
von artis.magica
Gedanken
Es war noch dunkel, als Hermine erwachte. Für einen winzigen Augenblick musste sie nachdenken, wo sie sich eigentlich befand. Als es ihr eine Sekunde später bewusst wurde, legte sich ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht.
Nur nicht die Augen öffnen... Sie wollte den Moment auskosten, in dem Bewusstsein, mit demjenigen zusammen zu sein, der sich so übermächtig in ihr Herz gedrängt hatte und von dem sie nicht mehr lassen wollte. Sie horchte auf seine ruhigen Atemzüge und ein flüchtiger Gedanke an eine wunderbare Erinnerung huschte durch ihren Geist. Sie wusste nicht, ob das, woran sie sich jetzt erinnerte, nur ein Traum gewesen oder wirklich ausgesprochen worden war.
Mit einem leisen wohligen Schnaufen rückte sie näher an Severus heran. So wunderbar diese Erinnerung auch war, war es ihr egal, ob sie sie vielleicht nur geträumt hatte, denn in diesem Moment hatte Hermine genau das, was sie wollte. Wieder musste sie lächeln, denn wenn ihr noch vor Wochen jemand gesagt hätte, dass sie einmal Severus Snape so zugetan sein würde, hätte sie ihn definitiv für verrückt erklärt. Doch die vergangene gemeinsame Zeit hatte sie ihm so nahe gebracht, wie sie selbst nie gedacht hätte. Sie hatte ihn in dieser kurzen Zeit so kennen gelernt, wie es ihr in den letzten sieben Jahren nie gelungen war. Nun, sie wäre auch nie auf den Gedanken gekommen, sich mit Severus Snape länger als unbedingt notwendig zu beschäftigen, hätten sich die Ereignisse nicht in solcher Weise überschlagen...
Hermine wunderte sich noch immer, doch je näher sie Severus kannte, umso mehr konnte sie ihn verstehen, wenngleich sie nicht immer guthieß, was er getan hatte. Dennoch gab es für sie kaum jemanden, dem sie mehr vertraute und von dem sie jetzt wusste, dass er immer loyal gewesen war und der dafür sein Leben gegeben hätte. Das schien alles so weit zurückzuliegen, schon Erinnerung, die beinahe verblassen wollte und es war auch nicht unbedingt das, was Hermine für Severus so einnahm. Sie hatte unzählige Male darüber nachgegrübelt, aber zu einer einigermaßen logischen Erklärung, weshalb kein anderer für sie in Frage kam, war sie letztendlich doch nicht gekommen.
Jetzt schlug Hermine die Augen auf. Ihr Blick wanderte zum Fenster. Ein blasser Streifen am Horizont kündigte das Morgengrauen an. Hellgraue Wolkenbänder schoben sich über den Himmel und weiße Nebel stiegen auf. Die Sonne würde es nicht leicht haben, sie aufzulösen...
Hermine senkte die Lider.
Wie oft hatte sie in den letzten Wochen das Erwachen des Tages ersehnt, wenn sie bis zur Erschöpfung an Severus’ Krankenlager gesessen hatte, wenn sie zum unfreiwilligen Zuhörer seiner Fieberphantasien geworden war und ihm die glühende Stirn gekühlt hatte, stets in der bangen Hoffnung, dass er die Nacht überstehen möge. So viel Sorge, so viele schlaflosen Nächte und unablässig der Gedanke daran, wie man ihn wieder in das Leben zurückholen könnte, als gewiss war, dass er leben würde. Soviel Kampf für sie alle, zu akzeptieren, dass es ein Leben sein könnte, das sich wirklich zu leben lohnte. Leise Hoffnung keimte in Hermine auf und auch wenn sie Minervas Besuch morgen mit gemischten Gefühlen entgegensah, sehnte sie sich nach guten Nachrichten für Severus. Und was ihr Hierbleiben anging, hatte sich Hermine längst entschieden.
Hierbleiben...
