Bittersweet memories - Forgotten, not lost - Wenn der Wind sich dreht
von yantara
Ähm, ja … hallo erst mal …? *sich ganz vorsichtig in den Raum rein traut*
Ich hoffe, ihr wisst noch ungefähr wer ich bin – oder wenigstens worum’s in der Story ging. Ist ja doch schon etwas länger jetzt her. *nervös lacht*
Ok, es tut mir Leid. Ja, ich war faul. Ja, ich hab mich gedrückt und war mit Ausreden nicht sparsam. U_U“ Aber mir ist es auch noch nie so schwer gefallen, ein einziges Kapitel zu schreiben. Das hier war echte Folter gewesen!
Zwischendurch hatte ich dann neben der Uni mit ein paar Schreibblockaden zu kämpfen, dass ich schon dachte, das krieg ich nie hin. T-T
Na ja, aber jetzt ist der Misthauf… äh, das Kapitel heute morgen um halb sechs fertig geworden. Und ich will auch keinen Tag länger mehr daran arbeiten – was bestimmt ebenso wenig bringen würde (sehr, sehr wenig T-T). Also, dacht ich mir, lädste das Chap noch schnell hoch, bevor’s morgen in den Urlaub geht. ;-) Noch zwei Wochen länger wollte ich euch schließlich nicht warten lassen.
So, genug gequasselt. Vorwörter nerven eh nur.
Ich entschuldige mich wieder mal für die Rekordverspätung dieses Kapitels (und dass ich euch DAS da unten überhaupt jetzt antue) und kann nur Besserung geloben! Vielleicht tröstet euch, dass das nächste Chap (ein Remus-Kapitel) schon in seiner ersten Version steht, und auch Kapitel 20 von mir schon durchgeplant wurde (dürfte äußerst lang werden). Ich hab also schon an mir gearbeitet. =)
Und nun, viel Spaß bei 40 Seiten Lesestoff! (Hoffentlich habt ihr mehr Freude daran als ich. ;-) )
Vlg, die yanni
P.S. Ich bedanke mich wieder herzlichst bei allen Kommi-Schreibern (auch die, die mich angetrieben haben ^^). Das war mir im Kreativen-Loch immer ein guter Ansporn! =) Leider hab ich die Antworten jetzt nicht mehr vor dem Urlaub alle zusammenbekommen – ich werd sie aber auf jeden Fall noch nachliefern!
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Kapitel 18 - Wenn der Wind sich dreht
„Veränderung ist das, was die Leute am meisten fürchten.“
Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881), einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller
Er war blöd. Einfach nur blöd. So blöd, dass es wehtat. Aber selbstverständlich würde Sirius Black das niemals offen zugeben. Nur - WIE ZUM DEMENTOR SOLLTE DAS FUNKTIONIEREN?!
Er hasste sie. Verabscheute sie. Konnte ihre bloße Präsenz auf den Tod nicht ausstehen. Und nun sollte er sie verführen?
Sirius rieb sich mit dem rechten Handballen die Augen, der Bagel in seiner Linken wurde arg zusammengematscht. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?
Es gab keine andere Frage, über die er seit dem Erwachen am Morgen nachdachte hatte. Gestern hatte der Alkohol ihn noch in einer positiven Sieges-Stimmung gewiegt - der darauffolgende schwache Kater am Morgen bestrafte ihn dafür nun mit einem Sturz in die verzweifelnde Negativ-Phase.
Aber er durfte auf keinen Fall einen Rückzieher machen! Schließlich ging es hier um seine männliche Ehre - und noch weit mehr: es galt, eine Wette gegen Bellatrix Black zu gewinnen.
Ich bin kein Versager!, schoss es Sirius eisern und wiederholt durch den Kopf. Sein Blick heftete am Slytherin-Tisch.
Zu oft hatte er sich so was anhören müssen … Er würde in keinem Fall einen Rückzieher machen und in jedem Fall gewinnen!
Der Gryffindor nahm einen herzhaften Biss von seinem Orangen-Marmelade-Nougatcreme-Bagel. Mmh, seine Spezialmischung war einfach unschlagbar! Sofort besserte sich Sirius' Laune um hundert Prozent. Er musste das ganze positiv sehen! Er würde zwei Fliegen mit einem Besen schlagen: Bellatrix besiegen und sie demütigen!
Oh ja, warum hatte er das nicht gleich erkannt? Das war die perfekte Gelegenheit! Sirius grinste diabolisch. Kein Mädchen konnte ihm widerstehen. Er würde sich an sie ranmachen, ihr eiskaltes Herz zum Schmelzen bringen und sie anschließend, ohne mit der Wimper zu zucken, wieder fallen lassen. Dann hätte er's dem Miststück ein für alle Mal gegeben!
Diesmal wirst du gebrochen!
Eine Hand wedelte plötzlich hektisch vor seinem Gesicht herum und holte Sirius Black zurück in die laufende Realität, weg von seinen schönen Vorstellungen über ein tränenfeuchtes Gesicht, direkt hinein ins Mittagessen am Gryffindor-Tisch.
„Hey, was lächelst du denn so sadistisch vor dich hin?“
James Potter. Ein breites Grinsen prangte in seinem Gesicht. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber Sirius hätte nicht bemerkt, dass sein Freund es seit heute Morgen einmal abgelegt hätte.
Verpennt am frühen Morgen. James rast mit breitem Grinsen ins Bad.
Garibaldi betritt strahlend den Raum. Die optische Mundverbreiterung sitzt perfekt.
Evans und Peterson werden für ein Liebesgedicht von Chadna nach vorne gerufen - die Lippen zittern, aber das Grinsen hält.
Die Nachwirkungen vom Quidditch-Sieg waren jetzt also auch körperlich bei seinem Freund angekommen - der Gesichtsausdruck dürfte sich für mindestens eine Woche dort bei ihm einbetoniert haben … und lief durch Training Gefahr, seinen Aufenthalt noch zu verlängern.
„Du weißt, wenn du wieder eine tolle Idee hast, was wir mit Schniefelus anstellen könnten, hast du als Rumtreiber die Pflicht, es uns mitzuteilen!“, erklärte Krone mit begierigem Glitzern in Richtung Slytherin-Tisch.
„Ich würde ja eher sagen, er hat wieder mal über ein Mädchen getagträumt“, mischte sich Moony ein, ohne die Aufmerksamkeit groß von seinem Buch zu lenken („Gewitzte Techniken aus der Spionage - Behalten Sie auch Ihre Feinde des Alltags im Auge!“ von Ian Bond).
Sirius grinste. Oh, Moony wusste ja gar nicht wie recht er damit hatte! Doch gerade der durfte nichts erfahren … Sein moralischer Freund wäre nur eine mögliche Komplikation. Zum Glück konnte er in diesem Fall auf Krones Verschwiegenheit zählen. Schließlich war er sein bester Freund - und ansonsten könnte James Potter nicht auf Sirius' eigenes Maulhalten über diesen Vertrag zwischen ihm und Roberts vertrauen.
„Hast du Mary etwa schon überwunden, Tatze?“, fragte Wurmschwanz überrascht.
Sirius streckte den Arm aus und legte ihn lässig um seinen um einiges kleineren Freund:
„Ach, Wurmschwanz! Mein Herz heilt so schnell, denn es hat gespürt, dass auch dieses Mädchen wieder nicht die Richtige war! Tja, ich bin eben weiter auf der Suche …“
„Die Richtige für was? Die Besenkammer oder dein Bett?“, fragte Remus Lupin immer noch über sein Buch gebeugt.
Sirius konnte nicht anders: er brach in lautes Gelächter aus.
„Ach, Moony, du durchschaust mich einfach immer!“
Und erneut hatte Remus Lupin nicht den blassesten Schimmer, wie nah er Sirius Blacks neustem unmoralischem Vorhaben gewesen war.
„Vielleicht bist du ja in Wahrheit der Richtige für mich?“, klimperte er aufreizend in Richtung seines lesenden Freundes.
Dieser schaute auf mit einem Blick, der keiner weiteren Worte bedurfte.
„Schon gut!“, lachte Sirius, diesen unwiderrufbaren Gesichtausdruck Remus Lupins fest abspeichernd, um ihn bis in alle Ewigkeit vor Augen zu haben, falls er mal was zu lachen bräuchte. „Ich könnte doch Jamie-Baby niemals sein Herz brechen, in dem ich eine Affäre mit dir beginne!“, rief der Blackspross laut genug, dass Hogwarts-Gerüchteküche monatelang davon würde leben können.
Krone verlor für exakt drei Sekunden sein breites Grinsen und sah ihn mit geschockten übergroßen Augen an, bevor er sich hektisch umsah - nach was auch immer - und schließlich, mit einem erleichterten Seufzer - etwas entdeckt oder nicht entdeckt zu haben -, mit in das Lachen seiner Freunde einstimmte.
Nur Peter Pettigrew guckte leicht bedröppelt und lachte bloß leicht nervös mit. Ironie und Sarkasmus: zwei Dinge, die sein kleiner Freund wohl nie begreifen würde.
Das Essen verlief dennoch fröhlich weiter, wie bei den Rumtreibern eben üblich. Von der Last seiner Sorgen befreit, war Sirius in einer Hochstimmung wie selten. Nichts konnte seine Laune trüben - er war auf dem Weg zum größten Sieg seines Lebens! Entsprechend herzhaft schlug der Gryffindor-Schwarm heute zu, kreierte nebenbei noch drei weitere seiner unschlagbaren Aufstriche (Apfelmus mit Met und einer dünnen Schicht Thunfischcreme war sein neuer Favorit!), und protestierte lautstark als sich seine Freunde nach all zu kurzer Zeit bereits erheben wollten.
„Kumpel, es ist schon eins! Wenn du von deiner Pause noch was haben willst, bevor Gonni über unsere Köpfe herfällt, schließ deine Futterluke mal für ein paar Stunden!“, lachte Krone ihn und seine mampfenden Beschwerden aus.
Moony und Wurmschwanz waren Sirius auch keine Unterstützung. Beide wollten in die Bibliothek: ersterer um - mal wieder - irgendwas nachzuschlagen; zweiter, weil er vermutlich hoffte, dass Moony ihm noch schnell bei der unfertigen Hausaufgabe für ihre gestrenge Verwandlungslehrerin helfen würde. Und sein bester Freund …
„Außerdem muss ich jetzt echt los: die Pflicht ruft“, der Gryffindor reckte sich ein wenig, vermutlich, damit er männlicher wirkte als seine Hühnerbrust bis jetzt den Anschein gegeben hatte. „Roberts verdient nach ihrem großartigen Einsatz gestern einen Besuch! Und als Kapitän werde ich ihr natürlich im Namen der … gesamten Mannschaft danken.“
Krones Augen visierten ihn kurz an, doch bevor Sirius zum Rundumschlag gegen „das Miststück“ ausholen konnte, bremste ihn eine innere Stimme.
Denk an deinen verdammten Plan!
Seine Lippen pressten sich gegeneinander.
Er würde lernen müssen, netter zu Roberts zu sein … es schüttelte ihn innerlich … oder zumindest lernen, so zu tun als ob. Gedankenlesen konnte ja keiner.
Also, schnaubte Sirius nur, zuckte die Schultern und widmete sich erneut seinem Essen zu, statt seinem innerem Drang - seiner Wut - nachzugeben und laut zu erzählen, was er von der Ehrung dieses hinterhältigen Biests hielt.
Seine drei Freunde verabschiedeten sich derweil von ihm; und wenn Moonys Blick auch etwas länger als nötig auf ihm lag, schien sein richtiges Misstrauen noch nicht geweckt. Der Werwolf trottete mit seiner Nase bereits wieder im Buch vergraben davon. Wurmschwanz immer an seinen Fersen.
Er musste aufpassen, nicht zu auffällig zu werden. Remus Lupin könnte ansonsten ein Risiko für sein Vorhaben darstellen, das er nicht eingehen wollte. Und ein Problem war er auch so schon.
Sirius kaute bedächtig auf seinem Sandwich, während er weiter überlegte, Pläne ausarbeitete, seine nächsten Schritte bedachte.
Er musste die Sache vorsichtig angehen - und vor allem langsamer als ihm lieb war. Wollte er doch eigentlich schnell alles hinter sich bringen. Aber anfangen war generell so eine Sache … Was war nur die beste Methode, sich dem Miststück unauffällig zu nähern?
Plötzlich hallte James Potters Stimme wieder in seinem Kopf und Sirius Black hatte die Idee, wie er dem ganzen Vorhaben einen Anfang setzten könnte.
~*~*~*~
Mel blinzelte. Helligkeit stach ihr ins Auge. Irgendwie war alles um sie herum so … weiß. Seit wann war der Schlafsaal denn weiß? Und wer in Merlins Namen hatte es gewagt, ihre Vorhänge zu öffnen?
Bestimmt Lily.
Na, die konnte was erleben! Urgh, Mel hasste zu viel Licht am Morgen, dass sie zum Aufstehen foltern wollte. Aber das könnte daran liegen, dass sie generell morgens alles hasste.
Hm, wie spät war es überhaupt?
Komisch …, dachte Mel diffus in ihrer Schläfrigkeit.
Sollte da nicht, was sein …?
Wie vom Basilisken gebissen, richtete sich die blonde Gryffindor auf: natürlich sollte da was sein! Sie hörte ihren verdammten Wecker nicht!
Schmerz schoss im gleichen Moment durch den Körper des Mädchens; in Mels Kopf pochte es wie nach einem Rock-Konzert, das direkt neben ihrem Bett stattgefunden hatte.
„Scheiße!“, fasste sie sich stöhnend an den Kopf.
Was ist denn nur los?
Als Melody Roberts sich daraufhin endlich ein bisschen weniger verschlafen die Welt um sie herum besah, erhielt sie ihre Antwort: Sie war im Krankenflügel. Wo es keine dunkelroten, lichtundurchlässigen Vorhänge gab, keine laut vor sich hintickenden Wecker und erst recht keine Lily Evans, die in irgendeiner Weise wieder meinte, ihr Leben tangieren zu müssen.
Was war nur gleich passiert, dass sie hier gelandet war? Mel rieb sich den pochenden Schädel. Irgendwas mit Slytherins … Ach ja. Das Spiel … ein dummer Schnatz … Dumm und Dümmer Black, die ihr auf den Reisigzweig gingen … Klatscher aus dem Nichts … der Sturzflug … Es prasselte alles wieder auf sie ein, bis nichts als bewusstlose Schwärze zurückblieb.
Dann hab ich Potter wohl wieder mal zu danken, ging es Mel sarkastisch durch ihre momentane Matschbirne. Jetzt bringt mich sein Erpresser-Verhalten schon in den Krankenflügel!
Mel überging in diesem Fall einfach ihre persönliche Selbstverschuldung - oder was für einen berauschenden Adrenalinstoß ihre kleine ?Hals- und Beinbruch'-Aktion ihr verpasst hatte …
Wohin verhilft mir Potter nach dem nächsten Spiel - einen Sarg? … oder müssen sie mich da schon in einzelnen Tüten vom Feld tragen?
Na ja, war ja jetzt auch egal. Mel empfand es als viel wichtiger, wie sie jetzt wieder hier rauskam aus dieser Anstalt, als über ihren bevorstehenden Tod durch des Quidditch' größten Fan nachzudenken. Wie lang war sie überhaupt im geistigen Knock-out gewesen?
Rasch wanderten Mels blaue Augen im Saal hin und her, nahmen ihn ganz genau unter die Lupe. Sie war augenscheinlich allein. Keine weiteren Gäste, kein Besuch - Wer sollte auch schon kommen …? - und das wichtigste: keine Madam Pomfrey weit und breit zu sehen!
Prompt schwang Mel die wackligen Beine aus dem Bett. Die sofort ?aufjubelnden' Schmerzen mit zusammengebissenen Zähnen ertragend und den leichten Schwindel als bloß vorübergehend beiseite schiebend, tapste die Gryffindor im leeren Saal umher auf der Suche nach brauchbaren Klamotten. So konnte sie ja schlecht gehen, in diesem krank machenden Weiß ihres Patienten-Nachthemds, dass Madame Pomfrey ihr während der geistigen Abwesenheit wohl übergezogen haben musste. Black würde ewig hämisch frohlocken, wenn er auch nur Wind davon bekäme.
Gerade erblickte sie erleichtert ihren Zauberstab samt einem gefalteten Bündel Klamotten, das sogar ihre eigenen waren, als …
„Also, so was! Was fällt Ihnen eigentlich ein?!“
Madam Pomfrey eilte aus der Tür ihres Arbeitsbereiches, eine große bauchige Flasche braunen Glases in der Hand umklammert.
„Marsch zurück ins Bett mit Ihnen, Miss Roberts!“, kommandierte die Gebieterin des Krankenflügels und half mit sanftem Druck sogleich nach, als Mel sich anscheinend nicht schnell genug bewegte. Das zum Thema „Flucht“ …
So - ein - Mist!, ging es der Blonden säuerlich durch den Kopf.
Wenn das so weiter ging, würde sie bestimmt nicht vor drei Tagen aus dieser „Anstalt“ entkommen können, nicht bei dieser überwachsamen Fürsorglichkeit.
Sobald genannte Aufpasserin ihren Körper mithilfe der Decke erst mal hermetisch von jedem Molekül Luft abgegrenzt hatte, hielt sie ihr eine Strafpredigt über ihr „wahnsinniges Verhalten“ und die sowieso viel zu hohen Risiken dieses „Mördersports“, den sie ausübte („Dumbledore wird schon sehen: eines Tages stirbt noch eins von euch armen kleine Dingern, weil ich es nicht mehr zusammen zaubern konnte!“).
Sehe ich so aus, als würde ich diesen Mördersport freiwillig ausüben?
Sofort hatte Mel Potters grinsende Frontansicht vor Augen. Sollt sie doch ihm was vorzetern, dass sie diesen Mördersport ausübte. Ausüben musste.
Mel hörte ihr eh nicht zu, ihre Ohren hatten sich wie automatisch auf Durchzug gestellt. Stattdessen starrte sie gelangweilt ihre klinisch weiße Decke an, während Madam Pomfrey weiter Vorträge über Gesundheit und Risikosportarten hielt.
Da sprang Mel plötzlich etwas ins Auge, was sie aus ihrer Lethargie riss. Ihre Decke war nicht so schneeweiß, wie sie zuvor gedacht hatte … Sie nahm etwas zwischen ihre Fingerspitzen: ein Haar. Eigentlich nichts Ungewöhnliches - doch war es rot. Und Mel kannte nur wenige Rothaarige in Hogwarts, und noch weniger, die sich freiwillig ihrem Bett nähern würden.
Sie konnte es einfach nicht lassen, oder?
Warum musst du alles immer verkomplizieren?, schoss es Mel beinah wütend durch den Kopf.
