
von artis.magica
Keine Geheimnisse mehr
Hermines Schritte waren hektisch, als sie die lange Treppe in den Garten hinunter stieg, ja beinahe rannte. Sie musste ihren Kopf auslüften, brauchte einfach nur frische Luft. Sie wusste nicht genau, was sie so antrieb, aus diesem Haus zu kommen. Waren es die Erinnerungen an das, was sie hier erlebt hatte oder war es ihre Unfähigkeit, sich mit der gegenwärtigen Situation zu arrangieren?
So wunderbar der Rückhalt und das Wissen um die Zuneigung Severus’ auch waren, sie konnten Hermine nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie hier ein Gast war, den man notgedrungen mit dem Freund hatte aufnehmen müssen. Je mehr sie sich damit beschäftigte, sich vor Augen führte, dass sie im Grunde genommen nur geduldet war, weil Severus es so wollte, umso mehr traf sie es bis tief ins Herz und ihre Stimmung sank auf einen Punkt, von dem sie geglaubt hatte, dass es ihn eigentlich gar nicht geben könnte.
Nun, Hermine tat nicht unbedingt viel, um der Situation, in welcher sie sich unfreiwillig befand, etwas Positives abzugewinnen. Stattdessen pflegte sie ihre Erbitterung gegen das, was ihr hier widerfahren war und ihren Unglauben und die Zweifel an Lucius Malfoys Gesinnung. All ihre Gesten, ihr Blick, ihr ganzes Wesen drückte diese Ablehnung nur zu deutlich aus und sie gab sich nicht einmal groß Mühe, es zu verstecken. Und in ihrem Zorn bemerkte sie nicht, dass die Falte auf Severus’ Stirn tiefer wurde, je länger dieses Schauspiel andauerte.
Dabei wusste sie, dass es war falsch war, sich so abzukapseln, sich so stur zu stellen und doch konnte sie einfach nicht anders. Vielleicht bildete sie es sich in ihrer Rage nur ein, aber immer wieder fühlte sie sich in Gegenwart des Hausherrn beobachtet, beinahe belauert. Sie fühlte sich äußerst unwohl und alles in allem unwillkommen, und ganz besonders dann, wenn Severus so vollkommen ungezwungen und frei mit Lucius Malfoy umging, wenn sie lachten und erzählten... Und auf sein Gesicht zauberten das Vertrauen und die wieder gewonnene Zwanglosigkeit ein seltenes Lächeln, das sie so mochte und das trotzdem nicht ihr galt.
Es war nicht so, dass man sie ausgrenzte. Hermine hatte deutlich gespürt, wie bemüht ihre Gastgeber dennoch waren. Ein paar Mal hatten sie auch versucht, sie in ihre Gespräche mit einzubeziehen. Doch so richtig in Fluss kamen sie nie. Hermine fühlte sich überzählig, wie ein Fremdkörper, der die Harmonie zwischen den anderen nur störte. Dann wurde sie nachdenklich, schien mehr und mehr abwesend; dann bat sie, sich zurückziehen zu dürfen und verkroch sich in ihrem Zimmer.
Die beiden letzten Tage im Hause Malfoy hatten Hermine still gemacht, in sich gekehrt, wütender denn je und als sie es jemals selbst von sich gedacht hätte ... und sie war noch etwas - eifersüchtig. Die Versicherung Severus’, dass ihm sein Leben wichtiger war als Lucius’ Meinung von ihm, hatten Hermine nur für den Augenblick beruhigt.
Ja, Hermine war eifersüchtig. Sie gestand es sich nicht ein, aber genau das Wenige, was bisher ihr gegolten hatte, und was sie als unendlich kostbar empfunden hatte, musste sie jetzt teilen. Und Hermine erkannte auch nicht, dass das, was sie letztendlich in die gewollte Einsamkeit trieb, purer Egoismus war. Sie hatte bisher noch nie so empfunden und gerade weil sie sich die persönliche Lage, in welcher sie sich gegenwärtig befand, einfach nicht zu erklären vermochte, erschien sie ihr um so erschreckender.
Hermine blieb stehen und starrte vor sich auf den Boden. Sie wusste, sie stand sich selbst im Wege. Sie wollte es ändern, doch so sehr sie es auch wollte, es gelang ihr einfach nicht.
Ganz langsam ging sie weiter, durch den Garten, und setzte sich ganz in Gedanken versunken auf die Bank, die unter einer riesigen Buche stand. Sie zog ein Bein an und schlang die Arme darum.