Hermine zog die Stirn in Falten. Obwohl sie um die Aversionen dieser Familie nicht reinblütigen Zauberern gegenüber wusste, musste vor sich selber zugeben, dass es ihr Lucius und Narzissa Malfoy eigentlich recht leicht gemacht hatten, sich auf Malfoy Manor willkommen zu fühlen. Hermine hoffte ganz leise, dass dieses Verhalten nicht der Verpflichtung des Ministerium gegenüber entsprang, sondern der ehrlichen Freude darüber, dass Severus nicht in der ‚Heulenden Hütte’ gestorben war. Es war Hermine mittlerweile egal, dass das Wohlwollen der Malfoys ihr gegenüber nur diesem Umstand zuzurechnen war. Und obwohl auch Severus nicht reinblütig war, akzeptierten sie ihn, nein, liebten sie ihn, als gehörte er zur Familie.
Hermine wusste, dass das, was Severus mit den Malfoys verband, sie niemals mit ihnen würde verbinden können. Was sie aber wusste war, dass sie sich respektieren würden – es war weiter nichts und doch so viel.
Hermine seufzte leise auf. Sie erinnerte sich an Narzissa Malfoys Worte, als diese meinte, dass alles, was Hermine mit Severus teilte, ihnen ganz allein gehören würde. Es hatte sehr ehrlich geklungen und der Blick und die Gesten, die diese Worte begleitet hatten, sprachen so deutlich für sie. Und ganz unbemerkt glomm ein Funke Sympathie in Hermines Herz.
Sie fühlte sich so wohl wie seit Tagen nicht mehr und auch die Tatsache, dass sie sich in Malfoys Haus befand, jagte ihr keine Angst mehr ein. Sie hatte es akzeptiert und würde sich arrangieren.
Und jetzt schmiegte sie sich an Severus, genoss seine Nähe und die Wärme seiner Haut. Es erschien ihr beinahe nicht wirklich...
„Schwere Gedanken?“, hörte Hermine seine dunkle Stimme an ihrem Ohr. Sein Arm legte sich um ihre Schultern und zog sie noch näher an sich heran.
„Du erdrückst mich“, flüsterte Hermine atemlos.
„Was für eine schamlose Lüge“, sagte Severus lächelnd und ließ sie los.
„Ja“, sagte Hermine ungeniert. Sie drehte sich zu ihm um, legte die Hände auf seine Brust und stützte das Kinn darauf. Ihre Augen suchten seinen Blick.
„Ich hoffe, du verzeihst mir“, und ein verschmitztes Lachen zeichnete Fältchen in ihre Augenwinkel.
Severus zog eine Braue in die Höhe.
In diesem Moment erhob sich die Sonne über die Hügel und ihre Strahlen fluteten in den Raum. Sie beleuchteten Hermines Gesicht mit sanftem rotgoldenem Schein.
Wie wunderschön sie war. Ein zerzauster Haarschopf, von dem ihr wilde Locken in die Stirn und über die Augen fielen. Ein Ruck in seinem Herzen. Er würde ihr alles verzeihen...
„Nein“, sagte er stattdessen, „wo denkst du hin. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.“
Hermine lachte leise auf.
„Ja, den des unnachgiebigen, parteiischen und missgelaunten...“, Hermine stockte erschrocken.
„...Todessers?“, ergänzte Severus und sah ihr in die Augen.
„Ich meinte Lehrer“, sagte sie leise und senkte den Blick. „Es tut mir leid“, setzte sie hinzu.
Für einen Moment drängte sich Severus die Erinnerung an die Zeit in Hogwarts auf, in welcher er gedacht hatte, für eine Weile in ein neues Leben entfliehen zu können. Er schüttelte sie ab. Das war vorbei, so lange schon, obwohl es kaum ein paar Monate her war, dass er diese wunderbare Zuflucht verlassen hatte.
„Nein“, sagte er ruhig, „es muss dir nicht Leid tun. Es ist vorbei.“
Hermine hob die Lider und sah ihm in die Augen.
„Ich habe Angst“, flüsterte sie.
Severus schüttelte den Kopf.
„Wovor?“ Es war eine Frage, auf die er längst die Antwort kannte.