„Miss Roberts, wissen Sie überhaupt, wie viele Quidditchverletzungen ich mir schon ansehen musste?!“
Für einen Moment dachte Mel, die Frau hätte ihre fehlende Begeisterung für langes Gezeter von Heilerinnen bemerkt - aber falscher Alarm.
„Der Tag wird kommen, da werde ich Albus Dumbledore schon noch überzeugen, diesen Sport wenigstens an Hogwarts abzuschaffen, damit dieser Ort ein sicherer Ort für Kinder wie sie wird!“
Die Frau hatte bloß den sentimentalen Teil ihrer Rede erreicht. Mel atmete langsam ein.
Als Madam Pomfrey zwanzig Minuten später auch schon tatsächlich fertig war, zwang sie ihr zum Abschluss netterweise noch etwas aus der mitgebrachten Flasche hinunter. Sofort spuckte die Gryffindor einen Teil der nach Kreide und ranziger Butter schmeckenden Medizin wieder aus, der Rest brannte sich seinen Weg über ihre Speiseröhre zum Magen. Merlin, sie hasste Zaubertränke - in jeder Form!
Bei Madam Pomfrey - auf der Mels Spuckattacke gewisse Spuren hinterlassen hatte - machte sie das wohl kaum beliebter. Die Krankenschwester verließ sie nicht gerade freundliche Komplimente murmelnd.
Immerhin waren die pochenden Schmerzen ihres Körpers nun weg. Normal war Mel ja dafür, solche Sachen auszuhalten, denn dafür war Schmerz ihrer Meinung nach da: die Erinnerung an einen Fehler. Oder gewaltige Blödheit.
Jetzt gerade hingegen erwies sich diese Schmerzfreiheit als enorm praktisch, würde es ihre Chancen doch beträchtlich erhöhen.
Mel schwang sich erneut aus ihrem Bett, die Freiheit vor Augen. Sie wollte bloß raus aus diesem Laden, hatte keine Zeit so lang auszuruhen. Start für Flucht, die Zweite!
~*~*~*~
Mit eindeutig überspannter Backenhaltung lief James Potter zum Krankenflügel, die Brust ein wenig mehr als sonst rausgestreckt. Warum auch nicht? Jeder, an dem er vorbeikam - Slytherins wie immer ausgenommen - warfen ihm anerkennende Blicke zu. Über Nacht war James Potters Ruhm die Stufen des Erfolgs weiter empor geklettert. Und er genoss es.
Gerade erst schüchtern von einer Drittklässlerin gegrüßt, stieß er voller Elan die Tür zu seinem Ziel auf:
„ Einen wunderschönen Guten Tag, Madam …“, James brach abrupt ab.
Denn zu seiner eigenen Fassungslosigkeit war die Schulheilerin ungewöhnlicherweise nicht in ihrem Arbeitsbereich vorhanden. Und was auf den siegereichen Quidditchkapitän noch viel verstörender wirkte: seine Sucherin ebenfalls nicht.
James wuschelte sich unbewusst durch sein Strubbelhaar. Hatte die nicht scheintot im Bett zu liegen? Umgeben von einer Heilerin, die jeden, der sich ihr auf drei Metern nähern wollte, wütend verscheuchte?
„Hallo, Madam Pomfrey, ich …“, James drehte sich verwundert zur Tür um.
Isabella Cruz. Der Quidditchkapitän hatte gar nicht mitbekommen, dass sie wieder da war.
„Oh! Hi, äh James!“, kam es rasch hervor.
Ihr Gesicht erhellte sich wie ein zu schnell stattfindender Sonnenaufgang.
„Hey, Cruz! Ähm … gut, dass du wieder da bist!“, setzte James hinzu, als ihm nichts Besseres einfiel.
Normal war es nicht schwer mit seiner Mitschülerin zu reden oder gar in ein Gespräch zu kommen. Zwar hatten sie nicht viel miteinander zu tun, mal abgesehen von Slughorns kleinem Projekt, aber das Mädchen redete ja schon von Natur aus sehr viel. Mehr als James - das sollte was heißen!
„Wirklich? Wieso?“, fragte ein Paar irritierte großer Augen.
Upps! Jetzt musste er sich aber was einfallen lassen …
„Na ja, … weil, ähm …“ Gott, warum sollte er überglücklich sein, dass Cruz wieder da war?!
Weil es Evans glücklicher macht, sendete ihm sein Kopf als erste Antwort, zusammen mit dem Bildnis eines schönen rothaarigen Mädchens.
Ok, vielleicht nicht die beste aller Antworten, aber …
„Weil Evans und Gallagher ohne dich total schlecht drauf sind!“
Na, passte doch! James' Grinsen kehrte zurück.
„Echt, die waren meistens so miesepetrig und zickig, das ging auf keine Drachenhaut! Du machst sie fröhlicher, irgendwie.“
Es klappte. Das kleine Mädchen kicherte, anscheinend belustigt von dieser Vorstellung.
„Oh ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen!“, plapperte sie auch schon erheitert drauf los. „Die beiden sind immer viel zu ernst und wollen dauernd lernen - dabei ist das doch so langweilig! Die wissen gar nicht allein wie man Spaß hat. Wenn wenigstens Lily sich nicht so anstellen würde …“, sie machte ausladende Bewegungen mit ihren Armen, „ihr würdet nämlich echt gut zusammenpassen! Aber nein, jetzt hat sie ja diesen Langweiler-Typen aus Ravenclaw, der ihr dauernd Nachhilfe gibt-“
„Moment mal, Peterson tut was?!“, unterbrach James. Seine Siegesstimmung war plötzlich verraucht.
„Na, er gibt ihr Nachhilfe“, wiederholte die Spanierin gedehnt und gluckste ein wenig dabei. „Schon seit September. Lily erzählt natürlich, sie bräuchte das, weil sie ja so schlecht sei, aber ich hab gesehen, wie sie an ihren Haaren rumfummelt, bevor sie dorthin geht. Als ob die nur lernen würden!“
Nun war James' gesamtes Nach-Quidditch-High verschwunden wie ein Schnatz im Nebel. Peterson gab Evans Nachhilfe. Peterson, der Schleimbrocken, gab der unschuldigen Lily Evans Nachhilfe. Aber worin gab er ihr Nachhilfe? James wollte es sich gar nicht vorstellen, aber schon überfielen ihn Bilder … nicht sehr schöne Bilder. Bilder aus Alpträumen.
„… also, ich kann sie ja wirklich nicht verstehen! Ich mein, ich würd dich sofort nehmen, James!“
James schaute verwirrt, worüber sie gerade redete. Er hatte ihr überhaupt nicht zugehört, sondern eine rothaarige Schönheit und Ravenclaws Schleimbrocken vor seinem geistigen Auge im Vertrauensschülerbad gesehen. Oder hinter dunklen Bibliotheksregalen. Oder … Es kicherte mädchenhaft vor ihm auf.
„Oha, dich hat's aber wirklich schwer erwischt!“
James guckte noch verwirrter. Im Moment konnte er sich auf ihre Worte keinen Reim machen, zu sehr war sein Hirn damit beschäftigt, ihm grausige Bilder zu zeigen, die lustige Dinge mit James' Magen anstellten.
„Was machst du eigentlich hier?“, lenkte er deshalb ungeschickt vom Thema ab.
Ein nervöser Schatten zuckte über ihr Gesicht …
„Ich … ähm, ich wollte …“, sie hopste von einem Bein aufs andere.
„Du wolltest doch nicht etwa auch Roberts besuchen, oder?“
Bevor James eine Antwort erhalten konnte, wurden die Flügeltüren aufgerissen und … Chadna stürmte herein?
~*~*~*~
Mel schnaufte. Das Quietschen und Klackern wurde nicht leiser. Sie legte noch einen Zahn zu - jetzt wurde es ihr fast schwummerig vor den Augen, die Seite schmerzte ihr höllisch. Aber trotz aller Mühe: der Abstand zwischen ihr und den federnden Schritten wurde einfach nicht größer.
Hatte man Mel nicht noch vorhin lang und breit erklärt, wie gefährlich Sport in jeder Variation sei? Warum hatte sie dann jetzt das Gefühl, dass diese dauerbesorgte Heilerin sich nicht an ihre eigenen Regeln hielt?
So eine Ausdauer kann einfach nicht normal sein!, dachte Mel schwerfällig, während ihr Atem nur keuchend ging.
Oder rannte sie häufiger hinter flüchtenden Patienten her? Und dabei hatte Mel geglaubt, dass ihr Ausbruch vorhin eine Premiere für Hogwarts gewesen wäre - zumindest unter der Herrschaft dieser Heilerin. Aber sie hatte ja auch geglaubt, dass mit ihrem Entkommen des Krankenflügels die Sache geritzt gewesen wäre - jetzt hechelte sie hier durch die Gänge.
Und wenn nicht bald ein Wunder geschehen würde, war sich Melody Roberts ziemlich sicher, heute Abend Madam Pomfreys zweiten medizinischen Vortrag über sich ergehen lassen zu müssen. Ach, und bevor sie rauskam, würde Hagrid bereits die Weihnachtsbäume aufgestellt haben.
Wunder, wo bleibst du verdammt?!, fluchte Mel innerlich zu allem was heilig war. Jetzt wär nur echt mal der passende Zeitpunkt, um mich von deiner Existenz zu überzeugen …
Mel bog schlitternd um die nächste Ecke ab … Rumms! Mels Flucht wurde urplötzlich durch einen harten Gegenstand behindert. Ein Gegenstand, der sprechen und sogar fluchen konnte …
„Verdammt!“
Warum war es eigentlich nicht möglich, dass sie mal schwungvoll in eine Ritterrüstung reinlief oder gegen eine Wand knallte - einfach nur irgendwas Sympathischeres vielleicht?
„Roberts“, Black stand wieder und rieb sich den scheinbar schmerzenden Oberschenkel, „sag mal, bist du in Wahrheit blind oder Â-“ Abrupt brach er ab und … starrte sie mit zusammengespressten Lippen an?
Mel konnte sich auf sein Verhalten keinen Reim machen. Sie hatte nicht mal Zeit für einen ?netten' Kommentar. Die Schritte, die sie für Momente vergessen hatte, waren nämlich plötzlich äußerst nah. Viel zu nah.
„Miss Roberts, ich weiß, dass Sie hier irgendwo sind! So schnell gebe ich nicht auf, Sie brauchen unbedingt weiter heilmagische Versorgung!“
Mel geriet in leichte Panik: Sie wollte verdammt noch mal nicht zurück in diesen klinisch reinen Krankenflügel! Und auch wenn sie wusste, dass sie nicht mehr weit kommen würde, hielt sie das in diesem Moment nicht davon ab, es trotzdem zu versuchen.
Die Gryffindor kam keine zwei Schritte. Ein ziemlich starker Arm packte sie, zog sie Richtung Wand. Mel wollte Black noch anzischen, dass sie für seinen Scheiß jetzt keine Zeit hätte - da war sie plötzlich sehr still. Um sie herum war es schlagartig dunkel geworden, kein einziger Lichtstrahl half ihren Augen sich zu orientieren. Doch ihre Ohren hörten Stimmen, fast so deutlich als würde sie direkt daneben stehen.
„Roberts? Nö, Madam Pomfrey, die hab ich nicht gesehen.“
Mel tastete sich langsam und leise mit ihren Händen vor, während ihr Hirn über die erhaltene Information gleichzeitig auf Hochtouren lief: Black log für sie - warum?
„Wirklich? Ich war mir doch äußerst sicher, sie in diese Richtung laufen zu hören!“
Ihre Finger berührten etwas Weiches … ein Wandteppich! Natürlich, Mel erinnerte sich schwach, dass da etwas an der Wand des Flurs gehangen hatte. Und selbstverständlich kannte ein Rumtreiber wie Black alle Verstecke und Gänge dieses Schlosses. Nur, warum verhalf er gerade ihr zur Flucht?!
„Vielleicht hat sie sich ja irgendwo versteckt?“, erklang Blacks Stimme unschuldig vemutend zu ihrem Ohr hinter dem Wandteppich. Mels Körper spannte sich an. War doch klar, er tat das nur, damit er sie Madam Pomfrey jetzt wie zufällig auf einem Extra-Präsentierteller überreichen konnte - eine Sonder-Demütigung sozusagen!
„Wissen Sie, Roberts verkrümelt sich gern mal in dunklen Ecken. Wenn da irgendwo ein alter Schrank stand, würde ich dort mal nachschauen, Staub und Dreck machen der nichts aus!“
Mel hatte bildlich vor Augen, wie Black die Heilerin mit dem hämischsten Unschuldsblick anschaute, den ein Mensch vollbringen konnte.
Typisch Black!
Ein Blödmann blieb eben immer ein Arschloch. Und das bloß, weil sie sich einmal unter dem schmutzigen Ding versteckt hatte, das er „Bett“ nannte.
„Dieses Mädchen!“, schimpfte die Pomfrey. „Aber ich habe keine Zeit mich nur um eine Patientin zu kümmern - wenn sie meine Versorgung nicht will …“, die Heilerin klang jetzt richtig verschnupft, „… ich habe auch noch andere Patienten, die mich brauchen. Professor Dumbledore wird dennoch davon zu hören bekommen!“
Es zuckte um Mels Lippen.
„Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, Mr Black, aber ich kann meine Station nicht länger unbeaufsichtigt lassen!“
Merlin, die Frau übertrieb aber auch alles … Mel machte sich dennoch eine mentale Notiz, demnächst einen größeren Bogen um diesen Bereich des Schlosses zu machen.
Plötzlich blendete sie Licht.
„Na, Roberts? Schon Angst bekommen dort im Dunkeln?“
Mel brauchte nicht richtig sehen zu können, sie wusste auch so, dass momentan ein großes Grinsen in seinem ach-so-schönen Gesicht klebte.
„Black, nur weil du dir allein im Dunkeln vermutlich in die Hosen scheißen würdest, gilt das noch lange nicht für alle anderen Menschen. Die meisten wachsen da raus - aber vielleicht ist das ja das andere neben deinem Hirn, das nicht gewachsen ist!“
Mels Sehkraft wurde mit jeder Sekunde besser. Nun sah sie Black deutlich vor sich - sah, dass ihm ihr letzter Kommentar wohl nicht ganz gefallen hatte. Überhaupt gar nicht gefallen hatte.
Die Gryffindor hätte gesagt, er würde sich jeden Moment auf sie stürzen und eine Prügelei anfangen - wenn er nicht auf einmal diese merkwürdige 180° Wendung mit seinem Gesicht demonstriert hätte. Und wirkte sein Lächeln anfangs noch gequält, so wurde es mit jedem Wort selbstsicherer:
„Ach, Roberts, an deiner Stelle würde ich mich heute ja nicht so aufspielen! Schließlich kann ich immer noch ganz schnell dafür sorgen, dass du dorthin zurückwandert, wovor du eben weggerannt bist. Und das würde dir bestimmt nicht schmecken, oder?“
„Und Madam Pomfrey würde es bestimmt nicht schmecken, dass du mich keine drei Meter von ihr versteckt hattest!“, erwiderte Mel uneingeschüchtert.
Doch Black ließ Gesagtes nur intensiver lächeln:
„So? Und das würde natürlich jeder glauben, dass ich nichts Besseres zu tun hab, als gerade dich zu verstecken?“
Mel öffnete den Mund, aber es kam kein Laut raus. Sie wusste zur Abwechslung tatsächlich nichts zu sagen.
„Tja, wie's aussieht hab ich dir da also ziemlich nett aus der Patsche geholfen - und kann es immer noch rückgängig machen.“
Mels Braue hob sich leicht an. Blacks Gesicht schien jeden Ausdruck bis auf ?Grinsen' vergessen zu haben.
„Ich würde sogar sagen, ich habe dir einen Gefallen getan - und nun schuldest du mir einen.“
„Vergiss es, Black!“, kam es alsgleich aus Mels Mund geschossen.
Black zuckte darauf nur unbekümmert die Schultern:
„Wie du meinst! Ich hab kein Problem damit, mein Nett-sein dir gegenüber wieder rückgängig zu machen.“
„Arschloch!“, zischte Mel wie von selbst.
„Für dich doch immer wieder gern, Roberts!“ Herrmerlin, selbst seine Augen schienen grinsen zu können!
Er drehte sich um, ging los. Ein Meter … zwei … drei ...
„Na, schön, Black! Was willst du?!“
Er und Potter waren definitiv aus demselben Holz! Im Erpressen machte jedenfalls keiner dem anderen was vor.
Mit einem siegreichen Lächeln auf seinen Zügen drehte sich Sirius Black wieder zu ihr um. Seine Augen funkelten in einer Weise, dass sich Mels Magen sehr unwohl fühlte. Er reichte ihr seine Hand - sie sollte einschlagen auf den Handel. Die Gryffindor ließ sich gewaltig Zeit dafür.
Eine Abmachung mit Black … das war ja noch schlimmer als zehn Verträge mit Potter!
Aber was für eine andere Wahl hatte sie? In den Krankenflügel ging sie auf keinen Fall zurück. Einerseits, weil sie ihn verabscheute und andererseits wäre es ihr wie eine Niederlage gegenüber der dort herrschenden Heilerin vorgekommen.
Mel atmete tief ein. Zögerlich machte sich ihre Hand auf den Weg, Blacks Handel zu besiegeln - doch dem ging das anscheinend alles zu langsam. Ihre Fingerspitzen berührten sich kaum, da griff er zu. Plötzlich war Mel ihrem größten Widersacher viel näher als ihr eindeutig lieb war. Warmer Atem streifte ihr Ohr:
„Nichts.“
So steif wie Mel urplötzlich war über Blacks überraschende Tat, brauchte sie eine gefühlte Ewigkeit um seine Botschaft zu verstehen.
„Was?!“, versuchte sie wieder mehr Platz zwischen ihn und sich zu bringen.
Er grinste ihr dreist ins Gesicht:
„Ganz einfach, Roberts: ich will nichts.“
Mel hatte schon stocksauer fünfzehn mögliche Beleidigungen auf der Zunge, als er ihr zuvorkam.
„Noch nichts. Ich komme auf unsere Abmachung zurück, wenn … die Zeit reif ist.“
Mel wäre der Unterkiefer über seine Dreistigkeit runtergeklappt, hätte sie sich nicht dazu angehalten, vor Black niemals das Gesicht zu verlieren. So zuckte es nur wütend darin.
Die Zeit reif ist?!
„Ach, und bevor du überlegst, dich später nicht mehr an deinen schuldigen Gefallen erinnern zu können …“, er hob die Hand, mit der er gerade noch Körperkontakt zu ihr gehabt hatte und ließ geradezu frech daran die Finger wackeln, „vergiss nicht, dass du diese Abmachung mit einem Rumtreiber geschlossen hast.“
Er zwinkerte ihr zu und verschwand mit dem einbetonierten Grinsen in seiner Visage.