Sie fühlte und schaute, doch sie spürte nicht den Wind, der die Blätter sanft rauschen ließ, sie sah nicht die Sonne, die ihre Strahlen wie Lichtbänder durch das dichte Laub sandte und sie wärmte. Sie sah nichts als ihre eigene kleine Welt, in die sie sich zurückgezogen hatte und die ihr das Herz hart machte. Und noch etwas hatte Hermine aus den Augen verloren. Es war Severus, von dem sie dachte, dass er sie mehr und mehr vergaß, je länger er hier war ... doch er war ihren sich ihres gegenwärtigen Gemütszustandes durchaus bewusst.
Er stand jetzt auf dem Balkon vor dem Salon und blickte nachdenklich in den großzügig angelegten Park des Malfoyschen Anwesens hinunter. Sein aufmerksamer Blick folgte Hermine, wie sie gedankenverloren durch den Garten schritt und sich schließlich unter einem Baum niederließ.
Severus’ Stimmung verdüsterte sich, wenn er an die beiden Tage dachte, die sie jetzt hier waren. In dem Maße, wie er sich aus seiner Starre löste, er befreiter atmete und bemerkte, wie das Leben endlich wieder in ihn zurückströmte, schien Hermine in eben diese Starre zu verfallen, schien verschlossener, ablehnender und wütender zu werden, als er sie je kennen gelernt hatte.
Der erste Morgen nach ihrer Ankunft war still gewesen, beinahe verlegen. Da war nichts mehr von der Kraft und der Zuversicht, die ihn Hermine so stark haben erscheinen lassen, als sie noch auf McGonagall Hall weilten und die ihm unwillkürlich den höchsten Respekt abgerungen hatten. Es machte ihm Hermine mit einem Mal so fremd und unzugänglich...
Nun war Severus ein Mann, der den Gefühlen anderer Menschen nicht unbedingt das Maß an Beachtung beimaß, das ihnen gegebenenfalls gebührte, aber er war ein Mensch, der hinterfragte, der jeglicher Veränderung auf den Grund zu gehen gedachte. Und er war sensibel genug zu erkennen, dass sich Hermine verändert hatte. Er zerbrach sich den Kopf über ihre Stimmungsschwankung und trotz allen Verständnisses für die Erlebnisse in diesem Haus und ihrer allgemeinen Abneigung Lucius’ gegenüber, erkannte er doch nicht den Grund, der ihm ihr Verhalten auch nur annähernd erklären konnte.
Severus hatte wirklich versucht, sie aus der Tiefe, in welche sie gefallen war, heraufzuholen. Doch es war ihm nicht gelungen, denn auch für ihn waren die Gefühle, die er bisher nie an sich herangelassen hatte, zu stark und zu ungewohnt, als dass er ihnen mit der nötigen Gelassenheit hätte begegnen können. Und so wurde er ungeduldig und ärgerlich – auf sich selbst und auf Hermine.
Doch so schnell ihn dieser Ärger überfallen hatte, so schnell verflog er wieder. Er horchte in sich hinein und erinnerte sich voll Unbehagen an die Verlorenheit, die ihn so lange in ihrem Griff gehabt hatte, die ihn beherrschte, bis es wehtat. Er wollte gerecht sein und musste auch Hermine diese Gefühle zugestehen, die ihn selbst so lange gepeinigt hatten. Doch so wie es ihm passiert war, sollte sie sich nicht in ihnen verlieren. Sie war so stark gewesen, hatte ihn in ein Leben zurückgeholt, das sich jetzt nicht mehr dunkel abzeichnete und das er endlich leben wollte....
Severus schloss für einen Moment die Augen. Das Gefühl, das ihn in dieser Sekunde überfiel war so übermächtig, dass es sein Herz schneller schlagen und Schauer über seine Haut fließen ließ.
Er wusste, was ihn so gefangen hielt, und so sehr er sich einredete, dass es nicht sein konnte, so sicher erkannte er, dass es dennoch so war.
Ein leises Stöhnen, das er nicht zu unterdrücken vermochte, entrang sich seiner Kehle. Warum war er nicht entschlossen genug, ihr zu sagen, was er empfand? Sie hatte es ihm gegenüber bisher immer getan.
Severus hob die Lider und starrte gedankenverloren auf seine Hände, mit der er sich auf die Brüstung stützte.
