Zuerst bog sie auf die Myrte-Toilette ab, deren Bewohnerin sich außerordentlich freute sie wiederzusehen („Es war plötzlich so ungewohnt still hier drin und dann kamen auch noch zwei kleine Erstklässlerjungs hier rein und ich hab ihnen gesagt, sie sollten verschwinden und dann haben sie sich einen Spaß daraus gemacht …“ und so weiter und so weiter), dann ging sie mit schnellen Schritten in die große Halle, in der gerade das Frühstücksbuffet aufgebaut war (am Wochenende war die Auswahl an Speisen immer noch ein wenig größer, als unter der Woche).
Luciana schnappte sich im Vorbeilaufen eine unbenutzte Tasse vom Gryffindortisch und ging schnurstracks auf das Lehrerpodium zu. Professor Snape hatte sich gerade einen Bissen Toast in den Mund gesteckt und kaute, als er Luciana erblickte. Dann sah er aus, als habe er das Bedürfnis, seine Stirn auf die Tischplatte vor sich zu hauen. Und schon hielt sie, super gut gelaunt und mit einem breiten Grinsen auf ihrem Gesicht, ihre Tasse unter seinen übergroßen Zinken. Seine Nasenflügel bebten kurz auf, sein Blick glitt nach links, wo der Schulleiter saß und Luciana fröhlich einen guten Morgen wünschte. Darauf warf er Snape einen auffordernden Blick zu. Dieser hob widerwillig die Kaffeekanne an und schüttete Luciana ihre Tasse damit voll. Er schien sich sehr unter Kontrolle halten zu müssen, das heiße Gebräu nicht direkt in ihr Gesicht zu kippen.
„Wie ich sehe, sind Sie wieder wohlauf, Miss Bradley. Gerade pünktlich zum Hogsmeade Ausflug, welch ein Zufall“, knurrte er beim Gießen und warf ihr einen verachtenden Blick zu. „Jedoch entbindet Sie dieser krankheitsbedingte Ausfall nicht von dem Aufsatz für den Tränkeunterricht“, fügte er noch hinzu und grinste sie schadenfroh an.
„Aber selbstverständlich, Professor Snape. Miss Granger hat mir die Aufgaben schon am Dienstag gegeben und ich bin längst fertig damit. Ich habe sogar schon im Vorfeld das 'M` auf der ersten Seite vermerkt, damit Sie sich nicht mehr die Mühe machen brauchen!“, flötete sie daraufhin strahlend, drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück zum Gryffindortisch. Dort setzte sie sich auf den freien Platz neben George, daneben saß, wie konnte es auch anders sein, Fred.
„Was hast du denn mit Snape angestellt? Der sieht aus, als habe er fürchterliche Verstopfungen“, sagte George und nickte zum Lehrertisch hinüber, den Luciana aber nach ihrem Abgang gerade nicht näher in Augenschein nehmen wollte.
„Hogsmeadewochenende also“, lenkte sie schnell das Thema um und sah die beiden fragend an.
„Achso, ja. Ich vergesse immer, dass du das alles noch gar nicht kennst“, sagte Fred, schnappte sich noch ein paar Würstchen von der Platte vor ihm und lud noch Rührei auf seinen, ohnehin schon recht vollen Teller. „Wir treffen uns gleich vor der Eingangstür, dort werden Namen und Erlaubnisbescheinigungen geprüft und dann geht's los.“
„Ja, du musst dir unbedingt Zonko's Scherzartikelladen anschauen, der ist einfach großartig, nicht so großartig wie unserer mal sein wird …“, George bekam von Fred einen dezenten Ellenbogenstoß in die Rippengegend. Dieser räusperte sich kurz und wechselte schnell das Thema. „Na ja, aber wir werden dir heute keine Hogsmeade-Führung a la Weasleys bieten können.“ „Bedauerlicherweise“, warf Fred ein und fuhr für seinen Bruder im Flüsterton fort, beugte sich dabei sogar ein wenig über den Tisch, in ihre Richtung. „Ein paar Schüler treffen sich nachher im Eberkopf, es geht um irgendeine Verteidigung gegen die dunklen Künste Gruppe, die Hermine und Harry auf die Beine stellen wollen.“
„Ja, und Ronald …“, fügte Fred dem hinzu und beiden lachten kurz auf. Warum auch immer. „Auf jeden Fall kannst du gerne mitkommen, so als unser beider Plus Eins“, schlug George vor. Luciana dachte kurz darüber nach und schüttelte dann den Kopf.
