
von artis.magica
Auch wenn ich es im Moment nicht schaffe, mich bei jedem von Euch zu bedanken, freu ich mich über alle wunderbaren Worte, die Ihr mir geschenkt habt.
Ich hoffe, Ihr haltet unseren beiden auch für die restlichen Kapitel noch die Treue und freut Euch mit ihnen, leidet, liebt vielleicht.
Aber jetzt viel Spaß beim Weiterlesen.
Eure artis
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Angst
Der Regen klatschte unablässig an die Scheiben und floss in Strömen die hohen Fenster hinab. Ab und an wehte der böige Wind das Nass so heftig vor sich her, dass es beinahe wie ein Trommeln klang, wenn die Tropfen auf das Fensterbrett niederprassselten.
Die Welt versank im Regengrau und ließ nicht zu, irgendwelche Konturen ihrer selbst zu erkennen. Fast schien es so, als zöge sich die Natur zurück, um nichts weiter dazulassen als dunkle kühle Leere. Und in diese Dunkelheit und Kälte schickten eine Kerze und der leise Schein des Feuers im Kamin Licht und wohlige Wärme in den Raum.
Ein Krankenzimmer wie es schien. Eine junge Frau lag ganz still auf ihrem Lager - wohl versorgt. Ein Mann hockte am Boden, an dieses Lager gelehnt, den Kopf auf die Arme gebettet, die er auf die Polster gelegt hatte. Die Erschöpfung war ihm deutlich anzusehen, blass und eingefallen erschienen seine Züge. Das Haar hing ihm wirr in die Stirn. Sein Schlaf war unruhig, seine Lider flatterten und sein Atem ging stoßweise. Es war nicht verwunderlich, denn viel zu frisch waren die Angst und die Sorge, die er mit hierher gebracht hatte, in ein Haus, das ihm Lucius so großzügig angeboten hatte und das er eigentlich niemals annehmen wollte. Doch jetzt erschien es ihm perfekt, weit weg von dem Trubel, sicher und unaufspürbar, nur ihm und dem Freund bekannt.
Ein tiefer Atemzug, mit dem sich seine Miene selbst noch im Schlaf aufzuhellen schien.
Er träumte und in diesem Traum kamen Erinnerungen wieder, die ihn festhielten und ihn bruchstückhaft noch einmal durchleben ließen, was er zuerst nur abgelehnt hatte. Es war etwas, das ihm so wunderbar erschien und was ihm die letzten Wochen und Monate so vertraut wurde, ohne dass er es selbst bewusst hätte beeinflussen können. Mit dem Vertrauen keimte neue Hoffnung auf, kehrte der Wunsch nach einem Leben wieder, über das niemand sonst als er selbst bestimmen sollte. Und ganz mächtig drängte sich neben diesem Wunsch auch das Verlangen danach hervor, dieses Leben nicht allein zu verbringen.
Mit einem leisen Seufzen öffnete Severus die Augen. Er hob den Kopf und lauschte. Es dauerte einen Moment bis er realisierte, wo er sich befand. Dann strich er sich fahrig das Haar aus dem Gesicht, richtete sich auf und erhob sich aus seiner reichlich unbequemen Lage. Für einen Augenblick noch stand er reglos, schließlich rührte er sich und setzte sich zu Hermine auf das Bett.
Er sah sie nur an, sein kritischer Blick wanderte über ihre Silhouette, die sich unter dem schneeweißen Laken abhob und ruhte schließlich auf ihrem fein geschnittenen Gesicht, das vom Fieber leicht gerötet war.
Mit einem tiefen Atemzug griff Severus zum Leinentuch, das in einer kleinen Schüssel auf dem Nachttisch neben dem Bett stand. Er wrang es aus, faltete es sorgsam zusammen und kühlte Hermine die glühenden Wangen und die Stirn, auf der kleine Schweißperlen standen.
Vorsichtig war der Strich seiner Hände, so als hätte er Angst, ihr neben der Pein, die sie auszustehen hatte, noch mehr Schmerz zuzufügen.
Er hatte alles getan, um sie wieder ins Leben zurückzuholen. Er hatte ihre Wunden geheilt. Es würde nicht einmal eine Narbe zurückbleiben. Dennoch war sie noch immer nicht zu Bewusstsein gekommen. Es war nicht ungewöhnlich in angesichts der Tatsache, was ihr geschehen war. Und es beunruhigte ihn massiv, denn wie oft hatte er miterlebt, dass Menschen, die ein solcher Fluch traf, nicht wieder ins Leben zurückgefunden hatten.
Er hoffte und fühlte sich ohnmächtig, hilflos geradezu. Er schloss die Augen und ballte die Hand, die eben noch unendlich zärtlich über Hermines Wange strich, zur Faust. Er richtete sich auf und wandte sich ab.
Warten… jetzt konnte er nur noch warten.
Er sah zur Uhr. Wie oft in den letzten Tagen schon…
Unerträglich langsam schlich die Zeit dahin und mit den Sekunden, die zu Minuten wurden, zu Stunden, schwand ein klein wenig mehr von der Hoffnung, die sich in den letzten Wochen und Monaten in seinem Herz ausgebreitet und der er zaghaft nachgegeben hatte.
