
von artis.magica
6. Gefangen
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
So trübe wie der Tag begonnen hatte, so trübe klang er auch aus. Harry hatte sich den ganzen Tag über nicht sehen lassen. Er hatte sich auf den Dachboden zurückgezogen und hing dort seinen Gedanken nach. Ginny, Ron und Hermine hatten sich nicht die Mühe gemacht nach ihm zu suchen, es hätte eh keinen Zweck gehabt.
Aber nach zwei Tagen dann begannen sie sich doch Sorgen um ihn zu machen.
Sie saßen beim Abendbrot in der Küche beisammen. Keiner sagte ein Wort. Ihre Stimmung war gedrückt.
Schließlich hielt Ron es nicht mehr aus. Er legte Messer und Gabel beiseite und stand entschieden vom Tisch auf.
„Jetzt ist es aber genug. So kann's doch nicht weitergehen“, sagte er und wandte sich zum Gehen. „Ich werd ihn jetzt holen!“
Doch noch bevor er die Hand nach der Klinke ausgestreckt hatte, öffnete sich die Tür und Harry trat ein. Er ging an Ron vorbei und nahm am Tisch neben Ginny Platz. Erstaunt sahen ihn die Freunde an.
Harry sah in die Runde. Er wusste, ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er holte tief Luft und sagte dann leise: „Ich habe lange darüber nachgedacht. Um zu Voldemort zu gelangen, brauchen wir Snape. Wer sonst noch kennt Voldemorts Aufenthaltsort?"
Überrascht sahen sie sich an.
„Was hat dich dazu bewogen, deine Meinung zu ändern?", fragte Hermine und bezwang ihre Aufregung.
Harry sah ihr lange in die Augen.
„Dumbledores Erinnerungen", begann er flüsternd und leise erzählte er ihnen, was er gesehen hatte. Sie schwiegen und sahen sich beunruhigt an.
„Na und, du hast dich eben geirrt", schloss Ron wie selbstverständlich. „Das haben wir alle mal. Ist ja nicht so, dass Snape es nicht verdient hätte. Er ist schon ein ziemliches Ekel.“
Seine Augen wanderten mit gespanntem Ausdruck in Richtung Hermine. Doch diese sprang nicht auf seine Ansage an.
„Wie sollen wir bestehen, wenn selbst Dumbledore nicht fähig war zu vertrauen?“, fragte Ginny leise. Ihre Stimme war voller Furcht und Zweifel.
„Ich weiß jetzt, dass er die Erinnerungen geschickt hat, um zu zeigen wie wichtig es ihm ist, Vertrauen zu schenken und…“, Harry stockte. Er lächelte traurig und suchte Hermines Blick. Ernst erwiderte sie ihn.
„…zu vergeben?“, formten ihre Lippen unhörbar. Harry senkte die Lider und schüttelte unmerklich den Kopf.
„Was sollen wir tun?“, fragte Ron in die entstandene Stille hinein und holte sie aus ihrer Starre.
Hermine fasste sich als erste wieder. Sie erhob sich und ging um den Tisch herum zum Vorratsschrank.
„Wir haben einen Trank zu brauen“, sagte sie und holte die Zutaten für das Heilelixier heraus.
Harry starrte sie irritiert an.
„Einen Trank?“, fragte er unsicher.
Hermine nickte, sortierte die Ingredienzien und ordnete sie auf dem Tisch vor sich an.
„Ja, wir werden ihn gut gebrauchen können, denke ich!“
„Was ist seine Wirkung?“, fragte Ron.
Hermine sah auf. Es klangen ihr Severus' Worte im Ohr, als er sie in Gegenwart von Professor McGonagall streng zurechtgewiesen hatte.
„Fast sofortige Heilung“, sagte sie mit einem Siegerlächeln auf den Lippen und holte aus ihrer Tasche das alte Tränkebuch von Severus Snape hervor.
Harry riss ungläubig die Augen auf.
„Wie kommst du zu diesem Buch?“, fragte erstaunt.
Hermine sah ihm in die Augen.
„Du hast es im Raum der Wünsche versteckt, nicht wahr?“, sagte sie leise.
Überrascht hob Harry die Brauen und nickte zustimmend.
„Ja, aber woher weißt du das?“
„Severus Snape hat es mir gesagt“, diese Aussage verfehlte nicht ihre Wirkung.
Jetzt zog Harry die Augenbrauen zusammen.
„Er hat es gewusst?“, fragte er zweifelnd und schnaubte. „Ich dachte es mir schon. Ich habe immer geahnt, dass er meine Gedanken lesen konnte“, setzte er resigniert hinzu.
„Vermutlich. Und er hat dich vergleichsweise ungeschoren davonkommen lassen, nicht wahr?“, erwiderte Hermine und schlug mit ruhiger Hand die Rezeptur auf. Sie reichte Harry das Buch und holte ihn aus seinen Gedanken.
„Lies!“
Eine Weile war Harry in die Zeilen vertieft, dann reichte er Hermine das Buch zurück.
„Und du willst nach seinen Anmerkungen vorgehen, du, die sich immer geweigert hat…“, er brach ab und kratzte sich verlegen am Kopf.
Hermine lächelte ihm ins Gesicht.
„Ja“, entgegnete sie.
Harry sah sie aufmerksam an.
„Es ist nicht nur seine Handschrift“, sagte er leise. „Deine und wessen noch?“
Hermines Gesichtsausdruck wurde ernst.
„Das werde ich dir später erzählen!“, sagte sie beschwörend.
Seine Augen weiteten sich.
„Du weißt es?“, flüsterte er ungläubig.
Hermine nickte nur und schickte sich an, den Zaubertrank vorzubereiten.
„Wollt ihr mir nicht helfen?“, fragte sie ungeduldig.
„Ja, natürlich.“
Schuldbewusst griffen sie zu und begannen nach Hermines Anweisungen und unter ihren gestrengen Blicken die Zutaten zu zerkleinern. Hermine war eine sehr energische Lehrerin. Es war ein allbekanntes Gefühl, wenn sie an ihnen herummäkelte, fast so als würde Snape hinter ihnen stehen und ihnen voller Zweifel an ihrem Können bei der Arbeit zusehen. Es fehlten nur noch seine bissigen Bemerkungen. Nicht fein genug gemahlen, nicht klein genug geschnitten, nicht geschnitten, sondern gequetscht...
Es machte ihnen nichts aus. So kannten sie sie und so mochten sie ihre Hermine. Vergessen waren Streit und Ungemach. Sie schmunzelten in sich hinein.
Fleißig arbeiteten sie bis tief in die Nacht, als Hermine endlich die letzte Zutat in den Kessel gab und noch einmal sorgfältig umrührte. Alle vier starrten voller Erwartung in das Gebräu, das seine Farbe zu ihrer großen Erleichterung von blau in strahlendes hellrot wandelte.
Sie zogen den Kessel vom Feuer und füllten die Flüssigkeit in Flaschen ab.
Erschöpft und zufrieden ließen sie sich am Tisch nieder.
„Und meint ihr, er wirkt auch?“, fragte Ron in die Runde.
Hermine sah ihn eingeschnappt an.
„Was glaubst du wohl? Fast zwei Wochen harter Arbeit stecken in diesem Ergebnis“, blaffte sie ihn an. „Ich verschwende meine Zeit nicht, Ronald!“, setzte sie dann würdevoll hinzu.
Ron fuhr zurück.
„War ja gar nicht so gemeint, wie es vielleicht geklungen hat“, rechtfertigte er sich kleinlaut.
Hermine beruhigte sich wieder und nahm ein Fläschchen.
„Dieses Elixier ist Heiltrank und Wundessenz zugleich. Seine Wirkung hält, wenn es getrunken wird etwas über zwei Stunden vor. Wird es äußerlich aufgebracht, bewirkt es einen sofortigen Wundverschluss“, sagte sie nüchtern.
„Das probieren wir doch gleich mal aus“, sagte Harry, griff sich eines der Messer und schnitt sich in einen Finger. Dann entkorkte er die Phiole und beträufelte den Schnitt. Sofort verschloss sich die Wunde.
„Klasse!“, nickte Ron anerkennend.
Harry sah auf und lächelte. „Gute Magie.“
Hermine lächelte dankbar zurück.
„Ich denke, wir sollten diese Rezeptur dem Phönixorden zukommen lassen“, sagte Harry dann versonnen.
Ginny und Ron wechselten, sich uneins über Hermines Reaktion auf diesen Vorschlag einen flüchtigen Blick. Doch zu ihrem Erstaunen blieb Hermine vollkommen ruhig. Nicht einmal ihre Stimme verriet irgendwelche Aufregung als sie ihm antwortete.