Keine Ahnung, ob Hermine genau so empfand wie er. Konnte es vielleicht so sein, dass alles, was gewesen war, nicht doch nur der Anteilnahme und der Besonderheit der letzten Tage und Wochen entsprungen war?
Er wusste, es hatte keinen Sinn, sich in Spekulationen darüber zu ergehen. Er schüttelte leise den Kopf und richtete sich auf.
Kein Selbstbetrug mehr, das hatte er sich geschworen. Auch wenn es ihm unendlich schwerfallen würde, er beinahe Angst hatte, dass er sich in ihr getäuscht hatte, er musste mit ihr darüber reden. Er wandte sich entschlossen ab, um hinunter in den Garten zu gehen, doch noch in der Bewegung hielt er inne und sah leicht erschrocken auf Narzissa, die, von ihm unbemerkt, neben ihn getreten war.
So beherrscht er immer war, in diesem Moment gelang es Severus nicht, seine übergroße Überraschung zu verbergen.
„Was ist?“, fragte er beinahe schroff und lehnte sich leicht verkrampft gegen die Balustrade.
Er hatte sie durchaus erwartet, diese Frage, und war dennoch unangenehm berührt, als er sie schließlich doch hörte. „Sag mir ehrlich“, begann Narzissa leise, „welcher Art ist dein Verhältnis zu ihr?“ Und dabei bedachte sie ihn mit einem Blick, der sie in Severus’ Herz lesen ließ wie in einem offenen Buch.
Er tat es nicht oft, doch jetzt wich er ihrem Blick aus und wandte ihr unhöflich den Rücken zu. Einen Moment lang war er geneigt, diese Frage zu ignorieren und Narzissa einfach stehenzulassen. Doch dann besann er sich. Es hatte keinen Sinn, ewig auszuweichen. Hatte er nicht eben erst für sich beschlossen, mit Hermine genau über diesen Punkt zu reden?
Severus zog die Brauen zusammen. Ein merkwürdiges Gefühl überfiel ihn mit einem Mal. Es erschien ihm irgendwie leichter, mit Narzissa darüber zu reden, als mit Hermine. Vielleicht lag es ja daran, dass er die Frau neben sich so viel länger kannte als Hermine; vielleicht lag es auch daran, dass Narzissa ihn so viel besser verstand als er sich selbst... Er wusste keine Antwort.
„Wenn du wüsstest, wie oft ich mir diese Frage selbst schon gestellt habe“, sagte Severus abwesend und starrte gedankenverloren vor sich hin.
„Und“, sie trat dicht neben ihn, „hast du sie dir beantwortet?“
Er wandte den Kopf und sah sie von der Seite her an.
„Was willst du denn hören?“, fragte er schließlich und verschränkte die Arme vor der Brust.
Narzissa sah ihm in die Augen und lächelte. Sie kannte diese Geste der Ablehnung sehr gut. Sie drehte ihn mit sanfter Gewalt zu sich um und legte ihre Hände auf seine Arme. Er ließ es ohne Widerstand geschehen.
„Die ehrliche Antwort, die du dir selbst auch geben würdest“, sagte sie nur und suchte seinen Blick.
Doch Severus senkte die Lider und schwieg.
Narzissa ließ ihn los.
„Sie hasst uns, vielleicht verachtet sie uns sogar“, sagte sie nachdenklich. „Im Grunde genommen kann ich es ihr gar nicht verdenken. Wir haben nicht unbedingt viel getan, das ihr Gelegenheit gibt, ihre Meinung über uns zu ändern“, setzte sie noch hinzu.
Über Severus Gesicht huschte ein Schatten.
„Es ist eben unsere Art, die Menschen zu vereinnahmen“, sagte Narzissa lächelnd, noch bevor er etwas sagen konnte und strich ihm über die steile Falte, die sich bei ihrem letzten Satz über seiner Nasenwurzel eingegraben hatte.
„Ich denke, sie ist eifersüchtig“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln und legte den Kopf schief.
Severus zog die Brauen hoch.
„Worauf sollte sie denn eifersüchtig sein?“, fragte er verständnislos.
Narzisse lachte ein helles Lachen.
„Du bist ein Klotz, Severus“, sagte sie nur und richtete ihren Blick auf Hermine, die auf einer Bank unter der riesigen Blutbuche im Garten saß. „Du bist genau wie Lucius, du siehst, aber du erkennst nicht!“
‚Du erkennst nicht!’, hatte sie gesagt. Sein Blick verlor sich im Unendlichen und Erinnerungen stiegen in Severus auf, längst verdrängt. Damals hatte er auch gesehen, er hatte sogar gehofft, ersehnt, erfleht, doch er hatte, wie Narzissa es gesagt hatte, nie erkannt.