„Nein, die drei sind eh schon nicht gut auf mich zu sprechen und außerdem schau ich mir lieber die Stadt an“, sagte sie und lächelte dabei etwas schief.
„Na, eher Dorf.“
*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*
Und George sollte damit Recht behalten. Hogsmeade, das laut George und Fred der einzige Ort in ganz Großbritannien war, wo ausschließlich Hexen und Zauberer wohnten, war ein kleines Dörflein, bestehend aus einer Gasse, in der sich vielleicht zwei Dutzend kleine Häuser mit Spitzdächern aneinanderreihten. Die meisten davon waren Wohnhäuser, aber hie und da kamen ein paar Läden in ihr Sichtfeld. Ihr war nicht nach Scherzartikeln, also lehnte sie auch das Angebot von George und Fred ab, sie mit dorthin zu begleiten, bis die beiden zu ihrem Treffen mussten. Und so trennten sich die drei voneinander - anscheinend war der Großteil der Schüler, die an diesem Wochenende Hogsmeade besuchen durften (ab der dritten Klasse aufwärts), ohnehin darauf aus, im Vorfeld den Scherzartikel- und/oder Süßigkeitenladen zu plündern, bevor es zu den nächsten Einrichtungen gehen konnte. Demnach fand sich Luciana in einer beinahe menschenleeren Hauptgasse wieder, die alle paar Meter in Seitenstraßen abzweigte, wo sich noch mehr kleine Häuser erstreckten. Vorbei an dem Eulenpostamt kam sie zu einem Schaufenster, in dem allerlei Schreibartikel präsentiert wurden. Mh, ihr ging langsam, aber sicher, das Pergament aus (bei den Massen an Hausarbeiten). Der Laden hieß Derwisch und Banges, wie Luciana mit einem Blick über der Ladentür feststellte.
Nach etwa einer halben Stunde kam sie nicht nur mit Pergament, sondern auch mit einer Schreibfeder (ja, sie hatte gesagt sie könne diese nicht leiden, aber diese war von einem sooo schönen Schwarzton und unglaublich weich und seidig, da konnte sie einfach nicht widerstehen), einer neuen, ledernen Umhängetasche, die immer fünfhundert Gramm wog, egal was man hineintat und einer ganzen Farbpallette von Schreibtinte wieder hinaus. Trotz des stark erleichterten Geldbeutels, ging sie sehr zufrieden mit ihren Einkäufen in die Dorfkneipe, die 'Drei Besen'.
Die kleine Kneipe war recht voll, was allerdings bei diesem geringen Fassungsvermögen des Schankraums wohl die Regel zu sein schien. Die Gäste bestanden fast ausschließlich aus älteren Zauberern und Hexen. An ein paar Tischen konnte Luciana auch Schüler ausmachen, die sich jedoch fast ausschließlich als Slytherins entpuppten oder ihr gänzlich unbekannt waren. Ganz am Ende des Raumes erspähte sie einen freien Tisch, schob sich durch eine Menschentraube und ließ sich seufzend auf der kleinen Eckbank nieder. Keine fünf Minuten verstrichen, da stand auch schon eine Frau vor ihr, recht attraktiv und wohl Anfang dreißig, schätzte Luciana.
„Was kann ich dir bringen?“, fragte sie - neben ihr schwebten ein Notizblock und ein Stift, bereit ihre Bestellung entgegenzunehmen.
„Puh, was habt ihr denn da?“, erkundigte sich Luciana. Sie hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, was man in einer Zauberkneipe alles trinken konnte. Obwohl, so große Unterschiede konnte es zu Normalsterblichen nicht geben, deshalb sagte sie daraufhin: „Einen Whisky bitte, ohne Eis.“ Die Bardame schaute Luciana prüfend an.