... oder: versuch nicht unsere Abmachung zu brechen, sonst könntest du eine böse Überraschung erleben, Roberts!
Wie blöd konnte sie auch nur sein? Mit dem zweiten Rumtreiber einen Handel einzugehen - und ihm dann auch noch fast vertrauensselig die Hand reichen?! Ganz offensichtlich musste ihr Hirn bei dem Sturz gestern Schaden genommen haben.
„Und Black sind scheinbar zwanzig Kessel auf den Kopf gedonnert!“, flüsterte sie unbewusst, bevor sie wütend weiter stapfte.
~*~*~*~
Selten war James ein bizarrerer Anblick untergekommen. Der weiße, säuberliche Krankenflügel der Madam Pomfrey und Chadna, seine kunterbunte Verteidigungslehrerin, an der wirklich alles Ordnung und Klarheit widersprach.
„Oh, meine lieben Kinder!“, fuhr die Lehrerin auf, als sie nach verwirrten mehrmaligem Gucken ihre zwei Schüler endlich bemerkte. „Den großen Geistern sei Dank!“, ging es mit weinerlicher Stimme weiter und plötzlich erlebte James die Premiere seines Lebens: ein Lehrerin umarmte ihn! „Euch geht es gut!“
„Ähm, ja?“, meinte James. „Ist das schlimm?“
Er fühlte sich leicht unbehaglich. Nicht nur weil ein Lehrkörper ihn und Isabella Cruz an sich quetschte, sondern weil Chadna schlichtweg komisch roch. Vielleicht war das ja ihr selbstkreiertes „indisches“ Liebesparfüm …
Plötzlich ließ die Lehrerin beide Schüler wieder los, schaute sich mit eigenartigem Blick um.
„Geht es dir denn gut, Chadna?“, fragte Isabella Cruz und konnte dabei ein kleines Lachen nur schwer unterdrücken.
„Auch hier sind sie!“, rief Angesprochene völlig unpassend darauf aus. James glaubte nicht mal, dass die Lehrerin die vorherige Frage gehört hatte. Dafür hatte er inzwischen zu viel „Unterricht“ bei ihr genossen.
„Die Schwingungen sind überall … dieses Schloss ist negativ geladen! Meine Schwester, mein Bruder“, plötzlich sahen sich die beiden Schüler wieder mit Chadnas merkwürdigen Halb-Realitätsblick konfrontiert, „wir müssen ein Reinigungsritual durchführen. Unbedingt!“
„Äh, und warum?“, fragte James halb lachend. Es war selbst so schwer, sich nicht über die Frau am Boden zu kringeln - auch ohne Tatze nebendran, der schon lauthals nach Luft schnappend auf dem Tisch lag.
„Weil sonst noch Schlimmeres geschehen wird, mein Bruder!“, ergriff sie James' Schultern in höchster Emotionalität. „Und es ist bereits passiert! Unser armer Bruder Figaro musste das Schloss bereits verlassen, so schlecht ging es ihm!“
„Professor Garibaldi ist weg?“, fragte Isabella Cruz schockiert. James konnte das nicht verstehen: in ihm hatte soeben etwas erleichtert aufgeatmet.
„Oh ja, meine Schwester! Die Schwingungen: sie waren es! Ich habe es selbst von der guten Minerva erfahren: er fühlte plötzliches Unwohlsein - und nun finde ich ihn nicht einmal noch hier! Es muss bereits schlimm um ihn stehen … Und nur wir können verhindern, dass unseren anderen Geschwistern noch Schlimmeres widerfährt, die Familie muss gerettet werden!“, rief sie mit Tränen in den Augen.
Eins musste James Moony lassen: die Frau hatte wirklich einen Dachschaden. Aber es war viel lustiger, seit sie in Hogwarts unterrichtete. Dumbledore sollte nur noch solche Verteidigungslehrer einstellen!
„Ich muss gehen, alles für unser Ritual besorgen“, wirbelte die Frau plötzlich herum. Sie ging genauso wirsch wie sie reingeplatzt war, diesmal etwas von Hasenpfoten, vierblättrigen Kleeblättern und Lakritz murmelnd.
„Verrückt“, sagte James - für mehr Anmerkungen blieb ihm schon keine Zeit, denn nun kam endlich Madam Pomfrey durch die Tür geschritten. Ebenfalls Wörter laut vor sich hin murmelnd - allerdings nicht die Freundlichsten …
„Was machen Sie beide denn hier?“, wurden die Teenager sogleich angefahren. „Soll ich mich, um sie kümmern - oder wollen Sie gleich vor mir weglaufen?“
James und seine Mitschülerin tauschten einen verwirrten Blick aus.
„Schon gut, vergessen Sie es!“, meinte die Pomfrey. „Ach ja, Potter, falls Sie wegen Miss Roberts hier sind … nun, sie zieht es allerdings vor, meiner Behandlung zu entflüchten. Also, können Sie auch gleich wieder gehen!“
„Wie?“, fragte James, sich am Kopf kratzend. „Sie ist nicht hier?“ Wieso redeten alle heute so wirr?
„Sagte ich das nicht gerade?!“
Junge, waren der Frau heute Morgen Haare auf den Zähnen gewachsen?
„Sie ist verschwunden, und ich habe nicht Zeit und Muße sie den ganzen Tag in diesem Schloss zu suchen. Aber wenn Sie wollen - vielleicht haben Sie ja mehr Glück!“, endete die Heilerin patzig und gab James das Gefühl, dass seine pure Anwesenheit sehr unerwünscht nun war. Also, klappte er zur Abwechslung den Kiefer zu und eilte rasch der Tür entgegen.
Er hörte die Pomfrey noch fragen „Und was wollen Sie hier, Miss Cruz? Sie sehen mir sehr gesund und lebendig aus …“, aber die Antwort bekam er nicht mehr mit. Die Tür fiel hinter James ins Schloss.
Er hatte andere Sorgen. Was Cruz im Krankenflügel wollte oder ob Garibaldi nun todkrank war, konnte ihm ja egal sein (obwohl er nicht so viel dagegen hätte). Und wenn seine Sucherin wieder mal eine helfende Hand verweigerte, war das nicht verwunderlich, sondern ein gutes Signal - es ging ihr schon sehr viel besser, war also bereit für neue Trainingseinheiten. Die Sache mit Evans und Peterson hingegen …
„Jamie!“
Ein Kichern ertönte hinter seinem Rücken - und es war nicht Isabella Cruz. Dieses hier war noch quietschiger.
Holly kam auf ihn zugestürzt.
„Wo warst du nur? Meine Freundinnen und ich haben dich schon überall gesucht!“
„Ach, ich …“, James blickte ihn Hollys strahlende Augen, die nur ihm galten. „Nichts Besonderes“, streckte der Junge sich, „aber als Quidditchkapitän von Gryffindor hat man eben ständig Pflichten!“ Er legte ungeschickt den Arm um sie, was Holly aber zu gefallen schien, denn sie schmiegte sich noch enger an seinen Körper.
„Ach, Jamie, du bist immer viel zu bescheiden!“
„Ich weiß“, grinste James. Ihm gefiel wie Holly ihn dabei an sah. Sehr sogar.
Nur erwischte er sich wieder dabei, wie Hollys Haare in seiner Vorstellung etwas mehr rot wurden …
Er blinzelte den Gedanken weg und rief sich dafür Tatzes Ratschläge ins Gedächtnis. James musste Geduld haben und dem Plan folgen. Ja, sein Kumpel hatte Recht! Schließlich waren Mädchen sein Spezialgebiet. Sirius Black wusste, wie man jedes noch so schüchterne oder stolze Herz eroberte. James müsste also einfach nur auf ihn hören …
„Sag mal“, begann Sirius Blacks bester Freund langsam, nahm dabei versucht spielerisch eine von Hollys Haarsträhnen zwischen die Finger, „was hattest du denn bis zu Gonnis Paukenschlag noch so vor?“
~*~*~*~
Konzentriert starrte Lily hinauf. Unbewusst landete ihre Unterlippe zwischen ihren Zähnen. Die Brauen fuhren angestrengt zusammen.
Zu hoch …, dachte sie. Obwohl …
Blick nach links und rechts - nein, niemand zu sehen. Ok, demnach könnte sie es wagen.
Gesagt, getan: Schon im nächsten Moment hüpfte Lily Evans, ihres Zeichens Vertrauensschülerin Gryffindors, angestrengt auf und nieder, verzweifelt am versuchen, ein Buch im oberen Drittel des Regals zu erreichen. Hogwarts war einfach nicht für kleine Menschen gemacht!
Natürlich hatte Lily Evans nicht vergessen, wie sie damals Brian Petersons nähere Bekanntschaft geschlossen hatte, nämlich in dem ihr sämtliche Bücher bei einer ähnlichen Aktion auf den Boden gefallen waren - und sie gleich mit. Und dennoch … es war einfach zu peinlich, jemand Größeres in diesem Fall um Hilfe zu bitten. Wie machte das Professor Flitwick nur?
Vermutlich nicht seinen Zauberstab irgendwo liegen lassen!, strafte Lilys Gewissen ihre Vergesslichkeit.
So hüpfte die Gryffindor weiter wie ein kleines Känguru auf und ab, und kam doch nicht näher ran, bis … Ja, bis eine äußerst weiße Hand weit jenseits von Lilys Hemisphäre nach dem Buch griff. Auf einmal sah sich das hilflose Mädchen mit dem dunkelroten Einband direkt vor ihrem Gesicht konfrontiert.
„Da-Danke“, sagte Lily perplex und nahm das Buch an sich.
„Ich brauch es selber. Also, sie zu, dass du heute damit durchkommst“, lautete die kurz angebundene Antwort. Auf ihre freundlichen Worte ging Severus Snape gar nicht erst ein.
Kaum stand er vor ihr, war der hagere Slytherin im schwarzen Gewand auch schon wieder verschwunden, während Lily nur weiterhin verblüfft auf das Buch in ihren Händen schauen konnte.
Da sag noch einer, Slytherins wären alle durch und durch böse!, ging es Lily mit einem Lächeln durch den Kopf.
Sie kannte ja genug Leute, die so etwas behaupteten. Allen voran, James Potter. Ein weiterer Grund, warum sie ihn nicht mochte. Er war nicht nur beseelt von lauter Vorurteilen, die er mal gehört hatte - er lebte sie auch offen aus!
Lily holte tief Luft. Sie konnte sich jetzt nicht wieder über diesen kleinen, dummen Jungen aufregen, hatte sowieso geschworen, das nicht mehr zu tun. Denn im Moment gab es wirklich wichtigere Aufgaben zu erledigen. Also begab sich Lily auf den Rückweg zu ihrer Arbeitsstätte - allerdings nur mit mäßiger Vorfreude an diesem Freitag.
Wie sie schon da sitzen …
Selbst auf die Vertrauensschülerin wirkten die beiden wie eine kaum gegensätzlichere Kombination. Auf der einen Seite nervöses Rotieren mit dem Kopf und ein Schwall nie enden wollender Fragen in den Augen - auf der anderen keinerlei Neugier vorhanden, dafür der überdeutliche Missmut bloß dort sein zu müssen.
„Auch wieder da, Evans?“, meckerte Mel dementsprechend gleich drauflos. „Ich hoffe, du musstest dich nicht von deinem Bücherwurm-Freund wegen uns losreißen? Nur zu, wenn Peterson in der Nähe ist: wir können das hier gern bis Nimmermehr verschieben!“
Lilys Wangen wurden warm. Leicht erhitzt knallte sie das Buch auf den Tisch, dass selbst sie zusammenzuckte. Hoffentlich hatte Madam Pince das nicht mitbekommen …
„Noch mal, Brian Peterson ist mein Freund, Roberts“, sagte sie so ruhig und gefasst wie sie nur konnte. „Und wir verschieben gar nichts! Wir haben Arbeit vor uns!“
Mit diesen Worten ließ sich Lily auf ihrem Stuhl zwischen den beiden nieder und die wohl schrecklichste Zaubertrankstunde ihres Lebens nahm ihren Lauf. Wenn Lily bisher nur gewagt hatte zu denken, dass es vielleicht noch miserabler werden könnte, als ihre Einzelstunden mit Mel, lag sie gründlich daneben. Es war eine einzige Katastrophe.
Zuerst stellte Lily ihnen Fragen, um zu testen, ob sie sich auch ausführlich in ihr Thema eingelesen hatten und wie viel sie ihnen noch erklären müsste. Das Ergebnis: null Punkte! Nicht einer von beiden schien sich nur irgendwie mit Liebestränken beschäftigt zu haben. Wo Pettigrew aber noch Reue zeigte und etwas von „keine Zeit“ nuschelte, nahm Mel eine offensive Verweigerungshaltung an. Eine, die klipp und klar sagte: Ist mir egal.
Als Lily daraufhin schon etwas genervt ihre ellenlangen Notizen durchging, musste Pettigrew unbedingt eine Frage nach der anderen stellen; Fragen, die für Lily nicht mal Sinn machten. Doch nicht sie war es, die wirklich gereizt war. Mel schnaubte mit jedem einleitenden „Ähm“ von Pettigrew mehr. Sie hörte sich an wie ein Pferd, dem man nach und nach eine Nadel tiefer in den Allerwertesten bohrte … und irgendwann schien der Punkt erreicht, an dem dieses Pferd hinten ausschlug:
„Verdammt, Pettigrew!“, schnauzte Mel drauf los. „Nein, Armontentia kann dich nicht in einen zweiten Playboy namens Black verwandeln! Er macht einem Liebe nur vor - niemand wird sich wirklich damit in dich verlieben!“
Peter Pettigrew blickte äußerst ertappt, verstummte aber sofort. Lily hatte ja fast befürchtet er würde auf Mels wütende Attacke hin entweder heulen - oder zum ersten Mal in seinem Leben richtig austicken.
Ihre Versuche daraufhin Mel zu einer Entschuldigung zu überreden - nervige Fragerei hin oder her, das war nach Lilys Meinung jetzt eindeutig angebracht -, mussten natürlich gänzlich ins Leere schießen. Mel blieb stur. Jetzt war aus dem Pferd ein bockender Esel geworden.
Und Lily? Lily war wütend. Sehr, sehr wütend auf einmal. Ihre langen und ausführlichen Notizen lagen vor ihr - wie viele Stunden hatte Lily gebraucht, um sie anzufertigen? Der Plan, wo sie schon einzelne Themengebiete und wichtige Punkte eingegrenzt hatte - welche Bücher hatte Lilys alle dafür wälzen müssen? Und zum Schluss der dicke rote Einband: „Knifflige Zaubertränke für den jungen Tränkemeister - Mit Tricks von Trixie Aromata“, Severus hatte ihn Lily extra überlassen … Der Zeitpunkt war gekommen: bei der Gryffindor brannten sämtliche Sicherungen durch.
„Jetzt hört mir mal zu!“ Pettigrews und Mels Blick glichen sich für Momente in ihrem baffen Erstaunen. „Wenn ihr denkt, ich mach dieses Projekt, während ihr euch auf die faule Haut legen könnt, habt ihr euch aber gewaltig getäuscht! Es ist unsere Aufgabe und jeder von uns wird eine Note bekommen! Aber wenn es sein muss, gehe ich auch zu Professor Slughorn und sage ihm die Wahrheit. Durch mich erhält hier keiner ein Ohnegleichen umsonst - ich bin nicht euer Depp!“
Lily sah abwechselnd ihre beiden Schüler an. Aber keiner sagte etwas, muckte gar durch Gesten auf. Selbst Mel schien in Ehrfurcht erstarrt - oder zumindest Überraschtheit. Lily zweifelte, dass sie ersteres wirklich kannte. Doch was wirklich zählte war … Ruhe. Es herrschte wunderbare Ruhe: plötzlich hörten sie Lily zu.
„Also, ich werde jetzt noch einmal meine Notizen durchgehen, und danach verteile ich die Aufgaben bis zum nächsten Treffen. Wenn ihr Fragen habt, dann stellt sie.“ Dabei sah sie Pettigrew wie Mel gleichermaßen mit einem ermutigenden Blick an. „Dafür bin ich schließlich da, dafür ist Professor Slughorns ganzes Projekt da! Ansonsten … können wir anfangen?“
Eineinhalb Stunden später und mit einer viel heiseren Stimme verabschiedete Lily ihre beiden Schüler. Keiner hatte auch nur eine Frage gestellt, obwohl selbst die jeweils angetragenen Aufgaben zum nächsten Mal in ihren Ohren kompliziert klingen mussten. Wunderte Lily das? Nein. Mel würde ihr wohl nie freiwillig eine Frage stellen, dazu war sie viel zu stolz, von irgendwem Hilfe anzunehmen - und Pettigrew hatte inzwischen einfach zu viel Angst davor. Aber trotzdem war die Gryffindor zufrieden: die Katastrophe hatte noch einen halbwegs guten Ausgang gefunden. Lily hatte deutlich gemerkt, dass beide konzentrierter als sonst zugehört hatten. Anscheinend war ihr kleiner Ausraster positiv gewesen … doch fühlte es sich trotzdem schlecht im Nachhinein an, so die Kontrolle verloren zu haben. Ja, Lily schämte sich gar für diesen langen Augenblick, der allein von ihren Gefühlen beherrscht worden war.
Sie hoffte, dass es ab jetzt einfach besser mit ihren beiden Schülern laufen würde. Ja, Hoffnung hatte Lily viel - nur nagten bereits die Zweifel kräftig daran.
Seufzend packte die Gryffindor ihre Sachen zusammen. Es brachte ja alles nichts, erst die Zukunft würde zeigen, wie das Projekt sich entwickeln würde. Nun musste sie erst mal ein Buch wegbringen.
Slytherins saßen alle immer gern in der genau selben Ecke, unter Ihresgleichen. Gingen Fremde auch nur vorbei, wurden sie sogleich misstrauisch beäugt. Lily fand, dass es ihnen vielleicht nur an Vertrauen zu anderen fehlte - nicht wie Potter, der von „systematischer Abkapselung der Dummblütigen“ sprach. Ein absolut ungerechtfertigtes Urteil! Schließlich bewies gerade Severus Snape das Gegenteil. Oft hatte Lily ihren Mitschüler aus Slytherin nun schon an anderen Tischen und Enden der Bibliothek gesehen. Überhaupt war ihr über die Jahre aufgefallen, dass er sich ein wenig anders als seine Hausgenossen benahm: er suchte auch gern mal die Einsamkeit. So wie heute.