„Davor, dass Minervas Bemühungen vollkommen umsonst gewesen sein könnten und du kein Gehör bei den Richtern findest“, sie hielt kurz inne, bevor sie zögerlich weitersprach, „dass du dir wünschen könntest, doch von der Klippe gesprungen zu sein und ich...“, sie brach ab.
Sein Blick schien sie zu hypnotisieren. ‚Einen einzigen Satz noch, Hermine!’ Sie dachten es gleichzeitig. Doch Hermine schwieg - nur ein verlegenes Lächeln. Doch ihr Schweigen war so beredt, dass Severus es nur zu deutlich verstand. Und da war wieder dieses weiche innige Gefühl, das ihn mit einem Mal ganz einnahm und dem er hoffnungslos erlegen war. Doch jetzt wies er es entschieden von sich.
„Also doch schwere Gedanken“, stellte er fest. Er schob Hermine von sich und setzte sich auf.
„Vielleicht treffen deine Befürchtungen zu, Hermine, aber es gibt nichts, was ich jetzt noch anders machen würde“, begann er leise. Eine Erinnerung floss in seinen Geist - nur einen Lidschlag lang, dann sprach er weiter: „Ich hatte immer eine Wahl.“ Er sah ernst auf sie hinab. „Dass sie nicht immer richtig war, steht außer Frage. Ich habe Fehler gemacht, deren Auswirkungen mich zweifelsohne mein Leben lang begleiten werden. Doch jetzt... jetzt habe ich mich sehr bewusst für das Leben entschieden, und ich werde dafür kämpfen, ganz egal, ob Minervas Anstrengungen, mir zu helfen, von Erfolg gekrönt sein werden oder nicht. Und ich werde die Konsequenzen dieser nicht unbedingt unaufgeforderten Entscheidung akzeptieren.“ Ein ermutigendes Lächeln huschte über sein Gesicht und nahm Hermine ein klein wenig ihrer Besorgnis.
„Wollen wir erst einmal abwarten, was Minerva uns mitteilen wird“, sagte er leise. Seine Hand strich sanft über ihre Wange. Dann schwang er die Beine aus dem Bett, doch dann hielt er in der Bewegung inne. Er zog die Brauen zusammen und wandte sich wieder nach Hermine um. Er reichte ihr die Hand und während sie danach griff, fragte er: „War ich wirklich parteiisch?“
Hermine sah ihn mit großen Augen an. Ein Hauch rosa überzog ihre Wangen.
Als er ihre Verlegenheit bemerkte, schenkte er ihr ein jungenhaftes Lachen und setzte hinzu: „Ich hielt mich immer für einen äußerst gerechten Lehrer...“ Dann umfasste er ihr Handgelenk.
Hermine ließ sich mit sich ziehen. Sie durchschaute ihn so leicht. Sie wusste genau, dass er sie beruhigen wollte. Doch trotzdem sein Lachen echt wirkte, war es keine wirkliche Heiterkeit. Sie war eher aus der Unsicherheit heraus geboren und der Angst, die er immer noch gekonnt zu verbergen wusste, als aus echter Gelassenheit. Aber sie spielte mit, einfach um ihre flatternden Gedanken zu beruhigen.
.~
Lucius stand am Fenster seines Arbeitszimmers und sah versonnen in den Garten hinaus. Es war ein sonniger Herbstnachmittag. Der Wind ließ die Blätter tanzen, die er sich von den Ästen der Bäume gerissen hatte und verteilte sie auf den Wegen, wo sie einen bunten Teppich bildeten, dessen Farben die Natur mit jedem Hauch neu malte.
Wann hatte er je die Schönheit der Welt so bewusst wahrgenommen wie jetzt? War es früher etwas, das ihn nicht interessierte, das er als wunderbar gegeben hinnahm und das er genoss, solange es ihm Ruhe für die Arbeit versprach, so erwischte er sich jetzt dabei, dass er in dieser Ruhe die Arbeit von sich schob und der Stille seinen Gedanken lauschte. Es war so seltsam...
