
von Schneeflocke
Lily Evans Körper zitterte vor Aufregung. Erst beim dritten Anlauf vermochten ihre Finger es, den VerschluĂ ihrer schmal gearbeiteten, goldenen Halskette in ihrem Nacken zu schlieĂen. Wie lange hatte sie auf diesen Abend gewartet. Die Anspannung vor den PrĂŒfungen, das ganze Hin und Her ihrer GefĂŒhle, alles hatte sich scheinbar in Luft aufgelöst. Nun, endlich, wusste sie was sie wollte, auch wenn ihre Entscheidung bei vielen sicherlich auf Unglauben und pures UnverstĂ€ndnis gestoĂen wĂ€re.
Tief durchatmend betrachtete sie sich noch einmal im Spiegel und muĂte zugeben, sie konnte mit sich zufrieden sein. Ihr sonst schulterlanges Haar hatte sie nach oben gesteckt, und die Halskette, die ihr Vater ihr im letzten Sommer geschenkt hatte umschmeichelte ihren schlanken Hals, brachte ihn noch besser zur Geltung. Ebenso wie die aus roter Seide gefertigte Stola, die locker um ihre schmalen Schultern lag, ein sehr schöner Kontrast zu dem goldgelben Ballkleid, das sie mit ihrer Mutter am letzten Wochenende in der Winkelgasse gekauft hatte. âEine perfekte Gryffindorâ, schoĂ es ihr durch den Kopf, wobei ihr dieser Gedanke schon ein schmales LĂ€cheln entlockte. Ja, dieser Meinung wĂŒrde er heute Abend sicher auch seinâŠ
Wieder zog ein LĂ€cheln ĂŒber ihr Gesicht bei dem Gedanken, dass es nach dem heutigen AbschluĂball die ganze Schule wissen wĂŒrde, dass sie beide ein Paar sind. Ja, sie war sich sicher, dass sie heute Abend ein Paar werden wĂŒrden. Immerhin lĂ€dt man ein MĂ€dchen nicht zum AbschluĂball ein, wenn man nichts von ihr möchte und spĂŒrte sie nicht noch jetzt seine Lippen auf ihren? Dieser Hauch einer BerĂŒhrung, kaum spĂŒrbar und doch voller ZĂ€rtlichkeit, die sie gestern Abend genieĂen durfte? Nein, sie war sich sicher, dass er sie ebenso liebte wie sie ihn.
âLiebteâŠâ Fast erschrak Lily bei diesem Gedanken selbst. Ăber Liebe hatte sie zuvor nie nachgedacht, geschweige denn darĂŒber gesprochen. Doch⊠auch wenn sie ganz tief in sich hinein hörte wusste sie, dass sie ihn liebte. Vielleicht hatte sie ihn die ganze Zeit schon geliebt, ohne dass sie es mit diesem Wort beschrieben hĂ€tte. All die Zeit die sie miteinander verbracht hatten, die GesprĂ€che die sie gefĂŒhrt hatten, die Stunden in denen sie sich einfach nur gegenseitig festgehalten hatten. Diese Stunden waren so voller ZĂ€rtlichkeit und Liebe gewesen, wie könnte sie ihre GefĂŒhle dann jetzt noch mit etwas anderem beschreiben als Liebe?
âLily!â
Lily wandte ihren Kopf ein wenig zur Seite, um Marina deGaunt leicht zuzulĂ€cheln, die ihrer Freundin mit in die HĂŒfte gestemmten HĂ€nden gegenĂŒber stand und fast vorwurfsvoll schon auf den Schminktisch sah, vor dem Lily nun sicher schon eine halbe Stunde saĂ und in den letzten 15 Minuten nur ihren TagtrĂ€umen nachgehangen war.
âEntschuldigeâŠâ, murmelte sie schlieĂlich schuldbewusst und stand mit einem Schmunzeln auf, um Marina Platz zu machen, die sich auch sofort setzte und damit begann ihre immer wild umherfliegenden Haare zu bĂ€ndigen.
Lily beobachtete ihre Freundin aus den Augenwinkeln, die sich mit ihren abmĂŒhte. WĂ€re sie nicht selbst viel zu aufgeregt und nervös gewesen, hĂ€tte sie ihr sicher angeboten ihr behilflich zu sein. Doch im Moment muĂte Lily Evans sich eingestehen, dass sie kaum mehr als ein NervenbĂŒndel und damit ganz sicher keine groĂe Hilfe fĂŒr jemand anders war.