Unruhig ging er im Zimmer auf und ab. Immer wieder durchmaß er den Raum, blieb nur ab und an am Fenster stehen, um versonnen in den grauen Nebel zu starren, so als suchte er dort die Antwort auf seine Fragen, die sich unablässig in sein Hirn hämmerten. Und da war wieder dieses Gefühl, dass er so schon lange nicht mehr empfunden hatte, nein, das er unterdrückt hatte, viele Jahre lang, und das nicht Hermine gegolten hatte.
Er schnaufte laut auf und schüttelte den Kopf. Jetzt war es anders und dennoch so gleich.
Severus gestand sich zum ersten Mal ein, dass er Angst hatte, eine Angst, so pur und so stark, dass sie ihn ganz vereinnahmte.
Aber es war keine Angst, wie man sie gemeinhin vor Schmerzen gleich welcher Art hatte und es war nicht wie die leise Angst vor dem Tod. Die kannte er ganz genau.
Was er jetzt fühlte, was ihn ansprang wie ein wildes Tier und sich in seine Eingeweide fraß, war Angst vor dem, was werden würde, wenn sie nicht mehr zurückkam, wenn sie ihn alleine ließ…
Und was würde, wenn sie zurückfand?
Er wusste es nicht, nicht mehr, obwohl er sich so sicher schien.
Hatte er es sich noch vor wenigen Tagen gewünscht, sie nie wieder loszulassen, beschlichen ihn jetzt massive Zweifel, ob es richtig wäre, sie beständiger Gefahr auszusetzen, die unweigerlich und dauerhaft bestehen würde, nur weil sie sich dazu entschieden hatte, ihr Leben mit ihm zu teilen.
Severus setzte seinen unendlichen Weg durch das Zimmer fort.
Warten, nur warten, nichts sonst.
Stunde um Stunde verging und alles was er tun konnte war, ihr die glühende Stirn zu kühlen. Er blieb vor ihrem Lager stehen. Sein Blick ruhte versonnen auf ihrem Gesicht, ihrem Haar, das weich über die Kissen floss.
Für den Augenblick fühlte sich Severus hilflos und allein. Es war ein Gefühl, dass er hasste, weil es ihm so vertraut war, weil es ihn über viele Jahre wie ein treuer Freund begleitet hatte.
Er wischte diesen Gedanken fort und rieb sich die Stirn. Er musste sich eingestehen, dass er erschöpft war, doch für den Augenblick rang er das Schlafbedürfnis nieder.
Er riss sich von Hermines Anblick los und ging zum Kamin, in dem das Feuer fast niedergebrannt war. Mit einem Wink fachte er es wieder an und ließ sich leise stöhnend in einen der Sessel davor fallen. Er sah den Flammen nach, wie sie emporzüngelten, sah, wie Funken auseinander stoben und in der Luft zu Staub zerfielen.
Severus streckte dem Feuer Hände und Füße entgegen und genoss die wohlige Wärme. Und mit dieser Wärme, die ihn durchströmte, kam auch die Müdigkeit wieder, die er zuvor so vehement weggedrängt hatte. In einem Moment der Unachtsamkeit, schloss ihm der Schlaf schließlich sanft die Augen und sein Kopf sank zur Seite.
Er schlief… Endlich schlief er, nachdem er beinahe eine Woche an Hermines Lager gewacht hatte, nur unterbrochen durch die kurzen Phasen der Erholung, die er sich unwillig gegönnt hatte und die ihn im Grunde genommen nicht wirklich erfrischt hatten.
Dennoch war der Schlaf, der ihn eingeholt hatte, nicht gnadenvoll…
Er sah sich selbst wieder im Gerichtssaal und fühlte noch einmal die unermessliche Anspannung, von der es ihm nur mühevoll gelang, sie nach außen hin zu verstecken.
Doch Hermines Anblick schenkte ihm Zuversicht und er redete sich ein, dass, egal, wie das Urteil ausfallen würde, es ihm nichts ausmachen würde, weil er wusste, dass sie immer bei ihm sein würde.
Er hatte sie unentwegt angesehen, unter gesenkten Lidern. Ihr Anblick gab ihm die Kraft, alles was er getan und was er nicht getan hatte, aller Schmerz, der wieder aufgerührt wurde und ihn hilflos werden ließ, von sich abperlen zu lassen. Es berührte ihn in diesem Moment nicht mehr. Er hätte es jetzt selbst nicht mehr beeinflussen können, alles war gesagt, alles war getan, sein Leben lag nun in anderen Händen.
Und dann die sehnlichst erwartete Entscheidung… Sie riss ihn aus seiner Lethargie und schubste ihn ins Leben zurück, sagte ihm, dass er damit machen konnte, was er wollte. Und in diesem Augenblick wusste er genau, was er wollte. Es hatte unendlich lange gedauert, aber jetzt sollte es nichts anderes für ihn geben…
Doch er wurde unerwartet in eine Welt zurückgeholt, die nichts verzieh. Der Überfall vor dem Ministerium traf ihn unvermittelt und umso schwerer wog der Schmerz, den er mit sich brachte, auch wenn er selbst unversehrt geblieben war. Gerade dieser Schmerz war ihm vertraut, so sehr, dass er alte Erinnerungen zurückholte, die ihn in dieser Sekunde ganz vereinnahmten und überlegte Handlungen einfach nicht mehr zuließen.