„Der Trank ist ihnen bekannt und sie kennen seine Wirkung.“
Harry sah auf: „Gut, dann brauchen wir nur noch einen Plan, wie Snape aus Askaban kommt.“
Ron gähnte bis zum Kinnbackenverrenken.
„Das sollten wir uns vielleicht morgen überlegen“, sagte er und rieb sich die Augen. „Ich bin hundemüde.“
Die anderen nickten zustimmend. Ihre überreizten Sinne brauchten Ruhe, um neue Kraft zu sammeln.
„Keine schlechte Idee“, sagte Harry, „morgen, wenn wir ausgeruht sind, können wir vielleicht klarer denken.“
Sie erhoben sich langsam und gingen nach oben in ihre Schlafzimmer.
Hermine konnte trotz der Müdigkeit, die sie überfiel nicht einschlafen. Die Gedanken an das, was Harry ihnen über Dumbledores Erinnerungen erzählte ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Voller Wehmut dachte sie an Severus. Den Trank hatten sie zubereitet, er würde sie vor körperlichen Wunden schützen und sie heilen, wenn sie verletzt würden.
Sie starrte auf die Kerze neben ihrem Bett. Ihr Licht kämpfte vergebens gegen die Dunkelheit an. Die Flamme flackerte im Lufthauch, der vom zugigen Fenster her bis zu ihr vordrang.
Sie warf die Decken zurück und erhob sich. Langsam ging sie im Raum umher und blieb am Fenster stehen. Sie sah hinaus. Es hatte wieder zu Schneien begonnen. Versonnen sah sie den Schneeflocken nach, die vom Winde durcheinander gewirbelt wild zur Erde tanzten. Der Schnee warf das schwache Licht der Lampen zurück und erhellte sanft die trostlose Straße. Er dämpfte jedes laute Geräusch.
Es wurde still und friedlich.
Hermine beruhigte sich, nur das Knarren des alten Hauses ließ sie gelegentlich aufhorchen.
„Schwere Gedanken?“, fragte eine grimmige Stimme in die Dunkelheit hinein.
Hermine fuhr herum und stierte erstarrt in die Dunkelheit. Es war niemand im Raum. Sie nahm die Kerze vom Nachttisch und leuchtete in alle Ecken des Zimmers.
Ein Kichern.
„Wer ist da?“, fragte Hermine erbost.
„Sieh hierher!“, die Stimme wurde klarer, lauter.
Hermine leuchtete nach oben und sah in das Portrait eines altmodisch gekleideten Zauberers. Seine Mine war finster und hochmütig. Irgendwo hatte sie dieses Gesicht schon einmal gesehen.
„Wer sind Sie?“, fragte sie leise.
„Phineas Nigellus“, antwortete der Zauberer auf dem Portrait herablassend.
Jetzt fiel es Hermine wieder ein.
„Sie waren einer der Direktoren von Hogwarts, nicht wahr?“, fragte sie leise.
„Ja“, er sah sie kühl von oben herab an.
Hermine entging nicht der harte und höhnische Zug um seinen Mund.
„Was wollen Sie von mir?“, fragte sie kalt.
„Nur nicht so hochnäsig, kleines Mädchen!“
Hermine erwiderte seinen überlegenen Blick ohne einen Lidschlag.
„Was wollen Sie von mir?“, wiederholte sie ruhig.
„Ich bin beauftragt, Ihnen etwas auszurichten“, sagte er unwillig.
Hermine zog misstrauisch die Stirn in Falten.
„Von wem?“, fragte sie argwöhnisch.
„Kein Vertrauen?“, Nigellus lächelte selbstgefällig.
„Sagen Sie mir nun, von wem Sie mir etwas auszurichten haben, oder…?“
„Oder was?“, unterbrach er sie herausfordernd.
Hermine wandte sich lächelnd ab und sagte leise: „Oder ich werde Ihr Portrait neben das der ehrenwerten Mrs. Black hängen.“
Schweigen.
„Kein Respekt! Ich habe es Dumbledore immer gesagt, die Welt wird an der Selbstgefälligkeit und Arroganz dieser Jugend zugrunde gehen!“, wetterte Phineas Nigellus laut vor sich hin.
Hermine ließ sich gelassen auf ihrem Bett nieder und hörte seinem Schimpfen geduldig zu. Als er endlich geendet hatte sah sie ihm aufmerksam entgegen und fragte leise: „Von wem haben Sie mir eine Nachricht zu überbringen?“
„Von Professor Minerva McGonagall“, sagte er überdeutlich.
Seine Worte trafen. Hermine war aufgesprungen. Die Kerze fiel zu Boden und erlosch. Kalte Dunkelheit umhüllte sie. Es war gut, dass Nigellus ihr Gesicht nicht sehen konnte.
„Wie lautet die Nachricht?“, es klang schroff.
„Remus Lupin wird morgen hier eintreffen.“
„Und?“
„Sie sollten sich anhören was er zu sagen hat, seinen Anweisungen Folge leisten!“
Hermine lachte hart auf.
„Seinen Anweisungen Folge leisten… Wie kommen Sie darauf?“
„Es sind bedeutsame Nachrichten. Sie müssen eine gewichtige Entscheidung treffen“, sagte Nigellus leise. Aller Spott und alle Überheblichkeit waren aus seiner Stimme gewichen.
Hermine horchte auf.
„Wären Sie nicht fortgelaufen…“, er brach ab.
Hermine lief zu seinem Portrait.
„Was wäre dann?“, fragte sie aufgewühlt. „Woher wissen Sie…?“
Sein Gesicht blieb verschlossen.
„Morgen“, sagte er nur und schloss die Augen.
Hermine sah fassungslos auf sein starres Gesicht. Er regte sich nicht mehr.
Lange stand sie da und kämpfte mit sich. Schließlich überwog die Vernunft.
„Ich werde folgen“, flüsterte sie dem Bild entgegen.
Phineas Nigellus Augen öffneten sich. Ein fast unmerkliches Lächeln umspielte seinen Mund. Er nickte und verschwand.
Hermine schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte auf. Die Gefühle, die sie empfand als sie Severus abgeholt hatten drängten jäh an die Oberfläche und stürzten mit aller Kraft auf sie ein. Sie wollte es nicht, doch sie konnte nicht mehr an sich halten. Sie weinte sich den Kummer von der Seele.
Als ihre Tränen versiegten, spürte sie die Kälte, die über den Steinboden in ihre Glieder kroch. Sie stieg fröstelnd ins Bett und schlief sogleich ein.
Ihr Schlaf war tief und traumlos. Als sie am Morgen erwachte, fühlte sie sich einigermaßen erholt. Sie stand auf und sah zum Portrait des ehemaligen Schulleiters hin. Er war nicht da. Fast ein wenig enttäuscht wandte sie sich ab und ging hinunter.
Sie fand die anderen im Salon. Harry hatte sich das alte Tränkebuch geholt und las, still in einem alten mottenzerfressenen Sessel versunken. Ron hatte eine Phiole des von ihnen zubereiteten Elixiers vor sich auf dem Tisch stehen und starrte sie mit stumpfem Gesichtsausdruck an. Ginny saß auf dem Fenstersims und sah nachdenklich hinaus auf die Straße.
Als Hermine eingetreten war, lösten sie sich träge aus ihrer Bewegungslosigkeit. Erwartungsvoll sahen sie ihr entgegen.
„Was ist?“, fragte sie unsicher.
„Wir haben einen Gast“, sagte Ginny leise.
Hermine nickte.
„Ja, ich weiß“, flüsterte sie.
„Er wartet auf dich“, sagte Harry und legte das Buch weg. „In der Küche. Er möchte mit dir allein sprechen“, fügte er verdrießlich hinzu.
Hermine zögerte und massierte sich die Schläfen. Schließlich ließ sie die Hände sinken.
„Bis dann.“
Sie trat leise in die Küche und schloss bedächtig die Tür hinter sich.
Sie sah sich um. Remus Lupin saß still am Tisch, eine Tasse Tee vor sich und sah in die Flammen, die im Kamin munter emportanzten. Er sah ihr freundlich entgegen.
„Auch wenn sie nicht dabei sind, ich werde ihnen eh alles erzählen… nachher“, begrüßte ihn Hermine trotzig.
Lupin lächelte und strich sich über das Kinn. Er nickte.
„Gut, dann setz dich“, er wies auf einen Stuhl am Tisch. Auf einen Wink von ihm stand vor ihr eine Tasse mit heißem Tee. Hermine griff danach. Ihre Hand zitterte vor Aufregung so stark, dass sie beide Hände nehmen musste, um ihren Inhalt nicht zu verschütten.
Lupin schwieg und beobachtete sie unter gesenkten Lidern.