„Wie alt bist du?“, fragte sie prompt und dabei war ihre Stimme etwas ungehalten geworden.
„Ehm … einundzwanzig?“, behauptete Luciana und merkte selbst, dass dieser Schauspielakt weniger oscarreif ausfiel.
„Also ein Butterbier, kommt sofort.“ Der Stift notierte die Bestellung und flog der Kellnerin hinterher, während diese schon wieder auf dem Weg zur Bar war. Butterbier? Hörte sich nicht gerade nach einem Getränk an, welches auch nur irgendeine Wirkung auf Lucianas Gemütszustand haben konnte. Und diese Vermutung bestätigte sich, als die Kellnerin ihr eine braunglasige Flasche vor die Nase stellte und das Etikett darauf eins Komma fünf Prozent Alkohol versprach. Na super. Wenigstens schmeckte die Plörre.
Luciana machte es sich auf ihrer Bank, soweit es ging, gemütlich und ging dazu über, eine Weile die Gäste zu beobachten. Die Klamotten der Zauberer und Hexen erschienen ihr noch immer fremd, mit diesen ganzen Umhängen, in allen möglichen oder unmöglichen Farben, oder gar die Hüte, Frisuren oder Bärte der hier Anwesenden. Und dann, als sich ihr Blick von der Bar zu den Tischen abgewandt hatte, sah sie, dass sie beobachtet wurde. Zwei Tische von ihrem entfernt, saß eine Gruppe Slytherins, fünf Jungen und ein Mädchen, welches den Platz neben Draco Malfoy hatte - der sie beobachtete und die Versuche des Mädchens, seine Aufmerksamkeit zu bekommen, vollkommen ignorierte. Als Luciana ihn ansah, schaute er schnell weg und beteiligte sich wieder an dem Gespräch der anderen. Einen Moment noch sah sich Luciana das Geschehen an, griff dann in ihre Tasche und zog ein Buch heraus.
Wie viel Zeit vergangen war, konnte sie nicht sagen, auf jeden Fall hatte sie zehn oder elf Kapitel gelesen und noch ein Butterbier bestellt, als sie ein Räuspern, wie aus weiter Ferne, vernehmen konnte. Luciana blickte von ihrem Buch auf, sehr überrascht, Malfoy vor ihrem Tisch stehen zu sehen. Ohne Begleitung. Diese Tatsache war fast noch ungewöhnlicher.
„Scheint ja unglaublich spannend zu sein, dein Buch“, sagte er und Luciana konnte anhand seines Tonfalls nicht ausmachen, ob dies jetzt ironisch oder sonst wie gemeint war.
„Wo sind denn deine Bodyguards?“, fragte sie, ging damit nicht weiter auf ihren Lesestoff ein und legte das Schriftstück auf den Tisch. In Malfoys Miene blitzte es kurz ärgerlich auf, aber er fasste sich schnell wieder. Huch, was war denn jetzt los?
„Ich habe sie schon vorgeschickt, ich wollte noch kurz mit dir reden. Unter vier Augen.“ Ah, daher wehte der Wind. Luciana bedeutete ihm mit einer einladenden Geste sich zu setzen, was er auch tat. Die Kellnerin kam schon im nächsten Moment herbeigeeilt und nahm seine Bestellung entgegen. Die Schüler schienen hier allesamt nur Butterbier zu trinken.
„Die wollte mir eben keinen Whisky geben“, sagte Luciana schmollend, als die Dame auf dem Weg zur Bar war und schon bereute sie es, so im Plauderton geredet zu haben. Sie konnte diesen Schmierlappen da vor sich nicht leiden, rief sie sich in Erinnerung. Dieser schien von ihrer Bemerkung jedoch sehr amüsiert zu sein.
„Da bist du wohl im falschen Laden. Madam Rosmerta ist im Punkto Alkohol und Schüler ziemlich penibel“, sagte er, nahm sein Butterbier dankend von, ja, anscheinend Madam Rosmerta entgegen und lehnte sich auf dem Tisch etwas zu ihr vor.
„Du warst die ganze Woche nicht im Unterricht“, bemerkte Malfoy nach einem Moment der Stille und es sollte sich wohl nach einer harmlosen Auskunft anhören.