Hermine fest an sich gepresst, war ihm nur noch der Gedanke an Flucht gekommen. Es war ein so mächtiger Wunsch, dass es ihm mühelos gelang, die Distanz zwischen London und dem großzügigen Refugium hier an der Küste zu überwinden.
So leicht erschien ihm die Last, die er trug und die er erst wieder freigab, als er sich im schützenden Haus befand. Ein Zauber würde sie vor unwillkommenen Besuchern bewahren…
Das Feuer war niedergebrannt und die Kühle der Nacht, die nun über den Boden hereinkroch, weckte ihn. Langsam hob er den Kopf und horchte in die Dunkelheit. Es hatte aufgehört zu regnen. Nur noch der Wind blies heftig und rüttelte an den Fenstern.
Er erhob sich fröstelnd, durchmaß den Raum mit wenigen Schritten und blieb am Bett der jungen Frau stehen.
Er setzte sich zu ihr und betrachtete sie im fahlen Schein des Mondes, der sich durch die schweren Wolken geschoben hatte, die der Wind endlich auseinander getrieben hatte.
Hermine! Dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los und es war nur ein Flüstern: ?Ich liebe dich.' Ein ums andere Mal wiederholt. Ja, er liebte sie, aus ganzem Herzen. Für sie würde er alles tun, für sie hatte er weiterleben wollen, wollte er ganz neue Wege gehen. Es gab niemanden, der ihn so zuversichtlich stimmte, den er genau zu kennen meinte und der ihn doch immer wieder überraschte, der auf den Grund seines Herzens zu sehen im Stande war.
Er wollte sie festhalten, für immer, und wusste doch, er konnte es nicht.
Severus beugte sich zu ihr hinab und lauschte ihrem Atem. Dann fasste er nach Hermines Hand. Ganz kalt. Sachte legte er die Rechte auf ihre Stirn und ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Züge.
Kein Fieber mehr. Ein gutes Zeichen.
Er richtete sich wieder auf und strich sich über das Gesicht, fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar und ließ die Hände für einen Moment im Nacken liegen. Es war, als könnte er fühlen, wie schwer die Last war, die von seiner Seele fiel. Hermine würde leben, sie würde gesund.
Ein Flüstern, das er gerade noch so durch den heulenden Wind wahrnahm.
Er ließ die Hände sinken und sah zu Hermine hinunter.
„Geht nicht“, sagte sie rau, als hätte sie die Gedanken erraten, die ihn seit Tagen so massiv beschäftigten.
Sie hob die Hand und legte sie an seine Wange. „Lass mich nicht allein.“
Severus sah ihr stumm in die Augen
Die Kraft die Hermine ihm gegeben hatte und die er zu verlieren drohte in dem Augenblick, als der Fluch sie traf, kehrte wieder. Er war nicht fähig, auch nur ein Wort zu sagen. Stattdessen zog er still ihre Hand an die Lippen und presste einen Kuss auf ihre Handfläche.
Hermine schenkte ihm ein Lächeln, das ihm den Verstand zu rauben drohte. Er schloss die Augen, doch er wusste, dass er sich die Antwort nicht würde ersparen können, sich nicht und Hermine auch nicht.
Severus spürte den Druck ihrer Finger in seiner Hand. Er hob die Lider und begegnete ihrem wachen Blick. Ein warmes Gefühl breitete sich in seinem Inneren aus. Nein, er würde sie nie verlassen - nicht so.
Er streifte die Schuhe von den Füßen und stieg zu ihr auf das Bett. Er zog Hermine zu sich in die Arme und lehnte sich in die Kissen.
Sein Schweigen war beredt genug, dass Hermine leise Angst beschlich. Doch für den Moment war ihr Geist einfach zu müde, hatte sie nicht genug Kraft, um sich ihr zu stellen. Für den Augenblick genügte ihr die Anwesenheit des geliebten Mannes, genügte, seine Wärme zu spüren, die wohlig auf sie ausstrahlte, genügte, seinen Duft zu atmen, seinen Herzschlag zu hören. Egal, wie die Welt jetzt aussah, egal … alles was sie wollte, war hier in diesen Raum.
Hermine seufzte leise auf und schloss die Augen. Sie war unendlich müde. Sie schmiegte sich in seine Umarmung und schlief ein.
So viel Vertrauen, so viel… Severus atmete tief ein und fasste Hermine fester. Nie wieder loslassen… Nur noch ein Gedanke…
Die Anspannung der vergangenen Tage, fiel endlich von ihm ab. Und mit dieser ersehnten Entspannung kam die Erschöpfung und forderte ihren Tribut ein. Sie schloss Severus sachte die Augen und schenkte ihm einen traumlosen und tiefen
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Fortsetzung folgt…
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