Lucius schüttelte die Gedanken ab. Was sollte das? Wenn erst alles geregelt war, würde er zur Normalität zurückkehren.
Sein Blick streifte die beiden Spaziergänger im Garten und Lucius zog die Brauen zusammen.
Eigentlich hätte er die Gelegenheit nutzen und es Severus und Hermine gleichtun sollen, welche, die letzen warmen Sonnenstrahlen genießend, nebeneinander die Wege entlang schlenderten und sich angeregt dabei unterhielten. Er senkte den Kopf und fuhr sich über die Augen. Ein tiefer Atemzug und ein leises Kopfschütteln. Wann war er eigentlich das letzte Mal mit Narzissa in der Sonne spazieren gegangen? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern…
Er ließ die Hände sinken und stützte sich auf dem Fenstersims ab. Es war seltsam, mit anzusehen, wie gelöst Severus mit einem Mal war. Er hatte ihn selten so frei und offen erlebt. Und auch wenn es Lucius nicht gefiel, musste er eines anerkennen: Hermine Granger tat Severus gut. Vielleicht aber war es auch die Gewissheit, dass Voldemort tot war und sie endlich frei sein konnten, sie endlich wieder leben konnten.
Und wieder schüttelte Lucius den Kopf. Nein, das allein war es nicht, nicht bei Severus. Da war so viel, das er an dem Freund erst jetzt wieder fand und von dem er immer angenommen hatte, dass Severus es für immer abgelegt hatte.
Noch bevor er näher darüber nachdenken konnte, legte sich eine schmale Hand auf seine Schulter. Er wandte den Kopf leicht zur Seite und sah Narzissa, die ganz nahe bei ihm stand. Er hatte nicht bemerkt, dass sie eingetreten war. Und an und für sich mochte es Lucius auch nicht, wenn jemand ungefragt sein Arbeitszimmer betrat, aber in diesem Fall war er mehr als milde gestimmt. Die Situation, in welcher sie sich befanden, ließ Lucius vertrauen. Er schloss Narzissa nicht mehr aus seinen Gedanken und Überlegungen aus, so wie er es viele Jahre vorher getan hatte. Mehr und mehr fanden sie sich wieder, rückten sie wieder zusammen und teilten ihre Gedanken und Gefühle intensiver als sie es je vorher getan hatten.
„Es ist anders als bisher, nicht wahr“, sagte sie leise.
„Ja“, bestätigte er, hob den Kopf und sah wieder hinaus in den Garten und Narzissas Augen folgten seinem Blick als er noch hinzusetzte: „Es ist anders.“
Ein Moment fragenden Schweigens, der förmlich nach Auflösung schrie. Und Narzissa war es, welche die richtige Frage stellte: „Solltest du etwa eifersüchtig sein, Lucius Malfoy?“ In ihrer Stimme schwang ein amüsiertes Lachen mit. Und erst als Lucius sich ganz zu ihr umgedreht hatte, verschwand die Heiterkeit aus ihrem Gesicht und machte einer gespannten Aufmerksam Platz.
„Wie gut du mich doch kennst“, sagte er lächelnd und nahm Narzissa die Sorge, dass er vielleicht doch noch ungehalten über ihr unaufgefordertes Eintreten sein könnte. Sie gab sein Lächeln zurück und sagte: „Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Severus’ Aufmerksamkeit nicht mehr uns alleine gehört.“
Einen Moment sah Lucius sie nachdenklich an. Dann schüttelte er den Kopf.
„Das ist es nicht allein“, erwiderte er und ging durch den Raum. Er blieb vor seinem Schreibtisch stehen und begann, die ohnehin schon akkurat aufgestapelten Papiere an der Tischkante auszurichten.
Wieder und wieder hatte sich ihm in letzter Zeit dieser Gedanke aufgedrängt und wieder und wieder hatte er ihn aus seinem Kopf verbannt. Doch jetzt hielt es ihn einfach nicht mehr…
„Was ist es?“, fragte Narzissa leise.