Warum spannte er sie nur so auf die Folter? Was konnte es so wichtiges sein? Voller Zweifel schielte sie zu ihm hin.
Remus Lupin spürte ihre Unsicherheit. Langsam setzte er seine Tasse ab und hob den Blick. Er sah ihr frei in die Augen.
„Der Orden hat einen Entschluss gefasst“, sagte er sanft.
Hermines Mine verfinsterte sich.
„Ich wüsste nicht, was das mit mir zu tun haben könnte!“, erwiderte sie patzig.
Lupin war nicht gekränkt. Er schmunzelte leise in seinen Tee hinein und nahm einen großen Schluck davon.
„Oh, Hermine, es hat was mit dir zu tun. Mit deiner Entscheidung steht und fällt dieser Plan.“
Sie sah nicht auf. Sie drehte die Tasse beständig in ihren Händen.
Lupin wartete. Er würde nicht fortfahren, bevor Hermine nicht Interesse bekundete. Sie wusste es. Schließlich hielt sie es nicht länger aus. Sie sah ihn an.
„Also gut! Was ist das für ein Plan, dass er auf meine Entscheidung angewiesen ist?“, fragte sie streitlüstern.
Lupin wurde auf amüsante Weise an Severus Snape erinnert als er sie so bärbeißig und aggressiv vor sich sitzen sah. Sie war wie ein Tiger auf dem Sprung. Er unterdrückte diesen Eindruck und ging nicht auf ihre Herausforderung ein.
„Voldemorts größtes Verlangen ist es, Harry in die Finger zu bekommen, nicht wahr?“, er sah sie an.
„Das ist nun wahrlich kein Geheimnis“, Hermine war unnachgiebig.
„Nein, ich gebe dir Recht. Das ist kein Geheimnis“, antwortete Lupin.
Hermine sah ihn fragend an.
„Und?“
Lupin sah ihr direkt in die Augen. Sie saß wie auf glühenden Kohlen. Schließlich kehrte sein Blick zu seinen Händen zurück.
„Hilf uns, eine Brücke zu bauen“, sagte er endlich.
Hermine sah ihn verständnislos an.
„Eine was?“
„Du hast richtig gehört, eine Brücke bauen. Wir brauchen einen Köder, einen Lockvogel.“
„Wozu?“
„Um herauszufinden, wo sich Voldemorts Versteck, seine Festung, seine Burg… befindet.“
Hermine lachte bitter auf.
„Den einzigen, der es euch hätte sagen können, den habt ihr weggesperrt. Was für eine Ironie“, amüsiert nahm sie einen Schluck Tee. „Ist das alles, fragt ihn doch einfach!“
„Es ist nicht alles“, Lupin sah ihr still in die Augen. Seine Stimme war leise und sanft. Die Ruhe, mit der er sprach brachte Hermines Blut in Wallung. Sie atmete aufgeregt und schnell. Nur langsam beruhigte sie sich wieder.
„Was gibt es denn noch?“, fragte sie unfreundlich.
Doch Lupin fuhr unbeirrt fort: „Überlege mal, so wie du den Namen eurer Zuflucht hier nicht aussprechen, nicht verraten kannst, so ist auch Severus nicht fähig, den Namen von Voldemorts Aufenthaltsort preiszugeben. Es ist ihm nicht möglich, ihn auszusprechen oder aufzuschreiben. Keiner von Voldemorts Todessern kann das. Sie sind durch einen Eid an ihn gebunden. Sie stehen dafür mit ihrem Leben ein. Und keiner ist in der Lage, das Tor zu seinem Versteck zu öffnen. Wenn überhaupt, ist dies nur einem Außenstehenden möglich.“
Hermine schwieg beharrlich.
„Hast du dich je gefragt, wie Severus wieder zu Voldemort hätte zurückkehren sollen, ohne den Verdacht des Verrates in ihm aufkeimen zu lassen, nachdem er in Hogwarts gesundgepflegt wurde?“
„Wer wollte es denn erfahren?“, ihr Zorn war maßlos.
Wieder lächelte Lupin nachsichtig.
„Die Wände haben Augen und Ohren, Hermine. Verrat lauert überall.“
Sie sah ihm wutentbrannt in die Augen. Sie nickte mit zusammengebissenen Zähnen.
„Ja, das ist wahr“, ihre Stimme klang erstickt.
„Nun komm schon Hermine. Im Ministerium gibt es Spione, die ihre Zuträger überall haben. Was hätten wir denn machen sollen?“
Sie schüttelte stumm den Kopf.
„Aber Askaban…! Habt ihr vergessen, was er gesagt hat?“
Jetzt erhob sich Lupin von seinem Platz. Er ging langsam zum Feuer und starrte in seine heißen Flammen.
„Nein“, begann er, „wir haben es nicht vergessen, kein Wort von dem, was er uns gesagt hat.“ Er drehte sich wieder zu ihr um.
„Aber dein Tatandrang und Severus' Misstrauen hat uns einen Strich durch unseren Plan gemacht. Hättest du nur ein Wort mit Professor McGonagall gewechselt, wäre dir viel…“, er suchte nach dem richtigen Wort, „…Verdruss?“, er sah sie fragend an, „erspart geblieben.“
Hermine lehnte sich zurück und senkte die Lider.
„Warum haben Sie mich weggeschickt?“, fragte sie halsstarrig. „Und was nützt er in Askaban?“
Lupin lachte auf.
„Wo bleibt dein scharfer Verstand, Hermine?“
Sie sah ihm empört in die Augen.
„Es gibt einen Plan Voldemorts, Askaban zu stürmen und seine Getreuen zu befreien.“
Sie hob ungläubig den Kopf.
„Das hat uns Severus in dem Gespräch mitgeteilt, das nach deinem Weggehen geführt wurde. Er selbst schlug vor, dass der einfachste Weg, wieder in die Reihen von Voldemort zurückzukehren der ist, ihn nach Askaban zu bringen. Es würde Voldemorts Verdacht zerstreuen, dass Severus ihm untreu geworden ist, als er Hilfe in Hogwarts suchte“, beantwortete Lupin ihre stumme Frage.
'Ja, natürlich', dachte sie. Das sah ihm ähnlich. Um ihren Ärger auf ihn nicht zu zeigen, stützte sie das Gesicht in die Hände.
„Und die Spione im Ministerium würden Voldemort brühwarm erzählen, dass sein vertrauter Giftmischer in Askaban einsitzt“, entfuhr es ihr ärgerlich.
Lupin sah sie an.
Hermine ließ die Hände herabsinken.
„Gut, so kommt Severus Snape wieder zu Voldemort. Aber was soll ich…?“, sie sah auf.
Lupin neigte leicht das Haupt und schwieg lange.
„Es ist allein wichtig, dass Voldemort das Gefühl hat, dass Harry alles tun würde, um dich aus seinen Fängen zu befreien“, begann er dann unvermittelt. „Dass du Harrys engste Vertraute bist, ist kein Geheimnis. Ein wenig nachhelfen ist vielleicht nützlich. Vielleicht dass Harry romantische Gefühle für dich empfindet.“
Hermine sah ihn entgeistert an. Lupin lächelte. „Wer weiß es denn?“
Sie zuckte die Schultern.
Lupin sah Hermine offen ins Gesicht. „Und dazu kommt noch, dass Harrys Hass auf Severus Snape sprichwörtlich ist. Das Wissen darum wird ein Übriges tun. Ich hoffe, er ist bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Er wird natürlich nicht alleine sein. Der Orden des Phönix' wird mit ihm gehen. Aber du, Hermine, du gehst ein noch viel größeres Risiko ein, entscheidest du dich dafür.“
Lupin sah zweifelnd in Hermines Augen.
„Wirst du es tun? Wirst du Voldemort in eine Falle locken? Ihm das Gefühl geben, dass es allein seine Idee war…?“
Hermine erwiderte seinen Blick ruhig.
„Ein kühner Plan“, sagte sie leise.
Lupin holte tief Luft.
„Das Tor kann nur von innen geöffnet werden. Es ist die einzige Möglichkeit.“
Sie schwieg.
„Wirst du es tun?“, fragte er wieder.
Hermine lächelte matt.
„Ich habe doch keine andere Wahl.“
Lupin schüttelte den Kopf und sah ihr verständig in die Augen.
„Nein, niemand will über deinen Kopf hinweg entscheiden. Wir wissen, in welch große Gefahr du dich dadurch begibst. Wenn du es nicht möchtest, wird dir niemand einen Vorwurf deswegen machen. Die letzte Entscheidung obliegt dir. Wenn du es nicht willst, wird es auch nicht geschehen.“
Hermine erhob sich und ging durch den Raum bis zum Fenster. Ihr Gesicht spiegelte sich in seinen Scheiben wider. Sie hatte keine Zweifel, sie wollte es. Sie nickte Remus Lupin zu und sagte dann mit fester Stimme: „Ich werde es tun!“
Er atmete hörbar auf.