Die Gryffindor machte vor seinem Einzeltisch halt:
„Vielen Dank, Severus. Es war wirklich sehr nett von dir, mir das Buch zuerst zu überlassen!“, bedankte sich Lily. Sie legte das Buch auf einem der zahlreichen Stapel seines Arbeitsplatzes ab, die von Titeln wie „Elixiere des Lebens“, „Die vergessene Braukunst der alten Druiden“ oder „Die Magie den Tod zu verkorken“ geschmückt wurden. Gern hätte der Zaubertränke-Fan ihm ein paar Fragen gestellt, die sich ihr bereits auf der Zunge breit machten, aber sie wollte ihn ja nicht noch mehr bei seiner Arbeit stören. Lily spürte deutlich, wie Severus Snape sie nun schon geraume Zeit betrachtete. Wer weiß, wie viel sie und ihr Buch ihn bereits nervten …
„Na, dann … auf Wiedersehen und noch viel Spaß bei deiner Arbeit.“
Lily wollte sich umdrehen und gehen - aber sie konnte nicht. Seine dunklen Augen nahmen sie gefangen. Für Momente schien sein Blick gar so intensiv, als würde er sie durchleuchten, sie einschätzen … wie eine potentielle Gefahrenquelle.
Plötzlich gab sein Kopf ein wortloses Nicken von sich.
Lily blinzelte.
Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Das Gesicht der Gryffindor wurde leicht rot und sie machte sich schnell auf den Weg hinaus. Irgendwie, war ihr die ganze Situation etwas unangenehm. Ihr war fast, als hätte der Slytherin tatsächlich in sie hineinsehen können … Seine Augen waren einfach merkwürdig. So unergründlich - fast wie Brians. Nur waren diese tief schwarz, wie die Beeren des Holunderbusches Zuhause.
Lily schüttelte den Kopf, sie wusste nicht, wie sie gerade darauf kam. Es war alles absurd! Severus hatte sie bestimmt nur so komisch angesehen, weil er es nicht gewohnt war, von Gryffindors Nettigkeiten zu erwarten.
Nein, Potter sorgt schließlich immer dafür, dass es nie so wird!
Lily regte sich bloß noch mehr auf, als sie bemerkte, dass sie schon wieder dabei war, sich über diesen Jungen aufzuregen. Aber es stimmte! James Potter und seine Freunde machten Severus seit Jahren das Leben auf Hogwarts schwer, dabei wusste Lily bis heute nicht, warum. Er schien doch ein netter Junge sein zu können, vielleicht nicht sehr gesprächig und zurückhaltend - aber definitiv hilfsbereit! Potter hatte also nicht mal einen Grund, das zu tun, was er immer tat. Lily presste ihre Sachen an sich.
Sie würde Severus helfen. Oh ja, die Vertrauensschülerin nahm sich mehr denn je vor, die Rumtreiber für ihre Taten ihm gegenüber gerade stehen zu lassen! Dieses Unrecht konnte nicht weiter geschehen.
~*~*~*~
Mit Blacks Kopf stimmte irgendwas nicht.
Diese Erkenntnis war eigentlich neu, denn das Hogwarts' Schönheitskönig unter einem gewaltigen Dachschaden litt, war für jeden - der nicht nur aus glotzenden, starrenden oder träumerischen Augen bestand - sichtbar. Inzwischen musste es aber in sein Oberstübchen rein regnen. Anders konnte sich Melody Roberts die vergangenen Wochen einfach nicht erklären.
Zaubertränke. Mel befand sich erneut auf dem Zenit ihrer Laune an diesem Dienstagmorgen. Umringt von einer perfektionistischen Jung-Tränkemeisterin mit Jesus-Syndrom, einem Fragezeichen namens Peter Pettigrew und Slughorns neuem Herzblatt, der ach-so-lieblichen Alles-Verbesserin, versuchte Melody Roberts bloß eins: überleben … und nicht zur Abwechslung etwas wirklich Falsches sehr absichtlich in ihren Kessel fallen zu lassen. Etwas, das möglichst laut „bumm“ machte! Wie herrlich sich dieses Geräusch doch jetzt anhören würde …
„Miss, ihr Trank hat einen süßlichen Geruch, doch wenn sie Professor Slughorn vorhin gehört haben, sollte er an Honig erinnern. Dieser hier riecht wie geschmolzener Zucker.“
„Ach. Wirklich?“, kam von Mels Seite die ausführliche Antwort. Ohne Würdigung eines Blickes. Dafür schenkte sie ihrem Kochlöffel gleich doppelt so viel, dass die süße Pampe fast übergeschwappt und Miss Asia 1975 auf die Füßlein getropft wäre.
„Vorsicht, Roberts! Deine Flüssigkeit, sie-“
„Schon gemerkt, Evans“, zischte Mel voll der ?Freundlichkeit'. Lily lehnte sich leicht zurück. „Und wenn du mal was merken würdest, wäre dir vielleicht auch aufgefallen, dass ich selber Augen besitze!“
Oh ja, sie hatte wirklich astreine Laune. Sie war so blitzeblank astrein, dass ihr Glanz einem die Augen ausstach.
Fehlt ja nur noch eins heute …, ging es Mel durch den Kopf, während sie zur nächsten Zutat griff. Ein wenig zu rabiat - denn ihr Ellbogen stieß dabei an eine Dose. Die natürlich runterfallen musste.
„Hoppla.“
Mels ganzer Körper spannte sich wie aus Gewohnheit gleich beim ersten Ton an.
„Nicht so viel gute Laune, Roberts oder es gehen dir noch mehr Zutaten flöten.“
Mel blickte ihm ins Gesicht, bereit ihm die nächstbeste Beleidigung in sein „liebliche“ Visage zu knallen, als ihr Mund jedoch irritiert geschlossen blieb. Etwas stimmte hier nicht. Black hielt ihr die runtergefallene Dose direkt unter die Nase und … lächelte freundlich? Dieses Bild war falsch.
Kein Muskel in Mel lockerte sich, ihr Misstrauen stand in Alarmbereitschaft. Black lächelte sie nicht freundlich an. Das könnte er nicht mal schaffen, selbst wenn er es wirklich wollte! Dafür hasste er sie viel zu sehr.
Aber Black lächelte weiter, stellte die Dose ab. War das da Hinterhältigkeit, die in seinen Augen aufblitzte? Mel beäugte ihn, wie ein Raubtier das jeden Moment zuschlagen konnte.
„In solchen Situationen sagt man übrigens „Danke“, Roberts. Aber einer sozialen Analphabetin wie dir lass ich das mal durchgehen.“
Er zog lässig schlendernd zum Vorratsschrank ab. Mel starrte. Wartete. Auf … ja, auf irgendwas.
„An deiner Stelle würde ich die Dose nicht mehr berühren“, warnte Lily.
Auch sie schien misstrauisch. Das war einfach zu freundlich für Blacks Verhältnisse!
Sofort griff Mel nach der Dose. Als wenn sie Angst vor irgend so einem dummen Rumtreiberscherz hätte! Ihre Finger berührten das glatte Metall … nichts geschah. Kein Rummsen, keine Explosion, keine sonstige Verrücktheit - nichts. Als hätte Sirius Black bloß die Dose aufgefangen und ihr freundlich zurückgegeben.
Mel starrte aus den Augenwinkeln zu ihm. Musterte ihn argwöhnisch, als er sich mit Potter unterhielt und Isabella Cruz daneben lachte und kicherte. Es schien, als würde er sie nicht beachten, nicht erwarten, dass etwas geschah.
Aber Mel ließ sich nicht täuschen! Ihr misstrauisches Gefühl begleitet sie den ganzen Tag hindurch. Ob Zauberkunst oder Pflege magischer Geschöpfe sie war immer auf der Hut und behielt Black ständig im Auge. Nur … es geschah einfach nichts!
Kein Rumtreiberscherz Black'scher Art. Der Tag war völlig ereignislos - bis auf einen Niffler der Pettigrew versuchte den Finger abzubeißen und ihr im Gegenzug das Gesicht abschleckte.
Als hätte Black ihr die Dose einfach nur zurückgegeben … Zu Mels Misstrauen gesellte sich ein anderes Gefühl. Ein sehr, sehr komisches, das sie nicht einzuordnen vermochte, aber es fühlte sich definitiv nicht gut an.
Vielleicht litt Black ja unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung und sie hatte das bis jetzt bloß noch nicht bemerkt. Wie sonst sollte man so einen Charakterwechsel erklären können: von Arschloch zu „nur“ Blödmann?
Er lachte einfach nicht mehr dumm, wenn Zuckertütchen mit Marzipanlächeln und Honigstimme wieder einen ihrer zaubertränkischen Fauxpas' berichtigte (oder es war nur ganz kurz und verstummte urplötzlich).
Er verhöhnte sie nicht mehr wegen der kleinsten Kleinigkeit beim Quidditch. Und als er es doch einmal tat und Mel natürlich postwendend einen Kommentar zurück an den Absender schickte, erwiderte er nichts. Rein - gar - nichts. Grinste einfach verkniffen, drehte sich um und ging. Mel war zugegeben baff. Er schrie nicht rum? Ihr Argwohn und ihr Misstrauen schüttelten sich kräftig die Hand.
Doch was die beiden erst richtig wachrief, war eine andere Tatsache: Black schien seinen Mädchen-Konsum eingestellt zu haben!
Natürlich achtete Mel nicht besonders auf ihn. Aber vorher hatte man Don Juan doch öfters mit irgendwelchen dummen Hühnern um die Ecke verschwinden sehen. Und selbst die waren bereits ganz aufgelöst. Ein Mädchen hatte so viel Angst, dass Mel sie zu ihrer Freundin die Befürchtung äußern hörte, „Sirilein“ sei schwul geworden und jetzt vielleicht mit James Potter zusammen. Denn das sagten ja auch die Gerüchte … und dass er allerdings heimlich eine heiße Affäre mit Remus Lupin unterhielt.
Dieses neue Verhalten an Black war für Mel etwas, das sie nicht verstand. Black war sexsüchtig. Keine Annahme, sondern eine Tatsache. Der Typ dachte mit seinem Schwanz! Was also war geschehen, dass Casanova scheinbar abstinent geworden war?
Wer weiß? Vielleicht hat er ja Gott gefunden … oder Merlin … oder beide zusammen, beendete sie den Gedankengang zu Blacks Sexleben.
Mel interessierte es nicht. Ob er nun an Syphilis starb oder durch wahnsinnige Stalkerinnen ermordet wurde, war ihr völlig gleich! Es war ihr eben nur aufgefallen. Nichts weiter.
So verbot sich Melody Roberts auch alle weiteren Gedanken, die irgendwie mit dem B-Wort in Zusammenhang standen. Es konnte ihr völlig egal sein, wie bescheuert er sich neuerdings benahm. Hatte sie sich nicht sogar immer gewünscht, dass er seine große Klappe halten würde?
Ja!, raunzte sie sich selbst unfreundlich an. Und nun Schluss damit!
Hogwarts' männliche Schlampe konnte poppen wann und wen er wollte! Selbst wenn es Potter war, konnte ihr das sonst wo querweise runter gehen. Für einen ganz „normalen“ Jungen hatte Black sowieso viel zu gut ausgesehen - in allen Bereichen …
Argh!
Mel klappte wütend ihr Buch zu. Musste sie ihr Kopf denn bis in alle Ewigkeit daran erinnern?! Dieses Bild von ihm konnte sie nun wahrlich nicht gebrauchen! Erinnerte sie es doch nur zusätzlich an eine andere Sache, die letztens passiert war … eine Sache, die Mel mehr denn je an Blacks Geisteszustand zweifeln ließ …
„Die Kunst des Handlesens wird Ihnen weit mehr abverlangen, als die Stumpfsinnigen unter uns in diesem Moment glauben. Das weiß ich natürlich.“ Professor Nomis ließ sein dünnes Lächeln erscheinen, als müsste er in Gedanken über einen privaten Witz schmunzeln. „Und dennoch gerade dieser Bereich gibt auch denen eine Chance, die die Stimme der Zukunft normal nicht zu hören vermögen. Wer sich anstrengt“, seine Augen schweiften umher, ein dunkles Leuchten schien aus ihnen zu sprechen, „kann ganze verborgene Schicksale hervorlesen. Oft kommt es nur auf die richtige Interpretation des Gefundenen an. Also, machen Sie sich an die Arbeit!“
Ein Rascheln und Schuhsohlenklappern erklang, Partner wurden gesucht - und gefunden. Nur Mel blieb auf ihrem Platz. Eine Technik, die sie sich über die Jahre angewöhnt hatte. Ging es um Gruppenarbeit, wo man selber Anschluss suchen musste, nahm sie einfach das, was übrig blieb. Es war doch eh egal. Keiner wollte freiwillig mit ihr arbeiten - und sie hatte kein Interesse an Gesellschaft. Außerdem blieben immer nur die „guten“ Leute übrig: wer über ein ameisengroßes Selbstbewusstsein verfügte, ließ sich viel leichter herumkommandieren. Und „Null Widerspruch“ empfand Mel doch als eine äußerst angenehme Methode zu arbeiten.
„Miss Roberts, wieso sitzen Sie denn noch hier? Ihr Partner wartet doch bereits dort vorn auf Sie …“
Irrte sie sich, oder hatte der Professor gerade eben wieder mal so komisch gelächelt? Im Vorbeigehen war es nicht eindeutig für sie erkennbar gewesen.
Etwas irritier schaute Mel in die Richtung, in die der Kopf ihres Lehrers gedeutet hatte …
„Nein!“, platze es laut aus ihr hervor.
Das konnte doch nicht sein! War Potter in den letzten fünf Minuten tödlich erkrankt?! Sie suchte ein bekanntes Grinse-Gesicht … und entdeckte es bei - Frank Longbottom? Was stimmte mit der Welt in letzter Zeit nicht?!!
Eine Hand schnippste ihr ins Gesicht.
„Hey, aufwachen Roberts! Wie's aussieht, sind wir als einzige übrig geblieben.“
Mit einer Wut, die schon fast an Beleidigung grenzte, blickte Mel in sein Model-Gesicht.
„Warum bist du nicht bei Potter, Black?!“
Der Junge vor ihr grinste eigenartig und zuckte bloß mit den Schultern.
„Weil ich hier bin und er dort?“, sein Finger deutete zum Potter-Longbottom-Tisch.
Um Mels rechte Braue zuckte es scharf.
„Verarschen kann ich mich auch allein, Black! Du und Potter arbeitet immer zusammen!“
„Tja, heute anscheinend nicht.“ Er ließ sich nieder - immer noch viel zu entspannt. „Also, zeig her dein Händchen!“, grinste er und machte eine auffordernde Bewegung in ihre Richtung.
Mels Arme verkeilten sich fest ineinander. Ihr Blick war finster.
Doch wieder zuckte er nur die Schultern.
„Na schön!“, er legte seine Hand auf den Tisch. „Dann du zuerst.“
Mels Blick verfinsterte sich noch mehr.
„Also, Roberts, meine Note hier ist mir ja scheißegal. Ich wusste aber noch gar nicht, dass es dir da genauso geht.“
Ihre Zähne malmten gegeneinander. Aus den Augenwinkeln suchte Mel die Gestalt von Professor Nomis: er war bereits verdammt nah …
Mit einer immer noch beinah unerklärlichen Wut im Bauch, beugte Mel sich vor - berühren würde sie ihn sicher nicht - und warf einen schnellen Blick auf seine Hand. Seine große Hand.
„Oh, schade, Black! Wie's aussieht, wirst du demnächst einen qualvollen Tod sterben, bei dem auch dein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerstört wird! Dein Fan-Club wird am Ende sein … oh, aber nein, wie tragisch!“, sagte Mel ohne einen einzigen Ton Mitleid in der Stimme. „Ein Mädchen aus genau diesem Club wird dir das antun! Na, so was, du hast ihr doch tatsächlich das Herz gebrochen!“
Mel lächelte kalt - Black hob seine Mundwinkel ebenfalls. Allerdings wirkte es etwas verkrampft; seine Augen blinzelten nicht.
„Ich glaube leider, Roberts, dass deine hellseherischen Fähigkeiten nicht besonders ausgeprägt sind. Aber dafür kannst du ja nichts - wie für so vieles.“ Kurz schweifte sein Blick über ihren Körper.
Mel verspürte ein Zucken in ihrer Braue - und ein noch stärkeres in ihrer Faust -, aber ihr kühles Lächeln blieb. Sie würde sich bestimmt nie etwas ihm gegenüber anmerken lassen.
„So? Dann kannst du dich ja beruhigt weiter im Spiegel anhimmeln und fröhlich Geschlechtskrankheiten verteilen!“ Immer noch Lächeln auf ihrer Seite.
Blacks Gesichtsausdruck war nun nicht mehr ganz so fröhlich.
„Los, gib deine Hand her, ich bin jetzt dran!“, forderte er barsch.
Mel war geneigt, ihn wieder abblitzen zu lassen, aber Professor Nomis stand bereits am Nebentisch. Und eine schlechte Note in Wahrsagen konnte sie sich nicht leisten.
Langsam streckte Mel also ihre Hand aus und legte sie bedächtig auf den Tisch. Black schlug derweil sein Buch auf - ein bizarrer Anblick wie Mel fand. Black und ein Buch: zwei Bs die sich nicht verstanden.
„Also“, seine Stimme hatte sich innerhalb von Sekunden ins Gegenteil verkehrt, „du besitzt nicht viele Linien auf deiner Hand, das schließt auf einen zielstrebigen Charakter - und du vermeidest Emotionalitäten gern.“
Mel zuckte nicht. Erst als seine Fingerspitze plötzlich ihre Handfläche berührte. Sie war leicht rau … und warm.
„Du hast eine insgesamt sehr ausgeprägte Lebenslinie … das steht für jemanden, der sich lieber körperlichen Dingen zuwendet als abstrakten. Soll ich mal nachschauen, ob ich auch so eine hab?“
Die Anzüglichkeit in seinem Gesicht hätte einen blinden Mönch erschlagen können.
„Nicht nötig, Black. Jeder weiß, wo dein bisschen Hirn sitzt - jedenfalls nicht zwischen den Augen. Aber wegen deiner große Klappe wäre dort ja eh kein Platz mehr zu finden gewesen, nicht?“
Blacks Finger drückte sich für einen Moment etwas unangenehm in ihre Haut. Dann machte er wieder weiter, als wäre gar nichts geschehen:
„Deine Herzlinie ist eher kurz, dafür aber äußerst deutlich. Du bist also ein Mensch mit tiefen Gefühlen, der sich gern einer Sache oder einem Ideal hingibt. Das wusste ich ja noch gar nicht von dir, Roberts …“ Er schaute ihr direkt in die Augen, während sein Finger wie von allein weiter strich. Vor und zurück, vor und zurück - immer wieder über ihre Herzlinie. Mel wollte ihm ihre Hand entreißen. Aber das würde einen Sieg für ihn bedeuten. Und sie wollte nicht, dass er wusste, wie unangenehm ihr diese körperliche Nähe war. Die bloße Berührung seiner Fingerspitze war ihr bereits schier unerträglich.
Aber Black hörte nicht auf. Er sah sie weiterhin ohne ein Wort an und ließ seinen Finger mit der rauen Haut nun langsam über ihren Unterarm streichen.