Lucius sah sie an, seine verständige, tapfere Frau. Er schüttelte den Kopf und legte die Linke über die Augen. Er dachte einen Moment nach. Ja, er musste es loswerden.
„Er hätte ihn einfach so getötet, Narzissa“, sagte er atemlos. „Nie … ich hätte es nie gedacht, dass er Severus … ermordet, seinen Vertrauten… Nur eine halbe Stunde eher und ich…“, er brach ab und sah sie wieder an. „Ich war feige, Narzissa.“ Er lachte bitter auf und wischte mit einer Handbewegung den Gedanken, der ihn wieder einmal eingeholt hatte, fort. „Warum haben nicht wir nach Severus gesucht, warum musste es ausgerechnet dieses Schlammblut sein, die sich an ihn erinnert hat … warum nur waren es nicht wir?“
Schweigen, das sich im Raum ausbreitete und sie mit sich zog – in die Erinnerungen, in die Nacht, die die Welt verändert hatte.
„Weil auch wir uns entschieden haben, Lucius.“
Lucius legte den Kopf schief und sah Narzissa irritiert an. „Wir?“
„Du hast dich in dieser Nacht für deinen Sohn entschieden“, sie kam zu ihm und nahm seine Hände in die ihren. „Warum zweifelst du jetzt. Du hast die richtige Wahl getroffen.“
Lucius entzog ihr die Hände und schüttelte den Kopf.
„Habe ich das?“
Narzissa nickte.
„Ja, das hast du“, antwortete sie. „Du würdest nie daran zweifeln, wenn Severus … tot wäre…“, setzte sie noch zögernd hinzu, „und dass er es letztendlich nicht ist, ist ein wunderbarer Umstand, ganz egal, wer ihn gerettet hat.“ Ihr Blick wanderte zum Fenster.
„Vielleicht wäre ich auch nie auf den Gedanken gekommen, wenn Severus wirklich nicht mehr am Leben wäre“, sagte Lucius leise. „Umso mehr sollte ich mich dafür verurteilen.“
Narzissa sah ihm in die Augen.
„Nein“, sagte sie entschieden, „denn dass du es tust, zeigt deine tiefe Verbundenheit mit Severus, und dass es dir egal ist, dass er uns getäuscht hat, dass er eigentlich immer auf der Seite stand, zu der du erst jetzt gefunden hast. Und…“, sie hielt kurz inne, „umso mehr sollten wir Hermine Granger dafür danken, dass sie ihn zurückgebracht hat, auch wenn er jetzt nicht mehr uns gehört.“
Lucius sah Narzissa eine lange Zeit nur stumm an. Seine Gedanken überschlugen sich. Eigentlich brauchte er jetzt nur Ruhe, um sie zu ordnen… Doch dann reichte er ihr die Hand und zog sie zu sich.
„Gehen wir und tun es den beiden gleich“, sagte er. „Lassen wir uns den Wind um die Nase wehen.“
.~
Der Abend kam schnell und nach einem ausgiebigen Spaziergang im stürmischen Herbstwind fand man sich fröstelnd im Salon ein und belagerte die Plätze am Kamin. Mit funkelndem Rotwein in den Gläsern, saßen Lucius und Narzissa, Severus und Hermine beisammen und unterhielten sich angeregt.
Für den Augenblick schien nichts darauf hinzuweisen, dass hier vier Menschen saßen, die noch einen Weg zu gehen hatte, der über Freiheit oder Gefangenschaft entschied. Doch je weiter der Abend voranschritt, umso mehr kamen die Gedanken wieder, die sie den Tag über zurückgedrängt hatten.
Keiner wusste so recht, wie die Sprache darauf kam - wohl, weil der Besuch Minervas für den nächsten Tag seine Schatten vorauswarf und die Fragen hochtrieb, die immer noch nicht beantwortet waren und die zweifelsohne gestellt werden würden…
Und dann kamen die Erinnerungen übermächtig zurück. Sie dachten an die Nacht, die alles für sie entschieden hatte. Es war unausweichlich und die Spannung unerträglich, die sich zwischen ihnen allen aufgebaut hatte. Lucius drängte nicht, dennoch lag in jedem seiner Worte, in jedem Blick, den er ihnen zuwarf, die Wissbegierde zu erfahren, was in den letzten Stunden vor Voldemorts Fall denn wirklich geschehen war.