„Gut, ich wusste es“, sagte er lächelnd. „Wir sollten es gleich Professor McGonagall mitteilen.“
Hermine schüttelte den Kopf, ihr Gesichtsausdruck wurde panisch.
„Nein“, flüsterte sie. „Ich kann nicht!“
Remus Lupin sah sie mit großen Augen an. Er sah Verwirrung und Schrecken in ihren Augen.
„Ich geh nicht nach Hogwarts zurück, …noch nicht“, sagte sie bestimmt.
Lupin neigte den Kopf zur Seite.
„Ich soll nicht fragen, nicht wahr?“
Hermine nickte leise.
„Professor McGonagall kennt den Grund?“, seine Augen bohrten sich tief in die ihren.
„Ja“, sagte Hermine eindringlich und wich seinem Blick aus.
„Bitte fragen Sie nicht“, sie flehte es fast.
Lupin sah auf und nickte.
„Gut, werden wir den Spionen eine Fährte legen! Ab jetzt, Hermine, wirst du ohne die Erlaubnis des Ordens nicht mehr aus dem Hause gehen. Hast du mich verstanden?“
Sie nickte ihm zu.
Lupin wandte sich zur Tür. Die Hand auf der Klinke, sagte er noch: „Ich werde morgen wiederkommen.“
Er öffnete die Tür und fuhr zurück. Ron, Ginny und Harry standen erstarrt davor.
Remus Lupin zog ärgerlich die Stirn in Falten.
„Habt ihr gelauscht?“, fragte er arg verstimmt.
Die drei standen verlegen vor ihm.
„Nun, ja… äh, nein, äh…“, stammelten sie und wichen zurück.
Hermine war aufgestanden und trat neben Remus Lupin.
„Es tut ihnen leid, nicht wahr?“, sagte sie und sah ihnen reihum in die Gesichter.
„Ja, ja, tut uns leid“, stimmten sie zu.
Lupins Mine hellte sich auf. ER wandte sich Hermine zu.
„Du wirst es ihnen eh gleich erzählen. Hab ich recht?“
Hermine nickte.
„Also dann“, Lupin nahm seinen alten zerschlissenen Mantel vom Garderobenhaken und schlüpfte hinein.
Er sah die vier reihum an.
„Bis morgen“, sagte er munter, warf sich einen dicken Schal um den Hals und trat in den Winter hinaus. Schnee stob durch die geöffnete Eingangstür herein und legte sich glitzernd auf den dunklen Steinboden, bis er kurz darauf zu Wasser geschmolzen war und winzige Pfützen zurückließ.
Stumm und verlegenen standen sie in der kalten und zugigen Eingangshalle.
„Gehen wir wieder hinein“, sagte Hermine und ging zurück in die Küche. Fröstelnd streckte sie die Hände dem Feuer entgegen.
Laut stühlerückend nahmen die anderen Platz.
Hermine wandte sich schließlich zu ihnen um und sah in die Runde. Die Augen ihrer Freunde glühten ihr gespannt entgegen.
„Was hat er gesagt?“, fragte Ginny mit roten Wangen.
Und Hermine erzählte.
Nachdenklich schweigend saßen sie am Tisch als sie geendet hatte.
„Du willst es wirklich tun, Hermine?“, fragte Ginny leise. „Hast du keine Angst, so allein…?“
„Du musst es nicht“, sagte Ron drängend. „Sie werden den Aufenthaltsort von Du-weißt-schon-wem auch so herausfinden. Snape kann es ihnen sagen!“
„Darum geht es gar nicht, Ron“, unterbrach Harry seinen Redefluss. „Abgesehen davon, dass auf Snape keinerlei Verdacht mehr fallen darf, dass er Voldemort untreu geworden sein könnte. Nur Hermine kann das Tor öffnen. Du hast es doch gehört.“
Ron sah ihn verständnislos an.
„Wir werden ohne großen Widerstand in Voldemorts…, sagen wir... Hauptquartier gelangen, weil er Hermine dazu benutzen wird, mich in die Falle zu locken.“ Harry fuhr sich durchs Haar. „Bei Merlin, es ist wie damals beim Trimagischen Turnier!“
„Nein“, sagte Ginny, „es ist nicht so. Diesmal wirst du vorbereitet sein. Und mit dir viele andere.“
„Und Voldemort!“, entfuhr es Ron.
Sie sahen ihn erstaunt an. Es war überhaupt das erste Mal, dass Ron diesen Namen laut aussprach. Einigermaßen erschrocken riss er die Brauen hoch und wurde feuerrot.
„Ja, und Voldemort“, sagte Hermine leise.
Harry kam zu ihr und drehte sie zu sich um. Er hielt sie an den Schultern, und sah ihr still in die Augen. Er flüsterte: „Du wirst ganz alleine sein, solange Snape in Askaban ist.“
In seiner Stimme schwang ein Anflug von Panik mit, als er sagte: „Oh Gott, er wird dich quälen. Hermine, ist dir bewusst, auf was du dich einlässt?“
Hermine machte sich von ihm los und trat zurück. Mit ruhiger Stimme erwiderte sie: „Ich weiß es. Du musst keine Angst um mich haben.“
Harry schüttelte ungläubig den Kopf.
„Er wird dir dein Geheimnis entreißen“, sagte er leise. „Dann wird Snape in ebenso großer Gefahr sein wie du. Er wird seine Rolle nicht mehr spielen können.“
„Dann hoffe ich nur, dass die Hilfe, die uns versprochen ist, schon bei uns sein wird, wenn es geschieht“, sagte sie nur.
Harry runzelte die Stirn.
„Weiß Snape von diesem Plan?“, fragte Ginny unvermittelt.
Hermine und Harry starrten sie überrascht an.
„Ich habe keine Ahnung“, sagte Hermine bitter. „Sie haben mir nichts erzählt. Sie haben mich fortgeschickt!“
„Und er hat dir auch nichts erzählt!“, sagte Ron vorwurfsvoll und sah ihr offen ins Gesicht.
Hermine zog die Stirn in Falten.
„Ja“, fuhr Ron hitzig fort, „wie kannst du ihm denn nur vertrauen!“
Ihr Groll wich einer unangenehmen Unruhe. Hatten sie Severus eingeweiht? Konnte es sein Idee gewesen sein? Würde er ihr Leben so leichtfertig aufs Spiel setzen? Sie war sich sicher, dass er von diesem Vorhaben nichts wusste. Und dennoch, eine leise Stimme in ihrem Kopf sagte beharrlich, dass sie diesen Mann eigentlich nicht kannte. Die Jahre der Abneigung und Furcht hatte sie ausgeblendet. Die kurze Zeit, die sie miteinander hatten, hatte ihr gezeigt, dass er ein Mensch war. Nichts anderes wollte sie gelten lassen. Sie wollte ihm vertrauen ohne zu zweifeln, ohne zu misstrauen. Und doch blieb ein Rest Unsicherheit.
Da meldete sich Ginny und riss sie aus ihren Gedanken: „Ich bin bestimmt nicht Snapes Fürsprecher, aber ich kann ganz sicher behaupten, dass er niemals leichtsinnig handeln würde. Dafür ist er zu beherrscht.“
„Kaltblütig trifft es wohl eher“, sagte Ron verstimmt.
„Das ist dasselbe, Ron!“ Ginny warf ihm einen strafenden Blick zu. „Und in diesem Fall ist es gar nicht mal schlecht. Ein kühler Kopf ist genau das was wir brauchen.“
Sie schwiegen sich an. Fast zum Greifen war die Stille.
„Wir müssen den Horcrux zerstören“, sagte Hermine auf einmal, flüsternd und ehrfurchtsvoll.
Sie sahen auf.
Sie hatten es ganz vergessen!
Harry fasste sich als erster.
„Wir sollten es versuchen noch bevor Lupin wiederkommt.“
Sie nickten.
„Da bleibt uns ja nicht viel Zeit“, sagte Ron nüchtern, „sollten wir es heute gleich hinter uns bringen?“ Er sah zaghaft in die Runde und hielt gespannt den Atem an.
„Warten wir, bis es dunkel ist“, sagte Hermine zustimmend.
Ron atmete auf.
„Wohin werden wir gehen? Ein so mächtiger Zauber bleibt doch nicht unbemerkt“, sagte Ginny.
Ja, wohin sollten sie gehen?
Hermine fiel nur ein Ort ein, der hinreichend abgelegen war und an dem sie mit Bestimmtheit vor ungebetenen Besuchern sicher waren, der Verbotene Wald.