„Chrm, chrm“, ertönte ein Geräusch. Black ließ ihre Hand blitzartig frei.
Professor Nomis hatte endlich ihren Tisch erreicht.
„So faszinierend Ihr Verhalten für mich selbst auch ist, so sehr glaube ich, dass es Sie beide nicht im Stoff voranbringen wird.“
Entweder Mel hatte einen Augenschaden oder der Typ grinste schon wieder - auf seine eigene Art und Weise.
„Oh, wir sind sogar sehr gut voran gekommen! Ich habe gelernt, dass Roberts anscheinend viel emotionaler ist, als man allgemein annimmt. Und dass sie sehr an Körperlichkeit interessiert ist.“
Mel knirschte innerlich mit den Zähnen. Erst Nomis' Lächeln und jetzt auch noch Blacks Lächeln - das war zu viel!
„Ah, dann lassen Sie doch mal sehen, Miss Roberts!“
Widerwillig streckte Mel dem Professor ihre Hand entgegen. Ohne sie - im Gegensatz zu Black - zu berühren, untersuchte der ältere Mann ihre Hand, verlangte nach einer gewissen Zeit noch die andere zu sehen, sagte aber nie etwas … bis:
„Faszinierend!“, er sprach dieses Wort aus, als hätte er gerade ein interessantes Naturphänomen studiert. Mel passte das gar nicht.
„Und was ist an Roberts' Hand so faszinierend, Professor?“
Man merkte, dass Black genauso wenig Respekt vor seinem Lehrer wie vor seinem Fach hatte.
„Mr Black“, der Professor drehte sich zu seinem Schüler ohne einen Hauch von Verstimmtheit, „das werden Sie noch früh genug erfahren.“ Wieder Lächeln.
Und lächelnd ging er fort zum nächsten Tisch, während Mel mit einem Black zurückblieb, mit dem sie ausnahmsweise etwas zu teilen schien: Verwirrtheit.
Was sollte das?!
Mal abgesehen davon, dass man aus ihrem Wahrsage-Lehrer nie schlau wurde - wurde sie aus Black noch viel weniger schlau. Was sollte diese Aktion?! Was bei Merlins gepunkteter Unterhose versprach sich Sirius Black davon?
Mel verstand es einfach nicht. Warum war Black im Moment nur so komisch? Irgendwas musste das doch zu bedeuten haben … Das sagten ihr jedenfalls Argwohn und Misstrauen - zwei ihrer besten Freunde, wenn man so wollte.
Black hasste sie. Und dennoch benahm er sich plötzlich so anders … so komisch anders.
Vielleicht versucht er nach dem Spiel, nur besser mit dir auszukommen. Akzeptiert dich nun.
Mels Lippen lächelten ungläubig. Das waren nicht ihre Gedanken.
Ich bin nicht Lily. Ich bin nicht naiv … und dumm.
Nein, Blacks Verhalten hatte etwas zu bedeuten. Sie wusste nur noch nicht, was. Aber einer Sache war sie sich dafür ganz sicher: diese neuen Rekorde die Mels persönlicher Idiot Nr. 1 da aufstellte, gefielen ihr nicht. Ja, es gab sogar Augenblicke, da wünschte sie sich den alten Black zurück. Alles war so viel einfacher gewesen mit ihm …
Mel packte ihre Sachen zusammen. Sie hatte das dringende Bedürfnis raus aus dieser stickigen Bibliothek zu kommen. Die klare Luft draußen würde ihr auch sicher beim Denken helfen - und vergessen. Er musste raus da oben!
Doch wie das so war, wenn man vom Teufel dachte … Sirius Black betrat natürlich genau jetzt die heiligen Hallen der Madam Pince. Black und eine Bibilothek - schon wieder zwei Bs, die sich nicht vertrugen. Was tat er hier?
Interessiert mich nicht!, antwortete Mel sofort auf ihren vorigen Gedanken.
Mit sturem Blick wollte sie an ihm vorbei gehen, da spürte sie auf einmal wie seiner sich auf sie heftete. Und plötzlich konnte Mel nicht widerstehen: auch ihre Augen richteten sich auf ihn. Doch was Melody Roberts sah, sollte sie bloß ein erneutes Mal verwirren. Denn die Art, wie sich seine Pupillen in ihre bohrten, war anders … etwas fehlte. Mel wartete auf das hasserfüllte Glimmen - es kam nie.
Black zog an ihr vorbei, ohne sie einmal ignoriert zu haben - ohne sie einmal in Gedanken ermordet zu haben.
Jetzt steht es fest: die Matschbirne hat eindeutig zu viele Klatscher abbekommen!
Und sein Erbsenhirn musste dadurch unwiederrufbaren Schaden genommen haben. Größer noch als der, den seine Mutter verursacht hatte, als sie Baby Black einst auf den Kopf fallen ließ - so erklärte sich Mel jedenfalls gern Mr Unglaublichs bisherigen Dauer-Dachschaden.
Ihr Bauch füllte sich unerklärlicherweise mit Wut, auch spürte sie das ungute Gefühl wieder. Wie ein Zeigefinger piekste sie es in die Seite, als wollte es ihr etwas sagen …
Aber Mel verstand nicht. Melody Roberts verstand überhaupt nichts! Was war mit der verdammten Welt in letzter Zeit bloß nicht in Ordnung?
~*~*~*~
„CaitlÃn!“
Die Stimme Imogen Gallaghers dröhnte wie ein scharfes Warnsignal durch den Kopf der jungen Caite. Sofort wandte sie das Gesicht wieder der Frau zu, die ihr im Sessel gegenüber saß.
„CaitlÃn, was habe ich gerade gesagt?“ Die strengen Augen der älteren Frau musterten ihre Enkelin ohne ein einziges Blinzeln.
„Ich, ähm …“, stotterte Caite mehr ihren eigenen Knien als dem Gesicht ihrer Großmutter entgegen.
„CaitlÃn, sieh mir bitte ins Gesicht und gebe dann gefälligst einen vollständigen Satz von dir!“, gebot die Stimme der alten Gallagher.
„Es tut mir Leid, ich habe nicht aufgepasst, Oma“, antwortete Caite und senkte den Kopf doch leicht wieder. Es war schwierig dem Blick der älteren Frau standzuhalten.
„Oma?“, wiederholte Imogen überaus betont.
„Großmutter, natürlich“, verbesserte sich Caite hastig. Wie hatte ihr dieser Fehler nur unterlaufen können?
Sie wusste doch, dass die Frau ihr gegenüber es nicht schätzte, Oma genannt zu werden. Das hatte sie ihr vom ersten Tag an deutlich gemacht.
„'Oma', CaitlÃn, ist für Muggel und niedere Zauberer da. Als eine Gallagher wünsche ich nicht so unhöflich von dir behandelt zu werden. In Zukunft heißt es, bitte, nur noch Großmutter, hast du verstanden?“
„Also“, Imogen Gallagher legte ihre Hände auf eine gekonnt elegante und anmutige Weise auf ihrem Schoß ab, „wir waren dabei stehen geblieben, dass es eine nicht zu verzeihende Unhöflichkeit ist, seinem Gesprächspartner zwischendurch einfach die Aufmerksamkeit zu entziehen - bevor du mir deine entzogen hast.“
Die ältere Frau war verstimmt. Äußerst verstimmt. Ein Umstand, der ihre Enkelin Caite äußerst beschämte. Sie wollte ihre Großeltern nicht enttäuschen. Im Gegenteil: seit Beginn war es ihr höchstes Ziel, sie stolz auf sich zu machen. Und allen - auch sich selbst - würde sie beweisen, dass sie eine würdige Gallagher war, mit den Qualitäten, die ihre Familie auszeichnete sowie selbst an sich schätzte: Höflichkeit, eine selbstsichere Eleganz und Haltung bis zum Schluss. Ein wahrer Gallagher ließ sich durch nichts verunsichern oder einschüchtern - das erklärte ihr Großvater dem jungen Mädchen gern jeden Tag aufs Neue.
Caite drückte ihre Schultern durch und brachte sich auf ihrem harten Stuhl in eine annehmbare Position.
Die Lippen ihrer Großmutter bogen sich daraufhin ein wenig zufriedener nach oben. „Ich sehe Kind, du beginnst zu begreifen! Nun aber weiter“, und die Lippen waren dieselbe unbeugsame Linie wie immer, „die Höflichkeit gebietet es, immer zu zuhören, egal, ob dich der Gesprächsstoff deines Partners nun sonderlich interessieren mag oder nicht. Als Gallagher, CaitlÃn, darfst du dir keinesfalls nachsagen lassen, dass du unaufmerksam …“
„Caite, guck mal!“
Sofort war jegliche Haltung und Lektion für das junge Mädchen vergessen. Wenn diese glücklichen rehbraunen Augen sie anstrahlten, gab es für Caite nichts Wichtigeres mehr.
„Das hab ich für dich gemalt!“
Strahlend hielt ihre kleine Schwester Sheila Caite ein Bild entgegen. Darauf zu sehen war ein Haus, weite Wiesen und die Sonne. Vor dem Gebäude mit dem lila Dach standen vier Menschen, die ungefähr die Höhe des zweiten oder wahlweise ersten Stocks hatten. Ihre Schwester blickte erwartungsfroh.
„Das ist wirklich schön geworden“, versuchte Caite ein Lächeln. Es fiel ihr unglaublich schwer.
Ein Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet, ihr Magen wurde vom altbekannten Brennen heimgesucht. Dennoch streckte sie die Hand nach dem Bild aus, als eine schwer geschmückte ihr zuvor kam. Der Blick von Caites Großmutter glitt unzufrieden über das Bild ihrer jungen Enkelin.
„Also, wirklich Sheila Ciara Gallagher, ein Haus ist doch nicht so groß wie die Sonne!“, kritisierte sie. Sheila zuckte ängstlich zusammen und griff instinktiv nach dem Arm ihrer großen Schwester. „Außerdem war es sehr taktlos von dir einfach so hereinzustürmen - ohne ein Klopfen oder Wort des Grußes! Wo ist eigentlich diese nutzlose Hauselfin? Ich hatte ihr doch aufgetragen, auf dich Acht zu geben: Minnie!“
Sofort kam ein klapperdürres kleines Wesen, gekleidet in ein altes Stück Vorhang, aufgeregt herbeigetrippelt.
„Ihr- ihr habt Minnie gerufen, Herrin?“, piepste es nervös.
„Das habe ich. Genauso, wie ich dir aufgetragen hatte, auf Sheila Acht zu geben, während ich Caite unterrichte“, blickte sie mit unzufriedener Miene auf ihre Dienerin hinab.
Alsgleich warf sich das Wesen in einer typischen Untergebenheitspose auf die Knie:
„Es tut Minnie Leid, Herrin! Aber die junge Miss wollte doch nur kurz ihrer Schwester ihre Arbeit zeigen und-“
„Schweig!“, gebot Imogen Gallagher. „Das nennst du Arbeit?!“ Sie hielt das Bild hoch. „Ich hatte dir aufgetragen, sie mit etwas Nützlichem und Gutem zu beschäftigen, anstatt so etwas-“
Urplötzlich wurde es still. Die ältere Frau starrte Sheilas Zeichnung an. Und Caite wusste sehr genau, warum.
Mit einem Schwenk ihres Zauberstabs ließ Imogen Sophie Gallagher im nächsten Moment das Bild ihrer jüngsten Enkelin in abertausende, winzige Schnipsel zerfallen. Ihre Schwester schluchzte geräuschvoll auf, aber als die alte Gallagher sie ins Visier nahm, suchte sie sofort Schutz hinter Caites Stuhl.
„Hör mir zu, junges Fräulein: noch so ein Bild und ich werde dir einmal richtig Manieren beibringen!“, brach es extrem ungehalten aus ihrer Großmutter hervor. Ihre harten braunen Augen waren von Zorn entbrannt. Caite spürte Sheilas zitternden Körper, der sich durch den Stuhl fest an sie presste.
„Bitte, Großmutter“, versuchte die ältere Schwester Imogen Gallagher milder zu stimmen, „Sheila hat es doch nicht so gemeint. Sie ist noch zu klein-“
„CaitlÃn, geh auf dein Zimmer!“, erhielt sie den ungerührten Befehl. Imogens Augen ließen Sheila dabei nicht einmal los.
„Aber-“, widersprach Caite.
„Ich meinte damit - sofort!“
Caite biss sich auf die Zunge. Es tat ihr im Herzen weh. Sie wollte die kleine Hand ihrer Schwester nicht loslassen. Sie wollte sie nicht im Stich lassen. Sie wusste doch, wie viel Angst sie vor ihrer Großmutter hatte, wenn sie so gestimmt war. Und gerade war sie wütend wie selten. Auf Sheila ganz allein. Die doch nichts dafür konnte. Die doch noch zu klein war, um zu verstehen …
Aber Caite gehorchte. Sie entließ die Hand ihrer Schwester aus der ihren. Sie verließ den Raum, ohne zurückzuschauen. Und sie schloss ruhig die Tür hinter sich, als der eigene Raum im ersten Stock erreicht war. Dort ließ sie sich auf ihrem Bett nieder. Alles ruhig, alles sanft.
Nur ihr Herz war unruhig. Nur ihr Herz wollte ihrer Großmutter nicht richtig gehorchen. Sie fühlte sich schrecklicher mit jeder Minute mehr die verging.
Sheila allein zu lassen, war etwas, das Caite sich einst geschworen hatte, nie zu tun. Sie musste doch auf sie aufpassen! Sie beschützen. Wer sonst, wenn nicht sie …
Doch Caite wartete. Wie ein gutes, wohlerzogenes Mädchen blieb sie ruhig auf ihrem Zimmer, bis man ihr erlauben würde, es wieder zu verlassen. Und während die Zeit quälend langsam Sekunden und Minuten zählte, sah die junge Gallagher immerzu Sheilas Bild vor Augen: das Haus, die weiten Wiesen und eine glückliche kleine Familie …
CaitlÃn Gallaghers Miene war unbewegt. Seit exakt sechs Minuten saß sie nun schon hier - ohne sich ein einziges Mal aus ihrer antrainierten Haltung herauszubewegen. Um sie herum wuselten Schüler aller Altersklassen, blätternd, kichernd, beratschlagend - das normale Alltagstreiben der Bibliothek.
Für Caite jedoch war es nicht Alltag, sondern die Ausnahme davon. Wie schon bei allen vorherigen Malen hatte sie es auch heute wieder große Überwindung gekostet zu kommen.
Gerade ging ein Junge viel zu langsam an Caites Tisch vorbei, vielleicht ein Siebtklässler. An seiner Brust schimmerte etwas Blaues, was ihn in jedem Fall eindeutig als Ravenclaw kennzeichnete. Ein Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Es machte ihn nach ästhetischen Ansichten noch annehmbarer als er ohnehin schon war. Caites Magen zog sich unangenehm zusammen.
Sie schickte ihm keinerlei böse Blicke, doch veränderte sich ihre steinerne Miene nicht, ihr vorgerecktes Kinn, die gerade Haltung. Nicht eines einzigen kleinen Blickes wurde er gewürdigt. Caite waren diese Jungs so zu wieder! Sie wusste ganz genau, warum sie sie anschauten. Weil sie ein wenig schöner war als andere Mädchen. Wahrscheinlich auch, weil ihr Name kein unbeschriebenes Blatt war. Und vielleicht weil sie als „unerreichbare Eiskönigin“ sich ihren eigenen Ruf hier in Hogwarts gemacht hatte. Ein Ruf, an dem Caite nach wie vor festhielt. Von Jungen wollte sie nichts wissen, misstraute ihnen gar mehr als anderen Menschen. Die waren doch immer nur aufs Gleiche aus! Schworen Liebe - und dachten dabei an ganz andere Sachen.
Die Gestalt, die sich ihr näherte, war davon weder auszunehmen noch als ein bloßer Teil dieser Gruppe zu erwähnen. Er war der schlimmste von allen! Sirius Black.
Zum ersten Mal seit vielen Minuten kam leichte Bewegung in Caite. Aber nein - sie gebot sich ihre ruhige Haltung zu bewahren - er würde sie nicht verunsichern! Das war einer Gallagher nicht würdig!
Mit einer Eleganz, die ihr viel zu vertraut war, ließ er sich auf dem Stuhl vor ihr nieder. Dabei viel das längere Haar in seine Augen. Durch eine gekonnte Geste streifte er es sich zurück - ein jüngeres Mädchen, das ihn beobachtete, seufzte prompt träumerisch auf. Caite hätte beinah geschnaubt.
Keine Begrüßung, die Höflichkeit erkennen ließ, dafür aber seine allzu auffällige Masche, die nächste bereits in seinen Bann zu ziehen, nur um sie am Schluss wie immer zerbrochen zurückzulassen. Caite versagte sich an Sheila zu denken.
Erst heute Morgen musste sie wieder ein widerliches Schauspiel beobachten, in dem Black es wagte, Augenkontakt über eine viel zu lange Zeit mit ihrer kleinen Schwester zu haben! Er flirtete mit ihr - das hatte bei Caite etwas zum Überlaufen gebracht. Vom Flirten war es nicht mehr weit bis … Nein. Ihrer Sheila würde das nicht passieren! Dafür war Caite schließlich hier.
„Also, Gallagher“, er kam wie schon die letzten Male direkt zur Sache, „zeig mir deine Hausaufgabe, dann kontrollier ich sie und du schreibst dazwischen irgendwas, was wir letzte Stunde gemacht haben.“
Er tat es erneut. Er versuchte sie herumzukommandieren. Caite hasste es, wenn er sich dieses Recht einfach herausnahm.
„Nicht so eilig, Black!“, Caite musterte ihn mit berechnender Kühle. „Zuvor habe ich dir noch etwas zu zeigen, was ich vorbereitet habe.“
Sein Blick konnte nicht mehr Langeweile aufweisen. Caite war erzürnt - doch sie würde es ihm gleich austreiben … Der Brief aus ihrer Tasche war schnell zur Hand, sie faltete ihn geruhsam auseinander, bevor sie ihn unter Blacks gelangweiltes Gesicht schob. Dann hieß es für sie nur noch abwarten.
~*~*~*~
Sirius nahm am Rand zur Kenntnis, dass sie einen Brief auf den Tisch gelegt hatte. Merlin, als ob er sich dafür interessieren würde! Schlimm genug, dass Gallagher nun plötzlich auf ihre Treffen für Slughorn bestand - aber dass sie jetzt auch noch mit mehr als Zaubertränke-Kram nervte, ging ihm gehörig gegen den Strich. Schließlich hatte er Besseres zu tun … z.B. sein Gitarrenspiel noch weiter verbessern … oder sich mit Roberts beschäftigen …
Aber stattdessen musste er nun einen Nachmittag an Hogwarts' Eiskönigin verschwenden, von der er mehr als jeder anderen wusste, wie wenig sie ihn ausstehen konnte. Das hatte er unterschwellig schon von Anfang an gespürt.