„Falls du, durch die Blume, herausbekommen willst, ob ich mich noch an unsere Begegnung im Kerker am Montagabend erinnern kann, ja, das kann ich und außerdem kann ich mich noch an jedes einzelne, gesprochene Wort erinnern.“
Das schien Malfoy doch ein wenig aus dem Konzept zu bringen. Er brauchte einen Moment, bis er wieder zum Sprechen ansetzte.
„Aber du scheinst niemandem davon erzählt zu haben … ich meine, kein Lehrer hat was gesagt.“ Malfoy sprach das sehr vorsichtig aus, als befürchte er, sie könne doch noch jeden Moment aufspringen, zum Schloss laufen und den Schulleiter aufsuchen.
„Habe ich nicht“, wenn man Snape nicht hinzuzählte, „und das werde ich auch nicht. Ich halte nicht viel vom Petzen, ich regel meine Angelegenheiten im Normalfall persönlich.“
Jetzt atmete Malfoy laut aus. Er schien eben ernsthaft die Luft angehalten zu haben. „Aber“, das war's wohl wieder mit dem Atmen, „das mit den Unverzeihlichen würde ich an eurer Stelle lassen. Das kann euch den Kopf kosten und außerdem handelt es sich dabei nur um drei Zaubersprüche. Es gibt weitaus interessantere Flüche in der schwarzen Magie, die euch nicht mit einem Mal nach Askaban befördern.“ Als Malfoy in diesem Punkt nachhakte, was sie genau meine, ging Luciana nicht weiter darauf ein. Wieder saßen sie sich eine Weile schweigend gegenüber.
„Was war das eigentlich im Kerker? Es sah aus, als hättest du irgendeinen Anfall oder so.“ Luciana schaute ihn genervt an und nach fast einer Minute des Starrens, hatte er es offensichtlich begriffen.
„Okay, okay, ich habe es verstanden, du willst nicht drüber reden.“ Er nahm seinen letzten Schluck Butterbier, griff nach seinem Umhang und warf ihn sich über.
„Ich geh jetzt wieder zum Schloss.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Du solltest dich auch langsam auf den Weg machen, es ist nicht mehr lange hin zur Sperrstunde.“
Luciana hob ihre rechte Augenbraue.
„Aber du wirst verstehen, du kannst nicht zusammen mit mir gehen, wenn uns andere Schüler zusammen sehen …“ Die andere Augenbraue wanderte nach oben. „Auf jeden Fall Danke, dass du uns nicht verraten hast.“
Sie nickte. Und rief sich im Geiste dazu auf, es endlich zu unterlassen, Snapes Gesichtsmimik zu imitieren. Malfoy hob zum Abschied die Hand, Luciana tat es ihm gleich und dann schob er sich durch die Menge, Richtung Ausgang.
*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*
Das Gespräch hinterließ sie in einem äußerst verwirrten Zustand. Sie hatte nun schon das dritte Butterbier vor sich stehen und das Weiterlesen aufgegeben, sie konnte sich einfach nicht mehr auf die Buchstaben konzentrieren. Außerdem war sie umgeben von Alkohol, der ihr verwehrt blieb und diese Tatsache stieß ihr bitter auf. Dieser Ort hier rief Heimweh in ihr wach. All die Leute, die sich mit Freunden und Bekannten trafen, redeten und ihren Spaß hatten. Und natürlich das Wichtigste: sich dabei betranken.