Im gleichen Moment als sie es gedacht hatte, sprach Ron es schon aus.
„Wir wär's mit dem Verbotenen Wald? Der einzige, der uns da vielleicht über den Weg laufen könnte wäre Hagrid…“
„Das ist ein guter Platz“, sagte Harry leise.
Der Tag verging wie in Zeitlupe.
„Werden wir die Kraft haben ihn zu zerstören?“, fragte Ginny unsicher.
Hermine hob die Schultern.
„Ich hoffe es um unsretwillen! Wenn es nicht gelingt werden wir sterben.“
Sie sahen einander mit glühenden Wangen in die Augen.
„Ihr müsst es wirklich wollen, mit eurem ganzen Herzen“, fuhr Hermine fort, „nur dann wirkt der Fluch.“
Harry sah auf. Die Erinnerung an den Abend, an welchem Dumbledore getötet wurde drängte in seine Gedanken zurück. Snape hatte ihn verlacht, als er versuchte, ihm einen der unverzeihlichen Flüche aufzuhalsen. Harry war nicht in der Lage gewesen, den Willen aufzubringen, um den Fluch wirksam werden zu lassen. Zweifelnd sah er in die Runde. Einzig Hermine verstand seinen Blick. Er seufzte unmerklich auf.
„Habt ihr es schon einmal versucht?“, fragte er.
Sie sahen ihn an.
Keiner von ihnen hatte jemals auch nur daran gedacht, einen unverzeihlichen Fluch auszusprechen, ganz zu schweigen von dem tödlichen Fluch.
Jetzt, in diesem Moment überfiel sie die Angst. Was, wenn es ihnen nicht gelang, das Seelenstück zu zerstören? Niemand sonst noch wusste davon. Keiner konnte ihnen beistehen.
Es musste gelingen!
„Dass wir zu viert sind, wird seine Wirkung vielleicht verstärken“, sagte Hermine leise und versuchte, möglichst viel Zuversicht in ihre Stimme zu legen.
„Das haben wir nur Snape zu verdanken“, sagte Ron aufgebracht. „Wenn er nicht zu fein gewesen wäre, müssten wir uns jetzt nicht mit diesem Ding da rumschlagen!“
Hermine warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
„Wir müssen es tun“, antwortete Harry.
Endlich kam die Nacht.
Hermine erhob sich. „Gehen wir“, sagte sie und öffnete die Tür zur Eingangshalle. Sie folgten ihr ohne Umschweife. Sie hüllten sich in ihre Umhänge und verließen ihr schützendes Versteck. Aufgewühlt schritten sie die Straße entlang. Misstrauisch sahen sie einem jedem nach, der ihnen entgegenkam.
„Hier hinein!“, sagte Harry und führte sie in einen dunklen Hinterhof. Er sah sich um.
„Hier kann uns keiner sehen.“
Sie fassten sich an den Händen und apparierten.
Ein eisiger Wind wehte ihnen feinen Schnee ins Gesicht, es war wie Nadelstiche auf der Haut. Sie öffneten die Augen und sahen sich um. Kein Laut war zu hören. Die Bäume, obwohl überzogen mit feinem Schnee wirkten dunkel. Der Himmel hing voll schwerer Wolken, die sich unablässig ihrer Last entledigten. Das Schneetreiben wurde dichter. Nur ein vager Lichtschein erhellte das Dunkel.
„Es ist kalt“, flüsterte Ginny und hauchte in ihre Hände.
„Suchen wir uns eine Lichtung“, sagte Hermine.
Schwerfällig kämpften sie sich durch den kniehohen Schnee. Sie wussten nicht, wie lange sie schon gegangen waren, als sie endlich auf eine kleine Schneise traten. Tief Atem holend blieben sie am Waldrand stehen.
Als Ron weitergehen wollte, hielt ihn Hermine am Ärmel fest.
„Warte“, sagte sie.
Ron entzog ihr grob den Arm und wandte sich unwillig um.
„Was ist denn noch?“, brummte er ärgerlich und leistete im Stillen Abbitte als er sah, was sie ihm entgegenstreckte. Er sah sie an und griff nach dem Fläschchen. Seine Augen sagten 'Danke' und Hermine quittierte es mit einem Lächeln.
„Es sollte uns vor dem Ärgsten bewahren“, sagte sie, wandte sich nach den anderen beiden um und reichte auch ihnen je eine Phiole. Nachdem sie deren Inhalt geleert hatten gingen sie festen Schrittes in die Mitte der Lichtung.
Harry holte den Dolch hervor und stach ihn in den Boden. Sie traten einige Schritte zurück und sahen sich unsicher an.
„Nicht zweifeln“, flüsterte Hermine ihnen zu. „Legt all euren Hass gegen Voldemort in die Worte. Denkt an das, was er genommen hat und welches Leid er gebracht hat.“
Eine Weile hielten sie inne, dann hoben sie entschlossen die Zauberstäbe und sprachen den Zauber.
Mit ungeahnter Kraft schossen vier Blitze hervor und trafen den Dolch mit voller Wucht. Er wurde in die Höhe geschleudert und hing über ihren Köpfen und erleuchtete mit gleißendem Licht den Nachthimmel. Plötzlich begann er zu rotieren und verwandelte sich in einen einzigen Feuerball, der mit steigender Geschwindigkeit seiner Umdrehungen an Ausmaß gewann. Ein Tosen hob an, so laut, dass es schmerzte.
Wie gebannt starrten sie auf das Feuer. Grüne Nebel drangen hervor. Sie senkten sich nieder. Immer wieder formten sich daraus Gestalten, die aber sogleich als sie sich zu erkennen gaben ihre Form wieder verloren.
Harry erkannte sie. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in das Licht und ließ den Arm sinken.
„Die Verbindung darf nicht abreißen!“, rief Hermine gegen das Tosen an.
„Meine Eltern“, formten seine Lippen stumm.
„Sie sind nicht wirklich, Harry!“
„Sie sind…“, die Worte wurden vom Dröhnen fortgerissen.
„Sie sind tot! Sie werden nie wieder kommen!“
Diese Worte schmerzten. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Er hörte wieder Dumbledores Worte: 'Den Tod kann man nicht überlisten.'
„Sieh mich an!“, schrie sie ihn an.
Harry wandte unwillig den Blick und sah in Hermines Augen.
„Hilf uns“, rief sie verzweifelt.
Er sah vom einen zum andern. Sie brauchten seinen Arm, seine Kraft, seinen Geist. Er hob die Hand und sprach die Zauberformel, so willentlich, so kraftvoll, so überzeugt wie er noch nie einen Zauber ausgesprochen hatte.
Mit schmerzverzerrten Gesichtern, mit beiden Händen die Zauberstäbe auf den Horcrux gerichtet hielten sie aus.
Ihre Hände brannten, ihre Augen waren geblendet, ihre Sinne überreizt. Der Ohnmacht nahe, nahmen sie nur noch wahr, dass der Feuerball sich mit einem ohrenbetäubenden Donnerschlag in einen Sternenregen auflöste, der in einem weiten Bogen, wie ein Dom über sie gespannt zur Erde niederstürzte.
Ein fast geflüstertes 'Protego' hüllte sie in einen unsichtbaren Schutzmantel. Müde sahen sie der zerstörenden Kraft nach, die den Schnee in Sekundenschnelle tauen ließ und die Erde darunter unerbittlich verbrannte.
Stille!
Wunderbare Stille.
Sie sanken kraftlos zu Boden. Sie lagen und ruhten aus, bis die Kälte in ihre Glieder kroch und sie stöhnend hochtrieb. Ron griff sich den zerstörten Horcrux und strich versonnen darüber.
„Kein Zeichen, dass er zerstört ist“, flüsterte er und reichte ihn Hermine.
„Er ist es“, sagte sie nur und steckte ihn in ihr Gewand.
Erschöpft und ungemein zuversichtlich kehrten sie in den Grimmauldplatz Nummer 12 zurück.
Das Feuer im Kamin tat wohl. Seine Wärme strömte in den Raum, sein Licht erhellte ihn sanft. Hermine saß still und nachdenklich in einem Sessel zusammengerollt und starrte in die Flammen, die das Holz langsam zu Asche verbrannten.
Sie bemerkte nicht, wie sich die Tür öffnete und jemand den Raum betrat. Erst als derjenige neben ihr stand sah sie versonnen auf. Sie sah Harrys fragende Augen.
„Hallo“, sagte er unsicher.
Hermine nickte ihm leise zu.
Er setzte sich neben sie.
„Wie ist es ihm gelungen, dich auf seine Seite zu ziehen?“, fragte er leise.
Hermine sah ihn an.