Letzte Stunde hatte sie kaum ein Wort mit ihm gewechselt und nur frostig ihre Aufsätze rübergereicht, die er dann hatte korrigieren dürfen! Nicht, dass Zaubertränke etwas war, was Sirius schwer fiel. Es fiel ihm sogar sehr leicht - ohne zu lernen. Mit könnte er wahrscheinlich noch besser sein, aber das war nichts, woran Sirius wirklich Interesse hatte. Das Strebersein überließ er Leuten wie Lily Evans, die keinen Spaß kannten - oder CaitlÃn Gallagher …
Sirius hob den Blick. Ihre Miene schien sich nicht die kleinste Kleinigkeit in den letzten Sekunden verändert zu haben, oder ihre steife Art, dort zu sitzen. Seine Mutter wäre stolz auf solch eine Tochter, ging es ihm angewidert durch den Kopf.
Schließlich nahm Sirius den Pergament-Fetzen in die Hand, um ihn tatsächlich kurz zu überfliegen, doch hatte er erwartet, irgendwas in Zusammenhang mit Zaubertränken vorzufinden, so täuschte er sich gewaltig. Bis auf Gallaghers überordentlich Handschrift war nichts nach Sirius' kühnsten Erwartungen.
An Großmutter und Großvater,
leider habe ich beunruhigende Nachrichten für euch. Schon in meinem letzten Brief äußerte ich, dass es Dinge über Sheila gibt, die mich momentan leicht in Besorgnis versetzten. Um euch nicht zu sehr zu erschrecken, noch Sheila möglicherweise unnötige Probleme zu machen, erwähnte ich nicht mehr. Doch hier und heute kann ich nicht anders handeln, als euch meine Sorge mitzuteilen: ein Junge hat in letzter Zeit Interesse an Sheila gezeigt, doch ist es von ungehöriger Art, die euch, da bin ich mir sicher, ebenfalls nicht für eure Enkelin zusagen würde.
Da dieser Junge schon in allen Häusern weit bekannt für ein bestimmtes, wiederholtes Verhalten gegenüber Mädchen ist, habe ich mich bemüht, Sheila vor ihm zu warnen und auf sie mehr als sonst Acht zu geben. Allerdings ist der Junge weiterhin äußerst unhöflich und schwer von Begriff, dass ich euch um Hilfe ersuche.
Ihr seid mit der Familie dieses Jungen sehr gut vertraut, deswegen habe ich festen Glauben, dass eine Nachricht eurerseits große Wirkung zeigen wird. Der Name der Familie ist Black und das Problem betrifft ihren Erstgeborenen. Wie ihr bereits gut genug wisst, der allgemeine „Störenfried“ dieser Familie.
Ich bin sicher, dass auch seine Eltern es interessieren wird zu hören, was ihr Sohn außerhalb ihrer Reichweite tut und ihn standesgemäß für seine Taten zurechtweisen wird.
In der Hoffnung, dass es euch, Großmutter und Großvater, gut ergeht, verbleibe ich eure Enkelin,
CaitlÃn Brianna Gallagher
Sirius' Augen blitzten auf. Er konnte nicht sagen, wie viel Wut sich beim Lesen dieses hochnäsigen, gestelzten Briefes in ihm gesammelt hatte. Alte Wut. Aber es war definitiv sehr viel davon!
„Ich hatte dich gewarnt, Black“, war ihr Kommentar zu seinen Blicken.
„Gewarnt?!“, schimpfte Sirius weit lauter als regelkonform für die Bibliothek. „Bei dir tickt's wohl nicht mehr richtig im Oberstübchen, Gallagher! Du wirst diesen Brief nicht abschicken!“
„Nein, das werde ich auch nicht“, gab sie sehr ruhig wieder.
Ihre kühl bleibende Art nervte ihn gewaltig.
„Es sei denn, du gedenkst dich weiter meiner Schwester zu nähern. Dann gedenke ich nämlich, meine Pläne sehr schnell zu ändern!“, hier wurde ihr Ton zum ersten Mal schärfer. „Und wie es scheint, legst du ja keinen besonderen Wert auf einen Brief von Zuhause, oder?“
Diese hochnäsige, reiche Zicke! Wie er ihre eloquente Sprache und die selbst auferlegte Haltung verabscheute! Im Gegensatz zu ihm schien sie ja schon immer viel zu stolz auf ihre Herkunft aus dem Hause Gallagher gewesen zu sein. Ein Haus, das ungefähr das für Irland darstellte, was die Blacks für Großbritannien repräsentierten - und damit alles waren, was Sirius aus tiefstem Herzen verachtete.
„Jetzt pass mal auf, Gallagher!“ Sirius' Augen funkelten, er konnte sein Temperament jetzt nicht mehr zügeln. „Von einer arroganten Eisprinzessin wie dir, der anscheinend ein paar Stöcke zu viel im Arsch stecken, lass ich mir gar nichts sagen!“
Ihr Gesicht verkniff sich auf das A-Wort hin. Aber Sirius drehte jetzt erst richtig auf.
„Weißt du, was du mal wirklich bräuchtest? Einen richtig guten Fick. Oh ja, Gallagher, dich müsste mal wer durchvögeln, damit du dich nicht weiter als verbittertes Jungfräulein durch die Gegend rennst und jeden mit einem Schwanz blöd anmachst! Wer weiß“, Sirius lächelte dunkel, „vielleicht würdest du ja auch endlich diesen Gesichtsausdruck verlieren, als hättest du in eine Zitrone gebissen?!“
Sie erhob sich schneller, als dass sie dabei ihre verkrampfte Haltung hätte bewahren können. Augen wie aus Eis richteten sich auf ihn. Doch jemand anderes war noch schneller.
„Mr Black!“, die Aasfresserin kam auf ihn zugeschnattert. „Was erlauben Sie sich, in derartiger Lautstärke in meiner Bibliothek rumzubrüllen! Raus mit Ihnen, aber sofort!“
Sirius zuckte nur mit den Schultern und begann Richtung Ausgang zu schlendern. Blicke folgten ihm von überall her - aber es kümmerte ihn wenig, dass jemand vielleicht seine „Nettigkeiten“ gerade mitbekommen hatte.
„Ach ja, Gallagher, dein Brief war übrigens nicht ganz vollständig. Du solltest doch erwähnen, dass deine Schwester an betreffendem Jungen ebenfalls Interesse gezeigt hat und dass sie deswegen keinen Bock mehr hat, sich von dir rumkommandieren zu lassen!“, warf er ihr noch nonchalant hinter seinem Rücken zu.
„Raus! Sofort! Und lassen Sie sich für den Rest der Woche hier nicht mehr blicken!“
Sirius grinste.
„Würde mir nie einfallen!“ Und das stimmte sogar.
Das Grinsen prangte auch weiterhin noch auf seinem Gesicht, als er die Bibliothek bereits verlassen hatte und wurde erst viele Meter später von einem anderen Ausdruck abgewechselt. Die unbändige Wut kroch wieder hervor. Sirius atmete tief und schwer. Wie viel hatte es ihn gekostet, Gallagher nicht noch lauter ins Gesicht zu brüllen? Aber er hatte nicht gewollt, dass er dabei Worte fallen ließ, Dinge vielleicht wissen ließ, die niemand erfahren sollte.
Wie ihr bereits gut genug wisst, der allgemeine Störenfried dieser Familie.
Störenfried?, dachte Sirius und schloss die Augen. Ein bitteres Lächeln machte sich breit.
Was für eine Ironie, dass das wohl der netteste Ausdruck war, mit dem er je beschimpft wurde. Sirius kannte da ganz andere Sachen.
Weichling, Nichtsnutz, Missgeburt, Versager, Abschaum der Familie … Sirius könnte ewig so weiter machen. Er hatte bereits alle möglichen Namen bekommen. Die meisten von der Frau, die ihn natürlicherweise lieben sollte - und die ihn von Natur aus zu hassen schien, wie nichts anderes, was existierte. Seine Mutter.
„Sirius? Sirius?!!“
Sirius hörte die schrille Stimme überdeutlich - aber er wollte nicht antworten. Beharrlich hielt sich der Sechsjährige die Ohren zu, als könne das machen, dass das Kreischen wegging. Er flehte, zu wem auch immer, dass sein Versteck gut genug war.
„Hier steckst du also!“
Es war es nicht.
„Aua!“, jammerte Sirius auf, als eine viel größere Hand plötzlich nach ihm packte, ihn unsanft aus seinem Versteck unter dem Tisch hervorzog. Lange Nägel bohrten sich in seine Haut.
„Hatte Kreacher also doch Recht!“
Sirius verfluchte den verräterischen Hauself unter seinem stillen Jammern. Doch wurde er sehr schnell sehr laut und geradezu panisch, als er in Richtung einer ganz bestimmten Tür gezogen wurde.
„Nein, nicht darein!“, schrie der Junge auf. „Bitte, Mum, nicht darein!“
Die Augen Walpurga Blacks, ein kristallklares Blau ohne jegliche Wärme für ihren Sohn, zeigten auch heute keinerlei Mitleid. Nur Zorn. Nur Bitterkeit.
„Ich bin nicht Mum, ich bin deine Mutter, du missratenes Kind! Und jetzt rein da mit dir!“
„Nein!“, Sirius schlug um sich - oder er versuchte es zumindest. Wehrte sich mit Händen und Füßen, aber seine Mutter war viel stärker als er. So viel stärker als der kleine Sirius.
Sie schuppste ihn einfach in den Raum hinein, dass er fast dessen kleine Holztreppe hinunter fiel. Ein dumpfes Klicken - das Einrasten einer Tür. Um ihn herum wurde es dunkel.
„Und da bleibst du, bist du endlich deine Lektion gelernt hast, Bengel! Mit Muggeln spielt man nicht!“
Dann wurde es leise, die harten Schritte Walpurga Blacks entfernten sich. Schließlich war es still. So still, dass Sirius seine schnelle Atmung hören konnte und das heftige Pochen seines Herzens von jeder Seite des dunklen Raumes zu dröhnen schien. Und da waren noch andere Geräusche. Eigenartige Geräusche. Sirius zog seine Knie eng an sich, schlang die Arme um sich selbst.
Es war so furchtbar kalt hier drin … und dunkel. So dunkel. Sirius mochte die Dunkelheit nicht. Er schloss die Augen und verbarg das Gesicht gegen seine Oberschenkel. Gleich wäre es schon vorbei. Bestimmt würden sie ihn bald wieder rauslassen. Aber das sagte sich Sirius jedes Mal … damit er aufhörte zu zittern … und die blöden Tränen nicht kamen. Sirius wollte nicht weinen - nur Babys heulten. Und seine Mutter würde es nicht milder, sondern nur noch hartherziger stimmen. Ein Black weinte nie, Tränen waren ihm unwürdig.
Sirius presste seine feuchten Augen hartnäckig zusammen. Es würde schon gleich vorbei sein, und dann könnte er hochgehen und vielleicht mit Regulus spielen. Wenn seine Mutter es erlaubte … und sein Vater nicht auch noch mit ihm „reden“ wollte … Sirius schlang die Arme noch fester um seine Beine.
Er müsste nur ausharren … nur Geduld haben … ein paar Stunden - oder vielleicht einen Tag … und dann wäre die Dunkelheit schon wieder weit weg … So weit, wie es eben ging, im Hause Black.
„Jo, jo, Kumpel!“
Sirius öffnete blitzartig die Augen und ließ einen völlig anderen Gesichtsausdruck erscheinen.
Krone wanderte gut gelaunt auf ihn zu.
„Schon befreit von ihrer Hochnäsigkeit?“ James Potter hatte seit je eine Abscheu gegen die Gallagher-Tochter gehegt.
„Glücklicherweise“, grinste Sirius zurück. „Das Schicksal meinte es wohl gut mit mir.“
Und ich habe ein klein wenig nachgeholfen, fügte er in Gedanken hinzu.
„Das trifft sich super!“, Krone wedelte mit den Armen. „Ich hatte da nämlich gerade diesen Einfall, was unseren lieben Schniefelus betrifft und habe Moony und Wurmschwanz bereits eingeweiht …“
Und James Potter begann groß zu erzählen, während sie sich auf den Weg zurück zum Turm machten. Sich von der Gelöstheit und der Freude über den Plan anstecken lassend, fiel es Sirius Black leicht, unliebsame Gedanken und Erinnerungen dorthin zurückzustecken, wo sie hingehörten: in die tiefste Verbannung, die er in sich finden konnte.
~*~*~*~
Minerva McGonagall hatte in ihrem Leben schon vielen Gefahren und Schwierigkeiten ins Auge geblickt. Die Mutter früh verstorben, allein mit zwei Männern im Haus - ihrem Vater und ihrem jüngerem Bruder -, hatte sie schnell lernen müssen sich durchzukämpfen. Disziplin, Fleiß und ein eiserner Wille waren auf diesem Weg ihre ständigen und hilfreichen Begleiter gewesen; ein Weg, den die heutige Verwandlungs-Lehrerin immer noch bestritt. Die Schottin war also mit wahrlich vielen Wassern gewaschen.
Doch es gibt wohl Tage, an denen gerät auch der Härteste mal an seine Grenzen. Für gewöhnlich waren das die Momente, in denen es Minerva McGonagall mit vier „ganz besonderen“ Schülern ihres eigenen Hauses zu tun bekam: James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew - nie hatte die Lehrerin vier Namen schneller gelernt. Ihr erster Schritt in diese Schule hatte ausgereicht, um dem Chaos die Tür gleich mit zu öffnen! Die Hauslehrerin Gryffindors hatte nicht vergessen, wie zwei von den selbsternannten „Rumtreibern“ es noch am ersten Abend geschafft hatten, beinah ihren eigenen Rauswurf zu provozieren. Gut, die Lage hatte sich danach schnell geändert, und dennoch … Minerva überlegte bis heute, ob Albus' Strafarbeit im Nachhinein nicht alles bloß verschlimmert hatte - aber der schmunzelte stets nur, wenn sie das erwähnte. Besser war es jedenfalls nicht geworden: Potter und Black als beste Freunde sorgten regelmäßig dafür, dass ihre grauen Haare weiter fröhlich sprossen.
Aber, wie dem auch sei, Dank fünf Jahren intensiver Dauerbeschäftigung mit vier Unruhestiftern konnte Minerva McGonagall inzwischen kaum mehr etwas schocken - trotzdem hatte das nicht verhindern können, dass sich Sorgen vor dem heutigen Abend in ihr ausgebreitet hatten. Zwar hätte sie diesmal nur Sirius Black bei ihr sitzen, doch war der trotz Potters reiner Weste (für einen einzelnen Tag) nicht allein. Melody Roberts würde ihm Gesellschaft leisten. Ein Mädchen, das ihr nun seit Jahren schon keinen Ärger mehr bescherte. Früher, ja früher war das einmal anders gewesen …
Die Professorin erinnerte sich noch gut an ein kleines, blondes Mädchen mit zauseliger Mähne und einem Lächeln, das sofort ihre inneren Alarmglocken hatte aufschrillen lassen: „Potentieller Störenfried“ riefen sie.
Dabei hatte doch eigentlich alles dagegen gesprochen: Sie war gut in der Schule - besonders ihrem eigenen Fach -, hatte sich mit einem Mädchen wie Lily Evans die richtige beste Freundin ausgesucht und störte auch so nicht den Unterricht. Zumindest eine gewisse Zeit nicht.
Minerva hätte es wissen müssen. Sie sah Schalk hinter den Augen von Störenfrieden schon aufblitzen, bevor der Schüler sich selbst über seine Rolle klar wurde. Und auch bei diesem Mädchen hatte er nur darauf gewartet … gewartet, dass Sirius Black vorbei kam.
Bei diesem Gedanken musste Minerva auch heute noch gestresst die Augen schließen. Melody Roberts und Sirius Black: Eine Mischung, die höchst explosiv war - im wahrsten Sinne des Wortes. Wobei die Lehrerin dem Glauben treu bleiben wollte, dass erst Black diesen gefährlichen Drang in ihr geweckt hatte. Den Drang, Regeln in höchstem Maße zu missachten.
Es hatte noch harmlos angefangen, mit einer Lappalie, die fast kein Schüler im Laufe seiner Karriere an dieser Schule unterlassen konnte: sie redete während des Unterrichts. Minerva hatte sie zurecht gewiesen, und an einen Einzelfall geglaubt. Doch dann hatten sich diese kleinen „Lappalien“ gehäuft. Mit Zetteln war es weiter gegangen, danach hetzte sie zu spät in den Raum hinein - Black an ihrer Seite. Lachend. Minerva ließ sie beide einen Strafaufsatz schreiben. Die Wirkung war allerdings ausgeblieben: Die Verstöße nahmen nicht in ihrer Häufigkeit ab, stagnierten nur auf einem gleichbleibend hohen Level antiautoritären Verhaltens.
Hinzugekommen waren schließlich die Beschwerden von Kollegen über ähnliche Auffälligkeiten. Doch als wäre das noch nicht genug gewesen, setzte das Mädchen selbst ihrer Karriere als „Störenfried“ noch die Krone auf: sie ließ sich mit Black bei einem absolut kindischem und unmoralischem Streich gegen ihren Mitschüler Severus Snape erwischen. (Minerva wusste sehr wohl, dass die beiden nicht die einzigen Hintermänner gewesen sein konnten, doch gegen gewisse andere Personen hatten ihr damals die direkten Beweise gefehlt.)
Schließlich war es also gekommen, wie es kommen musste und die beiden hatten vor ihr, genau an diesem Schreibtisch gesessen. Ein Tag, den Minerva am liebsten vergessen wollte, da sie schon nicht in der Lage war, ihn rückgängig zu korrigieren.
Alles war ruhig gewesen - wahrscheinlich zu ruhig, sie hätte es bemerken müssen. Ihre Sinne täuschten sie sonst nie.
Da machte sie den einen Fehler, sich fünf Minuten Abwesenheit zu erlauben, um gewissen menschlichen Bedürfnissen nachzugehen, von denen sich auch eine disziplinierte Minerva McGonagall nicht loseisen konnte. Als sie zurückkam, hatte sie dafür Merlins Kessel getroffen.
Minerva traute ihren Augen nicht. Fünf Minuten! 300 Sekunden, in denen sie ihr Büro sich selbst überlassen hatte … Jetzt erkannte sie es kaum wieder.
Der Schreibtisch war umgeschmissen worden, ihre Blätter und Pergamente segelten teilweise noch durch die Luft und der Boden glich einem See. Pitsche-patsche machte es bei jedem Schritt, die letzte Putzeinheit der Elfen war somit ganz umsonst gewesen.