Wehmütig schaute sie auf das Etikett ihrer Butterbierflasche und dann zum Tresen, wo gerade ein leeres Glas mit einer wunderbar bernsteinfarbenen Flüssigkeit aufgefüllt wurde. Luciana schaute sich den glücklichen Besitzer dieses Glases an und bemerkte, dass dieser sie auch ansah. Es handelte sich um einen untersetzen Mann mit sonnengebräunter Haut (die etwas mit Schmutz versehen war), kaum Haaren auf den Kopf, die zudem noch sehr kurz geschoren waren und ungewaschener Kleidung. Der Kerl war sicher über vierzig. Ach, was sollte es, sie war verzweifelt. Also schenkte sie dem Mann ein, wie sie hoffte, einnehmendes Lächeln, zwinkerte ihm zu und hob ihre Flasche zum Trinkgruß. Zuerst schien dieser zu denken, sie meine nicht ihn und drehte sich zu allen Seiten um. Und dann, als ihm aufging, dass sie tatsächlich ihn im Fokus hatte, biss er schneller an, als sie es für möglich gehalten hätte. Er schnappte sich sein Glas vom Tresen und kam zu ihrem Tisch gelaufen (eher 'geschlendert, in dem, sehr komisch ausschauenden Versuch, bei jedem Schritt lässig und cool zu wirken). Luciana lächelte immer noch, in Gedanken ein iiih, pfuii, bah! auf der Zunge.
„Guten Abend, der Herr, setzen Sie sich doch“, raunte sie ihm in gekonnter Bedroom-Voice entgegen und wäre bei dem Klang ihrer eigenen Stimme fast selbst lachend zusammengebrochen. Doch der Kerl schien sie für voll zu nehmen und kam dem Angebot nach.
„Fletcher. Mundungus Fletcher. Un` mit wem hab` ich das zauberhafte Vergnügen?“
Würg
„Nennen Sie mich einfach nur Chantal.“ Chantal? Chantal?? Fällt dir nix besseres ein?? Nun ja, der Name kam ihr gerade in den Sinn, vielleicht weil sie die Pornoreihe Chantal Eins bis Sechszehn aus Johnnys Videoregal im Gedächtnis gehabt hatte. Die Dame in den besagten Filmen hatte ihre Kerle auf recht ähnlich unkreative Art und Weise abgeschleppt. Luciana beeilte sich, während Fletcher sie mit unbeholfenen Komplimenten überschütte, ihre Flasche auszutrinken und da, ihr Plan war aufgegangen:
„Oh, möcht`n Sie noch was trink`n?“ Luciana machte große Rehaugen, lehnte sich etwas über den Tisch und ja, selbstverständlich glotzte ihr der Kerl sofort in den Ausschnitt.
„Ich hätte unheimlich gerne einen Whisky, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass diese Schüler da oben von Hogwarts heute Ausgang haben und mich die Kellnerin fälschlicherweise für eine von ihnen hält.“ Luciana rollte theatralisch mit den Augen. „Und zu allem Überfluss glaubt sie mir nicht, dass ich einundzwanzig bin und ich habe meinen Ausweis Zuhause liegen gelassen. Wissen Sie, ich komme nämlich nicht von hier.“
Fletcher, ganz der rettende Prinz in der Not, winkte Rosmerta herbei und bestellte noch ein weiteres Glas Whisky. Luciana schlug im Geiste Purzelbäume, auch als die Kellnerin sie mehr als nur misstrauisch ansah. Etwas murrend bewegte sie dann letztendlich doch ihr Hinterteil und holte den Alkohol. Luciana hatte in ihrem ganzen Leben nie etwas Köstlicheres getrunken. Und das Fletcher ihr den größten, nur vorstellbaren Knopf an die Backe laberte, wurde von Glas zu Glas weniger tragisch. Irgendwann fand sie das Gespräch, oder eher den Monolog von ihm, sogar recht unterhaltsam.
„Aqua Vitae!“, rief Fletcher, als Madam Rosmerta die siebte Runde Whisky auf den Tisch knallte. „Was`n, Rosmerta, is alles für mich!“, lallte er ihr entgegen, wohl schon zum fünften Mal an diesem Abend. Luciana hob, mit schon recht rosiger Gesichtsfarbe, demonstrativ ihr Fake-Butterbier in die Höhe. Rosmerta verschwand darauf, mit irgendwelchen Verwünschungen auf der Zunge, Richtung Tresen.
„Aqua wasn?“, lallte Luciana ebenfalls und schaute ihr Gegenüber fragend an.
„Aqua Vitae, Wasser des Lebenns … so ham die Druidn Alkhol genannt … dacht`n wahrscheinlich se hättn n` Wundertrank entdeckt …“
„Hamse ja auch!“, rief Luciana und hob ihr Glas zum Anstoß. Dann fing Fletcher wieder an, von seinen halsbrecherischen Abenteuern zu erzählen, die meist von irgendwelcher Schmugglerware aus allen möglichen Kontinenten handelten.