„Ich stand schon immer auf seiner Seite“, sagte sie ruhig und fügte noch hinzu: „Genau wie du!“
Harry zog die Brauen zusammen.
„Was soll das heißen?“
Hermine zögerte bevor sie weitersprach.
„Ich kann es dir nicht erzählen“, sie setzte sich auf und drehte sich zu ihm hin. „Ich möchte Dir etwas zeigen, Harry.“
„Was ist es?“
„Ich möchte dich in seine Erinnerungen sehen lassen, alles was er mir gezeigt hat. Ich möchte, dass du verstehst.“
Harry dachte einen Moment nach, dann schüttelte er entschieden den Kopf.
„Ich will es nicht!“, sagte er bestimmt und wollte sich erheben. Doch Hermine griff seine Hand und zog ihn mit sanfter Gewalt wieder in den Sessel zurück.
„Vertrau mir.“
„Dir vertrau ich…“, flüsterte er und bezwang seine Verstimmung.
„Dann schließe deine Augen“, sagte sie leise und setzte eindringlich hinzu: „Bitte.“
Harry sah ihr ins Gesicht. Schließlich senkte er die Lider.
Er fühlte wie sie seine Hände in die ihren nahm und ganz leise flüsterte sie: „Dein Geist zu meinem Geist.“
Er hörte diese sanften Worte und tauchte ein in Hermines Gedanken, die so furchtbar klar und wirklich die Erinnerungen von Severus Snape widerspiegelten; er trat nah zu seiner Mutter, nah zu Dumbledore. Er war Snape. Widerstrebend gab er sich den Gefühlen hin, die auf ihn einstürzten. Er fühlte Snapes tiefstes Sehnen, seine Angst, seine Verzweiflung. Und er fühlte sein Misstrauen, seinen Hass und seine Verachtung gegen die Menschen und gegen sich selbst. Er wünschte sich, dass es zu Ende ginge. Kein Schmerz war so tief wie das, was er jetzt in diesem Augenblick empfand.
Hermine ließ seine Hände los.
Langsam kam Harry in die Welt zurück. Er öffnete die Augen und sah in Hermines Gesicht. Stumm sah sie ihn eine Weile an, dann wandte sie sich ab und starrte wieder in das Feuer. Harrys Gedanken überschlugen sich. Er erinnerte sich an das, was er seinerzeit im Denkarium in Snapes Büro gesehen hatte. Ganz leise musste er sich eingestehen, dass Snape Hermine nicht betrogen hatte. Wieder überkamen ihn die nagenden Zweifel. Und wieder verbannte er sie bestimmt und trotzig aus seinem Kopf.
Er sah aus den Augenwinkeln zu Hermine hin. Es tat ihm wohl, dass sie schwieg. Erst nach langem hob er leise zu Reden an: „Es war ihre Schrift, nicht wahr?“
Sie sah ihn an.
„Ihretwegen hat er den Horcrux nicht zerstört, nicht wahr?“
Sie schwieg.
„Danke“, sagte er nur und erhob sich.
„Nur eines noch“, begann er, „wo hast du das gelernt?“
Hermine sah ihn an und lächelte leicht.
Harry zog eine Braue in die Höhe und wandte sich zur Tür.
„Gute Nacht, Hermine“, sagte er und ging.
Lange saß sie noch vor dem Kamin. Die Müdigkeit holte sie ein. Das Feuer war längst niedergebrannt, kleine Flammen züngelten vereinzelt aus der glühenden Asche.
Nicht mehr fähig auch nur noch einen einzigen Schritt zu gehen sank sie zusammen und schlief ein.
Eine Hand legte sich auf ihren Arm. Hermine fuhr zusammen und sah sich orientierungslos um. Sie rieb die Augen und richtete sich auf. Es war stockdunkel. Sie fühlte, jemand stand neben ihr. Bevor sie noch einen Ton sagen konnte fuhr ein heißer Strahl an ihr vorbei in den Kamin und fachte ihn neu an.
Hermine schrak zurück und sah auf die Person neben sich. Es war Minerva McGonagall, die mit ernstem Gesichtsausdruck auf sie hinabsah. Hermine schnellte mit einem Ruck auf und sah die Lehrerin mit eisiger Mine an. Im Hintergrund gewahrte sie Remus Lupin. Seine Augen leuchteten eigentümlich im Feuerschein.
McGonagall wandte daraufhin leicht den Kopf und sagte mit ruhiger Stimme: „Remus, würden Sie uns bitte alleine lassen!“
Lupin nickte leicht und verließ den Raum. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ sich Minerva McGonagall leise ächzend in einen Sessel nieder. Sie zog langsam die Handschuhe aus und hielt die Hände dem Feuer entgegen.
„Setzen Sie sich, Hermine“, sagte sie nachdrücklich.
Hermine schwieg und folgte gehorsam. Sie nahm wieder Platz.
„Es ist kalt draußen“, sagte die Schulleiterin leise und legte Schal und Umhang ab. Sie faltete sie sorgfältig zusammen und legte beides über die Lehne ihrer Sitzgelegenheit. Jetzt erst wandte sie sich Hermine zu. Sie sah ihr lange und aufmerksam über ihre Brillengläser hinweg in die Augen.
Hatte Hermine ihren Blick anfänglich noch trotzig erwidert, so wurde der Ausdruck ihrer Augen durch die milde Strenge der Lehrerin nachgiebiger.
„Was wollen Sie von mir?“, fragte sie dennoch mit trotziger Stimme.
„Ich möchte Sie fragen, was Sie im Verbotenen Wald gesucht haben, nachdem Professor Lupin ausdrücklich darum gebeten hat, das Haus nicht zu verlassen.“
„Ich habe Ihnen nichts zu sagen“, entgegnete Hermine widerborstig und war erstaunt, dass sie es nicht im Geringsten verwunderte, dass McGonagall von ihrem nächtlichen Ausflug Kenntnis hatte. Sie sah der Schulleiterin in die Augen und bemerkte ein leises Aufblitzen.
„Nun, Ihre Meinung, was Sie von mir halten haben Sie ja überdeutlich kundgetan, Miss Granger!“, McGonagalls Stimme nahm einen härteren Tonfall an.
Hermine wandte den Kopf und schnaubte leise.
„Es war sicher falsch, Sie nicht einzuweihen, damals“, fuhr McGonagall mäßiger fort. „Ja, und ich hätte mich nicht auf Severus' Versprechen einlassen sollen, Sie über die Situation aufzuklären.“
Hermine sah erstaunt auf.
„Er hat es nicht getan, nicht wahr“, Professor McGonagall lächelte leicht, „denn sonst wären Sie noch jetzt in Hogwarts.“
Hermine schwieg eisern.
„Aber ich weiß, dass er Sie über einen überaus mächtigen magischen Gegenstand aufgeklärt hat. Ist das richtig?“
Hermine nickte langsam.
„Allerdings hat er mir wiederum nicht offenbart, um welche Art Gegenstand es sich handelt.“ McGonagalls Worte wurden fordernd. Hermine war es nicht entgangen.
„Dann mögen Sie mir verzeihen, wenn ich Sie darüber ebenfalls nicht in Kenntnis setze“, sagte Hermine ruhig und überlegt. „Es ist ein Geheimnis, das nicht mir gehört.“
Minerva McGonagall hob den Kopf und sah Hermine offen in die Augen.
„Ich bewundere Ihre Ehrlichkeit, Hermine. Und ich respektiere sie.“
Hermine hatte nicht die Absicht, noch etwas darauf zu erwidern.
„Alle seine Handlungen verfolgten nur ein einziges Ziel“, fuhr McGonagall fort. „Severus hat gewusst, wie Sie reagieren würden.“ Sie lächelte leicht „Jetzt weiß ich das auch. Eigentlich hätte ich mir etwas mehr Menschenkenntnis gewünscht, gerade da Sie in meinem Haus sind.“
Hermine zog die Stirn in Falten. Hatte er sie doch benutzt. Ihre Handlungen waren vorausschauend und durchsichtig, so wie sie es schon immer gewesen waren. Sie war nicht fähig, ihre Gedanken zu verbergen.
„Dann bin ich nicht die richtige Person. Sie sollten nicht mich zu Voldemort schicken. Ich würde alles verraten“, sagte sie hart. McGonagall neigte den Kopf und schob ihre Brille zurecht. Sie wartete.
„Ich habe Ihnen eh schon alles offenbart“, flüsterte Hermine nach einiger Zeit und senkte die Augen. Professor McGonagall legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Und niemand wird es je von mir erfahren!“
Hermine sah auf.
„Es tut mir leid, dass ich...“
Die Ältere hob die Hand und schnitt Hermine das Wort ab.