Es war schließlich Hermine, die sein stummes Drängen beantwortete und es war Severus, der das Wort von ihr übernahm und weitersprach. Ein Bericht, der ihnen noch einmal alles vor Augen führte und der den Schmerz wieder aufleben ließ, den sie alle tief in ihrem Inneren zu verbergen suchten.
Atemlose Stille, als er geendet hatte, kein Wort, das die Spannung löste, die sich in ihnen so unerträglich aufgebaut hatte und nur ganz allmählich abklang. Sie saßen nur still da und lauschten dem Knacken der Holzscheite, die das Feuer im Kamin gierig auffraß.
Es war schon spät und der Abend war anstrengend gewesen, hatte so viele unverarbeitete Emotionen hochgespült, die sie auch nach Stunden noch immer fest in ihrem Griff hielten. Sie waren müde und konnten die Augen kaum mehr offen halten, bis Lucius sich schließlich erhob.
„Ich denke, wir sollten jetzt alle ein wenig ausruhen und unsere Gedanken ordnen“, sagte er und reichte Narzissa die Rechte, die sie mit einem leisen Lächeln annahm und sich ebenfalls erhob.
„Ich wünsche euch eine gute Nacht“, sagte Lucius. Er legte den Arm um seine Frau und geleitete sie hinaus. Doch in der Tür blieb er noch einmal stehen. Er wandte sich nicht um, als er sagte: „Ich möchte, dass Sie mir glauben, wenn ich Ihnen jetzt sage, dass ich Ihnen dafür danke, dass Sie Severus das Leben gerettet haben, Miss Granger.“ Und ohne irgendeine Antwort abzuwarten, trat er aus dem Raum und zog die Tür leise hinter sich ins Schloss.
Hermine sah ihm eine Sekunde lang erstaunt nach. Sie brachte in diesem Augenblick kein Wort über die Lippen. Das hätte sie nie erwartet…
„Er meinte es ehrlich“, sagte Severus schließlich. Er hatte sie nicht einen Moment aus den Augen gelassen.
Hermine wandte den Kopf und sah ihm in die Augen.
„Ich weiß“, sagte sie tonlos, „und ich weiß auch, was es ihn für Überwindung gekostet haben muss.“ Sie sah Severus nach, der bei diesen Worten aufgestanden und zum Kamin gegangen war. Er stand mit dem Rücken zu Hermine gewandt und starrte in die rotglühende Asche.
„Wirst du es so noch einmal erzählen können?“ Eine Frage, unsicher und so leise gestellt, dass sie fast nicht zu verstehen war. Dennoch schien sie sie Severus förmlich anzuschreien. Er tat einen tiefen Atemzug.
„Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben“, antwortete er, wandte sich um und sah Hermine entgegen.
„Es ist aber anders, als es vor Freunden zu tun“, sagte sie atemlos.
Ob dieser Sorge musste Severus dann doch lächeln. Sie rührte ihn und er hätte sie so gern zerstreut, doch noch ihm fehlten einfach die Worte.
„Ich denke, wir sollten Lucius’ Rat folgen und schlafen gehen“, sagte er stattdessen und tat es Lucius gleich. Er kam zu Hermine und reichte ihr die Rechte…
Selbst als sie Minuten später still nebeneinander im Bett lagen, hielten die Gedanken sie noch immer fest.
„Wird es gut gehen?“, fragte Hermine schließlich in die Dunkelheit hinein.
Statt einer Antwort ein sanfter Kuss. Er hielt sie fester und zog sie noch näher an sich heran. Hermine schmiegte sich an ihn und schloss müde die Augen. Sie wollte endlich mehr erfahren, sie wollte Klarheit… sie konnte Minervas Besuch nicht mehr erwarten.
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Fortsetzung folgt…
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