Und mitten drin standen die beiden Missetäter dieses Chaos: lachend, die Zauberstäbe erhoben, sich gegenseitig mit schwebenden Wassereimern und Schwämmen nass spritzend. Sie hatten nicht mal gemerkt, dass die Lehrerin wieder da war - in den Trümmern ihres heiligen Arbeitsbereiches.
Minerva atmete heftig ein und aus, bevor sich ihr Mund öffnete.
Nie hatte Minerva McGonagall derart laut rumgeschrien. Nie in ihrem Leben hatten Schüler das gewagt in ihren Räumen zu tun! Bestimmt eine Viertelstunde hatte sie nur damit zugebracht, die beiden Gryffindors vor ihr zu Flubberwürmern zu verarbeiten.
Seit diesem Tag hatte sich die Hauslehrerin eigentlich geschworen, Melody Roberts und Sirius Black niemals wieder gemeinsam in einen Raum zu stecken.
Doch inzwischen hatte sich ihre Meinung geändert. Dinge hatten sich geändert - fünf Jahre waren nun mal eine lange Zeit. Und ihren einstigen Schwur zu brechen, war nun das, was sie für das allerbeste hielt. Denn wer derartig unkollegial dauernd aufeinander losging - war es ja nicht so, als wäre diese Lehrerin taub für alles Hören-Sagen in der Schule, wie das die jungen Leute oft meinten - konnte keine andere Behandlung erfahren. Gemeinsame Strafarbeit hatte ja schon bei Potter und Black ein kleines Wunder bewirkt - nicht, dass sich Minerva unbedingt wünschte, noch so ein Pack wieder mehr zu haben.
Aber dann sah sie dieses Mädchen manchmal an … und erschreckte geradezu, wie sie sich entwickelt hatte. Der Unterschied zwischen ihrer kleinen Schülerin von einst und dem Teenager hätte nicht größer sein können. Was immer vorgefallen war, Minerva sah es für beide auch als eine von ihr gegebene Chance, sich endlich auszusprechen. Denn wahre Freundschaft, wie sie sie zwischen Sirius Black und Melody Roberts gesehen hatte, konnte nicht einfach so verschwunden sein. Etwas blieb immer übrig. Eine These, die sie sich auch selbst heute, an diesem letzten Tag der Strafarbeit, beweisen wollte.
Minerva schaute auf ihre magische Uhr an der Wand, deren Zeiger immer die exakte Uhrzeit verrieten. Sie hatte genau dasselbe Modell auch als Taschenuhr: die Umrandung in goldenem Messing gehalten, und nur ein schlichtes weißes Ziffernblatt mit römischen Zahlen im Innern. Das schätzte sie. Für anderen Schnickschnack hatte Gryffindors Hauslehrerin nichts übrig. Eine Uhr musste eben nur das, und nicht mehr als das können.
Der Minutenzeiger stand auf VI, demnach hätte sie noch eine halbe Stunde bis wenigstens einer von zwei Schülern einträfe (Es war hoffnungslos mit einem pünktlichen Sirius Black zu rechnen, was die Lehrerin jedoch nicht davon abhielt, ihn auch noch nach fünf Jahren dafür stramm stehen zu lassen - Ordnung musste sein.). Minerva zog ein säuberliches Pergament hervor. Sie hatte bereits alles für die Strafarbeit vorbereitet, da könnte sie sich in der übrig gebliebenen Zeit, noch einem anderem Problem zuwenden.
Der Brief war schon geschrieben, bloß überprüfte Minerva ein letztes Mal seine Korrektheit in Grammatik und Ausdruck, eine Angewohnheit, bei der sie sich gleichzeitig gut entspannen konnte. Sie empfand es einfach als sehr beruhigend, Texte zu korrigieren - wahrscheinlich war sie auch deswegen Lehrerin geworden.
Auf dem Umschlag, den der Brief in wenigen Minuten erhalten sollte, war bereits das Ziel vorgegeben:
Alastor Moody
Büro der Aurorenzentrale
Zaubereiministerium
Minerva hoffte, dass sie diesmal eine positive Antwort erhalten würde. Den ganzen letzten Monat hatte sie nun damit zugebracht, einen Brief nach dem anderen zu schreiben, immer mit derselben Antwort:
Alastor ist zurzeit auf einer wichtigen Mission unterwegs, das Datum seiner Rückkehr noch unbestimmt. Über Ihre Frage bin ich leider nicht befugt, Auskunft zu geben. Versuchen Sie es doch noch mal in einem Monat.
Mit freundlichen Grüßen, Andrew Potter
So leicht ließ Minerva sich nicht abwimmeln! Es konnte doch schließlich nicht sein, dass ein gesamtes Büro des Zaubereiministeriums keine Angaben über einen ihrer Auszubildenden zur Verfügung hatte. Wo war Figaro Garibaldi?
Minerva hatte immer noch sein Gesicht vor Augen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sie führte ein Gespräch mit Pomona, als er plötzlich neben ihr aufgesprungen und eiligen Schrittes einfach rausgelaufen war - das Gesicht blass geworden wie das eines normalen Engländers. Anderen hatte sie zwar auf Nachfrage später erzählt, dass ihm unwohl gewesen sei, aber in diesem Fall war das fast eine Lüge. Denn sein Verhalten musste in Wahrheit etwas mit dem Brief zu tun gehabt haben, den sie noch Minuten zuvor in seinen Händen gesehen hatte.
Wirklich beunruhigt war die Lehrerin aber erst, als auch Albus ihr nichts zu sagen vermochte. Er hätte nur ein kurzes Schreiben erhalten, in dem Professor Garibaldi darum bat, kurzfristig unbezahlte Beurlaubung zu erhalten. Albus ernstes Gesicht und die zusammengelegten Fingerspitzen kündeten dabei von Sorge - so viel hatte sie inzwischen an ihm durchschaut.
Ein Monat war nun vergangen, in dem niemand etwas von ihm gehört hatte. Allmählich wechselte Verärgerung Minervas Sorgen ab. Wenn dieser Junge keine Lust mehr hatte, an Hogwarts weiter zu unterrichten und stattdessen auf seine Abenteuerreisen mit Alastor Moody ging (denn das war ihr Verdacht), sollte er zumindest den Anstand besitzen, dies mitzuteilen! Minerva hatte Albus gewarnt. Vor ihm und Ludovic Bagman - letzteren hatte sie selbst noch als einen äußerst faulen Schüler kennen gelernt, der sich irgendwie zu seinem Abschluss durchgewurschtelt hatte. Beide würden sich nicht zum Lehrer eignen, hatte sie gesagt. Ludovic, weil er offenkundig nicht zum Vorbild für die Kinder taugte - und bei Garibaldi dasselbe, neben diesem komischen Gefühl, dass Minerva von Anfang an bei ihm gehabt hatte. Da spielte auch eine Ausbildung im Ministerium für sie keine Rolle. Nicht jeder spätere Auror war schließlich auch ein guter Lehrer.
Minerva beendete ihr Korrekturlesen und faltete den Brief sorgfältig zusammen, bevor sie ihn in den Briefumschlag steckte. Wenn ihr Bruder nur da wäre, könnte sie einen einfacheren Weg gehen, schließlich arbeitete er im selben Büro wie Alastor Moody und Figaro Garibaldi. Nur war Marcus McGonagall im Moment ebenfalls auf wichtiger Mission irgendwo in Siebenbürgen: die Vampire machten mal wieder Probleme und das Ausland hatte Hilfe angefordert.
Dann muss es eben der lange Weg sein! Und wenn Minerva noch fünfzehn Briefe würde schreiben müssen, sie würde nicht eher Ruhe, bevor sie eine zufriedenstellende Antwort bekam.
Ein weiterer Blick zur Uhr verriet ihr, dass sie noch gut fünfzehn Minuten hätte. Das wäre ausreichend. Minerva machte sich auf den Weg zur Eulerei. Ein Problem wäre damit angegangen … und das andere würde sie gleich noch heute Abend lösen. Das glaubte jedenfalls Minerva McGonagall.
~*~*~*~
Zum wiederholten Male blickte Sirius zuerst auf das Stück Pergament vor ihm, dann erneut hoch zu seiner Hauslehrerin. Was sollte das werden? Sie ließ sie doch niemals mit einer einfachen Aufgabe, wie Sätze schreiben davon kommen! Das war schließlich ihre letzte Strafarbeit zusammen, und man konnte sich darauf verlassen, das Gonni eine solche Stunde immer etwas Besonderes werden ließ. Etwas besonders Unangenehmes für den strafarbeitenden Schüler.
„Nun, wie Sie sehen, werde ich zum Abschluss heute, einen gänzlich anderen Weg mit Ihnen beiden einschlagen.“
Allerdings! Bis jetzt hatten sie beide schließlich nur schuften dürfen: ob Professor Sprouts eigenwillige und heimtückische Pflanzen umtopfen oder die Scheiße anderer Schüler aus den Klos zu kratzen - Gonni hat mit ihnen das gesamte Programm durchgenommen (Sirius kannte sich da ja aus …). Am besten war ihre letzte Aufgabe gewesen: vier Sitzungen, in denen sie unter Filch' kritischen Augen den Boden in der großen Halle geputzt hatten - mit Zahnbürsten! Gab es eine größere Sisyphosarbeit? Denn nach der nächsten Mahlzeit hatten spätestens hunderte von Füßen dafür gesorgt, dass Sirius nicht mehr wusste, welchen Teil er überhaupt geschrubbt hatte. Aber wenn der arme Hausmeister Hogwarts' noch immer keine Erlaubnis zur Folter bekam, musste er die Schüler wohl wenigstens ein bisschen quälen dürfen.
„Doch, wenn Sie sich daran erinnern, wie Sie hier gelandet sind, wird sicher auch Ihnen einleuchten, dass körperliche Ertüchtigung in diesem Fall von wenig nutzen ist.“
Und wozu hab ich dann auf den Knie gehockt und mir Blasen durch eine Zahnbürste zugefügt?! Sirius hatte schließlich ein paar Tage nur deswegen unter Schmerzen Gitarre spielen können! Madam Pomfrey hatte ihn wegen so einer Kleinigkeit ja nicht behandeln wollen:
„Strafarbeit ist Strafarbeit, Mr Black! Da müssen Sie halt jetzt durch.“
Sirius glaubte, dass die in Wahrheit einfach spitz gekriegt hatte, dass er an Roberts' „Verschwinden“ nicht so ganz unschuldig gewesen war …
„Also, ich lasse Sie heute ein Resümee ziehen: Sie schreiben mir auf, was Sie aus dieser gemeinsamen Strafarbeit gelernt haben und warum ein ähnlicher Vorfall nicht wieder eintreten wird.“
Sirius starrte seine Hauslehrerin gequält an.
„Na los, fangen Sie an!“, forderte diese jedoch erbarmungslos. „Ich erwarte, dass zum Ende der Zeit ihr Pergament voll ist.“
Unmotiviert griff Sirius nach seiner Schreibfeder. Schreiben, uägh! Sehr viel schreiben - noch schlimmer! Der Blackspross erinnert sich an viele unsinnige Aufsätze, die er bereits hatte machen müssen (wenn Moony - in seiner mütterlich besorgten Art - das nicht schon erledigt hatte, weil Sirius sich mal wieder bis Toresschluss rumdrückte). Wie hatten ihn diese Dinge bisher weiter gebracht?
Aufschreiben war überflüssig. So sah das Sirius auch bei seinen Hausaufgaben. Warum sollte er irgendwas lang und breit über Metern von Pergament erklären, wenn er es doch schon wusste? Zwar würde es Sirius grundsätzlich nicht schwer fallen, Sätze und Antworten in seinem Kopf zu finden, bloß … fühlte er eben absolut keinerlei Motivation, diese zu notieren. Es er schien ihm einfach sinnlos, so viel Energie da reinzustecken.
Aber es musste wohl sein. Heute kam er nicht dazu, sich zu drücken - und Moony war weit und breit nicht zu entdecken.
Wenn wenigstens Krone hier wäre …
Es war einfach aufbauend, wenn der beste Freund neben einem saß und mit Blicken deutlich zu verstehen gab, wie sehr ihn diese Prozedur ebenfalls quälte.
Sirius warf einen kurzen Blick nach rechts. Erstaunlicherweise saß Melody Roberts sogar genauso unbegeistert neben ihm, wie er wohl gucken musste. Die Feder lag zwar in ihrer Hand, doch das Pergament erhielt keine Buchstaben, nur ihren starrenden Blick.
Noch jemand, der keine Ahnung hat …, freute es insgeheim Sirius diebisch.
Da änderte sich die Szenerie. Plötzlich kam Leben in seine Nachbarin. Ihr Gesicht verzog sich kurz zu einem grimmigen Lächeln, dann legte sie auch schon los.
Sirius starrte auf sein eigenes leeres Blatt zurück und wurde sich mehr denn je bewusst, von seiner Hauslehrerin auf jeden Wimpernschlag beobachtet zu werden. Merlin, konnte die nicht mal wenigstens fünf Minuten aufs Klo verschwinden?
Sirius verstand ja nicht, was die hatte. Selbst Krone und ihn ließ sie im Pokalzimmer allein. Aber ihn und Roberts? Keine Chance. Die ganzen Strafarbeiten über, waren sie beide nicht ein einziges Mal unbeobachtet geblieben. Als würde jeden Moment sonst eine Bombe hoch gehen oder so was … Das allein hatte Sirius ziemlich die Tour vermiest! Dabei hatte er die Strafarbeiten doch so schön eingeplant gehabt, um Phase 2 einzuleiten und sich kräftig weiter zu Roberts' Höschen vorzuarbeiten. Aber davon war er ja sowieso noch weit entfernt …
Er wusste nicht, was falsch lief, aber seine gesamte Charme-Offensive schien nichts zu nützen! Bei Roberts, so sah es aus, kämpfte man auf verlorenem Posten, noch bevor man angefangen hatte. Da riss er sich am Riemen, war freundlich wie nie zu ihr, dass er es selbst nicht glauben konnte, dass das Sirius Black war - und was bekam er dafür? Einen komischen Blick. In zwei Varianten. Und beide konnte er nicht deuten!
Und als er noch einen Schritt weiter gegangen und in Wahrsagen nicht nur freiwillig ihr Partner geworden war (er hatte Krone den halben Morgen dafür erklären müssen, dass er deswegen nicht aufhören würde, sein bester Freund zu sein), sondern sie sogar offen angemacht hatte - war was passiert? Nichts. Überhaupt nichts. Ach ja, bis auf eine Reihe dieser komischen Blicke wieder. Sirius begann sie langsam zu sammeln.
Was funktionierte bei Roberts nicht richtig? Er sah gut aus und war charmant zu ihr. (So charmant wie er jedenfalls vorspielen konnte.) Jedes Mädchen würde sofort darauf reagieren! Nur sie … sie tickte einfach nicht richtig! Sirius hatte es doch schon immer gewusst. Wer weiß, vielleicht lag er mit seiner These gar nicht so falsch, dass sie über keinerlei Gefühle verfüge.
Sirius starrte erneut zu ihr. Ihr Pergament hatte sich bereits gut mit Wörtern gefüllt. Wieder glitt sein Blick auf sein eigenes leeres zurück. Sirius kniff die Augen zusammen, deutlich nahm er das stetige Kratzen ihrer Feder wahr, als wäre es eine Herausforderung …
Pah, wenn sie dachte, er würde wie ein literarischer Volltrottel hier neben ihr sitzen bleiben, irrte sie sich aber gewaltig! Der Rumtreiber griff nach seiner Feder und tauchte die Spitze ins Tintenfass. Ihm würde schon was einfallen … Seine Augen wanderten wiederum zu Roberts. Irgendwas Nettes würde ihm einfallen … Und mal sehen, ob sie dann noch immer so gleichgültig bleiben konnte, wie die letzten Wochen.
„Die Zeit ist um. Legen Sie Ihre Feder bitte weg, Mr Black. Ich bin mir sicher … dass es genügen wird, das zu hören, was sie uns zu sagen haben.“
Sirius blickte auf mit dem charmanten Lächeln, von dem er wusste, dass es auch seine Hauslehrerin nicht ganz unberührt ließ. Die Professorin rückte die Sachen auf ihrem Tisch neu zurecht. Ha! Es funktionierte einfach immer.
Sirius warf kurz einen letzten überfliegenden Blick auf seinen Text zurück. Gonni dachte bestimmt, er hätte nicht gerade nette Sachen geschrieben - aber der Black-Spross musste sich geradezu selbst die Hand schütteln, wie freundlich ihm seine „Meinung“ zur Strafarbeit gelungen war. Freundlich schleimig. Es schien ihm fast etwas zu dick aufgetragen.
„Miss Roberts, da sie als erste fertig waren, fangen Sie doch bitte an: Was haben Sie aus dieser Lektion gelernt?“
Die Angesprochene griff mit demselben Lächeln, das er auch zu Beginn ihres plötzlichen Schreibwahns gesehen hatte, zum Text:
„Wenn ich eins bei der ganzen Sache gelernt habe, dann dass mir Blacks derartige körperliche Nähe bei einer Strafarbeit so zuwider ist, dass ich mich nie wieder auf sein Kindergartenniveau herablassen werde, um mich mit ihm streiten zu können. Es ist auch generell viel zu anstrengend, da man sehr langsam und einfach sprechen muss, um von ihm verstanden zu werden und gleichzeitig sein affenähnliches Gebären zu ertragen hat.
Von daher wird ein öffentlicher Streit von meiner Seite bestimmt nicht wieder vorkommen, doch ich möchte noch mal betonen, dass auch die Situation, die die jetzige Lage herbeigeführt hat, ganz allein ihm zu verdanken war. Ich habe nur Selbstverteidigung geübt.
Aber demnächst gelobe ich mehr rücksichtig auf Blacks zurückgegebliebenen Verstand und seine schwere Kindheit zu nehmen. Schließlich bin ich mir fast sicher, dass das allein daran Schuld ist, dass er den ganzen Tag so viel verbalen Nonsens von sich gibt.“
Roberts blickte auf. Ein leichtes Lächeln verbarg sich in ihren Mundwinkeln. Sirius' Hände umspannten derweil die Lehnen seines Holzstuhls, dass die Knöchel weiß hervortraten. Und Professor McGonagall saß farblos geworden auf ihrem Stuhl. Es wirkte, als hätte sie noch nie etwas erlebt, was sie mehr schockiert hätte.
„Miss Roberts … bei allen guten Geistern Hogwarts' - ich hoffe inständig, dass das nicht Ihr Ernst war!“
Doch die blonde Gryffindor lehnte sich geradezu stolz zurück und verschränkte die Arme:
„Was? Sein affenähnliches Gebären ist wahr, auch wenn ich zugeben muss, dass er darin von Potter übertroffen wird. Nur fuchtelt der mehr wie ein Schimpanse, wo Black hier Gorilla-Gene abzubekommen haben scheint.“
Das alles erzählte sie in einem viel zu normalen Tonfall, als säße sie nicht neben ihrer strengen Hauslehrerin, deren Stirn langsam rot anlief und einem schnaufenden Sirius. Der musste sich nämlich immer stärker unter Kontrolle halten, in dem er sich so tief wie irgend möglich in seinen Stuhl presste.