âIch bin sooo aufgeregt!â
Aus ihren Gedanken geholt sah Lily auf und schenkte Marina ein leichtes LĂ€cheln.
âDas kann ich mir vorstellen⊠obwohl Ryan dich sicher schon am ersten Schultag gefragt hat, ob du mit ihm zum AbschluĂball gehen möchtestâŠâ
Wieder schmunzelte Lily. Marina und Ryan waren praktisch seit der ersten Klasse ein Paar. Zu Anfang natĂŒrlich nur auf freundschaftlicher Basis, doch es war auch fĂŒr sie schön gewesen zu sehen, wie diese Freundschaft sich im Laufe der Jahre immer mehr wandelte und schlieĂlich zu einer tiefen Liebe wurde. Einen Moment muĂte Lily daran denken, weshalb eigentlich sie und James Potter als das Traumpaar von Hogwarts galten. Wenn es eines gab, dann waren das Marina und Ryan, aber ganz eindeutig.
âWeiĂt duâŠâ, fuhrt Marina fort, deren Haare inzwischen ebenfalls gebĂ€ndigt nach oben gesteckt waren. âRyan macht in der letzten Zeit so merkwĂŒrdige Andeutungen. Er wollte immer ins Zaubereiministerium, in die Abteilung fĂŒr internationale Zusammenarbeit und neulich meinte er, dass er das wohl doch nicht tun werden, weil er Familie möchte und dann stĂ€ndig von dieser getrennt wĂ€reâŠâ
Ein warmes LĂ€cheln legte sich bei diesen Worten in Lilys ZĂŒge. Nun, dass Ryan nicht vorhatte Marina mit dem SchulabschluĂ laufen zu lassen sah jeder in ihrem Jahrgang, nun, auĂer Marina natĂŒrlich. Selbst sieben Jahre schienen ihrer Freundin keine Sicherheit gegeben zu haben, dass Ryans GefĂŒhle ebenso tief wie echt waren.
Aber da konnte sie kaum mitreden, waren ihre GefĂŒhle doch all die Jahre ein wild zerfledderter Haufe gewesen. Sie war es doch gewesen, die sich nicht entscheiden konnte, was sie wollte. Sie war diejenige gewesen, die zum einen mit dem Angeber und erklĂ€rten MĂ€dchenschwarm James Potter nichts zu tun haben wollte, sich andererseits aber auch geschmeichelt gefĂŒhlt hatte dass ganz Hogwarts sie fĂŒr ein Traumpaar hielt und sie gegen diese GerĂŒchte auch nicht einmal im Ansatz etwas gesagt hatte.
Sich selbst aus ihren Gedanken reiĂend, richtete sie ihren Blick schlieĂlich wieder zu Marina um, die mit vor Aufregung leicht geröteten Wangen vor ihr stand.
âNun, dann wĂŒrde ich mir an deiner Stelle mal ĂŒberlegen, warum er solche Dinge sagen könnteâŠâ, erwiderte sie mit einem LĂ€cheln und schloĂ Marina spontan kurz in die Arme.
âIch wĂŒnsche dir so, dass ihr zwei zusammen bleibt und glĂŒcklich werdet. Er ist ganz sicher der richtige Mann fĂŒr dich.â
Langsam nur löste sie sich wieder von ihrer Freundin und atmete tief durch. Vielleicht, vielleicht war ja dieser Abend fĂŒr sie der erste Schritt in eine Zukunft, wie Marina sie vor sich hatte?
âIch denke⊠wir sollten langsam gehen, hm?â, erkundigte sie sich leise, darum bemĂŒht ihr vor Aufregung, NervositĂ€t und freudiger Erwartung wild schlagendes Herz unter Kontrolle zu halten.
âGutâ, nickte Marina ebenfalls noch einmal tief durchatmend, âJames wartet sicher auch schon auf dich!â
Lily stutzte kurz bei diesen Worten und bliebt auf ihrem Weg zum Portraitloch stehen.
âJames?â, wiederholte sie unglĂ€ubig, âNein⊠ich werde nicht mit James gehen Marina, sondern mit Severus.â
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