„… und da hat mir die olle Weasley schon wieder alle Beute abgenomm`, is das zu fassen!“, rief er aufgebracht.
„Schon wieder ne Weasley!“, entgegnete Luciana darauf schockiert. „Das is ne Invasion, alles voller Weasleys!“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas, beugte sich etwas über den Tisch und sagte im verschwörerischen Tonfall: „Die wolln die Weltherrschaft, garantiert!“
Nach weiteren, geistigen Hochleistungen dieser Art und noch einer Runde Whisky, entschuldigte sich Luciana und wankte, unter dem missmutigen Blick von Madam Rosmerta, zum Damenklo. Sie brauchte dort ein wenig länger als gewöhnlich, der Jeansknopf hatte sich gegen sie verschworen und auch das wieder Anziehen gestaltete sich als äußerst komplizierte Wissenschaft.
Dann, auf dem Weg zurück, als sie schon fast am Tisch angekommen war, blieb sie abrupt stehen (was sie in ihrem Zustand beinahe zu Fall gebracht hätte). Ein Mann stand bei ihnen am Tisch, schlank, mit dunkelblondem Haar und zerschlissener Kleidung und war gerade dabei, Fletcher nach allen Regeln der Kunst zusammen zu scheißen.
„ … reagierst nicht mal auf deinen Gürtel! Du warst dran mit der Wache und das ist jetzt das dritte Mal, dass du einfach nicht auftauchst. Wenn … Luciana?“ Oh Scheiße … oh, verdammte Scheiße.
Luciana versuchte sich so unauffällig, wie es ihr Zustand zuließ, umzudrehen und zu gehen, aber selbstverständlich wurde daraus nichts.
„Luciana, ich hab dich schon gesehen.“ Langsam drehte sie sich wieder zu dem Tisch, setzte ein Lächeln auf und ging zögerlich und äußerst wackelig auf den Mann zu.
„Remus, welch eine Überraschung.“ Sie hatte sich sehr viel Mühe gegeben, beim Sprechen nicht zu lallen. Aber was hatte das für einen Sinn, ein Werwolf konnte noch auf Meter Entfernung und Gegenwind alle möglichen Gerüche ausmachen.
„Was, beim Barte des Merlins, machst du hier? Es ist zwei Uhr früh!“
„Wie, Luciana? Ich dacht du heißt Chantaaal?“ Luciana hätte sich fast mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen. Remus funkelte Fletcher wütend an, dann sie.
„Jetzt sag mir nicht, du hast dir den Kerl geangelt, um an Alkohol zu kommen?“ Luciana machte ein ganz schockiertes Gesicht.
„Was, iiich?“ Doch Remus ließ sich erst gar nicht auf eine Diskussion ein. Er schnappte sich Lucianas Tasche und ihren Mantel, packte sie am Arm und zog sie Richtung Ausgang, während er Fletcher noch ein „Und du meldest dich umgehend bei Arthur!“ entgegen schmetterte.
*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*
Der Weg zum Schloss war kein Zuckerschlecken. Remus war unglaublich sauer auf sie und meckerte sie fast die ganze Zeit unaufhörlich an, als er sie, noch immer ihren Arm umklammernd, den Weg entlangschleifte: „Was hast du dir dabei gedacht?“, „Es läuft in Hogwarts nun mal anders, als bei dir daheim“, „Wenn das Minerva erfährt!“ Und so weiter.
Im Schloss angekommen, bestand er sogar darauf, sie bis zum Gryffindorturm zu begleiten. In einem Nebengang des ersten Stockwerks, blieb Remus plötzlich und abrupt stehen.
„Verdammt!“, murmelte er und Luciana schaute ihn fragend an. Einen Moment schaute er sich, mit etwas hilflosem Blick, links und rechts um, packte sie dann an den Schultern, stellte sich direkt vor sie und schaute ihr fest in die Augen.