„Woran denkst du gerade?“, fragte Narzissa leise, sie hatte seinen Gefühlsumschwung sehr deutlich gespürt, deutlicher als jemals zuvor.
„An längst vergangene Zeit“, sagte er nur und wischte den Erinnerungsfunken weg.
Narzissa sah ihn aufmerksam an. So gerne sie seine Gedanken hinterfragt hätte, so sehr bemerkte sie, dass er sie nicht preisgeben wollte. Sie drang nicht weiter in ihn.
„Es ist nicht mehr wichtig“, sagte Severus noch und sah ihr in die Augen. Ein leises Lächeln huschte über seine Züge und machte sie einen wunderbaren Augenblick lang unendlich weich.
Ja, es war nicht mehr wichtig, denn er sah nicht mehr Lily, wenn er an Zuneigung, an Wärme und Geborgenheit dachte. Eigentlich hatte Lily ihm nur eines gegeben, Selbstvertrauen und ein klein wenig Anerkennung ... und er hatte es endlich erkannt. Hermine dagegen hatte ihm neuen Mut und Kraft gegeben, und sie hatte ihm wirkliche Zuneigung geschenkt, so wie sie ihm noch nie jemand entgegengebracht hatte.
Sein Blick wanderte unwillkürlich hinunter in den Garten. Und Narzissas Augen folgten ihm aufmerksam.
„Du liebst sie“, sagte sie gerade heraus. Es war eine Feststellung, der er nichts entgegenzusetzen hatte, einfach deswegen nicht, weil sie schlicht und einfach der Wahrheit entsprach.
Severus sah Narzissa schweigend an. War es Verlegenheit, die ihn nicht sagen lassen konnte, was er eigentlich dachte und was er schon so lange tief im Herzen fühlte. Er konnte es ja nicht einmal sich selbst gegenüber eingestehen, wie sollte er es anderen sagen können, wie sollte er es laut aussprechen. Und so vertraut ihm Narzissa auch war, er war nicht fähig, eine Erwiderung zu formulieren, nicht einmal eine Rechtfertigung...
Beinahe unsicher war der kurze Blick in ihre blauen Augen. Narzissa hatte ihn schon immer durchschaut. Sie war ein so wunderbarer Gegenpart zu Lucius, denn wenn der sich noch über ihn und seine dummen Gefühle lustig machte, war es immer Narzissa gewesen, die mit nur einem Blick verstand. Und mögen die Scherze des Freundes auch ohne böse Absicht gewesen sein, schmerzte es dennoch, seine Gefühle so unverstanden zu wissen. Lucius mit seinem Standesdünkel hatte ihn nie verstanden. Es war die Zeit, in der Severus alles in sich zu verschließen begann...
Mit einem bitteren Lachen wischte er diese Gedanken aus seinem Kopf und schwieg. Nur einen Augenblick noch hatte er gehofft, dass sie fortgehen würde, dass er seine Gedanken endlich selbst würde ordnen können, doch Narzissa blieb. Und ihre nächste Frage holte alle seine Erinnerungen mit einem Schlag wieder zurück: „Was ist geschehen ... in der heulenden Hütte ... nachdem Lucius gegangen war?“
Eine Weile herrschte lähmendes Schweigen und für einen Moment dachte er, dass er nie wieder darüber sprechen wollte, doch alles von sich wegzuschieben, würde es nur noch schlimmer machen.
„Ich habe deinen Mann gebeten, mir ein wenig Zeit zu geben“, sagte er schließlich und sah ihr in die Augen, „und bitte dich hiermit, genau so großzügig wie er zu sein.“
Über Narzissas Züge huschte ein Lächeln.
„Ich werde dich nicht drängen, Severus“, flüsterte sie und ihr Blick wanderte zu Hermine hinunter. Es dauerte lange, bis sie weitersprach.
„Sie war dabei, sie hat es gesehen, nicht wahr?“ Narzissa sah ihn wieder an.
„Ja.“ Es war das einzige, was er sagte.
Narzissa nickte leise und legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Sag es ihr, Severus“, flüsterte sie und küsste ihn sanft auf die Wange. Dann wandte sie sich um und ließ ihn allein.
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Fortsetzung folgt...
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