Ich werde sie nicht strangulieren. Ich werde sie nicht strangulieren …, wiederholte der Black-Spross behäbig in seinem Kopf.
„Miss Roberts!“, die Stirnfarbe ihrer Professorin verteilte sich nach und nach über ihr gesamtes Gesicht. „In meiner ganzen Laufbahn an dieser Schule - und ich hatte es nun schon einige Jahre mit Mr Black und seinen Freunden zu tun -, ist mir nicht ein einziges Mal ein derart stures, unhöfliches Gebaren unter die Augen getreten! Was erlauben Sie sich überhaupt?!“
Melody Roberts zuckte nicht auf ihrem Stuhl. Nicht mit einem einzigen Glied.
„Ich habe eben nur die Wahrheit gesagt. Ich kann Black leider nicht ausstehen. Mag sein, dass ich damit zu einer Minderheitspopulation des weiblichen Geschlechts an dieser Schule gehöre, aber Strafarbeit ändert nichts an seiner Idiotie. Ich verspreche nur, mir mehr Mühe zu geben, sie zu übersehen!“
„Sie bockiges Kind!“, knallte die McGonagall mit der Faust auf den Tisch. „Aber schön, wenn Sie es so wollen …“, ihr Blick fixierte kurz Sirius, der mehr denn je damit beschäftigt war, seine Mordphantasien auch Phantasien bleiben zu lassen. „Mr Black, Sie können Ihren Aufsatz von mir aus zerreißen!“
„Was?!“, gab ein brüskierter Sirius von sich. Immerhin hatte er wirklich Kraft in diesen Schleimaufsatz reingesetzt.
„Sie haben mich schon richtig verstanden! Da Miss Roberts ja der Ansicht ist, dass sie beide immer noch nicht Frieden schließen können, werde ich Ihnen wohl weitere Chancen dazu geben müssen!“
Sirius schluckte.
„Aber …“
„Ruhe!“ Er verstummte abrupt. Merlin, wann war Gonni das letzte Mal so rasend gewesen?
„Ich weiß noch nicht genau, was, aber stellen Sie sich darauf ein, nach den Weihnachtsferien in ihrer Freizeit Zusatzbeschäftigung zu erhalten. Und wenn ich nicht genug zu tun hätte, als mich mit ihrem kindischem Verhalten - Ja, Ihrem ganz besonders Miss Roberts! - dauernd auseinanderzusetzen, würden Sie schon in der Weihnachtszeit schuften! Ich hoffe stattdessen, Sie beide nutzen die Zeit, um über meine folgenden Worte einmal gut nachzudenken: Es ist mir vollkommen gleich, weswegen Sie sich streiten, aber Gryffindor ist ein Haus des Zusammenhalts und der Kollegialität! Das sollte Ihnen längst klar sein. Und vielleicht erinnern Sie sich bei Gelegenheit auch einmal, wie zwei meiner Schüler vor vielen Jahren genau dieses Büro zum Spaß in Trümmer gelegt haben. Ja, ich meine Sie zwei!“, knallte sie es ihnen ins Gesicht, als beide genau gleichzeitig demonstrativ wegschauten. Sirius umklammerte wiederum fest seine Holzlehnen.
„Herr Merlin!“, gab die Professorin entnervt von sich. „Es kann doch nicht wahr sein, dass sie beide alles schon begraben haben!“
Und ob!, dachte Sirius stur.
Nein, er wusste nicht, wovon Gonni redete. Wollte es nicht wieder wissen. Kurz wanderte sein Blick zu seiner Nachbarin. Für einen Moment musterte sie ihn ebenfalls aus den Augenwinkeln heraus. Plötzlich konnte auch Sirius' Sturheit nicht verhindern, dass er etwas hörte, was nie mehr wieder hören wollte:
„Sirius, was tust du da?“
„Ich erobere meine Freiheit zurück.“
„Du stehst auf Gonnis Schreibtisch.“
„Kleines, das nennt man offene Rebellion, das bedeutet Freiheit!“
„Hast du vorhin wieder diesen komischen Pudding in dich reingestopft?“
Nein! Sirius' Körper spannte sich an, die Augen wurden schmal. Er wollte das nicht! Und was er nicht wollte, wurde aus seinem Kopf verbannt.
Abrupt kehrte die Stille in seine Gedanken kehrte zurück. Mit derselben Verbohrtheit wie zuvor, konzentrierte Sirius sich wieder auf seine Lehrerin.
„Denken Sie über das nach, was ich Ihnen gesagt habe. Und nun … gehen Sie beide, dass ich Sie heute Abend nicht mehr sehen oder weitere disziplinarische Maßnahmen ergreifen muss!“
Gonnis Blick war mehr als eine Aufforderung schnell zu verschwinden, da verließ selbst der leicht zornige, leicht sture Sirius sehr schnell freiwillig seinen Platz. Draußen angekommen, war die Luft eindeutig schon besser zu atmen - nur kühlte sie sein Gemüt nicht ab. Sirius drehte sich um - sie war mit einem zackigen Schritt, der es äußerst eilig zu haben schien, bereits etliche Meter voraus. Zuerst folgte ihr nur sein dunkler Blick hinterher, dann setzten sich Sirius' Beine ebenso rasch auf ihre Spur. Er hatte noch kein einziges Wort ihres Aufsatzes vergessen. Und Sirius war nicht nur wütend darüber, dass es ihm zusätzlich Strafarbeit einbrachte, nein, noch viel mehr ärgerte ihn, dass seine ganze Arbeit über die Wochen wohl tatsächlich umsonst geblieben war: sie konnte ihn nach wie vor nicht ausstehen. Kein bisschen. Wie hatte er nur je glauben können, das würde sich ändern?! Sirius fing ehrlich an, diese dumme Wette zu bereuen.
Beim Portrait der fetten Dame konnte er sie schließlich einholen. Was kein Wunder war - denn die dicke Frau im rosa Kleid war gar nicht da. Vermutlich wieder einen ihrer Trinkausflüge mit ihrer Freundin feiern gehen. Sirius war das im Moment herzlich egal.
„Sag mal, spinnst du, Roberts?!“, brüllte er sie an. Über so einen langen Weg von Gonnis Büro bis zu ihrem Turm, hatte sich reichlich Wut zusammensammeln können.
Er erntete einen unbeeindruckten Gesichtsausdruck.
„Wegen dir hab ich jetzt schon wieder Strafarbeit an der Backe! Meinst du nicht, ich hab was Besseres zu tun, als mit dir zusammen irgendwo zu schuften?!!“
Sie erwiderte gar nichts. Aber fast schien sie lächeln zu wollen.
„Hör auf so dämlich zu gucken! Konnte dir nicht was Besseres, Netteres einfallen? Etwas, was Gonni vielleicht nicht gleich auf die peitschende Weide bringt?!“
„Was?“, sie lachte auf. „Hätte ich etwa rumschleimen sollen, wie sehr ich dich jetzt mag - dass ich am liebsten gleich Sex in der nächsten dreckigen Besenkammer mit dir möchte? Nein, danke, Black!“ Angewidert verzog sie das Gesicht. „Strafarbeit mit dir ist scheiße, aber meine Würde bedeutet mir etwas. Außerdem brauchst du nicht so zu tun, als hättest du was Nettes über mich geschrieben. Ich hab dein dämliches Grinsen beim Schreiben bemerkt!“
„Roberts“, Sirius war wieder gänzlich beim alten Ton vom vorigen Monat angekommen, „es ist nicht meine verdammte Schuld, wenn du hinter jedem Lächeln gleich ein abgründiges Grinsen vermutest. Misanthrop!“
„Und es war nicht meine Schuld an diesem blöden Morgen, dass wir überhaupt in diese beschissene Lage gekommen sind. Arschloch!“ Sie betonte die zwei Silben des letzten Wortes überdeutlich.
„Halt einfach dein Maul!“, brüllte Sirius zurück. „Es hat uns heute schon genug Schwierigkeit eingebracht, Miststück!“
„Das hättest du wohl gern, Adonis!“ Sie reckte ihm ihr Gesicht unbeugsam entgegen.
So wurde aus einem Wortduell ein Gefecht der Augen. Und wer zuerst Blinzeln würde, hätte verloren.
„Tatze?“, kam ein Gähner von der Seite.
Beide Kontrahenten blinzelten gleichzeitig irritiert Richtung fette Dame.
„Und Roberts! Wusst ich's doch, dass ich eure zarten Stimmlein gehört habe!“
James Potter grinste ihnen breit aus dem Portraitloch hängend entgegen.
Auf einmal wurde Sirius etwas bewusst. Ein dunkler Gang - die fette Dame - allein - nur sie - so nah bei ihm. Und nun auch noch James Potter, der aus einem Portraitloch guckte … Ohne seine Füße zu bewegen, suchte er wieder ein Paar dunkelblauer Augen. Zufällig drehte auch sie genau in diesem Moment ihren Kopf zurück, und … nichts. Da war einfach nichts.
Natürlich ist da nichts! Was sollte da auch schon sein, außer Hass, Abscheu und Ekel!, nickte ein innerer Sirius ihm zu.
„Was macht ihr eigentlich noch hier draußen?“, ließ Krone unter einem weiteren Gähner seinerseits als Frage erklingen.
„Was wohl?“, erklangen Roberts' sarkastische Töne. „Die fette Dame kippt sich wieder mal einen hinter die Binde, und Black spielt Gorilla, dem man die Banane geklaut hat!“
Ein Nerv zuckte in Sirius. Aber er musste lernen, seine Contenance wieder zu bewahren. Er wollte diese Wette gegen Bellatrix um jeden Preis gewinnen! Auch wenn er dafür seine Würde eine Weile unter den Tisch kehren müsste - am Ende würde er schließlich als Sieger dastehen. Und das Miststück wäre gebrochen.
„Aber nur, weil Roberts sich anscheinend nicht mehr von mir trennen mag und nun Gonni dazu angestiftet hat, uns aneinander noch näher zu bringen!“
Sie dreht sich zu ihm um. Sirius schaffte es sogar ein ansprechendes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern - dafür erntete er allerdings dasselbe wie immer. Roberts guckte nur eigenartig, fast als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank.
„Potter, bring deinen Kumpel in die Küche, ich glaube sein Hunger frisst ihm gerade das eigene Gehirn weg!“ Und damit wandte sie sich um, und drängte sich an ihrem Quidditchkapitän vorbei ins Portraitloch.
„Eigentlich keine schlechte Idee“, kratzte sich sein Freund am Kinn. „Ich hatte sowieso plötzlich Appetit auf Schokokekse … Was ist Tatze, kommst du?“ Lief Krone prompt auch schon los.
Sirius' Beine hatten ihm allein beim Wort Schokokekse sofort folgen wollen, aber …
„Ach, nee, lass mal!“, winkte er eiligst ab und machte sich ebenfalls auf Richtung Portrait-Loch. „Aber bring mir ein paar mit, sonst muss ich Wurmschwanz wieder beklauen!“
Sirius sah noch die ungläubig großen Augen seines Freundes, ein Essensangebot ausgeschlagen zu haben, ihm hinterherstarren, aber Sirius hörte hier auf ein Gefühl. Und das sagte ihm, dass er schleunigst einem blonden Mädchen folgen sollte …
„Hey, Roberts!“, rief Sirius, als er sie schon im Begriff sah, die Treppen zu erklimmen. „Willst du nicht noch Gute Nacht sagen, schließlich werden wir demnächst so viel Zeit miteinander verbringen, da sollten wir schon mal an unserer Beziehung arbeiten, findest du nicht?“, kam ihm die Frage geradezu neckisch über die Lippen.
Sie blieb stehen. Spannte die Schultern an.
„Black, hör lieber auf! Ich bin müde und genervt von Zeit mit dir. Also, halt deine große Klappe, wenn du nicht willst, das meine Faust dir gleich Gute Nacht sagt!“
Junge, sie kam ihm tatsächlich etwas gereizt vor. Aber Sirius störte das nicht, nein, er grinste sogar. Plötzlich fühlte er sich sehr überlegen.
„Ach, ein Gute-Nacht-Kuss würde mir schon reichen …“
„Black, was soll das?!“
Sie hatte sich urplötzlich umgedreht und schaute ihn finster an. Er kannte diesen Blick bereits zur Genüge. Das war der andere eigenartige Ausdruck in ihren Augen, den er bisher nicht zu deuten vermochte. Doch das hielt Sirius nicht davon ab, seine kleine Neckerei fortzusetzen. Dafür machte es gerade zu viel Spaß.
„Was denn Roberts, bist du etwa so scheu wie -“
„Hör endlich auf! Ich weiß nicht, was das soll! Ich weiß nicht, was dieser ganze Quatsch seit Wochen soll …“ Beim letzten Satz war sie immer leiser geworden. Anscheinend hatte sie ihn gar nicht laut aussprechen wollen. Aber Sirius hatte zugehört. Und Sirius hatte verstanden. Endlich verstanden.
„Geh einfach schlafen und wach nicht wieder auf Black. Nie!“, spie sie ihm wütend ins Gesicht. „Damit hättest du der Welt wenigstens einmal etwas Gutes getan!“ Sie drehte sich um und stapfte vor ihm die Treppen zu den Mädchenschlafsälen hoch.
„Oh, ich wünsche dir auch süße Träume, Roberts!“, warf er ihr hinterher.
Eine Tür knallte. Sirius lächelte.
Oh ja, träum süß … von mir! Oder wie ich dich verwirre …
Sirius konnte eigentlich nicht glauben, wie einfach des Rätsels Lösung war. Aber er hatte sie soeben aus ihrem eigenen Mund vernehmen können.
Und die ganzen Wochen hatte er geglaubt, kaum Wirkung auf Roberts gehabt zu haben! Jetzt wusste er, was los war. Sie war von seinem Verhalten irritiert. Verstand gar nicht, was da geschah. Im Prinzip benahm sie sich damit auf ihre eigene Weise nicht anders als ein Mädchen, das zum ersten Mal von einem Jungen angeflirtet wird. Tja, sie war eben doch noch äußerst jungfräulich …
Vielleicht sollte er das mal ändern. Oh ja, Sirius hatte im Gefühl, dass es dringend Zeit war, Phase 2 einzuleiten.
Zieh dich schon mal nicht zu warm an, Roberts …, grinste Sirius Black in die Dunkelheit des Gemeinschaftsraumes hinein. Jetzt begann das Spiel erst wirklich.
~*~*~*~
„Und? Wie weit sind wir?“, fragte eine Stimme. Der dazugehörige Mann stand am Fenster und schien hinauszuschauen.
Die angesprochene Person, die soeben durch die Tür getreten war, kniete trotzdem ehrerbietig nieder.
„Mein Lord, Eure Botschaft ist soeben übermittelt worden. Alles ist zu Eurer Zufriedenheit verlaufen.“
Der Mann vom Fenster sah immer noch durch eben dieses hinaus.
„Das sind Neuigkeiten, die ich hören wollte. Gut, ihr habt Euren Meister nicht enttäuscht.“ Ein leises, hohes Lachen brach sich durch die Stille des Raumes. „Schon Morgen sollen Sie es alle wissen …“ Das Lachen wurde lauter. Aber es füllte den Raum nicht mit Glück oder Fröhlichkeit. Seine Sprache redete bloß von einer grausamen Zufriedenheit.
„Mein Lord, es gibt da nur eine Sache …“
„Was?“ Das Lachen brach abrupt ab. Nun war der Ton scharf wie ein Messer.
Der Mann auf dem Boden versuchte seine zitternden Hände zu verbergen.
„Es ist keine große Sache, Herr …“
„Wenn es so ist, warum kann ich deine stinkende Angst sogar hier vorn noch riechen?“, kam es gefährlich ruhig. „Sag deinem Herrn die Wahrheit!“
„Wi-wir haben bloß den Tag verwechselt, mein Lord! Die Familie war nicht da, aber das Haus ist-“ Grünes Licht erfüllte den Raum, ein Körper kippte unter dumpfen Aufschlag zur Seite. Stille erfüllte erneut den Raum.
Der Mann am Fenster ließ den Zauberstab ungerührt zurück in seine Tasche sinken. Einzig eine Prise Wut erfüllte ihn - ansonsten herrschte die eisige Gleichgültigkeit, mit der er schon geboren wurde.
„Avery“, sagte der Mann. Sofort war rasches Fußgetrappel draußen zu hören. Ein weiterer Diener betrat den Raum.
„Räum das da weg, und dann schick ihn herein. Er soll mich über die Lage informieren - und diesmal will ich wirkliche Fortschritte sehen!“
„Ja, mein Lord“, murmelte der Mann namens Avery kleinlaut.
„Was sagtest du?“ wurde es ruhig gefragt.
„Sofort, mein Lord!“, wiederholte Avery lauter.
Schon nach kurzer Zeit schloss sich die Tür ein drittes Mal in dieser Nacht. Die Stille zog in den Raum zurück. Doch jetzt hatte sich etwas über sie gelegt: das Geräusch des Todes.
Der Mann am Fenster schien erneut die Landschaft außerhalb zu betrachten. In Wahrheit hatte er die vegetationsreiche Welt um seinen Aufenthaltsort noch nie wahrgenommen. Er wüsste sie auch gar nicht zu schätzen. Seine Gedanken galten allein Dingen, die mit Macht zu tun hatten - und dem Streben nach derselbigen.
Sein Diener war dabei nur ein Hindernis auf diesem Weg gewesen: Er hatte es beiseite geräumt. Die schwachen Glieder mussten aussortiert werden - der erneute Patzer hatte nur den Anlass geliefert.
Es ärgerte ihn immens, dass er diesem Schwachkopf überhaupt einen derart wichtigen Auftrag übergeben hatte. Nun war alles zunichte. Der Moment war verpasst. Er müsste sich wieder gedulden, erneut auf die Lauer legen.
Der Türknauf wurde gedreht. Wenigstens der nächste sollte gute Nachrichten mitbringen - denn wenn dieses Vorhaben scheitern sollte, wäre er wirklich verärgert! Zu viel Zeit hatte er gerade dorthinein investiert.
Jemand betrat den Raum. Der Dunkle Lord drehte sich vom Fenster weg. Zum ersten Mal an diesem Abend. Sein fähigster Diener kniete vor ihm, mit dem gleichen Feuer glühender Verehrung in den südländischen Augen wie am Tag seines Treueids.
„Nun, erzähl mir, wie laufen die Dinge … in Hogwarts?“
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Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
Ich bin nicht so blöd, mitten im Winter in Edinburgh eine unbeheizte Wohnung zu mieten.
Joanne K. Rowling