„Es war ein Missverständnis und als solches sollten wir es auch abtun.“
Hermine sah ihr dankbar in die Augen. Eine große Last war von ihrem Herzen genommen.
Professor McGonagall sah sie wohlwollend an und fuhr leise fort: „Oh, doch, Hermine, Sie sind richtig, genau richtig. Ich werde doch niemanden in die Höhle des Löwen schicken, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass es die richtige Person ist. Dass sie dem allen gewachsen wäre.“
„Ich verstehe nicht…?“
„Ich kann in Ihrem Geist nicht lesen, Hermine. Nicht mehr. Und ich kann, ohne unbescheiden zu sein, behaupten, dass ich durchaus zu den besseren Okklumentikern gehöre. Alles was Sie brauchen sind ein starker Geist und eine helfende Hand in den Reihen von Voldemort. Beide Voraussetzungen sind uneingeschränkt erfüllt.“
Hermine sah auf.
„Soll das heißen…?“, Hermine brach ab.
„Soll heißen, dass Askaban nicht mehr der Herrschaft des Ministeriums untersteht. Voldemort hat seine Getreuen befreit. Und mit ihnen Severus Snape“, sagte McGonagall.
Hermine atmete hörbar ein.
„Mit Severus genießen Sie einen mächtigen Schutz in den Reihen des Dunklen Lords. Und nur das macht es mir leichter, Sie gehen zu lassen.“
Die beiden Frauen saßen lange still beieinander.
Hermine sah nachdenklich ins Feuer. Unruhe breitete sich in ihr aus.
„Hermine. Ich kann nicht sagen, dass Sie unbeschadet aus diesem Vorhaben herauskommen werden, wenn ich es mir auch von Herzen für Sie wünsche.“
Hermine nickte. Sie wusste, auf was sie sich einließ und sie war bereit es auf sich zu nehmen.
„Wann?“, fragte sie ohne aufzusehen.
„Sobald als möglich. Sie sollten Ihre Vorbereitungen treffen. Wir werden am frühen Nachmittag wiederkommen. Halten Sie sich bereit.“
Professor McGonagall erhob sich und mit ihr Hermine.
Die Lehrerin sah Hermine mit weichem Blick in die Augen. Dann nahm sie sie in die Arme und raunte ihr ein bewegtes „Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute, mein Kind“ zu. Dann ging sie ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus.
Das Feuer verlosch ganz sachte.
Der Tag hatte begonnen.
Ihr Leben würde von all ihren Entscheidungen abhängen. Alles, was sie jetzt tat würde unweigerlich einen Schweif von Ereignissen nach sich ziehen, die sich auf ihre Welt, auf ihr aller Leben auswirken würden.
Hermine seufzte leise auf und ging in die Küche.
Sie war leer.
Hermine atmete auf. Sie kochte Kaffee und goss sich eine große Tasse davon ein. Sie setzte sich an den Tisch und nahm einen großen Schluck des schwarzen Getränkes. Sie spürte seine belebende Wirkung. Sie dachte über das soeben geführte Gespräch nach. Professor McGonagall hatte Angst, um sie. Und doch setzte sie ihr vollstes Vertrauen in sie.
Vorbereitungen treffen… Was wollte sie vorbereiten. Das einzige, was sie mitnehmen wollte, waren ihr Zauberstab und der von Snape und ein Vorrat an dem Heiltrank, den sie gebraut hatten. Wie um alles in der Welt sollte sie diese Gegenstände unbemerkt mit sich führen.
Hermine wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Harry und Ginny eintraten. Sie setzten sich mit einem müde gemurmelten 'Guten Morgen' neben Hermine an den Tisch. Schweigend schenken sie sich die Tassen voll Kaffee.
„Du siehst aber müde aus“, sagte Ginny zwischen zwei Schlucken zu Hermine.
„Hab nicht sonderlich gut geschlafen“, log Hermine.
Die Tür flog auf. Sie fuhren herum.
„Askaban ist gefallen!“, rief Ron in den Raum und legte völlig aufgelöst den Tagespropheten vor sie auf den Tisch. In riesigen Lettern sprang ihnen die Schlagzeile entgegen.
Hermine nahm die Zeitung hoch und las. Dann reichte sie Harry stumm das Blatt. Der überflog den Artikel und legte die Zeitung sanft neben Hermine auf den Tisch.
Hermine sah auf ihre Hände, die still in ihrem Schoß lagen. Professor McGonagalls Worte hallten in ihr nach.
„Er hat es mir nicht erzählt“, sagte sie zusammenhanglos und verdrießlich.
Harry überwand sich.
„Er hat es vermutlich getan, um dich zu schützen.“
„Vor wem denn?“, rief sie verständnislos.
Harry lächelte.
„Vor deinem Tatendrang?“
Sie sah ihm verstört in die Augen. Dann musste sie lachen.
„Du hast gelauscht“, rief sie und löste sich aus ihrer Starre.
„Ja“, setzte sie noch einmal flüsternd hinzu und wurde ernst.
„Wollte Lupin nicht heute wiederkommen?“, fragte Harry.
Sie nickten.
„Dann wird es jetzt losgehen“, sagte Ron und sah Hermine ins Gesicht. „Hast du Angst?“
Sie erwiderte offen seinen Blick und antwortete ehrlich: „Ja.“
„Aber Snape wird bei dir sein, er wird dich schützen“, flüsterte Ginny.
Hermine nickte und lächelte sie an.
„Das wird er sicher“, sagte sie möglichst zuversichtlich. Es war nur, um sich und die anderen zu beruhigen. Dann erhob sie sich.
„Entschuldigt mich, ich muss nachdenken“, damit ließ sie die anderen allein und ging auf ihr Zimmer.
Unruhig lief sie auf und ab. Sie konnte ihre Aufregung jetzt nicht mehr im Zaum halten. Nervös schaute sie auf die Uhr.
Um sich abzulenken, suchte sie ihre Tasche und warf sie mit Schwung auf das Bett. Ihr Inhalt kullerte über die Bettdecke hinab auf den Boden.
Ärgerlich auf sich selbst kniete sie nieder, um alles wieder aufzulesen. Als sie das alte Buch aufhob, fiel ein Blatt heraus. Sie blätterte nach der Stelle, an die es gehörte. Dabei fiel ihr Blick auf eine Kritzelei am Rande der herausgelösten Seite.
„Natürlich“, rief sie lachend. Rasch raffte sie alles zusammen und legte es auf das Bett. Sie zog ihren Zauberstab und richtete ihn auf eine Phiole und Snapes Zauberstab.
„Contraho“, sagte sie vernehmlich. Ein feiner Strahl fuhr aus ihrem Zauberstab und hüllte die beiden Gegenstände mit hellem Schimmer in ein orangerotes Licht. Als Hermine den Zauberstab senkte stellte sie zufrieden fest, dass der Zauber so gewirkt wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie beugte sich nieder und hob die beiden Sachen auf und steckte sie sorgsam in die Hosentasche.
Es klopfte.
Sie sah auf.
„Ja?“
Die Tür wurde geöffnet. Lupin tat einen Schritt in den kleinen Raum.
„Es ist soweit?“, fragte Hermine.
Er nickte stumm.
Hermine zog einen Pullover über, eine Jacke und den Umhang. Sie ließ ihren Zauberstab in den Ärmel gleiten und sah auf.
„Möchtest du noch etwas mitnehmen?“, fragte Lupin leise.
Sie legte einen Schal um und steckte die Hände in Handschuhe.
„Nein, ich habe alles was ich brauche.“
Er nickte und wandte sich um. Hermine folgte ihm mit weichen Knien. Stumm stiegen sie die Treppe hinab. In der Eingangshalle wartete Ginny, ebenso dick eingepackt wie Hermine.
Diese sah irritiert von Lupin zu Ginny und wieder zu Lupin zurück.
„Ginny wird mit dir gehen“, begann Lupin, dem Hermines fragender Blick nicht entgangen war.
„Sie geht mit?“
„Ja, zu 'Flourish & Blotts'“, fuhr Lupin lächelnd fort. „Es ist unverdächtiger, wenn zwei Freundinnen gemeinsam zum Einkaufen gehen.“
Hermine kratzte sich mit verlegener Mine am Kopf.
„Ja, klar“, sagte sie leise und lächelte Ginny an.
Harry und Ron traten zu ihnen. Sie umarmten einander.
„Wir sehen uns“, sagte Ron und schob Hermine wieder von sich nachdem er sie fest an sich gedrückt hatte und sah sie mit hochgezogenen Brauen an. Hermine schenkte ihm ein warmes Lächeln und nickte ihm zu.
„Ihr werdet nicht alleine sein. Nymphadora und Moody werden euch geleiten, unsichtbar vor den Augen der Anderen.“
Hermine und Ginny sahen sich an. Erleichterung malte sich auf ihre Gesichter.