„Ich muss eben schnell zum Direktor und du“, er drückte sie etwas fester, „bleibst genau hier stehen.“ Und damit deutete er auf die Linie, die den Stein, auf dem Luciana stand, von den anderen abgrenzte. „Genau hier, du rührst dich nicht einen Zentimeter von der Stelle, haben wir uns verstanden, junge Dame?“
Luciana nickte.
„Haben wir?“, wiederholte er noch einmal, diesmal eindringlicher.
„Ham wir …“, schnappte sie, knallte ihre Füße aneinander und hob ihre rechte Hand zur Stirn und salutierte. Remus seufzte bei diesem Anblick und lief den Weg, den sie gekommen waren, wieder zurück. Es dauerte keine zwei Minuten, als Luciana wieder Schritte vernahm - allerdings kamen sie dieses Mal aus dem Gang vor ihr. Und da dieser Gang um diese späte Uhrzeit nur sehr spärlich, mit ein paar brennenden Fackeln, beleuchtet war, erkannte sie das nahende Unheil erst, als es fast unmittelbar vor ihr stand.
„Wen haben wir denn da.“ Vor Lucianas Nase leuchtete ein Zauberstab auf und somit mussten sich ihre Augen erst an diesen schmerzend gleissenden Lichtkegel gewöhnen, bis sie den Besitzer identifizieren konnte … Och nö … So langsam hatte sie wahrhaftig das Gefühl, diese Person habe ihr in einem unbeobachteten Moment einen Peilsender angebracht, so oft und zu welchen Situationen sie ihn anzutreffen pflegte.
„Nabend Pressor Snape“, sagte sie dann scheinheilig, sehr darauf bedacht, gerade zu stehen und das ständige Wanken zu unterbinden.
„Professor McGonagall hätte gut daran getan, meinen Vorschlag ernst zu nehmen und Ihnen ein Halsband für die Nacht anzulegen“, schnarrte Professor Snape voller Spott und machte einen weiteren Schritt auf sie zu. „Und diesen Regelverstoß kann nicht einmal der …“ Snape hielt plötzlich inne, seine Nasenflügel setzten sich in Bewegung, dann atmete er hörbar ein. „Sie stinken wie eine ganze Brennerei!“, bemerkte er und schien ernsthaft empört über seine Entdeckung.
„Des … das kann garnisch s-sein.“ Soviel zu nicht lallen.
„Miss Bradley, Sie sind sturzbetrunken!“, sprach er das Offensichtliche aus und wirkte dabei noch immer ein wenig geschockt.
Luciana deutete mit ihrem Zeigefinger auf sich selbst und machte riesengroße, verblüffte Augen.
„Iiiich??! Neeeein … ich bin ers besoffen, wenn ich aufm Boden lieg und mich festhaltn muss!“, sagte sie und machte ein sehr schlaues Gesicht dabei. „Und sehn Se, ich lieg nicht und ich halt mich auch nich fest!“
„Sie kommen jetzt sofort mit!“, knurrte Snape wütend und hatte sie schon am Arm gepackt. Hallo, is heut der ?wir ziehen Luciana am Arm durch die Gegend` - Tag??
„Neiiiin, isch muss hiiier bleiben, genau hier!“, rief sie und wehrte sich heftig um sich schlagend gegen Snapes zerrenden Griff. Er drehte sich wieder zu ihr um, mit ungesund rötlicher Gesichtsfarbe und wutverzerrter Miene.
„Hier, sehn Se, hier“, Luciana rahmte, wie Remus zuvor, den Stein mit ihren Finger in der Luft ein, „keinen Zentimeter bewegn darf ich mich!“
„Miss Bradley“ , knurrte Snape gefährlich, „Sie strapazieren meine Geduld …“
„Ach so'n Scheiß, Geduld, damit sin` Se genauso sparsam, wie mitm Shampoo!“
Im nächsten Moment hätte man den Eindruck bekommen können, dass Snapes Bewegung darauf hinauslaufen sollte, Luciana am Kragen zu packen. Was er allerdings zu tun gedachte, würde sie nie erfahren, denn genau in dieser Sekunde tauchte Remus hinter ihr auf, vollkommen außer Atem.
„Hier bist du ja, Luciana. Guten Abend, Severus“, sagte er japsend und stellte sich zwischen sie und den säuerlich dreinschauenden Professor.
„Lupin“, presste Snape aus zusammengebissenen Zähnen hervor.
Luciana lehnte sich zu Remus, legte ihren Zeigefinger auf ihre Lippen und sagte: „Psst, nich ansprechn, der Pressor hat strapzierte Geduld!“, und machte dabei ein furchtbar ernstes Gesicht. Snapes Gesichtsausdruck bekam etwas mörderisches, doch bevor er etwas erwidern konnte, schnitt Remus ihm das Wort ab.
„Ich war gerade dabei, Luciana zu ihrem Turm zu bringen, weißt du, wir waren zusammen im 'Drei Besen', ein paar private Dinge bereden, da fiel mir plötzlich ein, dass ich noch etwas Dringendes mit Albus zu besprechen hatte“, sprudelte Remus im Plauderton, nur die letzten Worte betonte er auf eine seltsame Art und Weise, als ob zwischen den Zeilen die eigentliche Aussage liegen würde. Doch Snape ließ sich davon nicht beeindrucken.
„Wir befinden uns mittlerweile weit jenseits von der Sperrstunde, Lupin. Du bringst eine betrunkene Schülerin ins Schloss. Erwartest du ernsthaft, dass dies keine Konsequenzen hat?“ Mit diesen Worten war Snape etwas näher an Remus herangetreten, ganz, wie er es zu tun pflegte, wenn ein Schüler mal wieder einen Trank versaut hatte.
„Ach, Luciana hatte einfach ein Butterbier zu viel, sie merkt den Alkohol schon, wenn sie nur eine Praline schief anschaut“, sagte Remus lachend, auch, wenn das Lachen etwas sehr aufgesetzt klang. Snape taxierte ihn mit einem Blick, den Luciana so noch nie gesehen hatte. Doch, so ähnlich schaute er Potter manchmal an. Als ob er einen persönlichen Greul gegen ihn hegte und nicht nur den standartmäßigen, allgemeinen.
Das Wortgefecht ging noch eine ganze Weile so weiter, Snape wollte Luciana bestraft sehen und Remus versuchte dem zu entgehen, wofür sie ihm wirklich dankbar war, spätestens, wenn sie wieder nüchtern sein würde und sich die die ganze Szenerie noch einmal im klaren Kopf vor Augen halten konnte.
Doch Snape gab erst Ruhe, als Remus sagte: „Severus, ich bitte dich, selbst der Schulleiter war mit dem erweiterten Ausgang von Luciana einverstanden. Wie ich schon sagte, es ging um dringende Privatangelegenheiten und ich hatte ja nicht ahnen können, dass das bisschen Alkohol sie so aus der Bahn werfen würde.“ Und der letzte bisschen Verstand in Lucianas Hirn, hinderte sie in diesem Moment, gegen diese Schmach des Alkoholnoobs zu protestieren.
„Das werde ich morgen mit dem Schulleiter besprechen“, gab sich Snape letztendlich knurrend geschlagen und genau während dieser Worte fiel Luciana dieses Ding im Zentrum seines Gesichtes auf, mit mehr Intensität als jemals zuvor - sie musste einfach … sie beugte ihren Oberkörper, wie in Zeitlupe, nach vorne, streckte dabei ihren Zeigefinger aus und Snape hätte ihr wahrscheinlich einen Unverzeihlichen auf den Hals gehetzt, wäre er nicht so abgelenkt damit gewesen, Remus böse anzufunkeln. Denn so sah er den Finger nicht, der seine Nase berührte und sie drückte.
„NAAASE!“, sprach Luciana langezogen und voller Faszination ob diesen riesen Riechorgans. Remus Augen weiteten sich geschockt, doch er reagierte trotzdem blitzschnell. Luciana wurde von ihm am Arm gepackt und in die entgegengesetzte Richtung in den Gang gezogenen. Zum Abschied rief er noch schnell ein:
„Gute Nacht, Severus!“
Und Luciana, immer noch mit hoch erhobenem Finger:
„Nacht Sevrruss!“
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