Lupin zog den Schal fester und öffnete die Eingangstür.
„Gehen wir!“
Sie verließen den Grimmauldplatz Nummer 12.
„Ich habe ihn auch gesehen“, flüsterte Hermine Ginny zu. Sie drückten sich tiefer in die Nische hinein.
„Meinst du, dass Draco dich zu Voldemort bringen soll?“, Ginny sah sie ungläubig an.
Hermine zuckte die Schultern.
„Er hat eine Scharte auszuwetzen“, sagte sie. „Er wird alles tun, um die Gunst Voldemorts wiederzuerlangen.“
Sie sah Ginny in die Augen.
„Es ist soweit. Du musst gehen!“, flüsterte sie noch.
Ginny atmete tief ein und umarmte Hermine.
„Ich wünsche dir viel Glück.“
Hermine fielen Rons Worte ein.
„Wir sehen uns“, flüsterte sie lächelnd und trat gefasst hinter dem Regal hervor. Sie tat so, als würde sie nach einer bestimmten Lektüre suchen. Sie ließ ihren Finger die Buchrücken entlanggleiten, als sie eine allzu vertraute Stimme hörte, die sie leise anschnarrte.
„So treffen wir uns also wieder, Schlammblut“, seine Hand zitterte ein wenig, als sie den Zauberstab hob.
Hermine wandte sich nach ihm um und tat erstaunt.
„Was willst du von mir?“, ihre Stimme war hart. Sie hoffte, dass er ihre Unsicherheit nicht bemerkte.
Er beugte sich zu ihr hin und raunte ihr zu: „Eine höhere Macht sehnt sich nach deiner Anwesenheit, Granger.“
Hermine wandte den Kopf und sah in seine kalten grauen Augen, die vor Aufregung hell funkelten.
„Wen meinst du mit 'höherer Macht'? Und was soll mich dazu bringen mit dir zu gehen, Malfoy?“, fragte sie belustigt.
Statt einer Antwort hob Draco nur die Rechte. Wie auf Kommando traten vier Männer hinter den Regalen hervor und blieben hinter ihm stehen.
Hermine sah sie der Reihe nach an. Sie nickte leicht und sagte leise lächelnd: „So viele Männer, um dem Willen, mit dir zu gehen Nachdruck zu verleihen. Es muss Voldemort ungemein viel daran liegen, mich in seiner Nähe zu wissen.“
Dracos Augen verengten sich. Er trat nah an sie heran und sagte drohend: „Das Scherzen wird dir noch bald genug vergehen!“
Hermine spürte seine Unsicherheit und seine Zerrissenheit zwischen Überlegenheit und Furcht. Sie antwortete nicht.
Seine Augen blitzten siegessicher auf. „Sind dir die Worte im Hals stecken geblieben? Wo ist jetzt deine Überheblichkeit?“
„Mit vier starken Begleitern im Rücken ist leicht reden, nicht wahr, Draco? Fünf gegen einen, sehr fair. Aber das war Voldemort ja schon immer.“ Ihre Stimme troff vor Hohn.
Er hob die Hand, ganz so als wolle er zuschlagen. Hermine zuckte zurück. Im letzten Moment besann sich Draco eines Besseren. Er ließ die Hand sinken und stieß sie grob vor sich her, quer durch den Laden. Seine Hand umfasste hart ihren Arm. Auf der Straße zerrte er sie roh mit sich.
„Jetzt wirst du machen was ich will, Granger!“
Er zog sie unsanft hinter sich her. Hermine ließ sich ohne Widerstand führen.
Bis zur Nockturngasse gingen sie. In einem schmutzigen Hinterhof blieben sie stehen.
Draco sah sich vorsichtig um. Dann berührte er seinen linken Unterarm und schloss die Augen. Dann umfasste seine Hand ihre Schulter.
Hermine schloss für einen Moment die Augen und wurde mitgerissen. Im nächsten Augenblick fanden sie sich in einem hohen Saal wieder.
Hermine blinzelte. Unzählige Fackeln an den Wänden erleuchteten das kahle dunkle Gemäuer. Rußgeschwärzt waren die Wände. Ein riesiger Kerzenleuchter hing schwer von der Decke und sandte strahlendes Licht in den weiten Raum.
Trotz der Helligkeit war es zugig und kalt.
Hermine sah sich unter gesenkten Lidern vorsichtig um. Unzählige Menschen waren versammelt. Ein großer Mann ragte aus ihrer Mitte heraus. Als er ihrer gewahr wurde, kam er mit wehendem Umhang auf sie zu. Mühelos teilte er die Menschenmenge und blieb vor Hermine und ihren fünf Begleitern stehen.
Seine kalten roten Augen blitzten grausam auf.
„Hast du mir also ein Geschenk mitgebracht, Draco?“, fragte er mit einer Stimme, deren Timbre so gefühllos war, dass es Hermine das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie wollte tapfer sein, doch die Furcht überwältigte sie mit einem Mal. Ihre Knie wurden weich. Sie musste allen Mut zusammennehmen, um nicht zu wanken.
„Ja, mein Lord“, sagte Draco stolz und senkte ehrfurchtsvoll das Haupt. „Wie Ihr es mir aufgetragen habt.“
Voldemort nickte herablassend und trat an sie heran.
„Du bist also das Schlammblut, dem Harry Potter am meisten vertraut.“
Er musterte Hermine mit eisigem Blick.
Hermine senkte die Lider.
„Sieh mich an, Mädchen“, sagte er sanft.
Hermine bewegte sich nicht.
Sie hörte sein leises Lachen.
„Willst du mir nicht gehorchen?“
Er hob die Rechte und Hermines Kopf wurde mit einer Macht, die sie selbst nicht mehr steuern konnte Voldemorts Gesicht entgegen gehoben.
Ihre Blicke kreuzten sich.
Hermine war wie erstarrt. Ein Gefühl als könne er ihr bis auf den Grund der Seele sehen. Seinem Gesicht fehlte jeglich Menschliches; kalte rote Augen in einem schlangenähnlichen Antlitz, der Mund mit schmalen Lippen, die sich zu einem gefühllosen Lächeln verzogen hatten.
„Du wirst uns viel zu erzählen haben“, flüsterte er ihr zu. „Ich weiß jemanden, der sich brennend danach sehnt, mein Vertrauen wiederzuerlangen“, er hielt kurz inne und sah ihr tief in die Augen. „Ich glaube, du kennst ihn. Er ist lange in Askaban gewesen. Dank Dumbledore...“ Er lachte schallend. „…Dumbledore.“
Die Anwesenden hielten den Atem an.
Voldemort wandte sich belustigt um und sah in die Reihen seiner Todesser.
„Lucius!“, rief er laut.
Hermine stockte der Atem. Lucius Malfoy trat arrogant aus den Reihen seiner Gefährten in den Kreis, der sich unmerklich um Voldemort und Hermine gebildet hatte.
„Mein Lord“, sagte er und neigte leicht das Haupt. Sein Gesicht war schmaler geworden und um einen Schein blasser als sonst. Die Entbehrungen, die er in Askaban hatte erleiden müssen waren nicht gänzlich spurlos an ihm vorüber gegangen. Und dennoch war seine Erscheinung elegant und selbstgefällig wie eh und je.
Voldemort sah kühl auf ihn hinab.
„Dieses Mal wirst du mich nicht enttäuschen, nicht wahr?“, seine Stimme klang drohend.
„Nie wieder“, Malfoy hob den Blick, „ich werde Eure Befehle zu Eurer vollsten Zufriedenheit ausführen.“
Voldemort lächelte belustigt.
„Ja, das weiß ich“, sein Blick streifte nur für einen flüchtigen Moment Hermine und ruhte dann wieder versonnen auf Draco.
„Bring sie weg!“, sagte er leise und wandte sich ab.
Draco Malfoy umfasste hart Hermines Arm. Wütend entriss sie sich seinem Griff.
„Fass mich nicht an, Malfoy!“, fauchte sie.
Voldemort wandte den Kopf und lachte.
„Zähme die Wildkatze, Draco“, flötete er und beugte sich zu ihm hin, „sonst zerkratzt sie dir dein hübsches Gesicht!“
Die es in seiner Nähe gehört hatten begannen laut zu Lachen.
Draco errötete bis unter den Haaransatz und stieß Hermine wütend in den Rücken. Dann ergriff er hart ihr Handgelenk und schleuderte sie Richtung Ausgang. Hermine ging mit stolz erhobenem Haupt und doch mit zitternden Knien vor ihm her.
Mit lautem Donnern fiel die schwere Tür ins Schloss.
Dunkle Augen sahen ihnen nach.
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